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Die Familie Gogo

Charles Paul de Kock: Die Familie Gogo - Kapitel 32
Quellenangabe
pfad/kock/famigogo/famigogo.xml
typefiction
authorPaul de Kock
titleDie Familie Gogo
publisherRieger'sche Verlagsbuchhandlung
printrunDritte Auflage
year1861
translatorHeinrich Elsner
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20091104
projectidf92e4863
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Einunddreißigstes Kapitel.

Der Finger Gottes

War es für Rosa-Maria, die durch Leopolds Billet so glücklich geworden, die nun wußte, daß der junge Maler sie noch immer liebe, nicht höchst grausam, in Gefahr zu schweben, einen Roquet heirathen zu müssen! Wegen dieses so schnellen Uebergangs von der Freude zum Schmerz konnte sie die ganze Nacht kein Auge schließen. Sie stand am frühen Morgen auf und wünschte gar zu gerne, mit ihrem alten Freunde sprechen zu können; sie öffnete die Thüre halb, sie horchte und blickte oben auf der Treppe überall herum, aber der Vater Savenay ließ sich nicht sehen. Zum Ersatz öffnete dagegen Mamsell Fifine ihre Thüre fast zu gleicher Zeit mit dem jungen Mädchen, von dem sie jede Handlung erspähen zu wollen schien, und Rosa-Maria entschloß sich, ohne ihren alten Freund gesehen zu haben, in ihr Zimmer zurückzukehren.

Der Tag verfloß sehr traurig für die arme Kleine, welche nur Tante und Oheim zu Gesicht bekam, die ihr jeden Augenblick wiederholten: »Wie glücklich sind Sie! Ein mittelloses Mädchen! eine Partie zu finden wie Herr Roquet; das ist außerordentlich! man kann es kaum glauben!«

Rosa versuchte zu antworten und murmelte traurig: »Aber dieser Herr gefällt mir ganz und gar nicht! ... ich gehe lieber zu meinem Vater zurück!«

Madame St. Godibert machte schreckliche Augen und ging auf das junge Mädchen los, als ob sie es schlagen wollte, indem sie schrie: »Schweigen Sie, einfältige Person! Sie werden Herrn Roquet heirathen! Wir dulden es nicht, daß unsere Nichte die Gelegenheit, reich zu werden, verstreichen lasse, um uns später wieder zur Last zu fallen ... man kennt das!« – Zudem, Mademoiselle,« fügte Herr St. Godibert bei, »wird Ihr Vater über diese Heirath entzückt sein; ich werde ihm unverzüglich schreiben, und gewiß wird er Ihnen Gehorsam gegen uns anempfehlen. – »Mein Vater liebt mich zu sehr, als daß er mich zu einer Heirath gegen meinen Willen zwänge!« – Das wollen wir sehen. Hieronymus müßte nur blödsinnig geworden sein. wenn er Ihnen nicht befähle, Herrn Roquet die Hand zu geben.«

Rosa-Maria wagte keinen Widerspruch mehr; sie weinte bloß, was ihre Verwandten sehr wenig zu rühren schien.

Am andern Morgen stand das junge Mädchen schon in der Dämmerung auf: sie war diesmal entschlossen, in das Bureau hinab zu gehen, um Vater Savenay ihren Kummer zu erzählen; denn sie hoffte, er werde die Sache auch Leopold mitteilen können, und dieser ein Mittel finden, sie dem drohenden Unglück zu entreißen.

Aber etwas nach sieben Uhr klopft es zweimal leicht an ihre Thüre, und sie erkennt zugleich die Stimme des Greises, der sie fragt, ob sie aufgestanden sei; sie eilt, ihm zu öffnen, stößt einen Freudenschrei aus und wirft sich in die Arme ihres Beschützers.

»Was haben Sie denn, mein Kind? Sie scheinen sehr gerührt, sehr bewegt?« fragt der Vater Savenay, in Rosa-Maria's Zimmer tretend.

Diese beeilt sich, ihre Thüre wieder zu verschließen und kehrt zurück, um die Hände des alten Mannes zu drücken, indem sie ausruft: »Ach! ich bin sehr unglücklich, und alle meine Hoffnung beruht auf Ihnen, lieber Freund!« – Unglücklich? Du lieber Gott! ich glaubte gerade im Gegentheil, Ihre Verwandten ließen Ihnen endlich Gerechtigkeit widerfahren und behandelten Sie jetzt mit Güte? – »Ach! diese Güte, an die ich auch einen Augenblick glaubte! O, wenn Sie die Ursache davon kennten, mein Freund! Sie müssen mich vertheidigen. Sie müssen mich beschützen!« – Aber erklären Sie sich doch, liebes Kind. – »Also! mein Oheim und meine Tante wollen mich verheirathen ... mich Herrn Roquet heirathen lassen ... einen sehr häßlichen Herrn, der wenigstens mein Vater sein könnte; sie behaupten: er sei reich, aber ich will nichts von ihm, o! nein, ich will ihn nicht heirathen, denn ich verabscheue ihn.« – Sollte nicht auch der Grund darin liegen, daß Sie einen Andern lieben, mein Kind? – »Ach! mein lieber Freund, ich weiß nicht, ob darin der Grund liegt, aber das ist gewiß, daß ich sehr unglücklich wäre, wenn man mich zwänge, Herrn Roquet zu heirathen. O! ich bitte Sie, verlassen Sie mich nicht ... sie sagen, sie wollten meinem Vater schreiben; aber sie werden ihm nicht schreiben, daß ich weine, daß ich jammere, daß mich diese Heirath zur Verzweiflung bringen würde.« Und Rosa-Maria wirft sich schluchzend an den Hals des Greises; dieser sucht sie zu beruhigen und zu trösten. »So thun Sie doch nicht so untröstlich! Ohne den Willen Ihres Vaters kann man Sie nicht vermählen.« – Aber sie werden ihm schreiben, daß es eine treffliche Partie für mich sei, daß ich reich, glücklich sein werde. Mein Gott, wenn er einwilligte! – »Beruhigen Sie sich; im Nothfall werden andere Personen Ihren Vater besuchen und ihm berichten, wie es sich verhält, und wie sehr Ihnen dieser Herr Roquet mißfällt.« – Ach! ja, lieber Freund! – »Ich gehe in mein Bureau hinab, denn ich möchte mich nicht verspäten. Beruhigen Sie sich, mein Kind, und zählen Sie auf mich.« – O! ich zähle sehr auf Sie ... und dann ... wenn Sie ... zufällig Herrn Leopold begegnen sollten, so sagen Sie ihm Alles das; nicht wahr? – »Ja, ja ... und ich werde ihm begegnen, daran ist nicht zu zweifeln, denn ich sehe ihn alle Morgen, ehe ich ins Haus hineingehe: er wartet immer auf der Straße. So eben hat er mir guten Morgen gesagt, und sich nach Ihnen erkundigt.« – Wie! er wartet alle Tage? O! wie artig ist das von ihm!«

Und Rosa-Maria erröthet vor Freude; schon hat sie allen ihren Kummer vergessen, da sie erfährt, daß der junge Maler ohne Unterlaß an sie denkt. Bald aber schlägt sie die Augen nieder und fährt fort: »O, lieber Freund, Herr Leopold unterhält sich gewiß recht gerne mit Ihnen.« – Ja, das will ich glauben,« antwortet der Greis lächelnd; »o! ich weiß wohl, daß er sich nur wegen der Unterhaltung mit mir alle Tage hier einstellt. Jetzt aber, da Sie ruhiger sind, gehe ich in mein Bureau hinab. Auf! Muth gefaßt und die Thränen getrocknet!«

Vater Savenay entfernt sich. Rosa-Maria glaubt Mamsell Fifinens Thüre leise aufgehen und Jemand vorsichtig dem Greise nachschleichen zu hören; aber sie schenkt diesem Umstand wenig Beachtung, denn sie ist so selig in dem Bewußtsein, daß Leopold sie nicht vergißt und mag an nichts Anderes denken.

Rosa-Maria ging um die gewohnte Stunde in die Gemächer ihrer Tante hinab; sie fand die wohlbeleibte Angelika in Gesellschaft ihres Mannes. Ihr Gespräch schien sehr belebt, und Mamsell Fifine, welche bei ihnen gewesen, kam eben heraus und murmelte, Rosa-Maria mit triumphirender Miene betrachtend: »Ah, diese Scheinheilige! ich wußte wohl, daß das nicht besser ist, als die Andern.«

»Vorgetreten, Mademoiselle!« rief Madame St. Godibert, grimmige Blicke auf Rosa-Maria werfend. »Ha! ha! jetzt wissen wir, warum Sie die Hand dieses liebenswürdigen Herrn Roquet ausschlagen! Das ist ein sauberes Betragen, Mademoiselle ... in Ihrem Alter Liebesintriguen zu haben ... pfui! Sie sollten erröthen.«

Die arme Kleine erröthete in der That, aber aus Schmerz, sich solche Vorwürfe sagen lassen zu müssen; sie wollte antworten, aber ihr Oheim schrie: »Schweigen Sie, das Läugnen hilft nichts; wir wissen Alles! ... Dank Fifinen, deren Gewandtheit sich nie verläugnet!« – Ja,« fuhr Madame St. Godibert fort, »schon früher war uns gesagt worden, daß Sie einem Maler als Modell gedient hätten; Fifine hat Herrn Dernesty leise sagen hören, als er Sie erblickte: »›Sie ist schöner als ihr Portrait, das wir bei dem Maler gesehen haben‹« aber wir wollten es nicht glauben; so viel Verdorbenheit konnten wir in einer Hülle von siebzehn Jahren nicht voraussetzen.« – Ach, Madame! ... – »Schweigen Sie! Jetzt wissen wir, daß ein junger Mann ohne Unterlaß vor dem Hause herumstreicht, um Sie zu Gesicht zu bekommen ... und der alte Savenay! ein schon schneeweißer Greis! bietet die Hand zu solchen Intriguen! ... Es ist unbegreiflich!« – Mich hat das weniger in Erstaunen gesetzt,« fällt Herr St. Godibert ein, »denn ich habe ihn schon mehrmals auf dem Bureau singen hören: »›Zon, zon! Baß und Flöte! Zon, zon, Violon!‹« Was kann man von einem Manne in diesem Alter erwarten, der »›Zon, zon!‹« singt? Aber, Gott sei Dank! er wird so bald kein »›Zon, zon‹« mehr in meinem Hause singen. – »Wie, mein Herr, Sie hätten diesen ehrenwerthen Mann entlassen?« sagte Rosa-Maria, ihre Hände flehend zu ihrem Oheim erhebend. – »Ja, Mademoiselle, diesen ehrenwerthen Mann, der Morgens in Ihr Zimmer hinaufstieg, um Ihnen Liebesbriefe von Ihrem Liebhaber zu bringen ... so etwas gehört vor den Assisenhof! Ich habe ihn fortgejagt, Mademoiselle! er wird mein Haus nicht wieder betreten und Sie nicht mehr in Ihrer Rebellion gegen Ihre Verwandten unterstützen.« – Ach! mein Herr, das ist ja erschrecklich! den Vater Savenay, der so gut gegen mich war ... es fiel ihm nicht ein, etwas Unrechtes zu thun, da er mich zu trösten kam. – »Sie zu trösten! weil man Ihnen eine vorzügliche Heirath anträgt! ... Mademoiselle, Sie machen mir übel; übrigens soll Ihr Vater Alles erfahren, und er wird unser Betragen billigen.« – Ach! ich bitte Sie flehentlich, lassen Sie mich zu ihm zurückkehren. – »Still geschwiegen! Wir wollen wohl, aus Achtung gegen uns selbst, Ihre Fehltritte vor diesem empfindsamen Herrn Roquet verbergen, aber vergessen Sie nicht, ihn als Ihren zukünftigen Gatten zu betrachten. Indeß werden wir Sie bis zu vollzogener Heirath auf eine Art bewachen, daß Sie keine Dummheiten mehr begehen können.«

Rosa-Maria will antworten; man hört sie nicht mehr an und bedeutet ihr, in das Stübchen zu gehen, wo sie arbeitet, und wo man sie allein läßt. Das arme Kind weint: sie bereut bitter, Ursache gewesen zu sein, daß ihr alter Freund seine Stelle verlor; sie fleht den Himmel um Beistand an und würde sich der Verzweiflung ganz übergeben, wenn ihr nicht der Gedanke, daß Leopold sich um sie bekümmere, ein wenig Hoffnung einflößte.

Zur Stunde des Mittagessens ließ man die junge Nichte kommen, und sie hatte das Vergnügen, bei Tische neben Herrn Roquet zu sitzen, der mit einem Auge beständig auf ihr und mit dem andern auf seinem Teller weilte, und eine Menge Complimente an Rosa-Maria richtete, auf die sie nichts antwortete. Aber Herr Roquet schien das für Bescheidenheit zu nehmen und war dadurch nicht minder befriedigt.

Der Abend verlief, während dessen Herrn Roquet unaufhörlich an Rosa hinsprach, die ihm nur mit schweren Seufzern antwortete. Der Brillenmann aber flüsterte nichts desto weniger der Madame St. Godibert zu: »Ich glaube, das Gefühl beginnt sich einzustellen ... sie läßt schon kleine Seufzer neben mir fahren; das ist ein gutes Zeichen, nicht wahr?« – Seien Sie ruhig,« antwortete Angelika, »sie wird noch ganz andere fahren lassen, wenn Sie einmal ihr Mann sind.«

Mit größter Ungeduld erwartete Rosa-Maria den Augenblick, wo sie in ihr Zimmer hinaufgehen durfte. Dieser kam endlich; aber kaum war sie hineingegangen, als sie ihr Zimmer von Außen doppelt verschließen hörte.

»Was soll das bedeuten?« ruft Rosa. – »Das bedeutet,« erwidert Mamsell Fifine von Außen, »daß es Ihre Frau Tante so befohlen hat, um Ihnen die Lust zu Ihren Morgenspaziergängen zu benehmen.«

»Gefangen!« seufzt Rosa, auf einen Stuhl sinkend, »gefangen, und so wollen sie mein Glück machen! ... O, mein guter Vater! das wirft Du nicht billigen, und nie wirst Du Deine Tochter durch solche Mittel verheirathen wollen!«

Nach Verlauf einer Stunde hört Rosa-Maria ihren Namen leise durch die Thüre rufen; sie erkennt Franzens Stimme und fragt: »Was wollen Sie von mir, Franz?« – Fräulein, ich weiß, daß man Sie hier eingeschlossen hat; ich finde das schändlich, und wenn Sie wollen, so nehme ich eine Axt und zerschlage das Schloß, damit Sie frei werden. – »Danke, Franz, danke: aber thun Sie das nicht. Es liegt mir wenig daran, eingeschlossen zu sein ... ich dachte nicht ans Ausgehen; aber meinetwillen sollen Sie sich nicht schlecht mit Ihrer Herrschaft stellen, man würde auch Sie fortschicken.« – O! darum schere ich mich keinen Pfifferling, Fräulein, und wenn Sie wollten ... – »Nein, Franz, ich wiederhole, daß ich mir gar nichts daraus mache.« – Nun, Fräulein, wie Sie wollen, aber ich stehe Ihnen immer zu Diensten.«

Franz entfernte sich, und Rosa suchte im Schlafe Vergessenheit ihres Kummers.

Mehrere Tage waren auf die nämliche Weise verstrichen. Rosa-Maria, welche von ihrer Tante zu übertriebener Arbeit angespannt wurde, mußte oft Wäsche in das Zimmer ihres Vetters Julian tragen und dort holen; aber Mamsell Fifine war ihr fast immer auf der Ferse, jede Flucht aus dem Hause wäre unmöglich gewesen, wenn sie auch den Gedanken dazu gehabt hätte.

Julian speiste nicht mehr bei seinen Eltern, seitdem er die Gegenwart seiner Base zu fürchten schien.

Was Friedrich betrifft, so hatte der Thürsteher die Weisung, ihm jedesmal zu sagen, es sei Niemand bei seinem Onkel zu Hause, so daß Rosa-Maria seit jenem Abend, wo Herr Roquet ihr seine Erklärung gemacht, nicht einmal den einzigen Verwandten zu sehen bekam, bei dem sie Trost in ihrem Kummer hätte suchen können.

Eines Tages jedoch glaubte Rosa-Maria, als sie zu ihrer Tante hinabkam, in dem Hause lebhafte Vorkehrungen zu bemerken, welche auf eine große Gesellschaft schließen ließen. In der That sagte ihre Tante bald und zwar in einem etwas minder unfreundlichen Tone als gewöhnlich zu ihr: »Sie werden heute große Toilette machen, Mademoiselle, Sie werden Ihre schönsten Kleider anlegen, wir haben viele Gäste bei Tische ... es ist ein feierlicher Tag.« – Wollten Sie mir nicht erlauben, Madame, auf meinem Zimmer zu bleiben? – »Nein, Mademoiselle, Sie müssen zugegen sein, es ist unumgänglich nöthig, und ich hoffe, daß Ihr Betragen heute unserer vielen Güte für Sie würdig sein wird.«

Rosa-Maria hätte gerne wissen mögen, was das für eine Feierlichkeit sei, die so große Vorbereitungen erfordere, und bei welcher sie nothwendig zugegen sein müsse; aber schon war ihre Tante wieder weggegangen, und Mamsell Fifine zu befragen, widerstrebte ihrem Selbstgefühl. Sie entschloß sich übrigens, zu gehorchen, ging traurig hinauf, sich anzukleiden und kam zitternd wieder in den Salon herab, denn eine geheime Ahnung sagte ihr, daß abermals ihre Verheirathung mit Herrn Roquet an diesem Tag besprochen werden würde.

Sobald es fünf Uhr schlägt, erscheint Herr Roquet im größten Staat, ganz schwarz, mit vergoldeter Brille, die ihn sehr zu geniren scheint. Zuerst verneigt er sich hochachtungsvoll vor seiner zukünftigen Tante, dann geht er auf Rosa-Maria zu und erlaubt sich ihre Hand zu fassen und zu küssen, bevor das junge Mädchen sie zurückziehen konnte.

Bald langen Herr und Madame Doguin, Herr und Madame Marmodin, der Major Krautberg, Herr und Fräulein Soufflat, dann der Vetter Brouillard an, der einen neuen Frack angezogen, aber dabei ein Paar alte, viel zu kurze Hosen behalten hat, demungeachtet jedoch Jedermann neugierig ansieht, als wolle er fragen, was geschehen werde, und wozu das feierlichst angekündigte Zweckessen dienen solle.

Bald tritt auch Herr Cendrillon ein, der Einzige, der nicht schwarz gekleidet ist, was die Nerven Angelika's aufregt, welche zu ihrem Manne sagt: »Warum laden Sie diesen Cendrillon ein, der nicht einmal Toilette macht, wenn er zu uns kommt?« – Liebe Freundin,« antwortete St. Godibert, »ich habe Dir bereits erklärt, daß, wenn man Millionär ist, man das Recht hat, schmutzig zu sein. Ich habe eben ein schönes Geschäft mit Herrn Cendrillon abgeschlossen, der ein mit Waaren beladenes Schiff nach der Insel Bourdon abgehen läßt. Es lag mir sehr an seiner Gegenwart bei diesem Diner. – »Wenn er aber erfährt, daß Sie seinen alten Schützling fortgeschickt haben, glauben Sie, das werde ihn freuen?« – Ich werde ihm sagen, daß Vater Savenay die Fehltritte unserer Nichte unterstützte, und er wird mein Betragen billigen.«

Inzwischen hatte Herr Cendrillon Rosa-Maria sanft auf die Wange geklopft; sie lächelte ihm traurig zu und hätte ihm gerne die Entlassung seines alten Freundes mitgetheilt, aber sie wagte es nicht; zudem war ihre Tante ihr fast stets zur Seite, damit sie ja mit Niemand sprechen könne.

Friedrich kam ebenfalls. Er grüßte seine hübsche Cousine und seine Augen schienen sie gleichsam um die Ursache ihrer Traurigkeit zu befragen, allein Rosa-Maria schwieg ... ihre Tante stand neben ihr.

Herr Brouillard spazierte im Saale auf und ab, ging von Einem zum Andern und fragte halblaut: »Was bereitet sich denn hier vor? Alles hat ein geheimnißvolles Aussehen ... ein ernstes Gesicht ... will etwa Herr St. Godibert seine Bilanz vorlegen? ... Wenn nur wenigstens sein Essen gut ist ... o! ja, wenn einmal ein Geizkragen einen Zug thut ... ei, ei! wir wollen sehen, ob Franz heute die Maderagläser voll macht.« – Wir erwarten nur noch meinen Bruder, den Schriftsteller, und seine Gattin,« sagte St. Godibert, »dann Herrn Dernesty, der mit ihnen kommen soll, und meinen Sohn Julian. Aber da sie sich so verspäten, sehe ich nicht ein, warum ich nicht der Gesellschaft auf der Stelle ankündigen sollte, was ich ihr ankündigen will ... nicht wahr, Angelika? – »Allerdings, Sie können das, mein bester Freund,« antwortete die dicke Dame.

Herr Brouillard sperrt Ohren, Augen und Nase auf, um besser zu hören; Herr Soufflat steigt auf einen Fußschemel; Jedermann horcht; aber im Moment, wo St. Godibert sprechen will, geht die Thüre auf und sein Bruder Mondigo tritt ein.

Der Schriftsteller scheint nicht in seiner gewöhnlichen Stimmung zu sein; sein Gesicht ist entstellt, seine Nase weiß, seine Haare in einer Verwirrung, daß sie nach allen Richtungen hinausflattern, wodurch sein Kopf einige Ähnlichkeit mit dem der Medusa erhält.

Als er jedoch die zahlreich bei seinem Bruder versammelte Gesellschaft bemerkt, sucht er sich zu fassen, sogar zu lächeln, beeilt sich aber, in einer Ecke Platz zu nehmen.

»Mein Gott! was hat denn Herr Mondigo heute?« flüstert Fränzchen Friedrich zu. – »Ich weiß es nicht!« antwortet der große junge Mann, »aber aus seinem Gesicht läßt sich eine Masse Sachen herauslesen. – »Ist es möglich, mit einem Kopf wie ein ungekämmter Pudel in eine Gesellschaft zu kommen?« murrt Angelika, während ihr Mann seinem Bruder schon von ferne zuruft: »Nun? und Deine Frau und Herr Dernesty? ... sind sie denn zurückgeblieben?«

Der Schriftsteller schneidet eine eigenthümliche Grimasse, indem er antwortet: »Meine Frau wird nicht kommen ... sie ist unwohl ... auf lange Zeit ... was Herrn Dernesty betrifft, so brauche ich seine Begleitung nicht.

Diese Antwort erregt bei den Einen ein Lächeln bei den Andern ein Zischeln. Fränzchen und Friedrich wechseln einen Blick. Herr St. Godibert aber, der sich in diesem Augenblick sehr wenig um die Angelegenheiten seines Bruders bekümmert, tritt mitten in den Salon und spricht: »Meine Damen und Herren, ich habe die Ehre, Sie von der bevorstehenden Heirath meiner Nichte Rosa-Maria mit Herrn Roquet in Kenntniß zu setzen, und es ist ihr Verlobungsmahl, das wir heute feiern wollen.«

Ein Murmeln der Ueberraschung läuft durch die Gesellschaft; aber während Herr Roquet grüßt und die Glückwünsche einiger Personen annimmt, ist Rosa-Maria, welche plötzlich äußerst blaß geworden, auf dem Punkte, ihre Besinnung zu verlieren, da eilt Fränzchen auf sie zu, fängt sie in ihren Armen auf und ruft aus: »Aber diesem armen Kinde ist übel ... sehen Sie doch, sie verändert die Farbe; man möchte glauben, sie wolle sprechen und habe die Kraft nicht dazu.« – Das hat nichts zu bedeuten! das macht die Freude!« sagt Madame St. Godibert, »es ist nicht gefährlich. – »Nein, nein, liebe Tante!« entgegnet Friedrich, seiner Base ein Riechfläschchen vorhaltend, »nein, nicht aus Freude wird meine Base in Ohnmacht fallen, Kummer und Schmerz tödten sie, denn die angekündigte Verbindung würde ihr Unglück machen. Sie verabscheut Herrn Roquet, ich weiß es ... und nach meiner Ansicht haben Sie nicht das Recht, sie zu einer Heirath zu zwingen.«

– Was soll das heißen, Herr Neffe? Ich finde es sehr dreist, daß Sie sich in etwas mischen, das Sie nichts angeht!« sagte Herr St. Godibert zornschnaubend.

»Rosa-Maria ist meine Cousine, Herr Oheim, und ich habe ein Recht, sie zu beschützen.« – Was ist das? was gibt es hier?« sagte Herr Brouillard vortretend. »Ich bin ja auch ein Vetter der Kleinen und kann Anspruch darauf machen, daß man mich um Rath fragt!« – Nun Wohl, lieber Vetter,« sagte Angelika, indem sie Brouillard auf die anmuthigste Weise, die ihr möglich war, anlächelte, »finden Sie nicht auch, daß diese Verbindung äußerst vorteilhaft für unsere Nichte ist?«

Bevor sich Herr Brouillard zu einer Antwort entschlossen, erhebt sich Rosa-Maria, die wieder zu einiger Kraft gekommen war und spricht mit angegriffener Stimme: »Ich hänge nur von meinem Vater ab; ihm allein will und muß ich gehorchen!«

»Mademoiselle, wir haben seine Einwilligung!« antwortet St. Godibert.

Rosa-Maria fühlt sich abermals schwach und ist im Begriff, in einen Lehnstuhl zurückzusinken, als eine ihr wohlbekannte Stimme diese Worte hören läßt: »Das ist nicht wahr, Sie haben keine Antwort von ihm erhalten und zum Beweis komme ich selber, um sie persönlich zu überbringen!«

Es ist Hieronymus Gogo, der rasch in den Saal getreten war, wo seine unerwartete Gegenwart allgemeines Staunen erregt.

Die Fremden betrachten den Landwirth mit Überraschung, die St. Godiberts mit starrem Entsetzen; Rosa eilt, sich in Hieronymus' Arme zu werfen, indem sie ausruft: »Ach, mein Vater, welches Glück! Ich wußte wohl, daß Sie mich nicht verlassen würden!«

Hieronymus, welcher durch den Saal gegangen war, ohne sich im Mindesten um die anwesenden Personen zu kümmern, weil er nur an seine Tochter denkt, drückt Rosa in seine Arme und bedeckt sie mit Küssen, indem er ausruft: »Ich Dich verlassen! meine Tochter ... mein Kind ... mein Alles! Welcher Andere als ich soll sich mit Deinem Glücke beschäftigen? ... Ach, weine nicht mehr, meine arme Kleine, weine nicht! Dein Vater wird Dich nicht mehr verlassen, gewiß nicht: denn er sieht wohl, daß alle diese Leute Dich nicht lieben können wie er.« – Ach! das ist ja der liebe Vetter Hieronymus Gogo!« sagte Herr Brouillard, das letzte Wort stark betonend. –»Ja, Vetter, wie Sie sagen: es ist Hieronymus Gogo, der Bruder des Herrn Godsched ... Godbert ... Mondrigel ... Mon ...dickohr oder wie Teufels sie heißen, kurz, meiner Brüder, welche hier sind und es für passend gehalten haben, den ehrlichen Namen ihres Vaters aufzugeben; wer weiß, ob sie nicht gute Gründe dazu gehabt haben! Ich aber habe den Namen Gogo rein und makellos erhalten; was diese Herren vielleicht nicht gethan hätten.«

Der Schriftsteller antwortet nichts; er scheint sehr eifrig, sich an der Stirne zu kratzen.

Der Banquier aber entgegnet außer sich vor Zorn: »Mein Herr Bruder, ich habe gethan, was ich gewollt habe! auch das Glück Ihrer Tochter habe ich fest gründen wollen, welche Sie den guten Gedanken hatten, mir zu schicken; sind Sie jedoch dumm genug, die von mir eingeleitete Heirath nicht zu billigen, so steht es Ihnen frei, Mademoiselle wieder mitzunehmen.« – Nein, wahrlich,« sagt Hieronymus, »ich billige eine Verbindung nicht, welche meiner Tochter mißfällt. – »Nun wohl, so nehmen Sie uns diese Ueberlast ab,« schreit Angelika; »ohnehin ist ihr Platz nicht hier ... wir könnten eine junge Person nicht ferner mehr in unserem Hause behalten, welche Liebeshändel hat.« – Liebeshändel!« ruft Hieronymus aus, dessen Augen drohend glühen, während Rosa-Maria zu ihm hinstürzt, als wollte sie ihn bitten, sie nicht für strafbar zu halten.

Aber ihr Vater läßt sie nicht zum Worte kommen; er küßt sie von Neuem, indem er sagt: »Stille, mein Kind! O, Du hast nicht nöthig, Dich zu rechtfertigen! ich weiß, daß Du Dir nichts vorzuwerfen hast ... aber diejenigen, welche sich erdreisten, Dich anzuklagen ... diejenigen, welche sich nicht scheuen, vor allen diesen Herren und Damen Deine Ehre, das Kostbarste einer Jungfrau, anzutasten ... ha! diese sollen mir wegen ihres Benehmens erröthen!« – Wirklich, Herr Hieronymus, Sie erlauben sich diesen Ton?« schreit Madame St. Godibert; »nun denn, so wiederhole ich Ihnen, ich, daß Ihre Tochter Liebeshändel hat ... daß ein junger Mann, welcher unaufhörlich vor unserem Hause herumschweifte, einem alten Burschen, welchen Herr St. Godibert aus Gnade in sein Bureau aufgenommen hatte, einen Brief für sie zugestellt hat, und daß dieser Vater Savenay gar gefällig die Liebesbriefchen dem Jüngferchen hinauftrug; weßhalb man auch den alten Commis zum Hause hinausgeworfen hat. – »Zum Hause hinausgeworfen ... meinen wackern Vater Savenay!« sagt Herr Cendrillon, auf die dicke Angelika zugehend; »nicht doch, das ist unmöglich, Madame, und wenn mein alter Freund die Liebe Ihrer Nichte in Schutz genommen hat, so hat er wahrscheinlich nichts Böses darin gesehen!« – Gut gesprochen von Ihnen, mein Herr!« sagte Hieronymus, die Hand des Capitalisten erfassend und sie kräftig schüttelnd; »ich aber habe noch besser gethan; ich habe diejenigen, welche die Unschuld meiner Tochter im hellsten Lichte zeigen können, mitgebracht. – »Das wird sehr ergötzlich!« murmelte Herr Brouillard, sich die Hände reibend.

Im nämlichen Augenblicke eilt der Landwirth zur Thüre des Salons, indem er ein wenig barsch alle Personen, die vor ihm stehen, zurückstößt; eröffnet dieselbe, macht ein Zeichen, und der gute Vater Savenay erscheint mit einem jungen Manne, dessen Haltung zugleich elegant und bescheiden ist, und den Rosa-Maria sogleich erkannt hat ... denn es ist Leopold Bercourt.

»Tretet ein ... tretet ohne Furcht ein, meine Freunde!« rief Hieronymus; »o, ich dachte mir wohl, daß Eure Gegenwart hier nützlich sein würde, denn es sind Leute hier, welche von meiner Tochter Uebels sagen möchten, und ich bin nicht aufgelegt, dies zu dulden. Mein Herr Bruder, ich stelle Ihnen Herrn Leopold Bercourt vor, der, nachdem er die Einwilligung seines Vaters erhalten, in mein Dorf gekommen ist, um die Hand meiner Tochter anzuhalten, und dem ich sie zugesichert habe, weil sie ihn liebt und weil er ein braver und würdiger junger Mann ist, welcher nicht über den Vater derjenigen, welche er heirathen will, erröthet, und der sich nicht gescheut hat, ihn in seinem Dorfe aufzusuchen, obgleich er nur ein Landmann ist. Er ist es auch, der über Rosa-Maria wachte, weil er wußte, daß man, ohne mich zu fragen, über sie verfügen wollte. Und alle Wetter! er hatte wohl das Recht, über unser Kleinod zu wachen. Und dieser gute Greis, den ich so glücklich bin zu kennen, der schon neulich meine Tochter in Schutz genommen hat, da sie bei ihrer Ankunft in Paris ihre Oheime nicht finden konnte, weil, als man uns ihre Adresse gab, man uns nicht zugleich gesagt hatte, daß sie andere Namen angenommen; eine kleine Bosheit, für welche ich den Vetter Brouillard zur Rechenschaft ziehen werde ...«

Hier suchte sich die Fuchsschnauze den Blicken zu entziehen, indem sie sich bückte und that, als ob sie ihr Sacktuch habe fallen lassen.

»Nun, hatte dieser gute Vater Savenay hier Unrecht, die ehrbare Liebe dieser Kinder zu schützen? Hatte er Unrecht, diese arme Kleine zu trösten, welche hier ihre Zeit mit Weinen verbrachte? Hatte er endlich Unrecht, mich von alle Dem zu benachrichtigen, was ohne meine Erlaubniß angezettelt wurde ... mir zu sagen, daß mein armes Kind unglücklich sei?«

Herr St. Godibert war verlegen, er wußte nicht mehr, was er sagen sollte. Er war nicht darauf gefaßt, den Vater Savenay und diesen jungen Mann, der Rosa-Maria liebte, ankommen zu sehen; aber Angelika war außer sich vor Zorn; sie zerriß die Spitzen an ihren Aermeln und schrie: »Was soll das Alles bedeuten? Sich erlauben, uns zwei Männer zuzuführen ... dies ist unbegreiflich! ... Es war also ein verabredeter Streich ... ein vorbereiteter Scandal!«

Dann verließ das dicke Weib, wie von einem plötzlichen Gedanken ergriffen, schnell den Salon, indem sie murmelte: »O, wir wollen schon sehen, hier wird man mich nicht Lügen strafen!«

Inzwischen hatte Friedrich seinen Onkel geküßt und seiner Base Glück gewünscht. Er drückte Leopolds Hand, und dieser sah mit Liebe und Stolz diejenige an, deren Herz zu besitzen ihn so beglückte. Herr Cendrillon hatte sich dem Vater Savenay genähert: er faßte ihn bei der Hand, lobte ihn laut wegen Allem, was er gethan, machte sich verbindlich, ihm eine Stelle zu verschaffen und klopfte Hieronymus auf den Bauch, indem er ausrief: »Sie sind ein Vater nach meinem Sinn! Ich war nie so geschickt, Kinder zuwege zu bringen, aber Donnerwetter! wenn ich gehabt hätte, hätte man mir sie nicht mißhandeln dürfen!«

Während dieser ganzen Zeit schien Mondigo Allem, was vorging, völlig fremd und verließ die Ecke nicht, wo er sich hingesetzt hatte. Herr Roquet that nichts als seine Brille abnehmen, abwischen und wieder aufsetzen, als ob er dadurch Heller in der Sache sehen wollte und betrachtete dann Jedermann, wie um zu erfahren, ob nach alle Dem noch eine Aussicht zur Heirath für ihn vorhanden sei.

Der Vetter Brouillard, welcher allein den raschen Weggang Angelika's bemerkt hatte, war sehr ungeduldig, sie zurückkommen zu sehen, weil er irgend eine neue Scene erwartete.

Hieronymus hatte jedoch bereits den Arm seiner Tochter ergriffen und ging mit ihr auf die Thüre zu, indem er sagte: »Komm, liebes Kind, kommen Sie, lieber Schwiegersohn und Sie, unser alter Freund! Jetzt, da meine Rosa-Maria nicht mehr wegen Liebeshändel angeklagt werden kann, wollen wir der Gesellschaft Lebewohl sagen und uns entfernen.«

Aber in dem Augenblick, wo diese vier Personen den Salon verlassen wollen, kehrt Madame St. Godibert dahin zurück, hält sie zurück und schreit: »Sachte, sachte, Herr Hieronymus, eilen Sie nur nicht so sehr! Bevor Sie Ihre Tochter, auf welche Sie so stolz sind, wegführen, machen Sie ihr doch wenigstens ein Compliment über ihr Zartgefühl. Ich war eben auf ihrem Zimmer oben, um mich zu versichern, ob Mademoiselle nicht vielleicht zufällig Gegenstände mit sich nehmen wollte, welche nicht ihr gehören; meine Vermuthung hat sich gerechtfertigt ... sehen Sie hier, was ich unter den Effekten Ihrer Tochter gefunden habe! ... Ei. ei! ich vermag doch kaum zu glauben, daß sie sich bis zu dem Grade täuschen konnte, um zu wähnen, dieses da gehöre ihr!«

Damit zieht Angelika aus ihrer Tasche und zeigt der ganzen Gesellschaft die kleine Pistole, welche Rosa-Maria in dem Wald von Fontainebleau gefunden hatte.

»Ein Pistole!« murmelt Alles mit Erstaunen.

»Blitz und Schlag! Madame, Ihre Voraussetzung ist niederträchtig!« ruft Hieronymus, indem er niederschmetternde Blicke auf seine Schwägerin wirft; »sich zu glauben erfrechen, diese Pistole sei von meiner Tochter gestohlen worden! ... Sie besaß diese Waffe, ehe sie nach Paris kam; fragen Sie diesen guten Greis, wo sie dieselbe gefunden hat, er wird es Ihnen sagen, ja er; nämlich im Walde von Fontainebleau, wo sie Zeuge des an ihm begangenen Raubes war. Diese Pistole fiel aus der Tasche eines der beiden Elenden, welche ihn geplündert haben.«

»Ja, ja, das ist die Wahrheit!« versichert der Vater Savenay.

»Ich weiß nicht, ob Mademoiselle eine Pistole in einem Walde gefunden hat!« höhnt Frau St. Godibert, »das ist eine meines Erachtens sehr romantische Geschichte; aber jedenfalls ist es nicht diese Pistole, denn ich erkläre, daß diese hier meinem Sohne gehört ... diese Waffe ist kostbar genug, um leicht erkennbar zu sein, und zudem sah ich sie vorgestern noch, als ich in Julians Bibliothek ein Buch holte. Seitdem jedoch ist Mademoiselle mit Weißzeug, das sie auszubessern hatte, auf dem Zimmer meines Sohnes gewesen, und auf diesem Wege hat sich die Pistole unter ihre Effekten verirrt.«

Während Frau St. Godibert über ihre Rede entzückt schien, wechseln Hieronymus und Rosa-Maria Blicke, dann wenden sich Beider Augen auf den Vater Savenay. Diese drei Personen scheinen heftig bewegt und zu fürchten, sich ihre Gedanken mitzutheilen. Herr Cendrillon beobachtet sie, als ahne er, was in ihnen vorgeht.

Leopold tritt zu Frau St. Godibert und sagte zu ihr: »Madame, bevor Sie Ihre Nichte einer Handlung, deren sie unfähig ist, anklagen, waren Sie auch zuerst bei Ihrem Herrn Sohn, um zu sehen, ob er die Waffe, welche er besaß, wirklich nicht mehr habe?« – »Nein!« antwortet Angelika; »doch wozu sie bei ihm suchen, da sie hier ist? Wäre mein Sohn da, er würde dasselbe behaupten.« – »Sie sind gewiß im Irrthum, liebe Tante!« ruft Friedrich aus; »und da Sie selbst meiner Cousine Gerechtigkeit werden widerfahren lassen wollen, so eile ich, Julians Zimmer zu untersuchen.« – »Ich werde Ihnen dabei behülflich sein,« sagt Herr Cendrillon, »denn es schwebt mir vor, daß uns alles Das auf die Spur von ...«

Herr Cendrillon hält inne, als fürchte er, zu viel gesagt zu haben; aber schnell zieht er Friedrich am Arm mit sich fort, indem er sagt: »Kommen Sie, junger Mann, das Alles muß sich aufklären.«

Indeß beharren Hieronymus, der alte Savenay und Rosa-Maria fortwährend in ihrem Stillschweigen; aber sie werfen auf Herrn und Frau St. Godibert Blicke, in denen sich eher Mitleid als Zorn ausspricht.

Der Bankier weiß nicht recht, was er von dem Zwischenfall, den seine Frau herbeigeführt, denken soll; diese, immer noch entzückt über ihre Handlung, weil sie ihre Nichte vor der ganzen Gesellschaft erniedrigt zu haben glaubt, geht von Einem zum Andern, in der Hoffnung, daß man ihr über ihren Scharfsinn Artigkeiten sagen werde; aber statt dessen scheint Jeder bei ihrer Annäherung verlegen und genirt; kurz, es herrscht in dem Salon eine Art geheimnißvollen Schweigens, das der Vorläufer eines großen Ereignisses zu sein scheint.

So verfließen einige sterbenslange Minuten, während welcher Franz meldet, daß aufgetragen sei; aber Niemand will vor Friedrichs und Herrn Cendrillons Rückkehr den Salon verlassen.

Endlich erscheinen sie wieder; der Erstere mit blassem und bestürztem Gesicht; der Zweite hält, mit einem ihm ungewöhnlichen Ausdruck von Strenge in den Zügen, in einer seiner Hände eine kleine Pistole, von der er nur den Lauf sehen läßt. So zeigt er sie der Gesellschaft mit den Worten: »Die Pistole war an ihrem Platz, hier ist sie; sie ist derjenigen, welche von dem Fräulein gefunden wurde, nicht ähnlich. Dieses liebenswürdige Kind ist demnach vollkommen gerechtfertigt ... zudem wird wohl Niemand hier nur einen Augenblick geglaubt haben, sie hätte je den Einfall haben können, sich fremdes Gut zuzueignen.«

Frau St. Godibert, welche sich nicht getäuscht zu haben glaubt, will die von Herrn Cendrillon gehaltene Pistole untersuchen; sie tritt zu ihm und sagt: »Aber vor Allem, mein Herr, muß ich selbst sehen ...«

Herr Cendrillon läßt sie nicht aussprechen; er faßt sie am Arm, drückt denselben kräftig und raunt ihr ins Ohr: »Sie wollen also der ganzen Welt die Schande Ihres Sohnes offenbaren?« Die dicke Frau ist zu Boden geschmettert; sie wird blaß, grün, und schlägt die Blicke zu Boden.

Herr Cendrillon fährt alsbald fort: »Herr St. Godibert, Sie haben noch einige Familienangelegenheiten, noch einige Rechnungen mit Ihrem Herrn Bruder, seiner lieben Tochter und meinem alten Freunde abzumachen; das würde aber die Gesellschaft, welche sich ohnehin gerne zu Tische setzen möchte, nicht ergötzen; ersuchen Sie daher Jemand, daß er Ihre Stelle an der Tafel vertrete.« – »Ach! ja, ja,« stammelt der Banquier, welchen die plötzliche Niedergeschlagenheit seiner Frau vor Entsetzen starr gemacht hat. »Wohlan! lieber Vetter Brouillard, wollen Sie die Güte haben, uns zu ersetzen ... man wird uns entschuldigen ...«

Der Vetter Brouillard, dem das Alles sehr geheimnißvoll vorkommt, ist nicht recht entschlossen, die Honneurs an Herrn St. Godiberts Tisch zu machen. Seine Neugierde kämpft mit seiner Leckerhaftigkeit. Endlich siegt die letztere, der noch ein hungriger Magen zu Hülfe kommt, und die Gesellschaft begibt sich, Herrn Brouillard an der Spitze, in den Speisesaal, wo dieser ausruft: »Setzen Sie sich, meine Damen und Herren, ich werde die Honneurs machen und zwar gut, das kann ich Sie versichern; wenn man nicht wacker zugreift, ist es nicht meine Schuld.«

Die Familie Gogo ist mit Vater Savenay, Leopold und Herrn Cendrillon im Salon zurückgeblieben. Friedrich sieht die St. Godiberts an und scheint zu erschrecken vor dem, was gesagt werden soll; aber nachdem alle Gäste hinaus gegangen und alle Thüren geschlossen sind, tritt Herr Cendrillon auf den Banquier zu, zeigt ihm den bis jetzt verborgen gehaltenen Griff der Pistole und sagt: »Hier sehen Sie die Waffe, welche auf Ihres Sohnes Zimmer war, und hier die Pistole, welche Ihre Frau aus Rosa-Maria's Zimmer genommen hat ... es ist dieselbe, welche Ihre Nichte in dem Walde nach der Flucht der Räuber aufgehoben hat, sehen Sie her.« Der Banquier untersucht beide Pistolen und stottert: »Sie sind sich ähnlich ... ganz gleich ... was soll das bedeuten?« – Das soll bedeuten, das Ihr Sohn einer der Räuber ist, welche meinen alten Freund Savenay angehalten und ihm sechzigtausend Franken abgenommen haben!«

St. Godibert fällt auf einen Stuhl zurück und stammelt: »Nein, nein, das ist nicht möglich!« – »O! das wäre zu gräßlich!« stöhnt die dicke Frau. »Sie irren sich, mein Herr ... wo sind die Beweise ... die Beweise!« – »Es ist wohl gedenkbar, daß wir uns täuschen,« sagt der alte Savenay mit bebender Stimme; »es ist nicht möglich, daß der Sohn des Herrn ...« – »Stillgeschwiegen, Vater Savenay!« fährt Herr Cendrillon mit seiner Stentorstimme fort. »Selbst wenn Sie gewiß wüßten, daß wir einen der Verbrecher gefunden haben, so wären Sie der Mann, es zu läugnen, um keine Schande auf eine Familie zu bringen; aber so leid es mir thut, zuerst muß die Wahrheit ans Tageslicht kommen und Ihr Geld sich wiederfinden, dann kann man erst daran denken, auf die Bekümmernisse Anderer Rücksicht zu nehmen. Ja, ich bestehe auf meiner Behauptung, denn sie gründet sich nicht auf diese Waffe allein ... eine Menge von Umständen ist mir aufgefallen; ich habe Bemerkungen gemacht, die jetzt eben so viele Beweise für mich sind. Ja, Vater Savenay, der junge Julian war einer Ihrer Räuber, und wollen Sie wissen, wer, ich wette darauf, sein Mitschuldiger ist?« – »Ach! reden Sie, reden Sie, mein Herr!« sagte Friedrich.« – »Nun! es ist einer Ihrer theuren Freunde: Herr Dernesty.«

Beim Namen Dernesty fährt Mondigo, der bis jetzt in andere Gedanken verloren schien, von seinem Stuhle auf, stürzt mitten in den Salon und ruft aus: »Ha! ja, mein Herr! dieser liederliche Bube ist zu Allem fähig; er ist ein Ehrloser, ein Niederträchtiger! Wissen Sie, was er mir gethan hat? ... O! ich muß Euch das sagen, unter uns kann ich es gestehen ... Stellen Sie sich vor, ich war heute ausgegangen, um einem Theaterdirektor fünf Akte vorzulesen; da ich dachte, lange aufgehalten zu werden, sagte ich zu meiner Gattin ... treulose Clementine! ... sagte ich also zu meiner Gattin: Dernesty wird uns zum Essen bei meinem Bruder abholen; wartet nicht auf mich, gehet mit einander, ich werde allein hinkommen.« Und ich ging fort, mit meinem Drama ... aber ein Zufall, ein sehr unglücklicher Zufall für mich, wollte, daß der Direktor mich heute nicht, wie es abgemacht war, anhören konnte. Es war noch zu früh, hieher zu gehen; da sagte ich zu mir: Tragen wir unser Drama nach Hause. Ich komme heim ... ich hatte meinen zweiten Schlüssel bei mir ... der Portier ruft mir zu: »Ihre Hausjungfer ist zu den Affen im botanischen Garten gegangen, aber Madame befindet sich oben.« Sehr gut; ich gehe hinauf. Ich öffne, um Clementinen keine Mühe zu machen; ich dringe bis in ihr Zimmer ... und finde meine Gattin und diesen nichtswürdigen Dernesty ... o Abscheu und Grausen! ... die Engländer nennen es eine verbrecherische Unterhaltung ... Teufelsunterhaltung das! Ich wollte diesen Herrn umbringen, aber ich war so betäubt! ich konnte meinen Augen nicht trauen; er entwischte und that wohl daran! Was Clementine anbetrifft, so habe ich sie nach Verdienst behandelt und werde mich von ihr trennen ... o! ja, ich werde sie verlassen, obwohl das sehr störend für mich ist, der ich ein Gewohnheitsmensch bin und mein Mittagessen gern bereit finde, wenn ich von einer Probe nach Hause komme!«

Mondigo's Erzählung würde vielleicht Interesse erregt haben, wenn nicht eine weit wichtigere Sache die Gemüther in Anspruch genommen hätte.

Herr St. Godibert scheint nicht zu wissen, was er glauben soll; seine Frau untersucht beide Pistolen aufmerksam, und Hieronymus drückt seine Tochter in seine Arme, als wolle er dem Himmel danken, daß er ihm ein Kind schenkte, über das er nicht erröthen darf.

Rosa-Maria sieht mit holdem Blicke Leopold an und scheint ihm zu sagen: »Sie sehen, daß ich Ihrer würdig bin.«

Plötzlich geht die Salonthüre auf. Der junge Julian tritt ein und entschuldigt sich: »Verzeihung, ich habe mich ein wenig verspätet ... man hat mir jedoch gesagt, ein Theil der Gesellschaft sitze bei Tische, und Sie seien noch hier mit dem Vater meiner Cousine. Ich kam zu erfahren .. aber, mein Gott, was geht denn hier vor?«

Der junge Mann hält inne, denn er hat die seltsame Art und Weise bemerkt, womit er aufgenommen wird. Bei seinem Anblick haben Vater und Mutter mit einer Art Grausen den Kopf abgewendet; Friedrich und Rosa-Maria schlagen traurig die Augen nieder: Hieronymus betrachtet mitleidig diesen Neffen, den er zum erstenmal sieht, und der Vater Savenay hat eine ganz bestürzte Miene.

Als Julian des Greises ansichtig wird, geräth er in Verlegenheit und weiß nicht, was er denken soll. Er blickt mit ängstlicher Miene um sich und begegnet dem strengen Blicke des Herrn Cendrillon, der ihn mit den Worten anredet: »Herr Julian, ich muß mich einen Augenblick mit Ihnen besprechen, mit Ihnen allein; Ihre Familie wird uns wohl unter vier Augen lassen.« – »O! ja, ja!« sagt Friedrich, Herr Cendrillons Absicht begreifend, der Julian die Schande des Geständnisses vor seinen Eltern ersparen will, und führt Herrn und Frau St Godibert mit sich weg. Aber während die andern Personen dem Paare folgen, flüstert Herr Cendrillon dem Banquier, dem er sich genähert, in's Ohr: »Hören Sie der Unterredung zu, welche ich mit Ihrem Sohne haben werde, dann wird Ihnen gewiß kein Zweifel mehr bleiben.«

Jedermann war hinausgegangen, Julian bei Herrn Cendrillon zurücklassend; die Thüre wurde nur scheinbar geschlossen, so daß Herr St. Godibert durch die Thürspalte lauschen konnte.

Der Jüngling war blaß und zitternd geworden. Er weiß noch nicht, was man ihm sagen wird; aber sein längst schon nagendes Gewissen läßt ihn stets die Entdeckung seines Frevels befürchten, und sein Mitschuldiger ist nicht da, um ihm Muth einzuflößen.

Herr Cendrillon hat eine der Pistolen in seine Tasche geschoben; er zeigt sie Julian und fragt: »Gehört das Ihnen?«

Verblüfft stammelt Julian: »O ja ... es gehört mir ... diese Pistole war auf meinem Zimmer ... warum hat man sie geholt?« – »Das sollen Sie gleich erfahren; aber antworten Sie mir zuvor: hatten Sie nicht ein Paar solcher Pistolen?«

Julian wird noch verwirrter, er zögert und stottert endlich: »Um Vergebung, ich hatte ein Paar, aber eine habe ich verloren ... schon vor langer Zeit.«

Herr Cendrillon zieht rasch die andere Pistole aus der Tasche hält sie Julian unter die Augen und ruft aus: »Hier ist sie, man hat sie wiedergefunden!«

Julians Antlitz wird bleifarbig, seine Züge verzerren sich, kaum vermag er die Worte hervorzubringen: »Ach! ja ... das ist die andere ... und wer denn ... hat sie gefunden?«

»Jemand, der in dem Walde von Fontainebleau Zeuge Ihres Verbrechens war, als Sie meinen alten Freund Savenay anfielen und beraubten.«

Im ersten Augenblick läßt Julian seinen Kopf zurück auf die Lehne $ seines Stuhles sinken, bald aber fällt er auf die Kniee, beugt seine Stirne zur Erde und stöhnt: »Wehe, wehe! ja, ich bin es! ... ich bin ein Elender, aber verderben Sie mich nicht in den Augen meiner Eltern.«

Ein Schrei ertönt hinter der Thüre. Julian hat die Stimme seiner Mutter erkannt; er stößt die Stirne auf den Fußboden, indem er ausruft: »Sie haben gehorcht ... sie wissen Alles ... o, mein Herr, den Tod ... geben Sie mir eine Waffe, daß ich mich umbringe, ich kann nicht mehr vor ihnen erscheinen!«

Cendrillon selbst ist tief bewegt von dem herzzerreißenden Schrei, den er gehört; indeß nimmt er sich zusammen, hebt Julian auf, läßt ihn sitzen und fährt fort: »Sie sind sehr strafbar, aber der Tod macht nichts wieder gut, denn Sie würden mit Schande in das Grab steigen! Es gibt etwas Besseres, das ist eine aufrichtige Reue, ein Betragen, das Ihr vergangenes Leben verwischt und vergessen läßt; aber vor Allem: wie heißt Ihr Mitschuldiger?« – »Dernesty.« – »Ich hatte es geahnt. Darum sprach er nicht in Savenay's Gegenwart.« – »Ach! mein Herr, ich will mein Verbrechen nicht zu entschuldigen suchen, das ist unmöglich, aber dennoch ohne Dernesty hätte ich niemals den Gedanken zu einer solchen Handlung gefaßt. Ich hatte viele Schulden, da ich insgeheim Spiel und Vergnügen liebte ... ich hatte mich verführen lassen! Da begegnete er eines Tags auf einer Landpartie, die ich mit ihm machte, diesem Greise; er erhielt Kunde von dessen sechzigtausend Franken und ... ich hätte lieber sterben als seinen Rathschlägen Gehör schenken sollen, aber ... Sie wissen Alles und seitdem habe ich keinen Tag Ruhe gehabt!« – »Sie können nicht mehr in Frankreich bleiben. Ich bin im Begriff, ein Schiff nach der Insel Bourbon abgehen zu lassen. Begeben Sie sich nach Havre; mit diesem Schiff reisen Sie ab, ich werde dem Capitän schreiben. Dort arbeiten Sie unablässig, befleißigen sich eines musterhaften Betragens, so daß man Ihnen nicht den kleinsten Vorwurf machen kann, und im Laufe von zwölf Jahren dürfen Sie Ihr Vaterland wieder sehen. Es gibt kein Vergehen, das wahre Reue nicht ausmerzen könnte.« – »Ach! mein Herr!« – »Machen Sie sich reisefertig und gehen Sie auf der Stelle fort. Sie haben vielleicht kein Geld? Nehmen Sie diese Börse. Ihr Vater wird alle meine Anordnungen genehmigen. Gehen Sie und denken Sie daran, sich des einstigen Wiedersehens Ihrer Eltern werth zu machen.«

Julian drückt seine bebenden Lippen auf eine von Herrn Cendrillons Händen, er kann kaum sprechen und geht endlich mit dem Schwure hinweg, daß er eines Tages würdig sein werde, in sein Vaterland zurückzukehren.

Der Capitalist bleibt nicht lange allein; die ganze Familie kehrt zu ihm zurück. Herr und Frau St. Godibert werfen sich weinend in seine Arme.

»Billigen Sie was ich gethan Habe?« fragt Herr Cendrillon.

– »Ach! Sie haben unsere Ehre gerettet ... aber der elende Dernesty?« – »O! den nehme ich auf mich,« sagt Friedrich, »ich werde meinen Oheim Mondigo rächen.«

Der Schriftsteller drückt ihm die Hand und ruft aus: »Sehr gut, Friedrich, sehr gut ... gib diesem Verbrecher einen tüchtigen Degenstoß, und hernach werde ich sehen, ob ich meiner Gattin, welche vielleicht wie Julian verführt wurde, verzeihen kann.« – Was meinen alten Freund Savenay betrifft,« fährt Herr Cendrillon fort, »so ...«

Der Banquier läßt ihn nicht ausreden, sondern fällt ein: »Gleich morgen werde ich demselben die 60,000 Franken, welche in seiner Brieftasche waren, zurückgeben, und 25,000 meiner Nichte als Mitgift anbieten.« – »O! ich danke Ihnen, mein Herr,« sagte Leopold, eine Hand Rosa-Maria's fassend, »aber das Fräulein bedarf keiner Mitgift. Mein Vater weiß, daß ich eine Frau gefunden habe, deren Tugenden mein Glück ausmachen werden, und das, sagte er, sei mehr werth als Geld.«

Hieronymus drückt Leopolds Hand mit vollem Gefühl, aber Herr St. Godibert fährt mit demüthiger Miene fort: »Wenn mein Bruder Hieronymus meine Gabe zurückweist, so muß ich glauben, daß er mir immer noch zürnt, daß er mir meine Namensveränderung nicht verziehen hat, und doch ist er hinlänglich gerächt, denn, wie er eben sagte, der Name Gogo ist makellos geblieben, während die von uns angenommenen ...«

Der Banquier vollendet seinen Satz nicht: er verbirgt sein Gesicht in seiner Hand und Mondigo wendet sich ab, sich abermals an der Stirne kratzend. Aber Hieronymus geht auf seine Brüder zu, drückt sie an seine Brust und spricht: »Alles ist vergessen! Brüder dürfen nicht uneins bleiben ... Nicolas, ich nehme die Mitgift an, welche Du meiner Tochter bestimmst, und dieser brave Junge muß sie wohl auch annehmen. Du, Eustach, komme zuweilen zu uns, das wird Dich von Deinem ehelichen Kummer zerstreuen. Suchet glücklich in der Stadt zu sein; ich kehre in mein Dorf zurück, sobald der Bund dieser beiden Kinder besiegelt ist.» – »Und wenn Sie erlauben, Papa Hieronymus,« sagte der alte Savenay, »so bleibe ich bei Ihnen ... ich brauche nicht mehr Commis in Paris zu sein, aber ich brauche Freunde, bei denen ich meine Laufbahn ruhig beschließen kann.« – »Eingeschlagen! Vater Savenay!« antwortete Hieronymus, »wir werden mit einander von meiner Rosa-Maria sprechen, und Sommers wird das junge Pärchen wie auch mein Neffe Friedrich zu uns kommen, um sich bei uns zu unterhalten.« – »Und an mich denket Ihr gar nicht?« sagte Herr Cendrillon; »aber Ihr werdet mich mehr als einmal in Avon sehen, Herr Hieronymus. Einstweilen lade ich mich als Zeuge zur Hochzeit dieses hübschen Kindes ein, dem ich auch mein Brautgeschenk bringen will ... aber jetzt adieu, ihr lieben Leute ... da sind arme Eltern, welche der Einsamkeit bedürfen, wir müssen ihren Schmerz achten.« – »Und da drüben ist die ganze Gesellschaft,« seufzte Angelika, auf den Speisesaal deutend.

»Seien Sie deßhalb unbesorgt, Madame,« entgegnet Cendrillon, »ich will der Gesellschaft sagen, daß Sie sich unwohl befinden, daß Ihr Gemahl Sie nicht verlassen kann, und wenn sie sich Alle recht voll gegessen, so stehe ich Ihnen dafür, werden sie fortgehen, ohne sich um Weiteres zu bekümmern.«

Hieronymus verabschiedet sich nebst seiner Tochter, Leopold und dem Vater Savenay; Friedrich ist schon fort; Mondigo schwankt, ob er zum Essen nach Hause gehen soll; Julians Vater und Mutter verschließen sich mit ihrem Schmerz in ihre Privatzimmer; Herr Cendrillon erfüllt seinen Auftrag bei der Gesellschaft.

Jedermann scheint sehr niedergeschlagen von seiner Mittheilung, ohne daß deßhalb eine Abnahme des Appetits bei der Gesellschaft zu bemerken wäre. Herrn Brouillard aber läßt die Sache nicht ruhen, er richtet eine Menge Fragen an Herrn Cendrillon. Dieser setzt sich zu Tisch und antwortet einfach: »Mein Herr, Sie haben bereits gegessen, erlauben Sie mir, daß ich ein Gleiches thue.« – »Aber der gute Hieronymus?« fährt Vetter Brouillard fort.« – »Alles ist im Reinen: er hat sich mit seinen Brüdern ausgesöhnt und seine Tochter mitgenommen.« – »Also heirathet mich Fräulein Rosa-Maria unter keinen Umständen?« stottert Herr Roquet. – »Nein, mein Herr. Sehen Sie sich anderswo um, hier ist nichts für Sie zu machen.« – »Aber mein Vetter Mondigo?« frägt Brouillard weiter. – »Ist zu seiner krankgewordenen Frau heimgekehrt.« – »Was für eine Seuche ist denn unter diese Weiber gefahren! und der Sohn des guten St. Godibert? Wo ist denn der? Ist Julian am Ende auch krank? Es ist also eine wahre Familienepidemie ausgebrochen?« – »Julian,« antwortet der Capitalist, »ist diesen Morgen nach Havre abgereist: er soll den Handel in den Colonien studiren ... es ist dies ein Einfall seines Vaters, den er Ihnen über Tische mittheilen wollte.«

Man begann wiederum zu zischeln und Conjecturen zu machen. Aber wie Herr Cendrillon vorausgesehen, ging nach eingenommenem Kaffee und Likör Jeder an sein Geschäft, ohne der St. Godiberts weiter zu gedenken. »Jeder für sich!« dieses alte Sprüchwort ist das erste Gesetz der Weltleute.

Am andern Tage in der Frühe kam Friedrich zu seinem Oheim, dem Banquier. In dem Schlafzimmer fand er die beiden Gatten beisammen, denn nichts vereinigt schneller, als der Kummer. »Von jetzt an,« sagte er mit befriedigter Miene, »wird der Verführer Ihres Sohnes keiner Familie mehr Schande bringen.« – »Wie!« rief Angelika aus, »Herr Dernesty?« – »Ich suchte ihn heute bei Tagesanbruch auf und forderte ihn unter dem Vorwande, daß mein Oheim Mondigo mich zu seinem Rächer bestellt habe. Ich glaube, ihm ahnte, daß mich ein anderer Beweggrund beseele, aber als fürchte er, ich möchte damit herausrücken, nahm er augenblicklich den Zweikampf an. Die Vorsehung wachte über mich. Dernesty erhielt eine Kugel in die Brust und fiel, um nicht wieder aufzustehen. Ich vernahm seine letzen Worte: er stammelte Julians Namen, blickte zum Himmel auf und schien weiter sprechen zu wollen, aber die Kraft verließ ihn. Der Strafbarste ist todt; der Andere wird seinen Fehltritt durch seine Reue wieder gut machen ... Es wird ein Tag kommen, wo Sie dieses Unglück ganz vergessen können.«

Friedrich entfernte sich unter den lebhaftesten Danksagungen des Paares, um den Schriftsteller aufzusuchen, und auch ihm den Ausgang seines Duells zu berichten.

Mondigo warf sich Friedrich an den Hals und rief aus: »Ich eile, Clementine zu verzeihen. Sie ist bei einer ihrer Tanten; ich will sie aufsuchen und im Triumph zu mir zurückführen ... ich habe übrigens schon vorsorglich überall verbreitet, daß sie aufs Land zu einer Freundin gegangen sei ... ich wußte wohl, daß die Sache sich wieder machen würde.«

Vierzehn Tage nach diesen Ereignissen wurde in der Kirche St. Vincenz de Paula eine Hochzeit gefeiert. Jedermann bewunderte die Schönheit, die Anmuth, das jungfräuliche Aussehen der jungen Neuvermählten, und auch mit ihrem Bräutigam war man sehr zufrieden.

Brauche ich das junge Paar zu nennen? An Leopolds Seite standen Vater und Schwester, welche sein Glück theilten. Neben Rosa gewahrte man das strahlende Antlitz Hieronymus' und das des um zwanzig Jahre verjüngten Vaters Savenay. Auch Friedrich war da und erfreute sich aufrichtig des Glücks seiner Freunde. Ebenso war des Vetters Brouillard Fuchsnase zu sehen, der seine Betrachtungen über die Abwesenheit beider Tanten der Braut anstellte und einige Spottreden hören ließ, aus denen hervorging, daß ihm Mondigo sein häusliches Begegniß anvertraut hatte.

Herr Cendrillon stand neben seinem alten Freunde und betrachtete mit Wonne Rosa-Maria, welcher er vor dem Kirchgange ein Diamanthalsband von großem Werthe umgelegt hatte. Es erfreute ihn augenscheinlich zu sehr, dieses Präsent machen zu können, als daß man gewagt hätte, es zurückzuweisen.

Bei der Vermählungsfeier erschienen der Schriftsteller und der Banquier. St. Godibert jedoch, dessen Miene fortwährend traurig und sorgenvoll war, entfernte sich unmittelbar nach der Vermählung. Mondigo blieb bei dem Festmahl, er sang sogar ein Festgedicht, das er auf die Hochzeit gemacht hatte, was Brouillard Anlaß gab vor sich hin zu brummen: »Mein Vetter Mondigo war nie so vergnügt, als seit er weiß, daß er, wenn auch nicht als Dichter, doch als Ehemann gekrönt wurde.«

Es war ausgemacht, daß man am andern Tage Hieronymus in sein Dorf begleiten und eine Woche bei ihm verweilen sollte.

Der Capitalist selbst führte in seiner großen Kalesche das junge Paar, Leopolds Schwester, Hieronymus, Friedrich und den Vater Savenay.

Man brach früh Morgens auf und war eben im Begriff, die Linie der Boulevards zu verlassen, als beim Eingang in die St. Antoinestraße Friedrich Herrn Cendrillon zurief, er möchte einen Augenblick halten, denn er sehe ein bekanntes Gesicht.

Es war Herr Richard, der aus einer Ballsoirée heimkehrte und so eben von einem Manne, der vor seiner glänzenden Toilette nicht den mindesten Respekt hatte, unbarmherzig durchgehauen und in einer Gosse herumgezogen wurde.

Nahe dabei standen zwei Individuen als friedliche Zuschauer dieser Scene, welche sie sehr zu ergötzen schien.

»Es ist der elende Richard!« schrie Friedrich.

Bei diesem Namen wollte Leopold, sich des Verleumders seiner Braut erinnernd, aussteigen, um den Schuldigen zu züchtigen, aber Rosa-Maria hielt ihn und ihren Vetter zurück, darauf hinweisend, daß ja bereits ein Anderer es auf sich genommen, sie zu rächen. Dieser Andere war Desiderius Glureau, der Mann mit dem Faltenhut, welcher, Rosa-Maria und den Vater Savenay in der Kalesche erkennend, mit einem Gruße zu ihnen trat, und während Richard Fersengeld gab, zu ihnen sagte: »Schönen guten Morgen, mein Fräulein, mein Herr und die werthe Gesellschaft ... da inspektorirte ich eben meine Gassenkehrer und wollte mit dem Wilden und Ratmort weißen Wein trinken, als ich diesen saubern Vogel, der um die Ecke der Straße witschte, bemerkte! ... Schon lange hatte ich ihm eine tüchtige Abbläuung zugedacht: erstens, weil er mich hinderte, auf der Eisenbahn eine Prise zu nehmen, und zweitens, weil er das Fräulein verlästert hatte! Ich machte mich an ihn und forderte ihn auf den Prügel heraus, aber der Kerl ist feig wie ein Hase und wollte durchbrennen, da habe ich ihm seine Bezahlung gegeben, an die er, Gott straf' mich! lange denken wird.« – »Dank, mein Tapferer,« sagte Leopold, »und doppelt Dank, denn die Verleumdete, die Sie einst so liebreich in Schutz genommen, ist jetzt meine Frau. Nehmen Sie diese Börse und thun Sie sich zur Freude über mein Glück etwas zu Gute.« – »..Ei! Fräulein Rosa-Maria ist jetzt Ihre Frau?« frug das Kosakengesicht. »Nun! um so besser ... das ist einmal ein hübsches Paar! Indeß hatte ich nicht aus Eigennutz gehandelt ... aber um Ihnen zu gehorchen, nehme ich das Geschenk an; wir wollen mit Bichat und den Freunden ein wenig schlampampen. Empfehle mich, meine Damen, meine Herren und die werthe Gesellschaft!«

Jetzt rollte die Kalesche weiter nach dem Dorfe Avon hin mit lauter seelenvergnügten Personen; am zufriedensten und stolzesten aber glänzte Hieronymus' Gesicht, obgleich er seinen Namen niemals verändert hatte.

Hatten wohl seine Brüder den gleichen Anspruch auf Zufriedenheit und Frohsinn?

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