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Die Feuerprobe

Ernst Weiß: Die Feuerprobe - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorErnst Weiß
titleDie Feuerprobe
publisherSuhrkamp Verlag
year1982
firstpub1929
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.net
created20140531
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Achtes Kapitel

Meine Frau kannte nur dieses Leben. Meine Frau richtete sich nur nach ihrem eisigen Verstände und nach ihrer Stimmung, nach dem letzten Impuls, dem sinnlichen. Andere Gesetze kannte sie nicht. Ihr alter Vater, der von ihrer Mutter getrennt war, lebte in derselben Stadt wie wir. Er mußte sich gegen seine Frau früher einmal vergangen haben, denn die Ehe wurde geschieden aus dem Verschulden des Vaters. Meine Frau, das einzige Kind, wurde im Prozeß der Mutter zugesprochen. Vielleicht hatte er die Mutter meiner Frau zuerst durch allzu innige Liebe verwöhnt, vielleicht hatte er später seine Hand gegen sie aufgehoben, vielleicht sie vernachlässigt. Es ist wenig, was ich von ihrer Familiengeschichte weiß. Für mich bedeutet die Familie alles. Hier liebe ich den engsten Kreis der Familie – und dort das unermeßliche Heer der Sterne unter dem grenzenlos tiefen Firmament. Meiner Frau bedeutet die Blutsverwandtschaft fast nichts. Der alte Mann, früher ein sehr beschäftigter und geschätzter Rechtsanwalt, war im Laufe der Jahre völlig vereinsamt. Er hing an meiner Frau, seiner einzigen Tochter, sehr. Sie erkannte keine Verpflichtung an. Er wollte sie sprechen, wollte sie sehen. Sie wollte ihn nicht sprechen, wollte ihn nicht sehen. Er wartete auf sie auf der Straße; sie blickte an ihm vorbei, schlug die Enden ihrer weiß gestrichelten, dichten, silbergrauen Fuchsboa enger um ihren hellen, nackten Hals. Bis zu den Lippen bedeckte sie stumm sich damit. Sie sah geradeaus, winkte ein Mietauto herbei und fuhr fort. Oft rief sie der alte Mann abends durch das Telephon an, wenn wir allein zu Hause waren. Dann ließ sie sich ungeduldig durch das Dienstmädchen verleugnen, ein anderes Mal schickte sie mich vor und ließ ihm sagen, sie könne ihn leider im Augenblick nicht sprechen. Er wurde nicht müde. Er liebte sie. Seine geschiedene Frau lebte auf Reisen. Sie und meine Frau hatten noch große Teile des Vermögens gerettet, während mein Schwiegervater sehr mit Sorgen zu kämpfen hatte. Aber er wollte nicht Geld von seiner reichen Tochter, sondern er wollte nur eine Viertelstunde lang im Laufe einer Woche mit ihr zusammen sein oder sie auf ihren eiligen Gängen ins Kaufhaus begleiten, selbst wenn er deswegen seine eigenen Klienten warten lassen mußte. Er wollte ihre Stimme am Telephonapparate hören. Sie sprach sonst gern und lange am Telephon. Oft kam ich abends heim und hörte vom Flur aus ihre geliebte Stimme, als ich eintrat, war es still, sie saß in einer Ecke, die weit vom Telephonapparat entfernt war, aber die Muschel des Hörers war noch warm von ihrem Ohr. Ihr Vater war es nicht, mit dem sie gesprochen hatte.

An einem Abend schrieb sie einen Brief an ihn, und ich mußte ihn lesen, obwohl es mich eine große Überwindung kostete, einen fremden Brief zu lesen. Eine Unterschrift setzte sie nicht darunter, denn es war ihr Vater, an den sie diesen Brief schrieb. Sie schrieb ihn ruhig, ihre Züge zeigten wie immer eine alltägliche und doch schwer leserliche Schrift.

Ich bin ein anderer Mensch. Im Zustand der Besonnenheit werde ich nie eine Niederträchtigkeit begehen. Aber ich bin niemals genug Mensch der klaren Überlegung gewesen. Alle stummen Strafen meines Vaters haben es nie bewirken können, daß ich eine plötzliche Regung vollständig unterdrücken konnte. Und doch wünschte ich niemals etwas sehnlicher als dies. Ich hielt mich immer in der Gewalt, so weit es ging. Als ich in die Jahre kam, wo es einen gesunden Mann zu einer Frau zieht, habe ich mich mit allen Mitteln beherrscht. Ich habe nie eine verheiratete Frau berührt. Ich wollte lieber verzichten, als mich mit dem Gatten teilen. Ich habe nie ein unschuldiges Mädchen verführt, um es dann geringschätzig fortzustoßen, denn mir war ein Leben eine Treue, einmal besitzen war immer besitzen ... Und solch ein Mann sollte Blut vergossen haben, Blut der einzigen Frau, die er als Mädchen gewonnen und als Frau besessen hat, Blut der Mutter seines Kindes, der einzigen Frau, die ihn einmal geliebt hat?

Meine Jugend war schwer, schwerer als die der meisten jungen Menschen, die nur dem Studium, dem Gelderwerb, dem Rekord im Sport oder der gesellschaftlichen Geltung leben. Mir fiel das Studium der Mittelschule nicht leicht, nachher mußte ich mich ohne richtige technische Vorbildung in der Asbestfabrik einarbeiten, in die ich als Volontär eingetreten war, und die dann später in meine Hände kam, als mein Chef starb und seine Erben mir die Fortführung des Unternehmens bis zu der Zeit anvertrauten, bis ich ihnen aus meinen Gewinnen eine entsprechende Summe ausgezahlt hatte, worauf das Unternehmen mir persönlich gehören sollte. Im Jahre 1929 sollte es so sein. Ich mußte also die ersten Jahre nicht nur für mich arbeiten, sondern auch für sie. Ich konnte selten verreisen, aus dem engen Kreis meiner Familie kam ich fast nie heraus. Mein Bruder war mein einziger Freund. Er war schon sehr früh geistig getrübt. Wir liebten ihn alle, mein Vater, meine Mutter und ich, aber jeder in anderer Weise. Er war jähzornig, verschlossen, mißtrauisch, gewalttätig gegen andere und sich selbst. Kein Dienstmädchen wagte sich ohne Furcht in seine Nähe. Man mußte ihm stets alle Waffen fernhalten. Man durfte ihm nicht einmal einen harten, scharfgespitzten Bleistift geben, sondern nur weiche Blau- und Rotstifte, mit denen er die weißen Wände unseres Zimmers oft bekritzelte. Schon als junger Mensch tat er etwas, was sonst nur verbrecherische Irre mit starkem Selbstzerstörungsdrang tun, er schliff sich den langgewachsenen Nagel des kleinen rechten Fingers spitz zu und stach sich ihn (stöhnend!) in die Adern des linken Handrückens, um Blut zu sehen, soviel als möglich. Einmal beobachtete ich ihn dabei, als er es tat – und hinderte ihn dennoch nicht. Wie er es tat, was dabei in dem Ausdruck seines Gesichtes lag, das war so, daß man fühlte, er muß es tun, es kann gar nicht anders sein. Meist waren die Wunden klein, diesmal mußte er ein größeres Blutgefäß getroffen haben; denn es schoß ein stricknadelstarker Blutstrom fast senkrecht in sein über die linke Hand gebeugtes Gesicht. Ich schrie auf. Er erschrak. Ich kam zu ihm, er hinderte mich nicht. Ich drückte schnell die Ränder der Wunde zusammen, dabei fühlte ich mit einer nie zu beschreibenden Empfindung, wie sich die letzten Blutstropfen heiß zwischen meinen Fingern hindurchpreßten. Er war sofort nachher wieder bei sich, man fühlte: »Es ist wieder vorüber«. Wir verbanden heimlich die Wunde, ein Silbergeldstück darüber pressend, so daß beim Abendbrot der Verband wegbleiben konnte, und der Vater nichts erfahren mußte.

Damals habe ich zuerst gefühlt, was Blut ist. Aber ich habe es nicht vergossen. Ich habe nur nichts dagegen getan, daß es zu fließen begönne. Ich habe mich auch damals noch nicht davor gescheut.

Meine Mutter hat mir oft den Bruder anvertraut, hat mich gebeten, Geduld mit ihm zu haben, sein Unrecht nicht mit Unrecht zu vergelten, seinen Roheiten zart zu begegnen, vor allem ihn nicht allein zu lassen. Er sei sein eigener Feind, flüsterte sie mir zu, und über ihre guten Lippen kam ein Lächeln, als glaubte sie, wenn sie mir dies einmal anvertraut hätte, so würde er, ihr schon damals rettungslos verlorener Sohn, von diesem Augenblicke an nicht mehr sein eigener Feind sein. So hängte ich mich denn an seine Fersen, ich ließ ihn auf der Straße nicht von meiner Seite, ich ließ ihn nicht locker, obwohl er es wollte, denn er hatte bei seinen Ausgängen häßliche Pläne, schauerliche Wünsche. Keine Frau war vor seinen Begierden sicher, kein Tier vor seinem Haß, kein schönes Gewächs oder Kunstwerk vor seinem Zerstörungstrieb. Dabei scheute er vor nichts zurück. Nur wollte er immer allein dabei sein. Er wollte sich deshalb mit aller Kraft von mir freimachen. Er hätte auch vor Handgreiflichkeiten nicht zurückgeschreckt, wenn er stärker gewesen wäre. Aber ich war ihm sehr weit an Körpergröße und an Muskelkraft überlegen. Wenn er neben mir ging, hatte ich dasselbe Gefühl wie Jahre nachher, wenn ich neben meiner Frau ging. Er pflegte einen schweren Mantel im Winter zu tragen, aus einem dichtgewebten Stoff, den man Burberry nennt. Da der junge Mensch im Verhältnis zu seinen breiten Schultern zu klein war, hatte man das fertiggekaufte Kleidungsstück unten an den Säumen eingeschlagen. Beim schnellen Gehen drängte sich mir dieser schwere Saum gegen die Beine. Meine Mutter hatte später einen am Halse und am unteren Ende mit Waschbärpelz besetzten, glockenförmig geschnittenen Mantel. Auch hier schmiegte sich der untere Rand des beim schnellen Gehen stark hin und her schwingenden Mantels an meine Beine. Wollte auch sie von mir fort? Fügte sie sich, wenn ich ihren zarten, kindlichen Arm in meinen legte, nur meiner Gewalt, meiner körperlichen Überlegenheit?

Mein Bruder scheute auch vor keiner Niedertracht zurück. Er wußte, daß ich einen instinktiven Widerwillen davor hatte, eine Bedürfnisanstalt zu betreten. Er konnte keine sehen, ohne hineinzueilen, wahrlich wie ein Hund. Ich hatte meiner Mutter geschworen, ihn keine Sekunde allein zu lassen und ihn unter allen Umständen heil wieder zurückzubringen. Es war gut möglich, daß er schon eine Sekunde des Alleinseins zu einem Selbstmordversuch benützte. So wurde mir der Besuch der Bedürfnisanstalten, dieser fürchterlichen, schmutzigen Eisenbuden mit den feuchten Fußböden, dem durchdringenden Gerüche, den auf Krankheiten und Unsauberkeit hindeutenden Plakaten an den Wänden, nie erspart. Einmal entwich einer solchen Anstalt, die wir vor Antritt eines größeren Ausfluges frühmorgens betraten, still und feige ein herrenloser Hund, der dort genächtigt hatte.

Und doch hing ich an diesem Mann mit einer so innigen Liebe, genauso stark wie zu meiner Mutter und später zu meiner Frau. Ich habe bei dem Tode meiner Mutter, die fast lachend, ich sagte es, mit rührendem Humor aus dem Leben ging, nicht so geweint wie bei dem Tode dieses Bruders, der endlich seinen Willen durchgesetzt hatte, nämlich sich selbst zu zerstören, wie er alles zerstörte, was in seiner Nähe war. Es konnte gar nicht anders kommen, ich fühlte es, es mußte sein, und doch war ich verzweifelt, als mich der Wärter der Anstalt am Morgen nach der Tobsuchtsnacht nicht einmal in die leere Zelle lassen wollte. Es waren noch Blutreste dort. Er wollte mir auch den Anblick des »zuschanden Gegangenen«, wie er mitleidig sagte, ersparen. Ich habe meinen »geliebten alten Jungen« nicht im Sarge gesehen.

Seither weiß ich, was Blut ist. Deshalb scheue ich mehr davor zurück als sonst ein Großstädter. Ich weiß es zu genau, als daß ich, auch in der heißesten Erregung meines betrogenen Herzens, einen einzigen Tropfen Blutes vergossen haben sollte. Es ist nicht so. Wenn ich mich tausendmal selbst anklage, niemand glaube dieser falschen Selbstbezichtigung! Also, dann bin ich es nicht? Kein fremder Mann hat meine Wohnung betreten, nur ich war es? Meine Frau ist unberührt geblieben? Wie käme Blut dann zu mir? Es ist nicht geflossen. Wäre es so! Wäre es so! Ich bin ja klar und klug. Ich liebe den normalen Verstand. Die nüchternste Kritik ist mir die liebste. Keine Maschine meiner Fabrik lasse ich ohne genaueste Kontrolle laufen. Ich werde mir klar über jede Verbesserung des Absatzes, über jedes erfolgte und jedes entgangene Geschäft. Klarheit ist mein tägliches Brot.

Auch jetzt bin ich klar, wo ich mich der auf dem Erdboden liegenden Frau genähert habe. Sie spielt die Schlafende, die Ohnmächtige. Ich bin neben ihr niedergekniet, immer noch meinen scharfen Rechenstift in der Hand, mit dem ich meine astronomischen Aufzeichnungen machen wollte. Nur zufällig ist das scharfe Ende, die dunkle, bleifarbige Spitze dieses Stiftes, der empfindlichen Stelle gerade gegenüber, da unter dem Hof der linken Brust, wo sich der von Ärzten so genannte Spitzenstoß regt, eine Handbreit weit von der Blüte dieser Brust entfernt ... eine Handbreit ... wie oft hast du die Hand um diese Brust gelegt, ihre dunkel teerosenfarbene Blüte zwischen dem Handflächenansatz des Daumens und Zeigefingers mit einer hauchartigen Zartheit umfaßt, als wolltest du sie nicht mit den rauhen Fingerspitzen berühren ... Da unten, an dieser Stelle vibriert es, als ob Wasser unter einer Eisdecke flösse, so hebt es sich schnell und senkt es sich, es glitzert der perlmuttartige Schmelz dieser dünnen Haut bei der dunkelblonden zweiundzwanzigjährigen Frau ... Nicht mehr! Nicht weiter! Nicht tiefer! Aber läßt es mich denn? Ich muß tun, was ich tun muß. Sie muß tun, was sie tun muß. Der dritte ist geflohen. Um ihn ging es nicht.

Hätten wir uns nie gekannt! Wenn ich auf den Knien wegrutsche, wenn ich schwer keuche, wenn ich mich vor Anstrengung zusammenkrampfe, da kommt es unter dem Erzittern aus ihrer weißen asbestartig glänzenden Kehle: »Fürchtest du dich?« Ich fürchten? Habe denn ich die Ehe gebrochen? War ich es denn? Ich weiß, schuldlos sein ist gut. Es ist gut, mag sein, aber anders ist es, Blut zu sehen. Das ist ein anderes Leben in diesem Leben. Ich werde es beweisen. Ich tue nichts, ich rege mich nicht. Ich halte meinen scharfen Stift in der Hand, er zuckt nicht, er steht ganz ruhig und fest, meine rechte Hand zuckt nicht, sie steht ganz ruhig und fest. Mag meine Frau leben, mag sie hin werden, man soll mir nichts beweisen. Ich werfe der Frau nichts vor. Wir haben einander nichts mehr zu sagen. Ich bin tot für sie. Aber sie wirft etwas vor. Sich selbst. Die erste echte Regung? Sie schreit auf, leise, aber sehr ans Herz greifend. So wußte sie nicht, daß vor ihrer unbedeckten, daß vor der springenden Stelle ihrer nur zu sehr lockenden Brust ein scharf geschliffener Gegenstand wartet, ein Rechenstift, der auf sie rechnet und sich bei ihr, der Unberechenbaren, nicht verrechnen wird. Früher sprang sie mir oft ins Gesicht, jetzt springt sie sich selbst ins Herz. Grauenhaft, absurd, aber wahr! Sie hat die Waffe in sich. Sie hat sich an der empfindlichsten, gefährlichsten Stelle verletzt. Aber wer glaubt denn dies? Absurd, unmöglich! Pathetischer Roman. Ein Rechenstift soll eine tödliche Waffe sein? Nein, ein lächerliches Spielzeug in den Händen eines tragikomischen Mannes. Solch ein Stift durchbohrt kaum ein stärkeres, pergamentartiges Papier und soll so tief durch die Haut, die Rippen, das Brustfell bis ins Herz gegangen sein? Das ist technisch unmöglich.

Alles ist falsche Selbstanklage, alles. Was ist mir ihre Brust? Ein Stück Fleisch, denn hinter dieser Brust ist nichts als Fleisch. An meine Brust muß ich schlagen, nicht an ihre. Bin ich echt, bin ich wahr? Aus meinem Innern habe ich das Letzte herauszureißen. Wenn schon Feuer und Flammen da sind, muß ich mich hineinwerfen, um endlich Frieden, Arbeitskraft und Reinheit für mein künftiges Leben zu gewinnen. Glaubt mir nicht, glaubt ihr, die sich im Rechte glaubt. »Liebe kann sein, der Mensch ist kein Fisch«, sagte sie einmal, »aber wer wird sie auf immer verlangen? Alles nützt sich auf die Dauer ab.« Laßt sie, die unselige Frau, in ihrer Herzenskälte! Glaubt doch nicht, daß glühend heiße Tropfen aus einer stricknadelgroßen Wunde herausquellen können. Aus diesem kalten Herzen kommt nur ... Ist denn diese Welt für beide und den dritten nicht groß genug? Ein Mensch wie ich hat andere Pflichten. Meine Welt ist nicht bloß ein schönes Stück lockendes Fleisch. Unter meinen Nebenmenschen, in meiner Arbeit, in meiner Erkenntnis, in der Erziehung meines Kindes, da ist mein Platz in der Welt ...

Noch möchte ich verweilen. Es soll nichts geschehen sein. Es soll nichts Unwiderrufliches vorgefallen sein. Nichts soll vorgefallen sein. Alles soll so bleiben, wie es ist. Mag es Wirklichkeit sein oder Traum – ich will nur Ruhe. Das Leben vom Morgen bis zum späten Abend ist schwer genug. Wozu die Probe vom späten Abend bis zum Morgen?

Vor mir in dem Volksparke, etwas weiter den Abhang hinauf und ein wenig nach links von meiner Bank, gibt es in der in Beton eingefaßten Wasserfläche eine Fontäne, die des Morgens nicht springt, wohl aber jetzt abends. Laßt mich hier verweilen! Ich will dem sprudelnden Wasser zusehen. Ich will meine Hand hineintauchen, und alles andere will ich lieber an meiner geröteten Hand herabrieseln fühlen als Blut. Aber je länger ich dem dünn sprühenden Wasserstrahl zusehe, je niedriger ich meine rechte Hand über die Mündung der spritzenden Fontäne halte ... ich muß knien, ich muß den Oberkörper weit vorbeugen, schwer hält man so das Gleichgewicht, der Körper krampft sich zusammen, das Herz hat zu arbeiten ... Unerträglich und immer unerträglicher wird der Druck über meinem Herzen ... Ein anderer begreift es nicht. Kein Selbsttrost hilft. Das Rot von meiner Hand verschwindet nicht, weder von der rechten noch von der linken. Eiskalt wird die Hand in dem frischen Wasser, aber nie rein. Und jetzt durchstößt mich ein Gedanke klar bis zum Schmerz, ebenso scharf wie ein geschliffenes Stilett eine wehrlose zarte Brust durchstößt: nicht im Wasser allein, sondern im Feuer muß sich waschen, wer so ist wie ich, wer das Leben mit seinem ganzen Schmutz erlebt hat. Nein! Die Feder, die so eifrig schreibt, hat sich verschrieben: nicht Schmutz, Schuld muß es heißen. Denn mag in ihrer Seele Schmutz gewesen sein, in meiner ist es Schuld.

Es ist Nacht um mich. Feuer und Flammen sehe ich nirgends, obwohl der schwelende Geruch noch nicht ganz vergangen ist. Wir haben uns einmal sehr geliebt. Glücklich waren wir nie. Hätten wir einander nie gekannt! Sie war mein Verderben, ich das ihre. Hätten wir voneinander gelassen! Warum ist sie bei mir, dem ungeliebten Mann, geblieben, und ich, kann ich mich von einem geliebten Menschen lostrennen nur durch den Tod? Hätte sie mir das Kind gelassen, das beste Teil von sich selbst. Was sie von mir wollte, war doch nur mein niedrigster Teil. Warum konnte es nicht so sein? Ich hätte sie nicht mit Anrufen belästigt wie ihr Vater. Ich hätte mich zwischen meinem Kinde und meiner Arbeit geteilt, das ist viel mehr, als die meisten Menschen haben. Warum konnte es nicht so sein? Hätte sie nicht mit einem zweiten oder dritten Mann glücklich werden können? So sehr ich sie liebte, schon aus Stolz hätte ich sie nie gehalten. Er wäre vielleicht reicher gewesen als ich, er hätte ihr alles Schöne dieser Welt zu Füßen legen können. Aber vielleicht hätte er es gar nicht getan, er hätte geahnt, daß sie mit kalten Händen angefaßt sein will. Er hätte sie als Gentleman genommen und hätte sie ebenso gelassen. Er hätte sich beim Scheiden friedlich und mit vollendet guten Manieren mit ihr geeinigt. Ihn hätte sie verstanden. Hätte? Warum kann es denn nicht mehr sein? Ist es denn sicher, ist es unwiderruflich, kann es unmöglich anders gewesen sein?

Blut ist geflossen. Ich sage, es war so. Das Blut meiner geliebten Frau (schreibe ich das nicht so hin, als hätte ich zu schreiben: das seidene, plissierte Abendkleid meiner geliebten, verlogenen Frau oder der kleine Schleier am marineblauen Hütchen meiner geliebten Frau oder der letzte Seufzer meiner geliebten Frau?), das Blut meiner geliebten Frau, das schreibe ich nun, weil es so sein muß, rinnt nur in wenigen schweren Tropfen, dunkel wie Tierblut, den oberen Spitzensaum hinab, es tränkt den mit bunten Blümchen bestickten Achselträger, bis dieser zu einem blutigen Seil wird. Es muß doch Brandflecke ätzen, das Blut, kommt es doch aus einer entzündeten Seele. So kalt sie war, so heiß war sie. Sie konnte heiß sein, sie kannte sinnliche Leidenschaft und Feuer, nur zu viel! Muß das nicht die stärkste Seide zu Kohle brennen? Übertreibung! Blut brennt gar nicht. Dieses Feuer ist sehr unschuldig. Was sind drei Tropfen Blut? Daran stirbt ein gesundes zweiundzwanzigjähriges Mädchen nicht. Aber warum bin ich zu ihren Füßen niedergesunken? Die Kerzen flackern und glitzern. Ist es noch nicht genug? Genug! Übergenug!

Einer ihrer mit Schwanenflaum besetzten himmelblauen Hausschuhe ist von dem langen, zarten, wie aus Elfenbein gemeißelten Fuß herabgeglitten. Während ich mich über die halbgeöffneten Augen der verwundeten Frau niederbeuge, schlüpft mir der Hausschuh in die offene Tasche meines Jacketts innen über der linken Brust. Er bohrt sich ein, er stößt wie ein warmer, weichaufgeplusterter Vogel an mein jagendes Herz. Jetzt sprüht ihr Blut heraus, es jagt wie meines jagt. Meines jagt nach innen, ihres nach außen. Es steigt hoch. Eine winzige Fontäne. Daran stirbt man doch nicht. Wieviel Blut hat sie bei der Geburt verloren! Damals ging es in Strömen von ihr. Und am nächsten Tage erwachte sie rosiger und blühender denn je. Jetzt sprüht es aus ihr, wie es in der Nähe eines Springbrunnens sprüht, wenn ein starker Wind weht. Aber es weht kein Wind. Die Atemzüge sind lässiger geworden. Die feinen Nüstern beben nicht mehr, die Nasenflügel sind grau, fast ganz eingezogen. Um die schönen Augen sind Ringe. Alles ist still, friedlich. Die oberen und die unteren Augenwimpern haben sich jetzt langsam ineinander verfangen wie die Zweige einer kleinen Weidenhecke. Die Stirn ist niedrig, atlasweiß und atlaszart. Von draußen kommt das Rascheln der Weinreben, aus weiter Ferne ein verklingender Gesang. Die Kerzen flackern auf der Tafel. Immer höher und weiter im Umkreis schießt es aus der winzigen Wunde, in der noch die Waffe steckt. Ich rühre sie nicht an. Ich rühre diese Frau nie mehr im Leben an. Neben der Waffe drängt es sich durch. Meine Lippen müssen den Blutstropfen ausweichen. Ich will es gar nicht so aus der Nähe haben. Ich nehme den Hausschuh aus meiner Brusttasche und lege ihn ihr lächelnd zu Füßen. Sie spielt doch nur die Schwerverwundete, wie sie einst als Mädchen die Liebende gespielt hat in unserer ersten Nacht, ich spiele ja nur den Mörder, wie ich das heitere Lächeln vorhin gespielt habe, als ich die Lüge in ihrer Liebe erkannte. Werde ich einmal in ihrer Lüge auch die Liebe erkennen? Wie gingen wir einmal ineinander auf. Jetzt möchte ich nur fliehen. Es schaudert mir vor ihr. Was soll mir alle glühende Leidenschaft? Ist nicht ihr Geliebter, der guterzogene Gentleman, der ausgeglichene Mensch, der delikate, nichtssagende Mann das Richtige für sie, die gepflegte, nichtssagende Frau? Er täte ihr den Willen. Er täte ihr nicht weh. Vielleicht liebt er sie mehr als ich, nämlich so, wie sie geliebt sein will. Wahre Liebe mordet nicht. Es mag einen Mord aus Leidenschaft geben. Aus Liebe nicht. Ich will noch lange nicht sterben, ich hänge sehr am Leben, so sagte sie oft. Muß es jetzt sein? Jetzt möchte ich nur fliehen, sie lockt mich nicht mehr, es schaudert mir nur noch vor ihr. Keiner ihrer Blutstropfen dürfte den Rand meiner Lippen berühren, die Spitzen meiner Finger. Ich ginge davon in Flammen auf, im Wahnsinn, im ewigen Verderben. Ich will etwas so Furchtbares nicht einmal denken. Das ist kein Traum für eine Sommernacht. Keine Probe! Sie ist zu gefährlich. Meine Frau hat mich auf die Spitze getrieben. Ich aber breche ab. Ich will es weiter nicht. Wir brechen die Spitze der Waffe ab, wir drücken ein goldenes Geldstück auf die blutende winzige Stelle, wir machen der Frau ein schönes Geschenk, Schmuck oder einen reizenden Wagen, um sie zu versöhnen. Gut? Ja?! Ist es endlich wieder gut, alles?!

Sie aber soll mir nichts schenken, nicht einmal sich. Ich will nichts mehr von ihr. Ich will keine Kinder mehr von ihr seit der heutigen Nacht. Sie wollte nie ein zweites Kind von mir. Sie hatte nichts dafür übrig, wollte lieber mehr für ihre Bildung tun, wollte sich ihre Schönheit erhalten. So kann es nun werden, daß wir zum erstenmal seit Jahren, eigentlich zum erstenmal seit dem Tage, an dem sie gemerkt hatte, daß sie in der Hoffnung war, daß wir zum erstenmal wieder ein Herz und eine Seele sind und das gleiche voneinander wollen: nichts. Wir wollen beide lachend aufstehen, wir wollen endlich unser Abendbrot essen. Ich will dann baden, dann will ich zur Ruhe gehen, am besten auf dem Sofa aus Rohrgeflecht, das auf der Veranda steht. Wir wollen schweigen, ich will schweigen von dem Gast, der nach dem Ehebruch vor mir geflüchtet ist, sie soll schweigen von meiner Mordabsicht, von der kleinen Hautwunde unter ihrem Herzen. Wir müssen zu unserem gewohnten Leben zurückkehren, unserem gemeinsamen Kinde zuliebe zurück zu einer Ehe, wie deren zehntausend Ehen in Berlin sind. Ist sie damit einverstanden?

Sie schweigt. Es ist also nicht so und wird niemals so sein?

Die Frau ist während dieser ganzen langen Zeit regungslos geblieben. Sie hat nicht einen einzigen Flüsterlaut des Schmerzes von sich gegeben. Liebt sie Schmerzen so sehr? Jetzt wirft sie sich empor. Sie schreit. Niemand beschreibt diesen Schrei. Lebe eine Ewigkeit, du vergißt ihn nicht!

Es ist die geliebte Stimme und die Stimme des tierischen Wesens dazu. Es sind zwei Ich, die beide schreien. Nicht lange. Nicht so laut, daß die Ohren gellen. Nicht so durchdringend, daß das Dienstmädchen oben in ihrer schwülen Kammer oder mein Kind im Zimmer nebenan erwacht. Nur in der Seele gellt es, und das vergißt man nie.

Nun verzerrt sie das geliebte Gesicht in Schmerzen zu einem häßlichen Grinsen. Der Mund ist eine breite, hochrote, nasse Grube, langgestreckt, und die Lippen rings um diese Grube sind grau wie ihre Zähne. Jetzt erst zieht sie ihre beiden Hände unter dem Kreuze hervor. Zu spät! Früher hätte sie mich fassen sollen, früher hätte sie mir in die Arme fallen sollen. Vieles hat sie mir zugetraut, aber das, was wirklich in mir lag, hat sie bis zu dieser Sekunde nicht geahnt. Warum hat sie mich dazu gebracht? Jetzt tappt sie mit ihren Händen umher. Sie faßt auch die Wunde nicht an, sie hat Angst davor. Die Facetten der riesigen Steine funkeln blau und grün und rot im Kerzenlichte. Aber ihr Schmerz wird stärker als die Angst, sie schließt die Augen, sie sucht, sie tastet, sie greift, jetzt faßt sie es an, jetzt hält sie es, und während sie zu einem neuen, ganz anderen, viel kläglicheren, schauerlich einsetzenden und erlöschenden Schreien: »Mutti, o Mutti!« ansetzt, reißt sie sich selbst das Mordinstrument aus der Wunde, sie schleudert es von sich, ihre Augen sind zusammengepreßt, sie sieht nicht, was aus dem blutigen Stift wird, aber ich sehe es: die glatte, im Kerzenlicht rötlich glitzernde Waffe mit dem triefenden Blut an ihrer Spitze ist blitzschnell den Abhang ihres Unterleibes hinabgerollt, und sie beschreibt jetzt, während mein Auge in unausdrückbarem Entsetzen sich schaudernd abwenden will, auf der Seide einen Namenszug. Ist es der meine, ist es der meiner Frau? Und lebte ich ewig, ich würde ihn nicht lesen.

Der Schrei ist schon seit einer Ewigkeit verstummt. Es saust bloß der trockene heiße Augustwind durch die offenen Fenster und Türen. Der Gesang und die Akkorde heben wieder an. Man vernimmt, wie die Uhr an dem Bettpfosten im dunklen Schlafraume tickt, dann hört sie auf, geht weiter, es ist, als atme sie. Es dauert lange? Es dauert eine Minute? Wer zählt die Zeit, wer hat die Ruhe dazu? Noch nicht genug?

Die unselige, zu ihrem Verderben viel zu tief geliebte Frau kann keine Ruhe finden. Sie stützt sich mühsam auf. Ihr weicher Ellbogen verfängt sich in den blutgetränkten Blümchen des linken Achselträgers. Nun sitzt sie da, mit dem Rücken gegen das tief hinabhängende weiße Damasttuch des Tisches gelehnt. Ihre grauen Augen öffnen sich weit. Sie lebt auf. Sie blickt erstaunt umher. Sie legt den Kopf zurück, streift die dicht angelegten, goldfarbenen Flechten aus den Schläfen. Das schöne Ohr mit den grünen langen Ohrgehängen wird sichtbar. Die Lippen zittern, als wären es Saiten, die angeschlagen werden. Sie atmet durch die Nase und den Mund. Man sieht die Spitze ihrer erdbeerfarbenen Zunge zwischen den Zahnreihen hin und her gleiten, als versuche sie ein Wort zu formen. Aber es kommt kein Laut mehr hervor. Nur ein endloser Seufzer, wie ihn wollustvolle Frauen im Vergehen verhauchen. Aber es ist kein Vergehen, es ist nicht Wollust, was ihn aus ihrem Inneren auspreßt. Sie sieht mich an. »Mutti, o Mutti!« Ich kann ihr nicht helfen. Ich bin ihre Mutter nicht. Sie hebt beide Arme empor. Sie langt allmählich, als müsse sie erst richtig Kraft dazu sammeln, nach meinem Hals, aber kaum hat sie ihn umspannt, kaum haben sich beide Hände, eiskalt wie sie sind, über meinem Nacken verschlungen, als sie ihn so grausam zusammenpreßt, als wolle sie mich lieber erwürgen als mich lebend fortlassen. Aber es ist nicht so, denn sie will mir nichts Böses tun. Ihre Augen sagen deutlicher, als es ihre kraftlos gewordenen Lippen vermöchten, daß sie sich nur zu mir flüchten möchte. Ich soll ihr helfen. Ich soll sie nicht allein lassen in diesem fürchterlichen Augenblick. Sie sieht an ihrer Brust herab, sie sieht das Blut träufeln. Sie liegt den linken Ellbogen an ihren nackten Körper. Vielleicht schämt sie sich. Ihre Unterlippe breitet sie aus, als wäre es ein Blumenblatt, das sich entfaltet. Man will es nicht sehen, wie es ist. Man will diese Unterlippe nicht sehen als die Unterlippe einer schnöden, ehebrecherischen, eisigen, gefühllosen Frau. Man will sie mit einem Blumenblatt, dem reinsten auf Erden, vergleichen. Als würde sie, die niemals rein gewesen ist, auch in ihrer Jungfräulichkeit nicht, jetzt im Sterben rein. Ihre klare Verstandesstirn runzelt sich streng. Sie richtet sich auf. Ihre Arme lösen sich schnell von mir. Ihr ganzer Körper beginnt im Hocken auf dem roten Plüschteppich des Speisezimmers eine furchtbare Bewegung. Ohne daß sie es will, vielleicht ohne daß sie es weiß, reckt sie sich auf, läßt sich wieder fallen, wie ein Reiter im Sattel auf einem stark stoßenden Pferde. Bei hoch fiebernden Kindern sieht man Ähnliches. Da wendet sich der Vater ab. Hier möchte sich der Gatte abwenden. Es ist ein Anblick, den man nicht ertragen kann und den man dennoch ertragen muß. So sehe ich sie an und schweige. Lange! Viel zu lange. Sie sieht mich an. Sie spricht nicht zu mir. Bei jedem Auf kommt zwischen ihren Lippen ein feiner, zischender Schrei hervor, bei jedem Nieder ein tiefer, entweichender Seufzer. Sie hat jetzt die Ellbogen von der Wunde weggestreift. Es blutet nicht mehr. Sie jagt nach Luft, röchelt. Sie kämpft mit dem Tod. Sie will sich hinlegen. Aber im Liegen werden die Schmerzen noch stärker. Sie richtet sich noch einmal auf. Sie wird jetzt schwächer, und immer leiser und keuscher wird der Ausdruck ihres Schmerzes und ihres gar so schwer erlöschenden Lebens ... Jetzt bin ich vor ihr geflohen. Zwar ist es nur Gerechtigkeit. Ich habe in Notwehr gehandelt. Ich habe überhaupt nicht gehandelt. Ich habe nur ihre Selbstvernichtung nicht verhindert. Oder soll ich sagen, wie es war? Soll ich wiederholen, wie es sein mußte, wie es in den Sternen stand? Sie hat mein Leben vernichtet. Ich habe ihres nicht geschont. Sie hat mich betrogen. Ich habe sie ermordet. Aber dieses Ende aus der Nähe zu sehen, das erträgt nur ein Teufel oder ein Heiliger von einer anderen Welt.

Was ist Liebe? Was ist Besitz? Was ist Treue? Was Gefühl? Alles Verderben, Vernichtung, Untergang.

Ich habe mich in mein Badezimmer geschlichen, habe die Hände unter die Hähne gehalten. Ich wollte mich reinigen. Noch war die Wanne nicht bis oben gefüllt. So blitzschnell hat sich alles abgespielt. Gespielt? Nein, diesmal nicht. Ich höre ein Krächzen. Ist das noch die geliebte, die silberne, leicht verschleierte Stimme der geliebten Frau? Hat sie mich zu sich gerufen, hat sie mich verflucht, hat sie sich nach mir gesehnt – oder alles zusammen? Bin ich es, nach dem jetzt ihre feinen Hände langen? Oder will sie ihr Kind umarmen, bevor sie stirbt? Aber ich weiche ihr aus. Auch mein Kind soll sie nicht mehr berühren.

Nicht mich sollen ihre Hände in diesem Leben noch einmal ergreifen. Dieser Probe will ich mich nicht unterziehen. Wir schweigen. Statt meiner haben ihre Hände die herabhängenden Enden des Tafeltuches erfaßt. Ist es Schamhaftigkeit, will sie sich bedecken, nicht nackt in der Seide sterben? Jetzt hat sie das Damasttuch mit ihrer letzten Kraft gepackt. Was auf dem Tische stand, stürzt mit dumpfem Getöse hinab.

Ich aber stehe fern. Ich rühre mich nicht. Ich muß ruhig bleiben mitten im Untergang. Ich bin ein Mann, kein Weib. Ich lebe, ich sterbe noch nicht.

Sie will sich an den Füßen der Tafel halten, aber jetzt wanken auch sie, und der Tisch stürzt. Die Kerzen sind in den silbernen Leuchtern steckengeblieben. So sind sie als erstes herabgerollt. Aber sie verlöschen unter den Scherben nicht. Sterbend hat die Geliebte ihr Gesicht verhüllt. Nur ihr Gesicht bis zu dem tiefen Knoten ihres Haares im Nacken. Ihr Körper unter der fast durchsichtigen, aprikosenfarbenen, seidenen, blutbefleckten Hülle ist nackt. Das Kerzenlicht flammt stärker von dem Teppich her, es ist, als atme es auf.

Laß es atmen! Laß es ersticken, was liegt daran, das Leben ist vorbei. Ich sagte, ich lebe, es war gelogen. Keine Probe und dennoch verloren!

Ich will nichts wissen! Alles, was ich weiß, sei vergessen und verbrannt. Brand kann alles verzehren, alles vernichten. Es sei untergegangen. Nie geschehen. Nie gedacht, nie gewesen, niemals und nie. Wozu ist das Blut geflossen? Sind wir jetzt einander gut? Sie war immer sich treu, anderen nie. Ein einziges Mal hat sie einer Regung nachgegeben, hat sich die Treue gebrochen, und da hat sie sich selbst ermordet. Warum hat einer alles aus zu großer Nähe gesehen? Man kann keinen Menschen in dieser Viermillionenstadt und kein Atom des unendlichen Lebens klar erkennen, wie sie sind, und sie dennoch lieben mit seinem ganzen Herzen. Gott kann es. Der Mensch kann es nicht. Das geht über Menschenkraft. Aber muß man es zerstören? Ach, hätte ich nie gelebt! Mein Tagesbeginn war so schön heute morgen, trotz des Schmutzes, aus dem ich kam. Damals wußte ich nicht, was ich jetzt weiß. Meine Berufsarbeit in meinem vergangenen Leben war redlich. Mein Verdienst war wohlerworben, so ehrlich, als es einem schwer arbeitenden Menschen möglich ist. Ich habe gezahlt, was ich sollte, ich habe aber schwache Schuldner nie gedrängt. Ich habe Arbeiter gehabt, weil ich nicht alles selbst verrichten konnte, aber ich habe nie zu der ausbeutenden Klasse gehört. Gegen meine Arbeiter habe ich sozial gehandelt, ich habe, sie sagten es mir mehr als einmal, nie weniger als meine Pflicht getan. Ich habe nie mehr verlangt, als mir zukam. Mir genügte, was ich hatte. Was ich hatte und habe es doch zerstört? Habe es ums Leben gebracht? Ich wollte es ja nicht. Daran dachte ich nicht, als ich heute abend an der Feuerwache vorbeikam. Treu und voll beruhigender Gewißheit war das Wachen der Feuerwehrmänner in der nächtlichen Station. Sie taten ihre Pflicht bei Tag und Nacht. Sie waren starke menschliche Helden wie die alten Soldaten und Soldatinnen der Heilsarmee im Waisenhause in der Alten Jakobstraße. War da nicht auch Arbeit für mich? Wenn ich Menschen liebte, mußte ich sie auch besitzen? Ein Mensch wie ich, der Sohn seines Vaters, der Bruder seines Bruders, der hätte wissen müssen, der hätte sich tausendmal bei Tage in seiner Fabrik, millionenmal in den schlaflosen Nächten zu Hause vorsagen und befehlen müssen: Bleibe allein! Immer!

Ich schreibe. Mit einem scharf geschliffenen Stift schreibe ich Wort für Wort. Ich schreibe Gedanken für Gedanken und Tat für Tat, Wirklichkeit. Ob ich will. Ob ich mich wehre. Was nützt das Wehren? Schon als Kind sehnte ich mich nach Blut. Mein Bruder war mein Bruder. Das war mit mir geboren. Wird es erst mit mir sterben? Aber ich beherrschte mich. Die großen wie die kleinen Bedürfnisse beherrschte ich. Nicht aber beherrschten sie mich. Ich wollte rein bleiben. Ich wollte nicht, daß ein Mensch Angst vor mir habe. Ich wollte nie einen Menschen wissentlich kränken. Ich wollte nicht töten. Ich war zu weich. Ich tötete nicht einmal ein Ungeziefer, das vom Aussaugen andern Ungeziefers lebt. Ich tötete nicht einmal eine gefangene kleine Spinne. Ich hielt sie in meiner geschlossenen Hand. Sie trippelte da umher, spannte ihre dünnen Fäden, mich mit einem wollüstigen Gefühl aufreizend. Aber ich zerdrückte sie nicht. Ich tat ihr nichts. Ich ließ sie lebend davon. Wird mir dies einmal angerechnet?

Könnte ich doch alles vergessen, auf dem Tode stehen! Eingehen in den ewigen Frieden. In die Hand Gottes, dort meine Fäden sorglos spannend ... Könnte ich alles vergessen! Das heißt in Gott aufgehen. Aber ich schreibe noch. Es schreibt weiter, ob ich will oder nicht ...

Nun habe ich doch getötet. Ich schreibe. Indem ich schreibe, töte ich zum zweitenmal.

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