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Die Feuerprobe

Ernst Weiß: Die Feuerprobe - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorErnst Weiß
titleDie Feuerprobe
publisherSuhrkamp Verlag
year1982
firstpub1929
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.net
created20140531
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Fünftes Kapitel

Wie von selbst beginnt mein Bleistift auf dem rötlichen Papier zu schreiben. Dieses Blatt ist kein Georginenblatt. Das Georginenblatt ruht auf dem weißen Kinderkissen in dem großen Waisenhause. Mein Blatt hier hat die Farbe von ausgeblaßtem Blut. Mein Bleistift ist geschliffen wie ein Stilett, ich sagte es. Mich könnte der Geruch von Blut reizen, er muß würziger sein als der von noch so farbenprächtigen, noch so brennenden Blumen. Es muß noch stärker haften als Öl. Das Blut verblaßt nur, wenn es muß. Mord verjährt nie. Dies sagt das Gesetz.

Die Sonne ist aufgegangen. In einem Einschnitt unweit des Parkes glitzern die Geleise der Hoch- und Untergrundbahn, die sich in einem kühnen Schwünge aus der Tiefe in die Höhe heben, auf festgemauerten Stützen, wie aus Licht gepreßt. Noch fährt kein Zug. Hier im Parke sieht man von Holzbrettern eingezäunte Spielplätze für Kinder. Auf dem Rasen liegt eine kleine Schaufel, die ein Kind beim Spiel verloren hat. Weiter entfernt sieht man kleine Sandberge, die noch von den Spielen des letzten Tages umgeackert sind. Aber wenn auch mein Blick diese Schaufel und diesen Sandberg betrachtet, oder die Buden und die Zelte des Marktes oder die nebeneinander parallel hingestreckten glitzernden Geleise der Bahn, so geht doch mein Schreiben unaufhaltsam weiter. Nur an einer Stelle fängt sich immer wieder mein ruheloser Blick, an meinen Kleidersäumen, den befleckten. Ist denn die große Welt nicht groß genug? Ist dies wirklich Blut? Dies Blut ist nicht frisch, es mag vor sehr langer Zeit einen menschlichen oder tierischen Körper verlassen haben, muß längst vergangen sein. Aber es ist so tief, so notwendig, wie das Enzianblau des Sternes war. Es muß beides geben, Blut und Blau. Man hat es oben so gewollt. Hier unten müssen wir. Größe und Grauen des Menschen ... Ich habe mein Gesicht heute noch nicht gesehen, nur meine Hände kann ich betrachten. Wohl sind sie rot, aber kann dies nicht die gesunde Röte von schwerer Arbeit sein? Ich halte meine Hände an meine Lippen, meine Zunge streift meinen Handrücken, vielleicht hat sie auch früher einmal mit solch einem seltsamen Kusse den schmalen Handrücken einer geliebten Person berührt, hat diese Hand bis aufs Blut geküßt. Blut ist halb süß, halb bitter. Man vergißt seinen Geschmack nie, und mag auch nur ein winziger Tropfen die Lippen eines Menschen gestreift haben. Aber meine Hände schmecken jetzt nicht nach Blut. Eher nach dem Aroma der Akazienblüten, die ich auf den Knöcheln des Handrückens verrieben habe, um meine Kleidung zu säubern. Und doch! Morden muß gut sein. Besser als schuldlos sein? Niemals! Und doch, wäre es nicht besser, wer täte es dann? Ein Mann kann so vernichtet sein an der einzigen verwundbaren Stelle seiner Seele, daß ihm sein Leben nichts mehr bedeutet und ebensowenig das Leben der untreuen, gütelosen, herzenskalten, klugen, aber bezaubernden Frau, die ihn vernichtet hat. Ist »vernichtet« nicht ein zu großes Wort für ein paar Sekunden voller stiller Lüge? Mag sein, man bereut. Aber will man es auch ungeschehen machen? Und was ist dieses »es«? Ich will es nicht wissen.

Meine Freude ist dahin. Mich freuen weder die Bäume, an deren Blättern ich den Ruß der Fabriken haften sehe, die sich in der Nähe erheben, noch freut mich der Himmel, der sich jetzt mit immer stärkerem, irdischerem Blau füllt, noch die Düfte von reifen Früchten, die von den Buden des Marktes unten heraufgeweht werden. Ananas, Erdbeeren, Pfirsiche, die ersten Äpfel ... meine Hand geht schreibend weiter, unaufhaltbar, und mit ihr meine Erinnerung. Ich entfliehe ihr nicht. Ich entrinne mir nicht. Selbst hier, in der Öde und Stille des jetzt ganz von Menschen verlassenen Kinderspielplatzes, finde ich keine Ruhe. Ich will mich nicht bemitleiden. Wer sich bedauert, ist kein Mann. Über mein Schreibblatt und über meine Hände hinweg sehe ich unter unentrinnbarem Zwange die Flecken an dem unteren Rande meiner Kleider. Ich muß tief darin gewatet haben. Ich weiß, woher die Flecke kommen. Wollte ich es? Aber wollte ich es denn?

Ich wollte, seitdem ich meinem Brotberuf das geliebte Studium der Himmelskörper aufgeopfert hatte, wenigstens nicht so leben wie ein Durchschnittsmensch in der modernen Gesellschaft, nicht mich an flache Vergnügungen aufgeben, nicht einzig und allein einem höheren Einkommen nachjagen, ich wollte auch nicht nur in meiner Nation aufgehen, sondern ich wollte leben wie ein Mensch, der sich dem Kosmos einfügt in seiner Erkenntnis. Welch ein Größenwahn! Nicht einmal den Anforderungen, denen fast alle Menschen genügen, ist dieses Ich gewachsen. Ich liebte eine Frau und konnte sie nicht halten. Und nicht einmal soviel Kraft besaß ich, entweder diese Untreue ertragen zu können oder mich von dieser Frau ein für allemal zu scheiden. So ist dieser größenwahnsinnig eitle und sinnliche Mensch! Er duldet alles, solange er kann, solange es nicht zum Äußersten kommt. Untreue und Dulden ist das gleiche. Einem Treuen widerfährt keine Untreue. Der Mann, dem eine Frau untreu werden kann, der ist schon nicht rein. Der Reine löst sich zu rechter Zeit und für alle Ewigkeit in Güte von der Frau, die ihn nicht mehr liebt. Er läßt seine Hände davon, rot oder nicht, er verbirgt sich nicht hinter dem schmalen Rücken seines kränklichen Kindes, »dem er die Mutter nicht nehmen will«. Um Liebe werben ist schön. Einer Liebe würdig sein ist herrlich. Aber auf Geliebtwerden verzichten müssen und dennoch nicht lassen können, verachten und dennoch lieben, das ist fürchterlich, ist Hölle auf Erden, das Letzte, was einem Menschen begegnen kann. Und doch bin ich da nicht allein. Vielleicht ist es auch dem größten, dem reinsten, dem männlichsten und göttlichsten Manne, der je auf dem Boden dieser schmutzigen Erde gewandelt ist, nicht gelungen, sich von dieser Welt, die seiner allzugroßen Liebe untreu war, ohne Bitterkeit zu lösen. Leiden! Leiden! Leiden – und nichts nachher! Und Leiden nur für sich! Immer werden Schreie ertönen, die man nicht mehr vergißt! Aber ist das Leben dazu da, die tiefsten Schrecknisse des Grauens aufzurufen?

Können sich zwei Menschen, die sich einmal viel gewesen sind, nur unter »tiefsten Schrecknissen des Grauens« voneinander lösen? Man will es nicht so weit kommen lassen. Die Frau soll diesen Mann trotz allem nicht zum Äußersten bringen. Man will an sich vergessen, will die Fürsorge für das Kind an die erste, an die einzige Stelle setzen. Aber ist diese Frau eine Mutter? Sicherlich eine ebenso gute Mutter, als sie eine gute Gattin ist. Und das ist sie nicht.

Sie führt mein Haus ohne Tadel, alle Gäste sind hier zu Hause, nur ich nicht. Alle finden sie entzückend, sehen nichts Abstoßendes an dieser schönen, schlanken und doch etwas üppigen Gestalt mit den reichen dunkelblonden Haaren, die sie, entgegen der heutigen Mode, in einem tiefen Knoten trägt. Ihre feinen Hände sind geschickt, jede Arbeit im Hause gelingt ihnen, ohne daß man es hört. Alles ist stets in Ordnung, sie spart, sie bedenkt alles, in jeden Winkel meines Hauses kann man hineinleuchten. Alles ist gepflegt. Nur rein ist es nicht.

Einmal sehe ich ihre Hände an. Wie oft hat sie mir gesagt, ich solle sie nicht mit meinem kleinlichen Verdacht beschmutzen. So sehe ich wieder fort von ihrer langen feinen, so tief geliebten Hand, als ich einen neuen Ring mit einem großen Stein daran bemerke. Aber wir kennen einander zu gut. Ohne daß ich frage, erzählt sie mit ihrer silbernen, leicht verschleierten Stimme, mein Vater hätte ihr auch diesen Ring als verspätetes Hochzeitsgeschenk gegeben. Und dies erzählt sie nicht etwa in seiner Abwesenheit, sondern in dem Augenblick, als er gerade als Gast zu Tisch bei uns ist. Und er, der nicht strenge, aber immer gerechte Richter, wendet keinen Blick von ihr und widerspricht ihr nicht. Sollte derartiges nicht möglich sein? Sollte es nicht wahr sein? Gewiß? Mein Vater hat als reicher Mann ehemals Steine und Kostbarkeiten gesammelt, hat sie als Kapitalanlage verwertet. Meine Mutter trug fast nie Schmuck, denn er verschönte sie nicht, wie er meine Frau verschönt, die man nur zu gern mit allen Herrlichkeiten schmücken möchte. Sie sieht jetzt ruhig geradeaus auf die silbernen Tischbestecke mit den eingeprägten Delphinen, dann auf die filzgefütterten Ringe, die sie an den Hälsen der Rotweinflaschen hatte anstecken lassen, damit nicht ein Tropfen vergossenen Weines unsere kostbaren ererbten Damasttücher beschmutze. Es ist Abend, es brennen Wachskerzen in schweren silbernen Leuchtern auf dem Tisch. In schön geschliffenen Kristallschalen liegt prachtvolles Obst. Als Hausfrau war meine Gattin musterhaft. Sie war es. Sie ist es. Sie lebt ja noch. Sie wird mich überleben, wird aus meinem Töchterchen dereinst eine ebenso gute Hausfrau und schlechte Gattin machen ... Sie wendet den rechten Ellenbogen etwas nach der Seite, wo ihr Schwiegervater sitzt. Nein, das ist kein Zeichen, kein geheimes Einverständnis mit ihm? Auch sein Lachen nicht, das schnalzende, mir stets ins Mark der Knochen dringende kalte Lachen, das er anschlägt? Es wäre doch widersinnig, sagt dieses Lachen, daß ein Schwiegervater, und gar ein so strenger, gesetzestreuer wie er, seiner Schwiegertochter einer angeheirateten, nicht einmal blutsgebundenen Verwandten, in ihrer Untreue, in ihrer Lüge gegen seinen einzigen Sohn beistehen sollte. Blutsgebunden? Niemals habe ich früher diesen Ausdruck gehört, nie habe ich ihn selbst gebraucht. Fort! sage ich, fort mit diesem ewigen Blut! Aber mag man es tausendmal beschwören, man wird es weder durch solche Beschwörungen wegzaubern, wenn es bereits geflossen ist, noch hervorzaubern, wenn es noch nicht geflossen ist.

Mein Vater sitzt bei Tische zwischen meiner Frau und meiner kleinen Tochter. Warum wird oft sein Ausdruck so düster, wenn er unvermittelt dem Kinde über das kleine, eher dreieckige als runde Gesichtchen fährt, was das Kind auch von ihm nur ungern duldet? Ja, es ist sonderbar und muß auch ihm, dem Großvater, auffallen, wie sehr mager und blaß unser dreijähriges Mädchen immer bleibt trotz der angeblich besten und liebevollsten Sorgfalt, die seine schöne, kluge Mutter ihm angedeihen läßt. Ist es dieselbe »liebevolle Sorgfalt«, mit der mein Vater mich aufgezogen hat? Als ich eines Abends heimkam, sah ich das Kind über den roten Teppich unseres Speisezimmers schüchtern trippeln, nur verängstigt kommt es mir entgegen auf seinen fleischlosen abgezehrten Beinchen. Wer hat dem Kinde vor seinem Vater Angst gemacht? Hat man es vielleicht in Abwesenheit des Vaters gestraft und ihm unter Schlägen eingebläut, es dürfe dies und jenes nicht tun, denn der herzensrohe Vater bestehe auf der strengen Strafe? Ich habe nie gestattet, daß jemand mein Kind auch nur mit einem Blumenstengel schlägt. Ich habe immer versucht, dem Kind Freude zu machen. Und doch, es ängstigt sich vor mir. Trete ich einmal unbemerkt ein, da sehe ich, wie es, ein unbändiges, ausgelassenes Kind, in seinem Übermut durch alle Räume der Wohnung tollt, wie es nach Herzenslust mit seiner ganzen Kraft donnernd die Türen eine nach der anderen zuschlägt, wie es sich, einem Vögelchen gleich, mit zwischen die Schulterchen gezogenem, zerzaustem Kopfe hinter den Weinreben der Veranda versteckt, wie es, mich nachahmend, durch das Okular des Teleskopes guckt, und dann etwas auf ein Stück Papier zu kritzeln scheint, wie es sich dann, als wäre es müde geworden, auf die Chaiselongue aus Rohr hinwirft, die sich auf der Veranda befindet, wie es zwitschernd und gurrend aufspringt, sein ohnedies kurzes Röckchen hochnehmend und, die dünnen Beinchen schwingend, in die Küche rennt, atemlos wispernd von dem Dienstmädchen ein Stückchen gelber Rübe erbittet, um es den zwei Kanarienvögeln zwischen die Gitterstäbe des Käfigs zu stecken – jetzt aber bei der Rückkehr aus dem Kinderzimmer erblickt es mich endlich. Mein Töchterchen starrt mich gebannt, schaudernd, mit aufgerissenen graugrünen Augen an, während es sich mit den schmutzigen Händchen an die honigfarbene Schnalle klammert, womit sein Spielkittelchen geschlossen ist. Dann verschränkt es, seine Schultern zusammenpressend, die Fäustchen oben an der Brust, es ist bereit zu fliehen, aufzufliegen wie ein Federchen, zu verschwinden wie ein Traum. Es flüchtet dann wie beseligt hinter die schlanke Gestalt der eintretenden Mutter, klammert sich an deren Knie, was es sonst nie tut, und mit seinem vollen, tiefen Stimmchen raunt es der errötenden Mutter zu: »Still, sei still, Mutter, der Vater!!« Meine Frau sieht mich an, schüttelt den Kopf und sagt leise, begütigend: »Von mir hört sie das nicht. Glaube mir doch!«

Ich habe immer glauben wollen. Ich bin verstandesklar, aber nicht skeptisch. Ich habe eine Religion, einen Christus gesucht. Ich habe den Gang der Sterne verfolgt. Meine Frau hat darüber stets gelächelt. Für sie war das Leben mit dem Leben zu Ende. Ist es zu Ende?

Ich wollte immer Freude haben, nach Heiterkeit habe ich mich im tiefsten Herzensgrunde gesehnt. Es war mir nie gegeben. Geliebtwerden ist so leicht. Als ich meine Gattin kennenlernte, wehrte ich mich dagegen, daß sie mich zu sehr liebe. Daß ich mich später nach ihr sehnte – zu spät, ich weiß es –, lähmte aber dann nur ihr Gefühl. Sie ertrug es nicht. Ich war wie Blei für sie, etwas Schweres, das sich an die Säume hängt, nicht wanken will, nicht weichen will. Aber jetzt bin ich doch genug gewankt, weit genug bin ich von ihr und auch von mir selbst gewichen! Ich weiß genug. Ich weiß zuviel. Ich brauche keinen Spiegel, mich zu sehen. Ich sehe mich auch so. Keinen schöneren Spiegel kannte ich als ein Frauenauge wie das ihre, das große, graue. Die zartgewölbte Halbkugel der Hornhaut des Auges war eingerahmt von ungewöhnlich langen Wimpern, die sich nach oben und nach unten rollten. Einmal versengte sie sie, als sie sich eine Zigarette anzünden wollte. In meiner Gegenwart rauchte sie nie. So wollte sie vielleicht ihrem Geliebten hingebend ihre Lippen hinhalten, folgsam und erwartungsvoll seine Zigarette anzünden, die er zynisch im Mundwinkel nach unten hielt. Kam sie dabei dieser Flamme mit ihren schönen, langen Augenwimpern zu nahe? Wer weiß es, wer liest in einem Auge, wer in einer menschlichen Seele? Ich sah heute, wie das Kind Georgine zurückwich, wie es schreiend floh, seine abgezehrten Beinchen schwingend, als es das winzige Feuerchen eines Streichholzes sah in dem langen düsteren Korridor des Waisenhauses, von meiner Hand geführt. Woher die Angst vor der Flamme? Angst vor einem Brand? Doch kaum! Wohl liegt ein Brand in der Luft, aber was liegt nicht alles in der Luft einer Viermillionenstadt? Was kann nicht alles in dem Auge eines Menschen liegen? Freude weitet die Pupille, aber noch mehr vergrößert sie das Erschrecken. Wenn ein Mensch erschaudert, dann wird das Auge erst schwarz, die Pupille vergrößert sich bis zum äußersten, dann aber rollt der Mensch sein Auge in den Winkel, das Weiße, das Tierische des Auges wird offenbar, sie, die Frau, sieht dann den Menschen nicht mehr, der sie so tief erschreckt hat, er steht jetzt im Schatten, eine geschliffene Waffe zuckt ihm in der großen geröteten Hand wie eine züngelnde Flamme. Er rührt sich nicht. Diesen Augenblick lebt man auch in zehn Jahren nicht zu Ende. Er rührt sich nicht. Er hat alles hinter sich, er schweigt. Er mag an Jahren jung sein, an Seele nicht. Junge Menschen morden nie. Schweige denn auch jetzt! Schweige von jungen Menschen und von älteren, von Mordenden und Ermordeten! Gibt es denn nichts anderes? Kann man sich nicht der helleren, der heiteren Seite des Menschen hingeben? Gibt es keine Berufsarbeit mit Erfolg? Gibt es keine Kunst, gibt es keine Politik mit der Versöhnung von Volk zu Volk, gibt es kein stolzes nationales Leben, gibt es nicht Spiel und Sport? Gibt es keinen Stern oben, keinen Sinn unten auf der Erde, keinen Traum, der beruhigt, keinen Schlaf, der löst?

Helena, Elfenkönigin, du schmiegst dich zitternd auf das Purpurlager einer Braut ... Purpur, so scheint es. Blut, das ist es. Aber nicht alles Blut ist schmerzensvolles Blut ... Oder doch? Es kann Blut fließen, und doch umspielt die Lippen einer Frau das zauberhafteste Lächeln, diese schmalen, nicht sinnlichen Lippen weichen auseinander, sich wie Blumenblätter entfaltend, der Kopf sinkt zurück, die Stirn, eben noch von Schmerzen quer gerunzelt, wird wie ein Stück weißer Atlas, keine Falte. Ihr Mund läßt von meinem nicht, ihr Mund zieht meinen mit sich nach unten auf das einsinkende, knisternde Kissen, als wären wir beide ein Fleisch und ein Blut. Alles ist Jugend, heiße Leidenschaft, sorgenlose Liebe, frohe Güte und echte Freude am Leben ... Oder ist es nicht so? Wer liest hinter dieser etwas zu niedrigen, nur zu unschuldsvollen Stirn? Liegt auch dahinter Blut, und ist es nicht Atlas und Seide, sondern vergängliches, trügerisches Fleisch? Hat Gott die Welt so geschaffen, hat es die übermächtige Gewalt so eingerichtet? Antworte doch du, die ich liebte! Niemand sieht der Welt das Blut von außen an, außen ist alles Glanz und Glätte, und doch ist Blut ihre reinste Blüte, der dunkle, innere, nie erlöschende Brand. Fort von diesen Gedanken! Genug von Blut und Brand! Haben denn Himmel und Erde nichts anderes? Klar und freudig stelle ich mir den Himmel vor. Meine und ihre Erde ist es nicht.

Es gibt die Unschuld einer Frau. Sie trügt. Denn, trüge sie nicht, dann wären meine einst so unschuldsvolle Frau und ich noch heute vereint. Es gibt die Unschuld eines Kindes. Sie trügt. Ich sah meinen jüngeren Bruder, kurz nachdem er geboren wurde. Ich hielt sein glattes, weichhäutiges, dunkelrotes, schweres Köpfchen und sein winziges, bläuliches, zusammengekrümmtes Füßchen früher in meiner Hand als meine Mutter, die in Ohnmacht lag, und als mein Vater, der seine Verwaltungsarbeit bei Gericht nicht unterbrach. Aber blieb diese Unschuld des Kindes erhalten? Was habe ich später an diesem unseligen Menschen sehen müssen, der in jungen Jahren sich und die Welt verlor und den kein Lehrer erziehen, kein Jugendrichter bessern, kein Arzt heilen konnte. Keine Mutter konnte ihn gesund pflegen. Kein Freund konnte ihn von sich ablenken, kein Tier konnte ihn erfreuen durch Lustigkeit und Treue, denn er war schon als Kind sich und allen anderen gefährlich. Auch hier hat mein Vater einen Untergang vorhergesagt und recht behalten. Der junge Mensch, der bis dahin nur als ungewöhnlich reizbar galt, schlief eines Abends ein. Er war etwas unruhig, wollte seine Mutter nicht von seiner rechten Seite lassen, mich, seinen Bruder, nicht von der linken, den niedlichen Hund, den er als Geschenk von dem Vater erhalten hatte, nicht vom Fußende seines Bettes. Und als wir ihn am nächsten Morgen tobend zwischen den zerfleischten Resten des armen kleinen Tieres wiedersahen, da riefen wir den Vater, ihn, den nicht strengen, aber gerechten Richter, zu Hilfe, und er mußte seinen Sohn mit energischem Griff bezwingen, bis der Arzt kam, der ihn sofort im Krankenauto in eine Anstalt brachte, ein großes, weitläufiges Gebäude hinter Mauern, die am Rande mit Glas besetzt waren, ein Haus, das er lebend nicht mehr verlassen hat. Auch ich erwachte heute, morgens. Wer mag gestern abend an meinem Bette gewacht haben? Nicht erinnern! Ich wiederhole es. Ich befehle es. Schweigen!

Kann ein Mensch meiner Art nicht vergessen? Kann er sich Schweigen nicht anbefehlen? Kann er die Erinnerung nicht auslöschen? Muß alles sein, wie es ist? Hat er nicht so viel Stolz in sich, die Frau ihrem (letzten?) Geliebten zu überlassen und alles andere mit sich selbst auszukämpfen, kann er nicht den Rest seines Lebens und sein ganzes Gefühl dem Kinde zuwenden? So muß es sein! Eifersucht ist das leerste Gefühl, es reißt einem alles Innere heraus, es weidet einen Lebenden aus. Das Herz, das in seiner Brust schlägt, immer und trotz aller Verstandesgründe, trotz aller Berufsinteressen, trotz aller Anforderungen der Welt, immer weiter für die geliebte, verhaßte, angebetete, verachtete Frau schlägt, er möchte es sich in seiner Eifersucht mit eigener Hand herausreißen, es einem Hunde vorwerfen, so schrecklich tobt es in ihm, bringt ihn zum Äußersten.

Im Anfang unserer Liebe sagte ich zu meiner Frau im Scherz: »Geliebter alter Junge!« Es war das Kosewort, das ich meinem armen, irrsinnig gewordenen Bruder noch in seiner letzten Nacht zuflüsterte. Er war von Verstand. Er faßte nichts mehr. Er tobte, er raste, er war mehr Tier als eine Bestie im Zoologischen Garten. Hyoszin, das stärkste Beruhigungsmittel, half nichts. Man hätte ihn erschlagen müssen. Die Temperatur betrug 40 Grad. Vielleicht wäre sie noch höher gestiegen, aber er zerbiß das Thermometer, wollte sich mit den Scherben die Adern aufschneiden, so wütete er gegen sich. Ich hatte solche Anfälle schon viele erlebt, der letzte war eben nur der schwerste. Wer so etwas nicht erlebt hat, versteht es nicht, wie unwiderstehlich mich meine Frau an sich gezogen hat mit ihrem kühlen grauen Blick, mit ihrer silbernen, leicht verschleierten, bezaubernd schmeichlerischen Stimme, mit ihrem berechnenden vorurteilslosen Verstände. Ich hätte sie niemals so geliebt, hätte ich mich nicht so sehr nach Gesundheit, Verstandesklarheit, kühler Heiterkeit gesehnt. In dieser letzten Nacht war ich mit meinem armen Bruder allein. Er schrie fast ohne Pausen, ohrenbetäubend, er warf sich mit dem Kopf gegen die Wand, da wagte ich mich an ihn heran, ich faßte seinen heißen Kopf, ich flüsterte ihm ins Ohr: »Geliebter alter Junge«. Dies erfaßte er. Er sah mich an, wurde ruhiger, schlief auf einer befleckten Matratze im Winkel ein, und im Schlaf verließ ich ihn auf den Rat des Oberarztes, um nach Hause zurückzukehren. Ich habe seine letzten Stunden nicht miterlebt, es kam noch ein schreckliches Erwachen für ihn. Ich weiß nur, daß dieses mein Bruderwort ihm der letzte Laut von Menschen, verständlich, tröstend vielleicht, gewesen ist. Dieses Liebeswort sagte ich am nächsten Morgen (oder war es noch dieselbe Nacht?) zu ihr. Ich war nicht erfinderisch in Koseworten. Ich bin kein Dichter. Ich bin ein Mensch der Wirklichkeit, ein Industrieller, ein Mensch des klaren Verstandes. Dieses Wort gab sie mir, meine unvergeßliche Frau, oft zurück, als sie mich noch liebte, ich war ihr geliebter Junge, sie war mein geliebter Junge. Aber ich kann nicht einmal versuchen, diese höllische Bitterkeit nachzuschildern, als ich einmal hörte, wie sie beim Tanzen dieses unser Wort ihrem Geliebten zuflüsterte. Es war nach Jahren, spät in der Nacht, wir hatten dunkel gemacht, nicht ganz dunkel, aber doch dunkel genug, daß sie mich nicht sah, als sie mit ihm in einer kühnen, nicht erwarteten Drehung des Tango plötzlich ganz nahe an mir vorbeikam. Ich hörte es, als hätte sie das Wort in mein Ohr geflüstert. Ich sah sie an, aber ich sah sie nicht, wie sie war, sondern in diesem Augenblick sah ich sie ganz mit ihm vereint, in seinen Armen entspannte sich ihre eben noch schmerzensvolle Stirn zu Atlasweiße und Atlaszartheit. Wenn ich daran zurückdenke, an diese späte Nachtstunde zwischen drei und vier, an diese langsame, getragene Musik aus einer modernen Operette, die das Grammophon mit leiser Spitze spielte, an den Text, der mit den Worten begann: »Wir wollen tun, als ob ...«, wenn ich mich dessen erinnere, bereue ich nichts. Und doch! Es gibt nur eines, was noch grauenvoller, bitterer ist als Eifersucht: Reue! Brennt nicht die Verdammten in der Hölle mit siedendem Öl, hängt sie nicht am Kreuz an Nägeln auf, lasset sie keine Danaidenfässer rollen, lasset sie nicht ewigen Hunger leiden, lasset sie nicht nach Hesperidenäpfeln verlangen! Lasset sie eifersüchtig sein! Und lasset sie bereuen – das ist Hölle genug. Es gibt nur eins, Eifersucht und Reue sind das gleiche, fühlt nur nach, was ich gefühlt habe, sprechet nach, was ich hier sagen muß, und ihr werdet dies begreifen, wie ich es heute morgen begreife.

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