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Die flammende Venus

Verschiedene Autoren: Die flammende Venus - Kapitel 9
Quellenangabe
typenarrative
authorVerschiedene Autoren
titleDie flammende Venus
publisherUniversal-Verlag
printrun1. bis 10. Tausend
editorReinhold Eichacker
year1919
firstpub1919
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150909
projectid313525a2
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Wahnsinn

Von Friedrich Wallisch

Ich habe Tagebücher immer für die Dokumente der ärgsten Albernheit gehalten, deren die Menschen fähig sind. Denn die größte Weisheit ist nichts anderes als eine Dummheit, wenn man sie für sich behält. Nur an dem Stumpfsinn der anderen Menschen gemessen, hat die eigene Weisheit einen Wert. Welche Bedeutung hat es zum Beispiel, daß ich mir jeden Abend die Beine ausschraube und neben das Bett stelle, daß ich meine Eingeweide über Nacht ins Wasser lege, damit sie gereinigt werden, und daß ich mein Gehirn am Abend ins Fenster stelle, um es auszulüften? Bevor am Morgen jemand zu mir ins Zimmer kommt, praktiziere ich ohnehin immer alles wieder auf den gewohnten Platz in und an meinem Körper. Denn es wäre mir bodenlos peinlich, wenn man mein Gehirn zwischen den Äpfeln im Fenster finden würde, oder meine Gedärme im Waschbecken, oder meine Beine neben dem Nachttisch. Die Leute würden mir das alles einfach nicht glauben und mich für verrückt halten, – nur weil sie mir neidisch wären, daß ich mein Gehirn auslüften kann. Zum Bahnbrecher, Apostel und Märtyrer habe ich aber nicht die geringste Lust. Auch scheint mir das Talent dazu zu fehlen. Das gestehe ich ganz freimütig ein. Ich gehöre absolut nicht zu jenen Menschen, die allmächtig zu sein glauben, weil sie irgend etwas Großartiges leisten. Ich bin zwar unbestrittener Erfinder des drahtlosen elektrischen Luftverkehrs. Aber deswegen halte ich mich noch absolut nicht für befähigt und berufen, ein großer Parlamentarier zu werden. Dazu fehlt mir die spezielle Begabung. Die Menschen sind mir auch viel zu einfältig. Als ich das erstemal eine drahtlose Weltumseglung machte, haben sie ihre Minderwertigkeit wieder einmal deutlich bewiesen. Ich machte damals nach einer Fahrt von sechsunddreifünftel Sekunden eine halbstündige Zwischenlandung in Amerika und war in weiteren elfundeinfünftel Sekunden wieder in Wien. Man sagte damals, diese Zwischenlandung sei nichts anderes als ein Besuch in der amerikanischen Botschaft, also auf amerikanischem Boden und doch in Wien gewesen! Daß ich aber vorher Westeuropa und den Atlantischen Ozean überflogen hatte und in den weiteren elfundeinfünftel Sekunden über den Pazifik, über Japan, China, Tibet und Rußland wieder zurückgekehrt war, das wollen sie einfach nicht gelten lassen. Trotzdem ich auf dem Wege ein Haarbüschel des Mikado gepflückt hatte!

Es ist also wohl begreiflich, wenn ich mich nicht besonders gerne mit den Menschen beschäftige. Zumal mir, wie erwähnt, kein Talent zum Parlamentarier eigen ist. Ich habe also zu einem Tagebuch Zuflucht genommen. Anfangs war ich über diesen Entschluß geradezu beschämt. Ich kam mir wie ein Backfisch vor, wenn ich nicht bestimmt wüßte, daß es eine alte, interessante Eigentümlichkeit der Familien meiner beiden Eltern ist, sich nur in der männlichen Generation fortzupflanzen, hätte ich mich fast für ein Mädchen gehalten. Nun fiel mir aber ein, daß auch andere bedeutende Männer Tagebücher geführt haben. So zum Beispiel jener Napoleon Bonaparte, welcher zu den fähigsten Feldherren seiner Zeit gerechnet wird, ferner der in den Kreisen des intelligenten Bürgertums allgemein bekannte Literat und Politiker Goethe. Der Herzog von Lauenburg, der als Fürst Bismarck ein Liebling der deutschen Kinderwelt geworden ist, hat auch ein Tagebuch geführt, desgleichen der römische Kaiser Marc Aurel und mein Onkel Sebastian, welcher, wie allbekannt, lange Jahre Sollizitator bei einem Budweiser Advokaten gewesen ist.

Als logisch denkender Mensch mußte ich mir auch darüber klar werden, zu welchem Zwecke ich ein Tagebuch führen sollte. An die sogenannte Nachwelt dachte ich dabei ganz und gar nicht. Wollte ich wirklich etwas für die späteren Geschlechter der Menschen schreiben, so müßte ich wohl die Macht haben, meine Worte aus unzähligen Sternen zusammenzusetzen und an den Himmel zu kleben. Nur dann würde das, was ich schreibe, der Nachwelt wirklich erhalten bleiben. Denn abgesehen von einer lächerlich kleinen Zahl von Generationen kann doch sonst absolut niemand mehr von mir etwas erfahren. In ganz wenig Jahrtausenden ahnt kein Mensch auch nur das Geringste von der Existenz all dessen, was wir Ameisen als großartig und unendlich anstaunen. Ich fürchte sogar, daß meine Erfindung des drahtlosen Luftverkehrs überflügelt werden wird. Allerdings ist mir nicht ganz klar, wie dies geschehen soll. Denn der einzige Fortschritt, der noch möglich ist, wäre, wenn man gleichzeitig an verschiedenen Stellen der Erdoberfläche oder nach Ausgestaltung eines allgemeinen Weltverkehrs gleichzeitig auf verschiedenen Gestirnen sein könnte. Doch das sind Erwägungen von so großer wissenschaftlicher Tragweite, daß es mir unwürdig erscheint, diese hier in Form nebensächlicher Erörterungen zu behandeln.

Ich will daher auf den Kern der Angelegenheit zurückkommen. Ich schreibe dieses Tagebuch nicht für die späteren Generationen und schon gar nicht für das gegenwärtig lebende Geschlecht. Ganz im Gegenteil. Ich schreibe, um den Menschen zu entgehen. Ich flüchte mich vor der kindlichen Naivität ihres Wissens in die Stille meines eigenen Ichs. Ich blicke in den Spiegel, weil ich mich zur Schau stellen will, – aber nicht jenen anderen, die mich niemals richtig sehen können. Ich blicke in den Spiegel, weil ich Menschen sehen will, – aber nicht jene andern, die ich nicht sehen mag.

Abgesehen davon, daß ich heute in Vertretung des Königs von Illyrien bei zwei Eröffnungsfeierlichkeiten anwesend war, ist nichts vorgefallen. Es handelte sich um die Einweihung einer neuen Synagoge im zweiten Bezirk und einer Bedürfnisanstalt, die vermöge der munifizenten Spende eines Großindustriellen mitten im Wienerwald in reizender Lage erbaut werden konnte.

*

Heute habe ich an einer Straßenecke der inneren Stadt, an der die Aufschrift »Verunreinigung verboten« prangt, mit der Leimspindel einen Aasgeier gefangen.

*

Ich weiß jetzt erst so recht, wozu ich eigentlich ein Tagebuch besitze. Jetzt erst ist das Verlangen nach Mitteilsamkeit mit ganzer Macht in mir wach geworden. Ich muß wie ein Backfisch oder wie ein unreifer Junge schreiben. Höre, mein treues Tagebuch, was ich erlebt habe! Du sollst erfahren, was mein Herz bewegt. Ich habe heute ein Mädchen kennengelernt, so schön, so unendlich herrlich und schön, wie ich keines je gesehen habe, – und zugleich schüchtern und verschlossen wie ein Kind, über das die erste Ahnung der Menschenwerdung gekommen ist.

Übrigens habe ich dem großherzigen Spender der Bedürfnisanstalt im Wienerwald einen Nonnenorden taxfrei verliehen. Er kann sich jetzt einen Harem errichten.

*

Mein Tagebuch, du stiller Freund, du wirst den alten Narren nicht verlachen, der dir verrät, wie sehr er das Mädchen liebt! Du wirst ihn nicht verhöhnen, wenn er dir gesteht, daß alle seine Gedanken Tag und Nacht nur ihr gelten, meiner Herta, – die doch nicht meine Herta ist! Denn sie ist kühl und zurückhaltend, sie ist die Keuschheit, sie ist die Reinheit selbst. Ich habe die Empfindung, als wären alle meine früheren Gedanken Verrücktheit gewesen, als wäre alles Tun und Denken, das nicht ihr gegolten hat, ein toller Wahnsinn gewesen. Ich möchte fast glauben, ich war verrückt – und bin nun aus Liebe zu ihr zur Vernunft gekommen. Aus Liebe zu ihr! Was ist die Liebe, die unerwidert bleibt?! Darf sie sich den Namen Liebe beilegen? Die glückliche Liebe ist eine Königin, und die unglückliche ist eine Bettlerin am Tor des Königspalastes.

*

Ich sehe es ganz deutlich. Sie verspottet mich. Sie verlacht meine grauen Haare, meine gebückte Gestalt. Sie ist grausam und erbarmungslos. Keuschheit und Grausamkeit sind ja Geschwister ... Ich bin für die Jugend gestorben, ich bin tot für die Zeit des Glücks und Genusses. Denn ich bin alt und grau. Und ich werde niemals mehr den Kampf mit den Jungen aufnehmen können. Für mich ist die Zeit des Genusses vorbei ... Dieser Gedanke ist unfaßbar fürchterlich. Bei lebendem Leib tot und machtlos dazuliegen, mit der gräßlichen, unverrückbaren Gewißheit, nie mehr von der Krankheit des Alters genesen zu können, dieses Gefühl des Unheilbaren, des unrettbar Verlorenen ist tausendmal ärger, als die traumlose, wunschlose Ruhe des Todes.

*

Tagebuch, mein stiller, lieber Gefährte, wirst du mir glauben, was ich dir nun erzählen will? Du hast alles schweigend geglaubt, was ich dir gesagt habe, manches, was ich heute selbst nicht mehr ganz begreife. Nun wird dir auch das nicht unverständlich erscheinen, was so wahr und leibhaftig ist, daß niemand es leugnen könnte. Hör' mich an, staune und sei glücklich mit mir!

Ich konnte gestern abend nicht einschlafen. Der Gedanke an meine Machtlosigkeit, an mein Alter raubte mir den Schlaf. Da erhob ich mich, kleidete mich an und ging fort. Ich lief durch die kalten, finsteren Straßen immer weiter ohne Ziel und Plan. Es war so, als wollte ich vor mir selbst entfliehen. Und plötzlich sah ich, daß ich, ohne es gemerkt zu haben, in einen tiefen Wald geraten war. Hohe, alte Bäume umgaben mich, und ein rauschender Wind krachte in den Ästen. Zwischen den dunklen Stämmen sah ich einen flackernden Schein. Ich ging ihm nach und kam in eine kleine Waldlichtung. Da bot sich mir ein überraschendes Bild. Vor einer niederen, moosbedeckten Holzhütte saß ein altes Weib und las beim Lichte einer rußenden Pechfackel aus einem ungeheuer großen Buch. Als mich die Alte bemerkte, blickte sie auf und winkte mich heran. In einem freundlichen, wohlwollenden Ton, der mit ihrem hexenhaften Äußern gar nicht in Einklang stand, fragte sie mich, was mich zu ihr geführt hätte.

Ich war in diesem Augenblick so froh, einen Menschen gefunden zu haben, dem ich meinen Kummer mitteilen konnte, daß ich ihr recht freimütig und aufrichtig alles erzählte, was mich bedrückte. Ich gestand ihr meine Liebe zu dem schönen Mädchen, ich sprach von der Erfolglosigkeit meiner Bemühungen, von dem Schmerz über mein Alter, von meiner Verzweiflung, unrettbar den Qualen des Greisentums verfallen zu sein ...

Sie unterbrach mich: »Möchtest wohl um ein Vierteljahrhundert jünger sein?«

Ich horchte auf und bejahte wehmütig.

»Wenn's weiter nichts ist!« fuhr sie gelassen fort. »Das läßt sich schon machen.«

Dann nahm sie mich fest bei der Hand, blickte mir mit ihren verglasten, ausdruckslosen Augen starr ins Gesicht und murmelte eine lange Rede in einer mir völlig unbekannten Sprache. Dann stieß sie einen leisen Pfiff aus. Im selben Augenblick flog aus einem breiten, knorrigen Baum ein Schwarm Fledermäuse auf und huschte um uns im Kreise umher. Plötzlich fiel eine der Fledermäuse wie ein geworfener Stein mit hörbarem Aufschlagen gegen den Kopf des Weibes, verfing sich in den Haaren und zappelte nun verzweifelt mit den großen, dunklen Flügeln. Die dürren Hände der Alten lösten das Tier in flinkem Griffe los und packten es beim Körper und beim Kopf. Dann drehte sie der Fledermaus, die einen jämmerlichen, angstvollen Schrei wie ein kleines Kind ausstieß, langsam und energisch den Kragen um, nahm ein Messer zur Hand und spaltete dem schlaff herabhängenden toten Tier den Schädel. Aus dem blutigen Kopf löste sie gewandt das Gehirn und reichte es mir auf der Spitze des Messers.

»Friß!« befahl sie mir mit fester Stimme. Mich ekelte grenzenlos. Aber ich hatte die Überzeugung, daß jedes Sträuben unnütz wäre: denn ich wußte, daß ich gehorchen müsse. Ich nahm das kleine gelbe Gehirn und schluckte es. Es schmeckte beiläufig wie eine Auster.

»Geh jetzt nach Hause!« sagte die Alte und wies mich fort.

Ich war vor Erregung keiner Worte fähig und lief davon. Wie wahnsinnig rannte ich über Wurzeln und Steine. Im Laufen fuhr ich mir über den Kopf. Die Glatze war einer dichten Mähne gewichen. Ich griff mir ins Gesicht. Meine welke, runzelige Haut war straff und kräftig geworden. Und plötzlich war ich zu Hause. Ich trat vor den Spiegel. Die Alte hatte mich nicht betrogen. Ich war um fünfundzwanzig Jahre jünger geworden. Ich sah das Spiegelbild eines kräftigen Menschen im schönsten Mannesalter vor mir, mit aufrechter Gestalt, buschigen, braunen Haaren und glänzenden Augen.

Die Leute werden mir's ja nicht glauben, obwohl sie es sehen werden. Aber es ist wahr! So wahr, wie ich hier sitze und dir alles erzähle, mein Tagebuch, und dir anvertraue, wie ungeduldig ich mich danach sehne, Herta wiederzusehen, für die ich jung und stark und schön sein will, um ihr ebenbürtig und ihrer Jugend würdig zu sein.

*

Ich habe sie wiedergesehen! Soll ich so einfältig sein, zu sagen, daß sie schlecht und herzlos war, weil sie mich bisher zurückgewiesen hat? Entspricht es nicht einem gerechten Naturgebot, daß sie den alten, unwürdigen Mann verschmäht hat und nun den Jungen, Starken freudig ihrer wert erkennt?

*

Sie ist lieb und freundlich und gut zu mir. Ich glaube fast, sie erwidert meine Gefühle!

Oh, dieses Glück, sich geliebt zu wissen! Ich kann es nun mit aller Gewißheit sagen: Sie liebt mich! Die Bettlerin Liebe ist nun Königin geworden.

*

Herta, meine Herta!!!

*

Meine Seligkeit ist grenzenlos. Wie ist es nur möglich, daß es ein so ungeheures Glücksgefühl gibt, das kein Künstler kennt? Denn kennten es die Künstler, sie würden größere, unsterblichere Werke schaffen. Ihre Kunst würde eins werden mit der Natur, würde unendlich in Erhabenheit und Schönheit werden ... Meine Gedanken sind wie ein flüchtiges Wild im Wald. Ich sehe sie. ich hasche nach ihnen, ich eile ihnen nach, und sie entgleiten mir, sie zeigen sich mir von ferne, sie necken mich, sie beängstigen, sie narren mich ...

*

Trotzdem ich nur an Herta denken will und nur für sie lebe, ist mir doch etwas Sonderbares ausgefallen, das mich zu beunruhigen beginnt. Viele meiner Bekannten kennen mich nicht. Sie sind plötzlich wie Fremde. Das wäre mir nicht unerklärlich. Ich habe mich ja sehr verändert. Aber andere Leute wieder, von denen ich beschwören könnte, daß sie längst gestorben sind, begrüßen mich freundlich an allen Straßenecken und tun so, als hätte ich sie erst seit drei Tagen nicht gesehen.

Den vielbeklagten Übelständen des Großstadtverkehrs ist übrigens in radikalster Weise abgeholfen worden. Automobile und elektrische Straßenbahnen scheinen ganz einfach verboten worden zu sein. Die Stadtverwaltung besitzt wirklich salomonische Weisheit!

*

Das Leben ist tragisch. Ich kann mein Glück kaum genießen. Denn verschiedene Beobachtungen, die ich täglich mache, verdichten sich in mir zu einer Vermutung, die mich durch ihre Seltsamkeit erschauern macht.

*

Es ist keine Vermutung. Es ist Wahrheit: Ich bin nicht nur um fünfundzwanzig Jahre jünger, sondern auch um fünfundzwanzig Jahre zurückversetzt worden. Ich weiß es nun mit aller Bestimmtheit: Ich lebe um fünfundzwanzig Jahre früher! Der Gedanke ist unfaßbar, aber er ist unumstößlich wahr!!

*

Heute hat mir jemand gesagt, ich sei ein Narr. Und wie ich mir die Sache überlegt habe, bin ich zu der Überzeugung gekommen, daß der Mann recht hat: Ich bin ein Narr. Denn wenn ich um fünfundzwanzig Jahre zurückversetzt bin, so muß doch auch Herta um fünfundzwanzig Jahre jünger sein. Und sie war doch, als ich sie kennenlernte, damals – in fünfundzwanzig Jahren, erst vierundzwanzig Jahre alt. Also ist sie gar nicht dieselbe. Sie kann ja nicht dieselbe sein. Mir kommt ein furchtbarer Verdacht. Meine Herta ist nicht jene andere, doch sie sieht ihr völlig ähnlich. Die Sprache versagt mir die richtigen Worte für das Gräßliche meiner Entdeckung: Meine Herta ist die zukünftige Mutter jener andern, und ich habe mit ihr das Mädchen gezeugt, das ich – – in fünfundzwanzig Jahren lieben werde!!! Es kann nicht anders sein. Und ich sehe, daß jener Mann recht behält, der mir gesagt hat, ich sei ein Narr.

Denn ein Narr ist jener, dessen Geist andere Bahnen läuft als der Geist der übrigen Menschen. Müßte nicht einer, der den Begriff der Ewigkeit erfassen würde, auch ein Narr sein?

*

Ich wollte es Herta anvertrauen. Aber sie kann's wohl nicht verstehen. Entsetzlich quält es mich und will mir keine Ruhe lassen!!

*

Ich werde mir Ruhe verschaffen.

Erschießen will ich mich nicht. Das knallt zu laut und würde mich noch mehr nervös machen.

Ich werde die Köpfe von Zündhölzchen, soviel in fünfundzwanzig Schachteln sind, zerreiben und mit gutem Rotwein trinken.

*

Es hat sehr schlecht geschmeckt. Aber das ist gesund und reinigt. Jetzt muß ich sterben. Ich fühle schon, wie es nagt und brennt. Herta ahnt nichts davon. Die Arme! Ich habe sie und das Kind und das Schicksal betrogen. Ich werde in fünfundzwanzig Jahren nicht mehr leben. Das Schicksal ist nicht gewohnt, daß man sich ihm widersetzt. Es wird mich suchen und herrisch nach mir rufen, – in fünfundzwanzig Jahren. Und es wird mich nicht finden. Meine Knochen werden sich schütteln vor Lachen. Hohl und gellend werden sie lachen, ganz tief unten, zwei Meter unter der Erde. Und das Schicksal wird oben umherirren und mich suchen, weil es mich brauchen wird, um Herta zu lieben, und es wird mich nicht finden.

In fünfundzwanzig Jahren!

Seht ihr's, daß ich stärker bin als ihr Menschen, ihr Narren? Daß ich stärker bin als der Bezwinger aller Menschen, das schwache, genarrte, ratlose Schicksal? – Oh, wie das Gift in mir nagt! Ein Bein hat es schon abgefressen. Das liegt dort unterm Tisch. – So, nun fällt auch das zweite ab. Und die Haare lassen mich im Stich. Zum zweitenmal. Diese treulosen Objekte der Eitelkeit! Wie ein brauner Teppich liegen sie vor mir. Und die Zähne. Oh, ich fühle, sie sind fort. Mein Kiefer ist leer wie der eines Greises. Und meine Eingeweide schrumpfen ein wie trockenes Laub und fallen zur Erde. Treulose! – Auch ihr Hände wollt mich verlassen? Nein, – noch nicht! Bleibt noch! Ich will noch schreiben. – – Alles schrumpft jämmerlich zusammen und läßt mich im Stich. – –

Nein, wie sonderbar! Das Herz schlägt noch, schlägt und schlägt, wie die Uhr an der Wand. Nur nicht so ruhig. Sollte wirklich der Wissenschaft zum Trotz das Märchen wahr sein, daß die Liebe im Herzen sitzt? Warum fällst du nicht auch herunter, Herz? Schau, dort liegen die Beine, da liegt der dumme Magen, hier liegen die altersgrauen Lungen! Warum gehst du nicht zu ihnen, Herz? Ruhig! Schlag' doch wenigstens gleichmäßig, wie die Uhr, nicht so närrisch und unberechenbar! –

Herta! Ich denke an dich! Einmal nur möchte ich dich noch sehen! Wenn du jetzt kämest!! Ich sehne mich so nach deiner Nähe! – – Du störrisches, betrogenes Geschick, ich will dir alles zurückgeben! Ich will leben! Ich will in fünfundzwanzig Jahren deinen Befehlen gehorchen! Aber schick' mir jetzt meine Herta! Schick' sie mir! Jetzt! Jetzt! Sie soll die Türe aufmachen und zu mir kommen! Schnell! Schnell! Ich will ja gar nicht sterben!! Um Himmels willen, ich will nicht!! Ich will leben, ich will –

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