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Die Familie Pfäffling

Agnes Sapper: Die Familie Pfäffling - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorAgnes Sapper
titleDie Familie Pfäffling
publisher
year1909
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderpg-us#10917
created20080717
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6. Kapitel

Am kürzesten Tag.

Es war der 21. Dezember, der kürzeste Tag des Jahres. Um dieselbe Tageszeit, wo im Hochsommer die Sonne schon seit fünf Stunden am Himmel steht, saß man heute noch bei der Lampe am Frühstückstisch, und als diese endlich ausgeblasen wurde, war es noch trüb und dämmerig in den Häusern. Allmählich aber hellte es sich auf und die Sonne, wenn sie gleich tief unten am Horizont stand, sandte doch ihre schrägen Strahlen den Menschenkindern, die heute so besonders geschäftig durcheinander wimmelten. Es war ja der letzte Samstag vor Weihnachten, zugleich der Thomastag, ein Feiertag für die Schuljugend. Jedermann wollte die wenigen hellen Stunden benützen, um Einkäufe zu machen. Wieviel Gänse und Hasen wurden da als Festbraten heimgeholt und wieviel Christbäume! Auf den Plätzen der Stadt standen sie ausgestellt, die Fichten und Tannen, von den kleinsten bis zu den großen stattlichen, die bestimmt waren, Kirchen oder Säle zu beleuchten.

Mitten zwischen diesen Bäumen, von ihrem weihnächtlichen Duft und Anblick ganz hingenommen und im Anschauen versunken, stand unser kleiner Frieder. Er hatte für den Vater etwas in der Musikalienhandlung besorgt, kam nun heimwärts über den Christbaummarkt und konnte sich nicht trennen. Nun stand er vor einem Bäumchen, nicht größer als er selbst, saftig grün und buschig. Sie mochten vielleicht gleich alt sein, dieser Bub und dies Bäumchen und sahen beide so rundlich und kindlich aus. Sie standen da, vom selben Sonnenstrahl beleuchtet und wie wenn sie zusammen gehörten, so dicht hielt sich Frieder zum Baum.

»Du! dich meine ich, hörst du denn gar nichts; so wirst du nicht viel verdienen!« sagte plötzlich eine rauhe Stimme, und eine schwere Hand legte sich von hinten auf seine Schulter. Frieder erwachte wie aus einem Traum, wandte sich und sah sich zwei Frauen gegenüber. Die ihn angerufen hatte, war eine große, derbe Person, eine Verkäuferin. Die andere eine Dame mit Pelz und Schleier. »Pack an, Kleiner, du sollst der Dame den Baum heimtragen, du weißt doch die Luisenstraße?« sagte die Frau und legte ihm den Baum über die Schulter.

»Ist der Junge nicht zu klein, um den Baum so weit zu tragen?« fragte die Dame.

»O bewahre,« meinte die Händlerin, »der hat schon ganz andere Bäume geschleppt, sagen Sie ihm nur die Adresse genau, wenn Sie nicht mit ihm heim gehen.« »Luisenstraße 43 zu Frau Dr. Heller,« sagte die Dame. »Sieh, auf diesem Papier ist es auch aufgeschrieben. Halte dich nur nicht auf, daß dich's nicht in die Hände friert.« Da Frieder immer noch unbeweglich stand, gab ihm die Verkäuferin einen kleinen Anstoß in der Richtung, die er einzuschlagen hatte.

Frieder, den Baum mit der einen Hand haltend, den Papierzettel in der andern, trabte der Luisenstraße zu. Er hatte so eine dunkle Ahnung, daß er mehr aus Mißverständnis zu diesem Auftrag gekommen war, er wußte es aber nicht gewiß. Die Damen konnten die Bäume nicht selbst tragen, so mußten eben die Buben helfen. Er sah manche mit Christbäumen laufen, freilich meist größere. Er war eigentlich stolz, daß man ihm einen Christbaum anvertraut hatte. Wenn ihm jetzt nur die Brüder begegnet wären oder gar der Vater!

Wie die Zweige ihn so komisch am Hals kitzelten, wie ihm der Duft in die Nase stieg und wie harzig die Hand wurde! Allmählich drückte der Baum, obwohl er nicht groß war, unbarmherzig auf die Schulter, man mußte ihn oft von der einen auf die andere legen, und bei solch einem Wechsel entglitt ihm das Papierchen mit der Adresse und flatterte zu Boden, ohne daß die steife, von der Kälte erstarrte Hand es empfunden hätte. Nun schmerzten ihn die beiden Schultern, er trug den Baum frei mit beiden Händen. Aber da wurde Frieder hart angefahren von einem Mann, der ihm entgegen kam: »Du, du stichst ja den Menschen die Augen aus, halte doch deinen Baum hinter dich, so!« und der Vorübergehende schob ihm den Baum unter den Arm. Nach kürzester Zeit kam von hinten eine Stimme: »Du, Kleiner, du kehrst ja die Straße mit deinem Christbaum, halte doch deinen Baum hoch!« Ach, das war eine schwierige Sache! Aber nun war auch die Luisenstraße glücklich erreicht. Freilich, die Adresse war abhanden gekommen, aber Frieder hatte sich das wichtigste gemerkt, Nr. 42 oder 43 und im zweiten Stock und bei einer Frau Doktor, das mußte nicht schwer zu finden sein. In Nr. 42a wollte niemand etwas von dem Baum wissen, aber in Nr. 42b bekam Frieder guten Bescheid, das Dienstmädchen wußte es ganz gewiß, der Baum gehörte nach Nr. 47, die Dame war zugleich mit ihr auf dem Markt gewesen und hatte einen Baum gekauft. Also nach Nr. 47. Als man ihm dort seinen Baum wieder nicht abnehmen wollte, kamen ihm die Tränen, und eine mitleidige Frau hieß ihn sich ein wenig auf die Treppe setzen, um auszuruhen.

»In der Luisenstraße wohnt nur ein Doktor,« sagte sie, »und das ist Dr. Weber in Nr. 24, bei dem mußt du fragen.« Unser Frieder hätte nun lieber in Nr. 43 angefragt, denn er meinte sich zu erinnern, das sei die richtige Nummer, aber Frieder traute immer allen Leuten mehr zu als sich selbst, und so folgte er auch jetzt wieder dem Rat, ging an Nr. 43 vorbei bis an Nr. 24 und hörte dort von dem Dienstmädchen der Frau Dr. Weber, sie hätten längst einen Baum und einen viel schöneren und größeren. Jetzt aber tropften ihm die dicken Tränen herunter, und als er wieder auf der Straße stand, wurde ihm auf einmal ganz klar, wo er jetzt hingehen wollte – heim zur Mutter. Es mußte ja schon spät sein, vielleicht gar schon Essenszeit. Kam er da nicht heim, so hatte die Mutter Angst, und der Vater hatte ja gesagt, es dürfe nichts, gar nichts mehr vorkommen vor Weihnachten. Also nur schnell, schnell heim!

Und es war wirklich höchste Zeit.

Niemand hatte bis jetzt Frieders langes Ausbleiben bemerkt, als nun aber Marie und Anne anfingen, den Tisch zu decken, sagte Elschen: »Frieder hat versprochen, mit mir zu spielen, und nun ist er den ganzen Vormittag weggeblieben!«

»Er ist gewiß schon längst bei den Brüdern, im Hof, auf der Schleife. Sieh einmal nach ihm,« sagten die Schwestern.

Aber Frieder war verschollen und die Geschwister fingen an, sich zu ängstigen, nicht sowohl für den kleinen Bruder – was sollte dem zugestoßen sein – , aber wenn er nicht zu Mittag käme, würden sich die Eltern sorgen und darüber ärgern, daß doch wieder etwas vorgekommen sei. »Er wird doch kommen bis zum Essen,« sagten sie zueinander und, als nun die Mutter ins Zimmer trat, sprachen sie von allerlei, nur nicht von Frieder. Elschen stand an der Treppe, nun kam der Vater heim, fröhlich und guter Dinge und fragte gleich: »Ist das Essen schon fertig?«

»Es ist noch nicht halb ein Uhr,« entgegnete Karl, der die Frage gehört hatte. »Es wird gleich schlagen,« meinte der Vater, ging aber doch noch in sein Zimmer. Im Vorplatz berieten leise die Geschwister: »Wenn man nur das Essen ein wenig verzögern könnte,« sagte Karl.

»Das will ich machen,« flüsterte Marie, ging in die Küche, zog Walburg zu sich und rief ihr dann ins Ohr: »Frieder ist noch nicht daheim, der Vater wird so zanken, und die Mutter wird Angst haben, kannst du nicht machen, daß man später ißt?« Walburg nickte freundlich, ging an den Herd, deckte ihre Töpfe auf und sagte dann: »Du kannst der Mutter sagen, den Linsen täte es gut, wenn sie noch eine Weile kochen dürften.« Da sprang Marie befriedigt hinaus, Walburgs Ausspruch ging von Mund zu Mund, und bis es der Mutter zu Ohren kam, waren die Linsen ganz hart.

»So?« sagte sie verwundert, »mir kamen sie weich vor, aber wir können ja noch ein wenig mit dem Essen warten.«

»Ja, harte Linsen sind nicht gut, sind ganz schlecht,« sagten die Kinder.

So vergingen fünf Minuten. Inzwischen lief unser Frieder, so schnell er es nur mit seinem Baum vermochte. Jetzt trabte er die Treppe herauf, und bei seinem Klingeln eilten alle herbei, um aufzumachen. Frau Pfäffling merkte jetzt, daß etwas nicht in Ordnung war und ging auch hinaus. Da stand Frieder ganz außer Atem, mit glühenden Backen, den Christbaum auf der Schulter und fragte ängstlich: »Ißt man schon?«

Als er aber hörte, daß die Mutter ihn nicht vermißt hatte, und sah, wie man seinen Baum anstaunte und die Mutter so freundlich sagte: »Stell ihn nur ab, du glühst ja ganz,« da wurde ihm wieder leicht ums Herz. Sie meinten alle, der Christbaum gehöre Frieder. »Nein, nein,« sagte dieser, »ich muß ihn einer Frau bringen, ich weiß nur nimmer, wie sie heißt und wo sie wohnt.« Da lachten sie ihn aus und wollten alles genau hören, auch Herr Pfäffling war hinzu gekommen und hörte von Frieders Irrfahrten, nahm ihn bei der Hand und sagte: »Nun komm nur zu Tisch, du kleines Dummerle, du!«

Die Linsen waren nun plötzlich weich, und wie es Frieder schmeckte, läßt sich denken.

Beim Mittagessen wurde beraten, wie man den Christbaum zu seiner rechtmäßigen Besitzerin bringen könne. »Einer von euch Großen muß mit Frieder gehen, ihm helfen den Baum tragen,« sagte Frau Pfäffling.

»Aber wir Lateinschüler können doch nicht in der Luisenstraße von Haus zu Haus laufen, wie arme Buben, die die Christbäume austragen,« entgegnete Karl.

»Wenn mir da z.B. Rudolf Meier begegnete,« sagte Otto, »vor dem würde ich mich schämen.«

»So, so,« sagte Herr Pfäffling, »seid ihr zu vornehm dazu? Dann muß wohl ich meinen Kleinen begleiten,« und er nahm den Baum, der in der Ecke stand, hob ihn frei hinaus, daß er die Decke streifte und sagte spassend: »So werde ich durch die Luisenstraße ziehen, eine Schelle nehmen und ausrufen: ›Wem der Baum gehört, der soll sich melden.‹«

»Ich denke doch,« sagte Frau Pfäffling, »einer von unseren dreien wird so gescheit sein und sich nicht darum bekümmern, wenn auch je ein Kamerad denken sollte, daß er für andere Leute Gänge macht.« Sie schwiegen aber. Da setzte Herr Pfäffling den Baum wieder ab und sagte sehr ernst: »Kinder, fangt nur das gar nicht an, daß ihr meint: dies oder jenes paßt sich nicht, das könnten die Kameraden schlecht auslegen. Mit solchen kleinlichen Bedenken kommt man schwer durchs Leben, fühlt sich immer gebunden und hängt schließlich von jedem Rudolf Meier ab.«

Nach dem Essen wurde Herr Hartwig um das Adreßbuch gebeten und mit Hilfe dessen und Frieders Erinnerung war bald festgestellt, daß der Baum in die Luisenstraße Nr. 43 zu Frau Dr. Heller gehörte.

Die drei großen Brüder standen beisammen und berieten. »Ich mache mir nichts daraus, den Baum zu tragen,« sagte Wilhelm, »ich hätte gar nicht gedacht, daß es dumm aussieht, wenn ihr es nicht gesagt hättet.«

»Aber wenn du hinkommst, mußt du dich darauf gefaßt machen, daß man dir ein Trinkgeld gibt,« sagte Karl.

»Um so besser, wenn's nur recht groß ist, ich habe ohnedies keinen Pfennig mehr.«

Die Beratung wurde unterbrochen durch die Mutter, die mit Frieder ins Zimmer kam und sagte: »Die Dame wird gar nicht begreifen, wo ihr Baum so lang bleibt, tragt ihn jetzt nur gleich fort. Otto, du gehst mit, deinem alten Mantel schadet es am wenigsten, wenn der Baum wetzt.«

Diesem bestimmten Befehl gegenüber gab es keinen Widerspruch mehr. Otto mußte sich bequemen, Frieder zu begleiten.

Sie gingen nebeneinander und waren bis an die Luisenstraße gekommen, als Otto plötzlich seinem Frieder den Baum auf die Schulter legte und sagte: »Da vornen kommen ein paar aus meiner Klasse, die lachen mich aus, wenn sie meinen, ich müsse den Dienstmann machen. Das letzte Stück kannst du doch den Baum selbst tragen? Und kannst dich auch selbst entschuldigen, nicht?«

»Gut kann ich,« sagte Frieder und ging allein seines Weges. Wie einfach war das nun. Am Glockenzug von Nr. 43 stand angeschrieben: »Dr. Heller«, das stimmte alles ganz gut mit dem Adreßbuch und oben im zweiten Stock stand noch einmal der Name. Diesmal war Frieder an der rechten Türe.

Otto hatte sich inzwischen seinen Kameraden angeschlossen und war ein wenig mit ihnen herumgeschlendert, denn er wollte nicht früher als Frieder nach Hause kommen. Als er sich endlich entschloß, heim zu gehen, war es ihm nicht behaglich zumute; es reute ihn doch, daß er den Kleinen zuletzt noch im Stich gelassen hatte. In der Frühlingsstraße wollte er mit dem Bruder wieder zusammentreffen. Er wartete eine Weile vergeblich auf ihn, dann ging ihm die Geduld aus, vermutlich war Frieder schon längst daheim. Er hoffte ihn oben zu finden, aber es war nicht so, das konnte er gleich daran merken, daß er von allen Seiten gefragt wurde: wie es mit dem Baum gegangen sei? Nun mußte er freilich erzählen, daß er nur bis in die Nähe des Hauses Nr. 43 den Baum getragen, und dann mit einigen Freunden umgekehrt sei. Aber nun hörte man auch schon wieder jemand vor der Glastüre, das konnte Frieder sein, und dann war ja die Sache in Ordnung. Sie machten auf: da stand der kleine Unglücksmensch und hatte wieder seinen Christbaum im Arm! Sie trauten ihren Augen kaum. »Ja Frieder, hast du denn die Wohnung nicht gefunden?« riefen sie fast alle zugleich. Da zuckte es um seinen Mund, er würgte an den Tränen, die kommen wollten, und preßte hervor: »Neunmal geklingelt, niemand zu Haus!« Sie waren nun alle voll Mitleid, aber sie konnten auch nicht verstehen, warum er nicht oben oder unten bei anderen Hausbewohnern angefragt hätte. Daran hatte er eben gar nicht gedacht. »Deshalb gibt man solch einem kleinen Dummerle einen größeren Bruder mit,« sagte Frau Pfäffling, »aber wenn der freilich so treulos ist und vorher umkehrt, dann ist der Kleine schlecht beraten.«

»Jetzt wird der Sache ein Ende gemacht,« rief Wilhelm, »ich gehe mit dem Baum und das dürft ihr mir glauben, ich bringe ihn nicht mehr zurück,« und flink faßte er den Christbaum, der freilich schon ein wenig von seiner Schönheit eingebüßt hatte, und sprang leichtfüßig davon.

In der Luisenstraße Nr. 43 wurde ihm aufs erste Klingeln aufgemacht und sofort rief das Dienstmädchen: »Frau Doktor, jetzt kommt der Baum doch noch!« Eine lebhafte junge Frau eilte herbei und rief Wilhelm an: »Wo bist du denn so lang geblieben, Kleiner? Aber nein, du bist's ja gar nicht, dir habe ich keinen Baum zu tragen gegeben, der gehört nicht mir.«

Wilhelm erzählte von den Wanderungen, die der Baum mit verschiedenen jungen Pfäfflingen gemacht hatte.

»Der Kleine dauert mich,« sagte die junge Frau. »Das zweite Mal, als er kam, war ich wohl mit meinem Mädchen wieder auf dem Markt, ich habe nämlich nicht gedacht, daß er noch kommt, und habe einen andern geholt, ich brauche ihn schon heute abend zu einer kleinen Gesellschaft, da konnte ich nicht warten. Was mache ich nun mit diesem Baum? Habt ihr wohl schon einen zu Haus? Ich würde euch den gern schenken.«

»Wir haben noch keinen,« sagte Wilhelm.

»Also, das ist ja schön, dann nimm ihn nur wieder mit, und dem netten kleinen Dicken, der so viel Not gehabt hat, möchte ich noch einen Lebkuchen schicken, den bringst du ihm, nicht wahr?«

Auch dazu war Wilhelm bereit, und kurz nachher rannte er vergnügt mit seinem Baum heimwärts.

Der kurze Dezembernachmittag war schon zu Ende und die Lichter angezündet, als Wilhelm heim kam. Die Schwestern, welche die Ganglampe geraubt hatten, kamen eilig mit derselben herbei, als Wilhelm klingelte, und ließen sie vor Schreck fast aus der Hand fallen, als sie den Baum sahen. »Der Baum kommt wieder!« schrien die Mädchen ins Zimmer. »Unmöglich!« rief die Mutter. »Ja doch,« sagte Karl, »der Baum, der unglückselige Baum!« »Gelt,« rief Frieder, »es wird nicht aufgemacht, wenn man noch so oft klingelt!«

Aber Wilhelm lachte, zog vergnügt den Lebkuchen aus der Tasche, und gab ihn Frieder: »Der ist für dich von deiner Frau Dr. Heller, und der Baum, Mutter, der gehört uns, ganz umsonst!« Als Herr Pfäffling heim kam, ergötzte er sich an der Kinder Erzählung von dem Christbaum, aber er merkte, daß es Otto nicht recht wohl war bei der Sache, und wollte sie eben deshalb genauer hören. »Also so hat sich's verhalten,« sagte er schließlich, »vor dem Lachen der Kameraden hast du dich so gefürchtet, daß du den Bruder und den Baum im Stich gelassen hast? Dann heiße ich dich einen Feigling!«

Weiter wurde nichts mehr über die Sache gesprochen, aber dies eine Wort »Feigling«, vom Vater ausgesprochen, vor der ganzen Familie, das brannte und schmerzte und war nicht einen Augenblick an diesem Abend zu vergessen. Es war auch am nächsten Morgen, an dem vierten Adventssonntag, Ottos erster Gedanke. Es trieb ihn um, er konnte dem Vater nicht mehr unbefangen ins Gesicht sehen. Da trachtete er, mit der Mutter allein zu sprechen, und sie merkte es, daß er ihr nachging, und ließ sich allein finden, in dem Bubenzimmer. »Mutter,« sagte er, »ich kann gar nicht vergessen, was der Vater zu mir gesagt hat. Soll ich ihn um Entschuldigung bitten? Was hilft es aber? Er hält mich doch für feig.«

»Ja, Otto, er muß dich dafür halten, denn du bist es gewesen und zwar schon manchmal in dieser Art. Immer abhängig davon, wie die anderen über dich urteilen. Da hilft freilich keine Entschuldigung, da hilft nur ankämpfen gegen die Feigheit, Beweise liefern, daß du auch tapfer sein kannst.«

Am Montag nachmittag, als die Kinder alle von der Schule zurückkehrten, fehlte Otto. Er kam eine ganze Stunde später heim und dann suchte er zuerst den Vater in dessen Zimmer auf. Herr Pfäffling sah von seinen Musikalien auf. »Willst du etwas?«

»Ja, dich bitten, Vater, daß du das Wort zurücknimmst. Du weißt schon welches. Ich bin deswegen heute nachmittag lang auf dem Christbaummarkt gestanden und habe dann für jemand einen Baum heimgetragen. Drei von meiner Klasse haben es gesehen. Und da sind die 20 Pfennig Trinkgeld, die ich bekommen habe.« Da sah Herr Pfäffling mit fröhlichem, warmem Blick auf seinen Jungen und sagte: »Es gibt allerlei Heldentum, das war auch eines; nein, Kind, du bist doch kein Feigling!«

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