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Die flammende Venus

Verschiedene Autoren: Die flammende Venus - Kapitel 26
Quellenangabe
typenarrative
authorVerschiedene Autoren
titleDie flammende Venus
publisherUniversal-Verlag
printrun1. bis 10. Tausend
editorReinhold Eichacker
year1919
firstpub1919
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150909
projectid313525a2
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Mutter

Eine Marienlegende

Von Ernst Köhler-Haussen

Es war einmal eines Musikanten junge zarte Frau. Die liebte ihren guten, großen Mann, der gar so sehr schön Geige spielte, über die Maßen. Denn er war zärtlich zu ihr und hatte sie, die arme Waise, zu sich genommen und ließ sie's nicht entgelten, daß sie so arm und bescheiden war. Denn er wußte selber, was es heißt, fremder Leute Brot essen und jeden Pfennig dreimal umdrehen müssen, ehe man ihn ausgibt. Aber nun gaben ihm die Leute für sein schönes Lied und seiner Geige süßen Klang ein jedes Mal soviel wie er haben wollte. Und wenn das auch nicht so viel war, wie der Kaiser von seinem Schatzmeister bekommt, so hätt' es doch kein Kaiser seiner Frau Kaiserin anmutiger weiter geben können in kleinen Geschenken, in allerlei Aufmerksamkeiten fürs Haus und Kleid – nein, wie ein rechter Ritter hielt das Geigerlein seines Herzens Frau, und sie kam sich nicht anders vor alle Tage ihrer Ehe, als wäre sie eine sehr schöne und vornehme Dame und ihr Geiger ein Kavalier, der ihr recht den Hof machte.

Und weil sie ihren Geiger nun so sehr liebte, hätte sie ihm gar zu gern ein Kindlein geschenkt. Denn er wünschte es sich gar sehr. Aber es kam keines und wollte keines kommen. Und immer, wenn sie daran dachte, wurde ihr sehr bange. Denn in ihres Herzens Liebe hatte sie eine große Sünde getan – und das ging so zu.

Sie war, ein Waisenkind gewesen, als der Geiger, ihr guter, guter Mann, sie in der kleinen Herberge gefunden, in der sie aufgewachsen war. Aber – nicht ganz eigentlich ein Waisenkind. Denn ihr Vater lebte noch. Aber unstet streifte er in der Welt umher. Niemand wußte, was er tat, niemand wußte, wovon er sein Leben hatte. Nur alle paar Jahre kam er einmal ein paar Tage in die Herberge mit teueren, guten Kleidern angetan, die aber immer so merkwürdig mißbraucht und verschlissen aussahen, so, als ginge er viel damit in Regen und Sonnenschein umher. Und er zahlte dann den Wirtsleuten, bei denen das Mädchen in Pflege war, ein schönes Stück Geld, und wenn er wieder fort war, dann sagten die Wirtsleute, die sich vor ihm – das merkte sie wohl – ein wenig scheuten: »Wie traurig, daß der gute Mann, unser alter Freund und Nachbar, der er so lange war, keine Ruhe mehr finden kann.« Und man merkte ihnen wohl an, daß sie über den Besuch des alten Freundes und Nachbarn mehr traurig waren als froh. Er sah auch so ernst und traurig aus, daß kein Mensch herzlich froh sein konnte in seiner Gegenwart.

Und ihre Mutter – die war gestorben in derselben Nacht, in der sie ihr das Leben gegeben. Hatte das kleine wimmernde Mädchenkind allein gelassen. Hatte den Mann, der sie liebte, wie Sonne und Mond und alle Gestirne zusammen und wie sein eigenes Haupt, allein gelassen. Und darum war er unstet und traurig, und darum war das Mädchen eigentlich eine ganze Waise.

Als der Geiger kam und sie nahm, hatte sie eine große Sünde getan. So sehr liebte sie ihn und seine frohe Art, den lichten Sonnenschein auf seiner Stirn, die lachende Lust in seinen Augen und die schimmernde tanzende Fröhlichkeit in seinen Händen.

Der sollte nie betrübt werden.

Und da war sie zur Mutter Gottes gegangen und hatte gebetet und gerungen: »Heilige Mutter Gottes, laß mich doch niemals eine Mutter werden, daß es mir nicht gehe wie der meinen und ich den Herzallerliebsten, der mich zu seiner Frau nehmen will, nicht elend mache und traurig sein ganzes Leben lang.«

Und die heilige Mutter hatte sie erhört.

Das Leid, das sie so fürchtete, ging an ihr vorüber. Sie wurde nicht Mutter. Aber auch das ganze Glück war nicht bei ihr. War ihr Mann, wie er immer war, so recht von Herzen lieb und gut zu ihr, so war es ihr, als ob sie ihm nicht ganz so aufrichtig gegenüberstand, wie eine Frau zu ihrem Manne sein soll. Lobte er sie und pries ihre Anmut und den jugendlichen Glanz der Jungfräulichkeit um ihr Haupt, dann fühlte sie, daß das alles eigentlich nicht ihr gehörte. Und wenn er nach Hause kam und ihr erzählte: »Du – da war ein kleines Mädel mit dunklen Haaren und blauen Augen – so groß –« und er strich dabei mit der Hand weit unter der Tischplatte hin, »ach, die war lieb – die kam gleich zu mir hin, gab mir das Händchen und sagte: ›Onkel Geigersmann, spiel' doch noch eins!‹« – da ging es ihr durchs Herz heiß und kalt und wehe, so wehe.

Eines abends, als sie im Bette lagen, da merkte sie, daß ihr Mann gar nicht einschlafen konnte. Er lag wach, das fühlte sie, obwohl er ganz still lag. Und als endlich ein heller Schimmer des aufsteigenden Mondes ins Zimmer fiel, da sah sie, wie sie ängstlich aus ihrem Kissen nach seinem Gesichte spähte, daß seine Augen weit offen standen und daß er nach der Decke sah, so wach und so traurig, wie sie die lustigen, manchmal ein wenig verschmitzten Augen noch nie gesehen hatte. Da wußte sie gleich, was es war.

Sie legte ihre linke Hand leise an seine Schulter, und als er sich nicht regte, tat sie die rechte an seine Wange und drehte seinen Kopf sich zu.

»Was hast du liebster Mann?« Sie wußte es aber ganz genau.

Er aber sagte nichts und tat nur einen leisen Seufzer, so leise und doch so tief aus seiner großen, starken Brust heraus, daß ihr gleich das Weinen kam.

»Ist es, weil wir kein Kind haben?« flüsterte sie und meinte kaum, daß er es verstanden haben könnte und wußte doch ganz genau, daß es nichts als sein Gedanke war, was sie da aussprach.

Er antwortete nicht – aber es war ihr, als hätte er mit lauter, vom Schmerz zerdrückter und dennoch mit dröhnend lauter Stimme »ja« gesagt.

Da legte sie ihr Gesicht auf seine Schulter und weinte und schluchzte. Er lag still und unbeweglich, und da erst merkte sie, wie tief, sehr tief seine Trauer war.

Als sie lange geschluchzt hatte, fühlte sie seine Hand, seine gütige Hand, die soviel Lust spenden konnte, auf ihrem Haar.

Dann schlief sie ein.

Ein Traum kam zu ihr – ein schlichter und doch seltsamer Traum. Sie sah auf einer lachenden Wiese ihren Mann gehen, ein wenig vorn nieder und zur Seite gebeugt, und an den langen, schlanken Geigerfingern seiner Hand führte er ein kleines Kind, ein Mädchen, schwarz von Haar, wie er, und mit blauen Augen, wie sie, das tappend und läppisch wohl eben seinen ersten, größeren Weg machte, lachend in die Sonne blinzelte und mit dem freien Händchen durch die weißen Maßliebblumen strich, die an der Seite des Weges standen. Aber sie selbst war nicht dabei – obwohl sie das alles sah – sie konnte das tastende Händchen nicht greifen – obwohl sie sein leichtes, kühles Fächeln zu fühlen meinte – und als sie in das Antlitz ihres Mannes sah, das glücklich auf das Kindchen niederblickte, da wußte sie, daß sie nichts mehr war, als eine beglückende Erinnerung, ein herzinniger Gedanke seines Herzens, ein treugeleitender Geist, der neben den beiden schwebte.

Das träumte sie, träumte es fort und fort, bis sie am Morgen erwachte. Und da war es, als ob der Traum nicht von ihr wiche, als ob er bei ihr blieb, als sie zur Kirche ging, als ob er in ihr und um sie schwebte, als sie vor der heiligen Mutter kniete und betete, betete inbrünstiger als je: »Liebe Mutter Gottes, du heilige Mutter aller Schmerzen, die du als Mutter alle Menschen trägst mit ihrem Weh und Leid, gib mir, gib mir, daß ich eine Mutter werde!«

Als sie nachhause kam, da war sie ihrem Manne so fremd, so ferne, als wäre sie nicht mehr seine Geliebte, sein Weib, sondern als wäre sie nur ein guter Geist, der über ihn zu wachen habe, daß er ganz glücklich sei. Und eine Scheu hielt sie ferne von ihm, die sie nie gekannt – so wie die guten Geister die Menschen nicht spüren lassen, daß sie da sind, wie sie nur wegräumen, was ihnen wehetun könnte, aufleuchten lassen, was sie erfreut und glücklich macht, aber sich nicht sehen lassen, daß die Menschen nicht vor ihnen erschrecken und in unnütze Furcht und törichte Gedanken fallen.

Als eine Zeit vorüber war, fühlte sie, daß sie eine Mutter werden würde – daß die heilige Mutter Gottes ihr Gebet erfüllt in jener Nacht, ehe sie es getan. –

Nach ein paar Wochen wußte auch ihr Mann, daß seines Herzens sehnsüchtiger Wunsch in Erfüllung gehen sollte. Da wurde er zu ihr noch lieber und gütiger – o, ich glaube, das kann kein Dichter sagen, wie ein guter Mann zu seiner Frau ist, wenn er weiß, daß sie eine Mutter wird, wie sein Herz zittert und frohlockt, wie er taumelnd lebt den ganzen Tag und weiß nicht, soll er jauchzen oder weinen. Der Vaterliebe allerschönste Zeit ist diese – wißt ihr's auch, ihr Frauen, wie eure Männer euch in dieser Zeit geliebt?

Wenn sie's auch nicht wußte, so fühlte sie's doch und sah ihr und sein Glück mit beiden Augen, und doch wohnte in ihrem Herzen die Angst, die Totenangst. Denn wem die Allmächtigen seine Gebete erhören; der lebt in großem Bangen. Wissen wohl selbst nicht warum und bangen sich doch. Aber ihr Mann wußte nichts davon. Er sprach mit ihr von dem schweren Tage, der kommen mußte, schrieb einen Brief an die gute Herbergsfrau, ihre Pflegemutter, ob sie nicht kommen wollte, wenn es so weit wäre. Aber die konnte nicht, sie schrieb, daß ihr Mann gestorben sei, und da sei sie allein in der Herberge und könnte nicht kommen. Da schrieb er an seine alte Mutter, die sehr weit fort wohnte; aber die war gebrechlich und wohnte bei ihrer jüngeren Tochter Mann, nur sich selbst und den Ihren zur Last – und sie konnte nicht kommen.

Und so kam der schwere Tag näher und näher: das fühlte sie. Und sie kramte mit ungeschickten Behaben in den vielen kleinen, hübschen Sachen, die ihr Mann schon lange für das kleine Wesen gebracht – immer die Angst im Herzen, die Totenangst.

Und eines Tages – die Monate waren fast herum – war ihr Mann wieder über Land mit seiner Geige, und hatte ihr Blumen gelassen und Süßigkeiten und hatte der Nachbarsfrau gesagt, sie möchte doch die Straße hinuntergehen, zur Großfrau, wenn seiner Frau etwas anstieße.

Aber ihr war so frisch, so froh, als sie ihn gehen sah, so zuversichtlich daß sie wirklich einmal auf einen Augenblick ihre Angst vergaß und zur Nachbarin ging und ihr sagte, sie solle sich nur ruhig schlafen legen, ihr ginge es sehr gut.

Dann ging sie in ihre Stube, machte das Fenster weit auf, sah hinaus in den lachenden Sommerabend, bis die Abendröte kam, und dachte nur an ihren guten Mann und fühlte ihr Kindlein in ihrem Leibe hüpfen und dachte daran, wie ihr Mann sich freuen würde, wenn er mit dem kleinen Kindlein an einem solchen Sommertage über die Wiese ginge.

Dann legte sie sich auf ihr Bette, und wollte einschlafen.

Aber ihr wurde plötzlich heiß und kalt. Ein Schauer ging über ihre ganze Haut. Und da war auf einmal wieder alle ihre Angst bei ihr.

Nun wußte sie, nun kam die Stunde, da ihre Sünde erst groß sein würde vor der Ewigen, nun wußte sie, daß Leben und Tod mit gleicher Macht, mit gleichem Recht an ihrem Bette standen.

Und eine große Schwäche kam über sie, daß sie in Ohnmacht sank.

Sie tat einen schweren, seufzenden Schrei und dann wußte sie nichts von sich.

Da hörte sie ein Klopfen.

Sie wollte sagen: »Herein.«

Aber sie merkte, das Klopfen war nicht an der Tür.

Das Klopfen kam ganz wo anders her.

Es klang ganz leise und doch fest und bestimmt.

Und ganz nahe.

Richtig – da – neben ihr, an ihrem Bettgestell war es.

Sie fuhr ein bißchen erschrocken in die Höhe – all ihre Schmerzen und ihres Leibes Schauder waren auf einmal von ihr genommen.

Da klopfte es noch einmal leise und doch bestimmt an ihr Bettgestell. Im Mondschein sah sie neben ihrem Bettfuß eine kleine Gestalt – ganz mager – ganz glatt – ganz schwarz – wie von blinkendem Ebenholz geschnitzt hatte ein paar zierliche, schlanke Hörner auf dem Kopfe – einen langen, leise wedelnden Schwanz – einen ganz zierlichen kleinen Pferdefuß – Jesus Maria und Josef – das war doch ein kleiner Teufel – und machte eine überaus zierliche, nette Verbeugung und einen kleinen Kratzfuß und sagte mit leiser vorsichtiger Stimme: »Komm, du sollst mit mir gehen!« Sie – Zögerte keinen Augenblick und erhob sich im Bette.

Das schwarze, magere Teufelchen richtete sich auf Pferdefüßchen und Zehen auf, so lang er konnte – und das sah recht komisch aus – und reichte ihr galant wie ein kleiner Ballherr sein schmales, schwarzes Händchen und half ihr aufstehen. Im bloßen Hemde stand sie mit ihrem schweren Leibe im Mondlicht und wollte nach ihren Kleidern greifen. Aber das Teufelchen machte eine putzige Wendung, daß sie ein wenig lächeln mußte, nahm mit gravitätischer Höflichkeit ihre Linke und führte sie hinaus – nackt in ihrem weißen Hemdlein, wie sie war.

Kaum waren sie über die Schwelle der Stube getreten, da schrak sie zusammen, denn der Boden sank mit ihnen hinunter. Ein Schmerz fuhr dabei durch ihren Leib und ein Schauder eisiger Kälte über ihre Haut. Als das Sinken vorüber war, standen sie in einer riesigen Halle, wie die Halle eines übergroßen Bahnhofs. Und sie gingen durch hastende, drängende Menschen in ungeheurer Zahl.

Einer war nackt und schleppte einen Riesenpacken auf seinen Schultern. Einer sah aus wie ein großer Gelehrter und wußte nicht recht, wie er sich hier im Höllenbahnhof benehmen sollte, und führte dennoch hinter sich, eine endlose Schar schreiender und zankender Jünglinge. Einer schoß nach einem Vogel, der vor ihm herflog, mit einer laut knallenden Flinte. Einer hatte einen Troß Diener bei sich und um sich, die Koffer und Kisten und eine Krone trugen und einen Purpurmantel schleppten. Einer war sehr häßlich, einer sehr schön. Die Frauen und Mädchen, die da durch die Menge kicherten, kreischten, schimpften, hatten alle feucht-blanke Augen und schwebten mit einem tänzelnden Schritt. Große, schwarze Gestalten mit langen, blankgeputzten Hörnern führten das Kommando und brachten Ordnung in die schwatzenden, schimpfenden, stoßenden und sich prügelnden Menschen. In breiten Strömen flossen diese in große Tore, immer getrieben und geordnet von den ebenholzblanken, schwarzen Teufelsgestalten, die halb wie böse Unteroffiziere, halb wie gutmütige Kofferträger aussahen.

Aber keiner der drängenden und schiebenden Menschen nahm sie und ihren kleinen Begleiter wahr, der sie sicher und gewandt durch all das Toben hindurchführte.

Und wenn einmal einer der langen schwarzen Kerle, vor denen ihr doch ein bißchen graute, nahe an sie herankam, blieb er stehen, machte Platz unter den Drängenden, nahm eine ehrfürchtige Haltung an und verbeugte sich leise, so daß sie gut an ihnen vorbeigehen konnte.

Sie kamen an eine Tür – eine schlichte graue Tür – die geschlossen war. Zwei lange, schwarze Wächter standen davor.

Ihr kleiner Begleiter, der sie noch immer mit wichtiger Gebärde wie ein winziger Tanzmeister an der Hand führte, winkte, und die beiden Wächter stießen die Tür auf.

Wieder fühlte sie jetzt einen Riß durch ihren Leib und wand sich in kaltem Schweiß und plötzlich aufbrennender Hitze, denn sie meinte nun eintreten zu müssen in die Hölle und an den Ort des Verderbens, an die Stätte, wo die Sünde, die große Sünde, gestraft wird bis in alle Ewigkeit. Aber sie sah vor sich nichts, als einen endlosen, langen grauen Gang mit leeren, grauen Wänden in halbdunklem Dämmerlicht, ohne irgendeine andere Schranke, als den Boden und die Decke und die beiden Wände lang, grau und unermeßlich zu beiden Seiten.

Aber der kleine zierliche Schwarze an ihrer Hand stapfte mit seinem kleinen schmalen Menschenfuß und dem zierlichen Huf am anderen Bein vorwärts und vorwärts und führte sie mit sich.

Lange, lange gingen sie zwischen den grauen, schweigenden Mauern hin. Immer weiter und weiter, bis sie endlich nur noch wie im Traum die Füße setzte, bis ihr die Gliedmaßen schwer und schwerer wurden, und ihr Leib schwer und schwerer und sie nur noch dumpf und ohne Wissen das endlose Wandeln durch den grauen stillen Gang fühlte.

Endlich war es ihr, als hörte sie ein leises, Seufzen und Weinen, Schluchzen und unterdrückten Wehlaut zu beiden Seiten des Weges. Wie ganz von fern her kam es und wie gefesselt in stummer Qual klang es, wie ein Mühen und Ringen um das Lautwerden eines endlosen großen Schmerzes.

Aber allmählich schwoll es an, ward lauter und sie hörte einzelne Schreie aus dem dumpfen Stöhnen gellend aufzischen – und da fühlte sie von beiden Seiten von den beiden Wänden einen seltsamen Hauch auf ihren Körper fließen. Sie merkte, daß die eine Wand glühend heiß, die andere eiseskalt war, Glut und Kälte, brennende Hitze und lähmender Frost wehte sie an von beiden Seiten und ihr Leib zitterte und bäumte sich in der Qual ihrer Seele. Denn jetzt wußte sie, wo sie war – daß sie dort war, wo in ewiger Verdammnis zur Rechten die einen brennen und in unermeßbar glühender Gier, zur Linken die andern lebend erstarren in ewig gleichgültiger Kälte. Und schaudernd fühlte sie, vorwärts schreitend, alle diese Qual an Leib und Seele mit, zuckenden Herzens und in tödlicher Angst um das Ende des unermeßlichen Weges der Glut und der Kälte, der Seufzer, des Stöhnens, des Schreiens und des verzweifelten Aufbrüllens der in Ewigkeit verdammten Seelen.

Und endlich, endlich nahm der Gang ein Ende. Ein Tor öffnete sich vor ihnen.

Sie traten in eine Halle, die ganz in Flammen lag.

Aber sie brannten nicht, als sie an der Hand ihres kleinen Begleiters hindurchschritt durch die züngelnden Feuerlachen, die vom Boden aufleckten, als sie vor den riesigen Flammenthron traten, auf dem der Höllenfürst saß. Sie wollte die Augen schließen vor seiner furchtbaren Gewalt, aber er neigte sein Szepter, beugte sich vor aus seiner schrecklichen Herrlichkeit, sah sie an und sprach: »Du hast überwunden!«

Wieder wurde ihr heiß und kalt, denn sie wußte nicht, was er sagen wollte. Und dann wurde ihr sehr schwach, daß sie sich auf ihren kleinen Begleiter fest aufstützen mußte.

»Du sollst uns helfen«, sprach der Höllenfürst. »Geh, und tu, was dir befohlen wird – du kannst es – denn du hast dich selbst überwunden.«

Da wurde ihr sehr leicht und froh und mit schwebendem Schritt folgte sie ihrem Führer, der sie zur Seite führte.

Vor ihnen wichen die Flammenwände des Saales und sie traten hinaus in einen großen, hellen Raum, wo ein schönes klares Licht war und nicht Hitze noch Kälte, sondern eine wohlige Kühle und Wärme zugleich.

Und ihre Augen wurden geblendet von einem himmlischen Licht, denn in einem hohen Fenster an der anderen Seite des Raumes stand eine leuchtende, hohe Gestalt mit Flügeln über den Schultern und Sternen und Himmelsglanz um das Haupt.

Von ihrer Hand war der kleine Begleiter verschwunden.

Und der Engel hob seine Hand auf und sagte: »Siehe, hier sind die Seelen der Ungeborenen – du wasche sie rein und gib sie mir – du sollst sie erlösen aus ihres Undaseins Qual, denn du hast eine Seele gewollt aus der Liebe deines Herzens.

Und als sie sich umsah, sah sie rings umher große Zuber und Wannen stehen voll Wasser und voll kleiner, winzig kleiner Kinder, die lachten und schrien und planschten und weinten durcheinander wie tausend tausend kleine Püppchen und manche saßen ganz still und machten große Augen, und manche streckten die Händchen nach ihr und manche lagen wie tot und manche fuhren umher in ewiger Unruhe – und alle sahen aus, als wären sie ganz anders als andere Menschenkinder, so als fehlte ihnen etwas – obwohl sie alle lebten, – das Leben.

Sie fühlte ihres Leibes Schwere nicht und kniete nieder, wie sie war, in ihrem Hemdchen und breitete eines von den weißen Laken aus, die dalagen, nahm eins von den Kindlein aus dem Zuber und wusch es und trocknete und striegelte es, bis es glatt und trocken war und so schön war, wie das schönste lebende Menschenkind.

Dann gab sie's dem Engel und er schwebte mit ihm zum Fenster hinaus in die schimmernde, leuchtende Seligkeit da draußen.

Aber als sie mit dem nächsten fertig war, stand der Engel schon wieder hinter ihr und nahm ihr's ab und trug es in den Himmel.

So tat sie in liebevollem Eifer fort und fort, eines nach dem anderen, und fühlte nichts von der hindernden Beschwerde ihrer Mutterschaft. Und endlich wurden die vielen, vielen Kinder weniger und weniger, und immer, wenn sie dem Engel eines hinaufreichte, sah sie in sein ruhiges Angesicht, das von göttlicher Reinheit und Herrlichkeit strahlte.

Da blieb noch eins zuletzt in der letzten Wanne allein.

Und als sie das sah, wurde ihr sehr weh. Denn das war klein und sehr häßlich und mißgestaltet. Und als sie es herausnahm, sah sie, daß sein ganzer Leib eine einzige Wunde war, voll gelber und roter eitriger Flecken, und sein Gesicht war bedeckt von Schrunden und Rissen und über seinem kleinen Schädel lag ein blutiger, ekelhafter Grind.

Da fuhr ihr tiefer Schmerz durch Herz und Seele und sie fühlte sich tief zur Erde gebeugt von der Last ihres Leibes, und müde, todmüde. Wieder brach Schweiß und eisiger Schauder aus ihrer ganzen Haut, und es war, als wollten ihr die Sinne schwinden.

Aber die Unmacht durfte nicht an sie kommen. Nein – da lag die arme ungeborene Seele und hinter ihr wartete wohl schon der Engel.

Voll Angst wollte sie zu ihm aufsehen, aber er war nicht da – nur der weite Fensterbogen strahlte auf sie nieder in himmlischer Klarheit und grenzenlosem Licht. Sie war ganz allein mit dem kleinen, kranken, häßlichen, sterbenswunden Kind.

Da beugte sie sich nieder über ihren zuckenden Leib, nahm das letzte der Laken und wusch das bresthafte Kindlein. Wusch es ab und tupfte leise und gütig auf all seine Wunden und auf einmal war es, als sei es ihr Kindlein, gerade dieses, dieses ihr Kindlein – und sie senkte in Tränen ihr Haupt und küßte es auf die grindige Stirn.

Und wie sie weiter wusch und tupfte und wischte, da schlossen sich die Wunden und seines Körperchens Haut ward weiß und glatt, und es tat seine gelbeitrigen Augen auf, und siehe, es waren große blaue Augen, und der rote, blutige Grind löste sich von seinem Kopfe und ein Scheitel voll kleiner schwarzer Locken kam hervor, und es war das schönste von allen den kleinen Seelenkindern.

Da liefen ihr die Tränen über das Gesicht und netzten das Liebe, daß sie zwischen ihre strotzenden Brüste legte und vergaß alles, wo sie war. – Bis sich eine Hand leise auf ihren Scheitel senkte – da sah sie mit glückweinenden Augen empor. Da stand hinter ihr die heilige Mutter Gottes, nahm ihr das Kindlein aus den Händen, hob sie empor, führte sie zum Fenster hinaus in die Herrlichkeit und ging mit ihr über eine Wiese, da die großen weißen Maßliebblumen blühten und führte sie bis in ihr Haus. Dort deckte ihr die heilige Mutter das Bett auf, hieß sie sich niederlegen mit einer Gebärde, setzte sich auf den Bettrand und breitete den Mantel ihrer Herrlichkeit über das Bette und beugte sich zur ihr und legte ihr das Kindlein an die Brust.

Dann sah sie ihr in die Augen mit der ganzen Liebe und dem stillen Ernst ihrer himmelsleuchtenden Augen bis ihr wieder Angst wurde von der Hoheit der Herrlichen. In Angst und Wehe zitterte sie und fühlte den schweren Mantel der Himmelskönigin auf ihrem hohen Leib, der drückte und preßte sie, daß ihr sehr enge ward in Schauder und Hitze und meinte sterben zu müssen. Denn die Todesangst war wieder an sie herangekommen.

Dann sank sie wieder in Unmacht dahin. –

Von einem wimmernden Stimmchen schrak sie empor.

Da war es Morgen.

Da stand an ihrem Bette ihr Mann. Er sah sie an wie einer, der aus dem Tode zum lebenden Tage erwacht.

Und daneben stand die Großfrau und hielt ein Bündel im Arm, so klein – ach so klein. Es war aber ein Bündel von den schönen zierlichen Sachen, die ihr ihr guter Mann gebracht in den letzten Wochen und Monaten. Und die Frau legte es behutsam neben sie ins Bett.

Und obwohl sie sehr schwach war, sah sie es. Es hatte ihre dunklen blauen Augen und sein schwarzes lockiges Haar.

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