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Die Feuerprobe

Ernst Weiß: Die Feuerprobe - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorErnst Weiß
titleDie Feuerprobe
publisherSuhrkamp Verlag
year1982
firstpub1929
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.net
created20140531
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Siebentes Kapitel

Nichts an dieser unseligen Verbindung sollte sein, nichts vom Anfang, nichts vom Ende. Wird man es glauben, daß ich, der glückliche Ehemann, sie, die weniger glückliche Ehegattin, schon drei Tage nach unserer Hochzeit dabei betreffe, daß sie einen doppelten Ehering, das heißt zwei glatte Ringe übereinander an dem Ringfinger der rechten Hand trägt? Gelten etwa Ringe, in dieser Form getragen, nicht als Witwenringe? Vergebens will sie mich eines besseren belehren, nur der eine, der obere Ring sei glatt, nämlich ihr Ehering, der andere Ring sei ein alter Smaragdring aus ihrer Privatschatulle, bei dem sich zufällig der Stein nach innen gedreht hätte. Sie lacht über meine Gedanken, erinnert mich flüchtig an meinen Bruder, an dessen krankhaftes Irren, und warnt mich. Auch bei dieser Szene ist mein Vater zugegen gewesen, auch hier hat er meiner Frau sofort recht gegeben, er hat sich vom ersten Augenblick an mit ihr verstanden, als wäre sie Geist von seinem Geist. Mit höflichem Lächeln wendet er sich zu mir und gibt mir zu verstehen, er hätte mit meiner seligen Mutter an fünfundzwanzig Jahre glücklich und zufrieden gelebt und ihr nie ein böses Wort sagen, nie ein böses Wort von ihr anhören müssen. So war es eine andere Art Menschen als ich und meine Frau? Er glaubt seiner Sache sicher zu sein, und doch irrt er. Oft war ich und nicht er meiner Mutter einziger Halt. In einem schweren Jahr ihrer Ehe reichte ich ihr nur bis an die Knie, ich sagte es, und doch waren wir ein Herz und eine Seele. Da man keine zweite Mutter im Leben findet, sollte man lieber allein bleiben. Wäre ich ihr bei ihrem Hinscheiden nachgefolgt! Hätte sie länger gelebt! Nie wäre gekommen, was gekommen ist, ich fühle es mit immer unentrinnbarer werdendem Entsetzen, mit immer kälterem, eisigerem Schauder. Vergebens habe ich mich in belanglose Erzählungen versponnen, habe von den Proben des Asbestmaterials, von den filzgefütterten Ringen der Rotweinflaschen, von den telephonischen Anrufen, von den vorzeitigen Witwenringen meiner Frau gesprochen, von dem aus feuerfarbenem Garn gesponnenen Spielbällchen meiner Kleinen, das denselben pfirsichartigen Duft hatte wie alles, was von meiner Frau kam ... Ich komme von der schwersten Erinnerung nicht los, ich muß dahin zurück.

Einmal kehrte ich von meiner Arbeit besonders früh zurück. Und doch war es bereits spät am Abend, und die Sterne schimmerten. Sie hoben sich jenseits des Straßendunstes und des Erdenstaubes klar vom ultramarinfarbenen Himmel ab in vollkommen friedensvollem Glanze. Die Tore der Wohnhäuser waren meist schon geschlossen, aber viele Fenster noch erleuchtet.

Ich war immer mit Leidenschaft meiner Arbeit ergeben. Ich konnte nichts auf der Welt leichthin beginnen, nichts leicht fassen, nichts leicht lassen. Ist dies mein Verderben geworden? Was aber gibt es für einen Mann Wichtigeres als die berufliche Tätigkeit außer dem Hause, und im Hause die Liebe und Sorge für seine Frau und für seine Nachkommen. In den Feierstunden die Betrachtung der Gestirne, ein anspruchsloses, mich immer befriedigendes Studium? Dies sind die festesten Stützen meines Lebens gewesen.

Ich kam, wie an jedem Tag, an einer Feuerwehrstation vorbei. Dort waren die schweren Bohlen des Tores halb geöffnet, die Mannschaften vom Dienst standen vor den quergegliederten, aus schweren Holzbalken bestehenden breiten Eingängen. Die Wachmannschaften plauderten nicht miteinander. Die Hitze drückte zu sehr. Es ist spät im Sommer, eine heiße, regenlose, drückende Zeit. Mit ihren Fingern, die an Feuer gewöhnt waren, stopften sie schweigsam den glühenden, knisternden Tabak tiefer in das Innere ihrer hölzernen kurzen Shagpfeifen. Dabei lauschten sie in den Raum hinter ihnen auf Signale. Die meisten Feuerwehrlöschgeräte werden durch Motoren betrieben, aber es gab noch einige Pferde hier, sie scharrten und klopften im Halbdunkel auf ihrer Streu, sie blickten an die Decke, über ihnen hing ihr Geschirr, damit es im Fall eines Alarmes ihnen sofort auf den Bug falle und der Wagen mit den langen Leitern augenblicklich fahrfertig sei. Daneben standen, blank geputzt, eines neben dem anderen, die Löschautomobile. Die Motorspritzen mit ihrem kuppelartigen Aufbau, reich in Messing gearbeitet, mit blitzenden Manometern, gleißten aus dem Halbdunkel. Auf einem Brette an der Wand lagen ebenso nebeneinander geordnet Feuerwehrhelme, Pickel und Beile. Gasmasken und zusammengerollte Seile mit schmiedeeisernen Karabinern schimmerten in der hellen Beleuchtung einer elektrischen Lampe an der Decke des weiten Raumes. Zwei Telephonapparate, eine Nickelalarmglocke waren am Eingang, eine zweite an der Verbindungstür zwischen dem Raum für die Pferde und dem Raum für die mechanischen Maschinen. Die Alarmglocke war still. Alles war still. Als ich schon lange vorüber war, wehte mir der Wind den sengrigen Geruch des Tabaks nach. Ich erinnerte mich der Gesichter der Feuerwehrleute, es waren meist bärtige, schweigsame Männer in der zweiten Hälfte des Lebens, mit dem Ausdruck der größten Ruhe und des sichersten Kraftbewußtseins in den gesammelten, energischen Gesichtern. Als ich schon weit entfernt war, schien es mir, als läute ganz fein das Telephon oder eine Alarmglocke. Aber es blieb alles ruhig in der verlassenen breiten Straße. Es mußte das Klingeln der Trambahn in einem entfernten Straßenzuge gewesen sein oder das Läuten eines Telephonapparates hinter einem der Fenster hier in der Gegend. Hier endet meine Erinnerung. Sie muß hier enden.

Die Feuerwehrleute waren ruhig, aber ernst. Sie hatten kein leichtes Leben. Auch der Tod in den Flammen ihrer Brände mußte besonders schwer und qualvoll sein. Sie mußten aber auch im alltäglichen Dienst viel wachen. Ganz ruhig ist nie ein Tag oder eine Nacht in einer so riesigen, dichtbevölkerten Stadt. Ihre Frauen und Kinder konnten sich auf sie verlassen. Sie konnten ruhig schlafen. Man konnte einander trauen. Schöneres als Treue gibt es nicht. Als ich heute abend heimkam, hörte ich zwei wispernde, schmeichelnde und beschwörende, tiefe Stimmen. Als ich in der Mitte unseres langen Korridors stand, verstummte alles mit einem Schlage. Dann ging die Tür zu unserer Veranda. Sie kreischt trotz allen Ölens, das tat sie schon zu Zeiten meiner seligen Mutter und tut es jetzt zu Zeiten meiner Frau. Dann hörte man einen dumpfen Fall. Nach einer sehr kurzen Zeit ging die Haustür, jemand sprang über die drei Stufen, die auf die Straße hinabführen. Das war alles. Ich trat ein. Ich fragte nichts. Meine Frau kam mir mit dem natürlichsten Lächeln, mit einem, ich kann es nicht anders sagen, mit einem jungfräulichen Zuge um ihre schmalen Lippen entgegen. Ihre Lippen haben etwas Eigenes. Manchmal bildet sich bei ihnen, ich weiß den Grund nicht, am unteren Rande eine winzige, weißliche Stelle, als schilfere hier das zarte Lippenrot ab. Am nächsten Tage ist alles wieder gut. Wohl nur wegen des Gegensatzes zu dieser hellweißen, wie ein Fischschüppchen abschilfernden Stelle ist das übrige Lippenrot heute so lebhaft, so glühend, so purpurrot gefärbt. Hätte sie nur ein wahres Wort gesagt! Hätte sie es nicht totgeschwiegen! Aber das mußte sein, das lag in ihr! Ihre Augen leuchteten mir zu, etwas Gold mischte sich in ihr sonst so kaltes Graublau, ihre schönen Wimpern wichen weit auseinander, als wolle sie mich zwischen diesen Wimpern umfangen, nicht mehr entlassen. Ihre Lippen öffneten sich, ihre Zunge wanderte umher, als dürste sie, als hätte sie Sehnsucht nach einem kleinen, tiefen Kuß. Denkt sie daran? Ich nicht. Ich beschwöre es bei dem Heiligsten, was einer hat, was einer hatte, beim Leben und Sterben unseres Kindes, das unschuldig ist.

Als ich meine Frau kennenlernte, bezauberte sie mich durch ihre Natürlichkeit. Ich könnte noch heute den Tag schildern, den Aufenthalt in dem Hotelrestaurant in einem vornehmen Wohn- und Vernügungsviertel Berlins, das ich sonst sehr selten betrete. Ich könnte noch heute den Abend schildern, jedes Wort, das gefallen ist, jeden Blick, der sich von ihr erhob, jedes Wort wiederholen, das sie mir damals sagte. Aber das Wichtigste verschwieg sie mir, und dennoch log sie damals nicht. Damals nicht. Aber ich will mich nicht erinnern. Nicht des Anfangs, nicht des Endes. Damals war ich ihr ein und alles, mein Telephonanruf war das ersehnte Gespräch, und von meinen Küssen war ihr Lippenrot glühend rot abgesetzt gegen die milchige, abschilfernde Stelle an ihrem unteren Lippenrande. Wüßte ich nicht, wie ihr Blick ist, wenn sie jemanden mit einem echten Gefühl umfaßt, soweit sie eines Gefühls fähig ist, wüßte ich das nicht, ich würde ihr auch jetzt trauen, trotz allem! Aber ich schweige. Ich befehle es mir, Schweigen!

Die Straße über dem Volkspark steigt an. Das Leben dort lockt mich, aber ich kann von meiner Bank nicht fort, ich schreibe weiter. Es ist weit über Mittag. Kein Hunger? Kein Durst? Keine Müdigkeit nach den Ereignissen dieser Nacht? Nur schreiben, rechnen, grübeln? Genug gerechnet! Die mit roter Schrift aufgezeichnete Endzahl löscht man doch nicht aus. Fort mit dem Rechenstift! Muß man immer feststellen, wie alles war? Weg mit dem erst halbbeschriebenen Papier! Halte es vor dein Gesicht, damit man dich nicht nach der eingehenden Beschreibung deines Steckbriefes erkennt und dem Gericht einliefert. Tu, was du willst, die Schrift geht doch weiter. Schleudere den Papierfetzen fort, der Wind trägt ihn zurück auf deine Knie. Man kann das Blatt zerknüllen, wider meinen Willen glätten es meine Hände. Meine Hände, gefaltet, streichen es spiegelglatt, als streichelten sie die spiegelglatten Wangen einer Frau in unvergessener Zärtlichkeit. Zug auf Zug der Schnellbahn donnert in dem Einschnitt neben dem Park hinauf, hoch schwebt der Viadukt der Bahn, wie aus Licht gepreßt, über uns allen. Die Wagen sind rot, aber dunkelrot wie alter Burgunderwein. Das ist nicht die Farbe des Blutes. Weder des frischen noch auch des alten. Alles wäre zu ertragen, wäre nur kein Blut geflossen! Als ich erwachte, heute morgen zwischen drei und vier, sah ich die feinen, wie gemeißelten Knöchel einer jungen schlanken Frau. Sie schwebte an mir vorüber, und doch schien sie auf der Flucht. Ich sah die Strümpfe straff gespannt. Es schimmert, es gleißt. Alles in blaß blutfarbener Seide. Unter der Seide müssen ihre Füße blaß elfenbeinfarben sein, elfenbeinglatt. Man möchte seine Lippen an diese langen feinen Füße legen, um sie zu liebkosen.

Ich habe zuviel erlebt. Die Knöchel der jungen Frau sind noch so mädchenhaft, so keusch. Auch ihr Haaransatz über der etwas niedrigen Stirn hat etwas Unberührtes. Einmal las ich auf einer Bank in einem Parke mit einer solchen jungen Frau zusammen eine fremdsprachige Zeitung. Wir lasen beide auf dem Blatte Zeile für Zeile, wir beugten uns beide darüber. Sonst liegt das dunkelblonde Haar meiner Frau sehr fest an. Diesmal aber lockerte es sich in der Sonne, es streifte mein Ohr. Die sanft gerundete Kuppel eines ihrer Fußknöchel berührte mich wie unabsichtlich.

Ich kenne ihren Gang. Die Beine streifen einander an den edelgeformten Knien. In ihrem kurzen seidenen Rocke fängt sich der Wind. Sie drückt die Säume herab, und doch entblößen sich ihre Beine immer höher. Sie ist wie ein junges Mädchen. Wer sieht ihr das dreijährige Kind an? Vielleicht ist ihr Gang seither etwas bewußter geworden, ihre Hüften etwas voller. Aber ihre Knie sind so unberührt, so kindlich. Eine alte Melodie ist mir geblieben: <i>Mon chéri</i>, deine Knie ... Wohin kann das gehen? Über den Knien erst beginnt das wahre Weib. Um ihre leicht schwellenden Schenkel spannt sich auch weit über das Knie der Strumpf. Höher oben aber ist es um sie aprikosenfarbig oder hellweiß wie Blumenblatt an Blumenblatt gebreitet in wehenden Falten, in zackigen Spitzen, eine ganz kurz geraffte Hülle rings um das lichte Elfenbein der Haut. Die Haut ist weiß, keusch, wie aus Licht gepreßt. Aber in der Tiefe darunter gibt es Dunkel. Da gibt es Blut. Nie sollte ein Mann sehenden Auges, klar bewußten Verstandes in die Tiefe dringen. Nie sollte man eine Frau, und wäre sie einem noch so gut, und glaubte man sie sich noch so unverbrüchlich zu eigen, aus zu großer Nähe lieben. Liebe ist nie rein.

Halte dich fern! Halte sie fern! Sie mag dich lieben, sie mag dich hassen, sie mag dich anbeten, sie mag auf dich bauen, sie mag dich verneinen und geringschätzen. Komme keinem Menschen zu nahe! Eher zerreiße jedes Band, bevor etwas anderes zerreißt! Und wie sollte denn Blut geflossen sein, dieses Blut, von dem ich schon den ganzen Morgen phantasiere und vor dem ich solche Angst habe, wie sollte denn Blut geflossen sein, wenn nicht vorher etwas anderes zerrissen ist? Ich weiß es ja. Ich weiß jetzt endlich, wie es ist, wenn Blut fließt. Man zwinge mich nicht, es zu schildern, und doch muß es sein. Ich will es nicht erzählen, will es nicht bekennen, will mich nicht erinnern, aber es ist stärker als mein Wille. Sie hatte immer Angst vor mir, aber hatte auch ich Angst vor ihr? Ist das das Ende einer großen Liebe? In einer Nacht liegt die gleiche Frau so unglückselig vor mir, daß sie mit ihren schweren Hüften ihre eigenen Hände belastet, die unter dem Kreuz verschränkt sind, wie um sich weicher zu betten. Alles Absicht. Alles Verstellung! Sie ist halb entkleidet. Es ist heiß. Ich zittere wie vor Frost.

Sie liegt so weiblicher, sie ist jetzt mehr Weib, ich weiß es, aber auch hilfloser; und gerade das fürchte ich. Ihre Hilflosigkeit entflammt mich. Aber nicht zur Liebe. Sie glaubt es nicht. Sie lächelt kühl. Sie zieht den rechten Lippenwinkel empor, sie entblößt ihre Zähne. Ihre Zähne sind alle gesund, aber sie sind grau. Sie sind echt, aber häßlich. Sind sie das einzig Echte an ihr? Und ist alles Schöne an ihr Lüge? Was will sie jetzt? Warum sind gerade jetzt in dem Augenblick, da ich alles von ihr weiß, da sie mich bis zum Äußersten gebracht hat, warum sind gerade jetzt in dieser Nachtstunde ihre Hände nicht frei! Sie fesselt sich zu ihrem eigenen Verderben. Und doch! Wenn ich daran denke, daß sie auch jetzt in diesem Augenblick ihre vielen großen, mit scharfen Steinen besetzten Edelsteinringe an ihren Fingern hat und daß diese großen scharfen Steine ihr ganz sicher große scharfe Wundmale in die geliebten Hände eingraben werden, dann fühle ich den Schmerz statt ihrer, so tief sind wir verbunden. Aber dies rettet sie nicht und auch mich nicht. Zu unserem Verderben sind wir beide ein Fleisch und Blut, aber nicht ein Herz und eine Seele.

Sie ahnt es. Ihr herzergreifender Blick spricht etwas anderes aus als ihr spöttisches kühles Lächeln. Hat sie Angst um ihren Geliebten, der feig geflüchtet ist, hat sie Angst um sich? Was sagt dieser aufgerissene weite Blick, was bedeutet ihr entsetztes Hinwegschaudern, ihr Sichwinden? Wohin lockt ihre seidene Hülle, bis zu fast völliger Nacktheit an ihren schönen Schenkeln emporgerafft? Will sie eine Liebe beweisen, an die wir beide nie mehr glauben werden? Das Licht der Tafelkerzen auf dem Damasttuche fällt herab auf sie. Ihre Brüste haben dunkel teerosenfarbene Höfe. Will sie mich zwingen? Die eine Brust, die linke, drängt sich schwellend über den gestickten Rand vor, die rechte verbirgt sich. Auch hier lügt sie. Eines von beiden muß Lüge sein. Entweder die Keuschheit, das zurückhaltende kühle Mädchen in ihr, oder die hemmungslose Lust, die hingebend, überströmend liebende Frau. Plötzlich ist ihr Gesicht nicht mehr zu sehen. Sie hat es nach abwärts gewendet, ihre Wange in die rechte Schulter eingebettet. Wo sind ihre großen grauen Augen, die sonst immer leuchten, zwischen ihren überlangen, nach oben und unten gerollten Wimpern eingerahmt? Hier ist das schmale längliche Ohr mit den grünen Halbedelsteingehängen, ein wie mit göttlicher Zärtlichkeit geformtes Gebilde mit den winzigen, mit einem leichten Reif beschlagenen Rillen und dem durchscheinenden, wie aus rosenfarbenem Porzellan modellierten Ohrrande. Aber wo sind die Lippen, die unvergeßlichen, eher schmal als sinnlich und dennoch zauberhaft? Daß einmal diese Lippen meinen Mund berührt haben, wie die Lippen meiner viel zu früh verstorbenen Mutter!

Meine Mutter ist lange schon still. Auch meine geliebte Frau höre ich nicht. Meine geliebte Frau ist viele Jahre jünger als ich. Sie wird mich überleben. Nur jetzt schweigt sie. Schämt sie sich? Fürchtet sie sich vor mir? Aber sie traut mir nie zu, ich mache Ernst, ich schließe ab! Warum höre ich dann ihre Stimme nicht? Nein, nichts ist zu vernehmen, nur ein leises Ticken, ist es ein Herzschlag oder der Gang einer Uhr? Bewegen sich ihre Lippen? Selbst wenn sie sich bewegen, diese Zeichensprache kann ich nicht ablesen, weil sie schweigend ihren Mund vor mir verbirgt. Sind noch die Spuren anderer Küsse an ihm? Aber ich kenne ihre Gedanken. Ich weiß, daß sie denkt, ich sei gefühlskrank, »du bist genauso wahnsinnig wie dein Bruder, dein geliebter alter Junge«. Warum sollte sie mir untreu sein? Sie meint, sie habe sich noch nie vergangen. Kann sein. Wer ist vergangen, wer nicht? Sie will mir sagen, sie habe sich nie vergessen! Aber ich habe es. Ich habe mich vergessen. Denn wie käme ich, der bis dahin unbestrafte, seine Leidenschaft stets beherrschende, technisch interessierte, dem Kosmos zugewandte Mann hierher auf die Bank des Volksparkes, weshalb schriebe ich auf der Rückseite eines Steckbriefes Erinnerungen gegen meinen Willen, Erinnerungen einer Liebe gegen meinen Willen?

Was ist Treue? Wer will Treue von dem andern verlangen, wenn er sie stets vergeblich von sich selbst verlangt? Ein Ich ist dem anderen stets untreu. Das eine Ich in mir hat sie einmal geliebt, und dem anderen Ich in mir ist sie untreu geworden. Mein Vater hat sie immer verstanden. Mein Vater kennt das Leben von innen und außen. Er konnte Richter sein. Er weiß, was in der Tiefe von Mann und Weib liegt, und dennoch hat er in mannbaren Jahren ein Weib genommen, eine Frau wie meine Frau, hat Kinder gezeugt, Kinder wie mein Kind, und hat in Frieden gelebt. Einer seiner zwei Söhne ist zwar im Wahnsinn gestorben, dafür hat der überlebende Sohn zwei Ich, die einander bekämpfen. Eins hat sich vergangen, wer weiß wohin, das andere läßt ihn, dieses erste Ich, wie ein Detektiv mit Spürhunden verfolgen. Ein Ich soll zu Gericht sitzen, das Protokoll schreiben und das Urteil sprechen, das andere Ich soll seinen Kopf unter das Beil legen. Und selbst dann wird das andere Ich dabeistehen und wird, nicht anders als alle Henker es tun, in der letzten Minute dem Verurteilten mit seiner großen, geröteten Hand den Mund zuhalten: »Schreien Sie nicht!« Eins von den zwei Brüdern Ich sagt, um die Spuren seines Verbrechens zu verwischen, zu einem kleinen Brand nicht nein, das andere will löschen, um soviel als möglich zu retten. Der eine Ich will sich in die Wissenschaft flüchten, in die kühlste, reinste, unpersönlichste Wissenschaft, in die Sternkunde, die von aller irdischen Gemeinheit am weitesten entfernt liegt, der andere Ich kann vom geliebten Fleisch nicht lassen, seine Lippen nicht von ihren Lippen lösen und sein elendes Herz nicht von einem anderen elenden Herzen. Beide Ich suchen Frieden, meinen Frieden gebe ich, meinen Frieden lasse ich euch, aber kein Christus, den beide Ich suchen, wird diesen Bund segnen, es sei denn, er sei selbst gesegnet, Christus.

Nachts ist es geschehen. Ich weiß, wie die Sterne standen, eine Minute vor der Tat. Es ist jetzt viel zu früh, es ist noch lange nicht Nacht. Ich bin noch weit davon. Ich muß es lange noch nicht tun. Es kann auch sehr spät am Abend gewesen sein. Unten auf dem Markte, den ich bei diesem letzten Heimweg streifte, roch es noch nach Äpfeln. Vielleicht lagen noch irgendwelche halb verfault umher. Es sind nicht immer die gesündesten Früchte, die den stärksten Duft haben. Es geht schon gegen den Herbst. Überall sieht man schon Äpfel, reife, süße Früchte, noch etwas hart, schwer wie die Brüste meiner Frau. Nichts von Früchten, nichts von sinnlichen, niedrigen, banalen Anspielungen! Bin ich bloß deshalb namenlos und erinnerungslos heute morgen erwacht, um diese sich tausendfach unter jedem Dach einer Viermillionenstadt wiederholende sentimentale Liebesgeschichte wiederzuerleben, mich diesen niedrig-sinnlichen Erinnerungen hinzugeben? Geht mein Blick nicht weiter, ist dies alles? Ich wiederhole es, ist es Berlin, wo ich dieses schreibe? Die flachste, kühlste, unsentimentalste von allen europäischen Städten? Ich schreibe. Bin bei Bewußtsein. Ich beobachte scharf. Ein leichter Rauch, eher bläulich als braun oder grau, steigt aus der kleinen Grube auf, die sich ein Kind gestern in den unfernen Sandhaufen zum Spiel ausgegraben hat. Ist dies nicht klar beobachtet? Kann es keinen solchen Rauch auf einem Kinderspielplatz geben? Dann stelle ich fest, es könnte nur ein Rauch vor den Augen sein, eine innere Trübung meiner Seele. Bloß das hat sich zu entscheiden. Denn ist dieses eine eine Sinnestäuschung oder eine Seelentäuschung, dann kann alles andere ebenso eine Täuschung sein, angefangen von meinem merkwürdigen Erwachen in der Bedürfnisanstalt bis zu diesem letzten Augenblick jetzt, wo ich von Früchten schreibe, schweren und doch faulen Äpfeln, die den vollen Brüsten meiner seligen Frau gleichen sollen. Immer stärker macht sich ein Brandgeruch in der Luft bemerkbar. Sollte er von dem Zigarettenstummel des Arbeitslosen herrühren? Aber dieser hat sicher seine letzte, langersehnte Zigarette bis zum alleräußersten Ende ausgekostet, er wird nicht ein so großes Stück weggeworfen haben, daß es, lange noch nachglimmend, die Luft des dufterfüllten Volksparkes verpesten könnte. Was ist nun richtig, was ist Täuschung? Es muß einen Beweis dafür geben, eine untrügliche Probe. Ich will wissen, was ist, ich will wissen, wer ich bin, ich will wissen, ob ich das Recht habe, so über meiner Frau zu stehen, wie ich über ihr zu stehen glaube. Denn ich stehe, und sie liegt mir zu Füßen. Hätte es immer so bleiben müssen vom ersten Tage unserer Liebe?! Nein, zu gern gibt sich ein Mensch meiner Art einem anderen in Eintracht und Gleichberechtigung hin. Ein Mensch meiner Art will nicht kämpfen. Er will in Frieden leben, weder Herr noch Knecht sein. Und das kann man nicht.

Ich stehe neben meiner Frau, neben ihr, nicht über ihr. Um meinen Mund spielt ein Lächeln. Aber es spielt nur Lächeln, als ob, als ob wir Freunde wären, erkennt sie das nicht? Sie hat ihr Gesicht mir wieder zugewandt. Weshalb lügt sie weiter? Was bedeutet dieser Kuß, kenne ich ihre Küsse nicht schon zu genau, weiß ich nicht, wie auch nach jeder unserer unseligen Umarmungen, kaum daß ihr gehetzter Atem ruhiger geworden ist, kaum, daß ihr wollustvolles Röcheln aufgehört hat, sofort das eisigste Lächeln um ihre dünnen Lippen spielt. Nein, nicht spielt, diesmal ist es wirklich echt, es ist in ihr Gesicht wie eine Gemme in einen harten Stein geschnitten. Oft will sie mir etwas Zärtliches sagen, schon formen ihre Lippen, widerwillig genug, ein etwas menschlicheres Wort, aber sie kann es nicht. In jenem Augenblick, wo sich in jeder Frau alles auflöst, wo sie das Innerste eben nicht verbergen kann, da sehe ich, was ich ihr bin, ein kleiner Spielball ihrer Sinnlichkeit und weiter nichts. Aber weshalb bleibt sie dann bei mir? Ich will ihr nicht nachspionieren. Was bedeutet schon ein Kosewort? Ich will nicht über ihr zu Gericht sitzen wegen ihres Wunschtraumes, Witwe zu sein, unser Kind, mein ganzes Vermögen und meine Fabrik zu besitzen, während sie mir nicht einmal von ihrem Privatvermögen Mitteilung gemacht hat und sich, mich dem Bankbeamten gegenüber verleugnend, auf den Scheckformularen gegen das Gesetz mit ihrem Mädchennamen unterzeichnet, einem Namen, der ihr nicht mehr gehört, den sie dem Gesetze nach niemals mehr tragen darf. Aber was ist ihr das Gesetz? Mir alles.

Sie ist untreu und verschweigt es. Diese schweigende Lüge ist vielleicht ihre größte Schuld. Ich werde es nicht sein, der ihr die Freiheit nicht gönnt. Sie soll gehen. Ich werde ..., was werde ich und was nicht? Was ist dieser Wer, der sich irgendeines Werde rühmt? Ein Nichts für sie, ein Staub in ihren Augen, das langweiligste, niedrigste und belangloseste. Irgendwie, das fühle ich, hat sie recht. Auch dem Kosmos gegenüber ist der Mensch nicht einmal eine vergängliche Größe, er ist überhaupt keine Größe. Aber diesen ungeheuren Kosmos erkennt er doch nur nach dem Maße seines irdischen Ich, er kann sich und seinen Namen nicht vergessen, wenn er sich in den Anblick der Millionen Sterne versenkt, wie ich es heute abend vorhatte. Wäre sie nur um ein Atom besser, als sie ist! Ich würde ruhig aus dem Raum gehen, unserem Speisezimmer gehen, ich würde nebenan in dem Kinderzimmer mein um diese Stunde schon schlafendes Kind aufsuchen, mich an dessen Bettrand vorsichtig hinsetzen, würde mit meiner linken Hand die zwei feinen Füßchen dieses meines Kindes berühren, das mir gehört, ich würde sein Körperchen begreifen, das durch seine dünne Bettdecke durchzufühlen ist, ich würde fünf Minuten hier verweilen, wie es tausende und abertausende Eltern tun in dieser Viermillionenstadt Berlin, im Herbst des Jahres 1928, abertausende Menschen, Frauen oder Männer, die sonst nichts haben außer ihrem Kind. Auch von einem schlafenden, stummen Kind, dessen Lippen sich in tiefem Traume gelöst haben, kann viel Frieden ausgehen, eine gute Müdigkeit, eine Ruhe. Ich könnte neben ihm, bei ihm ruhiger werden. Ich könnte, ruhiger geworden, nun auf die Veranda hinaustreten, könnte mit meinem Bleistift, den ich schon vorher zur Hand genommen und gespitzt hatte, mir auf die Rückseite eines bedruckten Zettels, etwa des abgerissenen Kalenderblattes 28. August 1928, Aufzeichnungen über die Beobachtungen machen, die ich durch das Teleskop an dem Sternenhimmel vorgenommen habe. Aber kann es denn sein? Läßt es ihre Lüge zu? Mit ihrem stummen, zusammengezogenen, korallenroten Munde saugt sie mich, als müßte jetzt auch ich ihr rettungslos verfallen, so, als müßte ich erinnerungslos wie ein Irrer, ein lebendig Toter ihr zu eigen sein, an sich heran. Sie läßt nicht von mir. So leugnet sie ihren Ehebruch und lügt. Schweigt und lügt. Sie schlingt ihre dünnen, zur Zärtlichkeit geschaffenen Arme um meinen Hals und zieht mich mit aller Kraft, zwingt mich mit ihrer ganzen Willensanspannung zu sich, als wolle sie mich lieber erwürgen, als lebend aus ihren Armen lassen. Ich kann nicht widerstehen. Ich falle auf die Knie. Wir sind beide auf dem Erdboden. Den harten Knochen ihrer linken Hüfte preßt sie so leidenschaftlich mir entgegen, daß mich der Schmerz berauscht. Ich möchte ja ihr gehören. In ihr bis zum völligen Verlust meines Selbst versinken. Etwas in mir sehnt sich mit einer nie durch diese Worte zu schildernden Gewalt danach, tiefer als tief in ihr zu sein. Halt mit dieser Erinnerung! Stehe auf! Lasse die Frau allein! Lasse sie sein. Kein Schritt weiter! Kontrolle. Vernunft! Kritik der Wirklichkeit an einem Stück Wirklichkeit. Berlin 1928. Kein Traum mehr. Das hat mir nicht geträumt, als ich heute abend von meiner Arbeit heimkehrte, ich hätte geglaubt, besonders früh. Ich wollte mich nicht durch einen Anruf ankündigen, dachte, die Freude sei größer, wenn ich unerwartet bald käme. Ich dachte, es sei alles daheim wie immer, nur ich sei froher bei den Meinen. Im roten Speisezimmer ist der Tisch gedeckt. Im Vorbeigehen habe ich mir im Baderaum die vernickelten blanken Hähne geöffnet. Beruhigend rauscht das Wasser in die aus weißen, unverbrennbaren, spiegelglatten Steinen gefügte, in den Boden eingelassene Wanne. Unser Schlafraum ist dunkel. Er geht auf einen kleinen Garten hinaus. Oft rascheln die Ratten unter den Haufen von verwestem Laub. Es duftet dort nicht immer nach Laub und welkenden Blumen, sondern, besonders oft im Sommer, nach dem Benzin und Öl, von dem ich sprach ... Oder schwieg ich davon? Fürchtete ich, davon zu sprechen, was jedes kleinste Feuer in meinem Hause so gefährlich macht? Weit ist jetzt die Doppeltür auf unsere holzgedeckte, weinumrankte Veranda geöffnet, wo mein altes Teleskop, das Geschenk meiner seligen Mutter, mit dem spinnfadendünnen Fadenkreuz im Okular sich befindet, mit dem ich meine geliebten Gestirne beobachte, das linke Auge zum Studium dieser friedensvollen Welt benutzend, während ich mit dem rechten Auge das Blatt Papier umfasse, um mir kurze Aufzeichnungen zu machen. Oft schlafe ich im Hochsommer auf der Veranda. Auf das Betrachten der Sterne freue ich mich bei meiner Tagesarbeit ebenso sehr wie auf den Anblick meines zarten Kindes. Die Sternkunde – welch nutzlose Arbeit in den Augen meiner Frau. Als ob ich nicht tagsüber schon genug nutzlose Arbeit hätte! Ich sehe nach der Uhr. Ich trage seit meiner Jugend nur eine silberne Chronometeruhr, die ich von meinem armen Bruder geerbt habe. Heute morgen (heute? gestern?) habe ich sie zu Hause vergessen. Jetzt will ich sie holen. Sie muß noch an dem linken Holzpfosten meines Bettes hängen, an einem krummen Nägelchen befestigt sein. Das Holz leitet den Schall des Tickens bis hierher, oder ist es der Schlag meines Herzens?

Noch liegt die Frau auf dem roten Teppich, in ihre lichte, seidenschimmernde Hülle wie in einen Silberzierat geschmiedet. Die Kerzen im Leuchter flackern im Winde, es weht die seidene Hülle. Was soll es? Was soll die helle, aprikosenfarbene Seide, was soll die silberne, leicht verschleierte Stimme der Frau, was soll der unschuldsvolle, fragende Ausdruck der weißen, atlasglänzenden, etwas niedrigen Stirn? Was soll die Hülle? Hülle nennt es sich, Lüge ist es. Und sei diese Hülle noch viel keuscher gewebt, durchbrochen und mit bunten Blümchen bestickt, mag sie in ihren zarten, wie hingehauchten Farben noch so sehr vor Blut zurückscheuen, ich schreie es ihr wortlos zu, wie es wortlos aus mir schreit: mit der Lüge erst beginnt das wahre Weib. Ihr Stöhnen und Röcheln ist Lüge, ihr Mit-der-Zunge-Spielen und Mit-der-Zunge-Sprechen, ihr Lächeln, ihr Stirnrunzeln und Nachdenken, ihre Klugheit, ihre Anmut und Eleganz, ihre Geringschätzung, ihre Eitelkeit, ihr Stolz, ihre Bescheidenheit, ihr Fleiß, ihre Zurückhaltung und ihre Hingabe. Das Mädchen in ihr, die unzerstörte Unschuld, die Mutter auch, die fürsorgende, immer gegenwärtige. So verspricht sie sich, wenn sie abends dem Kind sein Schlafgebet vorbetet, obgleich sie nicht an Gott glaubt: Lüge bin ich, geh zur Ruh, schließe meine Augen zu. Ihr Lachen ist Lüge, das gurrende aus der Tiefe ihrer zierlichen, kaum aus der zarten Rundung des allzufeinen Halses hervortretenden Kehle, ihr seltenes Schluchzen, wenn sie sich in ihrer sinnlichen Erregung einmal nicht fassen kann. Ihre Arme sind Lüge, die dünnen, kindlichen, wenn sie mich anziehen und fortstoßen, denn ihr Ja ist Lüge ebenso wie das Nein. Weiß ich es nicht? Weiß ich nicht, was sie ist? Einmal klagte sie einer ihrer Freunde durch den Fernsprecher an. Ich sah sie erblassen, sich mit dem immer noch tönenden Hörer des Apparates in der hinabgesunkenen Hand, mit einem fragenden, schuldbewußten Blick zu mir wenden. Hat einer ihrer Herzensfreunde, vielleicht der letzte, der eben so flink mein Haus verlassen hat, damals meine Partei gegen sie, seine Geliebte, ergriffen? Ich konnte nur schweigen. Ich konnte sie nicht verteidigen. Achtung kennt sie nicht, nur Spott. Sie lebt ohne Gott, und ohne Gott wird sie sterben. Mag sie leben, mag sie sterben, nur nicht von mir, nicht von meiner Hand, die hinabgesunken ist zu ihrer Brust, darum flehe ich die unbekannte Macht, die höchste auf Erden, die einzig hohe auf Erden, an. Wenn ich neben dieser Frau auf den Füßen liege, so bete ich. Nur darum bete ich. So liege ich denn zu ihren Füßen, knie neben ihr? Habe ich sie vielleicht, auch hier von krankhafter Treue, gar nicht verlassen, hat sie mich gehalten bis jetzt?

Ich will und muß klar bleiben. Ich muß es. Mein Herz schlägt, es schlägt, wie es nie geschlagen hat. Aber nicht, wie vorhin kurze Zeit nach meinem Erwachen, in freudigem Entzücken. Was sollen Illusionen? Zu kostspielig sind sie selbst für einen reichen Mann. Einem männlichen Charakter sind sie Gift. Einen harten bringen sie zum Verbrechen. Einen weichherzigen zum Verzweifeln. Muß ich mich nicht meinem einzigen Kinde erhalten? Wer von uns beiden muß unser Kind haben, du oder ich – da wir beide nicht mehr zusammen leben können? Sprich doch, ich kenne dich ja. Du Schöne, mit der niedrigen, atlasweißen Stirn, dem dicht anliegenden dunkelblonden Haar, dem tiefen Knoten im Nacken, den grauen Zähnen mit dem geriffelten Rand, mit dem trotzdem unvergeßlichen Mund, dem kalten grauen Blick! Du, die du, in deiner aprikosenfarbenen Seidenhülle lockend und ... Jetzt aber weiche mein Blick endlich fort von dieser halbentblößten, ungetreuen Frau! Er gehe zurück auf die Veranda meines Hauses, wo sich gegen den veilchenblauen Nachthimmel die messingene Hülle meines alten Teleskopes scharf abzeichnet. Die Spitze des langen Instrumentes hat sich in dem Rebengestrüpp verfangen. Durch diese Zweige sehe ich, zum zweitenmal heute abend, die himmlischen Gestirne schimmern. Nicht größer als vorhin auf der Straße, nur klarer, reiner, heller. Es geht an den Rebengesträuchen ein Weg hinab an die Erde, in den Garten, zu der Tür in den Keller mit Benzin und Öl ..., ein zweiter Weg geht empor zu den kosmischen Himmelskörpern.

Ruft sie mich? Ich will aber nichts mehr von ihr hören noch sehen, weder ihre Kleidung noch ihre Nacktheit, weder ihre Gier will ich mehr noch ihre Abneigung, weder ihre falsche Liebe noch ihren falschen Haß. Wer spricht von Haßliebe? Niemals mischen sich Feuer und Wasser, eher vereinigen sich Himmel und Erde, eher beginnt es zu brennen, angefangen von hier, meinem Wohnhause im Garten mitten im Zentrum Berlins, bis hinauf zu den ewigen Gestirnen, ein Feuer und ein Brand, bevor aus echter Liebe echter Haß wird und aus echtem Haß Liebe. Ich will mich beherrschen. Habe ich mich fünfunddreißig Jahre meines Lebens beherrscht, so will ich es auch jetzt tun. Ich bin der Sohn meiner Mutter, der immer heiteren und gefaßten, nicht nur der Bruder meines Bruders, des verwirrten.

In unserem Schlafraum muß es kühl sein. Hier ist es still. Fernher kommen zerstreute Fetzen von Gesang ... Im Frühherbst dorren die Blätter und Ranken der Weinstöcke zusammen. Sie raunen im Winde. Ich gehe zurück an die Schwelle des Speisezimmers. Das Dienstmädchen ist schon lange zur Ruhe gegangen. Meine Gattin und ich sind allein. Sind wir allein? Unser Kind schläft.

Mein Vater ist fort. Nicht unter Freunden. Er hat keine. Nur unter »ehemaligen Richtern«. Sie haben einen Verein, er ist Vorsitzender, hat ihn gegründet ... Die Angel der Tür knarrt, wie sie sich bewegt. In den weißen Spitzenvorhängen bauscht sich eine Falte empor wie ein Frauenarm, aber ein voller Arm, ein mütterlicher. Solche volle Arme hatte meine selige Mutter noch auf ihrem Totenbette. Sie wurde immer voller, je näher sie dem Sterben kam. Niemand wollte ihr ihre Schmerzen glauben. Niemand das nahe Ende. Sie hat uns überrascht. Sie lachte viel über sich. So sehr lebend ist selten ein Mensch hinübergegangen.

Jetzt hat sich endlich der schwüle Wind gelegt. Ich höre nur den gleichmäßigen Laut der in das Badebecken einströmenden Wassermassen. Wer da einschläft, von dem Wallen des Wassers benommen, sollte er dann davon träumen, daß er gleich nachher in einer schmutzigen, penetranten, mit dunkelrotbraunem Öl getränkten Bedürfnisanstalt in der Nähe eines Marktplatzes im Zentrum Berlins erwachen wird? Spielt die übermächtige Gewalt, das Schicksal so mit mir? Ich wache noch, ich halte die Augen offen und müßte ich sie mit der Spitze meines scharfen Bleistiftes in die Höhe ziehen. Ich will weder schlafen noch träumen. Jetzt flackern im Luftzuge die Kerzen, die meine Frau auf den mit zwei Gedecken versehenen, mit Damastleinen sorgfältig geschmückten Tisch gestellt hat. In einem hohen opalisierenden Kelche sind Herbstblumen, Georginen, gefüllte Astern, Chrysanthemen, Begräbnisblumen. Äpfel duften, übereinander zu einer Pyramide in unsere silberne alte Schale gehäuft. Eine Seite dieser Früchte ist dem Kerzenlichte und der Kerzenwärme zugewandt. So ist diese Seite etwas erwärmt, fast unfühlbar wärmer nur, ein Nichts ... So mag man die fein gewölbte Wange einer vergehenden Frau ... in seine Hand nehmen und sie noch »etwas erwärmt« finden, fast unfühlbar die Wärme, ein Nichts ... denn alles Blut ist fortgeströmt, wer weiß wohin? Wer weiß es?

Wem kann man trauen? Für wen legt man die Hand ins Feuer? Zu meinen Füßen atmet es leise, als schliefe es, von zu langem Warten ermüdet ... Aber wenn ich jetzt an diesen Tisch trete, der kein Tisch Gottes, sondern nur der Tisch eines Durchschnittsmenschen in Berlin ist, und wenn ich diese meine rechte Hand mit meinem goldenen Ehering in die Kerzenflamme halte, dann weicht diese Kerzenflamme dieser Hand aus, als würde sie von einem zufälligen Windhauch fortgetrieben. Dies ist noch keine Feuerprobe. Eine Kerzenflamme hat in ihrem heißesten Teile, dem durchsichtigsten, auch nur eine Temperatur von hundertfünfzig Grad. Was ist das viel? Das leuchtet nicht, das brennt nicht, das prüft nicht, es glitzert nur über den Spitzensäumen an der Unterkleidung meiner vielgeliebten Frau ... Wem kann man bis in den Herzensgrund, bis in den tiefsten, glühendsten Grund trauen? Wo wird man für sich einst Klarheit gewinnen – das einzige Erbe, das ich, ein reicher Sohn aus reichem Hause, ein armer Sohn aus armem Hause, nicht ererben werde, das ich aber meinem Kind hinterlassen will – und wenn es nichts wäre als das – mir wäre es genug ... Nicht ohne Grund habe ich mich immer in die tiefen, aber einfachen Gesetze der Sterne vertieft, habe die einfachen, aber immer und überall befolgbaren Gesetze eines neuen Christus gesucht und ersehnt. Wenn Christus gelebt hat, muß er wieder auferstehen. Wenn es einen Sinn hier unten gibt, dann muß es noch ein anderes Leben über diesem Leben geben.

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