Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Charles Paul de Kock >

Die Familie Gogo

Charles Paul de Kock: Die Familie Gogo - Kapitel 5
Quellenangabe
pfad/kock/famigogo/famigogo.xml
typefiction
authorPaul de Kock
titleDie Familie Gogo
publisherRieger'sche Verlagsbuchhandlung
printrunDritte Auflage
year1861
translatorHeinrich Elsner
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20091104
projectidf92e4863
Schließen

Navigation:

Viertes Kapitel.

Die Räuber

Rosa-Maria ging mit schnellen Schritten vorwärts und achtete nicht auf den Weg; aber ganz mit der Person beschäftigt, welche sie eben verlassen hatte, das Herz von Leopolds Bild erfüllt, seine Worte noch im Kopfe, ja in der Meinung, sie sehe und höre ihn noch, ihm im Geiste sogar Antwort gebend, ging sie weiter, ohne ihre Blicke auf den Pfad, die Bäume und den Wald zu richten; wenn aber unser Geist und unsere Seele sich anderswo befinden als unser Körper, so wird dieser allein selten der rechten Richtung folgen.

Nachdem Rosa-Maria ziemlich lange gelaufen war, blickte sie erstaunt, das Ende des Waldes noch nicht erreicht zu haben, um sich her und bemerkte an den sie umgebenden Gegenständen, daß sie von dem rechten Wege abgekommen und statt auf das Dorf zuzugehen, tiefer in den Wald eingedrungen war.

Das junge Mädchen war ärgerlich über diese Verspätung, da sie aber zum Glück fast mit allen Waldwegen bekannt war, wußte sie bald, wo sie sich befand und wie sie in der kürzesten Zeit nach Hause gelangen konnte.

Rosa-Maria hatte sich in einen ziemlich wilden Theil des Waldes und auf einen Pfad verirrt, der sie auf die Straße von Tomery nach Fontainebleau führte. Die Jungfrau wußte, daß sie auf diesem Wege den ihrigen finden werde, sie beeilte sich also, ihn zurückzulegen und hatte beinahe sein Ende erreicht, als das Geräusch von hastigen Fußtritten zu ihren Ohren drang.

Rosa-Maria stand stille und horchte, die Tritte kamen näher. Zum erstenmal vielleicht empfand das junge Mädchen ein Gefühl des Schreckens, denn niemals war sie allein so tief im Walde gewesen. Sie beugte den Kopf vor, blickte durch das Laubwerk hindurch und sah zwei in blaue Blousen gekleidete Männer mit Kappen auf dem Kopfe, deren Schilde ihnen fast über die Augen heruntergingen, und deren Gesichtsuntertheil wie bei Köhlern geschwärzt war, in ihrer Richtung daherkommen.

Der Anblick dieser Männer, welche mit einer bei Reisenden ungewöhnlichen Eile liefen, vermehrte noch Rosa-Maria's Schrecken; mit einer fast mechanischen Bewegung bückte sie sich und verbarg sich hinter einem daneben befindlichen dichten Gebüsche. Dort suchte sie, ohne sich zu rühren, kaum Athem holend, die beiden Männer zu beobachten und zu sehen, ob sie vorüber und weiter gehen würden.

Noch war das junge Mädchen keine Minute versteckt, als die beiden Individuen, welche sie von fern bemerkt hatte, in den Pfad einlenkten. Statt auf der Straße zu bleiben, gingen sie ins Dickicht hinein; dort blieben sie höchstens zwanzig Schritte von Rosa-Maria entfernt stehen, und diese sank fast in Ohnmacht, weil sie glaubte, die beiden Männer würden sie entdecken. Allein diese hatten keine Ahnung, daß Jemand in ihrer Nähe sei, und die Jungfrau, welche mit Staunen gewahrte, daß sie unter ihren ordinären Blousen Beinkleider mit modernen Strippen und lakirte Stiefeln anhatten, konnte nun ihr Gespräch vernehmen.

»Es wird nicht mehr lange anstehen bis er kommt ... Bist Du bereit?« – Ja; aber ich zittere ... es wird mir unmöglich werden ... ich habe den Muth nicht ... – »Ei was! Du hast jetzt keine Wahl mehr ... vor einer Stunde bist Du auf meinen Vorschlag eingegangen und nun muß gehandelt werden. Ich sehe auch gar nicht ein, welcher Muth dazu gehört, zu Zwei einen alten schwachen Mann anzufallen, der nicht den mindesten Versuch machen wird, sich zur Wehre zu setzen ...« – O! wenn er es aber thut, so wollen wir ihn gehen lassen, ihm wenigstens nicht das Geringste zu Leide thun! – »Beim Kuckuk! wie sollten wir auch das anfangen ... wir haben zwar Jeder ein Paar Pistolen bei uns, aber sie sind nicht geladen. Es handelt sich nur darum, dem Reisenden einen gelinden Schrecken einzujagen.« – Ach, einerlei ... unser Beginnen ist sehr unrecht! – »Ja, aber die sechstausend Franken in Kassenscheinen, womit wir unsere heillos verwickelten Angelegenheiten hübsch in Ordnung bringen könnten, sind nicht unrecht ... und so viel hat der gute Mann in seiner Brieftasche; er war einfältig genug, es dem Gastwirth zu sagen. Sie sprachen mit einander im Hofe und ich hörte hinter den Läden unserer Fenster im Erdgeschoße ihre Unterredung mit an.« – Wenn uns dieser Mann aber einst erkennen würde? – »Werden wir denn je mit ihm zusammenkommen? Sehr schwerlich! Der gute Alte steht in keinem Verkehr mit der Gesellschaft, die wir besuchen ... hat keinen Zutritt in die Salons ... es ist irgend ein reich gewordener Handwerker ... ein Krämer, der ein Erbtheil eingezogen hat. Und abgesehen davon, bedenke doch, daß wir ganz gut verkleidet sind; diese Blousen, diese Mühen und unsere mit Kohlen geschwärzten Gesichter! Ich stehe Dir dafür, daß man uns nicht ansehen wird, wer wir sind.« – Das ist ein Glück! – »Ich höre ein Pferd traben ... das ist unser Mann.« – Ach, mein Gott! – »Mache jetzt keine Dummheiten ... Hast Du Deine Pistolen bei der Hand?« – Ja ... ja ... ich habe sie. – »Ich will mich auf die entgegengesetzte Seite des Weges stellen, Du bleibst hier. Sobald er vorbeikommt, falle ich seinem Pferde in den Zügel; Du thust das Gleiche. Sprich kein Wort, halte ihm nur den Lauf Deiner Pistole vors Gesicht ... und laß mich für das Uebrige sorgen ... Ich stehe Dir dafür, daß die Sache bald abgemacht ist. Sobald wir die Brieftasche in den Händen haben, gebe ich selbst dem Pferde einen tüchtigen Klatsch, da wird es sich mit dem Reiter auf und davonmachen, und dieser, das bin ich überzeugt, nicht mehr lange sich umsehen.« – Ach! ich zittere ... – »Du dauerst mich wahrhaftig ... Der Reisende nähert sich ... ich stelle mich auf meinen Posten.«

Mit diesen Worten verließ der, welcher zuletzt gesprochen hatte und den meisten Muth zeigte, das Dickicht, eilte mit Blitzesschnelle über den Weg hinüber und stellte sich hinter einen Baum. Sein Begleiter blieb in dem Gebüsche zurück, machte übrigens einige Schritte gegen den Weg hin, wobei er alle Augenblicke von Angst und Entsetzen ergriffen den Kopf umwendete und rings herum sah.

Rosa-Maria hatte Alles gehört und ihr Schrecken nahm immer zu, denn sie begriff wohl, daß die beiden nur wenige Schritte von ihr entfernten Männer die Absicht hatten, eine schlechte Handlung zu begehen, Jemand zu berauben ... und daß, wenn sie wissen würden, daß sich ganz in der Nähe ein Augenzeuge ihres Verbrechens befinde, man nicht sicher sein könne, ob die Furcht, erkannt zu werden, sie nicht zu einem noch entsetzlicheren Frevel verleiten würde?

Deßhalb wagte auch das arme junge Mädchen kaum Athem zu schöpfen; allein die Neugierde, die bei den Frauen immer größer ist als die Furcht, wie man wenigstens aus den ältesten Berichten von Loths Frau an bis zur Madame Blaubart schließen kann, die Neugierde hielt Rosa-Maria aufrecht – und veranlaßte sie, sachte das Gesträuch zu zertheilen, um zu sehen was vorgehe; dabei schickte sie aber inbrünstiges Gebet und Flehen zum Himmel hinauf, er möchte doch Leute, Bauern oder Spaziergänger von dieser Seite herbeiführen, damit die beiden Räuber genöthigt wären, ihren ehrlosen Plan aufzugeben.

Aber der Himmel schickte Niemand; dagegen hörte man Pferdegetrab auf der Straße von Tomery. Kurz darauf wurde ein Reisender sichtbar, der auf einem bescheidenen Rosse ritt, welches demüthig den Kopf hängen ließ. Der Reiter mochte ein Mann von etlichen sechzig Jahren sein, war aber noch frisch, kräftig und gesund, und sein volles, fröhliches und heiteres Gesicht zeugte von Wohlbefinden und guter Laune. Sein Anzug war der eines wohlhabenden Bürgers oder eines reichen Landmanns. Er hatte eine Art Jagdrock von grünem Tuche mit glänzenden, weißen Metallknöpfen und Zwillichbeinkleider ohne Stege an, die sich durch die Bewegung des Pferdes so weit hinaufgeschoben hatten, daß man das Obertheil seiner Stiefeln sah; um den Hals hatte er ein buntfarbiges seidenes Tuch, und seine Kopfbedeckung bildete ein runder, breitgeränderter Hut, der sein Gesicht vollständig vor der Sonne schützte. So beschaffen war die näher kommende Person, die auf das Kreuz des Pferdes ein Felleisen und einen Nachtsack gepackt hatte, und in ihrer rechten Hand einen kleinen Eichenzweig hielt, der ihr als Reitgerte diente, und der frisch im Walde geschnitten worden zu sein schien.

»Vorwärts, Hammel, vorwärts, wir sind nicht mehr weit von Fontainebleau entfernt, und dort darfst Du ausruhen und kriegst Heu ... Du hast doch keinen Hunger, mein alter Hammel!«

Bei diesen Worten berührte der Reisende das Pferd mit seiner Gerte, aber so sanft, daß man eher hätte glauben können, er habe die Absicht, seinem Roß zu schmeicheln und ihm die Fliegen abzuwehren, als es zu schnellerem Schritte anzufeuern.

Kaum hat das alte Thier in den Pfad eingelenkt, als der, welcher darauf saß, einen Schrei des Schreckens ausstieß ... die beiden Männer, die auf ihn gelauert hatten, waren aus dem Dickicht hervorgesprungen und mit Blitzesschnelle dem Pferde in die Zügel gefallen ... sie hatten übrigens nicht nöthig, es anzuhalten, denn das arme Thier, welches sich eben so sehr zu fürchten schien wie sein Herr, war von selbst stehen geblieben.

Der Reisende will einige Worte stammeln, um Gnade bitten, aber einer der beiden Männer läßt ihm keine Zeit; er setzt die Mündung seiner Pistole auf des Greises Brust und sagt zu ihm: »Schnell Deine Brieftasche, oder Du bist des Todes!«

Der Reisende denkt nicht im Mindesten an einen Widerstand, er sucht hastig seine Seitentasche durch, zieht eine Brieftasche heraus und reicht sie mit zitternder Hand einem der Räuber, indem er stammelt: »Thut mir wenigstens nichts zu Leide ... Ihr sehet, daß ich nicht widerspenstig bin.«

Der, an den diese Worte gerichtet sind, macht hastig die Brieftasche auf, um sich zu überzeugen, daß sie die Summe enthält, die, wie er weiß, der Alte bei sich trägt. Mit einem einzigen Blicke sieht er, daß ein Päckchen Banknoten darin vorhanden ist. Er tritt somit zwei Schritte zurück, versetzt dem Pferde einen derben Patsch auf das Hintertheil, und dieses trabt fort und trägt seinen Herrn davon, der bereits noch weiter in seiner Tasche suchte und sich anschickte, auch seine Börse den Räubern zu geben.

»Es ist geschehen ... die Geschichte ist vorüber,« beginnt derjenige, welcher den Reisenden bedroht hat. »Der arme gute Kerl würde uns sogar seinen Reisesack gegeben haben, wenn wir ihn begehrt hätten ... aber was wir hier haben, ist von größerem Werthe ... Komm', wir wollen schnell unsere Kleider wieder anziehen und uns säubern. Komm doch ... wie Du so blaß aussiehst!« – Ach! mir ist, als ob mich meine Beine nicht mehr trügen! ... – »Komm, komm! wir haben jetzt keine Zeit, uns aufzuhalten: wir müssen fort von hier.«

Mit diesen Worten hatte der Räuber seinen Gefährten beim Arme genommen und führte oder schleppte ihn vielmehr weg. Sie vertieften sich in einen schmalen Fußweg, indem sie gerade die entgegengesetzte Richtung einschlugen, die der von ihnen beraubte Reisende genommen hatte; bald verschwanden sie im Dickicht des Gehölzes, und ihre Schritte verhallten in der Ferne.

Jetzt erst erhob sich Rosa-Maria, welche immer regungslos und aufmerksamen Ohres geharrt hatte, leise, und wagte aus dem dichten Gesträuche, in welchem sie verborgen war, hervorzutreten. Blaß und zitternd fürchtete das Mädchen eine Zeit lang, nicht mehr die Kraft zu haben, den Wald verlassen zu können, denn ihre Beine schwankten und sie war genöthigt, sich auf Zweige zu stützen, um sich aufrecht zu erhalten. Die That, welche sie mit angesehen, schien ihre Sinne gelähmt zu haben; beim geringsten Geräusche des Laubwerks bildete sie sich ein, es rühre von den zwei Blousenmännern her, die wieder zurückkämen, und sie hielt sich dann für verloren. Endlich, nachdem die arme Kleine mehrmals mit der Hand über ihre Stirne gefahren, suchte sie ihren Muth mit dem Gedanken zu beleben: »O! diese Männer kommen nicht mehr zurück, es liegt ihnen zu viel daran, fortzukommen ... Der arme Alte! ... ihn vielleicht seines ganzen Vermögens zu berauben ... und er sprach kein Wort, er vertheidigte sich nicht einmal ... Ach! das ist ein Glück, denn diese Räuber hätten ihn getödtet, obgleich sie sagten, ihre Pistolen seien nicht geladen. Und ich konnte dem armen Manne nicht einmal beistehen. Ach, kaum kann ich mich selbst noch aufrecht halten! ... O! aber jetzt muß ich schnell fortgehen ... und werde mich niemals wieder allein in diesen Wald wagen! Wenn Herr Leopold wiederkommt, um in dieser Gegend zu malen, werde ich ihm es streng verbieten, hierher zu gehen. Vorwärts ... mein Gott ... aber mein Weg ist gerade derselbe, den die beiden Männer eingeschlagen haben ... wenn ich ihnen begegnete ... doch nein, die haben sich aus dem Staube gemacht ... O! das waren keine gewöhnlichen Räuber, das habe ich wohl gesehen, und sie halten sich auch nicht gewöhnlich im Walde auf.«

Rosa-Maria verließ das Gebüsch, ging quer über den vor ihr liegenden Weg, und nachdem sie in die Ferne gespäht hatte, ob sie nichts mehr von den beiden Räubern erblicke, machte sie einige Schritte in dem von ihnen betretenen Fußweg, strauchelte aber bald über einen zu ihren Füßen liegenden Gegenstand.

Das junge Mädchen sah zu Boden und erblickte auf dem Rasen eine hübsche, kleine, höchst elegant und ausgezeichnet eingelegte Pistole, deren Kolben auf eine ganz besondere Weise geschnitzelt war.

»O, das gehört ohne Zweifel einem dieser abscheulichen Menschen,« dachte Rosa-Maria, die Pistole zu ihren Füßen genauer betrachtend.

Dann zögerte sie einige Augenblicke, unentschlossen, ob sie die Waffe aufheben und mitnehmen solle. Aber plötzlich, wie von einer innern Eingebung beseelt, bückte sie sich, nahm die Pistole, steckte sie in die Tasche ihrer Schürze und sprach zu sich: »O! ja ... ja, da mich der Zufall diese Waffe finden ließ, so kann ich vielleicht später damit Diejenigen erkennen, welche den armen Greis beraubt haben, der so gutmüthig und. so heiter aussah, ehe sie ihn anhielten. Ach, ich wäre sehr glücklich, wenn ich ihm eines Tages dazu verhelfen könnte, das Gestohlene zurück zu erhalten ... Ich will die Pistole mitnehmen und schnell laufen, bis ich bei meinem Vater bin.«

Und die Jungfrau eilte nun so flink und leicht wie ein vom Jäger verfolgtes Reh auf dem Fußwege vorwärts, und mäßigte erst ihre Schritte, als sie den Wald hinter sich hatte.

 << Kapitel 4  Kapitel 6 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.