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Die Feuerprobe

Ernst Weiß: Die Feuerprobe - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorErnst Weiß
titleDie Feuerprobe
publisherSuhrkamp Verlag
year1982
firstpub1929
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.net
created20140531
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Sechstes Kapitel

Meine Gattin hat scharfe Augen, sie sieht mehr, als andere sehen. Einmal machte ich in meinem Beruf eine Erfindung. Ich bin Besitzer einer kleinen Fabrik. Ich arbeite in meinem Unternehmen mit ungefähr dreißig Arbeitern, wobei ich mich sehr zum Ärger meiner Frau innerhalb der Fabrikmauern ebenso trage wie sie, eine blaue weite Arbeitsschürze umnehme, die alle Kleidung bedeckt und vor Schmutz schützt. Ich trete nicht genug als Herr auf, sagt meine Frau. Aber mehr Gehorsam und Treue können mir meine Leute nicht entgegenbringen, als sie es schon jetzt tun. Ich habe mit Mineralien zu schaffen, die ich nach einem besonderen Verfahren bearbeiten wollte. Es ist mir gelungen, aus einem ziemlich minderwertigen Asbestrohstoffe eben durch meine Erfindung ohne große Schwierigkeiten und Kosten den reinsten, schmiegsamsten Asbest zu gewinnen, der selbst den höchsten Ansprüchen genügt. Meine Frau glaubt mir meinen Erfolg nicht. Ich habe mit meinem Werkmeister, den ich von meinem früheren Chef übernommen habe, oft die Versuche ausprobiert. Immer gelangen sie. Ich will sie meiner Frau zeigen, bevor noch die eingehende Beschreibung an das Patentamt hinausgeht. Sie hatte früher für meine Berufsangelegenheiten das stärkste Interesse. Als Braut las sie Bücher über Mineralogie und Technologie. Sie wollte immer wissen, woran ich arbeite, nicht nur wie die meisten Frauen wissen, was ich für sie fühle. Täglich rief sie zwischen vier und fünf Uhr in meiner Arbeitsstätte bei mir an, mochte sie gerade Besuche machen oder Einkäufe besorgen, immer hörte ich ihre silberne und doch leicht verschleierte Stimme am Apparat. Nichts von all dem blieb in unserer Ehe. Nur auf lange Bitten kam sie an einem Nachmittag in Begleitung meines Vaters in das Laboratorium der Fabrik. Sie war schöner als je. Ausnahmsweise hatte sie – es war hoher Sommer – ein ausgeschnittenes Kleid gewählt, sie hatte die Perlenkette meiner seligen Mutter umgenommen, welche diese fast nie getragen hatte, und mein Vater war stolz und glücklich, sich mit einer so schönen Frau zeigen zu dürfen. Plötzlich ist sie da, man hat sie kaum kommen hören. Sie atmet schnell. Sie fächelt sich mit einem großen Bogen Papier, der auf dem Tische gelegen hat. Ihre Augen leuchten, in das Grau ihrer Regenbogenhaut ist etwas Gold gewirkt. Nur um ihren Mund spielt ein eisiges Lächeln. Ihr pfirsichartiges Parfüm, das sie sonst immer um sich hatte, scheint sich an der Schwelle meines Laboratoriums verflüchtigt zu haben. Ich sehe sie an. Ich liebe sie, immer, überall. Von meinem Blick unangenehm berührt, wendet sie sich schnell um, lächelt, während ich an meinen Apparat gehe, um so vieles wärmer meinem alten Vater zu, als klage sie ihm ihre Langeweile, ihren Überdruß an meiner Person, ihre Skepsis gegen meine unnützen Pläne, die verlorene Zeit für meine erfolglosen Versuche. Erfolglos? Unnütz? Verloren? So und nicht anders ist es. Die Probe, die vorher und ebenso nachher unzählige Male gelang, in ihrer und meines Vaters Gegenwart ging sie fehl. Wir hatten Feuer von einer besonders hohen Temperatur, in diesem Versuch sollte unser Material als unveränderlich und unverbrennbar bestehen. Aber die Probe sagte nein. Denn nicht eine seidenglänzende, seidenweiche, schmiegsame, als Webfaden verspinnbare Masse blieb nach dieser Feuerprobe zurück, sondern ein übelriechendes, schweröliges, dunkelbraunes, amorphes, scharf riechendes Gemisch, das allem anderen mehr ähnelte als dem Asbest erster Qualität meiner Patentschrift. Fast hatte er Ähnlichkeit mit dem schmierigen Desinfektionsöl, mit dem man unsaubere Orte reinigt. Unbegreiflich und dennoch Tatsache. Still gehen meine Gattin und mein Vater aus dem Laboratorium, sie sagen mir freundlich »Auf Wiedersehen«, sie wundern sich nicht über mein Mißlingen, tadeln mich nicht wegen meines Größenwahns, sie schweigen taktvoll über mein Versagen. Eine halbe Stunde später gelingt der Versuch, wie er später immer gelungen ist. Mein Verfahren setzt sich durch, ich verkaufe die Lizenzen für hohe Beträge nach England und Amerika, und ich erhalte hier im Inland so viel Aufträge, daß ich die Zahl meiner Arbeiter verdoppeln und ihnen selbst in einer arbeitsarmen Zeit Beschäftigung und Brot bieten kann.

Hatte ich nun diese Probe bestanden oder nicht?

Lange Zeit wußte ich nicht, ob sie mich schon liebe, lange Zeit wußte ich nicht, ob ich noch etwas für sie bedeute. Ohne Kampf hat sie sich mir vor der Ehe gegeben, lautlos ohne Kampf hat sie sich in der Ehe wieder zurückgenommen. War ihr Freiheit wichtiger als Liebe? Oft saßen wir uns abends wortlos stundenlang gegenüber. Ich sah sie an. Sie wich meinem Blick aus. Ließ ich sie aber, dann tat sie, als wolle sie über meine linke Schulter hinweg in meiner Abendzeitung eine interessante Notiz lesen, und als sie sich nach einigen Atemzügen wieder zurückbeugte, streifte sie mit ihren trockenen warmen Lippen meinen Nacken unter dem Haaransatz. Es war nicht anders, als wenn ein Mensch ermüdet unter den tief herabhängenden Zweigen eines Baumes sitzt, so wie ich jetzt ermüdet unter den tief herabhängenden Zweigen eines Akazienbaumes sitze, und ein Blatt, welk, trocken und licht geworden durch die Sommerhitze, fällt ihm auf den Nacken unter dem Haaransatz, wie eben eines fällt, mich mit zauberhafter Liebkosung ergreifend.

Das welke Blatt des Akazienbaumes aber konnte mir deshalb in den Nacken fallen, weil ich tief gebückt dasitze, gelähmt, gebrochen, wie erschlagen. Ich sprach heute morgen von einer Detektivgeschichte der Seele. Aber an ein blutiges, an ein gemeines Verbrechen, wie es meist Detektive erforschen müssen, glaubte ich im Herzensgrunde nicht ... Man hat etwas getan, was man tun mußte, und doch schaudert man vor der Strafe zurück. Ist es Gefängnisstrafe, Einzelhaft in der Einsamkeit, stundenlanges Dasitzen vor einem Tisch, der in den Estrich der Zelle eingeschraubt ist, und ruheloses Schlafen auf einem harten Brett, das tagsüber in die Wand eingeschlagen wird und mit einem Schlüssel versperrt – und dies Tag für Tag, Jahr für Jahr –, und in meinen Gedanken Tag für Tag und Jahr für Jahr die gleichen Erinnerungen, in meinen Träumen dieselben Schrecknisse? Oder ist es die Todesstrafe, die mir droht, weil ich angeblich Blut vergossen habe? Das Beil? Tollhausphantasie von schlechtem Geschmack! Dicke Überschrift in dem Sensationsabendblatt: Untergang einer mondänen Frau durch den eifersüchtigen Gatten mittels eines allzu scharf gespitzten Bleistifts! Das einzige Kind auf der Straße ausgesetzt, durch die Heilsarmee aufgenommen! Der Mörder steckbrieflich verfolgt, noch nicht gefangen! Ein Mann ohne Erinnerung in einer Bedürfnisanstalt aufgefunden! Schauerballade. Und wenn keine Schauerballade, so doch nur ein verworrenes Gespinst, das keine Hand, und sei sie selbst so schmal und lang wie die meiner guten Frau, je entwirren wird. Ich bin verworren, ich weiß es. Das Höchste des menschlichen Lebens wäre Klarheit! Ist es so? Qualvoll ist es, verworren zu sein. Auch die schneidendste Vernunft kann hier nicht helfen. Was ich heute morgen erlebe, begibt sich zu Berlin, in der kühlsten, ironischsten und witzigsten Stadt Europas. Lebt man auch hier unter Gespenstern, unter Geistern?

Dies aber muß mir jeder denkende, jeder eines Gefühls fähige Mensch nachempfinden können, wie qualvoll es für einen Verstandesmenschen sein muß, als ein Gespenst und als ein Schatten unter den Gespenstern von vergangenen Menschen und unter den Schatten von vergangenen blutigen Tagen zu leben. Kein Spott hilft. Kein skeptisches Lächeln über die ungeschickte Waffe, kein blutiger Witz über den tragikomischen eifersüchtigen Gatten, über den von seinem Kind gemiedenen Vater, über den von seinem alten Vater verachteten Sohn. Keine Ironie hilft gegen das vergossene Blut. Ob in Wirklichkeit, ob im Traume, meine Seele hat Blut vergossen, einerlei, ob meine körperliche Hand zugeschlagen hat, ob die Blutstropfen wirklich auf mein Beinkleid geflossen sind. Zwar war es nur ein Mensch und kein guter, um den es ging. Zehn Millionen Menschen und bessere sind im Weltkrieg untergegangen, aber es war nicht meine Hand, nicht meine Seele, nicht mein logischer Wille, der dabei mitgewirkt hat. Meine Frau log, wenn sie, mich mit ihrem eiskalten Blick umfassend, eines Abends zu mir sagte, sie hasse mich nicht, dazu sei ich ihr zu gleichgültig, aber ich müsse mir klar werden und müsse mich endlich danach richten, daß jeder Mensch ersetzlich sei. Ist er das? Was ist denn ein Menschenleben? Alles! Höher geht das Spiel auf Erden nicht. Auch die witzige, bei aller Sinnlichkeit verstandesscharfe Frau muß daran glauben, sie entgeht ihrer eigenen Unersetzlichkeit nicht. Keiner ist ersetzlich, weder auf Erden, in der Viermillionenstadt Berlin, keine einzige Seele, noch in dem Himmel, in den wir uns hinaufträumen, noch in der Hölle, vor der wir uns ängstigen, wenn wir etwas verbrochen haben. Tiefer als in ein Menschenleben reicht die Hölle mit allen ihren Martern nicht. Der Mensch in der Hölle ist ein einziges Menschenleben und -leiden. Abgeschlossen von rechts und von links. Von oben und unten, Vergangenheit und Zukunft, in der Einzelzelle seiner Bestimmung, da unten muß er klar wissen, warum er leidet, er muß von oben her klar erfahren haben, was er Unrechtes getan hat. Nicht ein blindes Leiden wird ihm aufgebürdet, sondern die einzig zureichende, die logische, gerechte Sühne. Schuldbewußt mag er sich dumpf sein ganzes Leben gefühlt haben. Auch als ich heute morgens erwachte, in der Bedürfnisanstalt in einer Ecke eines großen Platzes der Stadt Berlin, war meine erste Empfindung Schuldbewußtsein, meine Frau sah ich auf der Flucht vor mir, ein Polizeihund jagte mir nach, mein Kind mußte sich unter ein fremdes Dach retten, mein Vater schlug die Beschreibung meines Verbrechens, das Bild meines äußeren Menschen an einen Kiosk. Ich selbst zeichnete und zeichne weiter auf der Rückseite desselben Plakates, desselben Steckbriefes das Bild meines inneren Menschen. Ich gestehe meine Schuld. Schuldbewußt ist, was ich schreibe, und ich fürchte sehr, mit dieser einen blutigen Tat ist nicht meine ganze Schuld beschlossen. Das ist die Hölle, daß sich der Strafende klar wird über den klar gewordenen Gestraften. Keine Sühne ohne Schuld. Die übermächtige Gewalt, wenn eine über uns ist, das Schicksal weiß, was es uns tut, wenn es etwas tut. Hier ist eine Station der Hölle. Sie ist nicht unter der Erde, nicht im feurig-flüssigen Kern des Planeten. Sie ist auch nicht über der Erde, in dem unermeßlichen, friedlichen Sternenhimmel. Sie ist hier, zwei Schritte von uns, da ist sie. Faßt nur hin, drei Finger tief unter dem linken Rippenbogen, hier unten, wo man den Herzspitzenstoß fühlt, oder dort oben, zwei Zentimeter hinter der knöchernen Hirnschale. Da ist beides, Größe und Grauen des Menschen. Da wird der Mensch auf die Feuerprobe gestellt. Hier muß er sehen, wenn er auch sein ganzes Leben nicht daran hat glauben wollen und sich alle Tage seines Daseins nur dem Geldgeschäft oder dem Sport oder der Politik oder der Mode oder dem leichtsinnigen Lebensgenuß mit sinnlichen Menschen des anderen Geschlechts hingegeben hat, hier unten muß er sehen, wie wichtig er ist, wie unersetzlich. Gebunden an seinen Namen. Du bleibst eins mit deinem Ich, du bist, was du tust. Dein Steckbrief und du sind eins. Hier lebst du weiter mit deinem unverbrennbaren Teil. Dein irdischer Teil modert, verwest, ist ein anderes Leben geworden, fremdes. Der Mensch aber, der gesündigt hat, wenn überhaupt etwas Bleibendes an ihm ist, wenn er mehr war als ein Stück in Seide oder Tuch gekleidete Verwesung, sein bleibendes Ich wird unter der Oberfläche eingemauert in Zimmer, wo Blut geflossen ist, wo Feuer sich gefangen hat und nicht hinaus kann und dennoch hinaus will und muß. Seine Taten leben fort, wenn dieser Mensch nicht bloß eitle Oberfläche war. Vergoldet von diesem Feuer und doch nicht geläutert. Auf die Feuerprobe gestellt und bei der Feuerprobe versagend.

Die kosmischen Sterne schimmern friedensvoll über seinen Leiden. Er leidet, aber er läutert sich nicht. Schmerzen läutern nie. Nur Freude tut es, Friede tut gut. Nicht aber das Schwert, das einer zu bringen gekommen ist und einer gegangen.

Es ist jetzt noch früh, und doch muß die erste, die bessere Hälfte des Tages vorüber sein. Ich bin noch jung. Mein Zeichen sollte der enzianfarbene Stern sein, der mitten in das Innere des Himmels hineinzog. Man könnte ihm mit den Augen folgen, bis sie endlich zufallen. Ich schlafe beim Schreiben unter dem dichten Dach des Akazienbaumes, weit fort vom eigentlichen Gewühl. Vielleicht schlief ich auch beim Mord? Zu gern möchte ich schlafen.

Um diese Stunde spielen schon die blassen, ausgemergelten Kinder dieser armen, aber dicht bewohnten Gegend bei den kleinen Sandhaufen, sie backen sich in blechernen Formen aus Sand Kuchen, und wenn sie keine solche Formen haben, dann spucken sie sich in die Hand und bilden die Kuchen nach der Innenfläche ihrer schmutzigen Pfötchen. Wollen sich die Kuchen nicht im guten lösen, so schlägt dann die rechte Hand von oben auf die linke. Andere haben aus altem Zeitungspapier sich kleine Schiffchen gefaltet, sie möchten dieselben in das von einer Betonmauer eingefaßte Becken eines kleinen Springbrunnens setzen, sie blasen mit geblähten Wangen Wind, aber das holzstoffhaltige Papier saugt sich zu früh voll und würde untersinken, wenn das Kind nicht eifrig den Kahn vorher rettete. Es stellt ihn auf den kurzgehaltenen Rasen zum Trocknen hin, bewacht sorgfältig das graue feuchte Gebilde, bis es dann den Versuch zum zweitenmal wagt. Meist spielen die Kinder für sich allein, bloß wenige jagen einander. Sie stürzen mehr, als sie laufen, hintereinander her, plötzlich ist eines unter meine Bank gekrochen. Ich sehe seinen hellen Haarschopf zwischen den dunklen Latten der Bank hervorschimmern. Ich höre sein Keuchen, dann auch sein schelmisches Lachen, weil der verfolgende Junge es übersieht und weiterrennt. Jetzt erhebt sich das kleine Kerlchen, ruhiger geworden, aus seinem Schlupfwinkel, schleicht nach Indianerart dem anderen Jungen auf den Zehenspitzen nach, um ihm unversehens in den Rücken zu fallen. Zu gerne möchte ich schlafen. Ich suche einen andern Teil des Parkes auf, weiter von den Kinderspielplätzen entfernt. Aber vergeblich schließe ich meine Augen. Ich habe zu viel gesehen. Der äußere Mensch mag schlafen, der innere nicht.

Oft wartete man in meinem Hause auf mich. Es ist Spätsommer, nach acht Uhr abends. Die Frau wiegt mein Kind auf den Knien, es ist lange her. Meine Frau sieht auf ihre Hände hinab, die sich um die Taille ihres Töchterchens gespannt haben. Sie hat fast ihren ganzen Schmuck angelegt, sie freut sich zu sehr an den weißen, reinen Steinen. Das Kind ist gebadet. Seine rosenroten winzigen Fersen bergen sich so keusch in dem flaumbesetzten Hauskleid meiner Frau, das über ihre Hüften rieselt in hellem Seidenglanz. Die Türen stehen offen. In dem kleinen Garten meines Hauses vor der Veranda des Schlafzimmers zwitschern noch die Vögel. Die alte hohe Uhr in der Küche holt aus, ich kenne den Ton aus Kinderzeiten. Aber sie läßt auf sich warten und will nicht losschlagen. Es knackt in dem Telephonapparat, der im Herrenzimmer eingestöpselt ist, als wolle die Glocke anschlagen, aber es bleibt still. Vielleicht erwartet meine Frau meinen Anruf? Aber ich habe ausländische Geschäftsfreunde hier und kann meine Fabrik noch nicht verlassen. Die Frau nimmt ein Buch in die Hand. Das Kind, durch das Bad sehr ermüdet, hat sein sehr blasses Köpfchen nach rückwärts sinken lassen. Es liegt mit diesem in der linken Ellbogenbeuge meiner Frau, so haucht es mit seinem regelmäßigen, tiefen Atem von unten her gegen die Seiten des Buches, es raschelt wie ein Wind in regelmäßigen Stößen. Die Frau schlägt die Seiten um, in ihren regelmäßigen Gesichtszügen kann man nicht erkennen, welcher Art es ist, was sie gelesen hat. Ihr Gesichtsausdruck ist derselbe, wie wenn sie mir zuhört, ohne mir zu folgen. Ich glaube, wir sind schon zu dieser Zeit sehr weit voneinander entfernt. Nie können sich Menschen soviel und so Schmerzliches antun, als wenn sie einander aus der Tiefe ihres Wesens geliebt haben. Sie haben einander zum Äußersten gebracht. Jedes Wort ist nachher eine Waffe, eine scharf geschliffene, jede Sekunde Schweigen ein Tropfen Gift, es gibt kein Ja, kein Nein, nichts ist wahr. Und doch war es einst so schön. Klar war es nie, aber schön war es, einst.

Kann das nicht möglich sein? Was ich vorhin schilderte, die schöne Frau, die in ihrer Neigung oberflächliche Gattin, welche mit ihrem Kinde im Schoß, mit ihrem Buche unter den Augen auf das Klingeln des Telephons hinlauscht und das Kommen ihres Mannes abwartet, aber dabei doch nur auf den Anruf ihres Geliebten hinhorcht, und nur auf diesen sich freut, das ist das Leben, wie es sich in einer Welt wie der heutigen abspielt, Berlin 1928. Aber spielt es nur so, ist es im Grunde anders? Mein Kind ist erwacht, meine Frau geht mit ihm in ihr kleines Ankleidezimmer, wo sie es richtig in sein Abendkittelchen einkleidet. Hier steht der große Spiegelschrank mit den Kleidern der eleganten Dame und den Fächern für ihre kostbaren Wäschestücke und mit den Schubläden für die Kleinigkeiten einer mondänen Frau. Im Grunde dieses Schrankes liegt neben ihrer dunklen, weiß durchschossenen Boa aus Fuchs eine kofferartige Eisenkassette wie eine große Zigarrenkiste, die ihren Schmuck enthält. Diese öffnet sie mit einem auf bestimmte Buchstaben eingestellten Geheimschlosse, dessen Geheimnis ich nicht kenne und nicht kennen will. Hier bewahrt sie das Scheckbuch ihrer Bank, das noch auf ihren Mädchennamen ausgestellt ist. Zwischen den Blättern dieses Scheckbuches liegen verschiedene kurze Briefe und Postkarten, die sie einen nach dem anderen herausnimmt, aber mit den Augen eben nur so überfliegt, ihre ganze Aufmerksamkeit auf den Telephonapparat zusammenziehend. Seufzend löst sie ihre Ringe ab, wirft sie hinein, dann schließt sie das Kästchen wieder zu, nimmt aus einem anderen Fach Seide und Faden und macht sich an eine Handarbeit, einen Kissenbezug, den sie unvollendet vor Jahren in mein Haus einbrachte und der heute noch nicht vollendet ist. Aber wenn sie wartet, liebt sie es, mit einer scharfen Nadel durch den festen, etwas spröden Stoff zu stechen. Aber ohne ihre Ringe kann sie nicht sein, so holt sie dieselben wieder hervor. Sie hat sich aus dem Nähkörbchen einen Knäuel buntfarbiger dicker Fäden ausgesucht und diese zu einem kleinen Bällchen zusammengedreht, dieses Bällchen wirft sie ihrem kleinen Mädchen zu und hilft dem ungeschickten Kind beim Fangen. Dann stickt sie ein paar Stiche, in ihre Gedanken versunken, die mir schon jetzt nicht mehr gelten. Schon in dieser frühen Zeit unserer Ehe haßt sie mich nicht bewußt, sie lacht nicht über mich. Ich bin nicht für sie da. Sie hat mich lange ausgelöscht, bevor sie mich betrogen hat. Weiß ich überhaupt, ob ein Betrug, wie ihn das Gesetz versteht, vorgefallen ist? Vielleicht könnte ich eine Tat aus Leidenschaft bei ihr verstehen und verzeihen, aber dieses friedliche Auslöschen eines noch Lebenden, dies ist giftiger und zerstörender als Haß. Oft blickt sie auf ihre kleine Armbanduhr, um nur den versprochenen, aber nicht eingehaltenen Anruf irgendeines geliebten Mannes (lange dauert ihre Neigung nie) nicht zu versäumen. Sie wird des nutzlosen Wartens nicht überdrüssig, sie sinnt sich immer neue Erklärungen über sein Fernbleiben aus, und wenn sie sich vorstellt, daß eine Nebenbuhlerin ihren Geliebten vom Anruf abhalte, fühlt sie sich seiner nur um so weniger würdig. Für ihn hat sie keinen Stolz. Immer näher rückt die Zeit, wo ich aus der Fabrik zurückkommen muß. Immer weniger Spielraum bleibt ihr, sich an diesem Tage noch mit ihm zu treffen, und doch möchte sie es so gern. Es wäre der einzige Lichtpunkt. Soll sie ihn, um wenigstens flüchtig ihren Mund auf sein Haar drücken zu können, bei dem erwarteten Telephongespräch auf einen Augenblick hierher bestellen? Sie hätte Angst nur um ihn. Nicht um sich, wenn ich, der Gatte, zu unrechter Zeit erschiene. Das Kind spielt still zu ihren schmalen langen Füßen. Jetzt schwebt wieder das kleine Knäuel feuerfarbener Seide in der Luft. Das Kind schlummert ein, bevor es zurückkommt. Es weiß, einmal wird es schon zurückkommen, ihm in den Schoß fallen. Nun schläft es schon lange.

Ich sehe mich um. Auf den Bänken ringsum sitzen viele alte Leute in der Sonne, es muß nicht lange vor Mittag sein, jetzt schrillt eine Fabrikglocke, ein heulendes Signal, das die Hupenschreie der Autos und das Kreischen der elektrischen Wagen vor dem Parke auf einige Sekunden übertönt.

Die alten Leute packen ihre Brote aus. Dünne, harte Schnitten, mit dem Messer bereits in sehr schmale, fingerdicke Streifen zerteilt, damit die brüchigen Zähne nicht zu viel Mühe haben. Zwischen den einzelnen Bissen atmen die Leute besonders tief, sie ziehen die Luft ein, die mit dem Duft von blühenden Akazien und von frisch geschnittenem Grase erfüllt ist, als wäre dieser Duft ein Gewürz zu ihrem kärglichen Mittagsbrot. So kärglich es ist, so werden doch die Augen eines jungen Arbeitslosen mit gelblich-grüner Gesichtsfarbe riesengroß vor Neid. Aber er tröstet sich, indem er aus einem beschriebenen Briefkuvert eine halb zerdrückte Zigarette herauszieht und sie zwischen die Lippen steckt, die durch Elend und Unterernährung ganz farblos geworden sind. Er raucht die Zigarette nicht, er berauscht sich nur daran, daß er sie hat. So unterdrückt er seinen Hunger mit dem Dufte des Tabaks.

Auch ich weiß, was Hunger ist. Oft kam ich hungrig aus der Arbeit. Ich aß nur eine richtige Mahlzeit zu Abend. Das gute, sorgfältig zubereitete Essen stand vor mir. Mit ihren eisigen Blicken, ihrer unerträglichen Gleichgültigkeit und ihrer ebenso unerträglichen seelenlosen Schönheit würgte mir meine Frau, die mir bei Tisch gegenübersaß, oft das Herz ab. Essen konnte ich nicht. So stand ich nach einer halben Stunde auf. Sie fragte nicht. Es war ihr sehr gleichgültig. Ich schwieg. Ich ging zum Bette meines Kindes, oft brachte ich es selbst zur Ruhe, ich legte ihm Spielsachen auf seine Decke, aber es hatte kein Interesse für die Geschenke von meiner Hand. Dann ging ich in die Küche und holte mir heimlich eine Schnitte Brot aus der Tischlade. Aber jetzt war ich zu müde, sie zu essen. Zehn bis elf Stunden Arbeit sind viel. Ich schlief vorher ein. Nachts erwachte ich oft vor wütendem Hunger. Nahm die Brotrinde vor, kaute sie leise, damit das Geräusch meine Frau nicht erwecke. Ich hörte ihren Atem und durch die offene Tür zum Kinderzimmer auch den Atem meiner lieben Tochter. Oft erwachte sie, bettelte, ich solle sie zu uns nehmen, in der Mitte zwischen mir und der Mutter schlafen lassen. Meine Frau erwachte. Sie war nicht böse, da ihr Kind es war und nicht ich, was sie wach gemacht hatte. Sie erlaubte dem Kinde zu kommen. Die Säume seines langen Nachthemdes emporraffend, lief das Kind flink wie ein Wiesel zu uns, stieg über meine ausgestreckten Beine hinweg, nahm den rechten Rand der Daunendecke meiner Frau, den linken der meinen, und beide breitete es über seinem schmächtigen Körperchen aus, die Hände sodann sittsam auf den Falten des Nachthemdes über seiner Brust faltend. Jetzt strömte lauwarme, weiche Luft über uns dreien hin. Ich atmete das frische, pfirsichartige Parfüm meiner Frau ein. Müde lächelnd setzte sie sich auf und bemühte sich, das kleine reichgestickte Kopfkissen besser zurechtzulegen. Ich wollte ihr helfen. Aber sie sprach mit einer eisigen Stimme, als wehre sie den leidenschaftlichsten Liebesversuch eines ewig Ungeliebten ab: »Laß doch! Es hat ganz und gar keinen Sinn! Siehst du denn nicht das Kind?« Ich hätte nicht auf der Welt sein sollen. Aber bin ich es denn? Und, glaubt man es, kaum bin ich eingeschlummert, so erwache ich, mehr vor Schauer aufschreckend als beglückt, von ihrem Kuß in meine Ohrmuschel.

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