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Die Feuerprobe

Ernst Weiß: Die Feuerprobe - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorErnst Weiß
titleDie Feuerprobe
publisherSuhrkamp Verlag
year1982
firstpub1929
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.net
created20140531
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Drittes Kapitel

Wird auch mir je eine hohe Erscheinung in blauem Kleide, das einem Mutterkleide ähnlich ist, hilfreich begegnen, übermächtig und wohlwollend zugleich? Nein, keine sinnlosen Klagen mehr! Was soll das Fragen? Den stummen Wänden der Bedürfnisanstalt wird man auch durch Anklagen und Ausbrüche keine Antwort abgewinnen. Ich will nicht zittern. Ich erzähle nicht, wie es das Kind Georgine tat, die Geschichte meines Lebens fremden Leuten in fremder Sprache. Aber unterdrücke ich meine Erinnerung bloß deshalb, weil ich immer noch hoffen möchte, dies alles sei im Grunde nur ein Rauch vor den Augen, ein Traum? Ein Traum fliegt vorüber. Klarheit ist seine Bestimmung nicht. Sollte dieser Traum aber mehr sein als ein Rauch vor den Augen, der aufsteigt und ins Nichts verschwindet, ist er ein Ausdruck meines unheilbaren Verworrenseins, ein Siegel des Wahnsinns, wie ihn mein armer Bruder hatte, oder ist er gar ein dunkelroter Schmutzflecken auf meiner Seele, ein unauslöschliches Mal – was immer es ist, ich bin verworren oder wahnsinnig oder befleckt nur auf Lebenszeit. Mir dieses verlorene Leben zu nehmen und in denjenigen Himmel von Klarheit aufzusteigen, der mir ersehnenswert erscheint, daran kann mich niemand auf Erden hindern. Klar und freudig zugleich stelle ich mir den Himmel vor. Kann einem Manne wie mir nur noch der Himmel helfen? Ist es mit der Erde vorüber, bedeutet diese Erde nur Wahnsinn oder furchtbare Schuld für mich?

Noch liege ich fast ohnmächtig an einer Kreuzungsstelle meines Daseins. Mein Blick kann in das Innere der Bedürfniskammer dringen. In dem schwarzen Kuppelraume brennt die übernächtige Lampe. Der Paletot, den ich trage, ist weit geschnitten, perlgrau mit leicht angedeutetem Fischgrätenmuster, sauber trotz der empfindlichen Farbe, ohne Flecken. Derjenige Teil meiner Kleidung freilich, der mehr nach dem Innenraum des schmutzigen Hauses zu genächtigt hat, muß wohl schmutzig geworden sein, es sind schwarzbraune oder tief dunkelrote Flecken an dem Fußende meiner Beinkleider, und sie riechen durchdringend nach dem schmierigen, dickflüssigen Öl, mit dem derartige Räume täglich neu angestrichen werden, um ja alle bösen Keime zu vernichten.

Ich blicke an mir selbst herab; meine Lippen fühle ich halb geöffnet, voll sind sie, aber nicht roh, eher weich und weit. Ich sehe mein Jackett, meine Halsbinde aus dunkelgrüner Seide, ich sehe das Muster der Socken um meine Knöchel ... Wozu alle diese Einzelheiten? Meinem Ziele bringen sie mich doch nicht näher. Ich hatte die Absicht, erst dann diesen Ort zu verlassen, sobald ich wüßte, wer ich bin. Ich habe dem Schicksal ein Ultimatum gestellt, aber es ist nicht angenommen worden. Ich muß fort, hier kann ich nicht bleiben. Ich ziehe mich mit den Händen vorwärts, denn ich will keinesfalls den Raum nochmals betreten. Die scharfe Kante der Blechwand preßt sich schmerzhaft gegen meinen Hüftknochen, aber ich winde mich durch. Endlich kann ich mich aufrichten wie ein Kranker nach monatelangem Schmerzenslager. Ich spanne die Oberarmmuskeln an, recke mich aufatmend hoch, stehe da und blicke mich im Kreise um. Da breitet sich die riesige, jetzt noch ganz ausgestorbene, düstere und kahle Stadt Berlin im Bogenlampenschimmer vor mir aus. Die Hochbahn führt vorüber, eine kleine Parkanlage auf einem Hügel ist nicht weit. Ich muß diese Gegend kennen, nur nennen kann ich sie nicht. Sie ist da, aber mich in ihr wiederzufinden, ist schwer. Ich will nach meinen Papieren in der linken inneren Brusttasche fühlen, aber meine Hand ertastet nur das Pochen meines hocherregten Herzens. Ich will meine Uhr herausholen, aber sie ist nicht da. Wieviel Zeit kann seit meinem Erwachen vergangen sein? Sicher nur ganz wenige Minuten, aber es war keine Zeit von der gewöhnlichen Art. Der Himmel über mir ist nicht heller geworden. Er schwebt noch zwischen letzter Dämmerung und dem ersten Tagesbeginn. Ich gehe ruhig in ein und derselben Richtung, wenn auch ohne Endabsicht und ohne ein logisches Ziel. Ruhig kann ich gehen, denn ich habe kein Selbst und daher logischerweise auch kein Selbstgefühl. Daher keinen Stolz. Keine Empörung gegen die, die mich hergebracht und hiergelassen haben – unbekannte und unbenannte Kräfte, übermächtige –, das ist sicher und gewiß, wohlwollende? Wie gern glaubte ich daran, könnte ich es nur! Und wäre wenigstens der sengerige Brandgeruch verschwunden! Irgendwo müssen sie einen Brand gelegt haben, er schwelt, geheim, im dunkeln. Man könnte ihn ersticken, wüßte man nur, wo er ist ...

Mich hungert es. Vor allem nach mir selbst. Dem Kinde haben sie Nahrung gegeben. Ein schönes Bett, wenn auch nur zu zweien. Zu zweien? Ich erinnere mich dessen, aber ich folge dieser Erinnerung weiter nicht. Wozu weiter? Zu leicht könnte eine solche Erinnerung mich in ein Waisenhaus für große Kinder führen, kranke, innerlich unheilbare. Man findet leicht hinein, schwer aber wieder heraus. Ich weiß es von meinem armen Bruder. Aber selbst hinter Mauern eines Irrenhauses wagte ich mich, wenn ich Aussicht hätte, dort Klarheit zu finden, und mit dieser Klarheit meine Gattin, mein Kind, meinen Vater, mich!

Dieser Augustmorgen ist kühl wie ein Novembermorgen, in seiner menschenleeren Ruhe ist er ein Immer, er hat seine bleibende, dauernde Weihe. Ein früher Kirchenmorgen. Stille im hohen dämmrigen Schiff, und Stille vor dem Tor hier auf dem großen viereckigen Platze, auf dem ich eben erwacht bin. Vor dem Eingang der Kirche haben sie zwei Birken gepflanzt, deren lockere Zweige man bei völliger Stille im Innern des Gotteshauses leise raunen hört ... War es hier, wo ich mit meiner Gattin, mit meinem Vater und ihrer Mutter als Trauzeugen, auf den Priester gewartet habe, der uns verbinden sollte auf Leben und Tod? Ich schleiche mich an der Kirche vorbei, ich trete vorsichtig auf, als fürchte ich, jemanden zu wecken. In der Windstille hängen die Blätter der zwei Bäumchen schlaff herab. Ist in dieser rotsteinernen Kirche mein Kind getauft worden? Wird man mich hier zur letzten Ruhe einsegnen und aufbahren? Jetzt ist sie finster, verschlossen. Das einzige, was sich an ihr bewegt, ist der schwarze Zeiger auf dem elektrisch beleuchteten Zifferblatt der Uhr oben im Turm, das einzige, was sich regt in der Totenstille, ist die Glocke oben, die röchelnd ausholen will zum Schlage.

Ich komme unten an der Fischhalle vorbei, deren Blechdächer im Morgentau heller erglänzen. Tote Fische liegen im Hintergrund des Ladens aufgestapelt. Vorn ist in dem Schaufenster ein tageshell beleuchtetes Wasserbecken eingelassen, das von eingepreßter Luft rieselnd durchströmt wird. Hier sieht man lebende Fische verschiedenster Art und Größe sich durcheinandertummeln. Sie streifen einander mit dem etwas aufgequollenen, schieferblauen Schuppenkleide, mit den hin und her steuernden Schwanzflossen, die in mattem Braungold, Silbergrün und Korallenrot leuchten, von den flink aufsteigenden silbrigen Luftperlen seitlich getroffen. Die Fische lüften träge die blattartigen Kiemen, sie wenden und drehen sich. Sie streben nach oben, tauchen nach unten, sie drängen sich an die gläserne Wand und kehren in weichem Bogen wieder in das Innere zurück. Sie blicken einander mit ihren runden, flachen, lidlosen Augen an und umkreisen einander ohne Aufhören, ruhelos, schattenlos, stumm.

Unter den zerbrochenen Kisten in den Winkeln des Marktes regt es sich. Fahle, erdfarbene Ratten stecken knabbernd ihre spitzen Köpfe mit den langen Barthaaren vor, sie schlüpfen hin und her, blitzschnell ihre langen nackten Schwänze hinter sich herziehend. Eine besonders große wagt sich nach vorn bis zu meinen Füßen, sieht mich mit ihren rötlich glitzernden Augen an, dann richtet sie sich auf, um einen Kohlstrunk mit den Vorderpfoten zu umklammern, wobei sie ihr weißes, spitzes, langzähniges Gebiß fletscht. In der Nähe steht ein junger Akazienbaum. Dort hört man die Tiere quietschen, wie in Wut aufschreien, hinter dem Stamm hin und her huschen. In dem ungewissen Schein der Dämmerung, nicht mehr Nacht, noch nicht Tag, scheinen sie hinter dem Baum in unabsehbarer Menge, dicht aneinandergedrängt, sogar eins auf den Rücken des andern steigend, aus den Kellern der umliegenden Gebäude hervorzukommen, aus den nahen Parkanlagen herauszuschlüpfen. Aber jetzt werden sie unruhig. Sie verstummen. Sie halten alle still wie versteinert. Das große Männchen pfeift. Signal. Sie lauschen auf Schritte. Die Glocke im nahen Turm der roten Kirche hat ausgeholt. Die Schritte sind ganz nahe. Jetzt ertönt die Glocke. Schon beim ersten Schlag sind die Ratten verschwunden, als hätte sich die Erde unter ihnen aufgetan. Mit dem letzten Glockenschlage tritt hinter der Kirche ein hochgewachsener alter Mann hervor. Ich erschrecke, als ich seine leuchtenden blauen Augen gerade auf mich gerichtet sehe. Mein Vater! Er erschrickt nicht. Er erkennt mich nicht. Mein Vater – und mein einziges Gefühl ist Erschrecken?

Ist er es denn wirklich? Sein Mund und sein sehr betontes Kinn sind von einem kurzgehaltenen schütteren Barte umschattet, dessen Wurzeln schwarz und dessen Enden schon grau sind. Genau so habe ich meinen Vater in der Erinnerung. Aber wie hat er mich denn in seiner Erinnerung? Er geht an mir vorbei in der sehr aufrechten, fast nach rückwärts gebogenen Haltung eines hohen Beamten, der seine Untergebenen zum Vortrag in seinem Arbeitszimmer empfängt. Er kommt ihnen halb entgegen, dann bleibt er stehen, um ihnen nicht einen Platz zum Sitzen anbieten zu müssen, und stehend überfliegt er mit seinen leuchtend blauen Augen die Protokolle und anderen Papiere, die sie ihm vorlegen. Und ebenso ruhig bleibt er, wenn in irgendeinem Verfahren ein widerspenstiger Zeuge oder ein Angeklagter, der leugnet, vor ihm erscheinen. Er braucht keinen Schutz. Er wird sich, hoch und mächtig, wie er ist, vor seinen Tisch stellen, die Deckung des Möbels verachtend. Er weiß, daß er die Kraft hat, auch den gewalttätigsten Verbrecher mit seinem Blicke zu beherrschen. Er ist imstande, jeden Menschen zum Sprechen zu bringen, und dennoch macht er jedem das Geständnis schwer, nicht leicht.

Wie aber kommt dieser Mann zu so früher Stunde auf diesen Platz? Er trägt breite Bündel von Papieren unter dem linken Arm. Sie sehen aus wie Plakate, die man auf einem nahe gelegenen Kiosk anzuschlagen hat. Das kann unmöglich seine Absicht sein. Wenn ein Mann wie er über andere zu Gericht sitzen, ihnen folgenschwere Geständnisse abnötigen soll, dann wird er, der so auf seine Würde hält, es sicherlich unter dieser Würde finden, ein Plakat, einen Steckbrief oder dergleichen eigenhändig anzuschlagen. Plakat! Steckbrief! Dein eigener Vater! Traum ist dies, du guter Ich, reiner Traum. Du kannst es glauben! Ganz rein vielleicht doch nicht? Ein reiner Mensch träumt nicht von Bedürfnisanstalten, nicht von verfolgenden, rauhhaarigen Polizeihunden, nicht von braunroten Flecken auf seinem Anzug, nicht von einer flüchtenden schönen Frau, nicht von einem zarten, mitten in der Nacht auf der Straße ausgesetzten Kind, einer Waise, deren Eltern doch leben, nicht von Protokollen und Steckbriefen. Aber sehe ich nicht, was ich sehe? Ich sehe, wie er, der Vater, in seinen altmodischen nußbraunen Mantel aus rauhem Stoff gehüllt und dennoch fröstelnd, sich auf dem menschenleeren Platz umsieht, als schäme er sich schon seiner Anwesenheit hier. Aber ich bin nicht für ihn da. Er streift mich mit dem weiten Ärmel seines Überrocks, aber nicht mit seinem Blick! Das kenne ich, das erkenne ich wieder, zum erstenmal an dem heutigen Tage erkenne ich etwas unbedingt sicher wieder aus meinem früheren Leben: so und nicht anders wird sein Blick früher durch einen »ungeratenen Sohn« hindurchgegangen sein. Er hat ihm verziehen. Er hat ihm verzeihen müssen. Aber verziehen hat er ihm nie um seiner selbst willen, sondern um seiner ohnedies schon schwer geprüften Mutter wegen, oder um des Friedens seines Hauses willen, oder später um seiner, wie er sagt, schuldlosen Gattin willen, besonders aber um seines geliebten Enkelkindes willen, des kleinen, blonden Mädchens mit dem dreieckigen Gesichtchen, das ihm, dem Alten, ähnlich sehen soll, und in dem er sich mehr wiedererkennt als in seinem leiblichen Sohn. Niemals ist er ein Freund vieler Worte gewesen. Nie hat er an eine Änderung eines Charakters, nie an eine noch so geringe Besserung eines Herzens geglaubt. Was er nicht verstand, zum Beispiel das Studium der Sterne, das ich, sein erster Sohn, liebte, erschien ihm als nutzloser Unsinn. Die geistige Krankheit seines zweiten Sohnes, des früh verstorbenen, war ihm stets ein Gegenstand des nie verhehlten Abscheus. Und wenn er auch bei mir, seinem ersten Sohne, jedes Unglück, schon des Enkelkindes wegen, beklagt, so ist er doch im Herzensgrunde stolz darauf, denn es ist eine Bestätigung seiner Vorhersage. Ich will ihn nur sehen, wie er ist. Er ist kein harter Richter. Nur ein gerechter. Nie wird er gern durch empfindliche Eingriffe strafen, sondern am liebsten durch einen seiner eigentümlichen verneinenden Blicke. Wird man es glauben, daß dieser sein Blick, von dem ich sagte, daß er nicht erkennend, daß er vernichtend durch mich hindurchging, sich jetzt an dem unteren Rand meiner Beinkleider wie unabsichtlich fängt! So sieht doch er die braunroten Flecke, den unauslöschlichen Schmutz, den ich heute seit meinem Erwachen mit mir umhertrage. Und nie war es anders. Anders war es nie als jetzt, wo er auf alles nur sein tödlich überlegenes Lächeln hat! Unter seinem Barte bleibt es fast verborgen, und doch, seit ich lebe, habe ich niemals ein Lächeln, tiefer mit Verachtung getränkt, auf den Lippen eines Mannes gesehen. Aber meine Frau hatte es auch. Ich weiß es. Das weiß ich. Sind denn die Menschen alle so, daß sie einen Mann wie meinen Vater zur Verachtung des gesamten Menschengeschlechtes, den einzigen Sohn eingeschlossen, bewegen müssen, und ist es so, daß jeder Mensch in sich den Keim zu beidem trägt: zum Mörder und zum Gemordeten, diesen Keim in der einen, jenen in der anderen Seite seines innerlich entgegengesetzten Wesens?

Bei mir richtet er nicht. Entschieden hat er sich längst. Er lächelt und schweigt. Und ohne sich im geringsten durch mich ablenken zu lassen, ohne einen Blick auf die geschlossene Kirche mit den Birken, auf die silbrig schimmernden Fischkästen, auf den jungen Akazienbaum zu werfen, breitet er unter einer Bogenlampe die Plakate vor sich auf seinen Armen aus, als überlese und prüfe er, der zuverlässige Beamte, noch einmal sachlich ihren Inhalt. Dann nimmt er ein Plakat zwischen Daumen und Mittelfinger der rechten Hand und paßt es der Zylinderfläche des Kioskes an. Das Klebemittel, das er in einem kleinen Kübel getragen hat, verwendet er in sparsamster Weise, und die wenigen Luftblasen drückt er mit liebevoller Sorgfalt aus. Hat er immer soviel liebevolle Sorgfalt angewandt, seinen Sohn von seiner übermäßigen Leidenschaftlichkeit in der Arbeit und im Verkehr mit Menschen, von seiner Hemmungslosigkeit in Liebe und Haß, seinen Sohn von seiner Maßlosigkeit zu heilen, statt immer nur verbrecherisches Triebleben und moralischen Tiefstand darin zu sehen? Gestraft hat er oft, gebessert nie. Und so muß er auch diese Sache nicht richtig begonnen haben. Er hat eine größere Stelle des Steckbriefes bei seinem Streben nach möglichster Korrektheit verletzt. Jetzt hat er nicht den Mut, genau hinzusehen. Ein neues Blatt aufzukleben, tut ihm leid. Er wendet sich ab. Er blickt verlegen zu dem blühenden Akazienbaum empor, in dessen Ästen ein paar Vögel die ersten, zaghaft süßen Töne erklingen lassen und dabei die grauen weichen Köpfchen aus den grünen Zweigen dem milchigen, saphirfarbenen, nur zu ahnenden Morgenschimmer entgegenstrecken.

Muß es denn ein Steckbrief sein, was der alte Mann an der Plakatsäule angeheftet hat? Ich bin auf der Suche nach meiner Familie, nach meiner Gattin, nach meinem Kinde. Ich vermisse sie. Was ist natürlicher, als daß auch sie mich vermissen? Vielleicht ist dieses Plakat nur eine Botschaft an mich, wie man sie oft an den Litfaßsäulen sieht? Aber was ich da im Licht der Bogenlampe sehe, ist nicht der Kehre-zurück-Ruf der besorgten Angehörigen eines vermißten Mannes, der sich selbst verloren und seinen Namen vergessen hat, sondern es ist, wie ich es im ersten Augenblick gefürchtet habe, der Steckbrief nach einem Verbrecher, einem Mörder.

Der Mann soll 35 Jahre alt sein. 189 Zentimeter groß, breitschultrig bei verhältnismäßig schlanken Hüften, blasses, ovales Gesicht, tiefliegende blaugraue oder blaugrüne Augen, glatt rasiert, starkes dunkelblondes, nach rückwärts gekämmtes Haupthaar. Zähne gut, Hände gepflegt, aber oft etwas gerötet. Bekleidet ist der Mörder mit dunkelblauem Jackett und ebensolcher Weste, dunklem Beinkleid, dunkelgrüner, gemusterter Binde, weitem perlgrauen Paletot mit Fischgrätenmuster und weichem Hut. Es finden sich in kleinem Drucke noch viele Einzelheiten, woran man den Mann erkennen könnte. Aber zwei Dinge fehlen: vor allem der Name. Er stand an jener Stelle des Plakats, die der Alte bei seinen allzu eifrigen Bemühungen zerstört hat. Statt des Namens schimmert hier bloß das frühere Plakat durch, die blaßrosenrote Anzeige eines Theaters, Abendvorstellung von Sommernachtstraum, 27. August 1928. Auch von der Tat des Mörders sagt das Blatt nicht viel. Sie wird wohl blutig sein. Denn es ist ein blutiger Abdruck seiner Hand abgezeichnet, mit den Lebenslinien der Handfläche bis zu den daktyloskopischen Erkennungszeichen der Fingerspitzen.

Sicher ist, daß man einen Mann sucht, der mir etwas ähnlich sieht. Man verspricht, den reich zu belohnen, der ihn findet. Ich werde es nicht sein. Ich verstehe es nicht, daß man Mörder verfolgt. Man müßte den Mord verfolgen. Das kann man nicht, denn er ist vergangen, ist böse Erinnerung geworden, Rauch vor den Augen, Schatten seiner selbst. Also ist alles Fahnden und Strafen bloß Selbstbetrug. Denn man fängt im günstigsten Fall nur einen, der des Mordes längst überdrüssig geworden ist. Ich weiß, was es heißt, Schatten seiner selbst zu sein, sich vergessen zu haben, seiner Vergangenheit überdrüssig geworden zu sein. Wozu bietet man dem Verfolger Geld? Geschieht denn nicht schon viel zu viel des Geldes wegen? Fast alle Verbrechen sind Geldverbrechen, und die anderen Untaten sind keine richtigen Verbrechen. Die anderen Untaten heißen Mordenmüssen, und dieses Mordenmüssen ist eine schwere Krankheit, wahrscheinlich eine unheilbare. Was hat es für einen Sinn, den Kranken zu fangen und zu strafen, wenn man die Krankheit frei herumlaufen läßt bei diesem Mann und jener Frau, Tag und Nacht, bei offenen Türen, unter freiem Himmel und im geschlossenen Raum? So offen sind die Türen doch nie, daß man einander entfliehen könnte in seiner Liebe und in seinem Haß. Und kein Raum auf der Welt ist so geschlossen, daß man sich schützen könnte vor den unsichtbaren, den maßlosen, den im Dunkel brennenden, selbstzerstörenden Leidenschaften des eigenen Herzens. Aber mancher hat doch Einsicht. Viele haben Willenskraft, ich weiß es. Aber hat sich einmal einer durch Einsicht und Willenskraft doch gerettet, ist ein an Mord Kranker doch geheilt worden, ist solch ein Wahnsinniger dennoch (nach der Tat?) weise geworden, wie will man ihn dann noch finden? Wie wird man ihn erkennen? Er wird wie aus einem Traume aufgewacht sein und keinerlei Spuren mehr an sich tragen.

Unter den Fahndungsplakaten war eine Theateranzeige, ein anderer Zettel, ich sagte es schon, von zartestem Rosa, er trug das Programm: Sommernachtstraum. Sommer? Ist das noch jetzt? Helena? Königin der Elfen? Titania oder Hermia? Sie spielen alle mit dem Ich, verkleiden sich in ein anderes Ich, tanzen unter immergrünen Bäumen, in warmer Nacht, in schönen Wäldern, und hinter haarigen Eselsmasken verbergen sie keusch ihr echtes, reinstes Gefühl. So gibt es doch Reines auf dieser Erde? Helena, du Schönste aller Schönen, du schmiegst dich zitternd auf das Purpurlager einer Braut ...

Ich sehe meine Frau immer im Brautschmuck vor mir, schöne, weiße, feurige Steine an ihren auffallend langen feinen Händen. Ich sehe ihr Brautkleid mit langen Ärmeln aus Tüll, am Halse hochgeschlossen. Ihr weißer Hals war so zart, ihre Arme so schlank, dünn wie bei einem Kind. Sie schämte sich ihrer. Ich liebte das Hochzeitskleid mehr als alle ihre Kleider. Sie schonte es nicht, und endlich warf sie es zerknüllt fort, bot es dem Dienstmädchen an. Ich sehe ihr Gesicht vor mir, ihre eher schmalen als sinnlichen Lippen, die dennoch ein zauberhaftes Lächeln umspielen kann. Sonderbar erscheint dieses, nur durch einen unmerklichen Zug der Lippen bewirkte Lächeln in dem blassen Gesicht, das sich dann ganz langsam, aber unaufhaltsam rötet. Oft schließt sie dann die Augen, als fürchte sie, der eisige Ausdruck der großen grauen Augen könne dieses Lächeln Lügen strafen ... Aber wer sollte lügen ... und wer sollte Lügen strafen ... strafen? ... zu viel Erinnerung! Zu viel! Andere Erinnerungen, andere Gestalten, nur nicht diese.

Ich erinnere mich an etwas ganz Alltägliches, völlig Gleichgültiges, zum Beispiel an die Frauen in den Wäschereien, denen ich auf dem Weg zur Schule als dreizehnjähriger Junge oft zusah. Sie hatten dasselbe wollüstige Lächeln wie später meine Frau, wenn sie die zarten, spiralig unter dem Plätteisen sich windenden, wie aus Licht gepreßten Spitzen von Damenwäsche auf dem feuchten, knisternden Brette plätteten. Den kräftigen inhaltsreichen Duft der Holzkohle, wie ihn solche Plättarbeiterinnen damals noch verwandten, habe ich immer noch geliebt, als das Geschäft längst von der Straße verschwunden war. Auch daheim im Hause meiner lieben Mutter wurden die Tischtücher aus Damastleinen mit solchen Plätteisen geplättet. In meinem Haushalte dann nicht mehr. Noch sehe ich, wie in der dämmrigen Küche meines Vaterhauses das junge üppige Dienstmädchen das mit glimmender Kohle gefüllte Gerät durch Hin- und Herschwingen zu immer hellerem Glühen entfacht. Meine so selten frohe und doch im Herzen heitere Mutter steht entzückt dabei, Funken fliegen ihr ins Haar, sie weicht zurück, sie kommt wieder, der Vater ruft, und sie geht schnell fort, wendet sich aber noch einmal um und lächelt, spitzbübisch wie eine Fünfzehnjährige, dem Dienstmädchen zu, das, hochrot in seinem Arbeitseifer, durch immer stärkeres Schwingen ihres Eisens antwortet, als wäre es eine Fahne. Auch ich sehe ganz gebannt zu.

Im Herrenzimmer diktiert der Vater meiner Mutter eintönige Protokolle von Verhandlungen. Er kann von dieser Tätigkeit nicht genug bekommen. Freunde hat er nicht. Sport betreibt er nicht, die Erziehung der Kinder hält er für Aufgabe der Frau, nur deren Bestrafung für seine eigene schwere Pflicht. Den jüngeren Sohn hat er damals auf ein Jahr in eine Pension in Befers in der Schweiz geschickt, da »er der ewigen, menschenunwürdigen Bestrafungen müde war«. Er!

Jetzt ist er bei der Arbeit, obwohl eben erst aus dem Büro zurück. Und was tut er da? Hat er meiner Mutter nicht wirkliche, notwendige Aufzeichnungen zu diktieren, so erfindet er Verhandlungen, denkt sich Anklagen, Tatbestände und Verteidigungen aus, besinnt sich auf besondere juristische Standpunkte. Dabei rollt er fast stets einen scharf gespitzten, grünlackierten Bleistift zwischen den Zähnen und hat bereits eine tiefe Rille hineingenagt. Er will mir manchmal beibringen, wie man Bleistifte zu spitzen habe. Er hält die Spitze von sich ab, ich halte sie auf mich zu.

Es ist sonderbar, je länger und je friedlicher dem Augenschein nach die beiden Eltern zusammenleben, desto größer die Angst meiner Mutter vor dem Vater und zugleich ihr Bestreben, es ihm niemals zu zeigen. Deshalb hatte ich mir als junger Mensch geschworen, nie sollte eine Frau, die ich liebe, Angst vor mir haben. Habe ich in der letzten Nacht diesen Schwur gebrochen? Ich blicke hinunter an meinen Beinkleidern. Aber ich will nicht wissen, ob die Flecke noch haften und was für Flecke es sind. Wäre nur kein Blut geflossen! Blut fließt ja nicht so leicht. Immer hatte mein Vater seinen scharf gespitzten Stift im Munde, der damals noch von seinem blonden Bart umgeben war. Auf einen halben Millimeter kam er dem weichen, vollen, wenn auch schon etwas fahlen Gesichtchen meiner Mutter nahe, und doch ritzte er es niemals auch nur wie mit einer Nagelspitze. Er unterhält sich halblaut mit ihr, aber sie unterhält sich niemals mit ihm. Er stellt Fragen an sie, die sie nur kraft ihres »natürlichen Rechtsempfindens« beantworten könnte. Aber lange bevor sie die richtigen Ausdrücke findet, hat er schon die scharf vollendete, wahrhaft schön geformte Antwort ausgesprochen. Sie schreibt die Worte aufmerksam nach. Unter ihren altelfenbeinfarbenen, etwas sommersprossigen, so sehr früh gealterten Händen sammeln sich die Foliobogen immer höher. Bisweilen ist der Vater unzufrieden mit ihr, er findet die Schriftzüge nicht deutlich genug. Auf Klarheit legt er den größten Wert und meint, ein Menschenleben könne davon abhängen. Wieso das, wenn es sich doch meist nur um Proben, um erfundene, unwirkliche Voraussetzungen handelt? Aber ihm ist es ernst. Er nimmt, immer stehend, ihre rechte Hand, welche die Feder hält, in seine linke. Während er sich vergeblich bemüht, sein geringschätziges Lächeln zu unterdrücken, beugt er sich von rückwärts über die Stuhllehne, sieht ihr über die Schulter und kitzelt mit seinem Bart ihren bloßen Nacken. Sie sieht mit ihrem jetzt ganz kindlich gewordenen Gesichtchen auf, und plötzlich lacht es kichernd aus ihr. Sie will ihre Hand aus der seinen losmachen. Aber er hat etwas anderes vor, er will mit ihrer Hand seine eigenhändigen Buchstaben auf den Bogen malen, als Muster und Exempel. Er will ihr beweisen, daß er selbst mit seiner linken Hand besser schreiben könne als sie mit der rechten. Da muß die Feder auf dem glatten Papier ausgleiten. Ein großes Stück einer höchst wichtigen, enggeschriebenen Partie streicht sie mit einem einzigen dicken Striche durch, und dabei ist es diesmal kein erfundenes, sondern ein echtes Protokoll. Und doch ist der Anblick zu komisch. Das plötzliche Schweigen aller nach dem lauten eigenmächtigen Kratzen der Feder ist zwerchfellerschütternd. Ich kann mich, wie so oft, nicht beherrschen und lache laut auf. Aber er, der Vater, hat sich in der Gewalt. Er richtet sich allmählich wieder auf, sagt nichts, lächelt diesmal auch nicht und beginnt, ohne seine Stimme zu heben, die Seite von neuem. Nur mich winkt er (eine Strafe für meine Mutter, die mich möglichst viel bei sich in ihrer Nähe haben wollte) gebieterisch aus dem Räume, und ich verschwinde, das Knarren meiner neuen Schuhe möglichst unterdrückend. Aber während ich an dem Stuhle meiner Mutter vorüberkomme, sinkt ihre volle, weiche, warme Hand mit den vielen Sommersprossen am Handrücken wie zufällig von den Papierlagen auf meinen Kopf, den ich ihr, um diese Berührung deutlicher zu fühlen, und vielleicht auch, um noch größer zu erscheinen, als ich bin (mein ewiger Wunsch), höher entgegenrecke. Meinem Vater sind Zärtlichkeiten verhaßt, und mir – in einer Seite meines Wesens – auch. Er hat zu wenig Herz, meine Mutter zuviel. »Sie kocht sogar mit dem Herzen«, spottete er einmal. Ihm erscheinen Zärtlichkeiten, sei es, daß sie gegeben, sei es, daß sie angenommen würden, als eines Mannes unwürdig. Habe ich deshalb später so sehr danach gehungert und mich gleichzeitig so tief davor gescheut? Aber solche Augenblicke wie dieser sind selten. Auch wenn ich mit meiner Mutter allein bin, kommen wir nicht dazu, zärtlich und gefühlsselig zu werden, und zwar vor lauter Scherzen und Lachen, besonders in dieser Zeit, wo der jüngere Bruder, das Sorgenkind, fort ist ... Jetzt muß ich gehen, sie muß bleiben. Mein Vater streift mich mit einem Blick seiner leuchtend blauen Augen, er sieht durch mich hindurch. Meine Mutter aber sieht mich wirklich, obgleich sie die Augen ihres körperlichen Ich nicht von dem Schreibpapier läßt. Ich kehre, statt in mein Zimmer, in die Küche zurück, ein Lehrbuch der alten Geschichte in der Hand, aus welchem Gegenstand mich mein Vater vor dem Schlafengehen überhören will. Die Kohle knistert noch in dem Plätteisen, das das Dienstmädchen auf einem Eisenrost beiseitegestellt hat. Es riecht etwas sengerig. Es ist Winter, der Schnee fällt.

Es brennt der Hausbrand im Küchenofen, dem aus blauen Kacheln gemauerten, dem zur Winterszeit immer warmen. Wie vertraut muß mir das sein! In der halbdunklen großen Küche gibt es viele Verstecke für Kinder, Geheimnisse für den, der ich einmal war, zugemauerte Türen, hinter denen Mäuse knabbern, obwohl man nicht weiß, wie sie dorthin gekommen sein können. Die Küchenuhr tickt. Bald wird sie röchelnd ausholen zum Schlage. Ich hocke mich auf den Boden, mein Buch auf den emporgerafften Knien ausgebreitet, und lerne Geschichte. Aber zwischen die Geschichtstabellen habe ich ein aus dem geographischen Atlas herausgerissenes Blatt gelegt, eine Sternkarte des südlichen Sternhimmels enthaltend. Nun blicke ich, während das Buch zwischen meinen gelösten Knien zur Erde gleitet, zu der angerußten Decke der Küche empor, wo die Küchenlampe in goldartigem Scheine leuchtet. Jetzt stelle ich mir, dem die Phantasie oder die Erinnerung gerne gehorcht, die Lage und Konfiguration der wichtigsten Sternbilder vor. Mein Vater darf von dieser Beschäftigung nichts wissen, mir ist sie die liebste. Ich bin müde, bin im Einschlafen. Ich möchte mich in der Höhlung des Ofens verkriechen, zusammenrollen, den Kragen meines Hausrockes als Kissen unterbreiten. Bei altmodischen Öfen, wie dem unseren, gibt es eine Höhlung unter den Bratröhren. Sie dient dazu, das frische Brennholz auszutrocknen, feuertüchtig zu machen. Da kann man sich klein machen, kleiner, als man ist, verkriechen, mit dem ganzen, langen Körper sich an warme Wände schmiegen. Man wird mich bald aus meinem Verstecke holen. Wird meinen Namen ausrufen. Meine Mutter spricht ihn manchmal anders aus als gewöhnlich, sie betont eine andere Silbe. Hat er zwei, drei Silben? Ich weiß es nicht mehr ... wie kann das sein? Mein Vater wird nicht anwesend sein, wenn ich erwache. Er bleibt im Herrenzimmer, raucht seine Zigarre, seine Arbeit genau überlesend und korrigierend, bevor er sie (das mühselige Werk meiner Mutter) in den Ofen steckt und verbrennt. Aber das tut er nur mit den künstlichen Verhandlungen, den »Proben«.

In der Küche hat das dicke, zapplige Mädchen den Schlüssel zur Speisekammer verlegt. Das Rufen nach dem Schlüssel stört mich in meinem Schlaf. Glaubt man, ich hätte den Schlüssel versteckt? Das tue ich nie. Aber das Dienstmädchen greift mir in meine Taschen. Meine Mutter lacht über mein schlaftrunkenes Wesen, dabei sucht sie in den Winkeln der geräumigen Küche nach dem Schlüssel, zündet sogar eine Kerze an, um unter alten Schränken und Truhen aus schwarzem Holz, die wir noch ererbt haben und von denen mein Vater sich nie trennen will, nach dem Schlüssel zu suchen. Ich blicke ihr ganz entgeistert zu. Am sonderbarsten ist es, wenn das Mädchen mir beim Suchen in die innere linke Brusttasche greift, mein jäh schlagendes Herz von außen berührt ... Ihre Augen funkeln dabei mit einem kalten Glanz, während sich ihre Lippen häßlich nach außen wölben. Die Mutter steht plötzlich neben uns, sie verweist dem Mädchen sein Beginnen. Sie befiehlt ihm, das Brot aus der Ofenröhre zu ziehen. Mein Vater aß kein »Bäckerbrot«, es mußte im Hause gebacken werden, und zwar einmal in der Woche, stets Donnerstag. Der Laib ist fast so groß wie ein neugeborenes Kind, und wie ein Kind liegt er auch in einem Körbchen. Das frischgebackene, aus ziemlich dunklem Mehle bereitete Brot haucht einen unbeschreiblichen Duft aus. Die Ofenröhre ist offen geblieben. Sie befand sich über meinem Verstecke. Über mir war Feuer, aber ich merkte nur die schöne, wohltuende Wärme. Vor dem Feuer hatte ich seit frühester Kindheit krankhafte Angst, aber ebenso zog es mich oft unwiderstehlich zu ihm: Davon erzählte ich nicht einmal meiner Mutter ein Wort.

Das üppige Mädchen zeigt stolz der Mutter das Brot, die Mutter zeigt ihr und mir, der sich inzwischen erhoben hat, ihre mit violetter Tinte befleckten Finger. Auf dem Herde sind die Speisen zum Abendbrot fertig geworden, man schüttet das kochende Wasser in den Teekessel. Auch der Tee hat seinen Duft. Die heiße Rinde des Brotes springt unter feinem Knistern, aber es ist ein anderes Knistern als das der glühenden Holzkohle, die Holzkohle summt, das Brot spricht – aber so empfindet es nur ein verspieltes Kind.

Laßt mich bei diesen Erinnerungen verweilen! Sind sie vielleicht auch leer, so sind sie doch rein. Ferne auf dem weiten viereckigen Platze scheint mein Vater, der graue hochgewachsene Mann, zu geistern. Mich läßt er allein. Wir geistern alle. Jedes Wort, jede Frage ist hinausgegeistert. Jede Antwort ist hereingegeistert. Außer dem Geiste gibt es kein Leben. Die Sonne ist über dem Platze hier noch nicht aufgegangen, es ist zwischen Nacht und Tagesbeginn. Die Zeit vergeht nicht wie an anderen Tagen. Sollte es Traumzeit sein?

Das Kind erinnert sich noch älterer Zeiten. Es erinnert sich eines Tages, als es sich an einem sehr kalten Frühjahrsmorgen an die Knie der Mutter geschmiegt hat. Warum so früh? Das weiß ich nicht, aber noch fühle ich ihre in dem weichen Fleisch eingebettete, wie ein geschältes Ei glatte Kniescheibe und diese wiederum in die dunkelrote Seide des nach damaliger Mode reichgerafften Rockes eingehüllt. Es rinnen Tränen aus den Augen des Kindes Ich. Ist es vor meinem ersten Gang zur Schule? Oder erwartete ich Strafe? Oder hatte der Bruder etwas auf dem Gewissen? Er war schon als Kleines sehr sonderbar. Aber er ist nicht in dieser Erinnerung, ich bin allein mit meiner Mutter. Erwartete ich Güte und Verzeihung? Strafe ist es nicht. Denn wie könnten sich sonst die Hände meiner Mutter mit so festem Druck um meinen kleinen Kopf schließen, wie könnte die Mutter mir in unhörbar leisem Tone meinen Namen ins Ohr flüstern, als wäre er ein Geheimnis zwischen uns beiden, und wie könnte sie dann meinen im Dunkel ihres Seidenrockes verborgenen Kopf mit einer so liebevollen und kraftvollen Bewegung ans Licht ziehen? Sie war immer für Licht, für lustiges Verhalten; über Gefühlsausbrüche lachte sie, und doch lag in ihrem perlenden, kichernden Lachen aller Trost für mich als Kind mit meinen kleinen Sorgen.

Es muß viel seither vergangen sein. Noch hat sich die halbe Dämmerung nicht gehoben. Das zage Zwitschern der Vögel in dem Akazienbaum ist wieder verstummt. Die Zweige aber bewegen sich wiegend in der milchigen Luft unter ihrer leichten Last. Von meinem Vater ist keine Spur. Nur ein Plakatblatt liegt am Fuße der Säule. Lautlos wie er gekommen ist, ist er auch wieder gegangen. Ich bin eben erst aus der schmutzigen Anstalt geflohen. Ich habe mit eigenen Augen den alten Mann gesehen, wie er das Plakat, den Steckbrief, an die Säule geheftet hat. Aber er sah mich nicht. Meine Mutter lebt nicht mehr.

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