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Die Familie Gogo

Charles Paul de Kock: Die Familie Gogo - Kapitel 27
Quellenangabe
pfad/kock/famigogo/famigogo.xml
typefiction
authorPaul de Kock
titleDie Familie Gogo
publisherRieger'sche Verlagsbuchhandlung
printrunDritte Auflage
year1861
translatorHeinrich Elsner
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20091104
projectidf92e4863
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Sechsundzwanzigstes Kapitel.

Die Vorstellung

Während sich Friedrich in die Wohnung des Vater Savenay begeben hatte, empfing Herr St. Godibert einen Besuch vom Bruder Schriftsteller.

Herr Mondigo war kein bösartiger Mann; die Eitelkeit konnte ihn allerdings zu Thorheiten verleiten, aber sie erstickte nicht gänzlich alle guten Gefühle in seinem Herzen. Aus der Abendgesellschaft seines Bruders nach Hause zurückgekehrt, war der Schriftsteller in einiger Erregung im Zimmer auf- und abgegangen, indeß seine Frau, höchst übel gelaunt, weil sich Herr Dernesty bei St. Godiberts fast gar nicht um sie bekümmert hatte, sich auskleidete, ohne auf die Gemüthsbewegung ihres Mannes die geringste Rücksicht zu nehmen.

»Die Sache bringt mich doch sehr in Verlegenheit,« sagte Mondigo, vor seiner Frau stehen bleibend, »und es darf dabei sein Bewenden nicht haben.« – Nicht wahr. Du findest auch, daß es recht langweilig, recht einsilbig bei Deinem Bruder war?« sagte Clementine, ihr Kleid aufschnürend.

»Liebe Frau, Du hast wie ich den Alten gehört.« – Ich weiß nicht, was Herr Dernesty heute Abend hatte! Ich habe ihn noch nie so mißlaunig gesehen. – »Er hat sie aufgenommen und sie ist in seinem Hause.« – Wer ist in seinem Hause? – »Nun, das junge Mädchen ...« – Ein junges Mädchen bei Herrn Dernesty?«

Mondigo sieht seine Frau an und ruft aus: »Wer Teufel spricht denn von Herrn Dernesty? Ich sprach mit Dir von jenem Greise, der sich heute Abend meinem Bruder vorstellte.« – Ei, was geht mich der alte Mensch an! – »Du hast also nicht gehört, was er zu meinem Bruder gesagt hat?« – Ich? warum nicht gar! wozu auf Alte hören, wenn Junge da sind! ich habe gar nicht zugehört.« – »Nun denn, so höre mir zu, liebe Frau. Als ich vor sieben Jahren so glücklich war, Dich zu heirathen, so verbarg ich Dir nicht, daß ich eigentlich Gogo heiße und den Namen Mondigo angenommen habe, weil er sanfter, wohlklingender, kurz, zu meinem Stand passender sei.« – Ja, ja, ich erinnere mich dessen; o, ganz gewiß, wenn ich Sie hätte Gogo nennen müssen, würde ich Sie nicht geheirathet haben. Madame Gogo zu heißen ... o pfui! Sie geben zu, daß das abscheulich gewesen wäre!« – »Ich läugne es nicht; darum bin und bleibe ich nur Mondigo. Mein Bruder hat das Gleiche gethan, indem er sich St. Godibert nennen läßt.« – »Und daran hat er sehr Wohl gethan.« – »Ja; nun haben wir noch einen dritten Bruder, der auf dem Lande wohnt und sich fortwährend Gogo nennt.« – »Was geht das Sie an? Sie kommen nicht mit ihm zusammen.« – »Ganz recht, aber dieser Bruder hat eine Tochter von siebzehn bis achtzehn Jahren, welche nach Paris kam, um ihre Oheime zu besuchen und sie nicht auffinden konnte, weil sie deren Namensänderung nicht weiß. Das sagte gestern Abend der gute Mann, den man Savenay nennt, und dem 60,000 Franken gestohlen worden sind.« – »Nun, mein Herr, wo wollen Sie damit hinaus? ... Haben Sie etwa die Absicht, diese Nichte in Ihr Haus aufzunehmen? ein junges Mädchen von achtzehn Jahren, die mich ihre Tante nennen würde! ... und noch dazu Tante Gogo! ... Ha! wie abscheulich! Wenn Sie das thun, mein Herr, so gehe ich, verlasse Sie, klage auf Scheidung.« – »Aber, Clementine ...« – »Basta! Herr Gemahl, kein Wort mehr über diesen Gegenstand. Von einem achtzehnjährigen Mädchen Tante genannt zu werden ... ich, die ich erst fünfundzwanzig Jahre alt bin! o! da laß ich mich lieber zwanzigmal scheiden!« – »Aber das ist kein Scheidungsgrund, Madame.« – »Dann sorge ich schon für einen andern!« Und ohne weiter auf ihren Mann zu hören, geht Madame Mondigo und schließt sich in ihr Schlafzimmer ein, indem sie den Schriftsteller stehen läßt, der zu sich sagt: »Es ist erstaunlich, was meine Frau für eine Blondine einen hartnäckigen Charakter hat, und ich hielt die Blonden für so sanft! Da traue einer der Haarfarbe!«

Und am andern Morgen hatte sich Mondigo zu seinem Bruder, dem Geldmann, begeben und fing an, mit ihm von ihrer Nichte zu reden, worüber Herr St. Godibert schon Gesichter schnitt und den Kopf mit einer nichts Gutes verkündenden Miene schüttelte, als mit einem Male Friedrich vor ihnen stand.

»Ah, zum Henker! wie freut es mich, Sie Beide beisammen zu finden!« ruft der große junge Mann mit heiterer Miene; »wie glücklich trifft sich das für meine Nachrichten!« – Was bringen Sie denn für Nachrichten, mein lieber Neffe?« fragt Mondigo. – »Ich komme, um von meiner Base mit Ihnen zu sprechen?« – Von Ihrer Base? – »Wer ist das?« schreit Herr St. Godibert mit wüthender Miene. – »Das ... o! das ist ein reizendes junges Mädchen, eines von jenen Gesichtern, wie man sie nur sehr selten trifft! eine Mischung von Schönheit, Anmuth, Reinheit. Uebrigens, mein lieber Onkel, müssen Sie sich ihrer erinnern: sie ist mit uns auf der Eisenbahn gereist. Es ist das junge Mädchen, das in Corbeil zu uns einstieg, und dessen Erscheinung Aufsehen erregte ...« – Nun, Herr Neffe, was liegt mir daran, ob sie häßlich oder schön ist! – »Man fühlt sich immer geschmeichelt, eine Nichte zu haben, die von Jedermann bewundert wird. Sodann, mein theurer Onkel, muß Ihnen doch viel daran liegen, daß die Tochter Ihres Bruders nicht ohne Freunde, ohne Hülfsmittel allein in Paris dastehe, ohne einen andern Beschützer als einen armen Alten, der selbst ohne Stelle ist, während sie doch reiche Verwandte hat, welche eine Rolle in der Welt spielen.« – Schweigen Sie, Friedrich, schweigen Sie. Warum hat dieses junge Mädchen ihren Vater verlassen? Was hatte sie nöthig, nach Paris zu kommen? Wahrscheinlich aus Vergnügungssucht! – »O! Sie thun ihr Unrecht! Rosa-Maria hätte ihren Vater niemals verlassen! aber dieser hat Verluste erlitten und dann an die Zukunft seiner Tochter gedacht; er hat sich seiner Brüder erinnert und gemeint: Die könnten besser als er die Versorgung seines Kindes übernehmen!« – Ei! ja doch! ... Geschichten! ... Fabeln! ... Friedrich, Sie wissen, was ich Ihnen gestern Abend gesagt habe ... ich bin kein Gogo mehr ... wir sind keine Gogo's mehr! Seien auch Sie stumm, ich leihe Ihnen sogleich die fünfhundert Franken, die Sie wünschten. – – »Behalten Sie dieselben, lieber Oheim, ich will nichts mehr davon. Gestern wollte ich schweigen, weil ich fühlte, daß man vor einer großen Gesellschaft Ihre Eitelkeit schonen mußte, jetzt aber hoffe ich, daß Sie Ihre Pflicht thun werden.« – Meine Pflicht! Was verstehen Sie darunter, anmaßender Mensch? – »Ich verstehe darunter, daß Sie sofort Ihre Nichte in Ihr Haus aufnehmen sollen; ich gebe Ihnen den Vorzug vor dem Onkel Mondigo, weil Sie reich sind, während er es nicht ist.« – O!« rief Mondigo, »sonst hätte ich mir ein Vergnügen daraus gemacht ... vorausgesetzt nämlich, daß meine Frau damit einverstanden gewesen wäre, was ich jedoch nicht glaube. Obgleich ich nun aber nicht wie St. Godibert im Golde schwimme, so bin ich dennoch zu einigen Opfern bereit, wenn sie nicht vermieden werden können. – »Nicht darum handelt es sich!« schreit St. Godibert, sich wiederholt die Nase schnäuzend, was stets Zorn bei ihm verrieth. »Dieses junge Mädchen wird nicht in mein Haus kommen; sie weiß nicht, daß ich ihr Oheim bin und soll es auch niemals erfahren.« – Verzeihen Sie, lieber Onkel, sie weiß es. – »Sie weiß, daß ich Gogo heiße?« – Perfect, und der Vater Savenay auch. – »Und wer hat ihnen das gesagt?« – Ich, es ist noch keine halbe Stunde; so eben habe ich mein Bäschen verlassen.« Herr St. Godibert wirft sich in einen Lehnstuhl und drückt seinen Kopf an die Lehne desselben; Mondigo, dem die Augen vor Entsetzen starr stehen, stammelt: »Und von mir ... weiß sie es auch?« – Allerdings, lieber Oheim, ich wiederhole, daß ich sie Beide von eurem Namenswechsel unterrichtet habe. – »Scheußlich! entsetzlich!« ruft St. Godibert, indem er auf seinem Lehnstuhl nach Athem schnappt wie ein Karpfen. »Man weiß, daß ich ein Gogo bin! man wird mich vor aller Welt Gogo nennen! Da war es der Mühe werth, sein Glück zu machen! ... Diners zu geben! Meine Frau wird davon krank werden und ich auch. Friedrich, das war kein Heldenstück! ich leihe Ihnen keine hundert Sous mehr!«

Und Mondigo schleicht in dem Salon hin und her, zur Decke hinaufblickend und unter Begleitung von Seufzern murmelnd: »Meine Frau wird sich von mir trennen, wenn meine Nichte sie Tante nennt! Clementine, die ihre gutgezählten neunundzwanzig Jahre auf dem Rücken hat, will nun ein für allemal nicht älter als fünfundzwanzig sein! Da sie sehr blond ist, so hat man ihr gesagt, sie behalte zeitlebens ihren Kindskopf.«

Friedlich läßt seinen beiden Oheimen Zeit zur Abkühlung. Nachdem der erste Sturm vorüber ist, fährt er in sehr ruhigem Tone fort: »Meine Herren Oheime, wenn Sie sich die Mühe nehmen wollen, mich anzuhören, so hoffe ich Ihnen zu beweisen, daß das Uebel, wenn überhaupt eines existirt, bei Weitem nicht so groß ist, als Sie denken. Herr St. Godibert soll seine Nichte in sein Haus aufnehmen, wo sie durchaus nicht am unrechten Platze ist, denn mein Bäschen ist keine dicke und unbeholfene Bäuerin; sie ist ein reizendes junges Mädchen voll Anmuth und guter Lebensart, und besitzt zum wenigsten eben so viel gute Erziehung als meine Tante Angelika. Mein Onkel Mondigo soll von Zeit zu Zeit seiner Nichte einige Geschenke zu ihrer Toilette machen, damit sie seinem Bruder nicht ganz zur Last falle.« – So oft ich einen großen Erfolg im Theater habe,« sagte Mondigo, »werde ich ihr hundert Franken geben. – »Es wäre mir lieber, wenn eine bestimmte Summe für sie ausgesetzt würde; doch daran liegt nichts, das ist nicht das Wesentliche. Ich fahre fort: Mein Oheim St. Godibert soll Rosa-Maria, das ist der Name meines Bäschens, und er steht ihr sehr gut an, soll Rosa-Maria zu sich nehmen; ferner soll er dem guten Savenay einen kleinen Platz in seinem Bureau anweisen: ein bescheidenes Aemtchen, zwölf- bis fünfzehnhundert Franken, das wird den Greis ganz glücklich machen, und zudem haben Sie Herrn Cendrillon sagen hören, sein alter Freund schreibe und rechne sehr gut und sei ein guter Arbeiter. Das Geld ist also nicht hinausgeworfen. Thun Sie das, meine Herren und ich verspreche Ihnen, der Name Gogo soll niemals von meiner hübschen Base ausgesprochen werden; ich stehe Ihnen zum Voraus für ihre und des alten Savenay Verschwiegenheit. Fürchten Sie, Ihr Bruder Hieronymus möchte bei einem Besuche seiner Tochter Ihr Geheimniß verrathen, nun gut, so lassen Sie von Zeit zu Zeit Rosa-Maria ihren Vater besuchen, um diesem die Reise nach Paris zu ersparen. Ich habe gesprochen, meine Herren! ich biete Ihnen Gelegenheit, ein gutes Werk zu thun, sich als gute Verwandte zu zeigen, ohne daß Ihre Eitelkeit verletzt wird; mir scheint, ich verdiene ein Dank-Votum.«

Herr St. Godibert geht mit sich zu Rath, Mondigo ruft aus: »So, glaube ich, ist es ziemlich gut eingeleitet: Friedrichs Plan bewegt und entwickelt sich naturgemäß. Friedrich, Du hättest ein Stück kunstgerecht zusammengezimmert ... Du verstehst Handlung hineinzubringen, wir wollen einmal etwas miteinander machen.« – Dank, lieber Onkel, aber bei der Intrigue beschränke ich mich nur auf die Praxis ... Sie sind also einverstanden ... – »In der That, ja, unter der Bedingung, daß Rosa-Maria niemals meine Frau ihre Tante oder mich Gogo nennt.« – Die Uebereinkunft ist geschlossen; und Sie, Herr von St. Godibert?«

Der Oheim mit der kleinen Nase streckt beide Lippen vor und murmelt: »Freilich, wenn dieses junge Mädchen niemals sagt, daß wir einst Gogo hießen, wenn dieser alte Mann gleichfalls diskret ist, dann muß man wohl ... indeß will ich meine Gemahlin zuerst fragen.« – Das ist überflüssig, Herr Oheim; Sie brauchen die Erlaubniß Ihrer Gattin nicht, um Ihre Nichte bei sich aufzunehmen. Zudem wird meine Tante beistimmen; ihr würde es noch weit widerwärtiger sein als Ihnen, überall Frau Gogo genannt zu werden! Und das, ich wiederhole es, geschieht, wenn Sie sich weigern, der Tochter Ihres Bruders ein Asyl zu geben. – »Nun denn, weil es sein muß!« – Bravo! Abgemacht! Ich hole jetzt gleich meine Base: in einem Augenblick führe ich sie her; benachrichtigen Sie meine Tante, daß sie ein reizendes junges Mädchen um sich haben wird. – »Wie, nur so Knall und Fall? wenn aber ...« – Kein Wenn und kein Aber, auf was Teufels wollen Sie denn noch warten? ... Ich bringe auch den Papa Savenay gleich mit, damit Sie ihn in Ihr Bureau einführen. – »Aber gestern habe ich ihm gesagt, daß ich die Herren Gogo's, die er suchte, nicht kenne.« – O! seien Sie ruhig! das habe ich Alles schon in Ordnung gebracht ... Sie haben Ihre Gründe, daß man im Publikum Ihren Namen nicht kenne, und nur darum haben Sie ihm gestern so geantwortet. Du lieber Gott! dieser brave Mann will nicht mehr wissen, und Rosa-Maria wird Alles thun, sagen und glauben, was Ihnen nur Vergnügen macht; sie ist so niedlich ... ich eile, sie zu holen.«

Friedrich nimmt diesmal einen Fiaker, heißt den Kutscher seine Pferde antreiben und läßt sich abermals in die Straße Huchette führen. Er langt vor dem Laden der Eheleute Bichat an, hält sich aber diesmal dort nicht auf, sondern stürzt schnell in die Wohnung des alten Savenay hinauf.

Der Greis und das junge Mädchen sprachen mit einander über den Besuch, welchen sie diesen Morgen erhalten. Rosa-Maria glaubte, ihr Vetter würde nicht mehr kommen, sie abzuholen; der Vater Savenay dachte ganz das Gegentheil. Friedrichs Ankunft zerhaut den Knoten: er tritt ein und ruft: »Da bin ich! ihr sehet, ich bin pünktlich, denn ich hatte versprochen, vor Abfluß von zwei Stunden zurückzukehren. Wohlan, mein Bäschen, sind Sie bereit? haben Sie Ihre Sachen zusammengepackt? ... Sie, Vater Savenay, nehmen Sie Stock und Hut, der Wagen wartet und fort!« – Wie! wäre es möglich?« sagt Rosa-Maria, »Sie wollen mich zu meinem Oheim Nicolaus Gogo führen? – »Ja, mein hübsches Bäschen, aber vergessen Sie doch ja nicht, daß er seinen Namen verändert hat, sich jetzt Herr St. Godibert nennt; versprechen Sie sich um Gottes willen nicht, liebes Bäschen! Geben Sie ihm niemals den Namen Gogo, denn sonst muß ich Ihnen sagen, würden Sie ihm wehe thun, ihn sehr unglücklich machen! Es ist eine Schwäche, meinetwegen eine Kinderei, aber es ist nun einmal so; die Welt kennt ihn seit wenigstens zwölf Jahren nur unter dem Namen St. Godibert, und er will nicht mehr anders genannt sein.« – O! seien Sie ruhig, lieber Vetter, da es meinem Oheim Unlust verursachen würde, will ich mich wohl davor hüten. – »Was ich eben meiner Base anempfohlen, gilt auch Ihnen, Papa Savenay. Mein Oheim St. Godibert gibt Ihnen einen Platz in seinem Bureau ... heute noch werden Sie eingeführt werden.« – Wie! Ihr Herr Onkel hätte die Güte ... einen Platz auf seinem Bureau ... – »Ja freilich! nicht gerade einen glänzenden; fünftausend Franken kann ich Ihnen nicht versprechen.« – O, Herr! nur das bescheidenste Plätzchen! In meinem Alter bedarf man so wenig zum Leben. – »Aber dabei ist, wie gesagt, die kleine Bedingung, Papa Savenay, daß Sie vergessen, daß Herr St. Godibert einst Gogo geheißen hat! Weiter verlangt man nichts von Ihnen.« – Ich werde thun, was Ihrem Herrn Onkel angenehm ist. Jeder hat die Freiheit, sich nach seinem Belieben nennen zu lassen und sobald Herr St. Godibert seine Nichte zu sich nimmt und sich als guter Verwandter gegen sie beträgt, so scheint mir, hat man ihm in keinerlei Weise etwas vorzuwerfen. – »Sehr gut gesagt; gehen wir also. Ei, mein Gott, wem gehört denn diese große Kiste?« – Mir, lieber Vetter; sie enthält meine Effekten. – »Alle Wetter! sie ist schwer. Ich sehe, Bäschen, daß Sie eine vollständige Garderobe besitzen.« – Aber Sie werden das nicht tragen können, lieber Vetter; ich hole gleich einen Commissionär. – »Unnöthig! Ich kann Ihren Koffer sehr wohl hinabtragen.« – Das wird Sie müde machen ... – »Ich bin sehr stark, liebes Bäschen.« – Sie werden sich staubig machen. – »Ich lasse mich wieder ausbürsten.«

Schon hat Friedrich den Koffer auf seine Schultern geladen und steigt schnell die Treppe hinab; das Mädchen und der Greis folgen ihm nur mit Mühe. Endlich hat der Kutscher den Koffer auf seinen Wagen gepackt. Friedrich läßt seine Base und den Vater Savenay in den Fiaker steigen und setzt sich auf den Rücksitz, und so fährt man in die Wohnung des Herrn St. Godibert.

Rosa-Maria ist ganz bewegt, und zittert bei dem Gedanken, daß sie in das Haus dieses Oheims geht, den sie nicht kennt und bei dem sie doch wohnen soll. Um ihr Muth einzuflößen, versichert sie Friedrich, daß sie sehr glücklich sein werde, daß Herr St. Godibert sehr reich ist, eine prachtvolle Wohnung und eine zahlreiche Dienerschaft hat, daß er viele Gesellschaft empfängt und große Soiréen gibt. Aber statt das junge Mädchen zu beruhigen, stößt ihr Alles das die Furcht ein, sie möchte im Hause ihres Oheims linkisch und nicht an ihrem Platze sein, was sie auch ihrem Vetter nicht verbirgt.

»Wenn man so hübsch ist wie Sie, liebes Bäschen,« sagt Friedrich, »so ist man überall an seinem Platz. Ich werde Sie sogleich näher mit dem Hause bekannt machen. Mein Oheim ist, was den Geist betrifft, kein großes Licht, aber Sie können mit ihm, wenn Sie eine achtungsvolle, gehorsame Miene gegen ihn annehmen, ganz gut zurechtkommen. Meine Tante ist ungefähr vom gleichen Schlag; nur müssen Sie ihr, da sie ein Weib ist, bisweilen einige Complimente über ihre ausgesuchte Toilette und ihre graziöse Haltung machen; dann werden Sie sich ihre Zuneigung gewiß erwerben. Ah! dann ist auch noch ihr Sohn Julian da, liebes Bäschen, Ihr Vetter wie ich; dieser spricht wenig, langweilt sich daheim und ist daher so wenig als möglich zu Hause. Vielleicht gelingt es Ihrer Liebenswürdigkeit, ihn von diesen Unarten zu kuriren, denn im Ganzen halte ich ihn für einen sehr gutartigen Jungen, der, dessen bin ich gewiß, entzückt sein wird, mit einem so reizenden Bäschen zusammen zu wohnen, und sich dessen Freundschaft zu erwerben. Hoffentlich werden Sie keine Angst vor ihm haben.« – O! nein, lieber Vetter, wenn er Ihnen gleicht, so freue ich mich auf seine Bekanntschaft,« antwortet Rosa lächelnd. – »Das ist sehr schmeichelhaft für mich, liebes Bäschen! Ich flöße Ihnen also keine Furcht ein?« – Nein, mein Vetter, mir ist es in Ihrer Nähe, als ob ich Sie schon längst kennte ... kurz, Sie erscheinen mir ... warten Sie ... Sie erscheinen mir wie ein Bruder.«

Friedrich schüttelt den Kopf und brummt vor sich hin: »Den Kuckuk auch! ich möchte ihr lieber als etwas Anderes erscheinen!«

Indeß reicht er Rosa-Maria die Hand und fährt fort: »Ich danke Bäschen; schenken Sie mir Ihre Freundschaft, Ihr Vertrauen, ich will das Alles verdienen. Aber da sind wir bereits am Hause des Herrn St. Godibert angelangt. Sein Bureau befindet sich im Erdgeschoß, und seine Commis gehen niemals hinauf, ohne gerufen zu werden. Jetzt kennen Sie das Haus, zittern Sie nicht und erlauben Sie mir, Sie vorzustellen.«

Herr St. Godibert hatte seiner Frau die bevorstehende Ankunft ihrer Nichte berichtet, die er genöthigt worden, ins Haus aufzunehmen, wolle er nicht vor aller Welt als ein Gogo deklarirt werden. Die stolze Angelika war erröthet, vor Zorn aufgesprungen und hatte geschrieen: »Das hat man davon, wenn man Bauern zu Brüdern hat! Arme Brüder! ... Verwandte, hinten und vorn mit Nichts! ... Es ärgert mich sehr, Sie geheirathet zu haben, Herr Gemahl!«

Darauf hatte sich Herr St. Godibert auf die Hinterbeine gestellt und mit ziemlicher Festigkeit erwidert: »Madame, sollte man, wenn man Sie hört, nicht meinen, Sie stammten aus einem standesherrlichen Hause? und doch war Ihr Vater nur ein Strumpfwirker, Madame, ein kleiner Strumpfwirker in der Vorstadt St. Antoine! Sie haben mir 12,000 Franken Mitgift zugebracht, welche mir in Baumwollenmützen und Flanelljacken ausbezahlt wurden! Nun, da ich 20,000 Franken jährlicher Rente gesammelt und Sie in eine Lage versetzt habe, wo Sie wie eine Gräfin, daß heißt wie eine reiche Gräfin, denn es gibt auch arme, leben können, nun Madame, dünkt mir, daß Sie, statt sich zu beklagen, sich sehr glücklich fühlen sollten, mich geheirathet zu haben.«

Auf diesen Beweisgrund ließ sich nichts antworten. Madame St. Godibert schwieg, gelobte sich aber selbst, diese Nichte, welche sie gezwungen war unter ihrem Dach aufzunehmen, wie eine Negerin zu behandeln.

Mondigo war bei seinem Bruder geblieben, sowohl aus Neugier, seine Nichte zu sehen, als auch einer späteren Vorstellung auszuweichen.

In solcher Gemüthsverfassung befand man sich im Hause des Herrn St. Godibert, als Friedrich, mit seiner Base an der Hand und von Vater Savenay gefolgt, hereintrat.

Es war schwer, ein hübscheres, jungfräulicheres Gesicht und eine anmuthigere Haltung zu sehen, als die Rosa-Maria's, wie sie sich in dem reichen Salon ihres Oheims vorstellte; ihr frischer, reizender Anzug, der jedoch sichtlich keinem Stadtfräulein angehörte, das mit Bandschleifen verzierte Häubchen, welches gar schelmisch und ein wenig rückwärts auf ihrem Kopfe saß, ihre hübschen, auf jeder Seite der Wangen rund und glatt anliegenden schwarzen Haare, ihre niedliche, propere Fußbegleitung – Alles vereinigte sich, um ihrer Person einen Reiz, eine Anziehungskraft zu verleihen, denen man nicht leicht die vollste Anerkennung versagen konnte.

»Hier ist meine Base Rosa-Maria, welche ich Ihnen vorzustellen die Ehre habe,« sagte Friedrich, seine Oheime mit halb ernsthafter Miene grüßend.

Das junge Mädchen schlägt die Augen nieder, erröthet und macht eine tiefe Verbeugung.

»Sie ist außerordentlich hübsch,« sagt der hocherstaunte Mondigo, der nichts weniger erwartet hatte, als eine durch ihre Anmuth und Schönheit so ausgezeichnete Person vom Lande kommen zu sehen.

Herr St. Godibert mildert sein strenges Aussehen ein wenig, als er Rosa-Maria betrachtet. Madame St. Godibert allein schneidet ein sehr erkennbares, hämisches Gesicht; es scheint, die Schönheit des Mädchens ärgere sie und es sei ihr noch weit widerwärtiger, daß sie dasselbe nicht häßlich finden könne. Sie wirft einen verächtlichen Blick auf Rosa und murmelt halblaut: »Welche Koketterie für eine Bäuerin! ... Wie wird es erst in Paris damit werden?«

»Das hier: Herr St. Godibert ... und das: Herr Mondigo,« fährt Friedrich fort, seiner Base jeden ihrer Oheime bezeichnend. Diese machte ihnen neue Verbeugungen.

Mondigo überläßt sich dem Zauber, den man in Rosa-Maria's Nähe empfindet, geht auf seine Nichte zu und küßt sie auf die Stirne mit den Worten: »Mein theures Kind, ich bin sehr erfreut, Sie zu sehen ... Sie kennen zu lernen! Muß ich einmal ein hübsches Frauenzimmer in meinen Werken schildern, gewiß, so werde ich mich Ihres Gesichtes erinnern. Ich bin Ihr Onkel Mondigo, verstehen Sie mich, Mondigo, Schriftsteller ... man kennt mich unter keinem andern Namen; nicht wahr, Sie werden mich immer Mondigo nennen?« – Gewiß, mein Herr, ich werde es nicht vergessen. – »Sehr gut. Sodann habe ich eine Frau ... die noch sehr jung ist und sich gekränkt fühlen würde, wenn eine große Person wie Sie »›meine Tante‹« zu ihr sagte; sie würde glauben, daß sie das älter mache! Es ist eben die Schwachheit einer schönen Frau, die man entschuldigen muß; wir werden nichts destoweniger gute Verwandte für Sie sein. Ich lade Sie nicht ein, uns im jetzigen Augenblick zu besuchen, weil wir unsere Zimmer malen lassen, aber später werden wir uns sehen, und ich habe St. Godibert schon gesagt, daß, wenn Sie eines Hutes, irgend einer Kleinigkeit zu Ihrer Toilette bedürfen, das mich angehe. Uebrigens steht Ihnen dieses Häubchen sehr gut; im Theater müßte es sich sehr pikant ausnehmen. Adieu, liebe Freundin, bis auf Wiedersehen.«

Mondigo küßt seine Nichte abermals und entfernt sich, nachdem er den Vater Savenay gegrüßt hat.

Herr St. Godibert, nachdem er mit jener Umständlichkeit gehustet und ausgespuckt, welche den reichen Mann verkündet, nahm den Brief seines Bruders Hieronymus, welchen ihm Rosa-Maria überreichte, überflog ihn mit geringschätzender Miene und sagte endlich zu dem jungen Mädchen, das zitternd vor ihm stand: »Mademoiselle, ich bin Ihr Onkel, ich stelle es nicht in Abrede, aber jetzt heiße ich Herr St. Godibert, Banquier. Ich will nichts anderes mehr sein ... Sie verstehen mich! Wenn ich Ihnen die Aufnahme in meinem Hause bewillige, so geschieht es unter der Bedingung, daß Sie mich niemals anders nennen, und besonders, daß Sie Niemand sagen, daß ich ... als ich noch klein war, einen andern Namen führte.« – Nein, mein Herr. – »Gut so ... »›mein Herr‹« ist auch passender als »›lieber Oheim!‹« ... es ist vornehmer. Ich weiß wohl, daß ich Ihr Oheim bin, aber ich ziehe es vor, daß Sie mich »›mein Herr‹« nennen.« – Ich verstehe, mein Herr. – »Und ich verlange gleichfalls, daß Sie mich nur Madame nennen! Hören Sie, Kleine?« rief die dicke Angelika, ihre imposanteste Miene annehmend.

Rosa-Maria machte eine neue Verbeugung indem sie stammelte: »Ich werde nicht ermangeln, Madame.« – Dann,« nahm Herr St. Godibert wieder das Wort, »können Sie bei uns bleiben, da Ihr Vater es für zweckdienlich gehalten hat, Sie nach Paris zu schicken, was freilich ein wenig mit der Thüre in's Haus fallen heißt. – »O! mein Herr, wenn es Ihnen mißfällt, so kehre ich wieder in mein Dorf zurück!« rief das junge Mädchen aus, welchem die Aufnahme bei St. Godiberts das Herz zusammenschnürte.

Aber bereits hatte Friedrich durch Stirnrunzeln eine Aufwallung übler Laune bekundet, und Herr St. Godibert, welcher dies bemerkte, antwortete schnell mit liebenswürdigerem Ton: »Nein, liebes Kind, ich weigere mich nicht, Sie zu behalten; es soll Ihnen in meinem Hause nichts abgehen, ich bin sehr reich, und wenn ich mit Ihrem Betragen hier zufrieden bin ... je nun, so wollen wir später sehen! ich werde an eine entsprechende Versorgung für Sie denken. Angelika, welches Zimmer bestimmst Du für Rosa-Maria?« – Es ist oben ein Zimmer frei: neben Fifinen's; ich denke, es werde für Mademoiselle hinreichen.«

Rosa-Maria antwortete, sich verneigend: »Ich werde mich überall gut befinden, Madame.« – Dann also, Angelika, sage zu Fifine, daß sie Rosa-Maria begleite und die Einrichtungen in ihrem Zimmer treffe, sodann thue ... thue, was Du willst, um ... diese Kleine zu beschäftigen. – »Ja, ja, schon gut! Das ist meine Sache.« – Ich werde jetzt diesen Herrn hier auf einem meiner Bureaux unterbringen. Herr Savenay, Sie sehen, daß ich nicht gezögert habe, Ihnen eine Stelle zu finden ... ich hoffe, mein Freund Cendrillon wird mit mir zufrieden sein; im Vorbeigehen gesagt, Sie wissen, Friedrich wird Sie darauf aufmerksam gemacht haben, was ich eben dieser Kleinen bemerkte: auf der Bank und in der Finanzwelt bin ich nur unter dem Namen St. Godibert bekannt, folglich ... wenn man mich anders nennen würde, wäre es gerade, als ob man mich gar nicht nennte.« – Herr St. Godibert kann versichert sein, daß ich mich in allen Stücken seinen Wünschen fügen werde. – »Schön, Herr Savenay, Ihre Antwort zeugt von solidem Wesen. Kommen Sie nun mit mir herab, ich werde Sie in Ihre Stelle einweisen.« – Und ich,« sagte Friedrich, »werde meinen Geschäften nachgehen. Adieu, Herr Oheim und Frau Tante ... auf Wiedersehen, mein hübsches Bäschen!«

Darauf ging der junge Mann auf das Mädchen zu und flüsterte ihr in's Ohr: »Nur Muth! man nimmt Sie hier ein wenig steif auf; aber wenn die Leutchen Sie einmal kennen, so müssen sie Sie nothgedrungen lieben.«

Rosa-Maria grüßte traurig ihren weggehenden Vetter. Aber als sie an dem guten Greise, der ihr Beschützer war, vorbeiging, sagte sie seufzend zu ihm: »Ach, mein Freund, welcher Empfang hier! Man hat mich nicht einmal nach dem Befinden meines Vaters gefragt!«

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