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Die Flasche und mit ihr auf Reisen

Joachim Ringelnatz: Die Flasche und mit ihr auf Reisen - Kapitel 13
Quellenangabe
typedrama
booktitleDie Flasche und mit ihr auf Reisen
authorJoachim Ringelnatz
firstpub1932
year1932
publisherRowohlt Verlag
addressBerlin
titleDie Flasche und mit ihr auf Reisen
created20060524
sendergerd.bouillon
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Pforzheim

Das waren vier schlimme Tage in Darmstadt gewesen. Ich las im Eisenbahnzug anderntags, daß es in Berlin im Lunapark gebrannt hatte. Es war beklemmend schwül im Kupee. Ich konnte mich nicht dazu entschließen, mein Tagebuch zu ergänzen. Das fiel überhaupt oft schwer, und manchmal wollte ich diese Arbeit sogar ganz aufgeben, zumal ich wußte, daß ich gewisse Ereignisse und Beobachtungen, die zum Teil gerade besonders interessant oder amüsant waren, aus Gründen der Diskretion und des Geschmacks niemals veröffentlichen konnte. Ich schrieb nur ein kleines Gedicht aus dieser Bahnfahrt.

Bahnfahrt in Hitze
        Die Hitze heizt. Die Hose klebt.
Ich sitze ohne Jacke
Im Zug. – An meine Backe
Fliegt etwas Kitzelndes, was lebt.

Die Ähren und das grüne Laub
Werden reifer im Vergilben. –
Warum hat nur zwei Silben. –
Die Zigarette schmeckt nach Staub.

Ein Schaffner gibt von Zeit zu Zeit
Uninteressante Zeichen. –
Dummfaulsein ohnegleichen
Macht wie ein Teig in mir sich breit.

Es kann ein Schiff, es kann ein Faß
Stets gegen Hitze dienen.
Die Eisenbahn auf Schienen –
Macht in der Hitze feucht, nicht naß.

Keiner von uns kannte Pforzheim. Wir erwarteten nicht viel von dieser Stadt. Des Spielens selber aber waren wir nicht müde. Es hatte doch immer wieder einen neuen Reiz, trotzdem es sich stets um dasselbe Stück handelte. Ich konnte mir jede Phase meiner Rolle jeden Abend anders gespielt vorstellen.

Sitty Smile litt unter einem argen Heuschnupfen. Er nieste lange Serien, und seine Nasenlöcher waren entzündet. Er und der Regisseur trugen grüne Brillen.

Es galt nun, immer sparsamer zu werden. Denn ein auf die Tournee mitgebrachter Reservekassenfonds war aufgebraucht. Der Kellner blieb mit unsren Koffern im Warteraum des Pforzheimer Bahnhofs, während wir andren auf Wohnungssuche auszogen. Wir fragten in allen Gasthöfen nach Zimmern und Preisen mit und ohne Pension, stellten viele Fragen. – Nein, das taten wir nicht. Das tat nur unsre ebenso tapfre wie natürliche Mutter Mewes. Wir andern genierten uns vor dieser Mission.

Da war ein ganz einfacher Gasthof mit niedrigen Preisen. Wir ließen uns von der Wirtin die billigen Zimmer zeigen. Sie waren freilich bedenklich primitiv. Wir tauschten Blicke des Zweifels und waren ganz unschlüssig. In diesem Moment tönte von unten aus der Gaststube ein roher Lärm von einer entstehenden Schlägerei zu uns. Das entschied. Wir zogen dankend weiter und bezogen schließlich saubere Zimmer im Hotel Rose. Der Wirt, ein Italiener, fragte uns beim Essen neugierig aus, und wir versuchten einmal den Trick, aus Propagandagründen aufzuschneiden und über unsre Erfolge berichtend in den höchsten Tönen zu übertreiben. Bis wir selbst über diese uns gar nicht liegende Taktik ins Lachen gerieten.

Es war mir wiederholt in gedruckten und mündlichen Kritiken der Vorwurf gemacht, daß das Stück zu lang wäre, beziehungsweise, daß wir es nicht straff genug spielten. So setzten wir uns einmal zusammen, lasen das ganze Stück durch und strichen dies und jenes Überflüssige unbarmherzig, aber doch nach freundschaftlichem Übereinkommen weg.

Das Schauspielhaus war mäßig besetzt. Die vorgenommene Kürzung wirkte sich bei unsrem Spiel vorteilhaft aus. Wir ernteten starken Beifall.

Am nächsten Morgen saßen wir schon um sechs Uhr reisebereit beim Frühstück. Ich war rasch noch nach dem buntfrischen Gemüsemarkt gelaufen und hatte einen Radi und noch warme Semmeln für uns erstanden.

Schön war es in Pforzheim gewesen. Nun auf nach Basel! Die Schweiz sollte uns endlich reich machen.

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