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Die flammende Venus

Verschiedene Autoren: Die flammende Venus - Kapitel 2
Quellenangabe
typenarrative
authorVerschiedene Autoren
titleDie flammende Venus
publisherUniversal-Verlag
printrun1. bis 10. Tausend
editorReinhold Eichacker
year1919
firstpub1919
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150909
projectid313525a2
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Zum Geleite

Erotische Novellen? Wer mit dem Begriffe Erotik den Gedanken an frivole Liebesszenen oder an prickelnde Boudoirgeheimnisse verbindet, der wird durch die vorliegende Sammlung wahrscheinlich enttäuscht werden. Falsche Erziehung der Geschlechter, engherzige und philisterhafte Tyrannei der endlich entschlafenen Zensur, und geschäftliche Spekulation auf die niedrigsten Triebe des Menschen durch eine gewissenlose Kolportage haben es in holder Einmütigkeit seit Jahren dahin gebracht, daß wahre Erotik immer mehr aus der deutschen Literatur verschwand und sich als ihr »Ersatz« – zwar auf Hintertreppen, aber um so siegesgewisser – ihre mißratene Stiefschwester in die Bücherwelt einschlich: die Pikanterie. So gründlich hat dieser falschgeleitete Feldzug gegen wahre Erotik gewirkt, daß viele Leser Erotik und Pikanterie begrifflich nicht mehr zu trennen vermögen und erotisch nennen, was sie als pikant und lüstern empfinden. Sie suchen im Erotischen das Pikante oder verdammen im Pikanten das angeblich Erotische.

Erotik und Pikanterie haben zwei wesentliche Berührungspunkte: das Geschlechtliche. Aber wie das Geschlechtsleben fähig ist, den Menschen zum brünstigen Tiere herabzuwürdigen, oder zum Gott zu erhöhen, wie es die Macht hat, ihn dem Wahnsinn und dem Verbrechen entgegenzutreiben oder ihn zu den höchsten Leistungen des Genies zu beflügeln, ebenso ist auch das Geschlechtliche in der Literatur ein Chamäleon an Gestalt und an Wirkung. Es wechselt sein Aussehen ganz nach dem Geist seines Meisters. Es wird zur Zote im Munde des witzereißenden Schnorrers, zur lüsternen Pikanterie in den Anekdoten des Lebemanns (wie er nicht sein soll), zur Frivolität in dem girrenden Flüstern der Dirne und – zum berauschenden Kunstwerk in der Phantasie eines Dichters. Diese künstlerisch veredelte Erotik in der ganzen Vielgestalt ihres Wesens zu zeigen, soll die Aufgabe der »flammenden Venus« sein. Allein das künstlerisch gemeisterte Geschlechtsleben im Geiste eines vornehm-sinnlichen Schönheitskultes hat Anspruch auf den Namen Erotik. Nur wo die Sehnsucht des Menschen sich losreißt vom tierischen Triebleben und, über sich selbst hinauswachsend, nach göttlicher Vollendung des sinnlichen Ichs im Zweisein fleht, nur dort lebt Erotik. Erotik klingt aus dem ersten Seufzer erwachender Jugend, wie aus dem letzten Aufschrei verzweifelnden Alters. Erotik ist in der Träne des träumenden Schwärmers, wie in der Brutalität des nach Schönheit verdurstenden Blaubart. Erotik spricht aus dem jauchzenden Preislied des Dichters, wie aus dem Stammeln und Lallen des Wahnsinns. Erotik verirrt sich zur Seele der käuflichen Dirne, wie zum Herzen der Mutter-Madonna. Stets aber führt sie hinaus aus der Niederung brünstiger Triebe in ein Reich reiner, läuternder Sehnsucht. Die Wege dorthin mögen krumm sein, die Mittel verwerflich – das Ziel der Erotik ist immer die Schönheit! Ihr Zweck ist niemals die Aufpeitschung der Sinne, sondern ihre Läuterung, ihre Überwindung. Erotik ist Schönheit, ist Sehnsucht, ist Freude. Erotik ist Taumel, ist Rausch, ist Ekstase. – Erotik ist Glaube, ist Seele, – ist Andacht!

Andacht.

(Aus »Nächte der Venus«)

Ein roter Schleier sank auf unser Träumen – –
So kam die Nacht,
und deines Leibes Pracht
war vor mir ausgebreitet wie des Pilgers Teppich zum Gebet.
Aus deinen Brüsten stiegen Opferflammen
unsichtbar auf, und sehrten mir mein Blut,
und unsere Glut
schlug lodernd wie ein Feuermeer zusammen.
Zur Feier riefen uns der Sinne Glocken
mit süßer Macht,
und seliges Frohlocken
durchflutete des Tempels Nacht.
Du hobst den Kelch und reichtest mir die Schale
voll roter Lust,
und deine Brust
erbebte heiß im Feuer der Fanale.
In allen Adern war ein süßes Rufen –
»Trink!« sprach dein Mund,
»Genieße!« klang es nach –
Da sank ich stumm auf deines Altars Stufen,
und wie der Pilger, der zu Allah fleht,
starb ich vor dir im seligsten Gebet.

Dr. Reinhold Eichacker.

Tutzing am Starnberger See
Herbst 1919

Ein Auftakt

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