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Die flammende Venus

Verschiedene Autoren: Die flammende Venus - Kapitel 19
Quellenangabe
typenarrative
authorVerschiedene Autoren
titleDie flammende Venus
publisherUniversal-Verlag
printrun1. bis 10. Tausend
editorReinhold Eichacker
year1919
firstpub1919
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150909
projectid313525a2
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Der Tanz

Von Fritz Roßberg

Weich in die Sommernacht gebettet lag das Dorf. Schwarzblau, traumverwurzelt hockten die Häuserchen zwischen den Gärten.

Mattgelb ein Fenster, dahinter eine einsame Mutter im Gesangbuch liest. Ein Schnaufen im Stall, ein traumtiefes Glucksen im Brünnlein, ferner, hauchverwehter Gesang; tiefer und geheimnisreicher hüllte das schwarzblaue Schweigen ein.

In einer dunklen Hausecke standen Zweie und flüsterten.

Ein Paar ging durchs Dorf, die Arme um Rücken und Brust verschlungen.

Sie kamen vom Gasthaus, von »Schmidts« in Molmeck.

Dort war Tanz.

Der Baß dröhnte einen Brummgesang. Schneidig und herrisch fuhren ihm die Waldhörner über den ungeschlachten Mund, daß er aufbegehrte. Die Klarinette purzelte wie ein ausgelassener Kobold alle Stufen der Tonleiter hinunter und hinauf. Und die Fiedel jauchzte, daß die jungen Herzen in Weh und Seligkeit erzitterten.

Dampfend umschlangen sich die Paare. Grellrote Blusen leuchteten, tiefausgeschnitten. Die schwarzen Röcke bauschten weit, gaben die straffen, festen Beine und einen weißen Saum den Blicken preis.

Aneinandergepreßt, mit tiefem Ernst in den Gesichtern, drehten sie ihren Walzer »linksrum«; ein Sechsunddreißiger aus Halle, schmuck – blau, rot, blitzende Messingknöpfe – semmelblond, chassierte großstädtisch mit seiner »Dame«.

Ein Mädchen mit unsäglich breiten Lippen und unsäglich roten Händen, die Haare glattgeklebt, schwang ein kleines sommersprossiges, blasses Kerlchen.

Mitunter aber blitzten ein Gesicht, ein Körper voll wilder Schönheit auf, und edle Bewegungen machten das Herz stocken.

Arme, um den Hals geschlungen; Schenkel aneinandergepreßt; Gesichter, liebesrot, rinnender Schweiß.

Stocken einen Augenblick, »Solo stehen«; ein würdiger Alter kassiert eilfertig seinen Groschen.

Dann greinte die Trompete wieder, weich und rührend: »Ein Grenadier auf dem Dorfplatz steht.«

Die Mädchen, das nasse Tuch übers Gesicht führend, sanken auf die Stühle, die drüben in langer Reihe an der Wand standen. Am Schenktisch drängten sich die Burschen, durstig das Bier hinuntergießend.

Damenwahl. Hastig stürzten die Paare aufeinander los, rufend, schreiend, winkend.

Schieber. Sie schritten dahin. Ernst. Würdevoll. Sich vor- und rückwärts biegend; sich in den Hüften wiegend. Schneller; schneller. Die Geige ergriff sie; ein dunkler Drang riß sie hin, bis sie fortrasten in wirbelndem, vergessendem Taumel.

Trüb schwelte die gelbe Petroleumlampe in der Mitte des Saales aus dem schweren Brodem, der dick über den Menschenleibern lag.

Die Luft wurde drückender, unsagbar schwül; draußen zog ein schnelles Gewitter herauf.

Die Mädchen klammerten sich angstvoll an die Burschen, drückten sich in den Ecken des Saales, bis ins Innerste durchwühlt.

Unbekümmert schrillte die Musik; und unbekümmert wirbelten die Paare, in frevelndem Trotz.

Ein geller Schrei in der Mitte. Auf dem Boden lag ein Bursche in Krämpfen. Wild schlugen Füße und Beine um sich, blutiger Gischt schäumte um die Lippen, und der Kopf hämmerte in hartem, knirschendem Schlag auf die Dielen.

Wirbelnde Paare stürzten über den Körper.

Die Musik schrillte. »Bei Sedan auf den Höhen.«

Einige Burschen packten den um sich Schlagenden und trugen ihn hinaus.

Vergessen.

Heißer, verlangender umschlangen sich die Paare.

Blau und gelb zuckte durch die Fenster der Blitz.

Karl Hutig war zur Tür hereingetreten und schaute finster und bitter in das Treiben.

Seine Blicke suchten.

An dem schwarzäugigen Polenmädchen blieben sie hängen, das sich lachend mit dem großen, starkknochigen Steiger drehte, dessen Hände mit prahlerischen Ringen bedeckt waren. Er versuchte im Tanz sein Gesicht an das ihre zu bringen. Lachend, neckisch bog sie es immer wieder zur Seite.

Walzer. In tiefem Brustton grollte der Baß.

Gertenschlank und gleitend, heiß und blühend war das Mädchen. Eng umschloß das schwarze kurze Kleid den biegsamen Körper; leuchtendweiß Brust und Nacken freilassend.

In ihren Augen glühte etwas von der Süßigkeit, Schwermut und Wildheit Chopinscher Musik.

Berta Semorad.

Der Tanz war zu Ende. Das Mädchen wollte sich auf die seitlichen Stuhlreihen setzen. Der Steiger führte es an einem Tisch vorüber, an dem Grubenbeamte saßen.

Lauter Jubel empfing die »schwarze Berta«.

Einer füllte ihr ein Glas roten Wein.

Mit dem Stolz einer Königin führte sie es an die Lippen. Ein Blitzen des Auges nur dankte.

Sie war aus dem Holze, aus dem die großen Courtisanen geschnitzt sind.

Karl Hutig stand hinter ihr.

»Berta.«

Sie wand sich um, erschrak leicht, dann perlte ihr betörendes Lachen.

»Tanz mit mir.«

»Ich mag nicht.«

»Doch.« Ihre Stimme war wie ein Glockenruf in Waldesnacht, ihre Lippen rotblutende Granatblüten.

Sie zog ihn an sich.

Am Steigertische höhnte einer.

»Was willst du bei dem Lumpen? Der kann dir kaum dei Glas Gefaches bezahlen; bei uns jibbt's was Echtes!«

In seliger Heiterkeit sang die Geige.

Karls Hand lag auf dem Ausschnitt ihres Nackens; er fühlte ein Strömendes, Jagendes, Glühheißes unter der weißen Haut; ihr Blut küßte das seine.

Sie gingen hinaus.

Er hatte den Arm um sie gelegt; sie lehnte den Kopf an seine Brust und plauderte leicht und lachend.

Samtene schwarzblaue Mitternacht.

Schlafend Molmeck und Hettstedt.

Ein weicher Mantel umhüllte die Hütten und Schachteingänge.

Das Gewitter war vorübergebraust, ohne Regen zu bringen.

»Berta, laß dich nicht mit dem Steiger ein; ich erwürge ihn – – und dich.«

»Und mich? Was tat ich dir?«

»Berta ...«

Tief in seiner Brust klang ein Stöhnen, ein Aufschluchzen wühlender Qual, namenlos weh.

Das Mädchen durchschauerte es; es blieb stehen und schmiegte seinen zitternden, heißen Körper an den des Mannes. Als Karl es küßte, schloß es die Augen und taumelte.

Stare plusterten in den Kirschbäumen.

Das hohe Gras duftete.

Beide lagen im Gras.

Margeriten blühten und blauer Rittersporn.

Eine Linde strömte süßen Duft. Ein Blatt fiel in Bertas Schoß; tiefgrün, drei, vier blaßgrün-rosenrote Spelzchen keimten auf ihm.

Eine Nachtigall lockte bang.

Karl hielt Bertas Kopf an seiner Brust.

Seine Hand glitt über ihren Körper.

Mit zitternden unruhvollen Fingern löste er die enganliegende Bluse, ihre knospenden Brüste leuchteten; wie blaßroter Klee war ihr Duft.

Der schlanke, blühende Körper wand sich und wich erschauernd zurück; die Arme wehrten leicht und zogen die Brust des Mannes fester an sich. Die brennenden Lippen suchten dürstend den anderen Mund.

Der Strahlenkranz der Sterne blühte über ihren Häuptern.

Im Busch gluckste matt und traumverloren ein Vogel.

– – –

Berta war eingeschlafen.

In leichten, ruhigen Atemzügen hob sich die Brust.

Still und ernst sah Karl Hutig in das liebesmatte, liebesblasse Gesicht.

Gen Morgen glomm ein heller Streifen auf. Stahlblau schimmerte das Korn. Feuchte Kornblumen, blau, – ein tiefer, weiter See.

Ein Kuckuck im Walde.

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