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Die flammende Venus

Verschiedene Autoren: Die flammende Venus - Kapitel 12
Quellenangabe
typenarrative
authorVerschiedene Autoren
titleDie flammende Venus
publisherUniversal-Verlag
printrun1. bis 10. Tausend
editorReinhold Eichacker
year1919
firstpub1919
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150909
projectid313525a2
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Die Herrin

Von Bernhard Köhler

Sieben Tage war ich unter den Buchen und Tannen im großen Walde gewandert, ohne ein lebendes Wesen zu sehen, als am ersten Tage; da stand am Rande des Waldes ein Holzhauer, der hatte keinen Kopf und hackte mit seinem Beile an den Wurzeln einer großen Tanne. Ich schritt durch den Wald am Tage, der dunkel war unter den dichten Zweigen, und ruhte in der Stille der Nacht im Moos, den Nacken auf Wurzeln gestützt. Als dem siebenten Tage die Nacht folgte, sah ich durch die Bäume Lichter schimmern, ich ging näher und fand an der Stelle einen Hof; oben auf der Mauer leuchteten die Lichter in einer langen Reihe nebeneinander, immer zwei zusammen, um die ganze Mauer herein. Ich pochte ans Tor, eine Dienerin kam und ich sagte ihr, ich bäte um ein Lager für die Nacht. Die Magd ging, kam zurück und sprach: »Tritt ein!« Sie schritt voran über den gepflasterten Hof in das Haus, und wir traten in ein Zimmer, wo unter einer breiten Lampe ein Mann und eine Frau an reichem Tisch beim Mahle saßen. Ich grüßte sie beide und bat um Herberge, sie dankten und ließen mich am Tisch mit ihnen sitzen. Die Frau war groß und schön mit schwarzem Haar und bräunlichen Wangen. Ihre Lippen waren so dunkelrot wie die reifen Beeren des Nachtschattens, über dem Mund lagen wenige dunkle Haare. Ich sah sie oft an, sie aber hatte nur Augen für den Herrn, so daß sie nicht aß, wenn er nicht gegessen hatte, und nicht trank, wenn er nicht Lust hatte zu trinken. Nach dem Mahle führte mich die Herrin in ein dunkles Gemach und ließ mich allein; ich stieß im Finstern an einen Pfosten, fand ein Bett, und legte mich und schlief.

Als ich am Morgen erwachte, sah ich mich in der Kammer um. Da waren an der Wand viele Bilder, wilde und zärtliche, schwarze Schlangen, die goldene Eier trugen, rote Herzen, von blauen Schwertern gequält, Liebe, Geburt und Mord in vielen Farben. Ich verstand das nicht und verließ das Zimmer, da fand ich mich in einem anderen, in dem gar nichts war, nur in der Mitte stand eine große goldene Truhe, so lang wie ein Mann und eine Armlänge breit. Sie war offen und leer. Ich ging weiter, da trat ich in einen grellsonnigen Raum, ich sah ein zerwühltes Bett, und auf dem Boden lag im Blute die Leiche des Herrn, dem der Kopf vom Rumpf getrennt war. Und wie ich das sah und die Farbe und der Geruch des Blutes mir um die Sinne schwelte, da trat drüben die Herrin ein in schwarzem Haar und schwarzem Kleid aus schwerem Tuch und hatte einen braunen Handschuh an der Rechten, die ein breites, blutiges Beil hielt. Sie kam auf mich zu und sah mich stolz an wie ein unbändiges Roß, ich stürzte ihr entgegen und rang mit ihr. Sie war stark, mich aber hatte der Anblick und der Rauch des Blutes wild gemacht; als ich ihr lebendiges Fleisch an meinem Körper fühlte – denn sie trug das Tuch über dem bloßen Leib – da warf ich sie nieder auf das Bett und überwältigte sie. Sie ließ das Beil fallen und breitete die Arme auseinander, ihre Glieder waren fest und ihr Bauch heiß, die Haare waren straff, daß sie knisterten. Als ich über ihr lag, zuckte ein wenig die Oberlippe und zeigte die Zähne, ihre Augen sahen mich nicht an, sondern waren leer und weggerichtet. Ich erhob mich, da stand sie auf und sah mich an, nahm meine Hand und sprach: »Komm!« Wir gingen hinaus, und sie führte mich in das Zimmer, wo die Truhe stand; sie hieß mich die Kleider ablegen und hineinsteigen. Ich tat, wie sie wollte, sie stand dabei und drückte mich bis auf den Boden der Truhe. Da brach aus den goldenen Wänden brennende Luft hervor, die schoß über meinen Leib und über mein Gesicht, daß ich fliehen wollte. Sie jedoch hielt mich fest, und bald fühlte ich eine schnelle Kraft durch meine Adern gehen und stieg heraus, lächelnd und froh.

Die Herrin kleidete mich in ein neues Gewand und setzte mich zum Herrn ihres Hauses; ich ließ graben und einfahren, und Knechte und Mägde hatten zu schaffen, als aber der Abend kam, da befahl die Herrin, ein besonderes Mahl zu bereiten. Wir setzten uns nieder, und aßen und tranken, sie trug ein braunes Kleid von kostbarem Stoff und hatte eine Kette von Granaten um den Hals und weiße Spitzen. Da trat die Pförtnerin ein und sagte, ein Fremder bitte um ein Lager für die Nacht. Ich war heiter, so wollte ich ihn aufnehmen und befahl es, die Pförtnerin führte den Wanderer herein. Er legte Sack und Stab zur Erde und grüßte uns, wir dankten ihm und hießen ihn am Tische mit uns essen. Er ließ die Augen nicht von der Herrin, sie aber sah nur mich und trank nur und aß, wenn ich aß und trank. Dann führte sie ihn weg und kam gleich wieder, wir gingen von der Tafel und legten uns.

Die Herrin war wild und schnell; ihre Arme rangen sich um mich und ihre Zunge zog mir den Atem aus der Brust, sie hielt mich an sich wie mit Klammern und wie der Mund eines Neunauges. Ihr Bauch war hoch und bebend und wölbte sich gegen meinen Nabel, ich lag auf ihrer Brust und drang in sie wie ein Keil oder wie der Kerf in die Feige, die er schwellen macht; bis mich die Lust verließ. Da forderte sie mich und reizte mich, und ich war heftig, als wollte ich sie ganz verderben, da die Wollust mich schmerzte und ich sie zu hassen begann. Endlich aber überkam mich Müdigkeit und ich schlief ein.

Plötzlich erwachte ich wieder, da sah ich die Herrin nackend, wie ich sie nie gesehen, vor mir aufgerichtet, im hellen Licht. Ihre Augen leuchteten, und ihre Brauen wuchsen hoch zusammen, der Mund war ganz erschlossen, ihre Wangen brannten, und ihr Haar stürzte rasch auf die Schultern und teilte sich in viele Schlangen. Die Brüste spreizten sich auseinander, steil und voll, der Nabel aber lag tief im Leib. Ihre Hüften hoben sich breit um den Bauch, und straff standen die Schenkel, den schwarzen Busch zwischen ihnen wie in einer Schale tragend. In beiden Händen schwang sie über sich das breite Beil, sie strahlte groß und war sehr schön, ich liebte sie, da fuhr das Beil herab und trennte meinen Kopf vom Rumpfe.

Jetzt steht mein Kopf mit vielen anderen in der Reihe auf der Mauer, die den Hof umgibt, und meine Augen leuchten mit den Lichtern dem Wanderer, daß er im Walde zu dem Haus gerät. Mein Leib aber ist draußen bei den Holzhauern. Wenn wir Kopflosen den Wald gefällt haben, wollen wir den Hof der schlimmen Herrin dem Erdboden gleich machen und unsere Köpfe wieder zu uns nehmen. Ein guter Wanderer braucht aber sieben Tage vom Waldrand bis dahin, wo er die Augen von der Mauer durch die Nacht schimmern sieht.

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