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Die Flasche und mit ihr auf Reisen

Joachim Ringelnatz: Die Flasche und mit ihr auf Reisen - Kapitel 14
Quellenangabe
typedrama
booktitleDie Flasche und mit ihr auf Reisen
authorJoachim Ringelnatz
firstpub1932
year1932
publisherRowohlt Verlag
addressBerlin
titleDie Flasche und mit ihr auf Reisen
created20060524
sendergerd.bouillon
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Baseler Leckerli

Unsere Segel waren von Hoffnung und Erwartung gebläht. Mutter Mewes beschied sich, schon zufrieden mit dem Gedanken, einmal ein Stück Schweiz kennenzulernen. Ich freute mich auf das mir noch unbekannte Basel und auf Freunde von mir, die dort wohnten, z. B. auf den jungen Konditor Spillmann, Sohn des ersten Konditors in Basel, den ich wenige Monate zuvor in Frankfurt als einen naiven, heimwehkranken, herzlichen Schweizer kennen- und schätzengelernt hatte. Der Fürst erwartete von Basel – – Nein, ich weiß nicht, was der alles erwartete.

Der letzte Schaffner gestattete uns, aus der überfüllten dritten Klasse in Kupees zweiter Klasse überzusiedeln und ermunterte uns sogar dazu, im Nichtraucher zu rauchen. Die Zollbeamten schikanierten uns nicht, nachdem wir uns als zusammengehörige Schauspielertruppe vorgestellt hatten und den Devisenkontrolleur, der die Frage an uns stellte: ob wir mehr als zweihundert Mark bei uns hätten –, verscheuchten wir einfach durch ein schallendes Gelächter.

Im Hotel Stadthof in Basel waren zwar die Zimmer sehr einfach, aber dafür die Speisen ausgezeichnet und so reichlich, daß wir mittags zum erstenmal etwas übrigließen. Grischa und ich unterhielten uns improvisierend in einer fingierten Fremdsprache, die aus willkürlich zusammengereimten Lautmischungen bestand, aber von uns mit temperamentvollen Gesten begleitet wurde. Weil mir dabei zufällig das sinnlose Wort »peux« unterlief, nannten wir diese Sprache fortan die Peuxsprache. Von den übrigen Besuchern des Hotels mochten sich einige die Köpfe darüber zerbrechen, was das wohl für eine Sprache wäre.

Während die andern die erste Fühlung mit dem Theater nahmen, suchte ich die Confiserie von Spillmann auf, ein vornehmes und schön gelegenes Lokal. Die mir noch unbekannte Mutter Spillmann erkannte mich ihrerseits gleich an meiner Nase. Sie, ihr Mann und ihre Söhne überboten sich in Aufmerksamkeiten gegen mich. Ich labte mich an Eis, denn das Wetter war auch hier kaum erträglich heiß. Mein Spillmann junior erbot sich, mich in seinem Auto spazierenzufahren und fragte, ob ich einige von meinen Schauspielern mitnehmen wollte. »Ja, gern.« Wir erreichten die Kollegen im Hotel. Ich wunderte mich, daß sie die Einladung zu der Fahrt ziemlich gleichgültig aufnahmen. Regisseur und Fürst zogen mich beiseite. Man hatte ihnen im Theater gesagt, der Vorverkauf wäre so kümmerlich, daß man uns riet, wenigstens die morgige Vorstellung abzusagen. Das fuhr uns wie Blei in die Gedärme. Das war nun die Stadt, von der wir zum erstenmal positiven Geldgewinn erträumt hatten. Jetzt befanden wir uns am südlichsten Punkt unserer Tournee in der Angst, morgen nicht einmal unser Hotel bezahlen, geschweige denn nach Zürich weiterreisen zu können. Was tun? In Zürich – das hatte jemand herausgekriegt – waren genau so schlechte Aussichten. Wer konnte es auch den Leuten verdenken, daß sie in dieser plötzlich aufgekommenen Gluthitze kein Theater besuchten?! Sollten wir die zweite Baseler Vorstellung und den Züricher Abend absagen und per Bummelzug ganz billig nach München reisen? Durften wir das? – Konventionalstrafen – –? Keiner von uns war in der Lage, Geld zu beschaffen. Es blieb uns nichts übrig, als die Kasse anzugreifen, in der Grischa treu die Provision für den B.-Nachweis verwahrt hielt. Wir entschieden uns endlich dahin: Nichts abzusagen. Sondern die erste Vorstellung abzuwarten und es »darauf ankommen zu lassen«.

Unsere zwei Damen und Sitty Smile bestiegen mit mir das Auto, und Spillmann lenkte uns im Rasetempo durch die Landschaft, führte uns auf einen Aussichtsturm, erklärte uns das Panorama, nannte uns die Namen der Berge und merkte vielleicht, daß unsre schweren Gedanken ganz wo anders waren.

Dann setzten wir Sitty und die Damen wieder am Stadthof ab. Ich ermahnte die Kollegen, nicht mutlos auf der Bühne zu erscheinen. Bei Spillmanns zum Abendbrot vermochte ich keinen Bissen zu essen, aber ich trank Wein und ließ mir zwei rohe Trinkeier mitgeben.

Vor dem Theater standen wohlgekleidete Leute. Einige kannten mich. Einige begrüßten mich. Wir Schauspieler waren inzwischen etwas gefaßter. Das große Haus war schlecht, aber nicht so schlecht besetzt, wie wir nach dem Vorverkauf angenommen. Der Fürst hatte einen Sonderzug ermittelt, der uns für fünf Franken nach Zürich bringen würde. – »Kinder, gebt euch größte Mühe!«

Wir hatten ein so dankbares und gutes Publikum wie nie zuvor. Uns wurde warm ums Herz. Aber nach dem ersten Akt bekamen wir wieder einen Dämpfer. Grischa zeigte die Abrechnung. Darin stand ein Posten, der zwar vertragsmäßig war, den wir jedoch in den Kontrakten übersehen hatten: Wir sollten an diesem Theater die Hälfte der Reklameunkosten tragen. Ohne diesen Abzug wären wir noch ganz glimpflich davongekommen. So aber lautete das Ergebnis »Gesamteinnahme des Theaters fünfhundertsechzig Franken fünfundneunzig Rappen. Davon der Gesamtanteil für uns acht Personen: vierundneunzig Franken fünfunddreißig Rappen«!

Nach dem zweiten Akt ließ ich mich dem Präsidenten Schwabe melden. Diesem Herrn, der in unserer Sache den meisten Einfluß hatte, erklärte ich ganz einfach und freimütig unsere Situation und bat ihn, jenen Posten zu streichen. Der Präsident sprach zunächst sein Bedauern darüber aus, daß das heiße Wetter uns ein so leeres Haus beschert hätte. Dann versprach er, unsre Bitte zu erfüllen.

Unser Kollektiv-Barometer stieg wieder. Nach dem letzten Akt wurden wir immer wieder von neuem mit »Bravo« herausgerufen, und man überreichte mir für uns alle ein großes Blumenbukett, ein Paket Baseler Leckerli und andre Süßigkeiten, ferner eine Flasche Whisky. An der Whiskyflasche waren eine weiße Nelke und eine Karte mit dem Namen Alexander von Radowitz befestigt. Diesem Herrn danke ich hiermit herzlichst. Ich konnte seine Adresse in Basel nicht mehr ermitteln.

Kaum war der letzte Vorhang gefallen, so umarmten und küßten wir Schauspieler einander. Aus Glücksgefühl. – Es waren mir wieder eine Menge Ringelnatz-Bücher gebracht worden, die ich mit Autogrammen versehen sollte. Ich zeichnete in alle einen kleinen Blitzjux. Plötzlich trat die sonnige Frau Spillmann in die Garderobe, wo wir Männer noch in Unterhosen saßen. Sie lud uns alle zu sich in die Wohnung und hatte auch schon andre Gäste eingeladen.

Das wurde eine entzückende Nacht. Wir sangen, tanzten, tranken wunderbare Weine und schwelgten in delikatesten Sandwiches und Baseler Leckerlis usw. Mutter Mewes wünschte sich tausend Magen für dieses Schlaraffenland der Süßigkeiten. Ich hielt eine Rede auf Spillmanns. Wir acht beschlossen eine Goldene Liste und eine Schwarze Liste der Tournee zu gründen. Zunächst sollten die Namen »Strickrodt« und »Familie Spillmann« auf diese Listen verteilt werden. Es tat sich was dort bei diesen treuherzigen Gastgebern. Und wir »lustiges Volk der Künstler« tobten uns aus. Grischa spielte am Klavier auf dem Kopf stehend »Sous les Toits de Paris«. Ich trug Gedichte vor und verliebte mich nach mehreren Seiten. Herr Spillmann erzählte interessant und klug vom Armbrustschießen und von seiner Münzen- und Briefmarkensammlung, andre äußerten sich eingehend über unsre Aufführung. Alle gaben etwas. Es war nirgends je eine Lücke im Gespräch oder in der Unterhaltung. Um ein Uhr alarmierte ich meine Flaschenkinder. Wir schieden von guten und aufrichtigen Menschen. Grischa gestand mir auf der Heimfahrt, daß er mir einmal mehr Punkt-Gage ausgezahlt hätte, als mir zukam, weil er's nicht übers Herz gebracht hätte, den richtigen, gar zu geringen Anteilbetrag auszusprechen. Ich bat Sitty, mich zu wecken, wenn er morgen wach würde.

Aber anderntags war ich doch wieder der erste, der aufstand. Ich frühstückte Schweizerkäse mit Bier, wechselte meine letzten deutschen Mark bei der freundlichen Wirtin und ging ins Restaurant Schlüsselzunft, wo ich einen billigen französischen Kognak trank und schrieb, schrieb, schrieb.

Eine gute Kritik in der Baseler National-Zeitung vergoldete uns diesen Tag. Wir sahen uns, jeder auf seine Weise oder auch gruppenweise, Basel an. Aber abends im Theater spielten wir sehr schlecht. Das war wohl einerseits die bekannte Reaktion auf die vorangegangene gute Premiere, andrerseits die Auswirkung unsres gestrigen Nachtgelages. Trotzdem wurde zum Schluß dem Fürsten ein pompöses Blumen-Arrangement auf der Bühne überreicht. Hinterher geriet ich in die entzückende Bar der »Kunsthalle«, traf dort einen Bekannten aus alter Zeit, der sich für Bilder und auch für meine Malereien interessierte und saß mit ihm und den sympathischen Lokalinhabern, schließlich mit einer größren Gesellschaft von Vergnügten bei echtem Black Label Whisky. Der Black Label, den wir auf der Bühne so reichlich aus Original-Flaschen tranken, war nie echt, sondern nur Tee-Wasser. Ich erzählte von unserem Kollektiv, und es mag sein, daß ich, vom Echten animiert, etwas zu plump die geldliche Misere der Tournee schilderte. Denn der Bildermäzen stiftete mir zum Abschied nicht nur eine Flasche Whisky, sondern auch fünfzig Franken für die Sitty-Kasse. Und ich war darüber doch mehr froh als beschämt.

Meine Kollegen waren nachts noch von der Hotelwirtin zu Wein eingeladen worden. Als ich sie am folgenden Morgen beim Frühstück wiedersah, waren wir alle frohgelaunt, wenn auch noch sehr müde. Alles, wie es gewesen war, und die ansehnliche Spende für die Sitty-Kasse bewirkten, daß wir dankbar von Basel schieden. Petra, der Regisseur und der Funduskorb reisten per Bahn nach Zürich. Uns andre fuhr mein Spillmann junior im Auto dorthin, eine Fuhre, die durch unsre vielen Koffer etwas beengt wurde. Mutter Mewes knabberte verstohlen und verschämt lächelnd Spillmanns Baseler Leckerli. Ich hatte auf eine Packung vor das Wort »Leckerli« fünf drastische Buchstaben geschrieben, ich hätte auch vier sanftere, doch noch anstößige Buchstaben dafür setzen können.

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