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Die flammende Venus

Verschiedene Autoren: Die flammende Venus - Kapitel 16
Quellenangabe
typenarrative
authorVerschiedene Autoren
titleDie flammende Venus
publisherUniversal-Verlag
printrun1. bis 10. Tausend
editorReinhold Eichacker
year1919
firstpub1919
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150909
projectid313525a2
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Mademoiselle

Von Kurt Münzer

»Mademoiselle,« sagte die achtjährige Adelgunde klagend, »was ist das? › poumon‹?«

»Mademoiselle,« rief die neunjährige Antonie, »das habe ich noch nie gehabt! › soûl‹! › Il était soûl‹!«

» Mais votre vocabulaire!« sagte Mademoiselle ganz benommen.

»Es steht nicht drin!« riefen beide Schwestern gleichzeitig.

» Je vous en défie bien!« sagte Mademoiselle und griff nach dem Wörterbuch.

Da trat der dreizehnjährige Eduard in die Tür und fragte leise:

» S'il vous plait, mademoiselle, qu' est ce que ca? ›Les pâturons du cheval‹

»Kommt der Junge auch noch!« dachte das Fräulein, wandte sich mürrisch um und gab die Übersetzung.

Eduard trat zurück. Er war groß und hager, zu schnell gewachsen, sehr blaß, mit einem empfindlichen Mund und unruhigen Augen.

Eine Uhr schlug hell viermal. Und sofort ertönte vom Ende der Zimmerflucht her durch alle offenen schwarzen Schiebetüren die Stimme der Justizrätin.

»Mademoiselle! Vier Uhr! Bitte die Klavierlektion für Eduard. Um fünf soll er mich zu einem Besuch begleiten, und Sie können dann mit den Mädchen nachher weiterarbeiten.«

Das Fräulein stand verdrossen auf und ging hinüber in das schwarze Musikzimmer. Schon hob Eduard den Deckel des Steinways auf, und noch ehe Mademoiselle neben ihm Platz genommen hatte, begann er schon seine Tagesübungen mit langen dünnen weißen Fingern. Sie stelzten wie Riesenspinnenbeine über die Klaviatur, verwickelten sich, lösten sich, stolperten auf und nieder. Dem Fräulein sanken langsam die Augen zu.

»Bitte,« rief die Justizrätin von nebenan herein, »es ist genug, Eduard. Diese Fingerübungen sind einfach unerträglich. Spiele doch mit Mademoiselle vierhändig, jene Sache von Beethoven, die ihr neulich übtet. Eine Symphonie, nicht wahr?«

Mademoiselle langte nach dem Beethovenband. Sie schlug die Symphonie auf, legte das Heft auf das Notenpult und setzte sich neben Eduard zurecht.

»Erste, zweite, drit–te –,« begann sie und schlug an. Aber Eduard ließ plötzlich die Hände sinken und sagte, ohne das Fräulein anzusehen.

»Heut.« sagte er leise, »heut sprach der Brunner aus der Obersekunda mit mir, der einmal Klavierkünstler werden will. Ich erzählte ihm, daß wir diese Symphonie spielten, und da nannte er sie die Schicksals-Symphonie. Diese ersten Noten, sagte er, bedeuten: so klopft das Schicksal an die Pforte.«

Und er schlug die Töne an und summte leise dazu:

»So klopft das Schick–
sal an die Pfor–te.«

»Natürlich«, sagte Mademoiselle gedankenlos. Gott weiß, wo ihre Gedanken waren.

»Nun?« rief die Justizrätin von nebenan, und man hörte ihre Zeitung rauschen. »Was gibt es denn?«

»Erste, zweite«, zählte das Fräulein.

Und endlich klopfte das Schicksal an, und das große Motiv des Unabwendbaren entfaltete sich aus dem Steinway in unaufhaltsam schwellenden Harmonien.

Es ging nicht gerade glänzend. Eduard mochte wohl der Symbolik der Töne nachgrübeln, und das Fräulein hatte wahrscheinlich ihre Gedanken noch immer nicht gesammelt. Nein, sie vermochte sich nicht vom blauen Glanz des Genfer Sees loszureißen. Seit Monaten schon, seitdem sie in dieser großen, kalten deutschen Stadt schmachtete, ging sie nur noch wie eine Traumwandlerin umher, sprach alles unbewußt und lebte nur in jener noch gar nicht so fernen Zeit ihrer freien Jugend.

Fünfzehn Jahre war sie alt gewesen, als sie, eine plötzliche Doppelwaise, aus ihrer Heimat nach Veytaux übersiedelte, zu ihrer alten Tante. Und dort war sie eines schönen goldenen Septembertags nach Schloß Chillon gegangen, hatte sich einer großen Gesellschaft fremder Reisender angeschlossen und mit dieser das Schloß besichtigt. Neben ihr ging ein junger, ein sehr junger Herr, ein Deutscher mochte es sein, oder vielleicht ein Däne, ein Schwede. Sie wußte nie, welchem Volke er angehörte, denn er hatte nicht mehr als drei holde Worte zu ihr gesprochen. Es war so gekommen, daß sie die letzten waren, als man durch die finsteren unterirdischen Gefängnisse des Schlosses tappte und den Weg nach oben suchte. Und plötzlich stand sie mit dem jungen Mann allein unten, hinter einem zerbröckelten Pfeiler, unter dem niedrigen Gewölbe. Vor ihnen verhallten die Stimmen der anderen, schienen verschlungen zu werden von der Finsternis, von der klaffenden Erde. Und in diesem Augenblick, wo sie ihr Herz schlagen hörte, zog der junge Mann sie an sich, hob sie zu sich empor, küßte sie mit offenen Lippen auf ihren offenen Mund, und die Glut seiner Hände fuhr wie Feuer über ihren Leib.

» Ma douce colombe,« sagte er in ihren Mund hinein, » ma douce colombe.« Nichts weiter. Und hielt sie hoch über der Erde, daß sie meinte, das Gewölbe über ihr öffnete sich und getragen von warmen Armen, schwebte sie aufwärts.

Als sie aber das Schloß verließ, über die Zugbrücke ging und die Straße nach Teritet betrat, war er verschwunden. Sie wußte nicht, wo er geblieben war. Sie sah ihn niemals wieder. Aber sie vergaß ihn nie. Und wenn sie vielleicht auch ihn selbst vergaß, wenn sein eigenes Bild sich ihr verwischte, so blieb doch unauslöschlich in sie eingegraben die Spur seiner Küsse und Hände. Aber nicht ihre Lust war geweckt, sondern nur ihre Neugier, eine lasterhafte, backfischhafte, wühlende, jeden Schlaf verstörende Neugier.

Als sie achtzehn Jahre geworden, ein Examen abgelegt und auch noch ihre Tante verloren hatte, nahm sie eine erste Stellung als Gouvernante an. Aber erst in ihrer zweiten, mit fast zwanzig Jahren hatte sie das erste jener Erlebnisse, um derenwillen allein vielleicht sie ihren gleichzeitig bürgerlich sanktionierten wie im Grunde abenteuerlichen Beruf erwählt hatte. Sie war mit einer französischen Familie nach Wiesbaden gegangen, und dort im Kurhaus, im Muschelsaal, bei Betrachtung der Fresken, machte sie die Bekanntschaft eines nicht mehr jungen, aber schönen kräftigen deutschen Offiziers. Zwei Tage später schon, als ihre Herrschaft im Konzert war und das ihr anvertraute kleine Mädchen schlief, besuchte sie den Offizier auf seinem Zimmer im Hotel. Er war ihr gegenüber von jener ebenso nervenschädlichen wie gentlemanhaften Vorsicht, die sie auch später immer nur bei Deutschen gefunden hatte: sie verließ ihn, wie sie gekommen war, als Jungfrau. Und doch hatte ihrer Liebesstunde keinerlei Unvollkommenheit angehaftet. Aber in wunderlicher Art hatte sie die Erfüllung ihrer Wünsche hingenommen, sie hatte sich nicht dem Rausch der Lust hingegeben, sondern voller Angst, etwas versäumen, übersehen, vergessen zu können, nur mit kalt fiebernder Neugier alle Stadien der Erregung verfolgt, die Lösung des großen Geheimnisses beobachtet und ihrer eigenen Hingabe beigewohnt wie einem Experiment am Phantom ...

Und so war es immer geblieben. Die Empfindung der Lust war ihr versagt; aber sie hatte eine fast krankhafte Gier nach dem Geheimnis des Mannes. Da sie nicht mit Gefühl, sondern nur mit Verstand als objektive Beobachterin wahrnahm und aufnahm, bekam sie Verständnis für die Nuancen des Mannes. Der eine war ihr nicht wie der andere. Sie begriff, daß die Treue der meisten Frauen ihre Ursache nur in der Annahme hatte, daß die Liebe der Männer doch immer die gleiche sei, und es überflüssige Gefahr wäre, vom Manne zum Liebhaber zu laufen, um bei diesem schließlich doch nur ganz dasselbe zu finden wie im Bette zu Hause. Aber das waren jene Frauen, die im Taumel ihrer Sinne nichts weiter wahrnahmen als den Schauer ihrer eigenen Nerven. Nur sie allein, Herrin ihrer Nerven, vermochte feinschmeckerisch die erotischen Varianten der Männer zu erfassen. Und sie tat es mit einem Genuß, der dem der Sinne sicherlich gleichkam, es war Forscherglück und Entdeckerseligkeit, was sie empfand. Sie fühlte sich hoch erhaben über die sinnlich erregbaren und empfindenden Frauen wie ein Gelehrter über Künstler.

Aber sie war gewitzt genug, die Männer über ihre eigene fühllose Teilnahme am Liebesakt zu täuschen. Sie hütete sich, ihren Standpunkt preiszugeben, und heuchelte eine verzückte Hingabe, um nicht durch den Schein ihrer Beobachtung dem kämpfenden, brünstigen, balgenden Manne die Unbefangenheit, Unerschrockenheit und Impulsivität seiner Energieäußerungen zu nehmen.

»Wahrhaftig,« sagte die Justizrätin nebenan, als der erste Satz der Symphonie mit einem diskreten Mißklang infolge eines zweifachen Falschgriffs von Fräulein und Knaben endete, »wahrhaftig, dieser Beethoven war wirklich ein Genie. So lange tot und klingt geradezu modern. Diese Disharmonien haben sozusagen Richard Strauß vorgeahnt, und ich finde, dieser Strauß ist bei weitem nicht so originell, als es den Anschein hat. Dieser auseinanderklingende Schluß dieses Satzes zum Beispiel geht ja fast über Strauß hinaus. Er klingt wie eine Frage. Nun, jetzt kommt wohl die Antwort. Ein Scherzo, wie? oder ein Adagio? Was, Eduard?«

Aber Eduard sann noch immer den ersten vier, acht Tönen nach, und in seinem Kopf klangen, wie mit großen Hämmern an seine Stirnwand geschlagen, die geheimnisvollen, tief orakelhaften Worte nach:

»So klopft das Schicksal an die Pforte ...« –

Um sieben Uhr abends zog sich Mademoiselle um. Sie stand in ihrem nie verschlossenen Zimmer – es war ihr Prinzip, ihr Zimmer in Hoffnung auf Irregehende nie abzusperren – am Waschtisch mit herabgelassenem Hemd, und betrachtete zärtlich ihre bräunlich knospenden elfenbeinfarbenen jungen festen Brüste. Sie suchte auf ihnen die unsichtbaren Spuren so mannigfacher Liebe. Ein Panorama verzückter, leidenschaftlicher Männerköpfe zog an ihr vorüber. Und als die Reihe verschwunden war, träumten ihre Augen weiter von hundert noch unbekannten. Wie eine heidnische Nimmersatte Göttin der Lüsternheit, dachte sie von sich selbst. Sie verschmähte keinen. Wie einem ausgehungerten Hund war ihr jede Speise recht, selbst am Kot hätte sie sich vergreifen mögen. Jünglinge, Männer und Greise hatte sie kaltblütig erforscht, hatte das Geheimnis ihrer Liebe seziert. Aber die Folge ihrer kühlen Neugier war eine schnelle, oft plötzliche Gleichgültigkeit für den Mann, wenn auch nicht der eine den anderen, so wiederholte doch jeder sich selbst immer wieder. Und einmal hinter sein körperliches Geheimnis gekommen, hatte sie weiter kein Interesse mehr für den Mann. Ihre Hingabe bedeutete fast immer zugleich den Abschied.

Sie strich sanft über ihre Brüste, über den Leib, entblößte die Hüften – da klopfte es leise.

Eines der Mädchen, dachte sie, antwortete nicht und beobachtete nur durch den Spiegel, vor dem sie stand, die Tür. Sie sah, wie die Klinke sacht niedergedrückt wurde, ein Spalt sich ein wenig öffnete und plötzlich heftig erweiterte, als gäbe eine kraftlose Hand nach, und sie erblickte in der dunklen Öffnung das leichenfahle Gesicht des dreizehnjährigen Eduard.

Sie rührte sich nicht, nur ihre Brüste bewegten sich sacht. Unverwandt blickte sie im Spiegel auf das Gesicht des Knaben, das immer weißer wurde. Nichts Lebendiges mehr hatte dieses Knabengesicht, in dem die Augen wie zwei schwarze Feuer glühten.

Mademoiselle hatte Herzklopfen. Ein unverhofftes Abenteuer von unbekanntem sonderlichen Reiz! Ein Knabe von dreizehn Jahren, kein Kind mehr und kein Jüngling noch, auf der Schwelle vom Ahnungslosen zum Bewußten, die Unschuld selbst, die Reinheit und Keuschheit, kein Kenner des Geheimnisses, vielleicht auch nicht einmal sein Ahner ...

Vielleicht war nicht mehr als eine Minute verflossen. Aber als Mademoiselle aus ihren Gedanken zurückkehrte und sich zum Spiegel vorbeugte, fand sie darin die Tür verschlossen, als ob sie nie geöffnet gewesen wäre.

»Wie?« dachte sie. War er es gar nicht? Habe ich geträumt? Oder steht er jetzt draußen am Schlüsselloch und sieht herein?« Und mit schnellem Griff löste sie eine Schnalle, zwei Bänder und trat aus ihren fallenden Gewändern schlank, braun und fest wie eine neu erstandene Venus. –

Beim Abendtisch war das blasse Gesicht des Dreizehnjährigen nicht zu enträtseln. Er saß neben Mademoiselle, den Eltern gegenüber. Die beiden kleinen Mädchen schliefen schon.

Der Justizrat erkundigte sich bei Mademoiselle nach den Fortschritten Eduards im Französischen. Mademoiselle legte einen Augenblick mütterlich überlegen ihre Hand auf den fortzuckenden Kopf des Knaben und lobte ihn eindringlich.

»Ich werde als Primus nach der Sekunda kommen«, sagte Eduard leise.

Das Fräulein schob langsam ihren Fuß an den Eduards heran.

»Gott, Eduard,« rief die Justizrätin, »was ist dir?«

Eduard schluckte, er rang nach Luft, seine Arme zitterten. Mademoiselle zog schleunigst ihren Fuß zurück.

»Verschluckt«, stammelte der Knabe heiser, tonlos.

»Trink, trink!« rief die Mama, selbst atemlos. »Klopfen Sie ihn doch auf den Rücken, Mademoiselle!«

Und Mademoiselle klopfte sanft, zart, streichelnd und fühlte einen Knabenrücken unter ihrer Hand beben wie unter elektrischen Schlägen.

Eine halbe Stunde später sagte die Justizrätin:

»Bitte, Eduard, spiele doch einmal mit Mademoiselle Papa jene Symphonie vor, die so modern anmutet und dennoch von Beethoven ist. Gehen Sie, Mademoiselle. Und du, Adolf, lege die Zeitung weg und höre zu.«

Mademoiselle saß neben Eduard und sah auf das Notenblatt.

»Bitte«, flüsterte der Knabe.

Sie begann. Aber Eduards Finger stießen an die Hand des Mädchens; sie waren kalt wie Eis.

»Was haben Sie eisige Finger, Eduard,« sagte Mademoiselle, »haben Sie kalt?«

Gerade schwoll das Schicksalsthema in allen Oktaven an, da sank Eduard zur Seite, an die Schulter Mademoiselles, ließ die Hände von den Tasten gleiten und flüsterte erstickt:

»Ich habe Sie gesehen – –«

»Nun!« rief die Justizrätin hinein. »Was habt ihr denn? Das war doch nicht jener so pikante Schlußeffekt?«

Von neuem klang das geheimnisvolle, strenge, drohende Motiv auf. Unvorgeschriebene Dissonanzen erhöhten seine Schauerlichkeit. Die Justizrätin saß zurückgelehnt im Lederdiwan mit einer Miene, als hätte sie selbst diese so modern anmutende Symphonie komponiert oder wäre es zumindest selbst, die sie da so glänzend exekutierte.

»Ich weiß nicht«, sagte aber da ihr harmloser Gatte. »Mir klingt es mehr falsch als sozusagen pikant.«

»Adolf,« rief die Justizrätin entrüstet, »das ist eben das Unglück deiner einseitigen juristischen Ausbildung. Du hast nie etwas für deine musikalische Erziehung getan. Jetzt rächt es sich und du vermagst nicht, der künstlerischen Einsicht deiner Familie zu folgen.«

Der Schluß des ersten Satzes übertraf den vom Mittag noch um ein beträchtliches an ungelöster Dissonanz, denn diesmal spielte das Fräulein richtig, und nur Eduard geriet plötzlich in Fis-dur hinein.

Der Justizrat zuckte empfindlich zusammen und stöhnte hörbar, aber die Justizrätin wand sich sozusagen vor Wonne und sagte im Tone tiefster Verachtung:

»Richard Strauß!!« –

Kurz nach zehn Ahr stieg Eduard gewohnheitsgemäß in sein Schlafzimmer im Giebelstockwerk der Villa hinauf. Dort schlief er neben den beiden Schwestern. Gegenüber lag das Zimmer Mademoiselles.

Um elf Uhr erhoben sich die Eltern, aber das Fräulein saß noch in der Bibliothek, bat um Erlaubnis, eine weitere Viertelstunde im Gibbon lesen zu dürfen und blieb allein im schlafenden Hause wach. Aber sie las beileibe nicht im Gibbon. Vielmehr dachte sie nach. Ja, er war häßlich mit seinem fahlen Gesicht, seiner hageren knochigen Figur, seinen großen kalten Händen, aber –

Aber er war dreizehn Jahre alt, er war rein, keusch, erschrocken, angstvoll. Von wie sonderlichem Reiz müßte – – Aber nein, nein, diese Dinge waren nicht auszudenken. Sie mußten erlebt werden.

Und sie erhob sich, löschte die Flamme und stieg schnell hinauf in den zweiten Stock. Durch das Schlüsselloch von Eduards Tür kam ein Strahl Lichtes. Er schlief nicht ... Sie blieb stehen und lauschte. Ihr Gesicht rötete sich langsam, als hörte sie inbrünstige Liebesworte: drinnen schluchzte der Knabe ...

Sie trat in ihre Stube und entkleidete sich hastig. Sie löste ihr Haar und setzte sich, blaß und ein wenig vor Kühle schaudernd, auf ihren Bettrand. Der Herbstmond, klein, glänzend, schien herein; sie hielt ihre Füße in das weiße Lichtbad und wartete. Sie wartete im kalten Fieber ihrer Neugier.

Unten schlug die Dielenuhr Mitternacht ...

Nein, er kam nicht.

Und da stand sie auf, warf entschlossen ihr reiches, duftendes braunes Haar über die Schulter zurück, hüllte sich in ihre gelbe Bettdecke und schlich unhörbar über den Korridor.

Noch immer war Licht in dem Zimmer des Knaben, und lauter klang heraus ein ersticktes verzweifeltes Kinderschluchzen.

Da lächelte sie und öffnete leise, gütig und liebevoll die unverschlossene Tür des Knabenzimmers ...

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