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Die Feuerprobe

Ernst Weiß: Die Feuerprobe - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
authorErnst Weiß
titleDie Feuerprobe
publisherSuhrkamp Verlag
year1982
firstpub1929
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.net
created20140531
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Zweites Kapitel

Eine solche Einsamkeit habe noch kein Mensch erlebt, sagte ich. Aber vielleicht bin ich nicht der einzige, dem ein solches Schicksal der Verlassenheit widerfahren ist.

Der Wind weht mir von dem Platze her, wo tagsüber die Blumenzelte und Obstbuden gestanden haben mögen, den Rest einer Zeitung zu. Ich kann den Inhalt eines einzelnen Bogens noch gut lesen. Draußen ist noch tiefe Dämmerung, aber in der Anstalt brennt elektrisches Licht. Das Blatt hat sich infolge der Nachtfeuchtigkeit etwas geworfen, ich streiche es glatt zwischen den Flächen meiner etwas geröteten Hände. Es enthält eine Tagesnotiz. »Gestern«, sagt die Notiz, »ist ein etwa dreijähriges Kind, das ohne Begleitung umherirrte, auf der Straße aufgegriffen worden.« Welch ein Wort, dieses »aufgegriffen«. Wer schreibt dies? Ist es vielleicht der Protokollführer eines Kriminalgerichts, ein Mensch, der blutige Überfälle, Betrügereien, Brandstiftungen, Morde gewohnt ist und solche zu protokollieren weiß, aber nicht die Erlebnisse und Erleidnisse eines unschuldigen Kindes? Oder ist es ein Menschenfreund, am Vormundschaftsgerichte ehrenamtlich tätig, ein älterer, kränklicher Mann, selbst ehelos und kinderlos und doch der leidenschaftlichste und gütigste Freund der Kinder? Oder ist es ein Offizier der Heilsarmee, männlich oder weiblich, einer von denen, die aus dem unterschiedslosen Helfen einen militärisch organisierten Dienst gemacht haben? Oder ist es der Finder dieses Kindes in eigener Person? Sei es, wer es sei. Niemand sollte so herzensroh sein, daß er ein dreijähriges Kind mit rauhen Händen aufgriffe. Ich weiß nichts von diesem Kinde. Auch wenn es mein eigenes wäre, auch dann wüßte ich nichts, denn mit meiner eigenen Vergangenheit ist mir auch die der Meinen verlorengegangen.

Der Ort, wo man das Kind gefunden hat, könnte ein freier Platz sein, wie dieser hier, ein ödes Stück Asphalt inmitten der Riesenstadt Berlin, aber ebensogut auch einer der vielen, fast grenzenlosen Straßenzüge, doppelt grenzenlos in Anbetracht der Kleinheit und Dürftigkeit eines hilflosen dreijährigen Kindes. Die Häuser in solchen Straßen tragen oft dreistellige Hausnummern, die aber das Kind ebensowenig lesen kann wie seinen eigenen Namen, und sähe es diesen auch vor sich.

Ich sehe dieses Kind vor mir, wenn ich die Augen schließe. Jetzt hält es sich kaum noch auf seinen fleischlosen, abgezehrten Beinchen aufrecht. Es zieht sein Röckchen sich über die Knie hinab, als friere es. Auffinden? Gut! Es ist gut, gefunden zu werden. Aufgreifen? Vielleicht ist doch dieses energische Aufgreifen noch besser, so roh es klingt, vielleicht doch das Richtige. Denn das Kind will fliehen. Es hat zwar jetzt um seinen kleinen, sehr gelösten Mund einen Ausdruck von großem Ernst, aber in Wirklichkeit ist es nicht sehr besonnen und klug, denn es will fliehen, als wäre es nicht schon ohnehin von aller Welt verlassen. Man muß es greifen, man muß es richtig fassen, um seiner sicher zu sein, mit einem energischen Griff, den es spürt. Nun beginnt es zu weinen. Darauf will man nicht achten. Man will das Kind vor allem beruhigen. Man bindet ihm daher die Schuhbändchen zusammen, die sich beim Laufen aufgelöst haben. Dabei preßt einer der Helfer das kleine, dreieckige Gesichtchen des Kindes mit dem winzigen Naschen und dem etwas betonteren Kinn an sich.

Das Kind mußte viel gelaufen sein, es mußte fliehend aller Welt und allen Großen, jedem Vater, jeder Mutter, jedem Menschen mißtraut haben. Oder ist es nicht vor Menschen geflohen, sondern vor einem Naturereignis, einer von oben gewollten Katastrophe, einem Brande, den ich noch immer in der Luft spüre, auch wenn man nichts von ihm sieht? Auch die Gürtelschnalle aus honigfarbenem Horn hat sich dem Kinde bei der heftigen Atmung der Flucht gelockert. Nun zieht man sie fester an. Die Flucht ist zu Ende. Man muß das Kind mit einem klaren und ganz selbstverständlichen Lächeln sicher machen, damit es sagen kann, wer es ist, wo es wohnt.

Das Kind fliegt an seinem ganzen schmächtigen Körperchen, sei es von den Anstrengungen des Laufes, sei es aus innerer Erregung. Nirgends ein Schutzmann. Es ist früh am Morgen. Plötzlich umstehen das keuchende Kind zahlreiche Menschen, meist Angestellte der nahen Reichsdruckerei, unter denen besonders ein großer Mann mit weiter, blauer Arbeitsschürze hervorsticht. Noch hat sich das Kind nicht gefaßt, obwohl es schon Minuten stillsteht, es blickt ratlos zum Himmel empor, einem blaßblauen Augusthimmel, es sieht sich in der Gegend um, einer öden, gottverlassenen Gegend der Weltstadt Berlin, in einem elenden, aber dichtbevölkerten Quartier. Vielleicht ist es die Gegend der Alten Jakobstraße, eines stundenlangen Straßenzuges ohne elektrische Straßenbahn und fast ohne Autoverkehr, wenigstens so früh am Morgen. Erst später kommen die Fuhrwerke von der großen Markthalle zurück, die in der Nähe liegt. Das Kind weint jetzt nicht mehr. Es ist zu sehr entkräftet. Es steht aufrecht da mit der ganzen Tapferkeit der ganz Unmündigen. Es hat kein Hütchen oder Mützchen auf, man sieht sein helles, sehr weiches Haar, welches das Köpfchen reich wie ein Tierhaupt umstreichelt. Die Leute sind im ersten Augenblick verstummt vor Staunen. Zu so ungewohnter Stunde in der menschenleeren, dämmrigen Straße ein drei- bis vierjähriges Kind aufzufinden, überrascht sie sehr. Das Kind, mit dem Erdboden wie ein Häufchen Elend verwachsen, betrachtet sie aufmerksam, während es den Blick von unten nach oben richtet. Endlich beginnt einer zu fragen, aber er bringt nur etwas von »Amsterdam« in Erfahrung. Also wird wohl das kleine Mädchen aus Amsterdam in Holland stammen, oder es heißt Amsterdam. Möglicherweise hat es aber auch das Wort Amsterdam von seinen Angehörigen als letztes gehört und hat dieses Wort statt des unersetzlichen Namens behalten. Denn ein anderes Wort hat es noch nicht über die Lippen gebracht. Die anderen wollen es besser machen und fragen geradezu: »Wie heißt du?« Ein zweiter: »Wo ist dein Vater? Wo wohnt er?« Das Kind hält Weinen wieder für das Beste. Winzig inmitten der ratlosen Männer, sieht es, ebenso ratlos, an ihren hohen Beinen empor und versucht dann mit einer listigen Bewegung, ja, mit einer Andeutung eines spitzbübischen Lächelns ihnen wieder zu entkommen, vielleicht vom Boden aufzufliegen wie ein Federchen im Wind oder ihnen zu entfliehen wie ein Traum. Weiß es nicht, daß es endlich jetzt und vielleicht zum erstenmal jetzt in guten Händen ist? Es sind große rote Hände, die der Mann in der blauen Arbeitsschürze besitzt. Vielleicht hält das Kind diese Schürze für einen Frauenrock. Zu diesem Mann hätte es wohl am ehesten Vertrauen. Denn fast könnte es scheinen, als kehre das Kind freiwillig von seiner aussichtslosen Flucht zurück, so leicht läßt es sich von diesem Manne wieder einfangen, der es einfach mit seinen langen Armen an dem Gürtelchen erwischt, ohne sich von der Stelle zu rühren. Blitzschnell hat sich dieser vergebliche Fluchtversuch vollzogen. Jetzt folgen die Fragen der Männer einander mit solcher Schnelle, daß kaum ein Erwachsener Zeit fände, sie zu beantworten, geschweige denn ein verschüchtertes, vielleicht ausgehungertes, gegen Fremde sicherlich sehr scheues Kind. »Sag schnell, wer du bist!« »Wie heißt sie denn?« »Kleines, leg doch los! Keine Angst! Wir meinen es gut, nicht?« »Bist doch mit deiner Mutti gekommen?« »Wem wird sie wohl gehören? Hier aus der Gegend vielleicht? Kenne keine Seele da!« »Amsterdam? Amsterdam ist weit. Amsterdamer Straße gibt es nicht. Jedenfalls nicht im Zentrum.« »Familie Amsterdam, vielleicht im Telephonbuch? Im Adreßbuch sicher.« Und als das Kind, schweigsam in dem Redeschwall, mit seinen großen graugrünen Augen aufblickt, sagt der Mann in blauer Schürze mit etwas veränderter Stimme, auf welche das Kind sofort hinhorcht, während es das Köpfchen, wie es alte Leute tun, etwas auf die Schulter neigt: »Kind, hast du schon etwas gegessen?« Das Kind antwortet auch auf diese Frage nicht, aber schnell ist etwas Leben in das blasse und kühle dreieckige Gesichtchen des Kindes gekommen, sobald es das kleine Eßpaketchen sieht. Das Kind möchte lachen oder etwas sagen, schließt aber die Lippen, tut keines von beidem, sondern schmiegt nur sein dichtbewachsenes, reich mit blondem Haar umlocktes Köpfchen noch einmal an die Knie des Mannes, es hebt sein Händchen nach dem Brot, wartet aber dann doch bescheiden. Die andern setzen ihre Fragen und Bemerkungen fort: »Man muß das Kind zur nächsten Revierwache bringen!« »Was für eine Hundsgemeinheit, solch kleines Kind ohne Schutz auf die Straße zu lassen!« »Wo mag es nur umhergeirrt sein? Ist mir doch so, als hätte ich es schon gestern gegen Abend gesehen in Haushöfe hineingehen!« »In Kohlenkeller auch.« »Bodenlose Infamie!« ... »Es kommt aber doch öfter vor.« »Ja, aber daß es solche Menschen gibt! Eigentlich Menschen sind das gar nicht. Hat sie denn keine Mutter?« »Ich dachte erst, sie bettelt und die Mutter wartet nebenbei.« »Ja, in diesen Zeiten versäuft mancher Mann alles. Am Morgen nach dem Lohntag sieht man ihn liegen, Gott weiß wo. Die Kinder aber läßt man hungern, in Lumpen umhergehen, betteln und vagabundieren.« »Gekleidet ist es ja soweit ganz nett.« »So einem Wurm schenkt jeder gern eine Kleinigkeit. Ich sage nicht nein.« »Sehr niedlich, aber ein kleiner Idiot. Taubstumm. Aber jetzt los! Wir müssen wieder an die Arbeit!« »Ich gehe heim. Die Mutter wird sicherlich irgendwo in der Nähe lauern.« »Jetzt, paßt alle auf, Kinder, bekomme ich heraus, wie die Kleine heißt: also Mädi, wie ist es nun, hör mal genau zu! Klara, Martha, Maria, Lene, Hedwig, Lissy, Käte, Grete, Gaby, Erna, Charly ist jetzt auch in der Mode ...« »Ach Unsinn! Ist das unsere Sache?«

Inzwischen hat der Mann in blauer Schürze dem Kinde etwas zu essen gegeben, ein mit feingeschnittenem Speck belegtes halbes Brötchen. Das Kind lacht und ißt. Die meisten Männer haben sich wieder entfernt, bloß zwei Leute aus der Druckerei, zu denen sich ein stiller, weil vom Nachtdienst übermüdeter Polizist gesellt hat, sind geblieben.

Die Kleine scheint, nachdem der Hunger gestillt ist, rosiger und voller geworden. Sie streift mit dem Handrücken sich über die Lippen, und mit dieser Bewegung ist sie verschönt zum Nichtwiedererkennen. Sie beginnt jetzt ungefragt zu reden. Das Stimmchen ist merkwürdig tief für das Alter, dabei aber voll und weich. Je länger und lebhafter das Kind spricht und lacht, desto unverständlicher wird den drei Menschen der Sinn der Worte. Es ist weder englisch noch französisch, eher ein wenig bekannter deutscher Dialekt. Voll von Anklängen vertrauter Art und ohne ein einziges genau erkennbares Wort. Besitzt dieses Kind den für sein Alter normalen Sprachschatz und verwendet es ihn nur nicht? Oder gebraucht es lieber in diesem wichtigen Augenblick eine selbsterfundene Sprache, wie es Kinder manchmal im Spiel tun? Jedenfalls hat das Kind nun alles gesagt, es nickt zur Bestätigung mit dem blonden Köpfchen und lächelt jetzt, zwar müde, aber in voller Zuversicht. Es vermißt jetzt weder Vater noch Mutter, noch das gewohnte Haus und sein Bettchen. Nur nach Ruhe sehnt es sich. Es hat nicht nur seinen Namen, sondern wahrscheinlich auch alle Schrecknisse der letzten Nacht vergessen. Das heißt viel. Es ist offenbar schon seit gestern abend von zu Hause fort, es hat sich vor fremden Menschen, vor fremden Häusern und sogar vor Kohlenkellern nicht gescheut. Sogar ein gesundes, kräftiges Kind kann man an der Hand seines Vaters oder seiner Mutter nur schwer dazu bewegen, in ein düsteres Kellergewölbe hinabzusteigen, da muß es für ein so zartes, scheues Kind des größten Mutes bedurft haben, wenn es sich, wie die Augenzeugen berichten, in einen Kohlenkeller hinabgewagt hat. Oder es ist in den Keller getrieben worden durch Angst vor irgendeiner Gewalttat, durch das Schaudern vor einem gewalttätigen Familienzwist, durch den ersten Funken eines Brandes, der möglicherweise durch Unvorsichtigkeit der Eltern ausgebrochen ist? Und haben die Eltern das Kind allein gelassen? Jedes andere Kind hätte sich, nach dem Vater und der Mutter schreiend, vor den Kellereingang in die Mitte der dämmrigen, schlüpfrigen, nächtlichen Straße gesetzt, mit seinen von Tränen nassen Händchen unaufhörlich die Augen reibend, wie es kleine Kinder oft tun. Und nach dem vergeblichen Rufen hätte es, immer noch mechanisch weinend, die Augen geschlossen, trotz seiner Angst, und hätte sich endlich wie ein kleiner graubrauner Igel mitten auf dem Straßendamm oder an der Bordschwelle zusammengerollt. So hätte es jedem Automobil (ganz frei von Automobilverkehr ist auch nachts keine Straße im Mittelpunkt der Stadt Berlin) zum Opfer fallen müssen, denn wer wollte spätabends oder nachts in der schlecht beleuchteten Alten Jakobstraße ein Kind noch rechtzeitig erblicken, wenn es, wie ein graues Häufchen Unglück mit dem Erdboden verwachsen, verlassen dahockt? Keine Mutter wird, solange noch ein Atom Leben in ihr ist, ihr Kind einer solchen Gefahr aussetzen. Jede Mutter würde ihrem Kinde überallhin gefolgt sein, kann doch das Kleine weite Entfernungen auch auf der unsinnigsten und blindesten Flucht nicht erreichen. Muß man daraus schließen, daß die Mutter des im übrigen gepflegten, wenn auch durch die nächtliche Wanderung schmutzig gewordenen Kindes tot ist, vielleicht ermordet durch Messerstiche ihres Mannes, dem sie Anlaß zur Eifersucht gegeben hat? Soll man glauben, daß der Vater, der bis dahin eifrig für das Kind gesorgt hat, jetzt auf der Flucht in der Stadt umherirrt, die ersten Morgenzeitungen erwartend, in denen schon seine Tat geschildert und das Todesschicksal seiner Frau beschrieben ist, die er vielleicht zwar schwer verwundet, aber doch noch lebend verlassen zu haben glaubt? Das Kind könnte wohl etwas von diesen Ereignissen berichten, aber es schweigt. Nun spricht es weder in der allgemein verständlichen noch in seiner selbsterfundenen Sprache ein Wort. Es zeigt sich auf seinem Gesichtchen eine Art Zufriedenheit. Von Zeit zu Zeit fährt es sich mit dem winzigen Handrücken über die Lippen, sich wie ein Kätzchen putzend, dann aber bohrt es sich auch mit beiden Fäustchen in die Augengruben, ein Zeichen, daß es müde und erschöpft ist. Man muß das Kind hindern, und der Mann in blauer Schürze erfaßt die beiden Händchen und öffnet sie zerstreut, als hoffe er, in ihrem Innern einen Zettel mit allem Wissenswerten zu finden. Sie sind außen und innen schmutzig, von Kohlenstaub (oder doch von den Spuren eines Brandes?) befleckt. Aber darüber nachzudenken hat er jetzt keine Zeit. Er ist mit dem Kinde allein geblieben. Am längsten hat der Polizist ausgeharrt, aber zum Schluß hat auch er das verlorene Kind dem Manne überlassen. Das Kind blickt zu diesem auf, als kenne es ihn seit langem. Der Mann zieht sich jetzt die blaue Schürze aus, unter welcher er glücklicherweise sein Jackett trägt. Das Kind hilft ihm, die etwas verknotete Schnalle der Schürze zu lösen. Der Mann, durch die zarte Berührung der winzigen Hand im Rücken sonderbar erschüttert, beugt sein sehr großes, blasses Gesicht zu dem Kinde hinab. Er hat weiche, weite Lippen, er will mit dem Kinde sprechen, besinnt sich aber, daß er sich ihm doch nicht verständlich machen könne. Er führt das Mädchen nun die Alte Jakobstraße entlang, wobei der Unterarm des Mädchens in seiner riesigen, etwas geröteten Hand fast verschwindet. Beinahe trägt er jetzt das namenlose Kind, da das arme Wesen seine Mattigkeit nun erst zu empfinden scheint und die mageren Beinchen schleifend über den Asphalt nachschleppt.

Unfern der Reichsdruckerei befindet sich in der Alten Jakobstraße ein Waisenhaus der Heilsarmee für Knaben und Mädchen. Dort wird sicherlich Platz für das Kind sein, wenigstens in der ersten Zeit. Vielleicht kann er später in seiner eigenen Behausung für das Kind Raum schaffen. Am liebsten trüge er es sofort heim wie ein Vögelchen in einem neu gekauften Bauer.

Er kommt zu dem hohen, grauen, in der Morgendämmerung gewaltig erscheinenden Bau des Waisenhauses und drückt auf die Klingel, während der müde, kleine, von feinen zarten Haaren reich umflaumte Kopf sich warm an seine Kniescheibe preßt. Noch während des kurzen Zeitraumes, der vom Schrillen der Klingel angefangen bis zu den ersten Schritten der Pförtnerin verstreicht, überlegt er, ob es nicht doch möglich zu machen wäre, das Kind sofort bei sich zu Hause unterzubringen. Wäre das Kind wenigstens der Sprache mächtig! Wüßte man nur zuverlässig, wer es ist, woher es kommt!

Aber schon öffnet die Türhüterin. Es ist eine ältere Frau mit hellblauem Holländerhäubchen. Sie trägt ein gestreiftes Kattunkleid, über welches sie der Kühle wegen ein rotkariertes braunes Wolltuch geschlagen hat. Aus den Falten und Fransen schimmert am Halse ein großes vernickeltes Kreuz hervor. Der Mann berichtet in leisem Tone, als fürchte er, Schlafende aufzuwecken, worum es sich handelt. Die Türhüterin nickt, sie ist nicht überrascht, sie tut, als kämen täglich Menschen in der Morgendämmerung, die an einer Hand ein in den Straßen aufgegriffenes Kind führen, in der anderen Hand eine zusammengerollte blaue Arbeitsschürze tragen. Sie geleitet den Mann durch einen kühlen Korridor, der nach Lysol und Glyzerinseife riecht. An den Wänden sind Bibelsprüche aufgezeichnet, die er im Vorbeigehen liest. Die Nachtlichter brennen noch in ihren mattrot gefärbten Glashüllen. Die Türhüterin verlöscht im Vorbeigehen eines nach dem anderen, so daß vor den drei Menschen noch ein kaum absehbarer Teil des Korridors von den roten Lichtern erhellt ist, hinter ihnen aber bloß die fahle Morgendämmerung auf dem Schieferpflaster liegt. Eine Treppe führt hinab zu großen Kellerräumen, die für Gebetsversammlungen umgebaut sind. Eine breite Treppe geht aufwärts. Sie hat zahlreiche, aber offenbar den Kindern angepaßte, sehr niedrige Treppenstufen, aber selbst diese machen dem ermatteten Kind große Schwierigkeiten. Immer wieder preßt es mit einer krampfhaften Bewegung den Handrücken gegen das winzige Naschen. Lange bleibt es still, bis es endlich gequält zu husten beginnt. Die Schwester hört das Husten nicht gern und winkt ärgerlich. Der Mann will sich mechanisch eine Zigarette anzünden. Kaum aber hat das Kind den winzigen Schein des Streichhölzchens gesehen, als es laut aufschreit und in rasender Eile, seine kleinen Beinchen schwingend, entflieht, den ganzen dämmrigen Korridor entlang ... Endlich holt der Mann es ein, redet ihm gut zu. Dies wirkt. Zur Sicherheit nimmt der Mann das Kind auf seinen linken Arm, es besonders vorsichtig auf seine ausgebreitete Schürze bettend. Die kleine, warme Last macht ihm Freude, entzückt ihn. Er flüstert dem Kinde beruhigende Kosenamen zu, welche dieses mit einem Lächeln erwidert, so zart wie seine Haare. Die Schwester Türhüterin sieht die beiden staunend an, schweigt aber und hüllt sich nur dichter in ihr schottisches Tuch.

Einer von den vielen numerierten Schlafsälen wird vorsichtig geöffnet. Der Mann tritt leise auf, die Schwester nicht, denn sie weiß, daß die Kinder hier schwer aufwachen. Der Atem der Kinder rauscht endlos, eintönig, endlos ziehend. In einem entfernteren Räume hört man ein Kind husten. Auch hier kein Ende des Hustens, der sich immer wieder erneuert, bis ein herzzerreißendes Stöhnen und Würgen den Hustenanfall abschließt.

Hier in dem »gesunden Saal«, wie ihn die Schwester nennt, stehen an fünfzig Bettchen nebeneinander in zwei dichtgedrängten Reihen. Er ist überfüllt. »Es leben zu viele Waisen hier«, meint die Schwester. »Da merkt man erst das Elend der letzten Jahre.« Weil nichts frei ist, könnte sie das neue Kind für den Rest der Schlafenszeit zu einem andern ins Bett legen, vorausgesetzt, daß es ungezieferfrei und nicht ansteckend krank sei.

Die Luft hier in dem Raum, der notdürftig durch eine milchweiße Nachtlampe in der Ecke links erhellt ist, riecht nach Kamillentee, nach Milch und vielleicht ganz zart auch nach Nelken. Neben der Nachtlampe könnten Nelken auf dem Tische der Nachtwache haltenden Schwester stehen, aber da liegt bloß eine Bibel, die aufgeschlagenen Seiten nach unten, auf die unpolierte Tischplatte gebreitet ... Die Augen des Kindes schwanken zwischen Staunen und Müdigkeit. Bisher hat es alles gesehen und erlebt, als wäre es selbstverständlich. Jetzt aber ist seine Überraschung unverkennbar. Hat das arme Wesen etwas anderes erwartet? Die Tür geht. Es erscheint eine große alte Frau in Schwesterntracht. Das Kind erschrickt. Dachte es, seine Mutter träte ein, glaubte es, man bringe es den Seinen zurück? Vielleicht nie mehr.

Die Oberschwester, von der Nachtwache mit dem Titel »Frau Oberst« angesprochen, ist eine hohe, hagere, weißhaarige, gesunde Frau um die Sechzig. Sie besieht das auf den Boden gestellte Waisenkind still vom Kopf bis zum Fuß, fühlt ihm den Puls, betastet seine Stirn, die Haare dabei nach rückwärts ordentlich mit den Fingern zurückkämmend. »Sieht nach Fieber aus. Hat aber keins«, sagt sie. Sodann will sie das Kind sofort füttern lassen. Vor der großen Milchschale verzieht das Kind das Gesicht. Es weint. Gerührt durch die Güte? Beim Empfang des Speckbrötchens hat es eher gelacht. Warum ist es jetzt traurig? Ist es gewohnt, nur von der Hand seiner Mutter seine Mahlzeiten zu erhalten, und wird es jetzt an sie erinnert? Man weiß es nicht. Die Tränen fallen auch in den Silberlöffel. Es ist ein großer, durch langen Gebrauch dünn gewordener, aber echt silberner Suppenlöffel, der Privatlöffel der Nachtschwester, mit welchem dem Kinde die Nahrung gegeben wird. Schon schläft das Kleine, nach den völlig aufgelösten Zügen des Gesichtchens zu schließen. Aber es schluckt weiter. Um seine Augen zeigen sich jetzt bläuliche Ringe. Nebenan in den Betten wirft sich das eine oder andere Kind unruhig auf die Seite, deckt sich strampelnd immer mehr und mehr auf. Das pfirsichfarbene oder elfenbeinerne Fleisch der Kinder erglänzt im Lichte der Nachtlampe. Die Nachtschwester deckt die Kinder wieder zu. Die Oberschwester, in soldatischer Haltung auf einem Stuhle sitzend, hält das neue Kind auf ihrem Schoße und flößt ihm jetzt den letzten Löffel Milch ein. Dann trägt sie es in den kleinen Nebenraum, zieht ihm Kleidchen, Strümpfchen und Hemdchen beinahe mit nur einem einzigen Griffe aus, wie ihn nur die langjährige Übung eingibt. Die winzigen bestaubten Schuhe hat die Nachtschwester schon vorher abgenommen, hat sie abseits gestellt, die kleinen Absätze prüfend, ob sie schief gelaufen seien. Man setzt das Kind in eines der vielen, blau emaillierten, übereinander eingeschachtelten Badewännchen, das man vorher mit warmem Wasser gefüllt hat. Die Oberschwester überprüft die Temperatur und stützt dann schweigend den mageren, elfenbeinfarbenen Körper zwischen den Schulterblättern. So hält sie mit ihrer abgearbeiteten Greisinnenhand das Kind im Wasser fest, während sie ihm mit der andern Hand mittels eines engen Staubkammes das dichte, seidenweiche, aschblonde Haar durchkämmt. Die Haare sind, wie erwartet, frei von Ungeziefer. Die auffallend schmalen Füßchen sind etwas gerötet. Die Zehen selbst, so bezaubernd sie in ihrer Ebenmäßigkeit nebeneinanderliegen, sind von Kohlenstäubchen verunreinigt. Ein großes, abgeschliffenes Stück Seife bringt bald Abhilfe. Die Oberschwester seufzt. Das Kind erschrickt sonderbarerweise bei diesem Laut und schlägt seine großen, graugrünen Augen auf ohne ein Wort. Nun hebt man es unter den Armen heraus und trocknet es mit einem gewärmten Frottierhandtuch sorgfältig und doch energisch ab, kleidet es in ein langes Nachthemd. Die Hilfsschwester, die Nachtdienst gehalten hat, nimmt es jetzt auf den Arm und geht mit ihm die Reihe der Bettchen durch. Flüsternd einigt sie sich mit der Frau Oberst, das neue Kind einem andern, das in der rechten Ecke sein Bettchen hat und das man als gutmütig kennt, unter die Steppdecke zu legen. Dieses schreckt auf, als es den neuen Nachbar neben sich merkt. Seine kohlschwarz blinkenden Augen hat es weit geöffnet, aber mit der Seele scheint es noch nichts begriffen zu haben und noch zwischen dieser und der andern Welt zu schwanken. Vielleicht hat es tief geträumt. Aber jetzt hat es begriffen. Es ist auch nicht das erste Mal. Es legt sich zurück, drückt sich erst in die Ecke an der Wand, dann aber schmiegt es sich mit der ganzen, scheu aufglühenden Zärtlichkeit eines jungen Tieres dem neuen Kind entgegen.

Inzwischen hat man ein Buch, in blaues Papier geheftet, hineingebracht. Der Mann, der das Kind aufgegriffen hat, soll die nötigen Angaben für das gesetzlich vorgeschriebene Protokoll machen. Er will es. Er rollt seine blaue Schürze zusammen, als wolle er sie nie wieder brauchen, nachdem sie das schlafende Kind getragen hat. Aber man läßt ihn zu keinem Nachdenken kommen. Die Nachtschwester, von der Frau Oberst oft verbessert, legt ihm das System der Anstalt dar, sie spricht von den Besuchstagen und den Verpflegungszuschlägen. Er antwortet nicht. Sie, die sehr schöne, mandelförmige, blendend weiße Zähne hat, das einzig Schöne an dem häßlichen und trotz seiner Jugend verblühten Geschöpf, fragt unter einem scheuen Blick auf die Frau Oberst den Mann, ob man wohl noch auf Eltern und Angehörige rechnen könne. Da alle schweigen, wird angenommen, daß man bei diesem Kind auf Eltern und Angehörige nicht rechnen könne. Aber man könnte, wenn der Mann es wünscht, das Kind noch einmal fragen. Vielleicht wird es jetzt doch seinen Namen nennen? Der Mann verneint mit stummem Schütteln des Kopfes, die Frau Oberst läßt eines ihrer sparsamen Worte fallen: »Wozu es noch mehr ermüden!« Für den Fall jedoch, daß die Eltern des Kindes dieses vermissen – »man muß doch an Menschen glauben, um Christi willen«, sagt die Nachtschwester –, wird man den Text einer Anzeige in allen großen Berliner Tageszeitungen veröffentlichen, und die Frau Oberst diktiert: »Gestern ist ein etwa dreijähriges Kind, das ohne Begleitung umherirrte, auf der Straße aufgegriffen worden.« »Aber es wird sich niemand darauf melden, nehmen Sie Gift darauf«, sagt die Frau Oberst in ihrem rauhen Ton. Der Finder solle, setzt sie weiter fort, das Kind jetzt hier in der Anstalt lassen und es dann möglichst regelmäßig besuchen. Das Kind wird sich an ihn sicherlich gewöhnen. Der Kostenbeitrag oder Verpflegungszuschuß wird nicht sehr hoch sein. »Waisenkinder sind meist arme Kinder«, sagt sie mit einem Gesichtsausdruck, als dächte sie an ganz anderes. Offenbar hatte sie diese Bemerkung schon oft gemacht. Die Heilsarmee kann die Kosten für die vielen Kinder nicht allein bestreiten. Die städtischen Kassen tragen auch einen Teil bei. Die Haupteinnahmen bringen der Heilsarmee die Musikanten, die Musikkapellen der Armee, die mit Pauken- und Trompetenschall auf freien Plätzen musizieren und dann Gaben einsammeln, und dann die Einzelsammlungen durch Brüder und Schwestern von Mensch zu Mensch. »Aber alles«, sagt sie und weist mit einer umfassenden Handbewegung auf die vielen Kinderbetten und auf die anderen Säle, die auf den Korridor münden –, »alles ist zu wenig.«

Der Finder sieht das Kind an, dann erklärt er sich bereit, die Kosten auf ein Jahr zu übernehmen. Eine Frau habe er nicht – »nicht mehr«, fügt er tonlos hinzu. Die erste Rate kann er sofort erlegen, er zieht einen Schein aus der Brieftasche. Seine Schürze hat er inzwischen auf das Fußende eines Bettes gelegt. Den Schein streicht er zwischen den Handflächen glatt, eine automatische Gewohnheitsbewegung, denn der Schein, fast funkelnagelneu, hat dies nicht nötig, und auch in zerknittertem Zustande würde ihn Frau Oberst entgegennehmen.

Das Kind ist bewegungslos in seinem Bettchen hingestreckt. Seine Händchen hat es auf seiner Brust gekreuzt, wo sich ihm das allzu große Hemd des Waisenhauses in viele Längsfalten gelegt hat. Seine Hände berühren das Nachbarkind nicht. Die Zunge umstreichelt die Lippen, die in den Winkeln noch von Milch weiß sind. Die gewohnte Bewegung mit dem Handrücken unterläßt es, wohl weil es zu müde ist. Die kleine, sandgraue, etwas struppige Bettdecke liegt jetzt quer über den beiden Kindern, sie läßt die Füßchen des neuen Kindes frei, während das andere die Knie an den Leib gezogen hat und wieder tief zu schlafen scheint. Man sieht einen der kleinen, aber langen Füße des neues Kindes, Sohle an Sohle an den anderen gepreßt, als bete das kleine Mädchen mit den Füßen statt mit den Händchen. Das Kind hat bis jetzt nicht gebetet. Man hat ihm nichts vorgesprochen. Es kommt dem Mann sonderbar vor, daß wenig Religiöses zu sehen und zu hören ist, aber der Frau Oberst war die Müdigkeit des Kindes wichtiger als ein bloßes mechanisches Nachtgebet.

Dabei will das neue Kind nicht schlafen. Es strengt sich offensichtlich an, nicht in Schlaf zu verfallen, solange der große Mann an seinem Bettrande steht. Es hat die Augen weit offen, es betrachtet den Geldschein mit einem Ausdruck von Hunger. Weiß es um den Wert des Geldes? Ein dreijähriges Kind? Jetzt langt es mit dem linken Händchen nach der schönen, glatten, bläulichgrünen Banknote. Bevor es sie aber anfaßt, besinnt es sich. So ist es doch klüger, als man glaubt? Nun schüttelt es, zum erstenmal wieder spitzbübisch lächelnd, die etwas feucht gewordenen aschblonden Haare auf dem Kissen, wobei es sich mit den mageren Schultern ein wenig hochhebt. Aber sobald es wieder zurücksinkt, ist es mit seiner Kraft vorbei. Die Augen fallen ihm zu. Der Finder muß gehen, der zweite Vater. Er beugt sich zu dem Kinde nieder (hat er nie ein eigenes besessen?), er erwartet einen Kuß von diesen schönen, schmalen, dunkelroten, in den Winkeln milchgetränkten Lippen. Aber das Kind küßt nicht. Es flüstert nur dem großen Mann mit seinem singenden, tiefen, unvergeßbaren Tone zu: »Amsterdam! Amsterdam!«

In der Direktionskanzlei setzt sich die Hilfsschwester an die Maschine, da das Büropersonal zu so früher Stunde nicht da ist, es wird ein Protokoll auf der Schreibmaschine in einigen Durchschlägen hergestellt, eines muß zur Polizei, eines zum Gericht, eins zur Heilsarmeezentrale, eins zum Wohlfahrtsamt, eins zum Standesamt, eins zum Jugendamt der Stadt Berlin. Alle unterschreiben. Der Mann will gehen. Mit einem energischen Heben ihres scharfen, etwas behaarten Kinns fordert dann die Frau Oberst den Finder des Kindes auf, noch zu bleiben: »Und Sie haben keine Ahnung, wie es wirklich heißt?« Er zuckt die Achseln, alle schweigen. Dann aber wird als vorläufiger Name des Kindes von dem nun sehr glücklichen und sehr ruhig gewordenen Manne der Name Amsterdam vorgeschlagen und von den anderen angenommen. Das Kind bekommt auch eine Nummer. Dies aber, wie die Frau Oberst tröstend bemerkt, nur zur Administration, »für unser Haus«, zum Einzeichnen in Wäsche und Kittelchen. Auch die Seifenschale, der Behälter für Zahnbürstchen, auch alles andere persönliche Eigentum des Kindes wird so numeriert. Der Mann ist 35 Jahre alt. So bleibt denn 35. Und der Vorname? Da eine Georgine auf dem Tische steht, strahlend mitten in dem nüchternen, sonst nur durch ein Kruzifix geschmückten Räume, schlägt die Frau Oberst den Namen Georgine vor.

Die Sonne ist draußen in der Alten Jakobstraße strahlend aufgegangen. Man denkt an eine orangefarbene, eine feuerfarbene, üppig gefüllte, brennend leuchtende Herbstblume, Frühherbstblume: Georgine.

Der ganze Name, alles: Georgine Amsterdam 35.

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