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Die Flasche und mit ihr auf Reisen

Joachim Ringelnatz: Die Flasche und mit ihr auf Reisen - Kapitel 16
Quellenangabe
typedrama
booktitleDie Flasche und mit ihr auf Reisen
authorJoachim Ringelnatz
firstpub1932
year1932
publisherRowohlt Verlag
addressBerlin
titleDie Flasche und mit ihr auf Reisen
created20060524
sendergerd.bouillon
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München

Als mich amicus Fritzl umarmt hatte und mich auf mein Zimmer brachte mit der Frage: »Was hast du für Wünsche?« antwortete ich: »Nur erst schlafen!« Ich war so müde, daß ich sogar einen vorgefundenen Brief von M. noch nicht öffnete.

Ich schlief zwei Stunden und nahm dann ein Bad, aber dann war ich noch immer müde, weil mir wilde Fieberträume den Schlaf gestört hatten. Auch konnte ich vor Heiserkeit kaum sprechen. Fritzl pflegte mich mit heißer Milch und Honig und allem erdenklichen anderen.

Mehr als anderthalb Jahrzehnt hatte ich einst in München verbracht. Nun empfingen mich die Kassiererinnen in der Osteria-Bavaria so herzlich wie Geschwister. – Aber kein Essen wollte mir schmecken. Ich las M.s Brief. Zwischen den rührend tapferen Zeilen stand soviel von Alleinsein, Entsagen und Sehnsucht. Wie gern hätte mich M. in München besucht. Ich wurde sehr traurig durch den Brief.

Billinger ging durch das Lokal. Ich hörte, daß er mit seinem Stück »Rauhnacht« ebenfalls auf Kollektiv-Tournee gehen wollte. Der mir das mitteilte, hatte keine gute Meinung von solchen Tourneen und von den gegenwärtigen Theaterzuständen im allgemeinen. Er konnte sein abfälliges Urteil mit Namen und Zahlen belegen. Aber das war mir nichts Neues. Ich wußte, daß angesehene Schauspieler für eine tägliche Gage von zwei Mark spielten, nur weil sie spielen wollten, um nicht in Vergessenheit zu geraten. Ich mochte gar nichts mehr hören über das Thema »Korruption und Elend in der Theaterwelt«.

In der Garderobe der Münchner Kammerspiele erwarteten mich viel Briefe, Blumensträuße und Geschenke. Es lag dort auch ein sehr plumpes Autographenalbum auf dem Tisch. Der Garderobier sagte: es gehöre der Tochter des Oberbürgermeisters Scharnagl, und ich sollte mein Photo mit Widmung für das Buch geben. Ich schob das Album, dem kein Begleitschreiben beilag, als »nicht in Frage kommend« beiseite und öffnete die Briefe. Von Menschen, die mich kannten oder anderen, die mich kennenlernen wollten. Menschen, die um ein Darlehn oder um Freibilletts fürs Theater oder um ein Autogramm baten. Es war mir unmöglich, das alles zu erledigen. Im übrigen lag den meisten Briefen nicht einmal Rückporto bei, und einige Handschriften konnte ich überhaupt nicht entziffern.

In den Kammerspielen war eine vorzügliche Akustik. Meine Heiserkeit behinderte mich nicht. Meine Kollegen hatten seit Zürich noch gar nicht geschlafen. Aber wir gaben uns alle große Mühe und hatten das Gefühl, daß unser Spiel mehr als wohlwollend aufgenommen wurde. Leider mußten wir die Szene mit den Kerzen weglassen, weil die Polizei keine offenen Lichter duldete und bei den Kammerspielen keine fünf elektrischen Kerzen aufzutreiben waren.

Ich persönlich war für die drei Münchner Tage nicht nur ans Theater, sondern auch an das berühmte Kabarett Simplizissimus verpachtet, wo ich so oft und schon zu Zeiten der Kati Kobus und schon vor dem Kriege vorgetragen hatte. Die Direktion dieser stimmungsvollen Künstlerkneipe begrüßte mich mit echter Herzlichkeit und bewirtete mich gastfrei und schenkte mir Blumen. Das Lokal war mehr als überfüllt, so daß nicht einmal meine Flaschenkollegen mehr Einlaß fanden. Es saßen dort Endrikat, die einzige Marietta, die allbeliebte Mucki Berger und viele andere Freunde und Bekannte. Ich war jedoch nach meinem Vortrag so übermüdet und überdies um meine Stimme besorgt, daß mir vor langen Gesprächen grauste, bei denen ich doch meine Sinne und Gedanken nach jeder Person hin anders umkurbeln mußte. So verließ ich ohne Abschied das Haus durch eine Hintertür und ging heim, schlafen.

Am zweiten Münchner Tag erwachte ich um sieben Uhr, legte den weiten Weg von Schwabing bis zur Heiliggeistgasse zu Fuß zurück, um nach Jahren wieder einmal richtige Weißwürste zu essen, und besuchte dann meine Kollektivgenossen, die noch in den Betten lagen. Ich war wieder so heiser, daß ich mich nicht getraute, an M. zu telefonieren.

Mein Kabarett-Vortrag mußte ausfallen, da an diesem Tage »Die Flasche« als Nachtvorstellung angesetzt war. Der Dramaturg Fischer begrüßte mich im Namen des Direktors Falckenberg. Während der Vorstellung verträumte ich mich einmal mit meinen Gedanken mitten im Spiel, aber das Loch, das dadurch entstand, war unbedeutend, und sonst verlief alles gut. Von den Bananen, die ich auf die Bühne brachte, fielen zwei zu Boden. Die griff der Neger Sitty Smile gierig auf und verzehrte sie, indem er sie bissenweise in sein Bier tunkte. Das nahm sich gut aus, und wir wollten das künftig beibehalten.

Unsere Requisiten waren bedenklich gealtert. Die geliehene Ziehharmonika hatte Anfälle von Asthma, der Affenkäfig ging mehr und mehr aus dem Leim, und mein Krokodil wackelte mit seinen angebrochenen Gipspfötchen.

Spät nachts ging ich doch noch in den Simplizissimus und nahm einen Teil der Nordhäuser mit nach dort. Auf allgemeines Verlangen mußte ich etwas vortragen. So lernten mich meine Kollegen auch einmal als Kabarettisten kennen. Sie hatten im übrigen tagsüber schon alle Sehenswürdigkeiten der Stadt besucht. Besonders der Mutter Mewes war nichts entgangen. Sie hatte sogar das Deutsche Museum sozusagen auswendig gelernt.

Ich machte noch einen Seitensprung nach dem neueren, literarischen Kabarett Zwiebelfisch, wo ich ebenso turbulent aufgenommen wurde wie im Simpl. Marietta erzählte mir, wie man in Paris, besonders im Kreise Pascins, so warm meiner gedacht hätte. Dann brachte der Dichter Willy Seidel eine seit Jahren fällige Versöhnung zustande zwischen dem E. T. A. Hoffmann-Forscher von Maaßen und mir. Es ging sehr vergnügt dort zu, bis ich meine Kehle, durch heimliche Flucht, vor Lärm, Rauch und Alkohol rettete.

Am Sonntagmorgen nahm das Kollektiv einen Frühschoppen im Hof des Hofbräuhauses. Für meine Kollegen waren die Weißwürste, die Menschentypen, die Dialektgespräche und der für die Fremden betriebene Hokuspokus neue Erlebnisse. Fritzl und ich tauschten nur lächelnde Blicke. Das Sonntagskonzert im Hofgarten wurde leider politischer Unruhen wegen im letzten Moment abgesagt.

»Die Flasche« kam diesmal als Nachmittagsvorstellung heraus, was bei der Hitze besonders ungünstig schien. Trotzdem waren noch an hundert Personen gekommen, die uns stürmischen Beifall erwiesen, obwohl meine Stimme auch durch rohe Eier nicht mehr zu glätten war. In der Garderobe Blumen und Bettelbriefe und während der Pause Besuche von Freunden aus dem Zuschauerraum, z. B. der Schauspieler Schweikart. Und sogar meine gute, nun schon so alte Tante Michel. Alle sprachen sich anerkennend über die Vorstellung aus und sagten, ich möchte die schlechten Münchner Kritiken als belanglos ignorieren.

Ich hatte schon in der Schweiz meinen Kollegen vorausgesagt, daß wir in München auf eine gehässige Presse gefaßt sein müßten, weil ich bei den dortigen Kritikern nicht gut angeschrieben wäre. Nun las ich als erste Kritik die der Münchner Neuesten Nachrichten:

»Im Schauspielhaus gastierte Joachim Ringelnatz mit einer eigenen Truppe und einem eigenen Dreiakter als sein eigener Hauptdarsteller. Warum er den Stoff seiner »Flasche« nicht als Fünfminuten-Schlager für das Kabarett, sondern als Zweistunden-Erschlager für die Bühne aufgezogen hat, ist bei einem Autor mit sonst so sicherem Formgefühl nicht recht ersichtlich. Der Seemann Kuttel Daddeldu ist in der Abwicklung seiner verschiedenen Bräute entschieden amüsanter, wenn ihn Ringelnatz im Simpl spukhaft verwehen läßt, als wenn er ihn auf der Bühne mit Heimkehren, Trinken, Krakeelen, Raufen, Zwischenlanden, Ertrinken langsam zu Tode quält. An sich wäre aus dem Stoff, der drei Menschen scheitern läßt, an dem Versuch, ein Hafenmädchen zu teilen, vielleicht was zu machen gewesen. Der Regie Hans Bensch-Rutzer gelang auch so etwas wie Stimmung; das zweimalige Landen des furchtbar anständigen rauhen Matrosen, den Ringelnatz spielte, mit all den aus »Kuttel Daddeldus Weihnachtsfeier« bekannten Requisiten, wie Bananensack usw., hatte Schwung und Farbe. Es gab dann noch einen ebenfalls hochanständigen russischen Fürsten Boris, den Hans Walter König mehr trainierte als spielte, einen von Rouvel nicht schlecht gegebenen russischen Musikanten Grischa; das Hafenmädchen Petra lag bei Magdalena Stahn in allzu gesunden Händen. Das Haus, ziemlich voll, wurde von Akt zu Akt zurückhaltender, um den Schlußbeifall schließlich einem Häuflein Unentwegter zu überlassen. (s.)«

Dann überzeugte ich mich aber davon, daß die Besprechungen in der »Münchner Post« und in der »Bayrischen Staatszeitung«, obwohl beide mancherlei an unserer Aufführung auszusetzen hatten, doch mit Achtung und Freude aufzunehmen waren. »Münchner Post« vom 20. Juni 1932:

»Auf die Gefahr hin, mich bloßzustellen: Ich fand diese naive, einfache, aber rund und redlich herausgestaltete Sache doch sehr viel besser als den ganzen Literaturkrampf der letzten Wochen und ging mit der heute immer seltener werdenden Empfindung, endlich wieder einmal einen Dichter gehört zu haben.

Von außen her ist gar nicht so viel an dieser alltäglichen Seemannsgeschichte, und vor allem, man verkennt sie, wenn man sie direkt verstehen will. Man kann sagen, das sei doch unmöglich, das mit dem fabelhaft reichen russischen Fürsten, der rein aus Menschenliebe mit allerlei dunklem Kneipenvolk erster Klasse durch die Welt reist. Man kann fragen, wer denn eigentlich dieser flackrig nervöse, skurrile und fatale Matrose Hans Pepper sei, der immer zu spät kommt, dessen kuriose Gaben niemanden erfreuen, der immer nur Ansichtskarten »aus Liebe« schreibt und, ein tief Geliebter, tief Liebender, jedesmal fortrennt, wenn er zugreifen sollte. Nun, dieser Pepper ist wohl kein nach den Regeln der Kunst entwickelter, aber ein von Ringelnatz selbst uns vorgelebter und damit auf der Bühne restlos überzeugender Charakter. Er muß der Mittelpunkt dieser Gesellschaft sein, des Hafenmädchens Petra, des Musikers Grischa, des Fürsten Boris, denn alle diese Leute, die stets einander suchen und nie einander finden, immer wieder voreinander davonlaufen, sind im Grunde immer wieder derselbe einsame Gemütsmensch.

Außerdem ist aber der Fürst auch noch das rasch ergriffene Romansymbol für ein Stück Gesellschaftstragik, das hier noch neben allem Persönlichen spielt: die Hafenkneipe und das Schloß können niemals zusammenkommen, denn das Wasser, darin der gute Hans Pepper schließlich ersäuft, ist viel zu tief. Doch in beiden Örtlichkeiten leben und leiden dieselben Menschen. Wie immer dazu die kitschige Weise von La Paloma erklingen mag, es ist doch mehr rührend als lächerlich und mehr natürlich als sentimental. Wäre die Welt nicht, wie sie heute ist und zu sein verdient, so hätte Ringelnatz für sein gut volkstümliches Stückchen die Anteilnahme der Bühnen und ein gut volkstümliches Publikum. Mir will scheinen, daß es gerade an diesen menschlich romantischen Dingen heute fehlt inmitten der Überfütterung mit falscher, unmenschlicher Kino-Romantik.

Mein Kompliment auch dem Schauspieler Ringelnatz. Gäbe es noch Dichter, so gäbe es auch tragikomische Rollen genug für ihn. Seine Selbstdarstellung erinnerte mich, die ganz andersartige Person in Rechnung gesetzt, an den armen, vielen Münchener Theaterfreunden noch heute unvergessenen Kellerhals. Auch die anderen spielten gut, aber sprachen nachlässig und undeutlich, und so kam der ungewöhnlich echte und gefüllte Abend, den das Publikum sehr dankbar aufnahm, für mich doch leider um einen Teil seiner Wirkung. (H. E.)«

Bei der Nachmittagsvorstellung betrug die Bruttoeinnahme des Theaters laut Abrechnung 188.75 RM. Davon kam auf uns acht vom Kollektiv der Gesamtbetrag von 41.13 RM.

Ich war um M. besorgt, weil ich seit zwei Tagen keine Nachricht von ihr hatte und auch das erwartete Wäschepaket nicht eingetroffen war. Als aber die andern auch Nachricht vom B.-Nachweis und private Briefe vermißten, schob ich die Schuld dafür auf das bekannte Tempo der Münchner Postämter, die sich auch das Extrawürstchen leisteten, am Sonntag überhaupt keine Briefe auszutragen.

Großer Abschied von lieben Freunden. Als am 20. Juni unser Zug nach Nürnberg auslief, winkte Fritzl uns noch lange nach.

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