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Die Familie Gogo

Charles Paul de Kock: Die Familie Gogo - Kapitel 31
Quellenangabe
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typefiction
authorPaul de Kock
titleDie Familie Gogo
publisherRieger'sche Verlagsbuchhandlung
printrunDritte Auflage
year1861
translatorHeinrich Elsner
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Dreißigstes Kapitel.

Die Brautwerbung

Am Tage nach diesem merkwürdigen Abend hatten sich Madame St. Godibert und ihr Mann noch nicht von der Wuth erholt, die sie darüber empfanden, daß man sie gezwungen, ihre Nichte ihrer Gesellschaft vorzustellen.

Was Frau Mondigo anbelangt, so hatte sie beim Weggehen ihrer Schwägerin erklärt, sie werde keinen Fuß mehr in ihr Haus setzen, so lange die junge Person da sei.

Im ersten Augenblick hatte Angelika ausgerufen: »Man muß dieses junge Mädchen ihrem Vater zurückschicken und ihr verbieten, je wieder unser Haus zu betreten.« – Ja,« hatte St. Godibert beigefügt, »ja, schicken wir sie fort!«

Aber gleich darauf kratzte sich der Banquier hinter den Ohren, sah seine Frau an und fuhr fort: »Was hilft uns aber jetzt das Fortschicken? Gesehen hat man sie doch schon, und wenn man sie nicht mehr sieht, so werden Alle, die für sie in Entzücken gerathen sind, uns Tag für Tag fragen, was aus ihr geworden ist! Dieser Vetter Brouillard, der so boshaft ist wie ein Affe, würde nicht ermangeln, überall auszustreuen, wir hätten unsere Nichte schnöde davon gejagt, wir hätten uns geweigert für sie zu sorgen ... und man würde eine Unzahl Steine auf uns werfen.« – Das ist wahr,« sagte Angelika, »und ich sehe ein, daß wir sie behalten müssen; aber wenigstens wollen wir bei der ersten Gelegenheit sie unterbringen, uns jedenfalls ihrer entledigen – »Das ist ganz meine Ansicht.« – Und die kleine Duckmäuserin fragt man gar nicht um die ihrige. – »Das wäre sehr überflüssig!« – Ich sage Duckmäuserin, weil, trotz ihrer niedergeschlagenen Augen und ihrer scheinheiligen Miene, Fifine von ihr behauptet, sie sei nicht besser als eine Andere ... sie sei voller Schliche und kenne junge Leute in Paris. – »Ha! wenn ich davon einen Beweis hätte, dann jagte ich sie vor aller Welt aus meinem Hause! ...« – Bis jetzt sind es nur Vermuthungen, aber Fifine ist gewandt, und wenn etwas daran ist, so wird sie es herausbringen.«

Die Anwesenheit eines hübschen Frauenzimmers ist immer das beste Mittel, viele Männer in ein Haus zu ziehen. Rosa-Maria's Vorstellung in der Abendgesellschaft ihres Oheims hatte Aufsehen gemacht. Jedermann sprach von dem kleinen Landmädchen: die Männer, um dasselbe zu rühmen, die Frauenzimmer, um es zu kritisiren; wer Rosa nicht gesehen hatte, wünschte sie kennen zu lernen; wer sie aber in dem Abendzirkel bemerkt hatte, wollte sie wieder sehen. Madame St. Godibert erhielt zahllose Besuche, hei welchen man unaufhörlich von ihrer Nichte mit ihr sprach, was ihr ein beständiges Kopfweh verursachte, und sie in die unerträglichste Laune versetzte.

Doch unter allen emsigen Besuchern konnte an Emsigkeit keiner mit Herrn Roquet verglichen werden. Selten verging ein Tag, ohne daß er bei Madame St. Godibert erschien, und da man jetzt die Thüre des Cabinets, in welchem Rosa-Maria arbeitete, nicht mehr verschloß, so verfehlte Herr Roquet nicht, auch ihr seine Huldigungen darzubringen; dann kam er Abends wieder, um sie womöglich noch einmal zu sehen, und wenn dann die kleine Nichte nicht da war, wurde er traurig, that keinen Mund auf und seufzte wie ein melancholischer Frosch, so daß Madame St. Godibert gute Lust hatte, ihn mit Ohrfeigen zu regaliren.

Rosa-Maria war von den Complimenten, süßen Blicken und Galanterien, womit sie Herr Roquet beinahe erdrückte, durchaus nicht erbaut. Sie dachte an den jungen Maler und sehnte sich, um desto freier an ihn denken zu können, nach der Zeit zurück, wo man sie allein gelassen und Niemand erlaubt hatte, sich ihr zu nahen. Jetzt aber suchte Madame St. Godibert, in der sichern Voraussetzung, daß ihre Nichte nicht mehr lange bei ihr bleiben werde, von ihrer Anwesenheit den größtmöglichen Nutzen zu ziehen und gönnte ihr keinen Augenblick Ruhe. Wenn es daher zufällig keine Arbeit für die Nadel gab, so mußte das junge Mädchen in alle Gemächer des Hauses gehen, um sie zu ordnen und zu säubern; man machte beinahe eine Haushälterin aus ihr; endlich auch schickte man sie, wenn Julian nicht da war, mit Fifine des jungen Mannes Garderobe zu untersuchen und in Ordnung zu halten, und Mamsell Fifine sorgte dafür, daß Rosa-Maria Alles thun mußte; was sie aber fast zur Verzweiflung brachte, war, daß Rosa-Maria Alles that, was man sie hieß, ohne sich je zu beklagen, oder zu murren.

Franz war wüthend, daß man Rosa-Maria so mißbrauchte, und er genirte sich gar nicht, öfters zu sagen: »Nun, Gott sei Dank! die gute Nichte muß nicht schlecht herhalten: Sie machen eine Nähterin, eine Flickerin, einen Jockei, eine Ausbürsterin aus ihr ... nur Geduld, wir werden es noch erleben, daß sie sie als Stiefelputzer und Küchenmagd verwenden! Sie muß sich außerordentlich glücklich hier fühlen.«

Rosa-Maria's einziger Wunsch war, einmal wieder einen kleinen Spaziergang mit Vater Savenay zu machen; aber sei es nun, daß ihm die Zeit mangelte, oder befürchtete er, sie zu stören, seit mehreren Tagen hatte sie ihn nicht gesehen. Mehr als einmal hatte sie des Morgens die Gangthüre geöffnet und war bis an die Treppe vorgetreten; sie starb fast vor Begierde, in das Bureau hinabzugehen und ihrem alten Freunde einen guten Tag zu wünschen; aber kaum hatte sie den Fuß aus ihrem Zimmer gesetzt, als Mamsell Fifine ihre Thüre gleichfalls aufmachte, wie um sie zu belauern. Dann wagte Rosa-Maria nicht, hinabzusteigen und ging traurig wieder in ihr Gemach zurück.

Einmal ... eines Morgens, klopft es in sehr früher Stunde an Rosa-Maria's Thüre; sie hat die Stimme des Greises, der eines seiner Lieblingslieder summt, erkannt und beeilt sich, ihm zu öffnen.

»Ach, wie lange ist es, daß Sie nicht gekommen sind!« ruft Rosa-Maria aus, als sie ihren alten Freund wieder sieht. – »Es ist wahr, mein liebes Kind, aber es war nicht meine Schuld; Herr St. Godibert hat seine andern Commis ausgezankt, daß sie sich so spät auf dem Bureau einfinden: da wagte ich keinen Spaziergang mehr. Heute bin ich aber noch früher als sonst da, weil ich Sie durchaus sehen wollte, denn ich habe Ihnen Vieles zu sagen. – »Mir, lieber Freund?« – Ja, wahrhaftig ... auch bin ich Jemand begegnet ... Jemand, den Sie kennen ... Sie wissen wohl, jenem jungen Mann von neulich.«

Rosa-Maria erröthet und erblaßt fast zu gleicher Zeit, ihr Busen hebt und bewegt sich in eiligen Schlägen; sie ist so bewegt, daß sie kaum die Worte zu stammeln vermag: »Wie, lieber Freund, Sie haben Herrn Leopold gesehen?« – Ohne Zweifel. – »Und er hat mit Ihnen gesprochen?« – Ganz sicher. – »Aber wie ging das zu? ... Er hat Sie also wieder erkannt? ... Durch welchen Zufall? ... O! erzählen Sie mir das Alles, ich bitte Sie darum!« – Aber, mein Gott, ich hätte es Ihnen ja schon erzählt, wenn Sie mich zu Worte kommen ließen. – »Ich schweige, mein Freund, ich schweige, aber dann reden Sie!« – Wohlan! Es scheint, daß an jenem Morgen dieser junge Mann, nachdem er Ihnen bei den elysäischen Feldern begegnet war, sich nicht ganz entfernt hatte, wie Sie damals glaubten ... die Verliebten machen es oft so: sie scheinen zu gehen, aber gehen nicht ganz! Kurz, der junge Maler war uns wahrscheinlich von ferne gefolgt und sah uns Beide in dieses Haus eintreten. Seit dieser Zeit kam Herr Leopold ohne Zweifel, weil er Sie wieder zu sehen wünschte, häufig in die Straße und pflanzte sich vor dem Hause auf ... er brachte da ganze Stunden zu; ich, der ich ihn mehr als einmal wahrgenommen hatte, glaubte sogar zu bemerken, daß er mich anblicke; aber ich sagte nichts, ich wartete, ich ahnte, wo er hinaus wollte ... hi! hi! man ist auch jung gewesen!

»Doch sieht bei jedem Schritt man sprießen
Mehr Blumen als man pflücken kann,
Und schön benützt sein Leben fließen,
Sagt, Freunde, heißt das altern dann?«

»Ach, bester Freund, bitte, bitte!« – Um Vergebung, ich fahre schon fort: Gestern endlich, da ich zum Essen gehen wollte, sprach mich Herr Leopold sehr höflich an, indem er zu mir sagte: »›Mein Herr, ich müßte mich sehr täuschen, wenn ich nicht die Ehre gehabt hätte, Ihnen mit einer jungen Person am Arm zu begegnen, welche ich kenne, nämlich mit Fräulein Rosa-Maria aus dem Dorfe Avon.‹« Ich antwortete ihm, daß er sich nicht irre; da fängt der arme junge Mensch auf einmal an zu zittern und bittet mich, ihn anzuhören; ich ersuche ihn, sich zu beruhigen, mit der Versicherung, daß ich ihn recht gerne anhören werde ... ich hatte vielleicht Unrecht, ihm das zu sagen, liebes Kind? – »O! nein! nein! Sie haben ganz recht geantwortet, mein lieber Freund! ... Und dann?« – Hat er mir erzählt, wie ein Unfall ihn verhindert habe, nach Fontainebleau um die mit Ihnen verabredete Zeit zurückzukehren. – »Es war nicht sein Fehler! Ach! ich wußte es gewiß.« – Als er dann endlich in das Dorf Avon sich begab, erfuhr er von Ihrer Magd, daß Sie nach Paris abgereist seien, um daselbst zu bleiben. Dann entfernte er sich ganz kummervoll, und ohne Ihren Vater zu sprechen. – »Der arme Junge! ... Und dann?« – Hoffte er, Sie in Paris wieder zu finden, aber auch er suchte die Gogo's, ohne zu ahnen, daß es keine mehr gebe. Endlich ... und das ist das Aergste! kamen junge Männer in sein Atelier, erlaubten sich Ihr Portrait, welches verborgen war, aufzudecken, und einer derselben behauptete, er kenne Sie ... es scheint, daß dies der nämliche junge Mann war, der Ihnen am ersten Abende Ihrer Ankunft nachgegangen war! ... und dieser Elende wagte es, Sie zu verleumden, Dinge über Sie auszusagen, wodurch Sie für rechtschaffene Menschen ein Gegenstand der Verachtung hätten werden müssen. – »Ach, mein Gott! mein Gott!« – Aber beruhigen Sie sich doch, liebes Kind: es wurde mir nicht schwer, zu beweisen, daß man Sie niederträchtig verleumdet hatte! ... Der arme Junge! wenn Sie seine Freude, seinen Wonnetaumel gesehen hätten! er tanzte auf der Straße, er warf sich an meinen Hals, er dankte mir tausendmal, daß ich Sie beschützt habe, dann rannte er weg wie ein Narr, indem er mir zurief, er werde jetzt denjenigen, der schlecht von Ihnen gesprochen, umbringen. – »Mein Gott! ... er wird sich schlagen ... wenn ihm ein Unglück zustieße ... Sie hätten ihn zurückhalten sollen.« – Ich mochte ihm rufen wie ich wollte, er hörte mich nicht. Ich war sehr unruhig über die Folgen dieser Sache, als ich diesen Morgen Herrn Leopold wiedersah. – »Er ist nicht verwundet?« – Nicht einmal geritzt, denn er hat den schändlichen Tropf, der sich, wie es scheint, Richard nennt, und ausgezogen ist, ohne seine Adresse zu hinterlassen, nicht wieder finden können. – »O, desto besser!« –Dann hat mich dieser junge Maler gebeten, angefleht, es über mich zu nehmen, Ihnen ein kleines Billet zuzustellen, worin er Sie um Verzeihung bittet, daß er nur einen Augenblick an Ihre Schuld habe glauben können ... ich hätte freilich diesen Brief nicht annehmen sollen, ich bin etwas zu alt zu einem Liebesboten, aber er war so dringend ... das Billet ganz offen, und wahrhaftig ... – »Sie haben es genommen? O! danke, danke, bester Freund! Der arme junge Mann ... Sie hätten ihm so wehe gethan, wenn Sie es abgelehnt. O! geben Sie, geben Sie, ich werde es ganz laut lesen, denn Sie sind unser Vertrauter! wir haben kein Geheimniß vor Ihnen.«

Und Rosa-Maria nimmt mit bebender Hand den Brief, welchen ihr Vater Savenay darbietet und liest mit bewegter Stimme:

»›Mein Fräulein! der achtungswürdige Mann, der Ihnen dies Billet einhändigen wird, wird Ihnen schildern, wie sehr es mich reut, daß ich neulich stumm an Ihnen vorübergegangen bin ... wüßten Sie, wie viel ich gelitten, ich, der keinen Augenblick aufgehört, an Sie zu denken! Ach! verzeihen Sie und erlauben Sie mir, Ihnen zu sagen, daß ich nie Jemand lieben werde, als Sie, dann wird Leben und Glück mir wieder blühen‹«

Rosa-Maria sprang dem Greis an den Hals und rief aus: »Er wird nie Jemand lieben, als mich ... ach! lieber Freund, wie glücklich bin ich! Sagen Sie ihm, daß ich ihm verzeihe, daß auch ich ihn li ... nein, ich weiß mich nicht auszudrücken ... soll ich ihm nicht auch schreiben?« – Nein, nein, das würde sich nicht schicken, diese mündliche Antwort wird ihm genügen, ich habe ihm überdies erklärt, daß ich mich mit keinem weitern Brief befassen würde ... es ist genug an einem Mal, aber seien Sie ruhig, er wird erfahren, was Sie ihn wissen lassen wollen ... er wird glücklich sein, sehr glücklich, und dann wollen wir sehen, was sich ferner passender Weise für Sie thun läßt ... Aber! lieber Gott! da vergesse ich mein Bureau! ... Die Zeit vergeht ... adieu, liebes Kind, adieu. – »Aber nicht wahr, lieber Freund, Sie kommen bald wieder?« – So bald ich kann. – »Und bringen mir Nachricht von ihm?« – Ja, ja! – »Und sagen ihm, daß wir an einem der nächsten Morgen spazieren gehen werden?« – Ja, ja!«

Der Vater Savenay hörte nicht weiter, er eilte die Treppe hinab, ohne zu bemerken, daß Mamsell Fifine den Kopf halb zu ihrer Thüre herausstreckte und den Vorgang belauschte.

Rosa-Maria war allein in ihrer Stube zurückgeblieben; aber von diesem Augenblick an verschönerte sich Alles in ihren Augen.

Wer immer erfährt, daß er von dem Gegenstand den er liebt, wieder geliebt wird, und daß das Gefühl, welches sein Leben ausmacht, ein Echo gefunden hat, für den gibt es keine Langeweile, keinen Kummer und keine Widerwärtigkeit mehr. Das Glück von dem unser Herz überfließt, verbreitet sich über Alles, was uns umgibt; der düsterste Aufenthalt erscheint uns heiter und bequem; die Leute, die wir am wenigsten liebten, kommen uns liebenswürdig vor; wir sehen Alles im schönsten rosenfarbigsten Licht. Das ist eine der tausend Metamorphosen, welche die Liebe schafft!

Das junge Mädchen ist daher leichter, lebhafter, heiterer zu ihrer Tante hinabgegangen: sie grüßt dieselbe mit einem anmuthigen Lächeln; sie setzt sich mit einem Eifer ohne Gleichen an ihr Geschäft und arbeitet noch besser als gewöhnlich.

Nun aber erscheint an demselben Tage um vier Uhr Nachmittags Herr Roquet, ganz schwarz und mit äußerster Sorgfalt gekleidet, und mit einer neuen Brille auf der Nase, bei dem Bankier, und sagt der Mamsell Fifine, daß er Herrn und Frau St. Godibert zugleich zu sprechen wünschte.

»Das trifft sich gut,« antwortet die Kammerjungfer, »der Herr ist eben von seinem Bureau hinaufgegangen und mit Madame im Salon.« – Dann melden Sie mich,« sagt Roquet mit einer Wichtigkeit, welche Mamsell Fifine zum Lachen bringt.

Das Paar St. Godibert heißt die Kammerjungfer den Herrn Roquet einführen, und dieser stellt sich den Beiden mit einem Ernst und einer so gewichtigen Miene vor, daß sein Besuch dadurch einen höchst bedeutungsvollen Zweck bekundet.

»Guten Tag, mein lieber Herr Roquet,« sagt der Bankier; »Sie wünschen mich und meine Gemahlin zu sprechen ... wir sind immer erfreut, Sie zu sehen ... aber sollten Sie uns vielleicht heute etwas Besonderes mitzutheilen haben?«

Herr Roquet, der sich auf seine Rede vorbereitet hat, schluckt seinen Speichel hinab und beginnt: »Mein Herr und Madame! Ich werde mit der Freiheit eines ... freien Mannes ... hm! hm! auf meinen Zweck lossteuern ... hm! hm! Ich bin Junggeselle, sonst auch Cölibatär genannt. Ich habe siebentausend Franken Rente rund und sicher, und ein schönes Mobiliar ... ich habe unendlich viel Weißzeug ... Bis daher hatte ich noch nie an's Heirathen gedacht ... obgleich es mir, wenn ich gewollt hätte ... das können Sie denken ... nicht an Gelegenheiten gefehlt hätte ... weil ein Mann mit siebentausend Franken Einkommen ... und der nicht unangenehm von Person ist ... ich sage das nicht zum Eigenlobe, aber kurz ... man kennt sich ... und es ist nicht verboten ... ich bin gewiß, daß Sie meiner Ansicht sind ...« – Vollständig,« antwortet Herr St. Godibert, der aber durchaus nicht vermuthet, wo Herr Roquet hinaus will.

Angelika dagegen antwortet ungeduldig: »So kommen Sie doch zum Zweck, Herr Roquet.« – Ich komme, schöne Dame ... ich bin demnach eine sehr annehmbare Partie, sowohl nach Vermögen, Leibesbeschaffenheit und ... Alter ... ich gebe zu, daß ich nicht mehr in der ersten Jugend stehe, aber immerhin in einem gefälligen Alter ... nun denn! ich komme heute, das Alles Ihrer hübschen Nichte zu Füßen zu legen und bei Ihnen um die Hand von Fräulein Rosa-Maria anzuhalten.«

Die beiden Ehegatten scheinen von Erstaunen ergriffen; sie sehen Roquet, sie sehen sich selbst einander an; endlich sagt Herr St. Godibert: »Um die Hand der Kleinen ... wie, Herr Roquet, Sie reden im Ernste? Es ist kein Scherz? Sie wollen Rosa-Maria heirathen?« – Ich wünsche es so ernsthaft als möglich ... ich wünsche es sogar leidenschaftlich. – »Aber haben Sie auch wohl überlegt, Herr Roquet,« sagte Angelika, »haben Sie auch die Folgen ihres Gesuchs reiflich erwogen?« – Die Folgen? das wird wohl die Heirath und was aus dieser wieder weiter erfolgt, fein, wenn Sie einwilligen ... Ich verberge Ihnen nicht, daß ich in Fräulein Rosa-Maria und zwar zum Tollwerden verliebt bin! Ich war zwar schon ziemlich oft verliebt während meiner galanten Laufbahn, hi, hi! aber niemals auf solche Weise ... ich wage sogar zu behaupten, daß diese und jene Liebe gar nicht mit einander zu vergleichen ist!«

Herr St. Godibert fragt seine Frau mit den Augen um Rath und antwortet zögernd: »Mein theurer Herr Roquet, gewiß, Ihr Anerbieten ist nicht gering zu achten; aber vielleicht haben Sie gedacht, dieses junge Mädchen, welches zufällig ... unsere Nichte ist, das heißt ... mit einem Wort, ich muß Sie in Kenntniß setzen, daß sie kein Vermögen hat, und was mich als Oheim betrifft, daß ich durchaus nichts für sie thun kann, dieweil wir einen Sohn haben; nicht wahr, Angelika?« – Ja freilich, wir haben einen Sohn, und zudem sind wir noch zu jung, um uns für Andere zu berauben. – »Ich begehre nichts!« ruft Roquet, sich emporrichtend und seine Brille zurecht setzend, aus; »ich will nur den Besitz der reizenden Rosa-Maria; mit siebentausend Franken Einkommen, wenn man kein Kind mehr ist, glaube ich, kann man schon vorwärts kommen!« – Gewiß, man kann sogar sehr gut vorwärts kommen,« antwortet St. Godibert, dessen Gesicht sich aufzuhellen beginnt, »aber mein guter Roquet, es ist ... es muß noch bemerkt werden, daß Rosa-Maria's Vater ... der zufällig mein Bruder ... nicht todt ist. – »Ich weiß, er ist Landwirth im Dorfe Avon bei Fontainebleau.« – Wie so wissen Sie das?« fragte das erröthende Ehepaar.

»Ganz einfach; Fräulein Rosa hat es mir selbst gesagt, als ich ihr im Walde von Fontainebleau begegnete. O! ich habe kein einziges ihrer Worte verloren ... mein Herz schlug schon damals für sie.« – Nun denn, wenn Sie das wissen, brauchen wir es Ihnen nicht erst mitzutheilen. Nur müssen Sie noch wissen, daß ihr Vater sich ... Gogo nennt, ein Name, den er durchaus beibehalten wollte, während ich und mein Bruder Mondigo andere führen ... und Sie begreifen; wir wollen nicht mehr anders genannt sein ... es wäre sogar nicht mehr möglich.«

Herr Roquet ergreift die Hand des Banquiers, drückt sie ihm mit Macht und ruft aus: »Mein theurer Herr St. Godibert, ich werde selbst sehr geschmeichelt sein, daß die Oheime meiner Frau so ausgezeichnete Namen haben; lassen Sie mich nur Ihre hübsche Nichte heirathen, und ich werde wir stets ein Vergnügen und eine Pflicht daraus machen, mich in allen Stücken nach Ihrem Vorbild zu richten.« – Dann sehe ich kein Hinderniß mehr in der Sache!« antwortet St. Godibert, die Hand des Herrn Roquet schüttelnd.

»Das will besagen!« fällt Angelika ein, »daß Sie die Sache fortan als abgemacht betrachten können!« – Ach! mein Freund, ach! meine theure Frau von St. Godibert! wie vergnügt bin ich!«

Und in seiner Freude springt Herr Roquet seinem künftigen Oheim an den Hals, eilt dann auf Madame zu, welche er in feiner Verwirrung auf die Nase küßt, was ihn jedoch nicht verhindert, sofort in dem Zimmer umherzutanzen und zu wiederholen: »Ach Gott! wie glücklich bin ich!«

»Mir scheint indeß, daß Fräulein Rosa-Maria auch Ursache hat, es zu sein!« sagt Angelika, indem sie ihre Nase abwischt, auf welcher Roquet Spuren seiner Freude hinterlassen hat. »Eine so schöne Partie, wie Sie, zu finden! ... wahrhaftig, das kleine Mädchen hat einen glücklichen Stern! Konnte sie das hoffen?« – In der That, ich fange nun auch an einzusehen,« sagte St. Godibert, »daß ihr Vater gut daran gethan hat, sie nach Paris zu schicken. – »Ach! bei Gelegenheit ihres Vaters! ... meinen Sie, daß wir seine Einwilligung auch nöthig haben werden ... Halten Sie vielleicht für zweckmäßig, daß ich zu ihm reise? – »Das ist unnöthig! ich werde ihm schreiben, daß er sie uns einschicke! ... Alle Wetter! er wird sich wohl hüten, seine Zustimmung zu verweigern ... ich werde ihm sagen, was für eine Partie Sie sind; der arme Mann wird außer sich, wird bezaubert sein!« – O! Sie thun zu viel für mich! Was Fräulein Rosa-Maria anbelangt, glauben Sie, daß diese mir gleichfalls gewogen sein wird? – »Das möchte ich einmal sehen, daß sie sich weigerte!« schreit Angelika. »Da müßte sie ja den Kopf völlig verloren haben ... ein Gemahl wie Sie ... hübsches Vermögen ... angesehener Mann ... prachtvolles Aeußere!« – Ach! Frau von St. Godibert! – »Ich wiederhole, sie wird ganz entzückt sein; übrigens muß sie eine Vorahnung von ihrem Glück gehabt haben, denn heute war sie so aufgeräumt, so heiter ... Ah! verführerischer Mann, Sie müssen ihr Etwas zugeflüstert haben!« – Nein, durchaus nichts mit dem Munde, auf Ehre, aber mit den Augen ... o! mit den Augen habe ich ihr viel gesagt. – »Kurz und gut, Herr Roquet, von jetzt an haben Sie das Recht, ihr den Hof zu machen.« – Werde nicht ermangeln, gnädige Frau. – »Speisen Sie mit uns, um diesen Tag zu feiern! Wir haben gerade Herrn Cendrillon, Herrn Dernesty und den Major bei Tische ...« – Ich kann nicht, ich bin versagt; aber heute Abend werde ich mich bald frei zu machen suchen. Sagen Sie bis dahin Ihrer Fräulein Nichte nichts; es wird mir schmeichelhaft sein, ihr zuerst meine Absichten zu erklären; ich möchte mich an ihrer Verwirrung weiden, ich liebe das sehr bei den Frauenzimmern. – »Wie es Ihnen beliebt, theurer Freund, also heute Abend!« – Heute Abend, werthe Verwandte in spe! Herr und Frau von St. Godibert, ich empfehle mich hochachtungsvoll.«

Roquet entfernt sich voll Entzücken.

»Er ist charmant,« sagte Angelika, durch das von ihres künftigen Neffen gewonnen, »und man muß gestehen, daß die Kleine mehr Glück hat als Ver ...dienst.« – Je nun,« sagt St. Godibert, »sobald es Herrn Roquet recht ist, kann es mir zweimal recht sein; meine Nichte ist dann vorzüglich untergebracht, es kostet mich nichts und doch wird man immer sagen, daß sie es uns verdanke. Da fallt mir ein, wir haben heute Gesellschaft ... Rosa-Maria wird dieses Mal mit uns speisen. – »O! da sie Madame Roquet werben soll, sehe ich nichts Unpassendes mehr darin.«

Rosa-Maria war sehr überrascht, als sie ihre Tante auf sich zukommen sah, welche sie mit einem beinahe liebenswürdigen Lächeln betrachtete und in einem viel sanfteren Tone als gewöhnlich zu ihr sprach, ja, als die stolze Angelika ihr etwas zeigen wollte, sie statt des trockenen »›Mademoiselle‹« mit »›liebe Nichte‹« anredete, was ihr noch nie begegnet war.

Dankbar nahm das arme Mädchen diese Zeichen von Güte an, aber ihr Erstaunen wuchs noch, als Madame St. Godibert zu ihr sagte: »Wir haben heute zwar einige Personen bei Tisch, aber Sie speisen doch mit uns. Ziehen Sie sich ein wenig an und kommen Sie dann gleich herab.«

Rosa-Maria gehorchte ihrer Tante, indem sie sich besann, woher eine solche Veränderung in dem Betragen gegen sie entstanden sein könnte; da sie aber ein gutes und gefühlvolles Herz hatte, so dachte sie, ihre Verwandten hatten die Vorurtheile gegen sie aufgegeben, und gab innerlich ihrem Vetter Friedrich Recht in seiner Behauptung, daß man sie zuletzt lieben werde.

Rosa-Maria kam frisch, hübsch und verschönert mehr durch ihre natürlichen Reize als ihre einfache Toilette wieder herab. Die Freude, welche ihr diesen Morgen zu Theil geworden, hatte einen neuen Glanz über ihr Gesicht verbreitet; denn nichts verschönert so sehr wie das Glück. Als St. Godibert seine Nichte sah, kneipte er sie in's Kinn und sagte: »Nu, nu, allerdings, wir sind wundernett und ich begreife wohl, daß ... ja, ja, ich begreife.«

Aber Rosa-Maria begriff nicht, was ihr Oheim sagen wollte, aber sie bedankte sich mit einem reizenden Lächeln für die Zeichen der Freundlichkeit, deren er sie endlich würdigte.

Herr Cendrillon und der Major Krautberg kamen pünktlich zur Stunde der Mahlzeit. Julian erschien auch bald und war ganz erstaunt, als er seine liebliche Cousine bemerkte. Er drückte ihr sein Vergnügen darüber aus, daß man sie nicht wieder auf ihr Zimmer geschickt habe, und Rosa-Maria antwortete: »O! nunmehr sind Ihre Eltern sehr gut gegen mich, und ich bin sehr zufrieden, denn ich glaube, daß sie mich ein wenig lieben.« – Ah! ah! wir werden mit der hübschen kleinen Nichte zu Mittag essen!« rief Herr Cendrillon aus, indem er Rosa-Maria in den Arm kneipte; »desto besser! ich liebe die hübschen Frauenzimmer! Mordelement! wenn ich Zeit hätte, so würde ich mir einen ganzen Harem davon anlegen; aber ich habe keine Zeit dazu!«

Der Major Krautberg machte vor Rosa-Maria eine tiefe Verbeugung und öffnete den Mund, als wollte er ihr etwas Schönes sagen ... da er aber bemerkte, daß ihn Angelika ansah, so ging er mit noch offenem Munde zu derselben hin und richtete an sie das Compliment, das er ihrer Nichte zugedacht hatte.

Man wartete nur noch auf Dernesty. Da er seit einiger Zeit bei St. Godiberts seltener wurde, so hatte Madame, welche wegen seines Vornehmthuns viel auf ihn hielt, ihren Mann zu einer Einladung an ihn veranlaßt, und weil er diese nicht ausgeschlagen hatte, so zählte man auf sein Erscheinen.

Endlich langte der junge Stutzer an und entschuldigte sich wegen seines langen Ausbleibens mit zahlreichen Geschäften. Er sagte der Hausherrin einige Complimente und ließ seine Blicke wohlgefällig auf der hübschen Nichte ruhen.

»Man sieht Sie nicht mehr, Herr Dernesty!« sagte Angelika, »Sie vernachlässigen uns grausam; das ist sehr unrecht.« – Aber keineswegs meine Schuld, schöne Dame; ich bin seit einiger Zeit so sehr mit Geschäften überladen, daß ich keine Minute mehr für mein Vergnügen übrig habe. – »Was für Geschäfte macht denn dieser Herr?« fragte Herr Cendrillon ganz leise seinen Freund St. Godibert. – »Er spekulirt, glaube ich, mit Renten ... er spielt an der Börse ... aber er spielt sehr gut.«

Der Capitalist machte eine leichte Kopfbewegung, welche Zweifel ausdrückte und erwiderte: »Ich habe ihn nur einmal an der Börse gesehen ... und was man mir von ihm gesagt hat ... hm! ... doch man kann sich irren.« – Was hat man Ihnen gesagt? – »Ich mag nicht gerne Dinge wiederholen, welche Jemand schaden könnten, besonders wenn ich meiner Sache nicht gewiß bin. Ist Ihnen dieser schöne Herr Geld schuldig?« – Nein. – »Dann betrachten Sie was ich eben geäußert, als nicht gesagt.«

Die Meldung, daß aufgetragen sei, unterbricht dieses Gespräch.

Der Major Krautberg als stets getreuer Ritter der Frau St. Godibert beeilt sich, ihr die Hand anzubieten und sie in den Speisesaal zu führen. Julian und Dernesty nähern sich Rosa-Maria, aber Herr Cendrillon ist ihnen zuvorgekommen; er nimmt den Arm des jungen Mädchens, schiebt ihn unter den seinigen und ruft aus: »Ha! ha! meine Herren, ich war flinker als Sie! Ich war aber schon darauf gefaßt, daß Sie mir diesen kostbaren Schatz rauben würden.«

Damit geht der dicke Herr, Rosa-Maria am Arm, in den Speisesaal. Die beiden jungen Männer blieben einen Augenblick ganz außer Fassung; Julian hatte die Farbe gewechselt, Dernesty jedoch erholte sich sehr schnell wieder und stieß den Sohn des Hauses mit dem Ellenbogen, indem er ihm zuflüsterte: »Du bist ein Hanshasenfuß.«

Dann eilt er in den Speisesaal, indem er ausruft: »Ich erkläre, daß ich einen Wolfshunger habe.«

Rosa-Maria benimmt sich anfangs schüchtern, da sie sich an der Tafel bei ihr unbekannten Personen befindet; aber Herr Cendrillon ist sehr liebenswürdig gegen sie, und seine Heiterkeit, seine Ungezwungenheit beleben das Mahl. Dernesty will auch liebenswürdig sein, aber sein Witz ist Spott und kein Frohsinn. Julian sieht seine Base häufig an und begreift die Veränderung im Betragen seiner Eltern gegen das junge Mädchen nicht. Der Major Krautberg verhält sich beinahe stumm, ißt aber für Vier, indem er Alles, was man sagt, bloß durch eine Geberde billigt, welche seine Kinnlade nicht in ihrer Verrichtung stört.

Madame St. Godibert, indem sie mit Dernesty kokettirt, befragt ihn nach Herrn Richard, den sie schon lange nicht mehr gesehen.

»Ich weiß nicht, Madame, was mit ihm ist,« antwortet Dernesty. »Er ist, glaube ich, ausgezogen, aber ich begegne ihm nirgends.«

Bei dem Namen Richard horchte Rosa-Maria auf, denn er erinnerte sie an den Menschen, der sich so schändlich gegen sie betragen; da man jedoch nicht weiter von diesem Herrn spricht, so nimmt sie an, daß nicht von dem die Rede war, mit welchem sich Leopold schlagen wollte; denn sie kann nicht glauben, daß dieser Mensch in der Gesellschaft, die ihr Onkel empfängt, Zutritt haben könne. Das naive Kind kannte die Welt noch nicht und wußte ebensowenig, wie leicht es Spitzbuben wird, sich bei ehrlichen Leuten einzuschleichen.

Man steht vom Tisch auf. Herr Cendrillon, entzückt von der Haltung und dem Anstand Rosa-Maria's, klopft Herrn St. Godibert auf den Bauch, indem er sagt: »Sapperlott! mein lieber Freund, Sie haben da ein hübsches Nichtchen; man muß sie passend verheirathen.« – Ich habe bereits daran gedacht,« antwortet der Banquier, sich die Hände reibend.

»Ei, noch etwas,« fährt der dicke Kapitalist fort, »wie ist es mit meinem alten Freund, meinem Papa Savenay, Sie haben ihn, glaube ich, auf Ihrem Bureau untergebracht?« – Gewiß. Ich habe ihn angestellt. – »Das freut mich. Hätte ich früher daran gedacht, so wäre es mir lieb gewesen, diesem wackern Mann ein freundschaftliches Wort zu sagen.«

Herr St. Godibert, der heute besonders gut gelaunt und gefällig ist, erwidert: »Wenn es Ihnen angenehm ist, so können Sie ihn noch sprechen: es war heute ein pressantes Geschäft abzumachen und meine Commis mußten wiederkommen. Ich werde gleich nachfragen lassen, ob der alte Savenay noch da ist, und dann soll er einen Augenblick heraufkommen.« – Bei Gott! das würde mich freuen.«

Während dieses Gesprächs waren die beiden jungen Leute zu Rosa-Maria getreten und überhäuften sie mit Artigkeiten, welche sie sich ohne das geringste Vergnügen sagen ließ; es schien sogar, als ob sie ein peinliches Gefühl empfinde, sie anzuhören, und ihre Augen irrten im Saale herum, wie um Jemand zu suchen, der ihr zu Hülfe käme. Aber Madame St. Godibert hörte dem Major zu, der den Schnitt ihres Kleides lobte, und bekümmerte sich keineswegs um ihre Nichte.

Inzwischen, da Herr St. Godibert für einen Augenblick hinausgegangen war, näherte sich Herr Cendrillon den jungen Männern mit der Aufforderung: »Auf! meine Herren! zu einer Partie Ecarté, das spiele ich am liebsten; ich habe fünfzehn Napoleons zu verlieren: wer nimmt sie mir ab?« – Ich spiele mit Ihnen,« sagte Dernesty. – »Und ich,« sagte Julian, »wette auf Dich.«

Die drei Männer gehen an einen Spieltisch. Cendrillon und Dernesty beginnen die Partie, und Julian, der auf seinen Freund parirt, setzt sich an seine Seite.

Schon hatte Herr Cendrillon drei Napoleons verloren, als St. Godibert mit Vater Savenay in den Salon zurückkehrte. Die beiden jungen Männer fahren zusammen; der dicke Capitalist ruft aus: »Ei! da ist ja mein alter Freund; kommen Sie doch, alter Papa ... geht's immer gut mit der Gesundheit? ... Das Aussehen ist prächtig.«

Der eintretende Greis empfiehlt sich der ganzen Gesellschaft. Erstaunen und Freude malen sich auf seinem Angesicht, als er Rosa-Maria gewahr wird, die ihm hold zulächelt.

»Ah! ah! alter Kamerad,« fährt Herr Cendrillon fort, »es scheint, wir kennen das hübsche Nichtchen meines Freundes?« – Ja, ich habe die Ehre, Herr Cendrillon ... es ist ein herrliches Geschöpf, und ich bin doppelt glücklich, sie hier zu sehen. – »Blitz! sie ist hier in guten Händen; ihr Oheim wird sie verheirathen, ausstatten ...« – Das ist meine Absicht,« antwortet der Banquier mit gewichtiger Miene.

»Ach! mein Herr, ich danke Ihnen für Alles, was Sie an diesem lieben Kinde thun werden,« fährt der Greis fort, »sie verdient es, und das freut mich.« – Und woher kennen Sie die Nichte von St. Godibert, lieber Alter?«

Vater Savenay erinnert sich, daß er sie nicht als das junge Mädchen bezeichnen darf, welches ihre Oheime Gogo suchte. Er zögert einen Augenblick und sagt endlich, indem er sich mit geheimnißvoller Miene dem Spieltische nähert: »Wenn Sie wüßten, in welcher Lage sich die Kleine um meinetwillen befand ... meine Schuld war es nicht ... aber es konnte ihr sehr zum Unglück ausschlagen.« – Schaut, schaut, Vater Savenay, erzählen Sie uns doch das.«

Der Greis neigt sich über den Tisch und sagt halblaut: »Sie hat es nie Jemand anvertraut ... ihr Vater fürchtete, wenn es bekannt würde, könnte sie Gefahr laufen. Aber hier, unter uns, darf ich es Ihnen wohl erzählen.«

Die beiden jungen Männer sind sehr betroffen und beben unwillkürlich, ohne noch zu wissen, was der Greis sagen will. Herr Cendrillon fällt ein: »Vollenden Sie doch, Vater Savenay; wenn es ein Geheimniß ist, so werden wir es wohl zu bewahren wissen.« – » Nun denn: Als ich in dem Wald von Fontainebleau angegriffen und beraubt wurde, war Fräulein Rosa-Maria zufällig zugegen; sie ging des Weges, gerieth in Furcht und verbarg sich glücklich. Aber sie hat meine beiden Räuber gesehen ... – »Sie hat sie gesehen!« ruft Dernesty, wie von einer unwillkürlichen Bewegung getrieben, aus.

Statt zu antworten, hält Vater Savenay inne; diese Stimme, die er gehört hat, scheint einen seltsamen Eindruck auf ihn zu machen. Doch diese Empfindung geht schnell vorüber, und er fährt fort: »Ja, sie hat sie gesehen, aber doch so gut als nicht gesehen: ihr Gesicht scheint schwarz angestrichen gewesen zu sein, und Stülpmützen verbargen ihre Augen. Uebrigens vertraute sie mir, daß sie die Beiden für keine gewöhnlichen Räuber hielt, sondern für verlarvte, junge Herren; sie hatten sehr elegante Stiefeln und Handschuhe an.« – Wie Schade, daß sie ihr Gesicht nicht sah,« ruft St. Godibert, »sie hätte vielleicht eines Tages Ihre Räuber wieder erkannt.«

Herr Cendrillon sagt nichts: er betrachtet den jungen Julian, dessen Angesicht schrecklich entstellt geworden ist.

»Reden Sie nicht davon, meine Herren,« fährt Vater Savenay fort; »Fräulein Rosa-Maria würde mich auszanken, wenn sie erführe, daß ich dieses Abenteuer erzählt habe ... doch da kommen Leute ... guten Abend, Herr Cendrillon; meine Herren, ich habe die Ehre, Sie zu grüßen; Fräulein Rosa-Maria spricht mit ihrer Tante, ich will sie nicht stören.«

Damit ging der alte Savenay aus dem Salon. Schon kamen mehrere Personen an, und Herr St. Godibert machte die Honneurs als Hausherr.

»Nun, wie! spielen wir nicht mehr?« nimmt Dernesty das Wort, als der Greis sich entfernt hatte. – »Aber es scheint, Ihr Associé verläßt Sie,« sagt Herr Cendrillon, auf den wegeilenden Julian deutend.

»Ah! ja, er geht: ich glaube, er hat ein Stelldichein auf diesen Abend ausgemacht; doch ich kann das Spiel wohl allein zu Ende bringen.«

Herr Cendrillon spielt und sagt nichts mehr; es scheint ihm darum zu thun zu sein, die Partie bald zu endigen. Er hat auch in kurzer Zeit sein Geld verloren! jetzt steht er auf und setzt sich in einer Ecke des Salons nieder. Dernesty macht einige Gänge in den Zimmern, nähert sich aber Rosa-Maria nicht mehr. Nach einiger Zeit schickt er sich zum Weggehen an, als Friedrich ankommt. Dieser hält ihn auf, indem er zu ihm sagt: »Wo rennen wir denn hin?« – Ich mache mich aus dem Staube, lieber Freund; ich habe heute Abend ein Stelldichein, bei dem ich nicht fehlen darf; aber ich will mich ungesehen verabschieden. – »O! schon gut, ganz nach Belieben ... aber ist es wahr, daß mein Bäschen hier ist?« – Ja, ja, sehen Sie, dort sitzt sie ...« und Dernesty entfernt sich, während Friedrich an Rosa-Maria's Seite Platz nimmt. Diese theilt ihm die glückliche Veränderung in dem Betragen ihrer Verwandten mit und schildert ihm die Freundschaft und das Wohlwollen, womit sie jetzt behandelt wird.

»Habe ich Ihnen nicht gesagt, daß sie damit aufhören würden, Sie zu lieben,« ruft Friedrich aus. »Kann es denn anders sei«? Sie sind so artig, so liebenswürdig, so ... sehen Sie, mein Bäschen, ich liebe Sie wie ein Narr!« – Und ich Sie wie eine Schwester,« sagt Rosa-Maria, Friedrich die Hand reichend, welcher antwortet: »In Gottes Namen! Ich sehe, daß wir aus der Geschwisterliebe nicht herauskommen; ich hätte freilich etwas Besseres gewünscht. Indeß, wenn ich mich nun einmal nur mit Ihrer Freundschaft begnügen soll, so muß es mir auch so recht sein ... alle Wetter! da ruft mich meine Tante schon wieder. Da ich doch weiter nichts als Ihr Bruder bin, so sollte man mich in's Teufels Namen wenigstens mit meiner Schwester schwatzen lassen.«

Angelika wollte ihren Neffen von Rosa-Maria entfernen, weil eben Herr Roquet, geputzt, parfümirt, auf's Eleganteste aufgestutzt, angelangt ist. Nach ein Paar an Madame St. Godibert und ihren Gatten gerichteten Worten setzt er sich sofort neben Rosa-Maria, die gerade allein ist. Nachdem er zuerst seine Brille auf der Nase zurechtgesetzt, spricht er zu dem jungen Mädchen: »Mein Fräulein, ich habe Ihnen eine sehr interessante Neuigkeit mitzutheilen.« – Mir, mein Herr? – »Ja Ihnen, mein Fräulein, und ich schmeichle mir, daß Sie die Freude über dieselbe mit mir theilen werden!« – Wenn es etwas ist, das Ihnen angenehm ist, mein Herr, so wird es mir auch Vergnügen machen. – »Ach, wie gut Sie sind ... ach, wie unausstehlich das ist! ... ich habe eine neue Brille: sie hält nicht, glitscht immer herab ... Reizende Rosa-Maria, was ich Ihnen zu sagen im Begriffe bin, haben Sie vielleicht bereits geahnt ... haben es in meinen Augen gelesen ... geh' zum Kuckuk! jetzt liegt sie auf dem Boden ...«

Das junge Mädchen hebt die Brille auf und bietet sie Herrn Roquet mit den Worten an. »Ich habe gar nichts gelesen, mein Herr, und ahne auch nicht ...« – Ach! ich glaubte ... ich habe nämlich seit jenem Tage, wo ich Ihnen im Walde von Fontainebleau begegnet bin, Sie keinen Augenblick vergessen: Sie hatten einen Eindruck auf mich gemacht ... und wären meine Hosen nicht zerrissen gewesen ... gewiß, dann wären wir weiter gekommen, aber wenn man im Gehen gehindert ist ... so hat man Mühe einem hübschen Frauenzimmer nachzulaufen ... – »Mein Herr, in welcher Beziehung steht das Alles zu der Neuigkeit, die Sie mir sagen wollten?« – Ah! Verzeihung! ich machte einen Umweg; ja, schöne Rosa-Maria, meine Liebe bildete einen stumpfen Winkel, um sich nicht allzu schnurstracks und barsch zu erklären. – »Ihre Liebe, mein Herr?« – Ist anständig und rechtlich, mein Fräulein ... mit einem Wort: ich strebe nach dem Titel Ihres Gatten. Ich habe diesen Morgen meine Absichten Ihrem Herrn Oheim und Ihrer Frau Tante erklärt, welche dieselben gebilligt und mich ermächtigt haben, sie Ihnen mitzutheilen, beifügend, daß sie sogleich Ihrem Herrn Vater schreiben wollten und ich unsere Heirath als eine abgemachte Sache betrachten könne.«

Rosa-Maria ist nicht im Stande, zu antworten; sie traut ihren Ohren nicht; sie glaubt zu träumen und ist so sehr von dem Gehörten angegriffen, daß sie nicht die Kraft hat, zu antworten. Herr Roquet, der ihre Verwirrung bemerkt, legt sie zu seinen Gunsten aus und sagt, ihre Hand fassend: »Wie sehr rührt mich Ihre Bewegung, o, liebenswürdiges Mädchen, wie sehr erhöht sie mein Glück! Welche süße Vereinigung werden wir bilden! wie fügt sich Alles so schön zusammen! wie werde ich ... rutsch! schon wieder auf dem Boden! ... dieses Exemplar behalte ich nicht.«

Aber während Herr Roquet seine Brille aufhebt, antwortet Rosa-Maria, die sich ein wenig von ihrem ersten Staunen erholt hat, mit sehr artigem, aber entschlossenem Tone: »Mein Herr, ich kann mich durch den Antrag, den Sie mir gemacht ... und von der Güte, mit der Sie Ihre Blicke auf ein armes Mädchen gelenkt ... nur geehrt fühlen, aber ich danke Ihnen ... ich kann nicht einwilligen ... ich denke an keine Heirath.« – Sie können nicht einwilligen?« ruft Roquet aus; »aber, schöne Rosa, Sie sind zu bescheiden ... da es eine abgemachte, mit Ihren Verwandten festgesetzte Sache ist, so werde ich Ihr Gatte sein, um so mehr ... ah! jetzt glaube ich, hält sie ... um so mehr, als mein Vermögen zureicht ... und ich Sie ohne Mitgift nehme ... ich habe die Brillenhalter hinter die Ohren gesetzt ... ich nehme Sie! – »Mein Herr, ich wiederhole Ihnen, daß ich mich bedanke und mich sehr geehrt fühle, aber nicht Ihre Frau werden kann. Herr Roquet fängt an zu bemerken, daß das junge Mädchen nicht so entzückt ist, als er anfänglich geglaubt hatte. Nach weiteren vergeblichen Versuchen, Rosa's Widerstand zu besiegen, steht der Brautwerber auf, geht zu Angelika und sagt ganz bestürzt zu ihr: »Ihre Nichte schlägt mich aus ... sie will mich nicht heirathen!« – Sie schlägt Sie aus? Ha, das ist ein wenig stark!« grollt Madame St. Godibert, indem sie dem jungen Mädchen einen zürnenden Blick zuwirft.

»Auch ich finde es sehr außerordentlich; aber sie schlägt mich eben aus.« – Ach! gehen Sie, das ist unmöglich! ... Uebrigens haben wir erklärt, daß diese Heirath uns zusage, und ich wiederhole Ihnen, daß sie zu Stande kommen wird. Braucht man denn diese jungen Mädchen zu Rath zu ziehen? – »Was gibt es denn?« fragt St. Godibert, zu seiner Frau tretend.

»Weiter gar nichts, als daß dieser Backfisch Rosa-Maria Herrn Roquet zu erklären sich erfrecht hat, sie bedanke sich und wolle ihn nicht.«

Herr St. Godibert schnäuzt sich im höchsten Zorne und schreit: »So, das hat sie gesagt, während sie vor Freude an die Decke springen und vor Jubel toll werden sollte? ... Doch lassen Sie sich darüber keine grauen Haare wachsen, mein lieber Roquet. Sie können wohl denken, daß wir die Herren sind; gleich morgen schreibe ich an ihren Vater. Ich verspreche Ihnen seine Einwilligung ... diese Heirath muß stattfinden, das ist ein für alle Mal festgesetzt ... und was die Kleine betrifft, so schwatzt sie nur heute Abend so; wenn sie aber darüber nachgedacht haben wird, so wette ich, wird sie gehorsam, wie das Lamm Gottes sein und sogar einsehen, daß es sich um ihr Glück handelt.« – Sie gießen mir Balsam in's Herz, mein lieber Herr von St. Godibert; ich verlasse mich gänzlich auf Sie. – »Seien Sie ruhig, Sie werden unsere Nichte heirathen.«

Der Rest des Abends verstreicht, ohne daß Roquet es wieder wagt, Rosa-Maria von seiner Liebe zu unterhalten; er begnügt sich, in ihrer Nähe zu sitzen und sie ohne Unterbrechung anzusehen, oder seine Brille zu putzen und zurecht zu setzen.

Das junge Mädchen war ganz traurig und bestürzt, seitdem sie wußte, was man mit ihr vorhatte. Gern hätte sie es Friedrich erzählen mögen, aber ihre Tante schien sie nicht aus den Augen zu lassen und verhinderte, daß er mit ihr sprach.

Endlich brach Alles auf. Friedrich schien betroffen von dem traurigen Blick, den ihm seine Base zuwarf; er wollte sie gerne um die Ursache fragen, aber man beobachtete sie auf's Strengste. Er mußte, ohne etwas zu erfahren, weggehen.

Was Roquet betraf, so sagte ihm Angelika in dem Augenblick, wo er Rosa-Maria gute Nacht wünschen wollte: »Küssen Sie ihr die Hand, mein lieber Roquet, Sie haben das Recht dazu; man darf die Hand seiner Zukünftigen küssen.« – Wie, Madame?« stammelte Rosa bestürzt.

»Allons, Herr Roquet, küssen Sie doch, küssen Sie geschwinde!«

Roquet entschloß sich endlich dazu, indem er alle Vorsichtsmaßregeln ergriff, daß seine Brille nicht herabfiel und entfernte sich mit triumphirender Miene.

Nachdem die ganze Gesellschaft weggegangen war, sagte Herr St. Godibert mit nicht mehr liebenswürdiger Miene zu seiner Nichte: »Mademoiselle, Herr Roquet hat uns um Ihre Hand gebeten. Ich werde die Einwilligung Ihres Vaters einholen, der gewiß damit zufrieden ist. Betrachten Sie also von heute an diesen Herrn als Ihren künftigen Gatten.« – Aber, lieber Onkel, ich liebe Herrn Roquet ganz und gar nicht. – »Schweigen Sie,« sagte Angelika; »Sie sind eine kleine Thörin, aber Sie werden Herrn Roquet heirathen.«

Damit ging das Paar in seine Gemächer, ohne weiter auf Rosa-Maria hören zu wollen.

Diese stieg jetzt wieder in Thränen in ihr Zimmerchen hinauf, indem sie zu sich sagte: »O, mein Gott! Herrn Roquet zu heirathen, das wäre entsetzlich! ... aber glücklicher Weise wird mich hoffentlich mein alter Freund beschützen und mir aus der Noth helfen. Er wird es ihm, er wird es Allen, die ich liebe, sagen, und man wird mir zu Hülfe kommen. O! ich will nicht Madame Roquet werden.«

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