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Die Familie Gogo

Charles Paul de Kock: Die Familie Gogo - Kapitel 25
Quellenangabe
pfad/kock/famigogo/famigogo.xml
typefiction
authorPaul de Kock
titleDie Familie Gogo
publisherRieger'sche Verlagsbuchhandlung
printrunDritte Auflage
year1861
translatorHeinrich Elsner
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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projectidf92e4863
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Vierundzwanzigstes Kapitel.

Ein unerwarteter Besuch

Es war eine Abendgesellschaft bei Herrn St. Godibert. Die meisten Personen, welche bei seinem großen Mittagessen gewesen waren, befanden sich auch da. Viele waren gekommen, um, was man die Verdauungsvisite nennt, zu machen: Andere waren die getreuen, die unvertreibbaren Mitglieder der Reunionen, welche fast jede Woche bei dem reichen Banquier Statt fanden.

Mondigo, welchen sein Bruder seit dem Durchfallen seines letzten Werkes nicht mehr das Genie nannte, perorirte in einer Ecke des Saales mit dem Major Krautberg, dessen er sich bemächtigt hatte und den er während seiner Rede an einem Rockknopfe festhielt, als fürchtete er, derselbe möchte ihm bei der Auseinandersetzung des Plans zu einem neuen Drama zu entwischen suchen.

Der prächtige Dernesty hatte sich, nachdem er sich lange an den Rücken eines Lehnstuhls geschmiegt, in welchem die schmachtende Clementine saß, an einen Spieltisch gesetzt. Herr Marmodin machte ein Whist mit Madame Doguin und zwei jungen Leuten, welche vor jedem Ausspielen die Stirne ein paar Minuten lang auf ihre Hand stützten und sich so tief besannen, als ob die auszuwerfende Karte das Schicksal eines Reiches entscheiden sollte. Man ist nämlich übereingekommen, zu behaupten, das Whist sei ein schweres Spiel, und Manche, die das wissen, suchen diese Meinung noch durch eine äußerst ausdrucksvolle Pantomime zu steigern, welche auf Personen, die dieses Spiel nicht kennen, eine ungemeine Wirkung ausübt.

Das liebliche Fränzchen schwatzte mit Damen, und der junge Julian, der aufrecht hinter ihnen stand, beobachtete in einem Spiegel die Wirkung seiner sehr ausgewählten Toilette, dann flogen von Zeit zu Zeit seine Blicke auf einen Bouillotte-Tisch hinüber, wo Herr Cendrillon, Richard, Dernesty und ein vierter Herr ziemlich hoch spielten.

Der angenehme Herr Roquet endlich spazierte mitten in der Gesellschaft umher, sprach eine Dame um die andere an, indem er den Liebenswürdigen bei jeder machte, jedoch am häufigsten zu der Hausherrin zurückkam, welche, da sie den Major Krautberg nicht zur Seite hatte, mit Vergnügen die Complimente anhörte, welche ihr Herr Roquet über die Farbe ihres Kleides und den guten Geschmack ihrer Toque machte, welch' letztere ihr sehr viel Aehnlichkeit mit einem Offizier der Spahis verlieh. Stolz überschaute Herr St. Godibert die in seinem prachtvollen Salon versammelte Welt und sagte zu sich: »Wie angenehm ist es, reich zu sein! wie stellt sich da sogleich gute Gesellschaft bei Einem ein! Wäre ich selbst Präfekt, könnte ich keinen größeren Kreis um mich sehen, vielleicht nur einen kleineren! Gewiß ist, daß die Gesellschaft nicht brillanter sein könnte: wie herrlich alle diese Damen gekleidet sind; man macht Toilette, man schmückt sich, um in meine Abendgesellschaften zu kommen; das bedeutet Achtung und macht Ehre. Ach Gott! wie wohl habe ich daran gethan, meinen Namen Gogo in St. Godibert zu verändern! wenn ich mich noch Gogo nennte, so wette ich, nicht die Hälfte der Leute erschiene in meinen Abendcirkeln, und man würde sich nicht mit so viel Geschmack dazu ankleiden. O! ich habe Takt, ich weiß wohl, was ich thue! Und dann die Männer! welche schöne Haltung! fast alle in lackirten Stiefeln: das ist zum Entzücken! Ich muß Journalisten in meine Reunionen zu bekommen suchen; alsdann werden sie unter der Rubrik »Pariser Neuigkeiten« ihres Journals schreiben: »›In dem letzten Abendcirkel des Herrn St. Godibert trugen alle Männer Lackstiefeln und alle Damen Diamanten.‹« Wenn ich das in einem Journal läse, so möchte ich mein Loos nicht mit dem des Herrn Molière vertauschen, dessen Statue man vor nicht gar langer Zeit aufgerichtet hat!« Hierauf nähert sich St. Godibert seiner Frau, welche ihm ein Zeichen gemacht hat.

»Was willst Du, Angelika?« – Ich glaube, bester Freund, es wäre jetzt an der Zeit, den Punsch herumzureichen. – »Ich gehe, es Fifinen zu sagen. Liebe Frau, bist Du zufrieden? Unsere Abendgesellschaft ist grandios.« – Das sagte mir eben Herr Roquet; ich finde sie um so schöner, weil der Vetter Brouillard ausgeblieben ist. – »In der That, auch ich bin vergnügt darüber, denn er erlaubt sich zuweilen mit schlecht gewichsten Stiefeln in der Gesellschaft zu erscheinen.« – Mit schlecht gewichsten? sagen Sie nur gerade heraus, mit Stiefeln wie ein Dohlenputzer. – »Dagegen vermisse ich Soufflat und seine Tochter! schon zweimal fehlen sie uns, und ich hatte sie doch ermächtigt, Herrn Stöpsel mitzubringen.« – Unser Sohn ist nicht galant, nicht liebenswürdig genug bei Fräulein Soufflat. Ich weiß nicht, was er im Kopfe hat; seit einiger Zeit kommt er sehr spät nach Hause! ich weiß das vom Thürsteher. Ich fürchte, er artet aus. – »Meine theuerste Freundin, spät heimzukehren gehört zum guten Ton! in dieser Beziehung würden wir ihn mit Unrecht tadeln. Was seinen Anzug betrifft, so läßt sich, ich muß es gestehen, nichts daran aussetzen! ich bemerke, daß er sich seit einiger Zeit mit größter Eleganz kleidet. Ich muß ihm nachsagen, daß er mit den vierzig Franken, die ich ihm monatlich gebe, Großes leistet! ... Ach, mein Gott, man hat die Vorzimmerthüre geöffnet, wenn es Brouillard wäre?« – »Ja, ja, das ist so seine Manier; er kommt in dem Augenblick, wo man den Punsch servirt und verschlingt unanständig viel davon.« – »Nein, dem Himmel sei Dank, er ist es nicht, es ist unser Neffe Friedrich.«

Der hochgewachsene junge Mann ist wirklich in den Salon getreten. Im Vorübergehen bleibt er bei seinem Vetter Julian stehen und flüstert ihm zu: »Nun, immer noch nichts? sind unsere Nachforschungen fruchtlos?« – Mein Gott, ja; ich konnte keine Auskunft erhalten ... und Du? – »Ebensowenig. Armes Bäschen! Ein so hübsches Gesicht! wenn ich aber von heute an in zwei Tagen nichts erfahre, so bin ich entschlossen, nach dem Dorfe Avon zu reisen; ich werde direkt zum Onkel Hieronymus gehen, und mich erkundigen, ob seine Tochter zu ihm zurückgekehrt ist.« – Wahrhaftig? Du willst diese Reise machen? – »Warum nicht? die Base ist wohl dieser Mühe werth, und auch mir liegt daran, zu erfahren, ob Richard uns nicht angelogen hat.« – Das wird schwer herauszubringen sein; denn wenn die Kleine in der That bei ihm war, so wird sie es gewiß nicht eingestehen. – »Ja, wenn es aber nicht der Fall wäre, so könnte sie es vielleicht beweisen; kurz, man weiß nicht, was Alles möglich ist; aber vorerst sollte man sie auffinden. Ich gestehe Dir, daß mich dies für den Augenblick um so glücklicher machen würde, als es mich zerstreuen und von meiner Leidenschaft für Frau Marmodin etwas abziehen würde. Kann man eine niedliche, geistreiche Frau wie dieses Fränzchen begreifen, die sich nicht im Geringsten genirt, ihren Mann zu verhöhnen, den sie Knecht Ruprecht nennt und ihm doch keine Hörner aufsetzt?« – In der That, es ist erstaunlich! Wie, Friedrich, Du bist bei dieser Dame nicht glücklich? Ich hielt Dich für ihren Cicisbeo. – »O! mein Gott, nein! Hundertmal glaubte ich mich nahe daran, bin es aber immer noch nicht, und doch mache ich ihr emsig den Hof; ich gehe hin, wo sie hingeht, beschäftige mich ausschließlich mit ihr, spreche mit keiner andern Frau und bin doch um keinen Schritt weiter. Man lacht, man plaudert, man ist sehr liebenswürdig mit mir, aber man gewährt mir nichts. Ich habe es demnächst satt! die platonische Liebe ist nicht nach meinem Geschmack; das kommt mir gerade vor wie jenes hübsche Geflügel von Pappe, welche man den Schauspielern auf der Bühne servirt! es erregt Eßlust, die Scheinessenden stellen sich, als schmecke es Ihnen, und es schmeckt ihnen doch gewiß nicht. Aber sie ist hier, meine Unmenschliche! siehst Du? Ob man nicht schwören sollte, daß ich glücklich sei? Sie sieht mich an, sie lächelt mir zu, sie winkt mir in ihre Nähe.« – Und Du gehst hin? – »Ach! mein Gott, ja; noch ein kleiner Sturm auf ihr Herz; aber ich schwöre Dir, Vetter, das soll der letzte sein.«

Damit hatte sich Friedrich zu Frau Marmodin hingesetzt, welche ihn mit einem sehr huldvollen Lächeln empfing.

Einstweilen ist Herr St. Godibert einen Augenblick in seinem Vorzimmer gewesen, hat sich der Mamsell Fifine genähert, dieselbe in einen sehr fleischigen Theil gekneipt und zu ihr gesagt: »Fifine, man muß Punsch herumreichen, keinen zu starken und halbe Gläser, nämlich halb volle Gläser; das ist genug für ein, mal.« – Ja, Herr, ich weiß; so wie gewöhnlich. – »Besorge Du das selbst; ich mag es Franz nicht auftragen.«

Der Herr kehrte in den Salon zurück; Mamsell Fifine rief Franz, den man immer beibehielt, weil sie ihn in Schutz nahm. Franz kam herbei, kneipte die Kammerjungfer an der gleichen Partie wie sein Herr, nur mit dem Unterschied, daß dieser die linke und er die rechte Seite berücksichtigte.

Fifine, die sich niemals um das, was hinter ihr vorgeht, zu bekümmern scheint, sagt zu Franz: »Nimm die große Platte und trage Punschgläser hinein; trinke aber nicht vorher drei oder vier davon, wie es Deine Gewohnheit ist.« – Ei! Mamsell, das letzte Mal sind Sie mir mit gutem Beispiel vorangegangen. – »Schweig, Esel! Du nimmst doch gar keine Bildung an.« – Ich meine, daß ich für einen Esel gebildet genug sei, übrigens thue ich ja stets nur, was ich die Andern thun sehe; so hat Sie eben erst unser alter Herr ... – »Willst Du wohl schweigen! In einem guten Hause darf man nichts sehen; verstanden?« – Nichts sehen? Ei, das möchte ich einmal sehen; gestern z. B. ging ich in's Zimmer von Madame, weil ich glaubte, sie rufe mir, da wechselte sie gerade das Hemd, da sah ich Vieles, aber allerdings nichts Schönes. – »Aber still' doch, Franz; wenn Madame Dich hörte, so würdest Du augenblicklich fortgejagt; halt, man schellt, sieh' nach, wer kommt.«

Franz öffnet die Hausthüre, aber statt jener eleganten Personen, welche in die Cirkel seines Herrn zu kommen pflegen, bemerkt er einen Greis in einer Jacke mit Schößen, einer geblümten Weste wie man sie auf dem Lande trägt, mit groben Schuhen, und einer Art Stecken in der Hand.

Der gute Mann hatte bereits seinen breitrandigen Hut abgezogen und grüßte sehr höflich den Bedienten, welcher ihn mit ziemlich geringschätzendem Tone fragte, was er wolle. »Bin ich nicht hier bei Herrn St. Godibert?« sagte der Greis, dessen frisches und lebhaftes Gesicht keinen Mann verkündigte, der sich mit Furcht als ein Sollicitant vorstellt.

»Ja, hier ist es; seid Ihr vielleicht zu der Abendgesellschaft, die er heute gibt, eingeladen?«

Bei diesen Worten maß Herr Franz den Greis mit zugleich unverschämter und spöttischer Miene; dieser aber schien nicht darauf zu achten und entgegnete: »Ich komme nicht wegen der Abendgesellschaft; ich komme, mit Ihrem Herrn zu reden; ich möchte ihn sehen, auf einige Augenblicke sprechen.« – Man spricht nicht nur so mit meinem Herrn; er hat Besuche, eine große Abendgesellschaft; kommt ein anderes Mal, guter Mann. – »Ich habe nicht immer Zeit, lange Wege zu machen, und da ich einmal da bin, so sagen Sie gefälligst Ihrem Herrn, daß Jemand nach ihm frage!« – Was Ihr doch eigensinnig seid! Ich wiederhole Euch, daß Herr St. Godibert jetzt keine Zeit hat; übrigens ist es mir einerlei, ich will es ihm Wohl sagen. Wie heißet Ihr? – »Wie ich heiße? ... Herr St. Godibert kennt mich nicht; wenn ich ihm also auch meinen Namen sagte, würde es zu Nichts führen! Sagen Sie, ein Herr wünsche ihn einen Augenblick zu sprechen; da Leute in dem Saal sind, so möchte ich nicht gerne hinein gehen, sondern ihn hier sprechen.« – Ah! Sie mögen nicht gerne hineingehen! ... Der alte Papa ist allerliebst, daß er überhaupt glaubt, mit seinem Jagdkamisol und seinen Bauernschuhen würde ich ihn in einen Salon eintreten lassen, wo Alles gekleidet ist wie Prinzen! deßwegen braucht Ihr Euch keine Sorge zu machen! Da würde ich schön ankommen! ... So! und Euern Namen wollt Ihr auch nicht sagen und meinet, man werde sich wegen Euch incommodiren, die Gesellschaft verlassen, um ein Gespräch mit Euch zu Pflegen? Ihr seid noch sehr ländlich-sittlich, alter Knasterbart! Nun, es ist mir gleich; ich richte meinem Herrn Euern Auftrag aus und wette, daß wir etwas zum Lachen bekommen werden!«

Herr Franz ging in den Salon und suchte mit den Augen seinen Herrn; da er ihn im Gespräch mit Damen sieht, so wagt er nicht, ihm zu nahen und macht ihm bloß von Ferne Zeichen mit der Hand, welche bedeutende Ähnlichkeit mit jenen haben, welche gewisse junge Leute beim Cancantanze anwenden.

Madame Marmodin, welche eben mit Herrn St. Godibert spricht, bemerkt Franzens Geberden und sagt lachend: »Will Ihr Bedienter im Saale einen grotesken Tanz aufführen? Sehen Sie ihn doch an, er verarbeitet sich in Gestikulationen.« – Sollte der Hallunke schon wieder besoffen sein! Wahrhaftig, ich weiß nicht, warum ich ihn behalte, das heißt, ja, ich weiß es wohl, nämlich weil unsere Kammerjungfer viel auf ihn hält, aber, Gott verzeih' mir, ich glaube, er gibt mir Zeichen!«

Und Herr St. Godidert läuft zu seinem Diener. »Was hast Du denn, Dummkopf? Was bedeutet dieses Geberdenspiel?« – Es sollte Ihnen zeigen, Herr, daß ich Sie sprechen wollte; ich wagte es nicht, Sie von den Damen aufzuscheuchen. – »Nun, was willst Du von mir?« – Ich? gar nichts; aber ein alter guter Mann ist eben angekommen und wünscht mit Ihnen zu reden. – »Ein alter guter Mann? Hat er gute Kleider an?« – Ha, er ist ziemlich warm angezogen; er hat Tuchhosen an, eine große Weste ... – »Esel, ich frage Dich, ob er elegant gekleidet, ob er mit einem Orden geziert ist?« – O! nein, er sieht mir aus wie ein alter Bauer und hat ein Wamms mit großen Schößen. – »Er hat ein Wamms an und erfrecht sich, in meinem Hause zu erscheinen, wenn ich Gesellschaft habe! wenn ich die schönste Gesellschaft in lackirten Stiefeln habe? Wirf den Kerl zur Thüre hinaus.« – Er wollte Ihnen unten nur ein Wort sagen. – »So meinst Du, ich werde Capitalisten, Damen in Toquen mit Federn und Blumen verlassen, um mich mit diesem Menschen, der ein Wamms anhat, zu unterhalten? Franz, schicke den Mann auf der Stelle fort; ich bin für Leute seinesgleichen nur Morgens von zehn bis zwölf Uhr sichtbar. Geh', wenn er weiter in Dich dringt, so puffe ihn bei den Achseln hinaus!«

Franz verläßt den Saal und kehrt zu dem Greise zurück, der ihn im Vorzimmer stehend erwartete.

»Ich wußte es ja wohl, guter Alter!« jagte der Bediente, »mein Herr will Euch weder drinnen empfangen, noch sich wegen Euch vermolestiren. Gehet; wenn Ihr Morgen gegen Mittag wieder kommt, wird man Euch vielleicht annehmen; das ist Alles, was man für Euch thun kann.« – Aber, Herr, wenn ich um diese Stunde nicht zurückkommen kann? Sie haben also dem Herrn St. Godibert nicht vorgestellt, daß ich ja nur einen Aug ... – »Genug, genug, mein Alter! ... Ihr werdet mir endlich langweilig ... ich muß Punsch hineintragen! Schiebt Euch schnell, wo nicht, so bin ich ermächtigt, Euch zur Thüre hinauszuwerfen.«

Der Greis wollte sich eben, jedoch nur ungern, zum Weggehen anschicken, als Herr Cendrillon, der gerade den Bouillottetisch verlassen hatte, in das Vorzimmer trat, um ein wenig Luft zu schöpfen, da er die Hitze im Saal unerträglich fand.

Der dicke Capitalist bemerkt den alten Mann, welcher der Thüre zuging; er stößt einen Schrei der Ueberraschung aus und eilt, ihn am Arme zurückzuhalten mit den Worten: »Ei ja, zum Kuckuk! ... er ist es ... es ist mein alter Savenay! Sie sind also nicht gestorben? Auf Ehre, es macht mir ein großes Vergnügen, Sie wiederzufinden.« – Wie! Sie sind's, Herr Cendrillon!« antwortet der Greis, seine Freude bezeugend.

»Ja ... ja! ... ich bin's! ... Ach, ich war teufelmäßig besorgt um Sie, so wahr ich lebe; aber so kommen Sie doch ... kommen Sie, daß ich Sie St. Godibert vorstelle.«

Mit diesen Worten schob Herr Cendrillon seinen Arm unter den des Greises und zog ihn nach der Saalthüre. Der alte Savenay versuchte sich zu widersetzen, indem er sagte: »O! nein! nein! ... ich kann nicht hineingehen; es geht nicht ... drinnen ist große Gesellschaft.« – Ja nun, was bekümmert Sie die Gesellschaft? Sind Sie nicht ein wackerer Mann? Sie brauchen sich vor Niemand zu fürchten. Ich versichere Sie, daß Alle da drinnen nicht so viel werth sind als Sie. – »Aber mein Anzug ... ich kann nicht; man ist hier elegant und diese ländliche Kleidung ...« – Bah, bah! ... was will das heißen? In Ihrem Alter ist man nicht gehalten, sich nach der Mode zu richten. Mit Silberhaaren und einem ehrlichen Gesicht wie das Ihrige müßte man sogar hoffähig sein. Vorwärts marsch! ... ich werde Sie vorstellen.«

Der Greis läßt sich hineinführen. Franz betrachtet mit vor Staunen aufgerissenen Augen und offenem Munde Herrn Cendrillon, der die nämliche Person am Arme in den Saal geleitet, welche er vor die Thüre zu werfen den Befehl erhalten hatte; aber er wagte keinen Laut mehr von sich zu geben, und bald zog der alte Savenay in den glänzenden Saal des Herrn St. Godibert ein.

Herr Cendrillon sagte mit seiner volltönenden und schnarrenden Stimme, welche alle Welt zum Zuhören nöthigt: »Mein theurer Herr St. Godibert, erlauben Sie mir, Ihnen einen meiner guten Freunde vorzustellen.«

Herr St. Godibert reißt die Augen wo möglich noch weiter auf als Franz, indem er das ihm vorgestellte Individuum betrachtet. Alles, was sich im Salon befindet, hat sich umgedreht und mustert den Vater Savenay, dessen Costüm ihnen für den Besuch einer Abendgesellschaft zwar seltsam erscheint, dessen ehrwürdiges und offenes Gesicht aber keinen Gedanken von Lächerlichkeit aufkommen läßt.

Madame St. Godibert allein verzieht das Gesicht und sagt leise zu ihrem Manne: »Herr Cendrillon präsentirt uns einen Mann im Wammse ... eine Art Bauer! Ei, das ist denn doch gar zu ungenirt!« – Still, Angelika, schweige doch! Du vergissest immer, daß Herr Cendrillon ein Millionär ist und eine Eisenbahn auf seine Kosten hat bauen lassen.«

Und Herr St. Godibert zwingt sich zu einer liebenswürdigen Miene, geht auf Herrn Cendrillon zu und sagt: »Ah, der Herr ist einer Ihrer Freunde?« – Ja, mein theurer St. Godibert: dieser gute Papa hier ist die Person, von der ich mit Ihnen bei Ihrem letzten Diner gesprochen hatte ... dem ich einen Empfehlungsbrief an Sie gegeben hatte, kurz, der wackere Vater Savenay, der sechzigtausend Franken geerbt und dem ich gerathen hatte, sie bei Ihnen anzulegen.«

Beim Namen Savenay betrachtet die Mehrzahl der anwesenden Personen, welche sich auch schon bei dem großen Diner des Herrn St. Godibert befunden hatten, den Greis mit größerem Interesse. Man ist neugierig, zu erfahren, was ihm begegnet; überall im Salon hören die Gespräche auf, sogar die Spielpartieen werden unterbrochen. Mit einem Wort: an die Stelle lauter Unterhaltung und ausgelassenster Heiterkeit ist Stillschweigen getreten.

Der Greis, dessen Gegenwart diese Veränderung verursacht, zieht einen Brief aus seiner Tasche und reicht ihn Herrn St. Godibert, indem er sagt: »Hier ist der Brief, welchen Herr Cendrillon mir an Sie mitzugeben die Güte hatte. O! den habe ich nicht verloren, und ich hoffte, daß er mir diesen Abend Eintritt bei Ihnen verschaffen und Ihnen einiges Wohlwollen für den Inhaber einstoßen sollte.«

Herr St. Godibert nimmt den Brief mit verlegener Miene und antwortet: »Mein Herr ... ei freilich ... Sie also waren ... der ... welcher eben jetzt? ... Mein Gott, wenn ich gewußt, wenn Sie gesagt hätten, daß Sie aus Veranlassung des Herrn Cendrillon kämen, so würde ich mich beeilt haben ... da ich aber nicht wußte ... indeß hatte ich wirklich bis Absicht, mich nach Ihrem Begehren zu erkundigen, und wollte eben hinausgehen.«

In diesem Augenblick erscheint Franz an der Salonthüre und schreit seinem Herrn zu: »Herr! ich konnte den alten Kameraden nicht zur Thüre hinauswerfen, weil ihn Herr Cendrillon am Arme nahm und hereinführte.«

Herr St. Godibert wurde ziegelroth und Madame stieß den Bedienten ins Vorzimmer, während ihr Gemahl antwortete: »Mein Gott, welches Vieh von Bedienten! welch' ein Ochs ist dieser Franz! Alles, was man ihm sagt, versteht er umgekehrt. Ich bitte Sie zu glauben, daß er sich irrt.«

»Von allem Dem ist nicht mehr die Rede,« ruft der dicke Capitalist aus, »was scheren wir uns um Formen, um Ceremonien! Vater Savenay lacht darüber wie ich! nicht wahr, Alterchen? Aber erfahren möchte man gerne, braver Mann, was aus Ihnen seit den drei Monaten geworden ist, wo Sie Nemours auf Ihrem kleinen Pferde verlassen haben, auf jenem armen Hammel, welcher nie in Galopp zu bringen war ... wie! Sie reisen mit einer starken Summe ab, und während so langer Zeit hört und sieht man nichts mehr von Ihnen? Wissen Sie wohl, daß ich sehr unruhig war ... ich besonders, der Ihnen zu dieser Reise gerathen hatte? Was Teufels haben Sie denn in dieser langen Zeit gemacht, Vater Savenay? Wir haben uns also gut amüsirt in Paris, haben wohl den Jüngling gespielt, sind den Schönen nachgejagt ... hi, hi! haben ein wenig gebummelt ... hi, hi!«

Madame St. Godibert schnäuzt sich, hustet und rückt ihren Stuhl, indem sie zu Herrn Roquet sagt: »Ach, mein Gott! wie ist dieser Millionär so unanständig! Ich muß purpurroth aussehen, Herr Roquet.« – In der That ... besonders Ihre Nase. – »Daran ist Herr Cendrillon Schuld.« – Indeß,« fährt der Capitalist fort, »wäre es immerhin klüger gewesen, mein alter Freund zuerst Ihr Geld hier in Sicherheit zu bringen. Ei! Sie haben Capitalien anzulegen und lassen sie über drei Monate in Ihrem Portefeuille nutzlos liegen! ... Sie sind kein guter Rechner, Vater Savenay.«

Der Greis schüttelt lächelnd den Kopf und antwortet: »Wenn ich nicht bälder zu dem Herrn kam, so geschah es, weil jetzt mein Besuch einen andern Zweck haben mußte. Du lieber Gott! mein lieber Herr Cendrillon, die sechzigtausend Franken, die ich geerbt hatte, konnte ich dem Herrn nicht mehr anvertrauen, weil man mir sie unterwegs geraubt hat!« – Geraubt!« ruft Herr Cendrillon mit bewegter Stimme aus.

»Geraubt! geraubt!« wiederholt man in allen Ecken des Saales, und sogar einige dumpfe Seufzer scheinen sich in diese dem allgemeinen Interesse abgedrungenen Ausrufungen zu mischen; aber mitten in dem durch die Worte des Greises verursachten Tumulte schenkt man der Aufregung einiger Personen keine Beachtung.

»Ja,« wiederholt Vater Savenay, »ja, ich bin beraubt worden, als ich am hellen Mittag beim schönsten Wetter durch den Wald von Fontainebleau ritt. Freilich begegnete ich auf dem Fußpfade, den ich eingeschlagen, Niemand, und ließ mein Pferd nach seiner Laune, das heißt in ganz kurzem Trabe, gehen! Aber es fiel mir nicht entfernt ein, daß es in diesem Walde Räuber gebe! Plötzlich stürzen zwei Männer aus dem Gebüsch und fallen meinem Pferde in die Zügel. Der arme Hammel, der, wie ich glaube, eben so große Furcht hatte wie ich, war schon von selbst stehen geblieben; ich meinerseits muß gestehen, daß ich an allen Gliedern zitterte.« – Dazu hatten Sie auch allen Grund,« ruft Madame St. Godibert aus, »sie mußten schauerlich aussehen, diese Räuber ... ich erinnere mich deren aus Fra Diabolo, die mir jedesmal Schrecken einjagen! – »Wahrhaftig, Madame, ich wäre nicht im Stande, Ihnen zu beschreiben, wie sie aussahen! ich war zu sehr angegriffen! ich sah nur zwei Männer in Blousen: jeder von ihnen hatte eine Kappe auf dem Kopf, deren Stülp ihm die Augen bedeckte; ich meine, ihre Gesichter waren geschwärzt.« – Es waren Köhler,« sagte der Major Krautberg. – »O! das glaube ich nicht, mein Herr! die Stimme, die mir zurief: »›Schnell, Dein Portefeuille, oder Du bist des Todes,‹« o! die Stimme klingt mir noch in den Ohren, das war nicht die Stimme eines Köhlers! Kurz, ich sah rechts und links einen Pistolenlauf auf mich gerichtet, und Sie können sich wohl denken, daß ich nicht lange Widerstand leistete! Ich gab mein Portefeuille mit meinen sechzigtausend Franken hin und wollte eben auch meine Börse und mein Felleisen hingeben, aber die Räuber waren zufrieden und wollten offenbar nur mein Portefeuille; denn sie gaben Hammel einen Patsch und dieser lief in raschem Trabe davon; daß es mir nicht in den Sinn kam, ihn zurückzuhalten, können Sie sich wohl denken!« – Mein armer Freund! auf solche Weise geplündert zu werden!« sagte Herr Cendrillon, dem Greise auf die Achsel klopfend; »ha! die Schufte! da hätte ich vorüberkommen sollen, mit denen wäre ich gut umgesprungen. – »Das ist ein herrlicher dramatischer Stoff,« sagte Herr Mondigo; »in Scene gesetzt müßte er viel Interesse erregen!« – Jedenfalls,« sagte Friedrich, »wußten die Räuber, daß der Herr eine starke Summe in seiner Brieftasche hatte, weil sie diese augenblicklich forderten. Ohne Zweifel werden Sie die Unbesonnenheit gehabt haben, in irgend einer Herberge etwas zu äußern. – »Wohl möglich, mein Herr, ich schwatze von Hause aus gern, und glaube mich zu erinnern, daß ich in einem kleinen Dorfe nahe bei dem Wald anhielt, um mein Pferd ausruhen zu lassen. Hier habe ich in der That mit dem Gastwirth geredet: ich erinnere mich nicht mehr, was ich ihm sagte, gab auch nicht Acht, ob Leute um uns waren! ... kurz, was wollen Sie weiter! Wenn ich beraubt wurde, so ist es jedenfalls in Folge meines Eigensinns; denn Herr Cendrillon und andere Personen hatten mir gerathen, diese Reise nicht zu Pferde zu machen; ich wollte guten Rath nicht hören ... ich hielt mich für klüger als Andere, und der liebe Gott hat mich dafür gestraft! Aber ich ergab mich darein und tröstete mich mit dem Gedanken: Nun denn! jetzt ist es eben, als ob ich nicht geerbt hätte.« – Armer Mann! Welche Philosophie! Welcher Muth! In seinem Alter ein solches Unglück so zu ertragen!« Madame Marmodin richtete diese Worte an den jungen Julian, der sich hinter ihr niedergelassen hatte; als sie aber die außerordentliche Blässe des Sohnes vom Hause und den eigenthümlichen Ausdruck seiner Physiognomie bemerkte, fuhr sie fort: »Aber was haben Sie denn, Herr Julian? Sie sind so blaß! ... Ihre Züge sind ganz entstellt.« – Finden Sie, Madame? ... Ach! darum hat das, was ich eben gehört ... – »Sie sehr geschmerzt, nicht wahr? Einen armen Greis anfallen, das ist abscheulich ... aber die Räuber achten Niemand! Ich glaube, Herr Julian, daß wenn Ihnen ein solches Ereigniß zugestoßen wäre, Sie sich nicht so schnell getröstet hätten, wie dieser brave Mann.«

Julian murmelt einige schwer zu verstehende Worte und versucht zu lächeln; aber sein Gesicht bietet jetzt einen schreckenerregenden Anblick dar, so zerstört sieht er aus; um sich eine Haltung zu geben, stochert er mit einem Griffel, den er in seiner Tasche gefunden, in seinen Zähnen und beißt am demselben herum, als ob er ihn zerbrechen wolle.

Herr Cendrillon, der die Hand des Vaters Savenay geschüttelt hat, ruft aus: »Sich trösten! ... ei, Hagel, das ist leicht gesagt! aber damit bekommt man sein Geld nicht wieder; es wäre besser, wenn man es wieder fände. Haben Sie Ihre Anzeige gemacht?« – Ja, noch am nämlichen Tage bei den Behörden von Fontainebleau. Man hat durch Gendarmen den Wald durchstreifen lassen, aber die Räuber waren nicht mehr darin. – »Dann ist Ihr Geld verloren, armer Alter! Nun aber, was haben Sie weiter gethan? Warum sind Sie nicht zurückgekehrt, um Ihren Platz bei dem Hammerwerksbesitzer wieder einzunehmen?« – Weil man denselben einem armen Familienvater gegeben hatte, den das sehr glücklich machte, und ich sein Wohlergehen, sein Glück nicht zerstören wollte. – »Hm! ... was für ein braver Mann Sie sind! ... das nenne ich einen guten Greis! Welche redliche Seele! ... Donnerwetter! so bringt man heutzutage keinen mehr zu Stande.« – Wird man sich noch lange mit diesem alten guten Jungen beschäftigen?« murrte Madame St. Godibert, den Mund verziehend, vor sich hin; »mir scheint doch, daß wir nicht seinethalben unsere Soirée geben! Das wird sehr monoton! Und Herr Cendrillon, der wieder allerliebste Reden im Munde führt ... – »Aber Papa Savenay, was haben Sie denn inzwischen gemacht? Warum haben Sie mir nicht geschrieben? Warum sind Sie nicht zu Herrn St. Godibert gegangen, an den ich Sie empfohlen hatte?« – In Wahrheit, Herr Cendrillon, ich wagte nicht, Sie zu belästigen; ferner hatte ich keinen Grund mehr, diesen Herrn zu besuchen. Als ich in Paris ankam, fand ich eine kleine Anstellung bei einem Kaufmann und griff mit beiden Händen zu; unglücklicher Weise war die Arbeit nur vorübergehend, und gestern ging das Geschäft, das ich bei ihm besorgte, zu Ende. – »O! seien Sie ruhig, Papa, wir werden uns mit Ihnen beschäftigen, wir werden Ihnen einen Platz finden; Vater Savenay schreibt und rechnet sehr gut, und arbeitet mit so großem Eifer wie ein junger Mann.« – Ei, natürlich! Ich bin nicht träge, und da ich mich wohl befinde, so geht es noch. – »St. Godibert, Sie müssen mir meinen Schützling unterbringen, verstanden? und zwar nicht als Supernumerarius! ... dazu ist er zu alt.«

Herr St. Godibert zieht seine Nase herunter und murmelt: »Ach! ja freilich, sobald ich Gelegenheit finde; die Plätze sind nur sehr rar.« – Bah, bah! so heißt es immer und doch bleibt Jeder« irgendwo hängen. – »Wenn das noch lange so fortgeht, so wird es mir übel,« sagte Madame St. Godibert zu dem Major.

Dann läuft sie plötzlich auf Herrn Cendrillon zu, zieht ihn zu dem Bouillotte-Tisch und sagt: »Ei, so spielen Sie doch auch, Herr Cendrillon, sehen Sie, da ist noch ein Platz frei, und Sie lieben ja die Bouillotte so sehr.« – Ja, in der That,« antwortet der große Herr; »ich habe überdies Revanche zu fordern, denn eben da hat mir Herr Dernesty all mein Geld abgenommen. Sie werden mir es zurückgeben, nicht wahr?«

Herr Dernesty antwortet nur mit einem Kopfnicken. Die Bouillotte-Partie fängt wieder an. Als Herr St. Godibert den Herrn Cendrillon beschäftigt sieht, benützt er diese Augenblicke, um sich von Vater Savenay zu entfernen. Friedrich dagegen, welcher den Greis ziemlich verlegen in der Mitte des Salons stehen sieht, eilt zu ihm hin und bietet ihm einen Stuhl an; aber Vater Savenay dankt dem großen jungen Mann, indem er sagt: »Ich bin Ihnen sehr verbunden, mein Herr, aber ich will mich entfernen; ich bin nicht an die Gesellschaft gewöhnt und fühle wohl, daß ich nicht hieher tauge.« – Und warum nicht? Sie sind ein Freund des Herrn Cendrillon: deßhalb sieht Sie mein Onkel mit Vergnügen. – »Sie sind sehr gütig; aber ehe ich mich entferne, muß ich dennoch Herrn St. Godibert etwas fragen ... ich kam sogar deßhalb; sonst hätte ich mir nicht erlaubt, ihm einen Besuch zu machen.« – Lieber Oheim,« sagt Friedrich, indem er Herrn St. Godibert wieder zu dem Greise herbeiholt, »der Herr hat Sie etwas zu fragen. – »O! ich werde mir Mühe geben ... ich werde an den Herrn denken, wenn es mir möglich ist,« antwortet St. Godibert, indem er bereits seine wichtige Miene wieder annimmt, »aber ich kann nicht sagen, wann es mir gelingen wird, eine ...« – Nicht um mich handelt es sich, mein Herr,« antwortet der Greis, »sondern um eine Person, für die ich mich sehr interessire, weil sie es verdient. – »Zur Sache, mein Herr; ich habe viele Leute und muß mich meiner Gesellschaft widmen.« –»Ich bin gleich fertig, mein Herr; ein junges Mädchen, dessen Bekanntschaft ich gemacht habe ... auf sonderbare Weise ... das ist jedoch eine andere Geschichte, welche zu erzählen zu viele Zeit wegnähme ...« – »Ja, sie nähme zu viele Zeit weg.« – »Dieses junge Mädchen aus dem Dorfe Avon bei Fontainebleau war zum erstenmal nach Paris gekommen, um zwei Oheime aufzusuchen, zu denen ihr Vater sie schickte; sie hatte deren Adresse und dennoch wußte man weder von dem Einen noch von dem Andern etwas an dem Orte, wohin man sie gewiesen hatte.«

Friedrich zitterte, als er den Greis hörte, während Herr St. Godibert sein Kinn tiefer in seine Cravatte hineinsteckte und Richard nach einander gelb, roth und blau wurde. Herr Cendrillon, welcher trotz seines Spielens immer auf das hörte, was sein alter Freund sagte, rief aus: »So! so! Vater Savenay, Sie haben die Bekanntschaft eines jungen Mädchens gemacht? Ich sagte es ja so eben! ... Herr Dernesty, da liegt mein Geld, halten Sie?«

Dernesty schüttelte verneinend mit dem Kopfe.

»Ei aber! es scheint, Sie spielen jetzt den Stummen,« entgegnete der Capitalist. »Fahren Sie doch fort, Vater Savenay, Ihr junges Mädchen interessirt mich.« – Sie verdient es, mein werther Herr! Dieses arme Kind hat also ihre Oheime in Paris nicht entdecken können. Aber, und darum gerade bin ich gekommen, einer der Beiden wohnte, wie man sie versichert hatte, in diesem Hause; sie kam deßhalb hierher, erkundigte sich jedoch vergeblich nach Herrn Nicolaus Gogo, denn Gogo heißen ihre Oheime.« – »Gogo! Ei! welch' drolliger Name!« rief Herr Cendrillon, aus vollem Halse lachend, aus.

Aber während der dicke Herr lachte, war Madame St. Godibert in einen Lehnstuhl gesunken und hielt sich ein Riechfläschchen unter die Nase, indem sie stöhnte: »Ach! das Gas macht mir unwohl!« – »Das Gas?« sagte Herr Roquet, indem er sich nach allen Seiten im Salon umsah. »Das ist sonderbar! ... ich sehe doch keines; ah, das muß wahrscheinlich von Außen kommen.«

Herr Mondigo und sein Bruder haben einander gegenseitig einen Blick zugeworfen, in dem sich beinahe Entsetzen malte, und Friedrich machte eine Bewegung, als ob er sprechen wollte; als er aber im Begriffe stand, den Mund zu öffnen, hielt ihn sein Oheim St. Godibert zurück, nahm ihn am Arme und raunte ihm schnell in's Ohr: »Schweig', ich bitte Dich, ich leihe Dir diesen Abend die fünfhundert Franken, die ich Dir abgeschlagen hatte.«

Was Julian betrifft, so malte sich in seinen Zügen wohl ein Anflug von Erstaunen, als er den wahren Namen seines Vaters aussprechen hörte; aber er fiel gleich wieder in sein dumpfes Hinbrüten zurück, indem er fortwährend den Kopf auf seine Brust herabsinken ließ und sich hinter Madame Marmodin hielt, als ob er den Blicken des Greises, der mitten im Saale war, hätte ausweichen wollen.

»Ja, die Oheime dieses jungen Mädchens heißen Gogo,« fuhr der alte Savenay fort, »und da Herr St. Godibert in diesem Hause wohnt, welches man dem armen Kind als die Wohnung des einen derselben bezeichnet hatte, so verfiel ich dadurch auf den Gedanken, bei ihm anzufragen, ob er vielleicht einen dieser Herren Gogo, die wir nirgends entdecken können, gekannt habe. Dabei erinnerte ich mich an den Brief, welchen Herr Cendrillon mir an Herrn St. Godibert zu geben die Güte gehabt hatte, und hoffte mich desselben als einer Empfehlung zu bedienen; deßhalb erlaubte ich mir heute Abend, den Herrn zu belästigen. Ich wäre sehr glücklich, wenn er uns irgend einen Aufschluß ertheilen könnte, der uns auf die Spur eines der Herren Gogo leiten würde, welche wir vergeblich in ganz Paris suchen.« – »Ich kenne dieselben nicht, mein werther Herr,« antwortete Herr St. Gobibert, indem er sich schnäuzte, um seine Schamröthe zu verbergen; »ich habe nie von ihnen reden hören. Ich bedaure sehr, Ihnen in dieser Hinsicht nicht nützlich sein zu können, aber ich werde an Sie denken, Herr Savenay ... o! ich verspreche Ihnen, mein Möglichstes zu thun, um für Sie einen Platz, eine Anstellung, etwas Einträgliches zu finden.« – »Sehr verbunden, mein Herr. Nun aber, da Sie mir nicht zur Auffindung der Oheime meines jungen Mädchens helfen können, so bleibt mir nichts mehr übrig, als zu gehen und Sie wegen der Störung die ich Ihnen verursacht, sehr um Verzeihung zu bitten.« – »Wie, Sie wollen schon fort, Vater Savenay?« rief Herr Cendrillon aus, während St. Godibert, hocherfreut, den alten Mann sich entfernen zu sehen, ihn schon bis zur Thüre begleitete. – »Ja, Herr Cendrillon, ich kehre nach Hause zurück.« – »Gut! doch bevor Sie gehen, lassen Sie uns Ihre Adresse da, damit ich jetzt weiß, wo ich Sie finden kann, mein alter Freund! denn ich werde Sie besuchen, so wahr ich lebe! O! ich will Sie nicht noch, einmal verlieren!« – »Sie sind sehr gütig, mein werther Herr: ich wohne in der Huchettestraße, ganz nahe an der alten Boucleriestraße, im Hause des Töpferwaarenhändlers.« – »Schön, Vater Savenay, ich werde es nicht vergessen.« – »Und ich eben so wenig,« dachte Friedrich.

»Sie werden von mir hören,« fügte Herr Cendrillon bei, »weil ich nicht will, daß Sie in Ihrem Alter von leeren Versprechungen zehren, sondern Ihr gesichertes gutes Auskommen haben sollen.« – »In der Huchettestraße wohnen!« murmelte Roquet, indem er der Madame St. Godibert zulächelte, »dort kann man sich das schönste Nervenfieber holen.«

Aber gegen seine Erwartung antwortete ihm die Hausherrin nichts. Beharrlich folgte sie dem alten Manne mit den Augen und wartete, bis er aus ihrem Hause war, um wieder frei aufzuathmen.

»Meine Herren, meine Damen und die werthe Gesellschaft, ich habe die Ehre, Ihnen einen guten Abend zu wünschen,« sagte der Vater Savenay, sich dem ganzen Zirkel empfehlend.

Julian hielt sich beständig hinter Madame Marmodin und bückte den Kopf, als der Greis an ihm vorüberging. Auch der Schriftsteller wendete sich ab, als ob er sich seines Betragens schämte. Herr St. Godibert drängte den guten Mann fortwährend nach der Thüre, und Friedrich folgte ihm teilnehmend mit den Augen.

Endlich war der Vater Savenay aus dem Saal hinaus, aber Herr St. Godibert begleitete ihn bis zur Gangthüre, um gewiß zu sein, daß er nicht mehr in seiner Wohnung war.

Während dessen hatte sich Friedrich an seinen Vetter gemacht und flüsterte ihm zu: »Das junge Mädchen, von welchem dieser Greis sprach, ist unsere hübsche Rosa-Maria, deren Geliebter Richard gewesen zu sein behauptete ... es ist unser Bäschen.« – Ja, ja, ich weiß es wohl. – »Dein Vater weiß gleichfalls gut, daß es seine Nichte ist ... Mondigo weiß es nicht minder, und dennoch haben sie es nicht gesagt. Lieber verlassen sie dieses arme Mädchen, als daß sie sich als die Gogos, die man sucht, zu erkennen geben! Weißt Du, daß das unwürdig ist? ... Wie! Du antwortest nicht? Guter Gott! wie blaß, wie verstört siehst Du aus ... fürchtest Du Dich auch, zuzugestehen, daß Du ein Gogo bist?« – Nein, das nicht, aber ich war so erschüttert ... ich fühlte mich so unbehaglich. – »Nun, sei nur ruhig! Ich weiß, was mir zu thun obliegt.« – Was ist denn Dein Plan? – »Zuerst genau zu erfahren, was meiner Base seit ihrer Anwesenheit in Paris begegnet ist; mich zu vergewissern, ob Richard sie nicht verleumdet hat; und im Fall, daß Rosa-Maria ein anständiges und tugendhaftes Mädchen ist, wie sie zu sein schien, die Herren Gogo, so leid es mir auch thut, zu nöthigen, ihre hübsche kleine Nichte aufzunehmen, und nicht bei dem armen Greise zu lassen.« – »Wie, Du wolltest? ...«

Friedrich antwortete seinem Vetter nicht mehr; er war aufgestanden und zu dem Spieltisch getreten, um seinen Freund Richard zu betrachten, der ein sonderbares Gesicht machte; in diesem Augenblick setzte Cendrillon all sein Geld.

»Ich halte!« rief Dernesty, seine Karte umschlagend.

»Ei, sieh' da!« sagte der dicke Capitalist, Dernesty scharf ansehend, »jetzt spielen Sie nicht mehr den Stummen: Sie sind also wieder zu Stimme gekommen?«

Der junge Mann antwortete nichts. Herr St. Gobibert kehrte jetzt mit ganz vergnügter Miene, sich die Hände reibend, in den Salon zurück; er nickte seinem Bruder zu und setzte sich neben seine Frau, der er in's Ohr sagte: »Fort ist er! wir sind seiner los und er vermuthet nichts.«

»Ach Gott!« erwiederte Angelika, »diese Geschichte hat mich ganz in Gährung gebracht; ich muß so gelb sein wie eine Quitte.«

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