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Die Familie Gogo

Charles Paul de Kock: Die Familie Gogo - Kapitel 24
Quellenangabe
pfad/kock/famigogo/famigogo.xml
typefiction
authorPaul de Kock
titleDie Familie Gogo
publisherRieger'sche Verlagsbuchhandlung
printrunDritte Auflage
year1861
translatorHeinrich Elsner
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Dreiundzwanzigstes Kapitel.

Das verborgene Bild

In einem jener hübschen Häuser, welche man noch nicht lange in der Straße Notre-Dame de Lorette gebaut hat, befindet sich im letzten Stock, der nicht hoch oben ist, ein sehr schönes Maleratelier. Dieses Atelier, das geräumig genug ist, um Landschaften von bedeutender Größe zu fassen, ist mit jenem Geschmack und jener Originalität verziert, welche die Künstler und besonders die Maler in Alles zu bringen wissen. Es ist indessen gänzlich ohne Pracht und kündigt keineswegs einen Mann an, dessen Pinselstriche mit Gold bezahlt werden; dagegen sieht man zahlreiche Studien, Skizzen, flüchtige Entwürfe und in alle dem Talent, Glut und Erfindung.

Hier arbeitet Leopold Bercourt, der junge Mann, den wir im Walde von Fontainebleau gesehen, wo er, während er hauptsächlich pittoreske Gegenden abzeichnete, auch Rosa-Maria's Bildniß malte. Aber bei ihrer letzten Sitzung hatte der junge Künstler seinem hübschen Modell gesagt, daß er, ehe ein Monat verfließen würde, in das Dorf Avon kommen werde, um sie daselbst wiederzusehen und die Bekanntschaft ihres Vaters zu machen. Indeß hatte das junge Mädchen mehr als zwei Monate nach dieser Unterredung ihr Dorf verlassen, und Der, den sie stets wiederzusehen hoffte, war nicht wieder gekommen, wie er versprochen hatte.

Hatte Leopold wie die meisten jungen Leute sein Versprechen vergessen, als er von dem lieblichen Kinde entfernt war, welches ihm erlaubt hatte, ihr reizendes Gesicht abzuzeichnen? Nein, dem war nicht so. Aber die Dinge gehen nicht immer, wie wir hoffen, und die einfachste Sache genügt oft, um eine ganze Reihenfolge von Plänen und Entwürfen für die Zukunft zu stören.

Ungefähr vier Wochen nach seiner Rückkehr nach Paris, eben als der junge Maler Anstalten traf, nach Fontainebleau abzureisen, hatte er, als er auf der Straße ging, einen Schlag am Fuße gespürt, dann einen sehr lebhaften Schmerz, und endlich war es ihm unmöglich geworden, seine Ferse auf den Boden zu setzen und weiter zu gehen.

Leopold hatte sich umgekehrt und rings umher geschaut, um zu erforschen, woher ihm der vermeintliche Schlag gekommen sein könnte, aber es ging eben jetzt Niemand in seiner Nähe vorüber und somit konnte er auch von Niemand gestoßen worden sein. Er hatte keinen Schlag erhalten, keinen Sturz und keinen falschen Tritt gethan und dennoch war er auf einmal hinkend geworden.

Das ist einer der tausend Unfälle, welchen unsere gebrechliche Natur unterworfen ist, und wogegen alle Vorsichtsmaßregeln unnütz sind. Leopold hatte, was man im gemeinen Leben einen Hexenschuß heißt, bekommen. Ein solcher Anfall stößt Einem öfters in einem Augenblick zu, wo man sich am wenigsten desselben versieht, bisweilen, wenn man gerade zu einem Mittagessen, zu dem man geladen, gehen, oder sich auf den Ball begeben will. Er ist nicht gefährlich, aber sehr schmerzhaft. Sodann fesselt er einen bald vierzehn Tage, bald vier Wochen an seinen Stuhl. Leopold, der zu bald wieder hatte gehen wollen, in der Hoffnung, seine Heilung zu beschleunigen, hatte diese im Gegentheil dadurch verzögert, und darum war er vor Rosa-Marias Abreise in die Hauptstadt nicht mehr im Dorfe Avon erschienen.

Kaum endlich hatte er den Gebrauch seines Beines wieder erlangt, so fuhr er mit der Eisenbahn nach Corbeil und von da mit dem Postwagen nach Fontainebleau, von wo er sich zu Fuß ins Dorf begab, indem er bereits sein Herz mächtig schlagen fühlte bei dem Gedanken, bald sein hinreißendes Modell wieder zu sehen.

»Sie denkt vielleicht, ich habe sie vergessen!« sagte der junge Maler unterwegs zu sich. »Die Zeit, binnen welcher ich zurückzukehren versprach, ist seit mehr als einem Monat verflossen ... aber ich werde ihr den Unfall, der mir begegnet, erzählen, und sie wird mir glauben, denn sie muß mir an den Augen ansehen, daß ich nicht aufgehört habe, sie zu lieben, und mein einziger Wunsch ist, meine Tage mit ihr zu verleben.«

Bald war Leopold an den ersten Häusern des Dorfes angekommen, dann hatte er seinen schnellen Gang gemäßigt, und darauf, sich ganz bewegt und verwirrt fühlend, einen Augenblick unter einem Baum ausgeruht und folgende Erwägung gepflogen: »Wenn ihr Vater mich nicht gut aufnähme ... wenn er böse würde, daß ich ohne seine Erlaubniß Bekanntschaft mit Rosa-Maria angeknüpft habe! ... Doch nein, Muth! Sie hat mir gesagt, ihr Vater sei gut, er liebe sie zärtlich. Ich werde zu Herrn Hieronymus sagen, daß meine Absichten ehrlich sind, daß mein Vater, der Vertrauen in mich setzt, mir hundertmal versichert hat, er werde mir niemals in der Wahl einer Gattin hinderlich sein, selbst wenn sie kein Vermögen habe ... und zudem wird sie ja da sein ... und ihren Vater zu meinen Gunsten stimmen ... ich müßte mich denn getäuscht haben ... und sie mich nicht lieben ... oder mit einem andern Manne bekannt geworden sein, der ihr gefallen! ... Aber nein! ich habe Unrecht, mir Unruhe zu machen ... Muth also! stellen wir uns vor; aber fragen wir erst, wo Herrn Hieronymus Gogo's Wohnung ist.«

Ein junges Bauernmädchen ging vorüber. Leopold sprach sie an; »Jungfer, kennen Sie in diesem Dorfe den Landwirth Hieronymus Gogo?« – Ja, Herr, ich kenn' ihn recht gut ... potz Kuckuk! er war erst gestern Abend noch bei uns. – »Könnten Sie mir seine Wohnung bezeichnen?« – Ja, Herr, ganz leicht; Sie sind gar nicht weit davon. Sehen Sie, gehen Sie die erste Gasse da links, dann am Ende, beim Eingang in die Hauptstraße, werden Sie ein schönes Haus mit grün angestrichenen Läden sehen ... es ist leicht zu kennen ... es gibt keine andern grünen Läden in der Straße ... da ist es. – »Schönen Dank, Jungfer.«

Leopold setzte sich wieder in Marsch. Bald bemerkte er das Haus mit den grünen Läden, und während er sich demselben näherte, richtete er seine Blicke auf die Fenster dieses Hauses. Er hoffte Rosa-Maria's hübsches Profil hinter den Scheiben eines der Kreuzstöcke zu entdecken; aber er sah Niemand. Bald steht er an der Hausthüre; sie ist halb offen und kurz darnach erscheint eine ältere Frau auf der Thürschwelle. Es ist Maria, welche vor der Thüre ein wenig Luft schöpfen und mit einigen Nachbarinnen plaudern will.

»Ist hier ... das Haus des Herrn Hieronymus Gogo?« fragt Leopold mit angegriffener Stimme.

»Ja, mein Herr,« antwortet Marie, indem sie den jungen Mann neugierig von oben bis unten prüft.

»Ist Ihr Herr zu Hause?« – Nein, mein Herr: unser Herr ist mit Mist auf seinen großen Acker gefahren, wo er Kartoffeln gesteckt hat. Er wird erst spät am Abend zurückkommen. – »Wollen Sie mich dann bei Fräulein Rosa-Maria einführen? ... Sagen Sie ihr nur, Jemand aus Paris wünsche sie zu sprechen ... sie weiß dann schon wer.«

Die Magd betrachtete unsern Mann mit noch mehr Neugierde und antwortete: »Mamsell Rös ... die Tochter unseres Meisters?« – Ei freilich ... ist sie auch abwesend? – »O! glaub's wohl! ... Aber die wird nicht so bald zurückkehren.« – Wie! was soll das heißen? – »Daß Mamsell Rös nicht mehr hier ist, daß ihr Vater sie nach Paris zu ihren Oheimen geschickt hat ...« – Sie ist nicht mehr im Hause ihres Vaters! Wär' es möglich! – »Ja, mein Herr: seit vier Tagen ist die Mamsell abgereist.« – Seit vier Tagen ... und wie! sie ist fort ... nach Paris? – »Ja, mein Herr, zu ihren Oheimen Gogo!« – Und sie ist allein abgereist, das Fräulein Rosa? – »O! ihr Vater hat sie bis Fontainebleau begleitet und in den Postwagen von Corbeil gebracht; hernach wird die Mamsell auf die Eisenbahn gesessen sein, es geht jetzt so schnell!«

Leopold war von dem eben Gehörten wie niedergeschmettert. Schon glaubte er den Augenblick gekommen, wo er Rosa-Maria wieder sehen würde, schon war er glücklich in der Hoffnung, aber was man ihm eben gesagt, hat das ganze Glück, das er zu kosten hoffte, verscheucht. Er bleibt unbeweglich vor Marie stehen, sein Kopf ist auf seine Brust herabgesunken und er weiß weder was er sagen, noch was er thun soll.

Als Marie sieht, daß der junge Mann stumm vor ihr stehen bleibt, ruft sie nach einigen Augenblicken aus: »Aber, mein Herr, deßhalb können Sie dennoch in unser Haus treten, ausruhen und die Rückkehr unseres Herrn, mit dem Sie sprechen wollten, abwarten.« – Nein, das ist jetzt unnöthig!« antwortete Leopold traurig. »Ich brauche Herrn Hieronymus nicht mehr zu sehen. – »Ah! das ist etwas Anderes! Der Herr kannte also nur die Mamsell?« – Ja, das heißt ... ich wollte ... sie sollte mich ihrem Vater vorstellen, aber da sie nach Paris abgereist ist, so wird sie doch so bald nicht wieder heimkommen. – »Glaube nicht, Herr, da Mamsell Rös zu ihren Oheimen gegangen ist, so wird sie wohl dort bleiben, sich dort niederlassen.« – Sich niederlassen, wie? Soll sie denn einen Mann nehmen. – »Meiner Treu', Herr, das weiß ich nicht, aber wenn sich dort eine gute Partie für sie fände, warum sollte man sie nicht verheirathen, das junge Blut? Sie ist schön genug dazu!« – Hat ihr Vater sie in dieser Absicht nach Paris geschickt? – »Wohl möglich; indeß kann ich darüber nichts sagen, aber ich glaube, Mamsell langweilte sich auf dem Dorfe und ihr Vater, der sie sehr liebt, hat gedacht, sie würde sich in Paris mehr verlustiren.« – Ah! sie langweilte sich? Dann wird sie nicht zurückkommen. – »Im Gegentheil, Herr Hieronymus sagte noch diesen Morgen: »›O! sobald ich Nachrichten von meiner Tochter habe und weiß, bei welchem meiner Brüder sie wohnt, werde ich nach Paris abreisen, um sie zu küssen.‹« – Er hat also noch keine Nachrichten von ihr erhalten, seit sie weg ist? – »Nein noch nicht, mein Herr.« – Und hat Fräulein Rosa bei ihrer Abreise nichts gesagt, um ... nichts hinterlassen ... für den Fall, daß ... – »Um ... für den Fall, daß ... Ich verstehe nicht, was der Herr sagen will. Aber ohne Neugierde gefragt, woher kennt denn der Herr Mamsell Rös? Er war doch nie bei uns, Sie müssen also in Fontainebleau bei Frau Dumon ihre Bekanntschaft gemacht haben?« – Ja ... ja ... nämlich ... ich empfehle mich Madame; Wenn sie zurückkehrt ... so können Sie ihr sagen ... doch das ist überflüssig, weil sie nicht zurückkehren wird.«

Und der junge Maler hatte sich eilenden Schrittes entfernt, die alte Marie in äußerster Neugierde hinsichtlich seiner und der Art und Weise, wie er mit ihres Herrn Tochter Bekanntschaft gemacht, zurücklassend.

Leopold hatte sogleich den Weg nach Paris wieder eingeschlagen, aber in einer ganz verschiedenen Gemüthsstimmung von der, in welcher er diese Reise unternommen. Er kehrte zurück, ohne Rosa-Maria gesehen zu haben, und was ihn besonders in Verzweiflung setzte, war, daß er nicht wußte, wo er sie wieder sehen könnte. Und da die Verliebten gleich bereit sind, sich tausend Qualen in den Kopf zu setzen, besonders wenn der Gegenstand ihrer Leidenschaft nicht in der Nähe ist, um sie mit einem Lächeln oder mit einem Worte zu beruhigen, so dachte er: – »Sie liebt mich nicht mehr ... sie denkt nicht mehr an mich ... darum wollte sie nach Paris gehen. Sie wußte wohl, daß ich wiederkommen würde, sie zu besuchen; sie mußte doch wohl denken, daß nur ein unvorhergesehenes Hinderniß mich zurückhalten konnte, daß ich aber mein Versprechen halten würde ... Indem sie sich entfernte, bedeutet das nicht so viel als, sie will mich nicht wiedersehen? Hätte sie doch wenigstens von mir gesprochen ... mit dieser Magd ... aber nichts, nicht eine Silbe! ... Man sah ganz erstaunt über meinen Besuch aus, man betrachtete mich mit Mißtrauen! Ha! sie hat niemals von mir geredet. Mit Unrecht hoffte ich, dieses junge Mädchen habe Anhänglichkeit an mich! Sie zog es vor, zu ihrer Belustigung nach Paris zu reisen! Wenn ich ihr dort nur wenigstens begegnen könnte, aber wo? ... bei wem? ... O! ich bin ein Thor, daß ich sie liebe, ich muß dieses Mädchen vergessen.«

Aber sobald er nach Paris kam, war es Leopolds erste Sorge, in Theatern, auf Spazierplätzen und an öffentlichen Orten umherzulaufen, in der Hoffnung, Rosa-Maria daselbst zu begegnen. Bei allen seinen Bekannten erkundigte er sich, ob man die Herren Gogo kenne? und da das junge Mädchen ihm gesagt hatte, einer ihrer Oheime mache Theaterstücke, so las er alle Tage, die Gott gab, die Theaterankündigungen durch, und suchte unter jedem Stück den Namen Gogo, was ihn auf die Fährte des Verfassers gebracht hätte. Aber nichts, gar nichts war ihm gelungen: er hatte nichts über das schöne Waldmädchen erfahren, und darum war er so traurig, so träumerisch in seinem Atelier.

In einer Art Nische dieses Gemaches bemerkte man einen großen grünen Vorhang, der oben an einer Stange befestigt und unten mit Bändern zugeknüpft war. Dieser Vorhang verbarg Rosa-Maria's Portrait. Obgleich das junge Mädchen nur in halber Lebensgröße dargestellt war, so war doch ihr Gesicht so sprechend ähnlich, daß Jeder, der sie zuvor gesehen, sie wieder erkennen mußte. Nach seiner Rückkehr von Fontainebleau hatte Leopold dieses Gemälde seinem Vater gezeigt und war von diesem über die Ausführung und über die Schönheit seines Modells belobt worden. Der junge Maler hatte eine Geschichte ersonnen und ausgesagt: er habe das Portrait eines jungen Mädchens, das er oft auf dem Felde gesehen, gemalt, ohne daß sie es vermuthete. Hernach aber, da er nicht wollte, daß Rosa-Maria's reizende Züge Jedem, der sein Atelier besuchte, preisgegeben wären, hatte er das Gemälde sorgfältig unter einem dichten, an beiden untern Ecken zusammengebundenen Vorhang verborgen. Wenn ihn Kameraden, Freunde oder Dilettanten fragten, was hinter dem Vorhang sei, so antwortete er kurzweg, es sei die Skizze eines Gemäldes, das er auszuführen gedenke, das er aber nicht sehen lassen wolle, aus Furcht, man möchte sich seiner Idee bemächtigen. Diese Antwort hielt in der Regel Jeden ab, weiter in ihn zu dringen.

Wenn er aber allein war, wenn er Niemand mehr erwartete, mit welchem Vergnügen zog dann der junge Maler den Vorhang weg, der ihm Rosa-Maria's Züge verbarg, und stellte sich vor dieses geliebte Bild, das er lange traurig, doch voll Liebe betrachtete! Dann glaubte er noch in dem Walde, noch bei dem jungen Mädchen zu sein: er bildete sich ein, ihre sanfte Stimme klinge noch in seinem Ohr; er sprach zu ihr, als ob sie ihn hören könnte! Dieses Glück war nur eine Täuschung, eine Chimäre; aber es ließ ihn einige Augenblicke seinen Kummer vergessen.

Leopold hatte eben den grünen Vorhang weggezogen; er stand in Betrachtung versunken vor dem Bilde Rosa-Maria's und seufzte, während er dachte: »Werde ich ihr denn niemals begegnen können? Sie ist in Paris; aber was thut sie? Wenn ich nur wenigstens hoffen dürfte, daß sie an mich denkt.«

Ein leises Klopfen an die Thüre des Ateliers reißt den jungen Maler aus seinen Träumereien. Er beeilt sich, den Vorhang zu schließen, ihn sorgfältig zuzubinden; dann geht er, die Thüre nach dem Gange zu öffnen, deren Schlüssel er immer vorsichtig abzieht, wenn er das Portrait seiner Geliebten ansehen will.

»Ah, es ist Herr Dernesty!« ruft Leopold, als er seinen Besucher sieht.

Der Stutzer, der jetzt im Morgennégligé, aber immer mit Geschmack, mit Sorgfalt gekleidet ist und im Nothfall zu einem Kupferstich im Modejournal sitzen könnte, tritt in das Atelier mit dem Ausruf: »Wie! mein theurer Herr Leopold, Sie lassen nicht einmal den Schlüssel in der Thüre Ihres Ateliers, damit man, ohne Sie zu stören, eintreten kann? ... Schon dachte ich, Sie seien nicht zu Hause oder hätten ein Modell bei sich, das Sie nicht sehen lassen wollten; man behauptet, die Herren Maler hätten bisweilen so hübsche Modelle, daß sie solche den Augen ihrer Kunstgenossen möglichst zu entziehen suchen.«

Mit diesen Worten hatte sich Herr Dernesty auf einen Divan geworfen, wo er es sich auf gut türkisch bequem machte.

»Sie sehen, daß kein Modell bei mir war,« sagte Leopold niedersitzend, »aber ich las, und wenn ich in einer interessanten Lektüre bin, so mag ich es nicht gern leiden, daß man hier ohne meinen besondern Willen eintritt.« – Also habe ich Sie gestört? – »Durchaus nicht, sonst hätte ich nicht geöffnet.« – Sie haben hier sehr hübsche Sachen.«

Dernesty zog seine Lorgnette heraus und musterte das Atelier. Beim Erblicken des grünen Vorhangs rief er: »Was ist denn hinter diesem Vorhang verborgen?« – O! nichts Interessantes,« antwortete Leopold mit gleichgültiger Miene. »Ein leichter, noch nicht vollendeter Umriß ... ich wünsche nicht, daß man ihn sehe, bis ich meine Idee ganz ausgeführt habe. – »Ah so! ... Nun mein theurer Maler, muß ich Ihnen den Beweggrund, der mich zu Ihnen führt, mittheilen: erstens das Vergnügen, Sie zu sehen, das versteht sich von selbst; Sie sind ein Talent, ein großes Talent! Und so bescheiden, fast zu bescheiden! O! diesen Fehler sollten Sie ablegen, ich versichere Sie, er schadet Jedermann, aber am meisten den Künstlern.« – Meinen Sie? – »Im vollen Ernst! Wie Teufels soll man denn in diesem Zeitalter des Ausposaunens, der Puffe, der Anzeigen, der Aufschneiderei aller Art, denn das ist der wahre Ausdruck! ... wo Jeder sich in die Höhe treiben will wie Champagner! wie soll man auf Sie aufmerksam werden, Sie kennen lernen, wenn Sie ruhig in Ihrer Ecke sitzen bleiben?« – Ich dachte, das Haupterforderniß, um bekannt zu werden, sei das Schaffen guter Werke! – »Wie unschuldig Sie sind! Bei einem Maler setzt mich das in Erstaunen! Alle Wetter! wenn einmal Ihr Ruf gemacht ist, wenn Sie einen berühmten Namen haben, dann seien Sie bescheiden, so lange Sie wollen, das wird Ihnen noch weitere Complimente eintragen; aber bis dahin schlagen Sie Lärm! machen Sie Krawall! Drängen Sie sich vor! ... das führt zum Zweck. Alles Das sagte ich neulich in Betreff Ihrer zu Frau von Armenville, bei der ich das Vergnügen hatte, Ihre Bekanntschaft zu machen; allein man hat Sie schon lange nicht mehr dort gesehen.« – Ich hatte ein Fußleiden, einen Hexenschuß! und dann gehe ich überhaupt wenig in Gesellschaft. – »Abermals mit Unrecht: ein Künstler muß sich in der Welt zeigen. Potz tausend! wenn wir uns einmal besser kennen, will ich Sie vorstellen, poussiren; ... ich komme in die glänzendsten Gesellschaften und habe die schönsten Bekanntschaften; ich werde Sie überall einführen.«

Leopold begnügte sich mit einer Verbeugung; die Anträge des Herrn Dernesty schienen ihn nicht sehr anzulocken. Dieser indeß, der ganz die Miene und den Ton eines mächtigen Beschützers annahm, legte sich halb auf den Divan zurück und fuhr fort: »Also denn, mein junger Freund, ich nenne Sie so ... weil ich wenigstens fünf bis sechs Jahre älter bin als Sie und besonders eine große Welterfahrung besitze! ich will Ihr Mäcen sein, und um den Anfang zu machen ... à propos vor Allem, man darf doch hier rauchen, nicht wahr?« – Ei, gewiß! wünschen Sie Cigarren? – »Danke, ich habe Cigaretten, ich liebe das mehr ... lassen Sie mich nur anzünden.« – Hier sind Zündhölzchen. – »Sehr verbunden.«

Dernesty hat aus seinem Etui eine duftende Cigarette gezogen, die er anzündet, und dann schmauchend fortfährt: »Wir sagten also, um einen Maler ins Renommée zu bringen, müsse man Porträts oder Gemälde bei ihm bestellen ... nun habe ich bei Frau von Armenville jene hübsche Landschaft gesehen, worin Sie diese Dame und ihre Schwester in ganzer Figur und in halber Lebensgröße darstellten; ich fand das reizend, hinreißend; die Gesichter sind vollkommen getroffen, was sehr schwer ist, wenn man nicht ganz Lebensgröße nimmt. Ferner sind die Personen am rechten Platze angebracht; sie verbinden sich schön mit der Landschaft, so daß es nicht mehr bloß zwei Porträts sind, sondern eine köstliche Naturscene, was ich besonders liebe. Ich wünschte also das Porträt einer Dame, einer mir sehr theuern Dame, mit einem hübschen landschaftlichen Hintergrunde, in ganzer Figur, aber im Kleinen ... sehen Sie ... etwa wie dieser Jüngling dort, hm! Das ist übrigens doch ein wenig zu klein.« – Wir können es etwas größer machen,« sagte Leopold, »ich verstehe schon, was Sie wollen. – »Ich muß Ihnen gestehen, daß ich einen meiner Freunde, dessen Meinung ich vernehmen wollte, auf diesen Morgen in Ihr Atelier bestellt habe; es kommt Ihnen doch nicht ungelegen?« – Keineswegs; ist dieser Freund ein Maler? – »Nein, aber er hat viel Geschmack ... er kennt unendlich viele hübsche Damen, Modeschönheiten; er könnte Ihnen auch viele Bestellungen verschaffen. Sie kennen ihn vielleicht dem Namen nach; es ist Herr Friedrich Reyval.« – Friedrich Reyval? Nein, ich glaube nicht, ihm je begegnet zu sein. – »Der Neffe des Herrn St. Godibert, eines reichen Banquiers, der schöne Abendgesellschaften gibt und sehr fein traktirt, in der That!« – Ich kenne diesen eben so wenig. – »Ach! Sie kennen aber auch gar Niemand! Das heiße ich leben wie ein Bär, wenn man nicht unter die Leute geht! Aber ich will Sie von diesem verkehrten Leben abbringen. Mein lieber Freund, die Dame, welche Sie malen sollen, ist reizend! eine Blondine ... o, aber vom reinsten Blond, einem Blond, das weder gelb noch roth ist! Eine Haut von blendender Weiße, sehr schmachtende, sehr duftige blaue Augen. Ueber den Preis Ihres Gemäldes rede ich nicht mit Ihnen; ich markte nicht mit Künstlern ... Pfui! Sie sagen mir, was Sie verlangen, und dabei hat es sein Bewenden.« – O! mein Herr, ich werde Ihre Großmuth nicht mißbrauchen. – »Mein Theurer, das Talent ist unbezahlbar.« – Muß ich zu dieser Dame ins Haus gehen? – »Nicht doch, potz Kuckuk! das kann nicht sein! ... Sie wird hieher kommen ... sie wird sogar geheimnißvoll kommen! ... Unter uns: es ist eine Liebschaft, die geheim bleiben muß ... Sie verstehen wohl! ... Uebrigens werde ich Ihnen nächster Tage die ganze Geschichte erzählen.« – Ich verlange keine Mittheilung von Ihnen, mein Herr, und versichere Sie zum Voraus, daß ich fremde Geheimnisse zu achten weiß. – »Ja, aber unter jungen Leuten erzählt man sich solche Dinge ... wenn nur die Ehemänner nichts erfahren! ... Ach! ach! die armen Ehemänner! Ich kenne eine Dame, welche den ihrigen Knecht Ruprecht nennt; diese kleine Dame ist gleichfalls sehr niedlich, und wenn ich einmal nicht mehr in meine Blondine verliebt bin, werde ich mein Augenmerk auf sie richten.«

Ein leises Klopfen an der Thüre des Ateliers unterbricht den Schwätzer.

»Herein!« ruft Leopold, »der Schlüssel steckt.« – Ohne Zweifel ist es Friedrich,« antwortet Dernesty.

Aber anstatt Friedrichs tritt eine Haushälterin in das Atelier. Bei ihrem Anblick steht der junge Maler schnell auf und sagt: »Ihr seid es, Catharine? Sollte mein Vater unwohl sein?« – Nein, Herr, aber ein alter Freund Ihres Herrn Vaters ist bei uns, der Sie gerne sprechen möchte, und nicht so weit heraufsteigen kann, weil er die Gicht hat. Der Herr läßt fragen, ob Sie nicht einen Augenblick kommen könnten? – »Mein Vater wohnt hier in der Nähe, in der St. Georgsstraße. Erlauben Sie mir, dorthin zu gehen? ... Ich werde nicht lange wegbleiben,« sagte Leopold zu Dernesty gewendet.

»Gehen Sie, mein junger Künstler, gehen Sie, geniren Sie sich nicht ... ich habe keine Eile; meine Tasche ist voll von Cigaretten! ... Aber Sie erlauben mir, hier meinen Freund zu erwarten, dem ich ein Stelldichein gegeben.« – Gewiß, mein Herr ... ich wiederhole, daß ich mich beeilen werde. – »Noch einmal, lassen Sie sich Zeit! ... Ich befinde mich sehr gut auf diesem Divan. Ich bitte Sie, Ihre Geschäfte abzumachen, als ob ich nicht hier wäre.«

Leopold nimmt seinen Hut, zieht einen Rock statt seiner Atelierblouse an und geht dann, nachdem er Dernesty gegrüßt, mit der Haushälterin weg.

Der Stutzer nimmt eine neue Cigarette aus seinem Etui, die er anzündet und in den Mund steckt. Er legt sich beinahe in ganzer Länge auf den Divan, läßt dann seine Augen in dem Atelier umherlaufen und murmelt: »Es ist sehr armselig hier ... keine Eleganz, kein Comfort! Talent haben und doch kein Glück zu machen wissen, wie einfältig! Der arme Junge hat, glaube ich, seinen ganzen Geist im Pinsel ... aber er wird mir ein köstliches Porträt von Clementinen machen ... ha! ha! ich muß lachen! Wenn Friedrich wüßte, daß es seine Tante ist, die ich malen lassen will ... ich glaube übrigens, daß ihm am Ende wenig daran liegt, ob sein Oheim Hörner trägt ... und seinerseits geht er Madame Marmodin stark zu Leibe ... nun, sie ist niedlich ... man kann sich damit zur Noth schon amüsiren, in Erwartung von etwas Besserem. Aber man muß nach anderen Eroberungen streben!«

Das Geräusch von Stimmen, Ausbrüche von lautem Gelächter, welche sich auf der Treppe hören lassen, ziehen die Aufmerksamkeit Dernesty's auf sich, welcher lauscht und dann fortfährt: »Wer mag wohl mit Friedrich kommen? Ich höre seine Stimme und noch andere, die mir nicht fremd sind! ... Holla! he! ihr Herren, hieher ... die mittlere Thüre aufgemacht und herein!«

Die Thüre des Ateliers geht auf und Friedrich mit seinem Vetter Julian und seinem Freund Richard treten ein. Aus dem lärmenden Betragen dieser Herren ist leicht zu errathen, daß sie vom Frühstück kommen und sich dabei nichts haben abgehen lassen.

Als Friedrich den auf dem Divan ausgestreckten Dernesty gewahr wird, fängt er an zu lachen. Dieser lacht ebenfalls und sagt endlich: »Ich erwartete nur Einen, und es kommen Drei! Das ist nicht übel!« – Immer besser, als wenn gar Keiner gekommen wäre! – »Alle Wetter! meine Jungen, ihr habt schlampampt, so viel ich sehe ... aus welcher Restauration kommt ihr?« – Aus dem Café de Paris. – »Nicht übel! wer hat die Zeche bezahlt?« – Wahrhaftig! ich dachte einen Augenblick Niemand. Ich hatte Julian und Richard eingeladen, aber im Augenblick, wo ich die Rechnung zahlen wollte, bemerkte ich, daß meine Börse leer war! ich hatte gestern Abend Alles im Whist verloren ... wir spielten ziemlich hoch, fünf Franken den Fisch. Da sagte ich zu mir: »›Da sieht's gut aus!‹« Denn im Vertrauen auf mich konnten diese Herren möglicher Weise auch ohne Baarschaft gekommen sein. Doch durch eine Fügung der Vorsehung fand Julian noch Geld bei sich! ... Das nenne ich einen werthvollen Vetter! ... Aber er raucht sich gut, dieser scheinheilige Julian! ... Bei seinen Eltern spielt er den Kopfhänger, aber ich gelange successive zu der Ueberzeugung, daß er so wenig taugt wie wir. – »Wo Teufels hast Du uns da hingeführt, Friedrich?« fragte Richard, sich in einen alten Lehnstuhl werfend. »Auf Ehre, meine Herren, ich weiß es selbst nicht; Dernesty hatte mich hieher bestellt und ich dachte: »›Gehen wir Alle zusammen, das wird lustiger sein.‹« – Ah, welche hübsche Gruppe!« ruft der junge Julian aus, indem er vor einem kleinen Bilde: badende Mädchen vorstellend, stehen bleibt. »Das ist zum Entzücken! ... Welches Fleisch, welches Colorit! – »So! so! Julian hält sich bei Nacktheiten auf,« sagte Friedrich, Dernesty's Beine auf den Boden ziehend, um sich gleichfalls auf den Divan setzen zu können. »Vetterchen, sehen Sie solche Dinge nicht an! schlagen Sie die Augen nieder! Sie könnten auf sündhafte Gedanken gerathen.« – Wir sind also in dem Atelier eines Malers?« fiel Richard ein, indem er umherblickte.

»Ah! ihr Herren, Richard fängt jetzt an zu merken, daß er im Zimmer eines Malers ist: viel von ihm! Bis jetzt hatte er ohne Zweifel geglaubt, er sei in einer Weinstube!« – Meiner Treu', das wäre mir auch lieber gewesen. – »Und wo ist denn der Bewohner?« – Er wird gleich kommen. Da er einen Augenblick ausgehen mußte, hat er mir sein Atelier anvertraut ... sehet, dort in dem Kistchen ... neben der Büste Belisars ... gibt es Cigarren. – »Ach! wenn es hier nur auch Modelle gäbe!« murmelte der junge Julian, »zum Beispiel die, welche zu diesen badenden Mädchen gesessen haben.« – Und im nämlichen Costüme, gelt? Ei, seht mir einmal, mein Vetter wird ein vollständiger Roué. – »Und diese Venus ... sehen Sie doch, Richard!«

Richard steht auf und durchgeht mit dem jungen St. Godibert alle Bilder im Atelier. Dernesty und Friedrich strecken sich rauchend auf dem Divan.

Vor dem grünen Vorhang angelangt, ruft Richard aus: »Was ist da drunter?« – Ein unvollendeter Entwurf, wie mir der Maler gesagt hat. – »Gut, aber warum hat er ihn denn so sorgfältig verborgen?« – Künstlereitelkeit! Er will es nicht sehen lassen, bevor es vollendet ist. – »Hm! ... das kommt mir sonderbar vor.« – Ich denke mir,« versetzte der junge Julian, »daß dahinter ein Gemälde steckt ... etwas sehr Freies ... so etwas, was man nicht Jedermanns Blicken aussetzen will, aus Furcht, keusche Augen zu verletzen; er hat sogar den Vorhang unten mit Schnüren zugebunden, damit ihn ja der Wind nicht lüfte. – »Jedenfalls,« sagte Friedrich aufstehend, »muß etwas Interessantes dahinter stecken. Dieser Vorhang erinnert mich an das Kabinet vom Ritter Blaubart!« – Donnerwetter! es wird uns den Kopf nicht kosten, wie Blaubarts Weibern! sehen wir einmal darnach!« rief Richard, indem er eine Schleife aufzumachen begann. – »Thut meinethalben, was ihr wollt,« sagte Dernesty, »ich mache mir nichts daraus ... wenn aber der Maler böse wird?« – So wird er auch wieder gut werden, Künstler sind in der Regel leicht zu versöhnen; jedenfalls wird jetzt der Vorhang weggezogen,« rief Richard und zerrte den Vorhang mit Gewalt auseinander, so daß das hinter demselben befindliche Gemälde offen da hing.

Beim Anblick dieses jungen, auf einem Baumstamme in einem düstern Walde sitzenden Mädchens blieben die jungen Männer, welche alle Viere vor das Gemälde getreten waren, in stummer Bewunderung stehen.

»Welche reizende Kreatur!« rief Dernesty, »wahrlich, Richard, Sie hatten Recht, den Vorhang wegzuziehen ... schwerlich kann man einen schöneren Kopf finden; wenn das Natur ist, so muß ich das Original entdecken.« – Ob es existirt?« sagte Richard, das Porträt immer noch betrachtend; »ja, gewiß, dieses junge Mädchen existirt ... o, ich kenne sie jetzt genau ... sie ist sogar sehr gut getroffen. – »Auch ich kenne sie, diese reizende Person,« sagte Friedrich; »ich weiß sicher, daß ich dieses Gesicht schon irgendwo gesehen habe.« – Ich gleichfalls,« sagte Julian; »es fiel mir sogleich auf ... aber wo habe ich es denn gesehen? – »Auf der Eisenbahn, als wir von Orleans zurückkamen,« sagte Richard; »es ist die junge Person, welche neben Ihnen saß, Julian.« – Ah! ja, ja, so ist es! – »Dieselbe, welcher ich nachgegangen wäre ohne meine empfindsame Irma,« sagte Friedrich. – »Wie, meine Herren, ihr kennet alle Drei dieses hübsche Mädchen?« sprach Dernesty. »Ei! ich will aber gleichfalls ihre Bekanntschaft machen, ich ... nach ihrem Portrait zu urtheilen, muß es wenigstens eine Rosenjungfer sein.« – O! freilich! Nach Richards Versicherung gäbe das eine saubere Rosenjungfer,« sagte Friedrich.

In diesem Augenblick wurde die Thüre des Ateliers rasch aufgemacht und der junge Maler stand bald den Personen gegenüber, die ihn zu besuchen gekommen waren.

Bei Leopolds Anblick waren die jungen Männer einen Augenblick verdutzt; Dernesty hatte sich jedoch wieder umgekehrt und auf dem Divan ausgestreckt, und die drei Andern begrüßten den Künstler, der dies erwiderte, ohne noch die Augen auf den grünen Vorhang geworfen zu haben.

»Ich hatte Ihnen einen Dilettanten angekündigt und es sind Drei gekommen,« sagte Dernesty. »Sie sehen, Herr Leopold, daß ich mehr halte als ich verspreche.« – Ueberfluß schadet nicht,« murmelte Richard vor sich hin.

Leopold wollte eben einige höfliche Worte erwidern, als er den Kopf wendete und das enthüllte Portrait Rosa-Mariens bemerkte. Alsbald erblaßte er, seine Augenbrauen zogen sich zusammen; der liebenswürdige Ausdruck seiner Physiognomie nahm auf der Stelle den Charakter des Ernstes und der Strenge an, er betrachtete die Umstehenden einen nach dem andern und grollte die Worte heraus: »Warum hat man diesen Vorhang weggezogen? ... Ich hatte ihn doch zu sorgfältig verschlossen, als daß mein Wunsch, das Gemälde nicht sehen zu lassen, hätte zweifelhaft bleiben können.« – Verzeihen Sie diesen jungen Thoren,« sagte Dernesty, »sie sind es, die den Schleier zu lüften begehrten; der Teufel der Neugierde trieb sie. Ach! mein lieber Freund, wenn die Männer einmal neugierig werden, so sind sie es so sehr wie die Weiber. Aber im Ganzen genommen dürfen Sie nicht bedauern, daß man dieses geheimnißvolle Gemälde gesehen hat, denn es ist hinreißend und es möchte schwer sein, ein lieblicheres, reizenderes Frauenbild als dieses aufzufinden.«

Leopolds Gesicht klärte sich ein wenig auf und er antwortete: »Dies junge Mädchen scheint Ihnen hübsch, nicht wahr?« – Hübsch! o! sagen Sie: anbetungswürdig! göttlich! – »Und das Beste daran ist noch die vollkommene Aehnlichkeit,« sagte Richard.

Leopold sah Richard mit erstauntem Blicke an. Friedrich fiel ein: »Ja, dies Portrait ist nicht geschmeichelt: das Original ist eben so herrlich.« – Ach! das Original ist eines der reizendsten Wesen, die existiren!« rief Julian aus, indem er das Bildniß des jungen Mädchens mit den Augen verschlang.

Leopold wurde über das, was er hörte, mehr und mehr erstaunt; er ließ seine Blicke abwechselnd auf den drei jungen Männern herumlaufen, als wollte er in ihren Gedanken lesen, dann stammelte er mit von Gemüthsbewegung ergriffener Stimme: »Wie, meine Herren, sollten Sie zufällig das Original dieses Portraits kennen?«

»Ja, wir kennen es,« antwortete Richard mit einem dünkelhaften Lächeln.

»Ich habe allen Grund, zu glauben, daß Sie im Irrthum sind, meine Herren,« entgegnete Leopold. »Das junge Mädchen, dessen Züge ich auf diesem Gemälde dargestellt habe, ist nicht von Paris, sie kommt nicht in die große Welt: sie wohnte mit ihrem Vater auf einem Dorfe. Sie können sie unmöglich gekannt haben.« – Verzeihung, Herr Künstler,« sagte Richard spöttisch, »Alles, was Sie da gesagt haben, hindert nicht, daß dieses hübsche Töchterlein zu unserer Bekanntschaft gehöre und besonders zu der meinigen, denn, was diese beiden Herren betrifft, so haben sie sich wohl mit ihr in einem Wagen befunden ... das ist aber auch Alles; aber bei mir, o! da ist es etwas ganz Anderes.«

Der junge Maler warf auf Richard einen Blick, in welchem schon Eifersucht und Zorn erglänzten; aber indem er die Häßlichkeit dieses Herrn und den widerwärtigen Ausdruck seiner Physiognomie gewahr wurde, schämte er sich beinahe, denselben nur einen Augenblick für seinen Nebenbuhler gehalten zu haben, und sich zur Kaltblütigkeit zwingend, erwiderte er: »Und doch, meine Herren, bin ich noch immer überzeugt, daß ein Mißverständniß obwaltet: oft gleichen mehrere Gesichter einem Portrait.« – Ja,« rief der junge Julian, »aber nicht oft begegnet man einer Schönheit wie dieser! Ah! finde ich sie jemals wieder, so soll sie mir nicht mehr entgehen!«

Leopold biß sich in die Lippen und schleuderte einen Glutblick auf den Jüngling, der eben gesprochen; da er jedoch dessen weintrübe Augen, purpurrothe Wangen und völlig vernachlässigte Haltung bemerkte, suchte er zu lächeln und sagte: »Ich glaube, diese Herren haben gut gefrühstückt; im gegenwärtigen Augenblick haben sie ihre Vernunft nicht ganz bei einander und sehen ohne Zweifel Aehnlichkeiten, welche nur in ihrer Einbildungskraft bestehen.« – Was soll das heißen, mein Herr?« rief Friedrich; »behaupten Sie, wir seien betrunken? Noch einmal, wir kennen dieses junge Mädchen, wir sind dessen gewiß. – »Aber, meine Herren!« sagte Dernesty, der sich auf dem Divan ausgestreckt hatte, »ihr werdet euch doch nicht ereifern, nicht zanken wollen, und weßhalb? ... Ei zum Teufel! so suchet euch doch zuvor gegen einander zu erklären! Ich meinerseits versichere, daß ich der auf diesem Gemälde dargestellten Person niemals begegnet bin. Meine drei Freunde behaupten, sie zu kennen; Sie, mein theurer Leopold, versichern, daß sich dieselben täuschen. Meines Erachtens ist leicht herauszubringen, wer Recht hat. Sagen Sie uns, wer das junge Mädchen ist, das Sie gemalt haben, diese Herren werden dann sagen, wo sie ihr begegnet sind, und wir dann sehen, ob das zusammenstimmt.«

Leopold schwankte einen Augenblick, dann antwortete er: »Wenn ich diesen Herren sagte, wer das junge Mädchen ist, so würde ich ihnen vielleicht erst offenbaren, was sie nicht wissen, aber zu wissen wünschen; sie können sofort von Neuem versichern, daß sie dasselbe kennen, und ich werde doch nicht davon überzeugt sein. Alles, was ich sagen kann, ist, daß die Person, deren Züge ich auf diesem Tuche wiederzugeben suchte, in einem Dorfe nicht weit von Fontainebleau wohnt oder gewohnt hat ... In dem Walde, der die Stadt umgibt, hatte ich das Glück, ihr zu begegnen und wenn Sie, meine Herren, den Wald von Fontainebleau nur einigermaßen kennen, so müssen Sie auch diese wild romantische Gegend, diese Felsen, diese hundertjährigen Eichen wieder erkennen. Das Alles ist an Ort und Stelle aufgenommen, ich habe dieses junge Mädchen in dem Walde gemalt und ...«

Das Geräusch einer umfallenden Staffelei unterbricht Leopold; er wendet sich um und sieht den jungen Julian, dessen Gesicht todtenblaß geworden ist, und der, als er sich plötzlich auf eine Staffelei stützte, dieselbe umgeworfen hat.

»Der Herr scheint unwohl!« ruft Leopold. Alsbald eilen Friedrich, Richard und Dernesty auf den sichtlich schwankenden Julian zu und führen ihn auf den Divan. Leopold öffnet schnell ein Fenster und bringt ein Glas Wasser herbei.

»Was Teufels hast Du denn?« sagte Dernesty. – Offenbar ist ihm das Frühstück übel bekommen,« sagte Friedrich, »er hat sich zu viel zugemuthet! er wollte es mit uns aufnehmen. – »Ja,« spöttelte Richard, »und wenn man so etwas gar nicht gewöhnt ist! O! welche Weibernatur! Ich könnte den ganzen Tag frühstücken und würde nie krank davon werden.« – Hier, mein Herr,« sagte Leopold, »wollen Sie ein Glas Wasser trinken? Wünschen Sie Zucker darin?« Julian warf unsichere, unruhige Blicke rings herum, dann entrang sich ein tiefer Seufzer seiner Brust; er wies das ihm von Leopold angebotene Glas zurück und stammelte: »Danke Ihnen ... ich will nichts ... ich brauche nichts ... es war ein Schwindel, der mich anwandelte ... es wird bald vorüber sein ... ist schon vorbei.« – Sie sind aber doch sehr blaß! – »Thut nichts, ich fühle mich besser, es kommt vielleicht von meinem Frühstück her, doch ist es schon vorüber.« – Also abgemacht mit diesem armen Gast,« nahm Herr Richard wieder das Wort. »Kehren wir zu dem Gegenstand unserer Unterhaltung zurück! Hätte ich je an der Identität unserer Dame mit der des Herrn Leopold zweifeln können, so wäre ich jetzt nach seinen Aufschlüssen jedenfalls meiner Sache gewiß. Ihr junges Mädchen wohnt in der Gegend von Fontainebleau; gerade diese, die wir kennen, ist zu uns in Corbeil auf die Eisenbahn gesessen und war mit dem Fontainebleauer Wagen angekommen. – »So ist es,« sagte Friedrich.

Julian blieb stumm; er schien von seinem Unwohlsein noch nicht ganz hergestellt.

Der junge Maler rief mit lebhafter Bewegung aus: »Und wann geschah das, meine Herren? Um welche Zeit waren Sie mit ihr auf der Eisenbahn zusammen?« – Vor etwa drei Wochen,« antwortete Friedrich.

»Ja,« sagte Richard, »gestern waren es gerade drei Wochen.«

Leopold wußte nichts mehr zu erwidern; er dachte nach und zögerte noch zu glauben, daß diese Herren Rosa-Maria kennten.

Gleich darauf fuhr Richard fort, sich auf den Absätzen herumdrehend: »Ei, mein Gott! der Herr scheint dem Allem eine Wichtigkeit beizulegen, die ich gar nicht verstehe, um so weniger verstehe, da es sich um eine kleine Landläuferin wie dieses Mädchen da handelt!«

Leopold trat auf Richard zu, indem er ausrief: »Mein Herr! ziehen Sie dieses Wort, das Sie eben in den Mund genommen, zurück! ziehen Sie es auf der Stelle zurück! oder Sie zahlen es mit Ihrem Leben, denn Sie haben die reinste Tugend beschimpft!« – Ich werde gar nichts zurückziehen!« antwortete Richard. »Ich weiß, was ich sage: ich kenne Ihre reinste Tugend ... Ihr Modell. – »Sie hat die Nacht nach ihrer Ankunft in seinem Zimmer zugebracht,« fiel Friedrich ein, »sie ist mehrere Tage bei ihm geblieben, nicht wahr, Richard? Dessen hast Du Dich wenigstens gerühmt.« – Ja! ja! ja!« stimmte Richard bei, den Kopf zurückwerfend. »Es thut mir leid, junger Künstler, wenn Sie das quält ... aber besessen habe ich Ihre Maitresse: es ist eine reizende Person. – »Sie lügen, mein Herr! Sie lügen!« schrie Leopold, seine Hand gegen Richard aufhebend. Aber Dernesty hielt ihm den Arm und sagte: »Pfui! meine Herren, keine Thätlichkeiten! Ich bitte! ... ist Jemand beleidigt, eine Dame mit Unrecht angeklagt worden, nun wohl, so schlägt man sich! man zieht den Degen oder schießt sich auf Pistolen; aber auf Boxen und Holzen halte ich meinerseits nichts. Uebrigens, bevor man sich umbringt, verlange ich nochmals, daß man sich verständige. Herr Leopold behauptet, sein hübsches Modell sei auch ein Tugendmuster; Richard versichert, es sei eines jener Dämchen, wie man so viele sieht; vorerst also sollte man gewiß wissen, ob Beide von einer und derselben reden.« – Da ich kein Geheimniß aus meiner Eroberung mache,« sagte Richard, »so erzähle ich recht gerne Alles, was ich über die Kleine weiß: der Herr Künstler mag dann urtheilen, ob ich gut unterrichtet bin und ob es sein Modell ist. Das junge Mädchen, das wir, Friedrich, Julian und ich, auf der Eisenbahn getroffen haben, war allein, hatte keinen Begleiter. Als sie aus dem Bahnhof ging, folgte ich ihr und knüpfte schnell ein Gespräch an. Anfänglich zierte sie sich ein wenig, aber man kennt diese Manieren! Niemand läßt sich dadurch abschrecken. Diese Kleine sagte mir, sie komme nach Paris, um ihre Oheime zu besuchen, welche ... kann ich mich doch auf den drolligen Namen kaum besinnen ... Gogo, ja, wahrhaftig, so ist's, Gogo, Nicolaus und Eustachius Gogo hießen. – »Sie hat Ihnen das gesagt?« stotterte Leopold, indem er seinerseits todesblaß wurde. »Ach, mein Gott, also wäre es doch wahr?« – Gogo!« sagte Friedrich leise, indem er zu seinem Vetter trat; »hörst Du, Julian?«

Julian, der seit seinem Uebelbefinden noch immer düster und niedergeschlagen aussah, nickte mit dem Kopfe und stammelte: »Ja, ich habe wohl gehört.«

Richard fuhr fort: »Dieses junge Mädchen sagte mir also, sie sei aus einem Dorfe in der Gegend von Fontainebleau, aus Avon, glaube ich, ja, Avon, jetzt erinnere ich mich deutlich, sie heiße Rosa ... und noch etwas dazu.« – Fahren Sie fort, mein Herr, ich bitte Sie darum,« sagte Leopold fast athemlos.

»Sie erzählte mir also, daß ihr Vater sie nach Paris zu ihren Oheimen schicke, die sie nicht kenne, deren Adresse sie jedoch habe. Ich begleitete sie, sie ließ mich weite Wege machen: vom botanischen Garten in die St. Lazarusstraße. Du weißt, Friedrich, daß ich Dir an jenem Abend im Hause Deines Onkels St. Godibert sagte, daß meine Eroberung mich zuerst in das Haus, wo er jetzt wohnt, geführt habe. Hier fragte sie nach ihrem Oheim Gogo: der Thürhüter schickte sie weg, indem er ihr antwortete, von diesem Namen wisse er nichts. Mein Jüngferchen kam mit trostloser Miene zu mir zurück; dann machte sie sich auf den Weg, den andern Onkel aufzusuchen; dieser sollte in der Vendômestraße im Marais wohnen, abermals eine schöne Strecke! Hier gab es aber ebensowenig einen Gogo als in der St. Lazarusstraße. Die Kleine verzweifelte abermals oder stellte sich wenigstens so, denn die Herren begreifen, daß ich die Geschichte mit den Oheimen unwahrscheinlich zu finden anfing.« – So kommen Sie doch zu Ende, mein Herr. – »Ei, mein Gott, nur eine Minute, junger Künstler ... Sie sind von einer Ungeduld! Ich, der die Frauen kennt, denke bei mir: die Kleine hat mich anlaufen lassen, sie hatte nie einen Onkel in Paris.« – Sie log nicht, mein Herr, sie hatte Ihnen die Wahrheit gesagt: sie hat zwei Oheime und diese sind hier in der Stadt. – »Aha! aha!« nahm Richard, indem er Leopold scharf ansah, wieder das Wort: »Sie sehen also jetzt ein, daß ich mich nicht täuschte und das Original zu diesem Portrait kenne?« – In der That, mein Herr, das junge Mädchen, welches ich malte, ist aus dem Dorfe Avon; ihr Vater, ein Landmann, heißt Hieronymus Gogo und hat vor Kurzem seine Tochter nach Paris geschickt, wo er zwei reiche Brüder hat und wo er hoffte, daß seine Tochter glücklich sein würde.« – Alle Wetter! jetzt denke ich, klappt Alles. – »Die arme Kleine, es ist unsere Base,« sagte Friedrich zu sich. Dann sah er Julian nochmals an, und dieser bedeutete ihm, daß er ihn verstanden habe.

»Nun denn, mein Herr, was that Rosa-Maria, als sie die Wohnung keines ihrer Oheime fand?« fragte Leopold ungeduldig. – »Rosa-Maria! richtig! ja, das ist der Name oder vielmehr die Namen der Brünette! ... was sie that, mein Herr? Sie begreifen, daß sie sehr in Verlegenheit war: es war Nacht geworden, sie kannte Paris nicht und wußte nicht wohin; aber ich war da, ich ... – »Sie hätten dieses junge Mädchen schützen sollen, Sie hätten es vor Rohheit und Schmach sicher stellen sollen: das war ihre Pflicht.« – Ha! ha! ha! Sie sind in der That zum Entzücken mit Ihren Pflichten. Meine Pflicht war, eine Gelegenheit, die mir eine reizende Eroberung darbot, zu benützen, und ich habe meine Pflicht erfüllt. Zuerst habe ich meiner Heldin ein Nachtessen angeboten und sie nahm es an. – »Sie hat eingewilligt, mit Ihnen zu Nacht zu speisen? mit Ihnen allein?« – Ja, mein Herr, ja, mit wem denn sonst; wir saßen lange beisammen. Sie können sich denken, daß ich unter dem Champagnertrinken meine Liebe erklärte. Als wir aus dem Gasthause traten, war es sehr spät; ich sagte zu der Kleinen: »›ich werde Sie zu meiner Tante führen‹« ... und führte sie zu mir ... und einmal bei mir ... heiliger Antonius! da hat sie es eben gemacht wie die Andern und sich in das Unvermeidliche geschickt.«

Der junge Maler verbarg sein Gesicht in seinen beiden Händen und blieb voll Scham über das Gehörte einige Augenblicke wie niedergeschmettert stehen, dann aber erhob er plötzlich seine Stirne voll Stolz, ging gerade auf Richard zu, faßte ihn am Arm, den er kräftig schüttelte, und raunte ihm zu: »Also ist sie bei Ihnen? ist jetzt Ihre Maitresse?« – Nein, mein Herr, sie ist nicht mehr bei mir, drei Tage hat sie in meiner Wohnung zugebracht, aber ich habe ein unbeständiges Temperament und sie ihrerseits liebt ohne Zweifel gleichfalls die Veränderung. Meiner Treu', am dritten Tage, als ich in meine Wohnung zurückkehrte, fand ich die hübsche Reisende nicht mehr; seitdem ist sie nicht mehr zurückgekehrt, und ich gestehe, daß ich sie nicht gesucht habe.

– »Mein Herr, was sie so eben von diesem jungen Mädchen gesagt haben, ist abscheulich; wenn es sich so verhält, so verdient sie nur noch meine Verachtung! aber wenn es sich nicht so verhielte, wenn Sie sie auf eine unwürdige Weise verleumdet hätten ... ah! dann schwöre ich Ihnen, würde all' Ihr Blut kaum hinreichen um sie zu rächen ... und mit dieser Sorge würde ich mich befassen ... Uebrigens mein Herr, wenn Sie mich nur peinigen, sich nur einen Spaß mit meiner Herzensqual haben machen wollen, so gestehen Sie es jetzt, erklären Sie, daß Rosa stets ehrbar, sittsam war ... und ich verzeihe Ihnen auch jetzt noch.« – Ha! ha! ist dieser Herr doch drollig! ... er kann es nicht verwinden, daß seine Maitresse ihn angeführt hat! als ob das etwas so Seltenes wäre!

– »Rosa-Maria war nicht meine Maitresse, mein Herr; nur der Zufall führte mich mit ihr zusammen, als ich Ansichten im Walde von Fontainebleau aufnahm. Ihr sittsammes Aussehen, ihre Herzensreinheit, ihr anständiges Benehmen, ihre Art, sich auszudrücken, kurz, Alles hatte mich zu ihren Gunsten eingenommen, und nachdem ich einige Male mit ihr geredet, war meine gute Meinung von ihr nur noch bestärkt worden.« – Und sie hat Ihnen stets in aller Unschuld als Modell gedient? – »Ja, mein Herr; sie hat mir gestattet, ihr reizendes Gesicht auf der Leinwand wiederzugeben, was sollte Schlimmes daran sein?« – Und ihr wäret Beide allein in dem Walde? – »Allein, und niemals hatte ich den Gedanken, mein Glück zu mißbrauchen, niemals hat mein Mund ein Wort ausgesprochen, das Rosa-Maria's Stirne hatte erröthen machen können.« –« Dann sind Sie ein junger Mann, wie man wenige sieht. – »Nein, mein Herr; aber ich liebte dieses junge Mädchen und ich achtete ihre Reinheit, denn für mich war sie ein Engel von Unschuld, von Tugend, und jetzt noch, ja, mein Herr, jetzt noch kann ich nicht glauben, daß sie so tief gefallen, wie Sie behaupten: ein anständiges, tugendhaftes und verständiges Kind wird nicht in einem Tage ein Freudenmädchen! O! aber ich werde Rosa wiederfinden, ich werde die Wahrheit erfahren und dann werde ich auch Sie wiederfinden; diese Herren mögen unsere Zeugen sein.« – Ganz recht, mein Herr, Sie können mich finden, wann Sie wollen! ... Richard, Straße Montholon, Nro. 26; ich verstecke mich nicht. Was Ihr Jüngferchen anbetrifft, so behaupteten Sie so eben noch, es sei unmöglich, daß wir sie kennen, und doch habe ich Ihnen das Gegentheil bewiesen. Donner und Hagel! wenn Sie sie wiederfinden, wird sie Ihnen nicht sagen, daß ich ihr Geliebter gewesen; die Weiber läugnen dergleichen Späße immer! – »Sie wird mir ihre Unschuld beweisen, mein Herr, und dann werde ich Sie aufsuchen.« – Mein Herr,« sagte Friedrich, zu Leopold tretend und ihm die Hand reichend, »ich kannte Sie nicht, aber was Sie in diesem Augenblicke thun, genügt, um bei mir das Verlangen nach Ihrer Freundschaft zu erwecken! Ich bin ein leichtsinniger, toller Mensch, aber nie würde ich mir beigehen lassen, ein Frauenzimmer zu verlästern, mich des Genusses ihrer Gunst zu rühmen, wenn ich sie nicht erhalten hätte; so beträgt sich nur ein Elender, ein Niederträchtiger. Ich klage Richard nicht an, ich sage nicht, daß er das gethan hat! aber eben so glühend wie Sie wünsche ich dieses junge Mädchen aufzufinden; ich habe Gründe dazu, welche ich Ihnen in diesem Augenblick nicht sagen kann, welche Sie aber später würdigen werden. Rechnen Sie also auf meine Unterstützung in Ihren etwaigen Nachforschungen und seien Sie überzeugt, daß, wenn ich etwas über Rosa-Maria's Schicksal erfahre, ich es Ihnen mittheilen werde.«

Leopold betrachtete Friedrich mit Erstaunen, aber bestochen durch den aufrichtigen Ausdruck seiner Physiognomie, sowie durch seine ehrenhaften Worte nahm er die ihm dargebotene Hand, drückte sie und sprach: »Danke, mein Herr, wenn sich Alles zu vereinigen scheint, um ein armes Mädchen in den Staub zu ziehen, so ist es wohl nicht mehr als billig, daß sie an uns ihre Vertheidiger finde.«

Herr Richard, ganz überrascht von Friedrichs Handlung und Rede, sprach nichts mehr; er machte ein ziemlich einfältiges Gesicht und schien viel von seiner Zuversicht verloren zu haben. Dernesty stand mit dem Ausruf auf: »Die Sache scheint sich zu verwickeln, und da sie mir jetzt ganz unverständlich wird, so verlange ich Vertagung bis auf nähere Information. Und jetzt, meine Herren, brechen wir auf, denn wir belagern schon zu lange das Atelier dieses Herrn.«

Leopold grüßte auf eine Weise, welche Niemand zum Dableiben einlud. Richard, dem nichts mehr am Herzen lag, als wegzukommen, war der Erste vor der Thüre; Julian folgte ihm und Friedrich that deßgleichen, nachdem er dem jungen Maler noch einmal die Hand gedrückt hatte; Dernesty endlich ging gleichfalls auf die Thüre zu, jedoch nicht, ohne Rosa-Maria's Portrait noch einmal zu betrachten und beizufügen: »Ich weiß nicht, was sie gethan hat, aber das steht fest, daß sie reizend ist.«

Als die vier jungen Männer auf der Straße waren, sagte Richard zu Friedrich: »Könnte ich nicht erfahren, welcher Gedanke Dir durch den Kopf geschossen ist und aus welchem Anlaß Du Dich gleichfalls zum Ritter dieses jungen Mädchens aufgeworfen hast, das der Maler da zu seinem Modell gebraucht hat?« – Nein, Du kannst es jetzt nicht erfahren,« anwortete Friedrich. »Es ist ein Geheimniß, das ich Dir nicht anvertrauen will, aber ich wiederhole Dir, Richard, wenn Du gelogen, wenn Du diese arme Kleine verleumdet hast, o! dann nimm Deine Ohren in Acht. Adieu, ihr Herren, ich habe Julian einige Worte zu sagen und gehe dann mit ihm fort.«

Damit steckte Friedrich seinen Arm unter den seines Vetters und zog ihn mit sich, Richard und Dernesty ganz erstarrt über sein Betragen, zurücklassend.

Als er nicht mehr von seinen Freunden gehört werden konnte, sagte Friedrich zu Julian: »Allem nach, was wir eben über dieses junge Mädchen von der Eisenbahn gehört haben, ist sie ganz unzweifelhaft unsere Base. Richard und Dernesty können es nicht vermuthen; sie wissen nicht, daß Dein Vater und sein Bruder das Genie, wie man ihn zu schelten beliebt, Gogo hießen, ehe sie sich St. Godibert und Mondigo nannten! Wir aber, die wir es wissen und noch nicht vergessen haben, wir wissen gleichfalls, daß wir einen Oheim haben, Hieronymus den Landmann, der im Dorfe Avon wohnt; wir haben ihn noch nie besucht, was durchaus nicht recht von uns ist, denn man versichert, er sei ein sehr wackerer Mann; übrigens, da wir diesen Oheim vernachlässigt haben, folgt daraus nicht, daß wir kein Interesse an seiner Tochter nehmen, die er nach Paris in der Hoffnung geschickt hatte, daß sie von ihren Anverwandten gut aufgenommen werden würde. Aber welcher Esel hat denn unserer Base die ganz richtigen Adressen der beiden Onkel gegeben, ohne ihr zu sagen, daß sie sich jetzt St. Godibert und Mondigo nennen! Doch einerlei, davon handelt es sich jetzt nicht! wir müssen nur suchen, unsere Base wiederzufinden und zu erfahren, was sie macht und was aus ihr geworden ist.« – Ganz gewiß; aber wie? – »Wie? ei, meiner Treu', das weiß ich selbst noch nicht. Aber das Sprüchwort sagt: Ein fester Wille führt zum Ziel. Wir wollen unsere Base wiederfinden und wir werden sie wiederfinden. Ah! sie ist sehr hübsch, diese junge Rosa-Maria. Richard ist abscheulich häßlich; er ist ein Geck, ein Lügner, ein Unverschämter; ich fange an sehr zu zweifeln, daß er Rosa-Maria's Eroberung gemacht habe.« – Ja, unsere Base ist reizend. Wie Schade, daß sie diesen Maler liebt! – »Wer beweist das? Er versichert, daß er in sie verliebt sei, das ist Alles. Laß uns erst das schöne Kind auffinden, hernach wollen wir sehen, wer ihr am besten zu gefallen wissen wird. Ich werde mich nun meinerseits auf Nachforschung legen. Du, Julian, thue Deinerseits das Gleiche, und kein Wort davon zu Deinen Eltern, bevor wir Nachricht von der Base haben. – Es bleibt dabei. – »Auf Wiedersehen.«

Und die beiden Vettern verließen einander: Friedrich, um Madame Marmodin einen Besuch abzustatten, und Julian, um sich in sein Zimmer einzuschließen.

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