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Die flammende Venus

Verschiedene Autoren: Die flammende Venus - Kapitel 18
Quellenangabe
typenarrative
authorVerschiedene Autoren
titleDie flammende Venus
publisherUniversal-Verlag
printrun1. bis 10. Tausend
editorReinhold Eichacker
year1919
firstpub1919
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150909
projectid313525a2
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Freude

Von Fritz Müller

Die Kratina war erste Tänzerin der Kammerspiele. Die Kammerspiele waren für die feine Welt. Die feine Welt war von der Kratina begeistert.

»Diese Anmut!« sagte der Reichsgerichtsrat.

»Diese vornehme Temperiertheit!« sagte Fräulein von Niefelheim.

»Und dabei soll sie ganz von unten her –,« hüstelte der alte Reichsfreiherr, »unter uns: Vater unbekannt – Mutter Mörtelträgerin oder so was – komisch, welche Mörtelwege das Talent oft geht.«

»Talent?« wendete der Kritiker des Tageblattes ein, »was heißt Talent, wenn der Gottesfunke des Genies nicht überspringt.«

»Herr Doktor, wenn Sie uns die Kratina verekeln wollen, so –«

»Verekeln? Ich vergleiche nur –«

»Womit?«

»Mit einer Tänzerin im Blauen Krokodil, die –«

»Blaues Krokodil? Ist das nicht die Vorstadtbude, wo –?«

»Kinder, unser guter Doktor wird geschmacklos. Jetzt vergleicht er gar die Kammerspiele mit dem Tingeltangel, wo die Hefe –«

»Bitte sehr, ich vergleiche Kunst mit Kunst, Örtlichkeiten sind mir wurst«, sagte der Kritiker trocken.

»Nu nu,« begütigte der Intendant der Kammerspiele, »unser Doktor pflegt nichts ohne Grund zu sagen – ich bin dafür, daß unser kleiner Zirkel mal inkognito ins Grüne Krokodil – oder war's 'n blaues, lieber Doktor ...«

Der Kutscher des Reichsgerichtsrats war nicht schlecht erstaunt, als er mit seiner verschlissensten Stallhose herausrücken mußte: »Nur leihweise, Johann«, lächelte sein Herr und zog sie wahrhaftig an.

»Sie haben aber auch gar nichts – nichts Volkstümliches in Ihrer Garderobe,« kritisierte die von Niefelheim die Zofe, in deren Koffer kramend, »lassen Sie mal unsere Milchfrau zu mir bitten.«

»Taugt alles nichts, mein Bester«, hüstelte der alte Freiherr in der muffigen Maskenverleihanstalt. – »Entschuldigung, Herr Baron – nicht gefaßt – mitten im Sommer – Auswahl naturgemäß beschränkt – aber vielleicht dieser eklatant malerische Lumpenanzug –.« – »Hm, ganz nett, nur nicht – nicht echt genug, Verehrter.« – »Echt? Aber Herr Baron wollen doch nicht im Ernste –?« – »Studienhalber, mein Bester, nur studienhalber.«

Dann saßen sie zu viert in einer dunklen Ecke des Blauen Krokodils. »Kinder,« flüsterte der Intendant, »mit der Kleidung stimmts soweit, jetzt nur das Maul geschlossen halten, sonst fallen wir doch noch aus dem Rahmen – heißt das, Sie, meine Herrschaften – ich spreche Dialekt, wenn's sein muß – was hast g'sagt, Depp, damischer!« »Ihren Mauererdreck hätten Sie zu Hause schon abbürsten dürfen!« rief ein Kutscher aus der anderen Ecke.

»Fürs Krokodil wirds wohl gut genug sein!« trumpfte der Intendant hinüber.

»Für gewöhnlich schon, aber heut ist Mittwoch.«

»Mittwoch oder nicht, ich pfeife –«

»Schämen sollten Sie sich – Mittwoch und Samstag tanzt doch sie – schauen Sie hinüber, wo vom Tageblatt der Kritikdoktor sitzt – der versäumt sie nie – der ist immer da – ohne Schreiberkittel – ohne Tintenspritzer drauf, Sie ausg'schaamter Kalkbaron!«

Kalkbaron? Den Intendanten riß es. War er erkannt, trotzdem der Regisseur versichert hatte, der Kalkdreck wäre echt? »Ich bring' Ihnen eine Bürste mit das nächstemal, wenn sie wieder tanzt und –«

»Sie? Wer ist sie?« wagte der Intendant.

»Ja so,« sagte der Schlossergeselle besänftigt, »wenn Sie sie noch nicht kennen, dann freilich –«

»Wen denn?«

»Die Freud halt, unsre Freud, die –«

»Bscht, bscht,« machte es von mehreren Seiten, »bscht, die japanischen Tellerwerfer!«

»O jee, deretwegen!«

»Bscht, bscht«, bei jeder neuen Nummer, und dann immer wieder: »O jee, deretwegen!« bei den mexikanischen Drahtseilkünstlern, bei den tirolischen Kunstpfeifern, bei den musikalischen dummen Augusts. Der übliche Beifall, das übliche Vergnügen bei den üblichen Nummern, Oberfläche das eine und das andere.

Auf einmal Stille. Kein Bscht mehr. Erwartungsvolles Schweigen. Hartgereckte Hälse. Die Werkeltagsgesichter aufgeblättert: Herr, wende mich, ich bin bereit. Der schreiende Vorstadtvorhang rauscht fast feierlich. Nein, es ist erst der Direktor. Ein wenig schmierig, wie immer. Aber feierlich auch er: »Ich habe die Ehre, einem verehrlichen Publikum mitzuteilen, daß in der nächsten Nummer –«

»Die Freud!« sagt aus dem Dunkel eine schlichte Stimme.

»– daß in der nächsten Nummer«, hebt blumenreich der schmierige Direktor wieder an, »die geschätzte Attraktion unseres Musentempels –«

»Die Freud!« sagt eine andere Stimme aus dem Dunkel.

»Die Freud ... die Freud ... die Freud ...« flüstert's, ruft's, schrillt's, wogt auf, ebbt ab, verklingt und schweigt, und füllt im Schweigen noch den ganzen Raum, wie ein stilles Auge nicht nur sein kleines Bett, sondern ein ganzes Zimmer füllen kann.

Auf einmal steht sie auf den Brettern. Herausgeblüht aus ihnen, nicht hereingekommen aus Kulissen. So treibt der Stadtasphalt im Sommer manchmal eine Blase aus der Tiefe. Aufbrechend schaut dir plötzlich eine Rose ins Gesicht. Weiß kein Mensch, woher sie kam. Weißt nur, wohin sie treibt: durch dich durch.

Fräulein von Niefelheim wunderte sich: »Schlichtheit, alle Achtung, aber als Fabriksmädel angetan zu tanzen, na, ich muß sagen –«

»Nichts sagen – schauen!« mahnte der Reichsgerichtsrat.

»Schauen?« flüsterte kritisch der Baron. »Was ich sehe, ist 'n hölzernes Gesicht und –«

»Sie soll ja eine Maske tragen, sagt der Doktor«, warf der Intendant ein.

Sie stand noch immer unbeweglich auf den Brettern, als besänne sie sich. »Kinners,« machte ungeduldig der Baron, »ich glaube, der Doktor hat uns reingelegt – aha, jetzt scheint sie doch herausgefunden zu haben, daß sie fürs Tanzen da ist.«

»Tanzen? Ist das Tanzen ...«

Sie lief über die Bühne, wie Ladenmädels nach Feierabend aus dem Warenhaus, schlenkernd, trippelnd, ein wenig mit den Armen fechtend: Ha, endlich ... Dann auf einen kleinen Schnaufer stehenbleibend: Ha, frei, frei ...

Und dann fing sie zu tanzen an im Werkeltagskostüm und mit der starren Maske. Tanzen? Nein, erst war es nur ein Stolpern eingerosteter Gelenke. Dann ein Verwundern müder Glieder, daß sie überhaupt noch gehen konnten. Jetzt ein Schreiten. Dann ein Laufen. Darauf ein Wiegen in den Hüften. Ah, aus den Lenden wuchs etwas heraus, rankte um die Büste, lief die hochgestreckten Arme hoch, züngelte pfingstwunderig aus den Fingerspitzen in den Zuschauerraum hinein und steckte an: Die Freude.

Was weiter auf der Bühne war, ist nicht beschreibbar. Hinter einer Tanzbegnadeten herzulaufen, um armselige Worte ans armselige Gewändchen mit armseligen Stecknadeln anzuheften, derweil es ringsum sproßt von Freude – nein, nur das nicht. Ja, Freude. Ob sie ging, sich drehte, hüpfte, schleifte, stillstand oder wirbelte, immer war's, als regneten ihr Blumen in die offene Ladnerinnenschürze, als würfe ihr von unten her die Erde aus jedem Taktmaß auch noch Blumen in die Schürze, und als schüttete sie die immer neugefüllten Schürzen voll ins Publikum: Nehmt, so nehmt doch, nehmt, wonach ihr sucht, was ihr entbehrt in Läden, an Maschinen ...

Und sie nahmen. Herrgott, wie sie nahmen. So trinken Schmachtende. So pflücken Liebende lange vorenthaltene Küsse von der Liebsten Lippen; Freude, Freude, gibt's überhaupt noch etwas in der Welt, was keine Freude ist – Kinder, Kinder, freut euch, freut euch doch ...

Und sie freuten sich. Dem Blödesten da unten, dem von der Tagesfrohn Zerhämmertsten war's klar, warum die Begnadete da droben keinen bürgerlichen Namen hatte, warum sie nur die Freude hieß, schlechthin die Freud.

Wußte keiner, wie lang der Tanz da droben dauerte. Ist Freude lang, ist Freude kurz? Wer Antwort weiß, hat sich nicht voll gefreut. Was sie da drunten wußten, war nur, daß im Höhepunkt geschenkter Freude – da wo sie schon fast weh tut – die Tanzende da droben plötzlich eingeschluckt war, niemand weiß wohin, jeder weiß nur: Durch mich durch ist sie gegangen, meine Brust hat sie mit ihrem Tanzschritt ausgeweitet, ja, meine Brust vor allen ... Und dann: Stadtasphalt ringsum herinnen und draußen eine späte scheppernde Straßenbahn, Zeit ist's, Kinder, heimzugehen, morgen heißt es früh heraus zu euren Läden und Maschinen, und vergeßt auch nicht, euch eine von den Blumen in das Haar zu stecken, ob's eurem Griesgramverstand recht ist oder nicht ...

Der Kritiker vom Tageblatt erwartete die vier in einem Seitengäßchen: »Nun, was sagt ihr?«

Sie sagten nichts zunächst. Sie drückten ihm die Hand. Sie fanden nach und nach erst Worte.

Das zerfältete Gesicht des Reichsgerichtsrates arbeitete sich aus einem Aktenmeer zum Sönnchen einer Gaslaterne, als er jetzt den Kopf hob: »Doktor, mir war, als wär' ich wieder jung, ganz jung ...«

Das wissende Gesicht des Freiherrn war ausgelöscht. Ein Verwunderter blinzelte ins Gaslicht: »Aber Doktor, daß es so was gibt, das hab' ich nicht gewußt ...«

Fräulein von Niefelheims korrektvergrämtes Antlitz aber war tränenübergossen, ohne es zu wissen: »Doktor, Doktor, was hat unsereins all die Jahre her entbehrt ...«

»Euereiner?« sagte der Doktor lächelnd. »Euereiner hat's, weiß Gott, doch gut gehabt, soviel ich weiß: Geld genug, Wohlanständigkeit genug, genug Gesellschaftsfreuden und –«

Alle dreie schüttelten stumm den Kopf: Nein, was Freude ist, das wissen wir erst jetzt.

Der Intendant aber war in der Zwischenzeit aufgeregt zwischen einer Gaslaterne und der anderen hin und her gelaufen. Jetzt pflanzte er sich dem Doktor explosionsreif unter die Nase: »Unsere erste Tänzerin, meine Kratina, ist eine – eine Puppe gegen die!« explodierte er.

»Nun, nun, auch sie gibt Kunst, edle Kunst, Herr Intendant.«

»Ach was, Kunst! Freude will, Freude ist es, was wir alle brauchen. Herrgott, was die konnte heute abend! Noch dazu mit einer Maske. Wenn die erst ihre Maske abgetan –«

»Darin irren Sie. Die Menschen von heute müssen lächeln, immer lächeln. Schauderhafte Vorschrift wohlerzogener Menschen. Gilt bis unter die Mansardenwohnung heute. Alles zerlächeln sie, das Kleine und das Große, den Schmerz, die Freude – zerlächelt und verwüstet tanzen die Gesichter über unseres Lebens Bühnen. Wenn ich die Maske von heute abend recht verstehe, so –«

»Ah, die wahre Freude rettet sich von verlogen lächelnden Gesichtern in Arm' und Füße, in den Tanz – ja, ja, das ist es – aber nicht allein – da ist noch eine Gnade, die einer nie erlernt – die aus der dunklen Tiefe verhärmten Volkstums aufsteigt – die Kratina wird's nie verstehen –«

»Obgleich sie's eigentlich doch sollte,« hüstelte der Baron nachdenklich im Gehen, »unter uns: Vater unbekannt – Mutter Mörtelträgerin oder so was –«

»Ja, ja,« unterbrach ihn die von Niefelheim ungeduldig, »das sagten Sie schon früher.«

»So, sagt' ich das? Gut also, dann wird die andere wohl von einer Königin das heimliche Kind –«

Der Intendant war stehengeblieben und zeigte auf offene Fenster im ersten Stock: »Da droben wohnt sie.«

»Wer – wer – wer?« ging es durcheinander. »Die Freud?«

»I wo, die Kratina. Ich hätte gute Lust, ihr an diesem Steinchen ins Zimmer einen Zettel zu werfen: Stümperin, nimm dir an der Freud ein Beispiel

»Bscht, ich glaub', dort kommt sie heim –«

»Gut, dann kann ich ihr gleich mündlich –«

»Herr Intendant, Sie werden doch nicht – es ist nachtschlafende Zeit, und außerdem ...« Sie zogen ihn in eine Wageneinfahrt gegenüber.

Drüben huschte eine Gestalt zur Tür. Ehe sie den Schlüssel hob, schaute sie ein wenig scheu die menschenleere Straße hinauf, hinab –

»Es ist die Kratina«, flüsterte es in der Wageneinfahrt. Da fiel Laternenschein auf ein Gesicht. Da nestelte eine Frauenhand an einer vorgebundenen Maske –

»Nein, es ist – es ist –«

»Unsinn, die Kratina ist's!«

»Nein, nein, die Freud!« gab der Doktor leis und heiser zurück. »Ich kenne doch die Maske und –«

Die Maske drüben fiel. Aus der Freude schälte sich die Kratina. Der Schlüssel klirrte. Es schlug eine Tür. Totenstille. Fünf Menschen in einem Torweg sahen sich starr an. Der Intendant schlug sich vor die Stirne. Die anderen Herren schüttelten immerzu den Kopf. Die von Niefelheim fand das Wort als erste wieder: »Herr Intendant, wir werden ihr sagen müssen, daß das Publikum der Kammerspiele die wahre Freude bitter nötig hat, noch nötiger als – als das Blaue Krokodil.«

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