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Die Feuerprobe

Ernst Weiß: Die Feuerprobe - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorErnst Weiß
titleDie Feuerprobe
publisherSuhrkamp Verlag
year1982
firstpub1929
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.net
created20140531
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Neuntes Kapitel

Jetzt liegt die Frau starr da unter dem zusammengestürzten Tische neben den erloschenen Kerzen. Aber sind sie auch verlöscht? Glimmt kein Funke nach, frißt sich keine glimmende Faser weiter? Ist also damit alles vorbei? Nein, jetzt erst kommt es. Nichts ist vorbei. Der schwerere Teil kommt immer näher, und ich mag tun, was ich will, vergebens versuche ich ihm zu entrinnen ... Es ist Abend geworden. Ein Brandgeruch schwelt in der Luft, deutlicher denn je. Man hört ein Kind mit Husten beginnen, mit Würgen enden. Um diese späte Stunde sollte kein Kind mehr im Freien sein. Im Freien? Kommt der Brandgeruch nicht aus einem geschlossenen Raum?

Im Dunklen sieht man jetzt viele Liebespaare zwischen den Bäumen und Gebüschen einhergehen, Schulter an Schulter gepreßt. Der Mann hat die Hand auf der nackten, etwas feuchten Brust der Frau. Er umfaßt sie mit Liebkosungen ohne Ende. Wie oft habe ich meine Hand um eine Brust gelegt! Ihre dunkel teerosenfarbene Blüte zwischen den Handflächenansatz des Daumens und den des Zeigefingers genommen mit einer hauchartigen Zärtlichkeit, als wollte ich sie nicht mit meinen rauhen Fingerspitzen berühren ... Die Menschen sprechen nicht. Nur ab und zu ein rauhes Flüstern. Sie gehen unsicher, als hätten sie Gewichte an den Beinen. Sie weichen dem Lichte der Laternen aus. Sie beugen den Kopf nieder. Ab und zu flammt ein winziges Licht auf. Ein Mann zündet eine Zigarette an. Ein Neugieriger leuchtet mit einer elektrischen Laterne zwischen die umschlungenen Paare. Von der Straße kommt lauter als am Tage das Tönen der Hupen, das Klingeln der Straßenbahn, das Kreischen der Bremsen und dann die gleichen Akkorde und abgerissenen Gesangsfetzen wie heute am Morgen, als ich ihnen mit namenlosem Entzücken lauschte. Aber jetzt trösten sie mich nicht. Nicht ohne Grund muß auf meiner Brust ein krankhafter Druck liegen, der durch keinen Selbsttrost gelöst werden kann. In den Häuserreihen unterhalb des Parkes, unweit des viereckigen großen Platzes, unfern der Kirche aus rotem Ziegelwerk mit dem jetzt wieder beleuchteten Zifferblatt, dort muß, vielleicht in einem kleinen, von hier oben aus wie ein dunkelgrünes Blatt sichtbaren Gärtchen, mein Haus liegen. Vielleicht könnte ich es in zehn Minuten erreichen, vielleicht könnte ich es jetzt finden, denn ich bin jetzt ein anderer geworden als der, der heute morgen erwachte. Ich bin nicht mehr erinnerungslos. Wenn ich mein Haus sehe, werde ich es wohl erkennen. Es wird dunkel daliegen, während in allen anderen Häusern wenigstens ein Fenster beleuchtet ist. Aber bei mir ist alles ausgestorben. Mein Kind in der Obhut des Waisenhauses. Mein Vater auf der Suche nach mir. Meine geliebte Mutter lange schon tot. Von meinem Bruder ist alles vergangen. Mir blieb nicht einmal eine gute Erinnerung von ihm, das Wort »geliebter alter Junge« erweckt nur noch Bitternisse in mir. Er hinterließ mir kein anderes Andenken als die alte silberne Chronometeruhr, die er mir in einer lichten Minute seines letzten Lebensjahres schenkte. Ich trage sie bei Tage sonst immer, vor dem Schlafengehen ziehe ich sie mit dem alten Schlüssel auf, da diese Regelmäßigkeit das kostbare Werk schont, und dann befestige ich sie auf dem Pfosten meines Ehebettes. Jetzt wird sie wohl noch dort ticken, immer schwächer, immer leiser, aber immer noch fast ganz genau im richtigen Gang, übereinstimmend mit der astronomischen Zeit. Sie geht so lange, bis sie plötzlich wie ein sterbendes Herz stillesteht. Aber bis dahin, bis zu dieser letzten Sekunde geht sie ihren redlichen, durch viele Jahrzehnte bewährten Gang. So zeigt sie Stunden und Tage. Meine Gattin ist erst eine halbe Nacht und einen Tag tot, mein Kind noch nicht vierundzwanzig Stunden Waise. Oder ist es jetzt, in diesem Augenblick, hier in dem Park, auf dieser Bank, unter diesen Bäumen, in der Nähe meines Hauses, dieses Ich mit diesen Gedanken – ist es immer noch derselbe Tag, und ist das alles, was ich in meiner Selbstangst hier erzählte, angefangen von »dies ist Wirklichkeit, kein Traum« bis zu dieser letzten Stelle: »Was ich in meiner Selbstangst hier erzählte«, ist dies alles nur eine Sekunde, zugebracht auf den Knien vor der sterbenden Frau, im Flackern der auf dem Teppich weiterbrennenden Lichter?

Laß sie weiterbrennen! Sie werden schon verlöschen, aus Mangel an Nahrung ersticken. Diese Liebe und dieser Mord bleiben eine Sache einzig und allein zwischen mir und ihr. Was hinter den Wänden meines Hauses geschehen ist, ob es uns beiden zur Ehre gereicht oder nicht, ob es schmutzig ist oder rein, hier zwischen den Wänden meines Hauses hat es zu enden. Hell ist die Hülle der Frau, leicht aprikosenfarben angehaucht, gelb ist das Kerzenlicht, leicht goldig angehaucht. Nichts mehr von Hauch! Die Spitzen sind wie aus Licht gepreßt. Wo hört das kalte Licht auf, wo beginnt der Brand? Wie keusch sind deine schmalen Knie! Deine Knie, <i>mon chéri</i>! In den Spitzen fängt sich das Feuer zu gern.

Wir sind nicht allein. Das Kind in seinem Zimmer ist erwacht. Es hat sich aus seinem niedrigen Bettchen schnell herausgekrabbelt. Es schlägt mit seinen Fäustchen gegen die Tür. Vor dem Schlafengehen hat es sich aus dem Stanniol einer Schokoladenpackung einen Ring um das Fingerchen gemacht. Jetzt schneidet er ihm ins Fleisch. Es hat Angst. Kann es nicht heraus? Hat es die Mutter vorsorglich eingeschlossen in dem Kinderzimmer, als sie den Besuch des Geliebten annahm, »bloß um ihm einmal über das Haar zu fahren ...?« Das kann ich nicht glauben. Was soll das Getöse? Das Kind kann ja mit seinen Händchen bequem die Türklinke erreichen. Aber es sieht sie vielleicht in seinem dunklen Zimmer nicht deutlich genug. Es ist wie von Verstand. Es schreit sinnlos, wie einst mein Bruder. Es ist mein Kind. Es tobt mörderisch, von panischer Angst ergriffen. Aber es ruft nur nach der Mutter, nicht nach mir. Es ruft? Es ist von panischer Angst ergriffen, es schreit, wie mein Bruder als Kind? Und ich öffne ihm nicht? Es ängstigt sich zu Tode, und ich beruhige es nicht? Unmöglich! Ein Traumgebilde wie die tödliche Waffe, geschliffen, aus den Bürorequisiten, ein Alp wie dieser ganze Tag.

Ich sage es noch einmal, ich werde es immer wiederholen, glaubt mir nicht! Ich selbst darf mir nicht glauben. Es kann dies alles nicht sein, es widerspricht dem gesunden Menschenverstand, es hält keiner Kritik stand, es ist durchaus unmöglich. Wer sollte grundlos ein dreijähriges Kind aus dem tiefsten, dem holdesten Schlaf wecken? Die Schreie der Mutter haben es nicht erweckt, die gellenden, und der Feuerschein, nein, falsch geschrieben, der Lichtschein der Kerzen, so muß es heißen, der aus dem Speisezimmer durch die Ritzen der Tür in das Kinderzimmer durchschimmert, der sollte es mit einemmal aufgeweckt haben? Ganz unmöglich. Wie oft schlief es, wenn wir abends Gäste hatten. Weder das laute Sprechen noch das Gläserklirren noch die Grammophonmusik haben es gestört. Oft wollten die Freundinnen meiner Frau und meine Geschäftsfreunde das »schlafende Engelchen« sehen. Sie traten auf den Zehenspitzen, aber die glimmenden Zigaretten noch in Händen, in das dunkle Kinderzimmer ein. Ich wollte schnell den Lichtschalter andrehen. Aber vorher noch hörte man, wie sich verstohlen zwei Menschen im Dunkeln küßten, »geliebter alter Junge«. Als das Licht im Kinderzimmer aufflammte, lachten alle, und man wußte nicht, welches Paar es gewesen war. Die Grammophonmusik ging weiter, die Feder lief ab, die Töne wurden tiefer und tiefer, bis sie heiser krächzten und dann ganz unhörbar wurden. Mein Kind hob, ohne zu erwachen, die linke Schulter in die Höhe und zog so das kleine Spitzenkissen zu sich heran und schützte die Augen vor dem Licht. Es schlief weiter, und doch wollte es nicht vom Licht gestört sein. Warum ist es jetzt erwacht? Hat das Feuer wirklich gefangen? Hat es mich gefangen? Hat es meine ungetreue Frau gefangen? Wird es die Benzinvorräte im Keller fangen?

Das Kind wird sich das tränenüberströmte dreieckige Gesichtchen mit dem Handrücken aufwärts streichen, angefangen vom Kinn, über die Lippen, die schöne Stirn empor, die es von der Mutter hat, bis in den Nacken, wo ein seidenes Bändchen in sein sehr reiches, feines, hellblondes Haar eingeflochten ist. Wenn es den Mund öffnet, könnte man in der Nähe den Geruch von Nelken spüren, denn es hat eine Angewohnheit, die bei Kindern nicht selten ist, daß es gern alles in den Mund nimmt, was ihm gefällt, so auch Blumenblätter, die es trotz meines Verbotes des öfteren kaut. Meine Frau gibt ihm deshalb keine Blumen in die Hand, aber das Kind geht öfters in Begleitung des Dienstmädchens »einkaufen« und trägt dann in einem winzigen Netz einen einzigen Apfel, eine Kartoffel, ein klein Fischlein oder eine einzige Blume heim. Komme ich aber nach Hause, will mich das Kind nicht küssen, weil es fürchtet, ich würde merken, was es getan hat. Wenn es mich dann sieht, verstummt es augenblicklich, mochte es auch vorher noch so lebhaft umhergetobt haben. Hat es mich jetzt gesehen? Durch die geschlossene Tür hindurch mich erblickt? Wie mit dem Messer abgeschnitten verstummt sein Schreien nach der Mutter. Da hört es, wie das Feuer raunt, wie die Flamme schnalzt. Genau so schnalzt es, wenn der gute alte Großvater, der ausgediente, sehr verdiente Richter schnalzend lacht. In dem Kinderzimmer ist es schnell heller geworden. Die beiden Kanarienvögel im Käfig sind erwacht. Auch sie sehen den lichten Schein. Sie glauben, es sei Tag. Sie beginnen die ersten, langgezogenen, süßen Töne, sie stimmen einen flötenden Gesang an, wobei das Männchen die trillernde, unruhige Melodie führt und das Weibchen einige sehr leise, fast unhörbare Töne dazwischenzwitschert. Sie flattern jetzt lebhaft umher. Sie wetzen die gelben, an den Atmungslöchern leicht umflaumten Schnäbelchen an den Stäben ihrer Drahtbauer. Sähe es ein Fremder, wie sie gegen die jetzt unsichtbaren Käfigwände anflattern, er könnte an gelbe Funken glauben, er könnte es, aber er kann es nicht, denn kein Fremder sieht, was hier zwischen uns vorgegangen ist. Und, ich fühle es, vielleicht würde ich mich selbst nicht erkennen, wenn ich mich in diesem Augenblick sähe, auf den Knien neben meiner Frau ... Bin ich es, der zu Füßen seiner dahingeschiedenen Frau im Züngeln des Feuers dahockt, der in ihr seidenes, durchgestepptes Pantöffelchen hineinlangt und der eine Flaumfeder nach der anderen abreißt und sie den Flammen als Nahrung darbietet? Was soll diese unnütze Arbeit? Es wäre doch noch Zeit, etwas gutzumachen. Nein, es ist nicht mehr Zeit, etwas gutzumachen. Denn Menschenblut hat sich in den unteren Säumen meiner Kleider gefangen, und keine Macht auf Erden oder im Himmel, kein noch so willenskräftiger Charakter, kein noch so mächtiges Schicksal wird es wieder wegbringen von der Stelle, an der es sich unlösbar eingefressen hat. Aber es wäre doch noch Zeit, die Kerzen auszulöschen, die in immer breiter werdenden Lachen sich stark und stärker entflammen, man müßte mit beiden Füßen das Feuerzüngeln austreten oder es unter einem Teppich ersticken. Aber die Kerzen brennen nicht mehr allein, sondern sie tränken gleichzeitig den roten Teppich mit dem geschmolzenen Wachs, so daß der Teppich wie ein gewaltig ausgedehnter Docht wirken muß. Und das Pochen will nicht aufhören. Es ist das Pochen meines Herzens, nicht das Pochen des Kindes an der Tür. Das Kinderzimmer soll versperrt sein? Der Schlüssel von der Hand meiner Frau abgezogen, nirgends zu finden? Ich glaube nicht, was ich höre, was ich sehe. Ich sage nichts. Ich tue nichts. Ich beherrsche mich. Ich weiche dem Beweis aus, ich lasse alles gehen. Ich sage zu dem kleinen Feuer nicht nein. Was durch Flammen begonnen hat, mag durch Feuer enden. Ich lehne mit dem Rücken immer noch an der Wand, meiner Frau gegenüber. Der Kragen meines Rockes hat sich aufgekrempelt. Aber er verschließt mein Ohr nicht. Und wäre das rauhe wollige Tuch ein luftdichter Verschluß, ich hörte doch mein Leben lang die etwas heisere und doch so süße Stimme meines armen Kindes, das in der Dunkelheit nach seiner Mutter ruft. Aber kann man denn das Kind zu seiner Mutter lassen? Darf dieses mein Kind noch einmal, zum letztenmal diese meine Frau sehen? Ich frage alle, die das Leben kennen, mögen sie diese Kenntnis des Lebens aus den Berichten der Zeitung, aus Protokollen des Gerichts oder aus ihren eigenen Erfahrungen sich verschafft haben: würden sie dies zugeben? Sie würden es nicht tun, lieber alles andere. Ich will nichts glauben. Ich erkläre alles Bisherige als Traum, als Verfolgungsidee eines Größenwahnsinnigen, als verzerrtes Bild im zerbrochenen Spiegel. Immer wollte ich glauben. Meine Frau wollte es nie. Jetzt will auch ich nicht mehr glauben. Man soll mir dies nur einmal nachfühlen; wer dies liest, soll sich nur eine Sekunde lang an meine Stelle setzen, soll diese tote Frau mit der nackten, blutbefleckten, schweren Brust vor sich sehen, er soll seine eigene Hand, die rechte, die es getan hat, und die linke, die es nicht verhindert hat, er soll sie an seinem Körper fühlen, unzerreißbar, unlösbar an ihn gekettet, er soll die Flammen dieses Feuers auf dem roten Teppich neben den Scherben des Services, zwischen den umhergestreuten Früchten aufzüngeln sehen, er soll hören, wie seine Frau schweigt, er soll hören, wie sein armes einziges Kind schreit, dann soll er noch sagen: es ist so. Wirklichkeit und kein Traum.

Nein. Es ist auch dem gläubigsten Anbeter des rätselhaften Schicksals, es ist dem nüchternen Verstandesmenschen dieser nüchternen Großstadt Berlin durchaus unmöglich, sich vorzustellen, daß unser Kind, unser dreijähriger, einziger, geliebter alter Liebling, daß dieses reine Wesen, das noch zwischen Kindheit und Blindheit lebt, das um seinen kleinen Mund nur einen Schein von Ernst hat, das aber das Leben noch nicht kennt und nicht kennen darf, wie es wirklich ist, – es ist unmöglich, sich vorzustellen, daß mein Kind sich an seine tote Mutter klammern sollte, daß es mit seinen nackten, rosaroten feinen Füßchen in das vergossene Blut seiner Mutter hineinpatschen könnte.

Ich glaube es nicht. Es ist nicht auszudenken, und so hat es meine Frau nicht ausgedacht, als sie mich zum Äußersten trieb. Sie und ebenso mein alter Vater haben mich oft auf die Probe gestellt, nachher blinzelten sie einander zu und lächelten über mich. Aber diese Probe von heute nacht soll mich nicht schrecken. Ich lehne sie ab. Wohl, meine Frau hat mich zum Äußersten getrieben, und ich wußte bis jetzt nicht, was das Äußerste in einem Menschen ist wie in diesem Manne. Ich, der diesen Bericht schreibt. Er wird ihn nicht in Erregung schreiben. Er wird ganz bei der Sache bleiben. Denn ich bin entschlossen, die Wirklichkeit hier an dieser Stelle so darzustellen wie der Berichterstatter einer Zeitung oder ein objektiver Staatsanwalt bei einem Gericht. Ich will die Symptome konstatieren wie ein Arzt in der Charité. Wann bricht die Krankheit Mordenmüssen aus? Ist sie eine Krankheit? Enthebt sie den Täter der Verantwortung? Kann ein solcher Täter rechnen, kann er sich verantworten oder nicht? Wann erweist sie sich als unheilbar? Beim ersten Anfall? Beim letzten? Ich sehe die Zeichen vor mir. Es sind keine Zeichen, es sind Beweise. Aber ich sage, mit diesen Zeichen, diesen Beweisen verfolgt sich nur ein Verfolgungswahnsinniger.

In den Weinranken der Veranda saust der schwüle, üppige Wind. Aus der Ferne kommt Gesang: »Christus leidet, Christus stirbt.« Es ist spät in der Nacht. Es wird die alte Opernsängerin sein, die bei einem Theaterbrande in Madrid erblindet ist. Sie wohnt in einem der Nachbarhäuser und beginnt meist nachts zu singen. Sie ist eine unheilbare Irre. Aber unschädlich und leicht zu lenken. Sonst läßt man sie nicht gern singen, denn ihre Qualen langweilen die Menschen. Aber wenn ihre Gesellschafterin nachts eingeschlafen ist, gelingt es manchmal der armen Närrin, den Schlüssel zum Klavier zu ergattern, sie schleicht sich dann zu dem Instrument und beginnt ihre litaneiartigen Gesänge, ihre <i>spiritual songs</i> am Klavier zu begleiten, und dabei wird sie ruhiger, denn der Gedanke an den Erlöser kann sie immer von ihren Erinnerungen abbringen. Bei dem Brande muß sie Fürchterliches erlebt haben. Manches hat sie ihrer Gesellschafterin erzählt. Die meisten Toten waren rauchgeschwärzt und hatten Brandwunden. Doch sollen die Flammen sie erst erreicht haben, als sie schon tot waren. Sie hatten grinsende Gesichtszüge, denn der Tod in den Flammen soll der wollustvollste Tod sein. Einige wenige nur werden durch Rauch erstickt sein. Die allermeisten starben durch Zertretenwerden. Da war die weite Welt nicht weit genug für sie? Sie waren blutig. Sie wiesen Spuren von Fußtritten auf, die Haut war weggetreten. Im Winkel einer einzigen Treppe lagen achtunddreißig Tote zu einem Haufen geballt. Darunter mehr Frauen und Kinder als Männer. Unter den Entkommenen und Überlebenden sind viele, die man Mörder heißen könnte.

Ein Beispiel von dem wahnsinnigen Entsetzen, das die Menge ergriffen hatte, ist das: Manche rannten nachher »gerettet« unaufhaltsam durch die Stadt. Andere liefen in nahe Häuser hinein und die Treppen hinauf, bis sie im obersten Stockwerk nicht mehr weiterkonnten und zusammenbrachen. Im letzten Augenblick wurde die Sängerin gerettet, aber die Funken zerstörten ihr Augenlicht. Seither ist sie getrübt. Sie weiß nicht mehr, was wirklich gewesen ist und was nicht. Oft starrt sie hinter ihren Fenstern mit nach rückwärts gebogenem Kopf und aufgerissenen, milchig verglasten Augen nach oben, als suche sie die Sterne und den Mond.

In den Sternen ist Frieden, in ihrem Wandel ist Gesetz. Im Monde ist Milde. Er brennt nicht.

Friedensvoll leuchten vor meinen Fenstern die wandelnden Sterne und im Untergehen ein schwebender, ruhiger Mond, von zartem Nebel hell umhüllt.

Was ist ein Menschenleben? Alles ist ruhig geworden. Mein Kind schläft. Im Schlafe hustet es ganz zart. So brennt es doch nicht in meinem Haus? Ich bin persönlich frei von aller Schuld? Was wiegt mein eigenes persönliches Leben? Nichts, und dennoch ist es das Höchste, das zu verlieren ist. Jede Lebensprobe ist eine Todesprobe. Aber wie können wir mit unserem Tode etwas gutmachen? Wie sollen wir uns im Nicht-Leben bewähren und uns im Nichts als geheilt erweisen, besser geworden, reiner? Wie entscheidet das Gericht? Wie lautet das Gesetz? Ich will nicht nach Laune und Stimmung leben, ich will nur unter dem Gesetz leben, in der höchsten Klarheit. Lieber verbrecherisch sein als wahnsinnig! Aber hört man aus den Worten meiner Erzählung nicht den leibhaftigen Wahnsinn heraus? Hier habe ich es geschrieben:

»Um die schönen Augen sind Ringe.«

Aber sie sind ja hier, diese Ringe, mein Finger kann sie ertasten, kann in ihnen wie in einem tiefen Geleise das geschlossene Auge umkreisen.

»Die oberen und unteren Augenwimpern haben sich ineinander verfangen wie die Zweige einer kleinen Weidenhecke.«

Eine kleine Hecke drängt man nicht so leicht auseinander, dazu hält das Gestrüpp zu fest zusammen. Aber wenn ich hier der regungslos daliegenden Frau die Augenlider mit der zartesten Bewegung, zarter als ein Atemhauch, voneinander lösen will, dann weichen sie schlaff auseinander, sie halten nicht zusammen. Das gebrochene Schimmern der Hornhaut des Auges wird sichtbar, es glimmert wie eine Eisfläche im Morgengrauen, fremd in ihrem kalten Glanz. Es sind ihre Augen nicht mehr, nicht mehr die Augen der Frau, die ich liebte.

»Die Stirn ist niedrig, atlasweiß und atlaszart. Von draußen kommt das Rascheln der Weinreben, aus weiter Ferne ein verklingender Gesang.«

Wissenschaftlich präziser konnte ich auch meine Berichte über die Aufgangszeiten und Abgangszeiten von Sternen in meinem Teleskop nicht aufzeichnen. Es ist alles so, wie es geschildert ist. Ich sehe es. Ist es so? So ist es und nicht anders.

»Die Kerzen flackern auf der Tafel. Immer höher und weiter im Umkreis schießt es aus der winzigen Wunde, in der noch die Waffe steckt ... Nun verzerrt sie das geliebte Gesicht in Schmerzen zu einem häßlichen Grinsen. Der Mund ist eine breite, hochrote, nasse Grube, langgestreckt, und die Lippen rings um diese Grube sind grau wie ihre Zähne. Jetzt erst zieht sie ihre beiden Hände unter dem Kreuz hervor.«

Zu spät! Kann man nicht wenigstens etwas von alledem gutmachen? Noch brennt es nicht! Nur zurück! Könnte man das! Ich möchte alles und alles darum geben, könnte ich eine Tat wie die meine ungetan machen. Und doch mußte sie sein. Sie mußte aus mir kommen. Sie war in mir. Aber könnte ich nur die Arme der hilflosen Frau hinter ihren nur zu schweren, bergeschwer lastenden Hüften hervorziehen, damit sie sie frei hätte. Sie soll sich gegen mich wehren. Sie soll nicht mein hilfloses Opfer werden. Sie soll sich mir nicht entgegenwerfen. Ob es Reue ist über ihren Ehebruch oder ein Funken wiedererwachter Liebe zu mir oder ein Funken Sinnlichkeit in ihr, dem wahren Weib – ich will es nicht. Aber es rührt sich nichts. Die Tat wird mir nicht erspart. Alles muß sein, wie es ist. Alles ohne Ausnahme Bestimmung, nichts Zufall. Alles gewollt von oben, vom Himmel, in den Sternen geschrieben, alles gemußt von unten, alle Schicksalslinien am Tage meiner Geburt in den Handflächen aufgezeichnet, in den daktyloskopischen Figuren der Fingerspitzen vermerkt. Eingegraben auf immer, unauslöschlich. Nur wir wissen es nicht. Wir tragen die Schrift mit uns umher und lesen sie nicht.

Ich werde ihr Bild nicht los, ich sehe nicht den dunklen Park, nicht die Hochbahnzüge, die hellbeleuchtet den Viadukt hinaufjagen, ich sehe nur meine Frau, wie sie die Hände hinter dem Rücken kreuzt, wie sie ihre Brust lockend entblößt hat, wie sie mich im Guten und Bösen zum Äußersten reizt. Wie kommen die schweren Hüften zu der schlanken Frau? Als junges Mädchen war sie wie eine Weide. Als junge Frau war sie noch so bezaubernd mädchenhaft. Sie duftete nach Milch und nach Honig, als sie zu meiner Freude unser erstes Kind trug, das einzige. Das alles soll vorbei sein? Hätte ich nicht ihre Hände eine halbe Sekunde früher hinter ihrem Rücken mit Gewalt hervorgeholt haben können, hätte sie diese nicht von selbst über den üppigen Brüsten mit den teerosenfarbenen Höfen kreuzen können, hätte sie, mit ihrer scharfen, nur zu sehr scharfen Intelligenz nicht die einzig empfindliche Stelle ihres ganzen Körpers, die Hornhaut des Auges ausgenommen, nämlich die Stelle ihres Spitzenstoßes, fünf Zentimeter unter der linken Brust, mit ihrer Hand schützen können, das wäre Schutz genug gewesen gegen mich, gegen eine so harmlose Waffe, die doch nie und nirgends bis jetzt auf der Welt das getan hat, was dieser Stift heute getan hat, denn er hat die empfindlichste Stelle des Lebens mit untrüglicher Sicherheit getroffen.

Ich bin doch kein geborener Mörder. Kein Mensch kommt mit scharfen Zähnen auf die Welt. Ich war nie giftig mit Worten. Meine Worte hatten keine Spitzen. Mit Spitzen fing es aber doch an. Mit Spitzen hört es auf. Sie wölbten sich in windbewegter Blüte hoch um ihre edlen Knie, sie raschelten, wenn ihre zarte lange Hand sie nach abwärts zog. Es kann und kann nicht zu Ende sein. Alles ist nur Phantasie, mein zu schweres Blut. Noch viel schwerer als die Tropfen, die mir auf die Säume meines Beinkleides geflossen sind. Daran wird und muß man mich erkennen. Dem entfliehe ich nicht.

»Ihr Körper unter der fast durchsichtigen aprikosenfarbenen, seidenen, blutbefleckten Hülle ist nackt. Das Kerzenlicht flammt stärker von dem Teppich her. Es ist, als atme es auf.«

Dem entfliehe ich nicht, und doch muß ich fort. Ich muß mich meinem Kinde erhalten. Irdische Gerichte werden mir diese Tat niemals beweisen können. Weshalb fliehe ich also dann? Fliehe ich denn? Renne ich, wie die gehetzten Besucher des brennenden Theaters in Madrid, so lange, bis ich atemlos in einem Winkel zusammenstürze, bewußtlos, verlassen von der Erinnerung an alles, was war ...?

Ich muß fort. Mag es hinter mir brennen. Es brennt. Der Brand eilt schneller weiter, als meine träge Hand ihm folgen kann, wenn sie ihn beschreibt. Aber nach mir die Tat, nach mir der Brand. Mag es die roten Treppenläufer meines Hauses herabknistern, mag es weiterzüngeln über den Raum meiner vier Wände, wo alles verschlossen und geheim hätte bleiben müssen. Ich blicke mich nicht um. Ich will nicht wissen, was geschah.

Ich habe doch Tage wie diesen und Nächte wie diese nie erlebt. Bin ich mein eigener Feind? Oder habe ich nur gerecht gegen meine Frau gehandelt? Mußte es sein? Wer hat mich zum Richter über diese Frau gesetzt? Ich frage es noch einmal, ist dies ein Wink des Schicksals, ist dies Güte oder Hohn, hat mich das Schicksal ausersehen zu einem beispielhaften Leben? Weshalb sind dann meine Hände mit Blut befleckt, weshalb ist meine Lebenslinie in der Mitte des Lebens verzerrt? Gibt es deshalb hier auf Erden Himmel und Hölle?

Deshalb werden wir an jedem Morgen eines jeden Tages neu ausgeboren. Namenlos, erinnerungslos, bewußtlos sind wir gewesen. Wir haben den Schlaf hinter uns, die Bewährung vor uns. Die Pflichten des Tages vor unseren Händen, die sichere Erde zu unseren Füßen, das himmlische Licht zu unseren Häupten. Wir spüren einen Brand in der Luft und wollen nicht wissen, wo er ist. Belohnung oder Strafe? Das entscheidet die Gerechtigkeit, das Gesetz. Das Gesetz besteht, wir müssen es lesen lernen. Die Einsicht ist begrenzt, die Verwirrung grenzenlos. Aber aus aller Verwirrung muß Klarheit kommen, deshalb leben und sterben wir. Ich werde Klarheit gewinnen, ich werde meinen Namen erfahren, ich werde den Namen meiner Frau erfahren. Es war ein Name mit einem tiefen Klang, oft fast unhörbar tief, etwas Gurrendes, wie das Gurren der Tauben, die im Morgengrauen unter einem Mauervorsprung sitzen. Aber dieser Name meiner Frau, so wie sie ihn entgegen der Regel der Sprache schrieb, hatte noch einen Anklang an ein Gerät der Züchtigung, etwas, womit strenge Väter drohen. Aber mein Vater drohte nur. Er hat mich körperlich nie gezüchtigt. Und noch einen dritten Anklang hat das Wort, es ging Frieden von ihm aus, etwas, das ich in den Sternen gelesen habe, und das ich bei den nebeneinanderliegenden Gräbern meiner Mutter und meines Bruders empfunden habe. Trauer war es, aber keine Bitterkeit. Wird meine Frau mit ihrem dreifachen Namen nun als dritte neben diesen beiden liegen?

Meine Frau, in Seide gekleidet, in ihrer Unschuld, in ihrer Tücke, das war meine Versuchung. Ich muß viel um sie leiden. Aber seines Leidens darf sich keiner rühmen, nur seiner Bewährung. Das Leiden gehört dem Leidenden allein. Aber sein Leben gehört ihm nicht allein. Wie er Sohn war, so wird er Vater. Wie er gehorcht hat, so hat er zu befehlen. Wie er erzogen worden ist, hat er zu erziehen. Er ist der Sohn seiner Nation und wird der Vater seiner Nation. Überflüssig sind wir nicht. Ersetzbar sind wir nicht. Wir alle nicht. Mein Kind nicht. Nicht mein Vater, der nie hart war, auch wenn er mir hart erschien. Nicht meine geliebte, gütige Mutter. Nicht mein im Wahnsinn verstorbener jüngerer Bruder. Wir sind nicht bloß Unkraut auf den Wiesen der Parkanlagen einer Großstadt. Wir sind nicht Unrat in der Bedürfnisanstalt, nicht faulige Frucht zwischen den zerbrochenen, umgestürzten Kisten auf den Marktplätzen, die umgestürzten Tischen gleichen. Wir haben eine Würde. Wegwerfen können wir sie, verloren ist sie deshalb nicht. Vergeuden können wir unser Gefühl! Liebe ist es deshalb doch gewesen!

Ich bin geflohen. Ich weiß es. Ich habe versucht, den Ort meiner Tat hinter mir zu lassen. Aber ich bin nicht vor Strafe geflohen. Nur vor der ungerechten Strafe. Die gerechte Strafe diktiert sich jeder selbst, wie er sie selbst erleidet. Ich bin nicht vor der Polizei geflohen. Vor Menschen fliehen ist leicht. Aber vor sich zu fliehen, vor dem Unreinen, dem Gierigen, Rachsüchtigen, dem Eitlen, dem Sinnlichen, dem Hemmungslosen, dem Mörderischen zu fliehen, das ist schwer. Ich weiß wohl, wo ich mich heute morgen auffand, »zwischen drei und vier Uhr morgens, zwischen Nacht und Dämmerung«, aber der Ort, wo man mich fand, wo ein Ich das andere Ich fand – das ist nicht der Ort, wo ich bleibe.

Wo bleibt der schöne, enzianfarbene Stern, der mich heute morgen so sehr getröstet hat? Ich kenne seinen astronomischen Ort, sein vielfädiges Spektrum mit den Fraunhoferschen Linien, die Art der Minerale und der Elemente, die dort existieren, seine Eruptionen und Veränderungen, seine bleibenden Umlaufszeiten und stetigen, genau meßbaren Entfernungen von seinesgleichen und von uns. Und doch habe ich bis zu dem heutigen Tage nie gewußt, was Sterne einem Menschen bedeuten können. Ihr Friede ist nicht von dieser Welt. Man muß sich schwer vergangen haben, man muß vor seiner Tat bis zur Bewußtlosigkeit geflohen sein, man muß in einer Abortgrube erwachen, ohne Erinnerung und in befleckter Kleidung. Man muß zusammengezuckt sein unter den schauerlichen Bekenntnissen eines verirrten Ich, man muß sein geliebtes Kind anderen, sicheren Händen überantwortet haben, man muß seine geröteten Hände gesehen haben, mit ihren Linien – dann erst wird einem der ganze abgründige Glanz eines Sterngebildes aufgehen, das nach dem Innern des Himmels zieht. Friedensvoll ist der Sinn der Sterne, das heißt, er ist rein. Reinheit und Frieden sind eins. Uns, den Unreinen, den Friedenslosen, den von sich selbst Verfolgten.

Mich hält es nicht mehr auf dieser Bank. Ich fürchte, alles Schauerliche, das ich seit dem Erwachen heute über mich erfahren habe, ist noch nicht das Letzte. Das Schwerste muß noch kommen.

Ich gehe aus dem Parke fort, aber ich kehre nicht zu dem viereckigen Platze zurück. Ich durchstreife die eintönigen, endlosen Straßenzüge. Mir widerfährt jetzt etwas Seltsames. Bis jetzt habe ich, ohne auf den Weg zu achten, Plätze, Straßenkreuzungen und lange finstere Häuserreihen passiert. Jetzt stehe ich vor einem Hause, das von einem kleinen Garten umgeben ist. Hier hält es mich. Hier faßt es mich. Ich kann nicht weg von diesem Haus. Mein Blick haftet auf diesen drei ausgetretenen Schwellenstufen. Ich gehe diese Treppenstufen nicht empor, obwohl ich weiß, es sind die zu meinem Haus. Als fünfjähriger Knabe bin ich sie mit einem Satz hinabgesprungen. Ich habe mir zu viel zugetraut, ich hatte gedacht, ich könne sie mit einem Sprung nehmen. Ich habe mir das linke Knie aufgeschlagen, hatte an meinem Strumpf eine dunkle, schwer ablösbare Stelle. An meinen Knöcheln sammelten sich Blutstropfen, zu harten braunroten Flecken sich verhärtend. Meine Mutter tröstete mich und gab mir Süßigkeiten, aber mein Vater sah streng auf die Stelle, ich schämte mich und zog den Rand meines Beinkleides darüber. Da sind nun dreißig Jahre vergangen. Das Haus steht da, wie es damals stand. Jetzt rieche ich auch deutlich den sonderbaren Dunst der Benzin- und Ölvorräte, die sich in unserem Keller befinden. Ein Feuer darf meine Schwelle nicht überschreiten, sonst gibt es große Gefahr. In dem Speisezimmer im ersten Stockwerk ist es dunkel. Aber ab und zu sieht man ein Aufhuschen, ein kaum sekundenlanges Flackern, als spielte dort oben ein Kind mit Zündhölzchen. Ab und zu sprüht ein sofort wieder verlöschender Funke hinter den weißen Tüllgardinen hervor. Es pocht im Dunkeln. Das Pochen will nicht aufhören. Es ist das Pochen meines Herzens, nicht das Pochen meines Kindes an der Tür. Es hat aufgehört zu schreien, als es das Raunen und Schnalzen des Feuers gehört hat. Vielleicht hat es das Bewußtsein verloren, durch die ersten vom Teppich aufsteigenden Rauchschwaden betäubt. Aber ich habe das Bewußtsein nicht verloren. Ich bin klar. Ich stehe wieder neben den Meinen. Ich blicke umher und sammle mich. Ich verlasse meine verschiedene Frau, ich verlasse das brennende Zimmer, ich gehe in das Zimmer meines Kindes, ich trete leise, auf den Fußspitzen, ein, denn ich will das Kind nicht unnötig wecken, es wird ja doch schlafen. Weshalb soll es aufgewacht sein? Es hat nichts gehört, es hat nichts gesehen, es hat ja eben erst vor einer Sekunde im Schlaf gehüstelt. So will ich es der Wirklichkeit befehlen. Aber der Wirklichkeit befiehlt man nicht. Ich entkomme dem Schicksal nicht. Deshalb ist es eben das Schicksal, das unentrinnbare, damit man ihm nicht entrinnt. Aber wenigstens mein Kind soll ihm entrinnen, wenn schon ich ihm nicht entrinnen kann. Hier steht es in der Mitte des Zimmers, fröstelnd trotz der schwülen Nacht, halbnackt auf seinen abgezehrten Beinchen da. Die Kissen seines Bettchens hat es in seiner sinnlosen Herzensangst umhergeworfen. Der Feuerschein flackert von nebenan schon deutlicher herein. Ich verliere die Ruhe nicht. Ich kleide mein Kind an. Erst ziehe ich ihm seine kleine Hemdhose aus Trikot über, dann hole ich sein Spielkittelchen schnell vom Nagel, wohin es die sorgsame Mutter vor dem Schlafengehen gehängt hat, ich ziehe die honigfarbene Gürtelschnalle fest an, aber sie lockert sich gleich wieder. An die Beinchen bekommt das Kind seine hellen Strümpfe, an die Füße seine Halbschuhe. Das Bändchen des einen knüpfe ich regelrecht, das Füßchen des Kindes liegt zwischen meinen Knien, das Kind ist still und geduldig, es ahnt nichts von dem, was vorgefallen ist. Oder ahnt es doch etwas? Noch ist das Schuhbändchen des zweiten Schuhes nicht richtig geknüpft, als das Kind plötzlich aufspringt. Es hat die Zähnchen gegeneinandergebissen, die Augen weit aufgerissen, und nun entflieht es, während es einen einzigen schaudernden Schrei ausstößt, den es kaum durch ein röchelndes Einatmen unterbricht, durch die offene Tür in den Korridor. So stürzt es an mir vorbei, aber nicht in das brennende Zimmer zu seiner toten Mutter, sondern den ganzen langen Korridor entlang, die Hintertreppe hinab in den Hof, es will sich verbergen, huscht die Treppe zum Kohlenkeller hinab wie ein Schatten. Kaum bin ich ihm in höchster Eile nachgekommen, als es wieder vor mir entflieht, die Treppe des Kohlenkellers mit Händen und Füßen emporkrabbelnd – die Tür des Hauses ist noch offen, der Geliebte meiner Frau hat sie nicht hinter sich geschlossen, und mein Kind ist nicht mehr zu sehen, als ich hinauslaufe. Ist es doch wieder auf irgendeinem Umweg in das Sterbezimmer seiner Mutter zurückgekehrt? War alles vergebens? Ich komme in höchster Eile zurück. Aber das Zimmer ist nur von dichtem Rauch erfüllt, mein Kind ist nicht mehr in ihm. Ebenso leer ist die Straße, die ich in schnellstem Lauf durchmesse. Kein Mensch in der Nacht! Endlich kommen Leute, starren mich erstaunt an, haben nichts gesehen. Ich suche, ich rufe, ich locke mein Kind, ich möchte andere Menschen, die Polizei oder spät heimkehrende Gäste von Vergnügungslokalen auffordern, mein Kind zu suchen, aber niemand nimmt mich ernst. Hält man meine Angst für die Angst eines Berauschten? Zum drittenmal kehre ich zu meinem Hause zurück, aber jetzt sehe ich, ich sehe mit eigenen Augen, die plötzlich geblendet werden, daß mein Haus brennt.

Es brennt – oder alles, was ich gesagt habe, ist der Funkenschwarm eines berauschten Hirns im Delirium. Eins von beiden, Delirium oder Brand, Mord, Verbrechen.

Nüchternheit habe ich immer sehr geliebt, Rausch ist mir immer sehr verhaßt gewesen. Blumen wollte ich immer auf meinem Tische haben, aber niemals Alkohol. Mein Kind sollte neben mir sitzen. Das war meine Freude. Den Wein haben mein alter Vater und meine Gattin getrunken. Ich habe den Rausch weder bei mir geduldet noch bei meinen Arbeitern und Büroangestellten. Und jetzt sollte ich selbst in einem Delirium leben? Der Funkenschwarm, der aus meinen offenen Fenstern herausströmt und sich, als würde er auf Vogelfittichen in breiter gefiederter Fläche dahingetragen, über die Kronen der Bäume in meinem Garten, über die Dächer der anliegenden Wohnhäuser und Arbeitsschuppen verbreitet, das sollte bloß eine Teilerscheinung meines Deliriums sein?

Schon ist er wieder verschwunden. Es ist, als wäre nichts gewesen. Düster die leere Straße, aber dunkel, dem Schicksal sei Dank! Der sengrige Geruch, den ich die ganze letzte Zeit gespürt hatte, ist fort. Ist das Feuer in sich selbst erstickt? Der reine Geruch der Nacht, der gute Odem der durch den Tau feucht gewordenen Bäume meines Gartens hat sich durchgesetzt. Wenn ich jetzt tief einatme, riecht es nur noch nach Bäumen und welkem, gefallenem Laub, kaum noch nach Öl und Benzin. Aber es ist nur ein Atemzug der Ruhe, der mir gegönnt ist.

So vollzieht sich das Unabwendbare weiter, Schritt für Schritt. Ein düsterer Rauchschwaden nach dem anderen drängt sich allmählich aus den offenen dunklen Fenstern heraus, die Tüllgardinen vor sich her bauschend, und senkt sich zu meinen Füßen nieder, hier auf die verlassene Straße der Großstadt Berlin, wie es ein feuchter Nebel tut an den Seen zwischen den Tannenwäldern der Alpen, wenn es geregnet hat.

Noch ist nicht unbedingt sicher, was kommt, nichts entschieden. Ist nicht endlich die Probe zu Ende? Jetzt haben sich die Rauchschwaden, wie solche Nebel bei Sonnenaufgang, wieder aufgelöst. Die weiße Gardine hängt vor dem Speisezimmerfenster wieder regungslos da. Es gibt jetzt weder Funken noch schwelenden Rauch. Alles ist einsam, totenstill.

Es ist entweder die letzte Sekunde vor Ausbruch des weiterfressenden Brandes oder der erste Augenblick des auflösenden Friedens. Ist es Frieden, dann ist meine Probe bestanden. Bricht der Brand nicht aus, dann ist nichts gewesen. Meine Frau ist noch am Leben, mein Kind lebt noch und hüstelt im Schlaf, mein Vater lebt, ausnahmsweise lange in seiner Vereinssitzung festgehalten oder besonders leise in seine Zimmer in unserem Hause zurückgekehrt. Mein Unternehmen, in diesem Jahre ganz in meinen Besitz übergehend, blüht, und ich habe in diesem Leben erreicht, was ein Mensch meiner Art erreichen konnte.

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