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Die Familie Pfäffling

Agnes Sapper: Die Familie Pfäffling - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
authorAgnes Sapper
titleDie Familie Pfäffling
publisher
year1909
firstpub
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12. Kapitel

Ein Haus ohne Mutter.

So ganz allmählich und unmerklich war es gekommen, daß von Frau Pfäfflings Reise zur Großmutter gesprochen wurde als von einer ausgemachten Sache, obwohl niemand hätte sagen können, an welchem Tag sie die Ansicht aufgegeben hatte, daß die Reise ganz unmöglich sei.

Nur »auf alle Fälle« entschloß sie sich zum Einkauf eines Kleiderstoffs, und als die Schneiderin das Kleid anfertigte, hörte man Frau Pfäffling sagen: »Nicht zu lang, damit es nötigenfalls auch als Reisekleid praktisch ist.«

»Auf alle Fälle« nahm sie eines Tages das Kursbuch zur Hand, um zu sehen, wie sich die Reise praktisch machen ließe, und was sie gesehen, trug sie »auf alle Fälle« in ihr Notizbuch ein. Wer wird aber nicht reisen, wenn das Reisekleid fertig im Schrank hängt und die besten Zugverbindungen herausgefunden sind? So war es denn wirklich soweit gekommen, daß sich Frau Pfäffling anfangs Februar für einen bestimmten Tag bei ihrer Mutter ansagte. Darauf erfolgte eine Karte, die mit herzlichem Willkommruf begann und mit der Anfrage schloß, ob Frau Pfäffling nicht mit leichterem Herzen reisen würde, wenn sie ihr Elschen mitnähme? Das Kind zahle ja nur den halben Fahrpreis.

Diese Karte, die Herr Pfäffling im Zimmer vorlas, brachte große Aufregung in die Kinderschar, und ungefragt gaben sie alle ihre Gefühle und Meinungen kund, bis der Vater die Türe weit aufmachte und den ganzen aufgeregten Schwarm hinausscheuchte.

»Du hättest es gar nicht vor den Kindern vorlesen sollen, ehe wir entschlossen sind,« sagte Frau Pfäffling.

»Freilich, aber ich kann dich auch nicht bei jeder Gelegenheit zu mir herüberrufen, und wo du bist, sind immer ein paar Kinder.«

»Ja, ja,« erwiderte Frau Pfäffling lächelnd, »und warten, bis sie in der Schule sind oder bis am Abend, warten kann man nicht, wenn man Pfäffling heißt!«

Sie berieten zusammen, waren sehr bald entschlossen und riefen die Kinder zurück. Frau Pfäffling sah den Blick der Kleinen gespannt auf sich gerichtet. Sie zog das Kind an sich. »Es kann nicht sein, Elschen,« sagte sie, »und ich will dir auch erklären warum. Bei einer so weiten Reise ist auch der halbe Fahrpreis schon teuer und selbst, wenn ihn die gute Großmutter für dich zahlen wollte, könnte ich dich doch nicht mitnehmen, denn wer sollte denn daheim die Türe aufmachen, wenn es klingelt, während alle in der Schule sind? Walburg hört das ja nicht und sie versteht nicht, was die Leute sagen, die kommen. Du mußt unsere Pförtnerin sein, solange ich fort bin; wenn du nicht daheim wärest, könnte ich gar nicht reisen.«

Das kleine Jüngferchen war verständig, es sah ein, daß es zurückbleiben mußte. Der Traum hatte nur kurz gedauert und war undeutlich gewesen, denn was wußte Elschen von fremden Ländern und Menschen, von Reiselust und Erlebnissen? Für sie war die Heimat noch die Welt, die Neues und Merkwürdiges genug brachte. So kam es zur Verwunderung der großen Geschwister nicht einmal zu ein paar Tränen bei der kleinen Schwester, die doch heute nach Tisch geweint hatte, weil sie nicht mit hinunter gedurft hatte auf die Balken in dem nassen Hof!

Der letzte Tag vor der Abreise war gekommen, Frau Pfäffling war es schwer ums Herz. Gut, daß Tag und Stunde längst festgesetzt waren, sonst hätte sie ihren Koffer wohl wieder ausgepackt. Aber sie wußte, wie sehnlich sie erwartet wurde, es gab kein Zurück mehr, es mußte jetzt sein. Geschäftig ging sie heute, alles voraus bedenkend, hin und her im Haus. Aber überall, wo sie auch war, in Küche, Keller und Kammern, folgte ihr Frieder. Er störte sie nicht, wenn sie räumte, überlegte oder anordnete, er verlangte nichts, als bei ihr zu sein, nahe, so nahe wie möglich. Sie spürte sein Heimweh. Es war ein langes, stummes Abschiednehmen. Einmal kam es auch zur Aussprache, in einem Augenblick, wo sie oben, in der Bodenkammer, allein mit ihm war.

»Mutter, gelt, du glaubst das nimmer, was du neulich gesagt hast?«

»Was denn, Kind?«

Es wollte nicht über seine Lippen.

»Was, mein Kind, komm, sage es mir!«

»Daß ich die Violine lieber habe als dich und den Vater.«

»Nein, Herzkind, das glaube ich schon lange nimmer, du hast ja dem Vater deine Violine gegeben. Ich weiß gut, wie lieb du uns hast. Darum tut dir ja auch der Abschied weh. Aber es muß doch auch einmal sein, daß ich zu meinem eigenen Mütterlein wieder gehe, eben weil man seine Mutter so lieb hat, das verstehst du ja. Und denke nur, das Freudenfest, wenn wir wieder zusammen kommen! Wie wird das köstlich werden!«

So tröstete die Mutter den Kleinen und tröstete sich selbst zugleich.

Und dann nahm sie die Gelegenheit wahr und sprach mit Karl allein ein Wort: »Nimm dich ein wenig um Frieder an, er ist immer noch traurig wegen seiner Violine, darum fällt ihm auch der Abschied besonders schwer.«

»Ja, er geigt oft ohne Violine ganz in der Stille, Mutter, hast du es schon gesehen? Er stellt sich so hin, wie wenn er seine Geige hätte, neigt den Kopf nach links, biegt den Arm und streicht mit dem rechten, wie wenn er den Bogen führte, und dann hört er die Melodien, das sieht man ihm gut an. Da tut er mir oft leid.«

»Ja, mir auch. Aber morgen, wenn ich fort bin, will ihm der Vater die erste Klavierstunde geben, darüber wird er die Violine vergessen. Und wenn nun der Schnee vollends geschmolzen ist und ihr wieder am Kasernenhof turnen könnt, dann nimm nur auch Frieder dazu und mache ihm Lust. Und noch etwas: ich meine, deine Mathematikstunden mit Wilhelm werden nimmer regelmäßig eingehalten.«

»O doch, Mutter.«

»Oder sie sind so kurz, daß man nicht viel davon bemerkt?«

»Das kann sein, auf die Uhr schauen wir gewöhnlich nicht.«

»Ich glaube, eure Stunde hat manchmal nur fünfzehn Minuten; das ist aber nicht genug, ihr müßt eure Zeit einhalten; denke nur, wenn Wilhelm wieder eine so schlechte Note bekäme!«

»Die bekommt er nicht noch einmal, Mutter, du kannst dich darauf verlassen!«

Bald nachher rief Frau Pfäffling Wilhelm und Otto zu sich hinunter in die Holzkammer.

»Ihr habt ja gar keinen Vorrat gespaltenes Holz mehr,« sagte sie, »daran dürft ihr es nicht fehlen lassen, solange ich fort bin. Walburg muß in dieser Zeit alle meine Arbeit tun, sie kann nicht auch für Holz und Kohlen sorgen.«

Und nun ging's an die Mädchen. »Marianne, ihr müßt Walburg soviel wie möglich alle Gänge abnehmen, solange ich fort bin.«

»Ja, ja, Mutter, das tun wir doch immer!«

»Manchmal sagt ihr doch: wir haben zuviel Aufgaben, oder: wir haben die Stiefel schon ausgezogen. Ihr müßt lieber die Stiefel dreimal aus- und anziehen, als es darauf ankommen lassen, daß Walburg mitten am Vormittag vom Kochen fortspringen muß.«

So ging der letzte Tag mit Vorsorgen und Ermahnungen aller Art hin und am Morgen der Abreise, schon im Reisekleid, nahm Frau Pfäffling noch einmal Nadel und Fingerhut zur Hand, um einen eben entdeckten Schaden an einem Kinderkleid auszubessern. Sie sorgte noch auf dem Weg zur Bahn, ja aus dem Wagenfenster kamen noch hausmütterliche Ermahnungen, bis endlich der Zug durch eine kaum hörbare erste Bewegung zur fertigen Tatsache machte, daß Frau Pfäffling verreist war.

Sie konnte ihre Gedanken nicht gleich losmachen, die gingen noch eine Weile im alten Geleise. Dann kam die Einsicht, daß all dies Denken ihr selbst nur das Herz schwer machen und den Zurückgebliebenen nichts nützen konnte. Zugleich verschwanden auch die letzten Häuser und Anlagen der Stadt, freie, noch mit Schnee bedeckte Äcker und Felder tauchten auf, eine stille, einförmige Natur. Da machte sie es sich bequem in dem Wagen, lehnte sich behaglich zurück, ergab sich darein, daß sie nicht sorgen und nichts leisten konnte, und empfand eine wohltuende Ruhe, ein Gefühl der Erholung, während sie der Stätte ihrer Tätigkeit mit gewaltiger Eile immer weiter entführt wurde.

Manches Dorf war schon an Frau Pfäffling vorübergesaust, bis ihr Mann mit den Kindern nur wieder in die Frühlingsstraße zurückgekehrt war. Sie machten sich an ihre Arbeit wie sonst und alles ging seinen geregelten Gang. Nur Elschen lief an diesem Vormittag mit Tränen durch die stillen Zimmer, die andern empfanden die Lücke erst so recht bei dem Mittagessen. Es verlief auffallend still. Eigentlich war ja Frau Pfäffling keine sehr gesprächige Frau, ihr Mann und ihre Kinder waren lebhaftere Naturen; heute hätte man das Gegenteil glauben können, eine so schweigsame Mahlzeit hatte es noch selten an diesem Tisch gegeben. Freilich war der Vater auch von der ihm ungewohnten Beschäftigung hingenommen, das Essen auszuteilen. Er merkte jetzt erst, wieviel das zu tun machte, und es dauerte gar nicht lange, so führte er den Brauch ein, daß Karl für Wilhelm die Suppe ausschöpfen mußte, Wilhelm für Otto und so nacheinander herunter, immer das ältere unter den Geschwistern dem jüngern. Anfangs machte es den Kindern Spaß, aber es ging nicht immer so friedlich und so säuberlich zu wie bei der Mutter, und Walburg wunderte sich, daß sie bald eine noch fast gefüllte, bald eine ganz leere Suppenschüssel abzutragen hatte; da war gar kein regelmäßiger Verbrauch mehr wie bisher.

Ganz kurios erschienen Herrn Pfäffling und Karl die späten Abendstunden, wo sie allein beisammen saßen. Sie waren sich so nahe gerückt und wußten doch nicht viel miteinander anzufangen, so glich das Zimmer oft einem Lesesaal, in dem die Vorschrift befolgt wird: Man bittet, nicht zu sprechen. Das wurde aber besser nach den ersten Tagen. Es kamen ja auch Briefe von der Mutter, und diese bildeten ein gemeinsames Interesse zwischen Vater und Sohn.

Die Briefe brachten gute Nachrichten. Es war ein beglückendes Wiedersehen zwischen Mutter, Tochter und Geschwistern, wenn auch nicht ganz ohne Wehmut. Was war es für ein gealtertes, pflegebedürftiges Großmütterlein, das da im Lehnstuhl saß, nicht mehr imstande, ohne Hilfe von einem Zimmer in das andere zu gehen! Und wiederum, wo war Frau Pfäfflings Jugendblüte geblieben? Welch deutliche Spuren hatte die Mühsal des Lebens auf ihren feinen Zügen eingegraben!

Aber dieser erste wehmütige Eindruck verwischte sich bald. Schon nach einigen Stunden hatten sie sich an die Veränderung gewöhnt und fanden wieder die geliebten, vertrauten Züge heraus. Es war auch kein Grund zu trauriger Empfindung da, denn die alte Frau hatte keine Schmerzen zu leiden, sie genoß dankbar ein friedliches Alter unter der treuen Pflege der unverheirateten Tochter, die bei ihr und für sie lebte. Und die junge Frau, wenn man Frau Pfäffling noch so nennen wollte, sprach mit solcher Liebe von ihrem großen Familienkreis und schien so gereift durch reiche Lebenserfahrung, daß es allen deutlich zum Bewußtsein kam, das Leben habe ihr mit all seiner Mühe und Arbeit Köstliches gebracht.

Am wenigsten verändert hatte sich Frau Pfäfflings Schwester, Mathilde, die noch ebenso frisch und kräftig erschien, wie vor Jahren. Sie führte die Schwester in das freundliche, sonnig gelegene und wohldurchwärmte Gastzimmer, zog sie an sich, küßte sie herzlich und sagte: »Cäcilie, nun soll dir's gut gehen! Du wirst sehen, wie ich dich pflege!«

»Ich bin ja gar nicht krank, Mathilde.«

»Nein, das ist ja eben das Gute, daß du nur überanstrengt bist. Nichts tue ich lieber als solche abgearbeitete Menschenkinder zur Ruhe bringen und herausfüttern. Es ist eine wahre Lust, zu sehen, wie rasch das anschlägt, da kann man viel erreichen in vier Wochen.«

Frau Pfäffling wurde nachdenklich. »Mathilde,« sagte sie, »kannst du das nicht in drei Wochen erreichen?«

»Warum? Nein, das ist zu kurz, du hast doch vier Wochen Urlaub?«

»Ja, mein Mann und die Kinder denken auch gar nicht anders, als daß ich vier Wochen wegbleibe, aber ich selbst habe mir im stillen von Anfang an vorgenommen, nach drei Wochen zurückzukommen, und habe gehofft, daß du mich darin unterstützest, denn sieh, es ist zu lange, einen solchen Haushalt, Mann, sieben Kinder und ein fast taubes Mädchen zu verlassen. Es kommt so oft etwas vor bei uns!«

»Was soll denn vorkommen? Was fürchtest du?«

»Das kann ich dir nicht sagen, ich weiß es ja selbst nicht vorher, aber es ist so. Bald schreiben die Kinder einen Brief, der unangenehme Folgen haben könnte, bald hört einer nicht auf zu musizieren, wenn er einmal anfängt, und selbst, wenn nichts Besonderes vorkäme, das Alltägliche bringt schon Schwierigkeiten genug: Elschen muß vormittags immer allein die Türe aufmachen und Bescheid geben, das ist unheimlich in einer großen Stadt. Und wenn du immer noch nicht überzeugt bist, Mathilde, dann will ich dir noch etwas sagen: Ich meine, wenn mein Mann einundzwanzigmal mit Karl abends allein am Tisch gesessen ist, so ist das wirklich genug und es wäre an der Zeit, daß ich wieder käme!«

»So sollen wir dich ziehen lassen, ehe nur dein Urlaub abgelaufen ist?«

»Ich habe mir das so nett ausgedacht und freue mich darauf, Mathilde, wenn ich etwa nach zwei Wochen heimschreibe, daß ich schon in der nächsten Woche komme. Du kennst ja meinen Mann, er ist noch gerade so lebhaft wie früher und die meisten unserer Kinder haben sein Temperament. Da gibt es nun bei solch einer Nachricht immer gleich einen Jubel, das solltest du nur einmal mit ansehen und hören können!«

Frau Pfäffling sah im Geist ihre fröhliche Schar, und ein glückliches Leuchten ging über ihr Gesicht. In diesem Augenblick sah sie ganz jugendlich, gar nicht pflegebedürftig aus.

Als die Schwestern das Gastzimmer verließen, hatten sie sich auf drei Wochen geeinigt.

Die ersten Tage vergingen in stillem, glücklichem Beisammensein. Es war für Frau Pfäffling eine Wonne, so ganz ohne häusliche Sorgen bei der Mutter sitzen zu dürfen und zu erzählen. Teilnahme und volles Verständnis war da zu finden für alles, was ihr Leben erfüllte, und doch stand die Mutter selbst schon fast über dem Leben. Einen weiten Weg hatte sie in achtzig Jahren zurückgelegt und nun, nahe dem Ziel, überblickte sie das Ganze wie aus der Ferne. Da sieht sich manches anders an, als wenn man mitten darinsteht. Von der Höhe herab erkennt man, was Irrwege sind oder richtige Wege, und wer hören wollte, der konnte hier manch guten Rat für den eigenen Lebensweg bekommen. Frau Pfäffling war von denen, die hören wollten.

In die zweite Woche ihres Aufenthalts fiel der achtzigste Geburtstag. Zu diesem Familienfest fand sich unter andern Gästen auch Frau Pfäfflings einziger Bruder ein mit seiner Frau und einer fünfzehnjährigen Tochter, einem lieblichen, fein erzogenen Mädchen. Diesen Bruder, der Professor an einer norddeutschen Universität war, hatte Frau Pfäffling auch seit vielen Jahren nimmer gesehen, aber aus der Ferne hatte eines an des andern Schicksal und Entwicklung stets Anteil genommen, und so war es beiden eine besondere Freude, sich einmal wieder ins Auge zu sehen.

»Wir müssen auch ein Stündchen herausfinden, um allein miteinander zu plaudern,« sagte der Bruder während des festlichen Mittagsmahls zu seiner Schwester. Und als nach Tisch, während die Geburtstägerin ruhte, eine Schlittenfahrt unternommen wurde, saßen Bruder und Schwester in einem kleinen Schlitten allein. Hier, im nördlichen Deutschland, lag in diesem Februar noch überall Schnee, die Bahn war glatt, die Kälte nicht streng, die Fahrt eine Lust. Frau Pfäffling sah nach dem Schlitten zurück, in dem mit andern Gästen ihre junge Nichte saß. »Wie reizend ist sie,« sagte Frau Pfäffling, »und so wohlerzogen. Wenn du meine Kinder daneben sehen würdest, kämen sie dir ein wenig ungehobelt vor.«

»Zum Abhobeln hast du wohl keine Zeit, meine Frau hat es leichter als du, sie gibt sich auch viel Mühe mit der Erziehung.«

»Ja, bei sieben geht es immer nur so aus dem gröbsten, und man wird damit oft kaum fertig.«

»Unsere drei haben trotzdem auch ihre Fehler. Sie streiten viel miteinander, wie ist das bei euch?«

»Es kommt auch vor, aber meistens sind sie doch vergnügt miteinander. Sie haben ihres Vaters frohe Natur und sind leicht zu erziehen, nur sollte man sich eben mehr mit dem einzelnen abgeben können.«

»Hat man für die deinigen zu wenig Zeit, so für die unserigen zu viel. Ich fürchte, daß sie gar zu sorgfältig beachtet werden. Jederzeit ist das Fräulein zu ihrer Verfügung, außerdem haben wir noch zwei Dienstmädchen, und mit unserem Jungen werden sie oft alle drei nicht fertig.«

So besprachen die Geschwister in alter Vertraulichkeit miteinander die häuslichen Verhältnisse, und dann wollte Frau Pfäffling Näheres hören über einen Reiseplan, den ihr Bruder schon bei Tisch erwähnt hatte. Er beabsichtigte in den Osterferien eine Reise nach Italien zu machen, dabei durch Süddeutschland zu kommen und die Familie Pfäffling zu besuchen.

An diesen Plan schloß sich noch ein weiterer an, den der Professor nach dieser Schlittenfahrt faßte und zunächst mit seiner Frau allein besprach. Wenn auf der einen Seite viele Kinder waren, auf der anderen wenig, auf der einen Seite Zeit, Bedienung und Geld knapp, auf der andern alles reichlich, warum sollte man nicht einen Ausgleich versuchen? Bruder und Schwägerin machten den Vorschlag, einen der jungen Pfäfflinge auf Jahr und Tag zu sich zu nehmen. Die Sache wurde überlegt, und es sprach viel für den Plan. Frau Pfäffling wollte mit ihrem Mann darüber sprechen, und wenn er einverstanden wäre, sollte der Bruder auf der Osterreise sich selbst umsehen und wählen, welches der Kinder am besten zu den seinigen passen würde. Das Auserlesene sollte er dann auf der Heimreise gleich mit sich nehmen. Mit dieser Aussicht auf ein baldiges Wiedersehen reiste der Bruder mit seiner Familie wieder ab, und in der Umgebung der achtzigjährigen Mutter wurde es still wie vorher.

Frau Pfäffling erhielt treulich Berichte von den Ihrigen, aber sie erfuhr doch nicht alles, was daheim vor sich ging. Ihr Mann hatte die Losung ausgegeben: »Nur was erfreulich ist, wird brieflich berichtet, sonst ist der Mutter der Aufenthalt verdorben, alles andere wird erst mündlich erzählt.« So gingen denn Nachrichten ab über gelungene Mathematikarbeiten und neue Klavierschüler, über einen Maskenzug und Fastnachtskrapfen, über Frieders regelmäßiges Klavierspiel und über der Hausfrau freundliche Teilnahme, aber worin sich zum Beispiel diese Teilnahme Frau Hartwigs gezeigt hatte, das und manches andere blieb verschwiegen.

Mit der Hausfrau hatte sich das so verhalten: Eines Mittags, als Herr Pfäffling von der Musikschule heimkam, sprach ihn Frau Hartwig an: »Haben Sie heute nacht nichts gehört, Herr Pfäffling, nicht ein Stöhnen oder dergleichen?«

»Nein,« sagte Herr Pfäffling, »ich habe gar nichts Auffallendes gehört.«

»Aber es muß doch aus Ihrer Wohnung gekommen sein. Nun ist es schon die zweite Nacht, daß ich daran aufgewacht bin. Kann es sein, daß eines der Kinder so Heimweh hat, daß es bei Nacht laut weint? Aus einem der Schlafzimmer kommt der schmerzliche Ton. Irgend etwas ist nicht in Ordnung, ich habe schon die Kinder danach gefragt, aber nichts erfahren können.«

»Das will ich bald herausbringen,« sagte Herr Pfäffling und ging hinauf. Er fragte zunächst nicht, sah sich aber bei Tisch aufmerksam die Tafelrunde an. Frische, fröhliche Gesichter waren es, die nichts verrieten von nächtlichem Kummer. Oder doch? Ja, eines sah allerdings blaß und überwacht aus, ernst und fast wie von Schmerz verzogen. Das war Anne. Ihr mußte etwas fehlen. Er beobachtete sie eine Weile und machte sich Vorwürfe, daß er das bisher übersehen hatte. Wenn die Mutter dagewesen wäre, die hätte es bemerkt, auch ohne der Hausfrau Mitteilung.

Nach Tisch, als sich die Kinder zerstreut hatten, hielt er die Schwestern zurück.

»Ist dir's nicht gut, Anne?« fragte er.

»O doch!« erwiderte sie rasch und wurde über und über rot.

»Du meinst wohl, in dem Punkt dürfe man lügen,« entgegnete Herr Pfäffling, »weil ich lieber höre, daß du wohl bist. Aber ich möchte doch auch darüber gern die Wahrheit hören.« Da senkte sie schon mit Tränen in den Augen den Kopf, und Herr Pfäffling wußte, woran er war.

»Warum hast du denn geweint heute nacht?« fragte er, »wenn die Mutter nicht da ist, müßt ihr mir euren Kummer anvertrauen.« Das geschah nun auch und er erfuhr, daß Anne wieder an Ohrenschmerzen litt. Diese waren bei Nacht heftig geworden. Marie hatte ihr ein Mittel eingeträufelt, das noch vom vergangenen Jahr dastand, und Umschläge gemacht, aber das hatte alles nichts geholfen und erst gegen Morgen waren die Schwestern eingeschlafen. So war es schon zwei Nächte gewesen. Sie hatten es dem Vater verschweigen wollen, denn Anne mochte nicht zum Ohrenarzt geschickt werden, sie fürchtete die Behandlung, fürchtete auch die große Neujahrsrechnung.

Am Nachmittag saßen aber doch die zwei Schwestern im Wartezimmer des Arztes. Der Vater hatte der Verzagten Mut gemacht und den Schwestern vorgehalten, daß Anne so schwerhörig wie Walburg werden könnte, wenn etwas versäumt würde.

Der Arzt erkannte das Zwillingspaar gleich wieder. Die zwei Unzertrennlichen rührten ihn. Die gesunde Schwester sah gerade so ängstlich aus wie die kranke, sie zuckte wie diese beim Schmerz, und doch kam sie immer als treue Begleiterin. Diesmal konnte er beide trösten. »Es ist nichts Schlimmes,« sagte er, »das gibt keine so böse Geschichte wie voriges Jahr. Aber das alte Mittel schüttet weg, das macht die Sache nur schlimmer. Ich gebe euch ein anderes. Wenn eure Mutter verreist ist, so kommt lieber alle Tage zu mir, ich will es selbst einträufeln. Und sagt nur eurem Vater einen Gruß, und das gehe noch auf die Rechnung vom vorigen Jahr, das ist Nachbehandlung, die gehört dazu.«

Darüber wurden die Schwestern so vergnügt, daß sie anfingen, mit dem gefürchteten Arzt ganz vertraulich zu plaudern. So erfuhr er denn auch, daß Anne nicht so taub werden wollte wie Walburg. »Hört die denn gar nichts mehr?« fragte er.

»Uns versteht sie schon noch, wenn wir ihr etwas recht laut ins Ohr sagen, aber es wird alle Jahre schlimmer.«

»Geht sie nie zum Arzt?«

Davon hatten die Schwestern nicht reden hören, aber sie wußten ganz gewiß, daß man ihr nicht helfen konnte.

»Manchmal kann man so ein Übel doch zum Stillstand bringen,« sagte der Arzt, »schickt sie mir nur einmal her, ich will danach sehen und sagt daheim, das gehe auch noch in die alte Rechnung.«

Die Schwestern konnten gar nicht schnell genug heimkommen, so freuten sie sich, den guten Bescheid dem Vater mitzuteilen. Unverdrossen riefen sie es auch Walburg ins Ohr, bis diese endlich verstand, daß es sich um sie handelte, und ihren Auftrag erteilte: »Sagt nur dem Arzt, wenn euere Mutter zurückkommt, werde ich so frei sein.«

Das nächtliche Stöhnen war bald nimmer zu hören.

Die letzte Woche von Frau Pfäfflings Abwesenheit war angebrochen, zum gestrigen Sonntag hatte sie die fröhliche Botschaft gesandt, daß sie volle acht Tage früher heimkommen würde, als verabredet war.

In dieser Zeit wurde nie, wie sonst manchmal, vergessen, das Blättchen vom Kalender rechtzeitig abzureißen. Sie sollte nur schnell vergehen, diese letzte Februarwoche, zugleich die letzte Woche ohne die Mutter.

»Immer ist das Blatt schon weg, wenn ich zum Frühstück komme,« sagte einmal Karl, »das ist doch bisher mein Geschäft gewesen, wer tut es denn so zeitig? Der Kalender gehört eigentlich mir.« »Ich,« sagte Frieder, »ich habe es manchmal getan.« »Du bist doch gar nicht vor mir zum Frühstück gekommen?« Es wurde noch weiter nachgeforscht, und da stellte es sich heraus, daß Frieder immer schon abends den Kalenderzettel abzog und mit ins Bett nahm. »Du meinst wohl, es kommt dann schneller der 1. März und die Mutter mit ihm?« sagte Karl und wehrte dem kleinen Bruder nicht, dem war ja immer anzumerken, daß er Heimweh hatte. Aber an diesem Montag morgen ging er vergnügt seinen Schulweg mit den Geschwistern, die Heimkehr der Mutter war ja plötzlich so nahegerückt.

Nur Elschen wurde heute die Zeit besonders lang, so allein mit Walburg; ja im Augenblick war sie sogar ganz allein, denn am Samstag hatten die jungen Kohlenträger und Holzlieferanten nicht genügend für Vorrat gesorgt und Walburg mußte hinuntergehen, sich selbst welches zu holen. Während dieser Zeit wurde geklingelt und Elschen lief herzu, um aufzumachen. Ein Herr fragte nach Herrn Pfäffling, dann nach dessen Frau und nach den Geschwistern. Als er hörte, daß sie alle fort seien, bedauerte er das sehr und fragte, ob er wohl ein kleines Briefchen an Herrn Pfäffling schreiben könne, er sei ein guter Bekannter von ihm, und er wolle schriftlich ausmachen, wann er ihn wieder aussuchen würde. Elschen führte den Herrn freundlich in des Vaters Zimmer an den Schreibtisch, wo das Tintenzeug stand. »Es ist gut, liebes Kind,« sagte der Herr, »du kannst nun hinausgehen, daß ich ungestört schreiben kann, den Brief für deinen Vater lasse ich hier liegen.« Elschen verließ das Zimmer. Nach einer ganz kurzen Weile kam der Herr wieder heraus.

»Sind Sie schon fertig?« fragte die Kleine verwundert. Aber sie bekam keine Antwort, der Herr schien große Eile zu haben, ging rasch die Treppe hinunter und hielt sich auch gar nicht bei Walburg auf, die eben heraufkam.

»Wer war da?« fragte diese.

»Bloß ein Herr, der den Vater sprechen wollte,« rief ihr Elschen ins Ohr; weiteres von diesem Besuch zu erzählen war dem kleinen Persönchen zu unbequem, Walburg verstand doch immer nicht recht. Aber beim Mittagessen fiel ihr die Sache wieder ein und sie erzählte sie dem Vater. Dem kam es verdächtig vor. »Wo ist denn der Brief?« fragte er. Ja, wo war der Brief? Nirgends war einer zu finden! Und wo war denn – ja, wo war denn das Geld, das in der kleinen Schublade jahraus, jahrein seinen Platz hatte? Sie standen zu acht herum, der Vater mit allen sieben, mit entsetzten Blicken stierten sie alle in den leeren Raum. Oft schon war er dünn besetzt gewesen, aber so öde hatte es noch nie in dieser Schublade ausgesehen, in die hinein, aus der heraus das kam, was die Familie Pfäffling am Leben erhielt.

Ein Dieb, ein Betrüger, ein schändlicher Mensch hatte sich eingeschlichen, hatte alles Geld genommen, nichts zurückgelassen, keinen Pfennig fürs tägliche Brot!

Walburg wurde hereingeholt und über den »Herrn« ausgefragt. Man brauchte ihr gar nichts ins Ohr zu rufen, die offenstehende leere Schublade, die bestürzten Gesichter sprachen auch für sie deutlich genug; sie wurde kreideweiß im Gesicht und fragte bloß: »Gestohlen?«

Und nun flogen Vorwürfe hin und her.

»Du bist die rechte Pförtnerin, führst den Dieb selbst an den Schreibtisch!« warfen die Brüder der kleinen Schwester vor. »Es war ja gar kein Dieb, es war ein freundlicher Herr,« rief sie weinend. Marie nahm sie in Schutz. »Sie kann nichts dafür, aber ihr, weil ihr kein Holz getragen habt, wegen euch hat Walburg hinunter gemußt!«

»Hätte ich den Schlüssel abgezogen, o, hätte ich ihn doch nicht stecken lassen!« rief Herr Pfäffling immer wieder.

Die sich keinen Vorwurf zu machen hatten, waren am ruhigsten; Frieder wagte zuerst ein Trostwort: »Die Mutter wird schon Geld haben, wir wollen ihr schreiben,« aber der Gedanke an die Mutter schien diesmal niemand zu beruhigen, es war so traurig, zu denken, daß man sie mit solch einer Botschaft empfangen sollte! Karl und Marie hatten leise miteinander gerechnet: »Vater,« sagten sie jetzt, »wir alle zusammen haben doch noch genug für eine Woche, und am 1. März kommt wieder dein Gehalt. Wir sparen recht.«

»Ja, ja,« sagte Herr Pfäffling, »verhungern müssen wir nicht, ich habe auch noch etwas im Beutel, aber alles, was für die Miete und für die Steuer zurückgelegt war, ist weg, und wenn ich meinen Schlüssel abgezogen hätte, wäre vielleicht alles noch da!« Er rannte aufgeregt hin und wieder, bis ihn ein Wort Walburgs stillstehen machte, das Wort: Polizei. Es war ja eine Möglichkeit, daß der Dieb ausfindig gemacht werden und ihm das Geld wieder abgenommen werden konnte. Ja, sofort Anzeige auf der Polizei, das war das einzig richtige. Elschen sollte mit, um den Eindringling zu beschreiben. Nur schnell, nur schnell, schon waren viele Stunden verloren!

Kaum wollte sich der Vater gedulden, bis die Kleine gerichtet war. Sie setzten sie rasch auf den Stuhl, vor ihr knieten die Schwestern, jede knöpfte ihr einen Stiefel an, Walburg brachte Mantel und Häubchen, die Brüder wollten ihr die Handschuhe anziehen, machten es verkehrt, erklärten dann Handschuhe für ganz übertrieben und die Kleine sprang ohne solche dem Vater nach, der schon an der Treppe stand und nun mit so langen Schritten die Frühlingsstraße hinunterging, daß das Kind an seiner Hand immer halb springend neben ihm hertrippeln mußte.

Von der Polizei brachten sie günstigen Bescheid zurück. Ein junger Musiker, der angeblich Arbeit suchte, war am Tag vorher auf Bettel betroffen worden und mochte wohl der Missetäter sein. Man hoffte, ihn aufzufinden.

Es war gut, daß am gestrigen Sonntag ein Brief an Frau Pfäffling abgegangen war, denn heute und in den folgenden Tagen hätte niemand schreiben mögen. So aber kam es, daß sie gerade, während ihre Lieben in großer Trübsal waren, einen dicken Brief von ihrem Mann erhielt, aus dem ihr eine ganze Anzahl Briefblättchen entgegen flatterten, alle voll Jubel über das unerwartet nahe Wiedersehen. Jedes der Kinder hatte seine Freude selbst aussprechen wollen. Nicht die leiseste Ahnung sagte Frau Pfäffling, daß die Stimmung daheim inzwischen vollkommen umgeschlagen war.

Herr Pfäffling ging gleich am nächsten Morgen auf die Polizei, um sich zu erkundigen. Er erfuhr, daß bisher vergeblich nach dem jungen Musiker gefahndet worden war. Als er aber am Nachmittag nochmals kam und ebenso am nächsten Tag in frühester Morgenstunde auf der Polizei erschien, wurde ihm bedeutet, daß er sich nicht mehr bemühen möchte, es würde ihm Nachricht zukommen.

Darüber verstrich die halbe Woche und der Gedanke, daß man die Mutter mit einer so unangenehmen Botschaft empfangen sollte, ließ gar nicht die rechte Freude des Wiedersehens aufkommen. Herr Pfäffling war unschlüssig, ob er die Nachricht nicht doch vorher schriftlich mitteilen sollte, zögerte aber noch immer in der Hoffnung auf Festnahme des Diebes und fand endlich, als er sich zum Schreiben entschloß, daß der Termin doch schon verpaßt sei und der Brief erst nach der Abreise seiner Frau ankommen würde. So blieb denn nichts übrig, als der Heimkehrenden schonend die Hiobspost mitzuteilen.

Für Frau Pfäffling war die Abschiedsstunde gekommen. »Ich wundere mich,« sagte sie zu Mutter und Schwester, »daß ich nicht noch einen letzten Gruß von daheim bekommen habe. Es wird doch alles in Ordnung sein?«

»Alles ist nie in Ordnung, wenn die Hausfrau fort war,« sagte die Mutter, »auch dann nicht, wenn die daheim es meinen. Laß dir nur das Wiedersehen nicht verderben, wenn du nun siehst, daß manches in Unordnung geraten ist während deiner Abwesenheit. Unser Zusammensein hier war so schön, das ist doch auch eines Opfers wert.«

»Ja,« sagte die Schwester, »du hast ja selbst gesagt, daß jeden Tag irgend etwas Ungeschicktes vorkommt bei deinen Kindern, auch wenn du daheim bist. Einundzwanzig Tage warst du fort, also so lang du nicht mehr als einundzwanzig Dummheiten entdeckst, darfst du dich gar nicht beklagen, darfst nicht behaupten, daß dein Wegsein daran schuld ist, und nicht gleich erklären: ich reise nie mehr.«

Frau Pfäffling lag freilich in dieser Abschiedsstunde der Gedanke sehr fern, nie mehr reisen zu wollen, nie mehr hieher zu kommen. Sie riß sich mit schwerem Herzen los von dem geliebten Mütterlein, von der Schwester, die sie so treulich gepflegt hatte, und das Wort »auf Wiedersehen« war ihr letzter Gruß aus dem abfahrenden Zug, als sie die weite Heimreise antrat.

Noch immer war es draußen in der Natur kahl und winterlich, die drei Wochen waren anscheinend spurlos vorübergegangen, noch war nirgends ein Keimen und Sprossen, eine Frühlingsandeutung zu bemerken. Und doch schien ihr die Zeit so weit zurück zu liegen, seitdem sie hieher gereist war! Jetzt war ihr Herz noch vom Abschiedsweh bewegt, und doch rührte sich schon und drängte gewaltig in den Vordergrund die Freude auf das Wiedersehen mit Mann und Kindern. Wohl dem, der so von Lieben zu Lieben kommt, der ungern entlassen und mit Wonne empfangen wird. Wer kann sich reicher fühlen als so eine Frau, die von daheim nach daheim reist?

Den Kindern hatte der Schrecken wegen des abhanden gekommenen Geldes doch nicht lange die Freude auf das Heimkommen der Mutter verderben können. Die Kleinen hatten das fatale Ereignis ohnedies von Montag bis Samstag schon halb vergessen. Die Großen dachten ja wohl noch daran, aber doch mit dem unbestimmten Gefühl, daß die Mutter um so mehr her gehöre, je schwieriger die Lage im Haus war.

Herr Pfäffling sah auch nicht aus wie einer, der sich nicht freut, als er am Samstagmittag, gleich von der Musikschule aus an den Bahnhof eilte. Er kam dort fast eine Viertelstunde zu frühe an, lief in ungeduldiger Erwartung der Kinder, die von der Schule aus kommen sollten, vor dem Bahnhofgebäude hin und her und winkte mit seinen langen Armen, als er in der Ferne zuerst Wilhelm, dann Karl und Otto auftauchen sah.

Er hatte angeordnet, daß nicht alle Kinder die Mutter am Bahnhof begrüßen sollten. »Sie ist den Tumult nicht mehr gewöhnt,« sagte er, »und soll nicht gleich so überfallen werden. Marianne kann uns bis an den Marktplatz entgegenkommen, Frieder bis an die Ecke der Frühlingsstraße und Elschen soll die Mutter an der Treppe empfangen, denn etwas Liebes muß auch noch zu Hause sein.«

So war es denn festgesetzt worden, daß bloß die drei Großen mit dem Vater an die Bahn kommen sollten, aber bis zum Zug selbst durften auch sie nicht vordringen, das wahrte sich Herr Pfäffling als alleiniges Vorrecht. Sie standen alle drei spähend hinter dem eisernen Gitter, während der Zug einfuhr, entdeckten die Mutter schon, als sie noch aus dem Wagenfenster forschend nach ihren Lieben aussah, und bemerkten, wie sich dann plötzlich ihre Züge verklärten, als sie den Vater erblickte, der, dem Schaffner zuvorkommend, die Türe ausriß und mit froher Begrüßung seiner Frau aus dem Wagen half.

Mitten im Menschengewühl und Gedränge gab es ein glückliches Wiedersehen und Willkommenheißen und der kleine Trupp schob sich durch die Menge hinaus auf den Bahnhofsplatz. Schwester Mathilde hätte zufrieden sein können mit ihrem Erfolg, denn die Verwunderung über der Mutter frisches, rundliches Aussehen kam zu einstimmigem Ausdruck und hätte noch nicht so schnell ein Ende gefunden, wenn nicht Frau Pfäfflings ängstlich klingende Frage dazwischen gekommen wäre, ob die Kinder alle und auch Walburg gesund seien. Als sie die Versicherung erhielt, daß sich alle frisch und wohl befänden wie bei ihrer Abreise, da kam aus erleichtertem Herzen ein dankbares: Gottlob!

»Ich habe schon gefürchtet, da keine Karte kam, es möchte eines von euch krank sein,« sagte sie. »Nein, das war nicht der Grund, warum ich nimmer geschrieben habe,« entgegnete Herr Pfäffling und seine Antwort lautete ein wenig bedrückt. Sie bemerkte es. »Alles andere, was etwa vorgekommen ist, bekümmert mich gar nicht,« sagte sie und drückte glücklich die Hand ihres Mannes. Das freute ihn. »Hört nur, Kinder,« sagte er lachend, »die Mutter ist ordentlich leichtsinnig geworden auf der Reise.« So kamen sie, fröhlich plaudernd, bis zum Marktplatz, wo ganz brav, der Verabredung gemäß, die zwei Schwestern gewartet hatten und jetzt der überraschten Mutter jubelnd in die Arme flogen.

Nun nahmen diese beiden der Mutter Hände in Beschlag, bis sie an der Ecke der Frühlingsstraße von einem andern verdrängt wurden. Dort hatte Frieder gewartet und ausgeschaut, schon eine gute Weile. Aber in dem Augenblick, als die Familie um die Ecke bog, sah er doch gerade in anderer Richtung.

»Frieder!« rief ihn die Mutter an. Da wandte er sich. »Mutter, o Mutter!« rief er, drückte sich an sie und schluchzte. Sie küßte ihn zärtlich und sagte ihm freundlich: »Warum weinst du denn, mein kleines Dummerle, wir sind ja jetzt wieder beisammen!«

»O, du bist so lang, so furchtbar lang fort geblieben!« sagte er, aber die Tränen versiegten schon, verklärt sah er mit noch nassen Augen zu ihr auf, ging dicht neben ihr her und ließ ihre Hand nicht los, bis sie, im Hausflur angekommen, wieder beide Arme frei haben mußte, um darin die Jüngste aufzufangen, die ihr in lauter Freude entgegensprang und schon auf der Treppe mit fröhlichem Plappermäulchen erzählte, daß soeben zum Empfang eine Torte geschickt worden sei von Fräulein Vernagelding, und daß Frau Hartwig einen großen, großen Kaffeekuchen gebacken habe.

Unter ihrer Küchentüre stand Walburg und sah noch ernster aus als sonst. Sie hatte die ganze Woche bei Tag und Nacht den Verlust nicht vergessen können, an dem nach ihrer Überzeugung nur sie allein schuld war. Was konnte man von Kindern erwarten? Auf sie hatte sich Frau Pfäffling verlassen, ihr hatte sie das Haus übergeben, und wenn sie nicht die Kleine allein im Stockwerk gelassen hätte, so wäre kein Unglück geschehen.

Walburg hatte nicht an die Möglichkeit gedacht, daß Frau Pfäffling auf dem langen Weg von der Bahn bis zum Haus noch nichts von dem Ereignis erfahren hätte. Sie erwartete, daß Frau Pfäfflings erstes Wort ein Vorwurf sein würde. Den wollte sie hinnehmen, aber ein anderes Wort fürchtete sie zu hören, das sie schon einmal schwer getroffen hatte, das Wort: »ich will lieber eine, die hört!« Darum stand sie so starr und stumm, daß Frau Pfäffling fast an ihr erschrak, als sie nun an der Küchentüre vorüber kam. Einen Augenblick durchzuckte sie der Gedanke: es ist doch etwas Schlimmes vorgefallen, aber im nächsten Moment sagte sie zu sich selbst: nein, du hast es nur vergessen, wie groß, wie ernst, wie stumm sie ist, und sie reichte dem Mädchen mit herzlichem Gruß die Hand. Walburg hörte den Gruß nicht, aber den Händedruck, den freundlichen Blick deutete sie sich als Verzeihung; es wurde ihr leicht ums Herz, die Dankbarkeit löste ihr die Zunge und ihr Gegengruß schloß mit den Worten: »einen Lohn nehme ich nicht für das Vierteljahr.«

Das waren freilich unverständliche Worte für Frau Pfäffling, aber ehe sie noch nach Erklärung fragen konnte, wurde sie von den Kindern angerufen: »Dein Koffer kommt, wohin soll er gestellt werden?« Sie ließ ihn in das Schlafzimmer bringen und nahm aus ihrem Täschchen ein Geldstück für den Dienstmann. Frieder, der neben ihr stand, sah begierig in den offenen Geldbeutel. »Die Mutter hat noch viel Geld,« rief er freudig den Geschwistern zu. »Seit wann fragt denn mein Frieder nach Geld?« sagte Frau Pfäffling und bemerkte, als sie aufsah, daß die Großen ihm ein Zeichen machten, still zu sein. Einen Augenblick blieb sie nachdenklich, dann war es ihr klar: am Geld fehlte es. Man hatte zu viel verbraucht in ihrer Abwesenheit, und Walburg machte sich darüber Vorwürfe. Aber viel konnte das in drei Wochen nicht ausgemacht haben, dadurch sollte kein Schatten auf das Wiedersehen fallen.

»Ja, ich habe noch Geld,« sagte sie heiter zu den Kindern, »aber nun kommt nur, der Vater wartet ja schon, und der Tisch ist so schön gedeckt, Walburg hat gewiß etwas Gutes gekocht.«

Nun standen sie alle um den großen Eßtisch. »Heute betet die Mutter wieder,« sagte der Vater, »wir wollen hören, was ihr erstes Tischgebet ist.«

»Ich habe mich schon unterwegs auf diese Stunde gefreut,« sagte Frau Pfäffling und sie sprach mit innerer Bewegung:

»Von Dank bewegt, o Gott, wir heute
Hier vor dir stehen!
Du schenkest uns die schönste Freude,
Das Wiedersehen.
Nun gehn wir wieder eng verbunden
Durch Lust und Leid,
In guten und in bösen Stunden
Gib uns Geleit!«

Zur Feier des Tages hatte Walburg nach Tisch für die Eltern Kaffee machen müssen, im Musikzimmer hatten die Kinder ein Tischchen dazu gedeckt. »Sollen wir den Kaffee gleich bringen?« fragte Marie. »Ja,« sagte die Mutter. »Nein, erst wenn ich rufe,« fiel Herr Pfäffling ein und schickte die Kinder hinaus. »Zuerst kommt etwas anderes,« sagte er nun zu seiner Frau, »zuerst kommt meine Beichte,« und er führte sie an den Schreibtisch und zog die kleine leere Schublade auf, deckte auch das leere Käßchen auf, in dem sonst das Ersparte lag. Dieser Stand der Dinge war schlimmer, als Frau Pfäffling gefürchtet hatte. »Ich habe schon geahnt, daß mit dem Geld etwas nicht in Richtigkeit ist,« sagte sie, »aber daß gar nichts mehr da ist, hätte ich doch nicht für möglich gehalten, wie kann man denn nur so viel verbrauchen, das brächte ich ja gar nicht zustande!«

»Verbrauchen? Nein, verbraucht ist das Geld nicht, wir haben redlich gespart; gestohlen ist es, gestohlen!«

Herr Pfäffling erzählte den Hergang und auch, daß er gestern die Nachricht erhalten habe, der Dieb sei wegen mehrerer Schwindeleien festgenommen, aber das Geld habe er verspielt. Es war keine Hoffnung mehr, es zurück zu erhalten. Aber unentbehrlich war es und mußte auf irgend eine Weise wieder hereingebracht werden.

Eine lange Beratung folgte zwischen den beiden Gatten. Der Schluß derselben war, daß Herr Pfäffling lebhaft rief: »Ja, so kann es gelingen, das ist ein guter Plan!« Und fröhlich klang sein Ruf hinaus: »Jetzt, Kinder, den Kaffee!«

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