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Die Familie Gogo

Charles Paul de Kock: Die Familie Gogo - Kapitel 8
Quellenangabe
pfad/kock/famigogo/famigogo.xml
typefiction
authorPaul de Kock
titleDie Familie Gogo
publisherRieger'sche Verlagsbuchhandlung
printrunDritte Auflage
year1861
translatorHeinrich Elsner
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20091104
projectidf92e4863
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Siebentes Kapitel.

Veränderte Lage

Ein Monat war seit dem Besuche des Vetters Brouillard bei Rosa-Maria's Vater verstrichen. In dem kleinen Hause des Landmannes war die Ankunft eines Parisers ein Ereigniß gewesen, welches die gewöhnliche Einförmigkeit des Lebens unterbrochen hatte. Nunmehr verrichtete der Ackersmann wieder wie vorher seine Arbeit und die alte Marie ihre Geschäfte im Hause. Rosa-Maria nähte und pflegte die Blumen des Gartens; ein Tag verging wie der andere, der kommende wie der verflossene. Diese für Manche einförmige Existenz scheint Andern angenehm. Alles im Leben ist Gewohnheit, es handelt sich nur darum, daß man sich bei dem, was man treibt, glücklich fühlt; ist dieses der Fall, so ist man sehr glücklich, wenn man auch immer nur das Nämliche thut.

Rosa-Maria ging bisweilen nach Fontainebleau, um Stickereien zu holen oder hinzutragen; sie blieb aber immer so kurz als möglich in der Stadt; sie hielt sich auch nicht mehr unterwegs auf, ging nicht mehr durch den Wald, sondern kehrte jedesmal schnell zu ihrem Vater zurück.

Das junge Mädchen hatte indessen die Begegnung mit den beiden Räubern fast ganz vergessen und fühlte durchaus keine Angst mehr, wenn sie am Walde vorbeiging. Schleicht die Liebe sich in unser Herz, so hat sie bald die Furcht verdrängt. Die Liebe ist von allen Gefühlen das kühnste; bieten wir ihretwegen nicht jeden Tag mit heiterer Miene den größten Gefahren Trotz, setzen wir ihretwegen nicht unser Leben, unsern Ruf, unser Vermögen und unsere Gesundheit aufs Spiel? Wie viele Thorheiten, verwegene Unternehmungen und kühne Handlungen hättet ihr nicht begangen, wenn euer Herz frei gewesen wäre; aber für ein Paar schöne Augen, einen süßen Kuß und die Aussicht auf ein zärtliches Stelldichein habt ihr sie ohne Bedenken gewagt.

Besonders den Frauen verleiht die Liebe einen Muth, eine Kühnheit und Verwegenheit, die unserer alten Ritter würdig wäre! Wie viele Bände könnte man damit anfüllen, wenn man alle Umstände anführen wollte, wo die Damen eine Tapferkeit, eine Kaltblütigkeit und eine Geistesgegenwart an den Tag gelegt haben, die bei den Männern nie in so hohem Grade zu finden ist! Während drei Viertheile ihres Lebens setzen sie, ohne sich zu bedenken, ihren Ruf, ihre Ruhe, ihre Zukunft, oft sogar ihr Dasein für einen Augenblick des Glücks ober um die Gegenwart ihres Geliebten zu genießen, aufs Spiel. Da sie fast immer unbesonnen und unklug sind, muß der Mann, welchen sie lieben, sich vernünftiger zeigen und sie zurückhalten, indem er sie auf die ihnen drohende Gefahr aufmerksam macht. Aber weit entfernt, ihm für seine Besorgniß um sie dankbar zu sein, werfen ihm diese Damen Mangel an Liebe vor, weil er der Vernunft Gehör gibt.

Mit all' diesen schönen Eigenschaften ist übrigens kein Ruhm zu ernten, im Gegentheil müssen die Damen ein Geheimniß daraus machen, denn gerade einer im Verborgenen gepflogenen Neigung wegen zeigt sich dieses irrthümlich als so schwach bezeichnete Geschlecht oft so stark und so verwegen.

So hätte auch Rosa-Maria, die dem Anscheine nach so bescheidene und in ihrem Wesen so schüchterne, sanfte Jungfrau, wahrscheinlich den Räubern Trotz geboten, und sich ohne Zittern auf die dunkelsten Pfade des Waldes gewagt, wenn sie hätte hoffen können, dort den jungen Maler zu treffen, welcher ihr Bildniß gemalt hatte. Aber sie wußte, daß er nicht dort war; Leopold hatte ihr mehrmals wiederholt, es werde, wenn er in diese Gegend zurückkomme, sein Erstes sein, sich in das Dorf Avon zu begeben und sich ihrem Vater vorzustellen.

Außerdem hatte auch Rosa-Maria ihrem Vater versprochen, nicht mehr allein in den Wald zu gehen, und wir müssen voraussetzen, daß sie ihr Versprechen gehalten hätte, selbst wenn der junge Leopold wieder am Fuße der Felsen gemalt haben würde.

Doch die Zeit verstrich, ohne den von Rosa-Maria in der Tiefe ihres Herzens gewünschten Besuch herbeizuführen. Mehr als einmal hatte die Jungfrau im Sinne gehabt, mit Hieronymus von der Bekanntschaft zu sprechen, die sie im Walde gemacht hatte; sie dachte, ein Kind dürfe keine Geheimnisse vor seinem Vater haben, besonders, wenn dieser so gütig und nachsichtig ist. Aber so oft sie von dem jungen Maler anfangen wollte, hielt ihr eine ihr unbegreifliche Empfindung und Verlegenheit die Worte auf der Junge zurück, und Rosa verschob dieses Bekenntniß, das sie zwar zu machen wünschte, vor dem sie sich aber zugleich fürchtete, immer wieder.

Leopold hatte zu Rosa-Maria gesagt, es werde nicht mehr als ein Monat bis zu seiner Rückkehr nach Fontainebleau vergehen; dieser Zeitraum war jedoch verflossen, ohne daß der Künstler sich im Dorfe gezeigt hätte.

Die Jungfrau, deren Bildniß er gemalt hatte, brachte einen großen Theil ihrer Zeit am Fenster sitzend zu, denn dieses Fenster ging auf die Chaussée nach Fontainebleau und gewährte eine weite Aussicht, so daß man die auf Avon zuwandelnden Reisenden lange vorher bemerken konnte, ehe sie die ersten Häuser des Dorfes erreichten. Rosa-Maria arbeitete, aber sie erhob die Augen oft von ihrem Geschäfte, um auf die Chaussée zu schauen, dann senkte sie die Blicke wieder traurig auf ihre Nadel hinab; schwere Seufzer entrangen sich ihrer Brust und sie sprach zu sich: »Er wird nicht mehr kommen! Vielleicht hat er mich schon vergessen, vielleicht sieht er mein Bild nicht mehr an ... ach, ich will ihn auch vergessen ... es ist aus ... ich will nicht mehr an ihn denken.« Und in derselben Minute blickte das junge Mädchen von Neuem auf die Chaussée hinaus und spähte so weit es ihr möglich war in die Ferne.

Hieronymus sah, daß seine Tochter nicht mehr so heiter und fröhlich und weit öfter in Gedanken versunken war als früher; aber er mochte sich nicht mehr hierüber äußern, weil er zu bemerken glaubte, daß seine Fragen sie verlegen machten und ihr wehe thaten. Außerdem hatte der Landmann immer denselben Gedanken: er war überzeugt, daß sich seine Tochter auf dem Dorfs langweile und ihn zu sehr liebe, um ihm dieses zu gestehen.

Rosa langweilte sich aber nicht, denn man kennt diese Empfindung gar nicht, wenn das Herz von Liebe erfüllt ist, und das ist sogar die zuverlässigste Entschädigung, welche uns diese Leidenschaft zum Ersatze für die vielen Qualen, die sie uns verursacht, gewählt; aber Rosa-Maria fühlte mit jedem Tage die Hoffnung auf ein Wiedersehen des jungen Mannes, dessen Blicke und Worte ihr Herz gerührt hatten, mehr und mehr schwinden. Die hoffnungslose Liebe ist ein langsam zerstörendes und verzehrendes Gift. Dabei besaß die Jungfrau nicht einmal das gewöhnliche Zufluchtsmittel der Verliebten zur Erleichterung ihrer Seele: sie konnte nicht von ihrem Grame sprechen, weil Niemand ihr Vertrauen besaß. Im siebenzehnten Jahre seine Liebe und sein Geheimniß für sich behalten, das ist eine schwere Last! Eine Freundin wäre für Rosa ein gar kostbares Gut gewesen! Sie hätte den Kummer derselben getheilt, ihre Hoffnungen belebt; sie hätte begriffen, warum das arme Kind seufzte, ohne lange nöthig zu haben, dasselbe darum zu befragen; denn hauptsächlich zur Linderung der Liebesleiden hat die Vorsehung die Freundschaft geschaffen!

Aber Hieronymus' Tochter hatte keine Freundinnen im Dorfe. Die jungen Mädchen ihres Alters, welche unwissend und roh geblieben waren, hatten mit neidischem Blicke ihre Anmuth, ihre artigen Manieren und die Fähigkeiten ihres Geistes sich entwickeln sehen. Statt ihr nachzuahmen, statt sie als Beispiel vor Augen zu haben, hatten sie es für einfacher gehalten, sich von der, welche sie mit Mißgunst betrachteten, zurückzuziehen ... man ist auf dem Lande nicht besser als in der Stadt: im Gegentheil, die Bösartigkeit ist dort, da man weniger aufgeklärt ist, um so gefährlicher.

So wurde die schöne Rosa-Maria immer träumerischer, die Rosen ihrer Wangen erblaßten und kein Lächeln trat mehr auf ihre Lippen, außer wenn sie ihren Vater gewahrte, vor welchem sie ihre Traurigkeit zu verbergen suchte.

Dieses war die Lage der Tochter des guten Landmannes, als eines Nachts, während die Bewohner Avons noch in tiefem Schlafe lagen, eine auffallend flackernde Helle plötzlich einen Theil des Dorfes erleuchtete.

Bald darauf ließ sich vereinzeltes Geschrei hören, dann nahm der Lärm zu, Stimmen riefen um Hülfe, die Landleute erwachten, die Fenster wurden geöffnet und man sah mitten in der Nacht voll Entsetzen einen strahlend hellen Himmel und die vom Wiederschein der Flammen erleuchteten Häuser.

»Es brennt! es brennt!« schreit man von allen Seiten, und bei diesem unheilvollen Rufe steigt Jeder von seinem Lager; der Schrecken hat die Ruhe verscheucht. Hieronymus ist einer der Ersten, die erwacht sind, er geht hinunter und erkundigt sich.

»Wo brennt es?« fragt er. – »Man glaubt bei Vater Thomassin in dem schönen Meierhofe, den er voriges Jahr hat bauen lassen ... er hat vor wenigen Tagen erst sein Getreide und sein Heu eingeheimst.«

Hieronymus will weiter nichts hören: er zieht schnell seine Jacke und seine Blouse an. Rosa und die alte Marie eilen erschrocken herbei.

»Was gibt es denn, Vater?« – Was ist denn geschehen, Herr? – »Was es gibt? ... in Thomassins, meines alten Freundes, Meierhof brennt es!« – O mein Gott! – »Und Ihr geht hin, Vater?« – Glaubst Du denn, liebes Kind, ich werde ruhig in meinem Bette bleiben, während das Haus meines Freundes brennt? ... da wäre ich ja ein feiger Tropf oder ein Unmensch. Ich gehe, um Hülfe zu leisten; ihr bleibt hier, man braucht euch nicht: Du, Rosa, bist zu jung, Du, Marie, bist zu alt; überdies wird es an thätigen Armen nicht fehlen! – »Setzt Euch doch keiner Gefahr aus, lieber Vater!« – Sei unbesorgt.«

Hieronymus hat bereits sein Haus verlassen und eilt dem Schauplatze des Brandes zu, wohin ihm übrigens fast alle männlichen Einwohner des Dorfes folgen. In einem solchen Falle sind die Nachbarn stets zum Beistand bereit. Geschieht es wohl aus Menschlichkeit oder aus Furcht, daß, wenn die Feuersbrunst um sich greife, diese auch ihr Haus verzehren könnte? Besser, man glaubt das Erstere.

Rosa und Marie bleiben unter der Hausthüre zurück; sie beobachten angstvoll das Umsichgreifen der Flammen, die bisweilen mit schauerlicher Hast in die Höhe steigen und dem Himmel eine röthliche Helle verleihen; sie flehen zu Gott, er möchte dem Brande Einhalt thun und verhindern, daß Hieronymus, dessen Unerschrockenheit sie kennen, nicht das Opfer seines Eifers und seiner Aufopferung für den Pächter Thomassin werde.

Zwei Stunden lang scheint der Brand, weit entfernt, abzunehmen, sich immer noch mehr auszudehnen. Einige Kinder und Bäuerinnen, welche in der Nähe der Brandstätte gewesen, kamen mit dem Geschrei zurück: »Die ganze Scheune ist verbrannt! Ach Gott, welches Unglück!« – Und ein großer Theil des Wohnhauses! – »Vater Thomassin ist zu Grunde gerichtet! Der hat Mißgeschick ...« – Ist Jemand dabei umgekommen? – »Zwei Kühe und die Dienstmagd Maria-Johanna!« – Ich habe gehört drei Kühe und keine Magd. – »Ach! also noch größerer Verlust! der arme Mann!« – Bah! man kann noch gar nichts wissen: es brennt ja noch immer! ... Die Spritzenmänner von Fontainebleau sind gekommen, aber sie haben gesagt, der Meierhof könne nicht mehr gerettet werden. – »Mir hat man gesagt, das ganze Dorf werde verbrennen ... es wird gut sein, wenn wir unsere Habseligkeiten zusammenpacken.«

Rosa-Maria hörte bebend zu; aber die alte Marie sagte leise zu ihr: »Glaubt nicht an dieses Geschwätz, Mamsell; ich wette, sie wissen nicht mehr als wir, allein die Menschen haben eine fürchterliche Vorliebe, ein Unglück zu vergrößern!«

Endlich fängt der Tag an zu grauen, und zu gleicher Zeit scheint die Gewalt des Feuers abzunehmen.

»Das Feuer nimmt ab!« ruft Rosa freudig aus. – »Nein,« versetzt eine Bäuerin, »nur die Tageshelle nimmt zu, und da sieht man die Flamme nicht mehr so deutlich, weiter ist es nichts!«

Rosa hatte sich indessen nicht getäuscht, der Brand ließ allmählig nach, ein dicker Rauch folgte der Flamme, und als dieser sich zertheilt hatte, wurde der Himmel klar. Jetzt erst kehrte Hieronymus schweißtriefend, mit ganz durchnäßten und da und dort verbrannten Kleidern und einer ziemlich großen Wunde an der Stirne zu seiner Tochter zurück. Sein Erstes ist, auf sein Kind zuzueilen und es zu küssen.

»Mein guter Vater! ... ach, da seid Ihr endlich,« ruft Rosa, ihren Vater in die Arme schließend, aus. »Ach! ich war in Angst um Euch ... aber Ihr seid ja an der Stirne verwundet!«

– Es ist nichts, liebe Kleine, ein Ritz, kaum der Mühe werth. daß man davon spricht! – »Und wie geht's bei Thomassins?«

– Glücklicher Weise ist Niemand umgekommen. Ich habe die Maria-Johanna noch bei Zeit herausgezogen; sie ist mit ein paar Brandmalen davongekommen! – »Gott sei gedankt!« – Das Unglück ist also nicht so groß, wie man Anfangs glaubte, Herr?

– »Das Unglück,« sagte Hieronymus mit einem tiefen Seufzer, »ist groß genug. Doch ich muß ein wenig ausruhen ... ich will mich auf mein Bett legen, und bei meinem Erwachen habe ich Dir ein Wörtchen zu sagen, Röschen, hörst Du? denn dieses Ereigniß ... Allein ich will suchen, ein bischen zu schlafen, im Schlafe kommen Einem oft gute Gedanken, wie man sagt ... gehe, ruhe auch Du noch ein Paar Stunden aus, liebes Kind, Du bedarfst es.«

Rosa gehorchte, aber in ihr Zimmer zurückgekehrt, fühlte sie, daß es ihr unmöglich werden würde, Ruhe zu finden; der Ausdruck von Traurigkeit, welcher die Stirne ihres Vaters verdüsterte, als er die Worte zu ihr sprach: »›bei meinem Erwachen habe ich Dir ein Wörtchen zu sagen‹« hatte sie mit Schrecken erfüllt. Sie begriff, daß man Antheil an dem Unglück seines alten Freundes nehme; wenn man aber durch seinen Muth beigetragen hat, einem Unglück Einhalt zu thun, wenn man sein Leben ausgesetzt hat, um das eines Nebenmenschen zu retten, darf man mit sich zufrieden sein, und es ist kein Grund da, daß sich Traurigkeit in unsern Zügen male.

Diesen Betrachtungen gab sich das junge Mädchen hin, indem sie ungeduldig das Erwachen ihres Vaters erwartete. Endlich erschien Hieronymus, er dachte nicht mehr an die Anstrengungen der Nacht, aber die gewöhnliche Heiterkeit strahlte nicht aus seinen Blicken, und ohne ein Wort zu sagen, setzte er sich neben seine Tochter und sah sie seufzend an.

»Mein Gott, was ist Euch denn, Vater?« ruft Rosa beunruhigt aus; »ich habe Euch noch nie mit so betrübter Miene gesehen ... ist Euch denn ein Unglück begegnet?« – Ja, mir ... und hauptsächlich Dir, liebe Kleine! – »Mir? ... das verstehe ich nicht.« – Ich will Dir Alles erzählen, mein Kind, denn Du mußt es doch früher oder später erfahren, damit ... denn ... schau' ... Ich verwirre mich! ... ich will Dir die Sache also ohne Umschweife mittheilen: durch Thätigkeit und Sparsamkeit war es mir gelungen, ein hübsches Sümmchen, mit einem Wort zehntausend Franken zusammenzubringen ... ja, meine Tochter, zehntausend Franken freies Geld ... ah, der Tausend! sie waren die Frucht fünfzehnjähriger Arbeit ... und dieses Geld hatte ich für Dich zusammengespart ... – »Für mich, lieber Vater?« – Ja, liebes Kind, das war Dein Heirathsgut ... es war zwar kein Vermögen, aber es wäre doch bei einem geordneten, fleißigen Gatten genug zur ersten Einrichtung gewesen. Wohlan, meine arme Tochter, diese Summe ... ach! ich hatte nicht daran gedacht, sie auf Interessen anzulegen ... ich verstehe nichts von Geldgeschäften ... diese Summe also bewahrte ich in einer Ecke auf, so wuchs sie an; denn weit entfernt, sie zu berühren, sagte ich immer zu mir: »›Das ist das Heirathsgut meiner Tochter, es muß sich vermehren, darf sich aber nie vermindern ...‹« – Mein gutes Väterchen! – »Laß mich ausreden, mein Kind. Vor einem Jahre, Du wirst Dich dessen erinnern, erlitt Thomassin ein großes Unglück; eine noch bedeutendere Feuersbrunst als die in der letzten Nacht verzehrte seinen ganzen Meierhof und machte ihn und seine Kinder obdachlos; die armen Leute mußten Geld haben, um ihre Wohnung wieder aufbauen zu lassen, um ihre Geschäfte wieder beginnen zu können, und Niemand lieh ihnen welches, weil man sie für zu unglücklich hielt! Meiner Treu'! da kam mir der Gedanke, sie zu unterstützen ... und ich brachte ihnen das zu Deiner Mitgift bestimmte Geld, um ihr Haus wieder aufbauen zu lassen.« – O! da habt Ihr ganz Recht gethan, lieber Vater. – »Du billigst es? ... um so besser ... o, ich weiß es wohl, daß Du es ebenso gemacht hättest wie ich! Ich wußte, daß Thomassin ein rechtschaffener Mann ist und es sich werde angelegen sein lassen, mir das Geld heimzuzahlen, sobald seine Geschäfte wieder im Gang sein würden ... und schau', gerade heuer war der Sommer gut und die Getreideernte vortrefflich! ... Erst vor wenigen Tagen sagte Thomassin zu mir: »›Nachbar, in einigen Wochen kann ich Euch schon tausend Thaler heimgeben ...‹« Der arme, gute Mann ... er konnte die Ereignisse nicht voraussehen! ... Du weißt, was ihm diese Nacht geschehen ist ... Thomassin ist aufs Neue in Armuth gestürzt, und Du wirft begreifen, daß ich nicht an die Summe denken darf, die er mir schuldig ist! Kann ich etwas von Leuten verlangen, welche das Unglück verfolgt? O, weit entfernt davon, glaube ich, daß, wenn ich noch über weiteres Geld zu verfügen hatte, ich es ihm abermals bringen würde, um ihm damit aufzuhelfen. Aber dem sei, wie ihm wolle, Du hast kein Heirathsgut mehr, mein armes Kind, und das macht mir so viel Kummer!« – Wie! lieber Vater, deßhalb seid Ihr so traurig?« sagte Rosa, indem sie Hieronymus Hand ergriff. – »Mein Gott! liebe Kleine, es ist wohl Grund dazu da!« – Sich des Geldes wegen zu betrüben? ... O, ich versichere Euch, lieber Vater, dazu ist kein Grund vorhanden. Mir ist es sehr gleichgültig, ob ich dieses Vermögen habe oder nicht. Glaubt Ihr, daß wenn mich Jemand lieb genug hat, um mich zur Ehe zu wünschen, er sich erkundigen werde, ob ich Geld habe? ... O, ich bin überzeugt, er wird nicht darnach fragen ...«

Hieronymus bemerkte nicht, mit welcher innigen Ueberzeugung seine Tochter von diesem Er sprach, den sie seiner Meinung nach noch nicht kannte; aber er lächelte, indem er entgegnete: »Liebes Kind, Du sprichst wie ein siebenzehnjähriges, junges Mädchen, welches noch keinen Begriff von der Welt hat! Ich, siehst Du, habe, obgleich ich meinen Pflug und mein Dorf kaum verlassen, doch genug Lebenserfahrung gesammelt, um zu wissen, daß das Geld die Sache ist, welche die Menschen am meisten schätzen, da man es sehr nöthig braucht und es fast durchgängig viel zum Fortkommen beiträgt. Es ist daher sehr ärgerlich, daß Dein Geld in den Flammen aufgegangen ist, denn ich hatte fünfzehn Jahre an dieser Summe gespart, und Du kannst nicht noch einmal fünfzehn Jahre warten, bis Du Dich verheirathest. Deßhalb habe ich bei mir gedacht: da ich nichts mehr zur Versorgung meiner Tochter thun kann und diese, wenn ich sie bei mir behalte, ohne Mitgift keine andere Wahl hat, als eine schlechte Partie zu treffen und einen rohen, ihrer unwürdigen Bauernlümmel zu heirathen, so muß ich den Muth haben, mich von ihr zu trennen und sie zu ihren Onkeln nach Paris schicken. Diese sind im Stande, sich ihrer anzunehmen, einen passenden Mann für sie zu finden, und sie werden, wenn sie ihre so artige, so hübsche Nichte sehen, welche sich so gut zu benehmen weiß, stolz auf sie sein, mir nicht genug danken können, daß ich sie ihnen zugeschickt habe, und mit Freuden für ihr Glück Sorge tragen.«

Rosa-Maria blieb ganz starr vor Staunen über ihres Vaters Worte; als er zu sprechen aufgehört hatte, blickte sie ihn bekümmert an und stammelte: »Wie? Ihr wollt mich von Euch entfernen? ... Ihr wünscht, daß ich Euch verlasse?« – Um Deines Glückes willen, mein Kind. O, ich brauche Dir nicht zu sagen, wie schwer es mich ankommt ... Du weißt es so gut wie ich ... allein man muß Muth haben! Dieser Gedanke beschäftigt mich, seit ich von Thomassin zurück bin, denn ich habe nicht geschlafen und wohl eingesehen, daß man sich nicht zu lange besinnen darf ... – »Aber! lieber Vater, entfernt von Euch werde ich mich langweilen.« – Potz Kuckuk! ich werde mich noch viel mehr langweilen! Es handelt sich aber darum, vernünftig zu sein; und dann ist die Trennung ja nicht auf ewig! Wir sind auch keine zweihundert Stunden von einander entfernt ... und ich werde manchmal nach Paris kommen, um Dich zu besuchen, dann ... – »Wenn mich aber meine Oheime nicht gut aufnehmen würden ... mich nicht bei sich behalten wollten?« – Das kann gar nicht sein! ... allein es mag gehen wie es will, so bleibt Dir Deines Vaters Haus immer noch übrig, und Du kannst stets wieder hierher zurückkehren! – »Und Ihr werdet mich nicht selbst zu Euren Brüdern begleiten?« – Nein! Erstens, liebes Kind, ist meine Gegenwart hier sehr nothwendig ... ich verdiene nur so viel, daß ich mich ehrlich durchbringen kann ... es ist jetzt nicht an der Zeit, müßig herumzustreichen; dann wird vielleicht auch der arme Thomassin nöthig haben, daß man ihm unter die Arme greift und ein wenig für ihn arbeitet ... Soll man ihm den Rücken zukehren, weil er zu Grunde gerichtet ist? Auch denke ich, daß Dich Deine Onkel, wenn Du allein zu ihnen kommst, weit weniger fortschicken können ... O! das würden sie nicht über's Herz bringen ... und wenn sie Dich erst kennen, haben sie Dich bald lieb! Wer könnte Dich auch nicht lieben? Es bleibt also dabei, es ist eine ausgemachte Sache, und da wir Entschlossenheit zeigen müssen, triffst Du heute Deine Vorbereitungen, packst Deine Effekten in einen Koffer und gehst morgen nach Paris. – »Morgen?« – Ja! ich gebe Dir das Geleite bis Fontainebleau, dort steigst Du in einen Wagen, der Dich bis Corbeil führt, wo Du Dich auf die Eisenbahn setzest, und in einer Stunde darauf in Paris bist. Wir haben zum Glück die genauen Adressen meiner beiden Brüder, die uns Vetter Brouillard gegeben hat. Du nimmst das Papier mit, auf welches Du sie aufgeschrieben hast, gibst fein recht Acht, daß Du es nicht verlierst; im Uebrigen bist Du nicht ungeschickt, weißt Dich gut auszudrücken, und in Paris wird Dir Jedermann den Weg zeigen können.«

Hieronymus küßte seine Tochter, indem er sie nochmals versicherte, daß sein Entschluß unwiderruflich sei; dann begab er sich heitern Muthes an seine Arbeit, denn er war überzeugt, daß der von ihm gefaßte Plan das Glück seiner Tochter sichern, und der angenehme Aufenthalt in Paris Rosa's früheren Frohsinn wieder erwecken und die frische Farbe ihrer Wangen wieder hervorrufen werde.

Was die Jungfrau betrifft, so wußte diese vielleicht selbst nicht recht, was in ihrem Innern vorging; sie empfand einen lebhaften Schmerz, ihren Vater verlassen zu müssen, aber mitten in ihrem Kummer trat bisweilen ein Gedanke vor ihren Geist; daß der junge Mann, welcher ihr Bild gemalt hatte, in Paris lebe, und daß sie, wenn sie in derselben Stadt mit ihm wohne, ihm begegnen könnte. Es war unstreitig nicht ganz Recht, indem Augenblicke, wo sie ihren Vater verlassen sollte, an einen jungen Maler zu denken; aber was wollt ihr machen? So sind einmal die Menschen, und ohne Zweifel würde Rosa-Maria ohne die Erinnerung an Leopold noch ungerner nach Paris gereist sein.

Am folgenden Morgen war das junge Mädchen mit ihren Vorbereitungen zur Reise fertig; sie hatte ein kleines Strohhütchen aufgesetzt, welches etwas tief in ihre Stirne hereinging und theilweise ihr hübsches Gesichtchen verbarg; ihr Anzug war einfach, aber passend und züchtig. Hieronymus hatte seine neue Blouse angezogen und seinen breit geränderten Hut aufgesetzt. Er blickte stolz auf seine Tochter und rief aus: »O! meine Brüder werden mir danken, daß ich sie ihnen zugeschickt habe.«

In einer Ecke der untern Stube weinte die alte Marie und sprach kein Wort.

»Ei, Marie,« sagte der Landmann, auf die alte Magd zutretend, »ich weine nicht, und Du kannst Dir wohl denken, daß es mich viel Ueberwindung kostet, mich von meiner Tochter zu trennen.« – O! Ihr ... Ihr seid ein Mann!« entgegnete Marie; »und überdies spielt Ihr jetzt den Muthigen, aber wenn Ihr wieder zurückkommt, weiß ich gewiß, daß Ihr weint wie ich. – »Das ist nicht wahr! Der Gedanke, daß es zum Glück meiner Tochter geschieht, wird mein Herz stärken.« – Nun, ich bin eben selbstsüchtiger, denn ich möchte mich nie von denen trennen, bei denen ich gerne bin! Also adieu, Mamselle, kommt recht geschwind wieder, wenn es Euch in Paris nicht gefällt ... Wenn übrigens alle Eure Verwandten Eurem Vetter Brouillard gleichen, der im vergangenen Monat hier war, so mag es nicht die angenehmste Sippschaft sein. – »Potz Sapperment, Marie, so schweig' doch! Sag', liebe Tochter, hast Du auch Alles mitgenommen, was Du brauchst?« – Ja, lieber Vater ... Ach, mein Gott, da fällt mir noch etwas ein ... es wird aber nicht der Mühe werth sein! ... – »Was denn, mein Kind?« – Ich erinnerte mich der kleinen Pistole, welche ich gefunden habe ... Ihr wißt schon, lieber Vater ... – »Ja ... hast Du sie nicht bei Dir?« – Nein ... ich meine nicht, daß sie mir in Paris zu etwas dienen könne. – »Im Gegentheil, mein Kind, im Gegentheil, nach Allem, was Du mir erzählt hast, kannst Du eher in Paris als irgendwo sonst den Eigenthümer entdecken.« – Glaubet Ihr? Aber wenn ich ihn in der That entdeckte, was müßte ich thun? – »Klug zu Werke gehen und vorher Deine Onkel oder sonst Jemand, der Dir Verhaltungsmaßregeln geben könnte, um Rath fragen. Jedenfalls nimm die Waffe mit und verwahre sie sorgfältig in Deinem Koffer. Vergiß aber besonders nicht, was ich Dir anempfohlen habe. Sage Niemand etwas von Deinem Abenteuer im Walde, damit, wenn Dich der Zufall mit einem der Räuber zusammenführt, dieser nicht weiß, daß Du Zeuge seines Verbrechens gewesen bist! Das ist von großer Wichtigkeit, mein Kind!« – Ich werde es verschweigen, lieber Vater, ich verspreche es Euch.« Die Jungfrau holte die Pistole an dem Orte, wo sie solche verborgen hatte, und legte sie zuunterst in ihren Koffer, den ihr Vater einem kleinen Bauernjungen auflud, der sie nach Fontainebleau begleiten sollte.

Dann gab Rosa-Maria der alten Magd einen Kuß, warf noch einen Blick nach ihrem Fenster, ihrem Garten, ihren Blumen, und hängte sich an den Arm ihres Vaters, der mit ergriffener Stimme sagte: »Es ist Zeit, fortzugehen, mein Kind.«

Vater und Tochter machten sich auf den Weg, gefolgt von dem Knaben, der Rosas Koffer trug. Unterwegs drückte Hieronymus den Arm seiner Tochter oft zärtlich an sich und Rosa that ein Gleiches, ohne im Stande zu sein, ihre Gefühle auszusprechen; aber sie verstanden sich dem ungeachtet Beide.

Der Weg kam ihnen kurz vor, obgleich sie ihn fast wortlos zurücklegten. In Fontainebleau angelangt, begaben sie sich unverzüglich an den Ort, wo der nach Corbeil abgehende Wagen hielt. Hieronymus erblickte mit Vergnügen in dem Conducteur einen alten Bekannten. Während er ihm beim Aufpacken des Koffers half, empfahl er ihm seine Tochter; dann kehrte er zu Rosa-Maria zurück.

»Bertrand führt Dich nach Corbeil,« sagte er; »ich kenne ihn, es ist ein braver Mann, er wird über Dich wachen und Sorge tragen, daß Dein Koffer auf die Eisenbahn kommt. Ich bin jetzt weit ruhiger, mein Kind, denn nun bin ich überzeugt, daß Du ohne Widerwärtigkeiten nach Paris gelangst, und bist Du einmal dort, so wirst Du die Wohnung Deiner beiden Onkel leicht finden können ... Geh' zuerst zu Nicolaus, er ist der Aeltere, ihm bist Du den ersten Besuch schuldig, und wenn es Dir bei ihm gefällt, so bleibe. Hier hast Du Geld ... es sind fünfundzwanzig Franken ... stecke sie in Deine Tasche.« – Wozu, lieber Vater? – »Man muß immer Geld bei sich haben, Herzenskind; man weiß nicht, was Einem begegnen kann. Außerdem mußt Du Deinen Platz auf der Eisenbahn bezahlen, und Du nimmst einen der bessern, hörst Du? ... Ich will nicht, daß Du in einem Wagen der letzten Classe sitzest: Du mußt Deinen Platz in einem gepolsterten Wagen nehmen, und wenn Du in Paris auch fahren willst ...« – O! ich kann gut gehen, lieber Pater! – »Ach! der Kuckuk! den Brief, den ich an meine Brüder geschrieben habe, hätte ich beinahe vergessen, Dir zu geben.«

Hieronymus zog einen Brief aus der Tasche und überreichte ihn seiner Tochter mit den Worten: »Hier, liebes Kind, den überbringst Du ihnen ... Ja, ich schreibe freilich nicht wie Du, aber meine Brüder kennen meine Handschrift schon und wissen wohl, daß ich kein Gelehrter bin. Die Hauptsache ist, daß ich ihnen darin sage, ich schicke ihnen meine rechtschaffene, tugendhafte, arbeitsame Tochter ... kurz, einen wahren Schatz, den ich ihrer Obhut anempfehle. Was Dich anbetrifft, Rosa, so brauche ich Dir keinen Rath zu geben, denn ich kenne Dein Herz, Deinen Verstand, Deine Grundsätze ... ich weiß, daß Du nie von dem Pfade der Tugend weichen wirft, und deßhalb lasse ich Dich beruhigt nach Paris gehen.«

Statt aller Antwort umarmte Rosa-Maria ihren Vater und sagte mit jenem Ausdruck, der von Herzen kommt, zu ihm: »Ich will Eurer immer würdig sein und nie vor meinem Vater erröthen müssen.« – Schnell in den Wagen, Mamselle, wir fahren sogleich ab.«

Die Stimme des Kutschers durchbebte den guten Landmann, denn sie verkündete, daß der Augenblick der Trennung gekommen war.

»Schon?« murmelte das junge Mädchen, ihren Vater anblickend, und zwei große Thränen flossen aus ihren Augen. Aber Hieronymus wollte sich nicht weich machen lassen; er führte Rosa-Maria zu dem Wagen, half ihr selbst beim Einsteigen und entfernte sich, wahrend er ihr noch zurief: »Du schreibst mir, liebes Kind, Du schreibst mir und besuchst mich, wenn Dir die Zeit zu lang wird! ... Sei vernünftig, dann wirst Du glücklich werden! ...«

Bald darauf hörte man die Peitsche knallen, die Pferde stampften auf das Pflaster und der Wagen rollte Corbeil zu und mit ihm die, welche das ganze Glück und den ganzen Stolz Hieronymus' ausmachte.

Jetzt erst fuhr Rosa's Vater mit der Hand über seine Augen und stieß einen tiefen Seufzer aus; indem er zu sich selbst sprach: »Nun werde ich ganz einsam sein ... aber es geschieht zu ihrem Glücke ... ja! ... denn sie fing an traurig zu werden ... ihre Gesundheit und ihre Heiterkeit nahmen ab ... nur weil sie sich im Dorfs langweilte ... ich that daher wohl daran, sie nach Paris zu schicken, dort wird sie glücklicher sein ... dieser Gedanke soll mich trösten.«

Damit trat Hieronymus wehmüthig den Rückweg in sein Dorf an.

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