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Die Feuerprobe

Ernst Weiß: Die Feuerprobe - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
authorErnst Weiß
titleDie Feuerprobe
publisherSuhrkamp Verlag
year1982
firstpub1929
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.net
created20140531
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Zwölftes Kapitel

Lautet so das Gesetz? Stand das in den Sternen geschrieben? In den friedensvollen Himmelskörpern, die ich eine Minute vor meiner Tat betrachtet habe?

Am Abhang des hügeligen Geländes, wo ich mich heute morgen aufgehalten habe – ... niemals erwachte reiner und in zarterer Seligkeit das Bild eines nach dem Innenraum des Himmels ziehenden, tiefblauen Sternes in dem Innern eines Menschen ... –, da brennt es in buntgefärbten Feuern. Unten brennt es, auf dem Boden unserer Erde, dort oben aber, in dem Innern des Himmelsgewölbes, jenseits von Tod und Leben, da leuchtet es groß und ruhig.

Grauenhaft ist diese unsere Welt verworren. Einen Augenblick sich selbst vergessen, einige Tropfen Blut – und das Leben von fünfzehn unschuldigen Wesen und das Leben einer heldenhaften Schwester soll daran gehangen haben? Aber wenn sie hier unten schon eines grauenhaften Todes gestorben sind, wird sie oben ein seliger Frieden empfangen? Wir müssen uns an die Friedensseligkeit des Weltalls halten, daran müssen wir glauben, sonst hätten wir die Hölle hier unten, aber die Hölle ohne Jüngstes Gericht, das heißt ohne gerechtes Gericht. Dann wären unsere Schmerzen hier unten nur ein Leiden ohne Recht und Gerechtigkeit. Wir würden vernichtet, einerlei, ob zur Strafe oder zur Belohnung. Das erträgt kein Mensch, der denken kann. Nichts ohne die Gerechtigkeit! Sagt das nur der Sohn meines Vaters, des zwar nicht harten, aber immer gerechten Richters? Lieber Verbrechen als Verwirrung! Lieber die qualvollste Strafe als ein Leben ohne Sinn.

Schauerlich ist es, wie hier unten das Feuer lacht, als hätten wir noch nicht genug zu leiden, grauenvoll, wie die Flamme hier unten auf unserer schmutzigen Erde mit ihrer Zunge schnalzt, als wollte sie auch die kritischen, verstandesstarken Menschen, die gläubigsten Optimisten genauso wie die kältesten Zweifler zum Schaudern zwingen, als müßten alle zittern, welche Angst und Schrecken noch nicht gekannt haben bis zu dieser unvergeßbaren Nacht, August 1928. Über uns muß Rettung sein, sonst ist sie nirgends auf der Welt. Wer könnte mit einem menschlichen Herzen in seinem Innern das Schicksal dieser sechzehn Menschen in sich aufnehmen und weiterleben, wie er es bis jetzt getan hat? Es ist doch sein eigenes Leben, er hat es doch nicht bloß in der Zeitung gelesen. Der Mensch kann ohne Hoffnung nicht leben. Er muß zu den Sternen aufblicken können, den punktierten Handlinien der Welt, aus diesen Schicksalslinien muß er lesen können, an ihnen muß er sich erbauen können, der Mensch in seiner Niedrigkeit, in seiner unmeßbaren Kleinheit, mit seinem schwachen Verstände, mit seinen starken bösen Trieben. Aber ist denn oben Hoffnung? Wenn die Sterne leuchten sollen, müssen sie brennen. Nicht anders als wir. Nicht heller, nicht trüber. Brand ist Brand. Sie sind nicht in Frieden, in ungeheuren Kämpfen stürzen sie gegeneinander, oder sie weichen einander in schweigendem Haß aus, wie es meine Frau mit mir getan hat. Sind sie einander nahe, gehen sie hemmungslos, in unvorstellbar glühenden Vereinigungen einer im andern auf, und aus der unvorstellbaren Glut entstehen neue Welten. Nur zu neuem Untergang. Frieden? Von ihresgleichen sind sie entweder gemieden wie ich von meiner Frau, oder in gemeinsamem Feuer verbrennen sie. Sie stoßen ineinander, Feuer in Feuer und Vernichtung in Vernichtung. Haben sie vorher sich in wohlgeordneten Bahnen durch Äonen, Jahrmillionen bewegt, so müssen sie einander nur ein einziges Mal begegnen, um sich aus der Bahn zu werfen. Leben sie, so leben sie nur im Feuer. Es wallt, das Feuer, es frißt, es springt hoch und zuckt zurück. Frieden? Wenn die Sterne sterben, dann zerfallen sie in gestaltlosen, modernden Feuerschlamm. Sie werden nirgends begraben. Sie sind in Stücke zerfallen, sie sind formloser Schmutz geworden, schmieriger Abfall auf den Märkten, faulige Frucht, ersetzbare, unbrauchbare Masse. Sie versuchen vergebens die alte Vereinigung, ihr früheres, einst so fest und auf Jahrmilliarden gegründetes Haus. Wir leben nur nicht lange genug, um ihren Untergang zu beobachten. Was sie uns zeigen, ist nur Lüge. Ihre Dauer ist keine Dauer, ihr Gesetz ist kein Gesetz, ihre Ruhe ist keine Ruhe, ihr Frieden ist kein Frieden. Namenlos sind sie wie ich. Unbekannt wie ich. Obdachlos wie ich. Trotz aller Kämpfe einsam. Entweder sinnlose, umhergeschleuderte Materie oder ein genauso elendes Schicksal wie das meine. Denn haben sie einen Sinn, dann sind sie mit ihrem Aufgang und ihrem Untergange übermächtigen Gewalten Untertan, welche sie nicht sehen, von denen sie nicht erkannt werden. Haben sie ein Schicksal? Sind sie bloß Stoff und Hülle? Wenn sie ein Schicksal haben, sind sie zu ihrem Schicksal verurteilt, aber nicht mit Recht.

Kein Sinn ist in ihrem Leben und keine Berechtigung in ihrem Untergang. Ihre Liebe ist Zufall, wie es die meine war, Stimmung, Laune, Ungefähr. Sie bleiben in Jahrmillionen ohne echte Gnade und ohne echte Freude, sie ziehen dahin, Trümmer ihrer Größe, Gespenster ihrer Vergangenheit. Über ihnen ist kein Oben, unter ihnen ist kein Unten, sie müssen sich selbst genug sein, wie meine Frau sich genug war. Sie werden gehetzt von der Grenzenlosigkeit des realen, körperlichen Daseins in die Grenzenlosigkeit des himmlischen Daseins. Sie selbst sind der Himmel, ihr Wort ist das letzte Wort, und weiter gibt es nichts mehr.

Die Oberfläche der Gestirne, ihre äußere Hülle, ist Feuer, und ihr Inneres, ihre Seele, ist Feuer. Aber was soll dieses Feuer, was will ihr Brand? Wozu die Wüsten und Dünen; die Seen und Gebirge, Halden und Vulkane, Flüsse und Meere, ihre Kontinente und Inseln, alle aus Feuer bestehend und von Flammen begrenzt? Wozu ihre auf Feuerwiesen wachsenden Feuerblumen, Georginen und Akazien, ihre im Feuer sausenden Wälder, ihre auf Feuerfittichen sich wiegenden Vögel, ihre in Feuerfellen jagenden Tiere, ihre in Feuerleibern lebenden Feuerseelen oben auf den himmlischen Kontinenten? Sind es Seelen wie meine Seele, ist es Materie, seelenloser, gefühlloser, bloß physikalischen Gesetzen gehorchender Stoff? Die Sterne sind nicht still. Wir hören sie nur nicht. Sie sind durch maßlose Leere, durch absolutes Nichts von uns getrennt, wir verstehen sie nicht, wie ich meine Frau nicht verstand, sie schweigen, wie ein Toter neben einem Lebenden schweigt. Aber in ihrer Welt, da tobt es und rast es, sie haben ihr eigenes Singen und Heulen, ihr Krachen und Jauchzen, ihr Donnern und Säuseln, dieses von Menschenohren nie auch nur zu ahnende Getöse der brennenden Sterne, die alle mit Feuerzungen reden. Sie haben ihren Namen, das heißt, wir nennen sie mit dem Namen Saturn und Orion, Jupiter und Wega, aber wie nennen sie uns? Wir beten zu ihnen. Sehen sie herab auf uns? Soll ihre ungeheure Existenz vergeblich sein, vollkommen wirkungslos und mir, dem winzigen, unmeßbar kleinen, irrenden Manne, nicht den leisesten Trost geben in seiner schweren Feuerschuld und Blutschuld? Wozu dann der ungemessene Raum, wozu das Äußerste? Wozu ihr unendlich langes Leben, wenn doch ein unerbittlicher Tod es beendet? Die Astronomen kennen im Himmelsraume dunkle Stellen, deren Existenz sie sich nur dadurch erklären können, daß Massen von toten Gestirnen dort kreisen, die nicht einmal den kalten, silbernen Gefrierglanz des Mondes oder einer gebrochenen Augenhornhaut haben. Aber selbst die ungeheure Kraft der Sterne erreicht uns nicht. Was ist uns ihr Feuerleben und ihr Feuertod? Was soll uns ihr unbeschreiblicher Tumult? Er stört uns nicht. Was soll ihre lautlose Stille, die lügt, was ihr edles Maß, das lügt?

Ist keine Wahrheit, kein Bewähren, kein Halt in ihnen, kein Wort für uns, kein Gesetz in ihnen, kein ruhigstehender, immer gültiger männlicher Himmel über der wandelbaren schwachen weiblichen Erde? Können wir nicht zu ihnen aufsehen, wie unzählbare Geschlechter irrender Menschen auf den Knien liegend aufgesehen haben zu ihnen? Ach! Man lasse mich klagen, wenn ich auch den letzten Trost ratloser Menschen verlieren muß. Ich weiß es, es ist alles vergebens, alles ist Trug, das schöne Wandeln der Doppelsterne nebeneinander wie Gatte und Gattin, ihr störungsloses Kreisen auf vorausgesehener Bahn bis ans Ende aller ihrer Tage, ihr Heben und Senken, ihr Atmen und Ausruhen, wie man es im ewigen Wechsel der Lichtstärke ihrer unveränderbaren Spektrallinien ahnt ...

Was soll mir dieser winzige Brand im Zentrum Berlins Ende August 1928 gegen den ewigen Brand der Kosmoskontinente? Die tiefsten Grundgesetze menschlichen Daseins versagen. Christus ist nicht ewig dagegen. Diese Welt beherrscht er nicht. Die Welt des Christus ist nur ein schöner Traum gegen diese rauhe kosmische Wirklichkeit.

Ich höre hinter meinem Rücken Stimmen, die von ihm flüstern, von Christus, der das Gesetz zwar nicht gefunden, aber erfüllt habe. Erfüllt habe nicht durch eine Tat, die das Böse ungeschehen machte, sondern durch viele große Leiden. Sie rufen nach ihm. Er wird nicht erscheinen zu diesem Mord und diesem Brand in sternheller Nacht, der letzten Nacht. Wo es Kosmos gibt, erscheint er nie. Wo man nach dem wirklich lösenden Gesetz fragt, schweigt er und leidet. Für uns? Nein, mit uns! Wo bleibt das Gesetz? Wo ruht das Gesetz?

So muß ich sehen, was fast allen Lebenden des Jahres 1928 unsichtbar ist. Ich muß erkennen, was auch der kühnste Lebenstraum nicht schildern kann, weil es nur im Angsttraum zu erleben ist. Aber ich will keine Angst mehr kennen. Und kenne ich sie auch, so will ich mich ihr nicht fügen. Was andere fürchten, die Auflösung, ist mir Lösung. Nicht tatenlos sehe ich der Katastrophe zu. Übermächtige Gewalt – übermächtige Güte – übermächtiger Hohn – in diese Welt hat man mich hineingestellt. Wenn ich sie bestehe, rette ich mehr als mich allein. Ich weiß, was geschieht, ich weiß, worum es geht. Ohne Einsatz seines vergänglichen Lebens rettet niemand auch nur ein blindes, nacktes, drei Tage altes Rattenjunges aus dem ungeheuren Brand. Ich weiß, nicht um das vergängliche Leben, nicht um solche Tiere oder Menschen geht es, sondern um ein tieferes Bewähren, ein anderes Retten. Wohl. Wenn es von oben so gewollt ist, aus dem Grunde meiner Seele werde ich hier und jetzt das Müssen aufnehmen. Nicht um die Scheidung von Wirklichkeit und Traum geht es, nicht um die Scheidung von Körper und Seele, nicht um die Scheidewand zwischen Schein und Sein. Es gibt nur Wirklichkeit. Alle Wirklichkeit ist im Geiste, aller Geist ist Wirklichkeit. Es gibt keine andere für uns Menschen, weder für die Männer noch die Frauen, weder für die Unternehmer noch die Arbeiter, weder für die Leidenschaftlichen noch die Herzenskalten, weder für die Weisen noch für die Törichten, weder für die Gemeinen noch die Edlen. Die flüchtigste Erscheinung ist genauso Wirklichkeit wie der Schreibstift, den einer in seiner rechten Hand hält.

Wir sind vom Ende nicht mehr weit. Kommt das Ende, wird es klar. Was immer aus mir wird, unser Schicksal, mein Schicksal wird in Klarheit seinen Gang nehmen. Ich werde wissen, was im Gesetz steht, wenn es sich bis zum Ende an mir erfüllt hat. Klarheit ist gut über alles hinaus. Meine Klarheit ist besser als meine Schuldlosigkeit. Klarheit muß eins der wenigen, in Chiffren abgefaßten Worte des großen Lebensgesetzes sein. Wir haben dieses Gesetz selbst zu schreiben mit unserem Blute und auszusprechen mit unserem Mund. Ein beispielhaftes Leben hat jeder für sich zu führen. Hat einer wie ich keinen Namen, muß einer nachts mit einem so schweren Schuldbewußtsein, mit so viel Blut an den Händen erwachen, muß er so viel unschuldige Jugend, fünfzehn unmündige Kinder, so viel Schönheit wie seine geliebte Gattin Ruth durch seine Schuld vernichtet sehen, muß einer leben, schuldig und schmutzig werden wie ich, dann wäre tatenlose Verzweiflung zu leicht, dann wäre bloßes Leiden zu bequem.

Vor meinen Augen hier brennt das Feuer. Es brennt bis zu den Sternen. Die stärkste Überzeugungskraft geht von diesen ewig wechselnden, gestalt- und namenlosen Flammen aus, die nur leben. Man kann an ihnen nicht zweifeln. Es war geträumt, wenn ich einmal im Beginn dieses Berichts sagte: »Alles ist Zweifel, und Zweifel bin ich«, jetzt zweifelt niemand mehr. Die Feuerwehrmannschaften stehen im Kreise, ihre Vorgesetzten vor ihnen. So saßen die Geschworenen im Geschworenengerichte, wo ich einmal Beisitzer war, und die Richter saßen vor ihnen. Die Leute haben denselben Ausdruck in ihren bärtigen Gesichtern, wie ihn die Leute im Strafgericht hatten. Ich betrachte sie. Ich lasse mein Auge nicht von ihnen. Vielleicht ist dies der letzte Anblick von meinesgleichen. Der Mensch tröstet sich nur am menschlichen Herzen. Nicht an Gold, nicht am Erfolg, nicht am Fleisch. Einem Menschen in der unmeßbaren Weite des flammenden Weltalls nahe zu sein, das ist unsere tröstliche Bestimmung.

Weiter geht es nicht. Die äußersten Grenzen menschlichen Vorstellungsvermögens habe ich erreicht. Einen Schritt weiter, und mit meinem Ich ist es auf immer vorüber, es kann jetzt nur zugrunde gehen wie ein armseliges Klümpchen Fleisch in einem unmeßbaren Brand. Aber mit diesem Tode, er mag so schmerzhaft sein wie ein Kreuzestod, werde ich nichts ändern. Ich muß zurück, wenn ich etwas ändern will, und ich will es ändern, will meine Tat ungeschehen machen. Ich will nicht, der tiefste Grund meines Herzens will nicht, daß das geschehen soll, was geschehen ist. Jene Tat soll nie und nimmer geschehen sein, die den armen Waisenkindern, der mutigen Hilfsschwester mit dem Namen meiner Frau – und vor allem, zuerst und zuletzt, meiner Frau das Leben gekostet hat. Mag sie getan haben, was sie getan hat. Richten darf der einzelne, strafen darf nur die Gemeinschaft. Zur Strafe sind mir meine Hände, die großen, geröteten, nicht gegeben. Ich will nicht weiter dem flammenden Kosmos nutzlos und tatenlos in die Augen sehen, ich will unter meinesgleichen leben und mit meinesgleichen in Eintracht und Arbeit den Rest des Lebens verbringen. Einem Menschen in der unmeßbaren Weite des flammenden Weltalls nahe zu sein, das ist unsere tröstlichste Bestimmung. Ich selbst werde meinen Mord verfolgen. Ich sagte: »Das kann man nicht, er ist vergangen, er ist böse Erinnerung geworden.« Sind das nicht meine Worte? So soll er nicht vergangen sein, wenn übermenschliche Willenskraft etwas vermag. »Viele haben Willenskraft«, sagte ich, ich weiß es. »Aber hat sich einmal einer durch Einsicht und Willenskraft doch gerettet, ist ein Mordkranker geheilt worden, ist solch ein Wahnsinniger dennoch weise geworden, wie will man ihn dann noch finden? Wie wird man ihn erkennen? Er wird wie aus einem Traume aufgewacht sein und keinerlei Spuren mehr an sich tragen.« Nun will ich aus dem Traume aufwachen. Nein. Andere sollen nicht den Mörder in mir finden. Ich will keinerlei Spuren mehr an mir tragen. Ich will meine Hand ins Feuer legen. Auf die Probe bin ich gestellt, an mir muß es liegen, ob ich sie bestehe oder nicht. Sonst wäre es keine Probe. Unwiderruflich kann sie nicht sein. Nachts ist es geschehen. Ich weiß, wie die Sterne standen eine Minute vor der Tat. Ich weiß, wie die Sterne stehen jetzt, im Augenblick der Probe.

Ich bin neben meiner Frau niedergekniet, immer noch meinen scharfen Rechenstift in der Hand, mit dem ich meine astronomischen Aufzeichnungen machen wollte. Nur zufällig ist das scharfe Ende, die dunkle, bleifarbige Spitze dieses Stiftes der empfindlichen Stelle meiner Gattin gerade gegenüber, da unter dem Hof der linken Brust, wo sich der von Ärzten sogenannte Spitzenstoß regt, eine Handbreit weit von der Blüte dieser Brust entfernt ... eine Handbreit ... wie oft hast du die Hand um diese Brust gelegt, ihre dunkel teerosenfarbene Blüte zwischen dem Handflächenansatz des Daumens und Zeigefingers mit einer hauchartigen Zartheit umfaßt, als wolltest du sie nicht mit den rauhen Fingerspitzen berühren ... Da, an dieser Stelle vibriert es, als ob Wasser darunter flösse, so hebt es sich schnell und senkt es sich, es glitzert der perlmutterartige Schmelz dieser dünnen Haut bei der dunkelblonden zweiundzwanzigjährigen Frau ... Nicht mehr! Nicht weiter! Nicht tiefer. Aber läßt es mich denn? Ich muß tun, was ich tun muß. Sie muß tun, was sie tun muß.

Sie mag tun, was sie tun muß. Ich nicht. Nur zufällig, sagte ich eben. Nein, Zufall soll es nicht sein, sondern Bestimmung. Ich bin der Mann. Das eine Ich soll nicht tun, was das andere will. Das eine Ich soll nicht das andere vernichten und andere Menschen dazu, sondern sie sollen sich beide und auf immer versöhnen.

Ihre Brust wird sich mir entgegenwerfen, das liegt in ihr. Aber ich werde meine linke Hand, und zwar mit der Handfläche gegen die Spitze des scharf geschliffenen Bleistifts und mit den Knöcheln gegen ihr lockendes Fleisch, so werde ich diese meine Hand in diesem alles entscheidenden Augenblick zwischen mich und sie halten. So halte ich meine Hand ins Feuer. So fasse ich die Funken in meine Faust, die zwischen mir und ihr zucken. Wenn schon das eine Ich die Waffe vorstoßen muß, die andere Hand wird die Spitze auffangen. Sie wird mir die Handfläche aufreißen bis zu den Fingerspitzen. Es wird bluten, aber nur mein Blut, über das ich Herr bin, niemand sonst. Mag es. Ich lebe weiter. Es wird meine Lebenslinie von Grund auf verändern, es wird den Fingerabdruck der daktyloskopischen Linien mit einem dicken Strich durchstreichen. Das ist alles, aber es ist genug. Das ist schwer, aber es ist menschenmöglich. Ihre impulsive Bewegung wäre nur Selbstmord gewesen, den irdische Gerichte nicht unter Strafe nehmen, sondern den bloß das Gericht des eigenen Gewissens kennt. Kennt es ihn nicht gut? Aber ich werde diese Tat nicht tun, ich werde das Unmögliche möglich machen, ich werde diese Untat unterlassen. Ich werde diese unbewehrte Stelle am Körper meiner Frau schützen, selbst gegen die selbstzerstörende Sinnlichkeit der auch gegen sich selbst immer ungetreuen Frau. Muß ich leben, so werde ich getreu so leben, wie ich es mir in den besten Tagen meiner sehr glücksfähigen Jugend versprochen hatte: ich hatte geschworen, nie solle eine Frau, die ich liebe, Angst vor mir haben. Sei es so! Sei es so!

Morden müssen! Ich morde nicht. Ich bezwinge die Bitterkeit meines gequälten Herzens. Mag sie mir gegenüber schuldig sein, ich will es ihr gegenüber nicht sein. Ich habe gelitten, Gott weiß es, mehr als ich glaubte, daß ein Mensch meiner Art leiden kann, aber ich werde sie nicht leiden lassen. Schon in einem Augenblick wird sie sich erheben wollen, wird das herabgefallene, mit Blümchen bestickte Achselband wieder aufnehmen. Das wird alles sein. Unauslöschlich dachte ich mir meine Bitterkeit. Aber sie ist gelöscht. Gequält nannte ich mein Herz, es quält sich nicht mehr. Wir haben keine Schuld! Du nicht an mir! Ich nicht an dir! Bleibe wie du bist! Ich bleibe wie der bessere Teil in mir.

Wer leidet, sollte schweigen können, aber wer vor Freude zittert, kann es kaum verschweigen. Ich spreche lieber von Freude, als daß ich mich beklage. Ich habe mich immer schwer ausgesprochen. Auch jetzt beherrsche ich mich. Schweigend schlägt meine Frau, die auf dem roten Plüschteppich liegt, die Augen auf. Die emporgerollten langen seidenweichen Wimpern lösen sich voneinander, und der lebendige Verstandesblick ihrer Augen wird offenbar. Ich nehme die Frau nicht auf meine Arme, aber ich führe sie in das kühle, dunkle Zimmer zurück. Ihr weicher Ellbogen berührt mich schmeichelnd, wie aus Zufall liebkost er mich.

Es dämmert in mir. Mir ist, als wäre ich nur auf wenige Minuten erwacht und müßte sogleich wieder einschlummern.

Aus der Ferne kommt Musik, harfenartige Akkorde ohne Worte. Mir ist, als käme ich aus einem Traumgespinst in ein anderes, ein neues, in dem nichts von Blut ist, nichts mehr von einem verlorenen Kinde, nichts mehr von einem verfolgenden, verfolgten, strafenden und gestraften Manne in mittleren Jahren.

Mein Herz beginnt zu schlagen in unbeschreiblichem Entzücken. So ist doch kein Blut geflossen. In einem ungeheuren, brennenden Gefühl von Wollust breitet sich meine Freude bis an die äußersten Grenzen meines Körpers und meiner Seele aus, so rein und so stark, wie ich es als Kind nur empfunden habe, in den ersten Jahren meines Lebens. So glücksfähig bin ich seitdem nie wieder geworden.

Die Frau, die geliebte Gestalt mit den schweren Hüften und den zarten, kindlichen Armen, der weiblichen, allzu vollen Brust und dem jungfräulichen, allzu kühlen Munde schmiegt sich im Schlafe an mich. Vielleicht träumt sie jetzt. Vielleicht träumt sie nicht von mir. Aber sie lebt! Nur wer das mitgemacht, mitgetan, mitgelitten hat wie ich, wer das gesehen hat, was ich heute nacht gesehen habe, nur der kann die unermeßliche Bedeutung dieser drei einfachen Worte nachfühlen: »Aber sie lebt!«

Die Heilsarmee zieht auch jetzt in der Tiefe der Nacht umher, sie singt vom Kreuzestode des Erlösers und seiner Wiederkehr.

Oder ist es die wahnsinnige Opernsängerin aus Madrid, die, während ihre Gesellschafterin schläft, am Klavier sitzt und geistliche Hymnen singt von der letzten Wiederkehr des Erlösers und von seinem trotz allem unausweichlichen Kreuzestod?

Die Heilsarmee glaubt an die kommende Freude, die arme Sängerin in ihren furchtbaren Erinnerungen des Brandes von Madrid, sie denkt zurück an sein Leiden.

Aber ich glaube nicht nur, ich weiß es. Nicht die Größe des Kreuzestodes hat Christus zum Gotte gemacht. Von heute nacht an weiß ich, ich niedriger, kleiner, alltäglicher Mensch habe es an meinem niedrigen, kleinen Elend erfahren, daß Christus nicht an der unermeßlichen Bitterkeit seiner Schmerzen, nicht an der übermenschlichen Schwere seiner Leiden zum König der Himmel wurde. Sondern weil er in seiner Güte der König der Himmel war, deshalb stieg sein Leid über die kleinen Qualen der kleineren Herzen empor. Sein Leid war nicht der Kern seiner Liebe. Er ist nur die kleinere Hälfte seines Ichs, die irdische, unzulängliche, die verlangende, die versagende. Ein wahrer Gott kann nicht leiden. Er schafft. Er wirkt. Er ist. Wer der Welt überlegen ist, kann ihre Schmerzen gar nicht fühlen. Die Todesstunde auf dem brennenden Berge Golgatha, da, als Jesus die ungetreue und dennoch geliebte Welt zu seinen Füßen hatte, die tierische Qual in seinen verrenkten Gliedern, das Wundmal in seinen Handlinien, das unabwendbare Ende vor seinen Augen, das war nicht die höchste Stunde im Dasein eines Gottes. Christus hat noch ein anderes Leben, und das wird wieder auferstehen. Es wird sich sein unverbrennbares, durch Leiden nicht gesteigertes noch auch verringertes Teil allen und immer gültig bewähren. Zu diesem reinsten Teil soll man beten, wenn man die wandelbare schwere Wirklichkeit des Daseins in dieser Zeit noch nicht ohne Gebet ertragen kann.

Ob ich träume, ob ich wache, ist gleich. Was ich sehe, sehe ich, was ich weiß, kann nichts mehr auslöschen und vernichten. Es bleibt. Ich fühle, wie es sich enger und enger um mich schließt. Gibt es noch ein klareres Erwachen als das letzte, jetzt zwischen Nacht und Morgendämmerung? Geboren werden heißt doch auch nur erwachen. Und erwachen heißt das Leben wieder beginnen vom ersten Anfang an, so früh, so unbefangen, als uns möglich ist. Im Schlafe und Traume sollen wir uns erneuern.

Wir wollen gern vollendet sein, wir wollen das Äußerste erleben, die glühendste Leidenschaft, die Umarmung der kältesten Frau, das Begreifen des ungeheuren Weltenbrandes. Weder vor Schmutz noch vor Schuld wollten wir erschrecken und uns in die tiefste Tiefe hinablassen, und dann wollten wir bis zu der kühnsten, höchsten Erkenntnis gelangen. Aber nicht auf dieser Vollendung steht das Leben. Der einzelne verschwindet. Sondern auf Erneuerung. Denn in seinen Kindern wird er aufleben, wie seine Ahnen in ihm aufgelebt sind, das gute und das böse Blut der Seinen. Das ist das richtige, fließende Blut.

Der Brandgeruch hat sich in dem lauen Westwind aufgelöst, der nach Wein und Nelken riecht. Der zarte Duft reifer Äpfel mischt sich dazwischen.

Ich verlange nichts mehr. Ich bin meinem Schicksal dankbar. Ich bin meiner Gattin dankbar, die mir das Äußerste meiner Seele enthüllt hat. Ob sie es durch ihre Liebe oder ihren eisigen Haß enthüllt hat – einem, der die Klarheit sucht, muß jedes Mittel recht sein.

Mein Leben ist noch nicht abgeschlossen. Ich habe noch Zeit, zu wirken. Ich habe nur keine Zeit mehr zum Zweifel, zum Kampfe des einen Ichs gegen das andere, zur Verzweiflung.

Nur im Geiste hat ein Mensch dies alles erlebt. Angefangen von den Worten: »Dies ist Wirklichkeit, kein Traum«, bis hierher zu den Worten: »Nur im Geiste hat ein Mensch dies alles erlebt«, – ob es Probe war, ob es Wirklichkeit war, niemand scheidet dieses Leben von dem andern. So lange ein Mensch atmet, ein Auge sieht, ein Herz schlägt, eine Hand sich erhebt, zur Zärtlichkeit oder zur Arbeit oder zum Verbrechen, so lange wird auch die andere Welt in ihm sein, die hier »Traum, nicht Wirklichkeit« heißt.

Der Brand ist aus. Es wärmt nur noch der Westwind, nicht mehr die lodernde Flamme. Auch der Westwind wird von Flammen, von brennenden Sonnen genährt. Aber sie sind fern. Sie halten sich in weiter Distanz, sie kreisen in gemessenem Abstand, in geregelter Bahn.

Mein Leben hat sich seit dieser Nacht für immer gewendet. Es muß anders sein, als es vorher war. Nicht umsonst wurde der Brand gelöscht, nicht ohne Grund hat er sich entzündet. Ist es nicht das Herrlichste, wenn ein Waisenkind, wie meine Tochter Georgine, seine Eltern wiedergewinnt, wenn ich, der ins grenzenlose Weltall Verstoßene, seine irdische Gestalt unbefleckt wiederfindet, unverzehrt das Dach über seinem Kopfe, sein Haus friedlich und ruhig und im Garten die schlanke Gestalt des in diesem Jahre zum erstenmal tragenden Apfelbäumchens, das sein unvergessener Bruder gepflanzt hat. Ich habe geträumt, aber nicht geschlafen. Wie schön ist es, nachher auszuruhen. Es ist so schön, daß es mit jedem Tod versöhnen müßte. Der Tod bedeutet nicht, daß ich die Todesstrafe verdient habe, sondern nur, daß die Lebensprobe beendet ist. Sie ist vollendet. Wir haben mit dem Augenblick des Todes den höchsten uns erreichbaren Grad von Klarheit erlangt. Wie könnten wir unvollendet sterben, wenn alles im Leben bis auf die Blätter einer Blume, bis auf ein Atom im Universum sich vollendet. Nach großen Gesetzen sollten die Gestirne um uns kreisen, und wir, mit die geistigsten Wesen des Weltalls, die Söhne und Töchter der Götter, sollten keine Gesetze über uns haben, keine in uns wohlgeordnete Bahn? Ich habe meine Bahn erkannt. Ob ich sie ausspreche oder ob ich sie verschweige, ob ich sie andere lehre oder für mich bewahre, ich kann ihr nicht mehr untreu werden, sonst wäre es nicht meine Bahn, die wohlgeordnete.

Ich bin eine Probe wert gewesen. Das ist mir der tiefste Trost.

Um Liebe werde ich nie mehr kämpfen, ich werde meinem Herzen folgen und schweigen.

Ich sollte meinen Namen nicht wissen, bevor die Probe bestanden war. Jetzt weiß ich ihn, und damit kann ich erwachen.

Friedensvoll leuchten vor meinen Fenstern die wandelnden Sterne und im Untergehen ein schwebender, ruhiger Mond, von zartem Nebel hell umhüllt. Vor mir liegt, auf der einen Seite dicht bis zur Unleserlichkeit bekritzelt, das abgerissene Kalenderblatt von gestern. Einen Tag hat das Schicksal mir geschenkt. Die Zeit von dem Erwachen in der Bedürfnisanstalt bis spät in die Nacht in dem Volksparke ist nicht gewesen, ist doch die Tat nicht gewesen, die mich von meinem Haus und meinem Kind fortgetrieben hatte. Meine Uhr ist stehengeblieben. Auf dem Kalenderblatte des heutigen Tages steht der 29. August, Untergang des Mondes 3.35. Eben geht der Mond unter, und nach diesem Augenblick stelle ich mit dem alten Schlüssel die Zeit und ziehe die Uhr auf.

Ich gehe ins Badezimmer und bade. Ich gehe ins Speisezimmer und esse.

Zu meiner Frau kehre ich nicht mehr zurück. Ich will sie nicht zerstören, aber auch nicht mehr besitzen. Ihre Ehe kann sie brechen, unsere nicht mehr. Neben mir mag sie leben, wenn es ihr so behagt, mit mir nicht mehr. Sie ändert sich nie. Aber ich habe mich geändert.

Sie kann sich vor der Welt, ihrer Welt, meine Frau nennen. Ich will in meiner Welt ihr Gatte nicht sein.

Sie mag mit mir den Namen und das Dach teilen, aber weder der Name noch dieses Haus und Dach werden für mich entscheidend sein.

Ich werde in keinem Hause mehr wohnen, in dem feuergefährliche Vorräte aufbewahrt sind. Entweder läßt mein Vater sie fortschaffen, oder ich beziehe mit meinem Kinde ein anderes Wohnquartier.

Ich will viele Kinder haben. Nicht von dieser Frau. Diese Frau lebt nicht mehr für mich. Ich werde mir Kinder, namenlose, elternlose, verlassene aus dem Waisenhause in der Alten Jakobstraße holen, so viele, als es mir meine ökonomischen Verhältnisse erlauben. Ich werde sie, vielleicht mit Unterstützung der Hilfsschwester, erziehen wie ein leiblicher Vater. Mein Besitz soll nach meinem Tode unter sie und meine Tochter zu gleichen Teilen vererbt werden. Wenn ich sie richtig erzogen habe, werden es meine echten Söhne sein. Echte Brüder meiner geliebten Tochter.

Ich will dies tun, nicht aus Güte, sondern weil es ein Teil meiner Arbeit hier ist und meine reine Freude.

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