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Die Familie Gogo

Charles Paul de Kock: Die Familie Gogo - Kapitel 22
Quellenangabe
pfad/kock/famigogo/famigogo.xml
typefiction
authorPaul de Kock
titleDie Familie Gogo
publisherRieger'sche Verlagsbuchhandlung
printrunDritte Auflage
year1861
translatorHeinrich Elsner
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20091104
projectidf92e4863
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Einundzwanzigstes Kapitel .

Man kennt sich

Am folgenden Morgen erzählte Rosa-Maria, da sie sich stärker fühlte, dem Vater Savenay, der Frau Bichat und den Nachbarinnen, die um ihr Bett versammelt waren, um ihr zuzuhören, die Geschichte ihrer Reise.

Bei Erwähnung des Dorfes Avon, welches beinahe im Walde von Fontainebleau liegt, hatte der Greis einen Schrei ausgestoßen, auf den man aber nicht geachtet hatte, weil die ganze Aufmerksamkeit auf das junge Mädchen gerichtet war.

Nachdem Rosa-Maria zu sprechen aufgehört, rief Frau Bichat aus: »Was müssen wir jetzt thun, da wir den Namen des Fräuleins und die Adresse ihres Vaters wissen, Vater Savenay?« – Was wir thun müssen?« entgegnete der Greis; »erstens sie nicht zu sehr ermüden, denn sie hat für eine Genesende schon sehr viel gesprochen; dann will ich heute Abend oder morgen dem Herrn Hieronymus Gogo schreiben, ihm mittheilen, was seiner Tochter begegnet ist, ihm sagen, daß sie hier in Sicherheit und außer Gefahr sei, und ihm meine Adresse angeben, damit er sie besuchen und abholen kann, wenn man je ihre Onkel in Paris nicht entdecken sollte. Ist das Ihnen recht, mein Kind?«

Rosa-Maria erwiderte mit schwacher Stimme: »Wenn mein Vater einen Brief von unbekannter Hand erhält, worin man ihm sagt: ich sei noch nicht im Stande, zu schreiben, so wird ihn das sehr in Angst versetzen; er wird meinen, ich sei todtkrank, man wage nur nicht, es ihm zu sagen, und er wird sich deßhalb viel Kummer machen. Ich will lieber warten, bis ich selbst im Stande bin, ihm zu schreiben. Das ist morgen vielleicht schon möglich, dann erspare ich ihm doch überflüssige Sorgen.« – Sehr gut gedacht, mein Kind, wir wollen es anstehen lassen, bis Sie selbst schreiben können. Außerdem ist Ihr Vater jetzt gar nicht in Unruhe, weil er nicht ahnen kann, was Ihnen begegnet ist, und Sie bei ihren Onkeln glaubt. Was diese anbetrifft, so versichere ich Sie, daß ich mein Möglichstes thun werde, dieselben ausfindig zu machen, und die Nachbarinnen alle werden ein Gleiches thun; nicht wahr, ihr Frauen? – »Ja, ja!« schrieen alle Nachbarinnen wie aus einem Munde, »wir werden keinen Schritt thun, ohne zu fragen, ob man den Herrn Nicolaus oder Eustachius Gogo kenne.« – Da Sie so viel Güte für mich haben, dürfte ich eine Bitte an Sie stellen,« versetzte Rosa. – »Reden Sie, reden Sie, mein Kind!« rief man von allen Seiten. – »Ich bin nicht bloß mit den Kleidungsstücken, die ich auf dem Leibe habe, nach Paris gekommen, ich hatte auch einen Koffer mit meinen Effekten bei mir, denn mein guter Vater wollte mich nicht wie ein armes Mädchen von Allem entblöst zu meinen Onkeln schicken. Mein Koffer ist groß und voll. Ich habe ihn auf dem Eisenbahnbureau gelassen und meinen Namen angegeben, damit man ihn nur mir oder Jemand, der von mir geschickt werde, abliefere. – »Bichat muß ihn noch heute holen! ich will ihn augenblicklich fortschicken,« sagte die Töpferin.

»Wozu soll er sich die Mühe machen? ich kann es besorgen, wenn ich von meinem Geschäfte komme,« versetzte Vater Savenay.

»Warum nicht gar! Damit Sie sich unnöthiger Weise ermüden, als ob Sie sich nicht schon Mühe genug gemacht hätten, Vater Savenay! Bichat ist zum Traben wie gemacht! er hat Beine wie ein Damhirsch! und läuft öfters unnöthigerweise mehr als mir lieb ist ... er soll nur gehen ... dabei ist er ein ansäßiger Mann, der seine Steuern regelmäßig zahlt, ihm wird der Gegenstand ohne Schwierigkeit ausgeliefert! Ach, ich dachte mir doch gleich, eine so gut gekleidete Jungfrau könne nicht bloß mit einem Kleide, einem Hemde und einem Unterrock nach Paris gekommen sein.«

Im Laufe des Nachmittags trug Bichat mit Hülfe seines Freundes Glureau den Koffer in das Zimmer hinauf, wo Rosa-Maria lag. Sie dankte ihnen für alle die Gefälligkeiten, die sie ihr erwiesen, und der Gassenkehrensinspektor legte die große Freude an den Tag, die er empfand, sie wieder auf dem Wege der Besserung zu sehen. Bichat war ebenfalls im Begriff, ein feines Compliment für das junge Mädchen zu drechseln, war aber damit noch nicht halb zu Ende, als seine Frau herbeilief und ihn unter dem Vorwande, man verlange eine große Kachel, die sie nicht stark genug sei, herzugeben, in den Laden hinunterschickte.

Die Kräfte der Kranken kehrten langsam zurück. Zwei weitere Tage vergingen, ehe sie eine Feder halten konnte. Endlich, nachdem sie im Stande war, zu schreiben, berichtete sie ihrem Vater in der Kürze einen Theil ihrer Erlebnisse in Paris, erzählte ihm am Schlüsse, wie viel Güte man für sie in dem Hause gehabt, wo man sie aufgenommen habe, und bezeichnete ihm genau die Wohnung des guten Greises, bei welchem sie logire und Nachrichten von Hause abwarte.

Rosa-Maria zweifelte nicht, daß sich ihr Vater gleich nach Empfang ihres Briefes nach Paris aufmachen werde. Desiderius Glureau war gerade im Augenblick, wo das junge Mädchen ihren Brief schloß, gekommen, um sich nach dem Befinden derselben zu erkundigen. Rosa übergab dem Manne, der sich ihrer schützend angenommen, das Schreiben und fragte ihn: »Wollen Sie die Güte haben und dieses auf die Post tragen? ... es ist an meinen Vater, und es liegt mir viel daran, daß er es bald erhält.« – Seien Sie ganz ruhig, Mamselle,« antwortete Glureau, »es ist in Paris nichts leichter, als einen Brief auf die Post zu geben: es sind fast an allen Straßenecken Briefkästen, er wird in einem Augenblick besorgt sein ... ich wünschte, Ihnen größere Dienste leisten zu können ... allein hinsichtlich Ihrer Onkel Gogo ist es zum Erstaunen! Niemand kann sie entdecken! Es gibt Benoits, Bertrands, Bernards so viel man nur will, aber auch nicht den allerkleinsten Gogo.«

Die Nachbarinnen alle sagten das Nämliche, selbst Vater Savenay war nicht glücklicher in seinen Nachforschungen, und Frau Bichat sagte zuletzt zu ihren Gevatterinnen: »Das ist doch sonderbar, daß sich diese Onkel Gogo nicht finden wollen! Wahrhaftig, wenn dieses junge Mädchen nicht so tugendhaft und so rechtschaffen schiene, könnte man glauben, die Geschichte mit ihren Onkeln sei nur ein Mährchen und sie sei aus andern Gründen nach Paris gekommen.«

Seitdem Rosa-Maria auf dem Wege der Genesung war, widmeten sich die Nachbarinnen wieder ihrer Arbeit und ihren Geschäften und besuchten das junge Mädchen weit seltener. Frau Bichat ließ ihren Mann gar nicht mehr in den fünften Stock hinauf, denn mit der Rückkehr von Rosa's gesunder Farbe stellte sich auch jene Schönheit wieder ein, die Alle, welche sie sahen, frappirte und hinriß, und die eifersüchtige Klara wollte ihren Mann keiner so gefährlichen Versuchung aussetzen.

Der gute Savenay war fast die einzige Gesellschaft, die der Genesenden blieb; aber diese hielt auch getreulich aus. Sobald er mit seinem Geschäfte fertig war, eilte der Greis schnell zu der zurück, die er wie sein Kind betrachtete und für die er die aufrichtigste Theilnahme fühlte.

Rosa-Maria war ihrerseits innig von der zärtlichen Sorgfalt gerührt, mit der sie der gute Alte überhäufte, der sie bei sich aufgenommen hatte, und sie wußte nicht, wie sie ihm ihre Erkenntlichkeit an den Tag legen sollte.

Eines Abends, während der gute Savenay das Feuer anblies und den Thee bereitete, den die Jungfrau noch trinken mußte, wobei er zwischen seinen Zähnen den Refrain des Marquis von Carabas summte, sagte Rosa-Maria, die ihm mit den Blicken folgte, mit bewegter Stimme zu ihm: »Wie gut sind Sie, Herr Savenay, und wie viele Mühe mache ich Ihnen!« – Mühe, mein Kind? Ihnen gefällig zu sein, macht mir ein Vergnügen, denn Sie sind so artig, so interessant ... ich betrachte Sie wie meine Tochter! – »Und ich, mein theurer Beschützer, liebe Sie wie einen zweiten Vater! ... Es ist aber ganz eigen, je länger ich Sie betrachte, je mehr kommt es mir vor, als ob mir Ihr Gesicht nicht unbekannt sei und ich Ihnen ehe ich Sie hier sah, schon irgendwo begegnet sei.« – Ich mein liebes Kind, kann das nicht sagen! ... Sie waren mir fremd, bis man Sie zu dem Töpfer unten gebracht hatte; o, sonst hätte ich Ihr hübsches Gesichtchen gleich wieder erkannt! – »Das ist sehr auffallend, es ist mir sogar, als erinnerte ich mich Ihres Anzugs ... als erkennte ich diese grüne Tuchjacke mit den Weißen Knöpfen ... Wo kann ich Sie denn gesehen haben? vielleicht in unserem Dorfe, in Avon oder vielleicht in Fontainebleau, ich kam oft dort hin ...« – Das ist eben nicht wahrscheinlich, mein Kind, ich bin nie im Dorfe Avon gewesen, und obgleich ich in Nemours wohnte, welches nicht sehr weit von Fontainebleau entfernt ist, war ich auch noch nie in dieser Stadt ... es sei denn, daß Sie mir vor etwa drei Monaten dort begegnet wären, wo ich nach dem unglücklichen Ereigniß, welches mir zugestoßen war, durchkam ... ich habe mich aber nur kurz daselbst aufgehalten. – »Wie, Herr Savenay, es hat Sie ein Unglück betroffen, Sie, einen so guten, rechtschaffenen Mann?« – Meine liebe Kleine, wenn Güte und Rechtschaffenheit hinreichend wären, uns vor den Schlägen des Schicksals zu schützen, so würde sich Jedermann gut betragen und es keine schlechten Menschen mehr auf der Erde geben. Man muß daher aus Neigung, aus Charakter gut sein und nicht in der Absicht, einen Vortheil daraus zu ziehen! ... Um auf mein Ereignis zurückzukommen, so will ich es Ihnen erzählen, liebes Kind, um so mehr, als Ihnen diese Geschichte, welche Sie, wie ich nicht bezweifle, interessiren wird, da sie mich betrifft, einigermaßen die Zeit verkürzen kann. – »O! ich bin ganz Ohr, Herr Savenay!«

Nachdem der Greis sein Feuer angeschürt hatte, setzte er sich in den Lehnstuhl neben Rosa's Bett und begann wie folgt: »Zuerst muß ich Ihnen sagen, daß ich aus Nemours gebürtig und ein alter Junggeselle bin, was ein Fehler ist ... denn wenn man älter wird, bereut man es oft, sich keine Familie gegründet zu haben. Wenn es aber zu spät ist, diesen Fehler wieder gut zu machen, muß man sich eben trösten; das habe ich auch gethan. Ich hatte. Gott sei Dank, nie eine Natur, mich lange über Etwas zu grämen! Es hat mir allerdings Anfangs ein wenig wehe gethan, mich Vater Savenay nennen zu hören, während ich nie eigene Kinder gehabt habe; aber jetzt bin ich daran gewöhnt, und es kommt mir sogar ganz sonderbar vor, wenn man mich schlechtweg Savenay nennt. Ich hatte eine Stelle bei einem Hüttenbesitzer in der Gegend von Nemours gefunden: ich führte ihm seine Bücher und glaubte auch dort meine Laufbahn zu beschließen. Mein Platz war zwar nicht besonders einträglich; aber bah! ... auf dem Lande braucht man wenig, um sich's bequem zu machen. Bei meiner Gesundheit und Heiterkeit war ich der Vergnügteste in dem ganzen Eisenhüttenwerk und der Umgegend! Vor einigen Monaten fiel mir jedoch ein unerwartetes Vermögen zu ... ein alter Vetter ... ich sage alt, er war kaum etwas älter als ich, starb und hinterließ mir sechzigtausend Franken.«

»Sechzigtausend Franken! ...« murmelte Rosa-Maria, welche bei Erwähnung dieser Summe abermals überrascht war und sich zu besinnen schien.

»Ja, mein Kind, sechzigtausend Franken! ... für mich war das ein großes Vermögen und ich dachte schon: was soll ich mit all' diesem Gelde anfangen! ... Die Verlegenheit des Reichthums stellte sich bereits bei mir ein. Ich glaube sogar, daß ich damals meine Lieblingslieder schon seltener sang als vorher. Nach Verlauf von sechs Wochen wurde mir die Erbschaft zugestellt: ich hatte die Summe bei einem Bankier in Nemours erhoben. Mit dieser begab ich mich zu einem reichen Capitalisten in unserer Gegend, zu Herrn Cendrillon, das ist ein komischer Name, nicht wahr? ... aber der Name thut nichts zur Sache, es ist ein braver und sehr leutseliger Mann; ich frag ihn um Rath, da ich nicht wußte, was ich mit meinem Gelde machen sollte. Er konnte sich nicht selbst damit befassen, aber er rieth mir, es nach Paris zu einem Bankier zu thun, für den er mir stehe: zu Herrn St. Godibert, ja, so heißt er, St. Godibert, dieser werde mir es in Verzinsung nehmen. Meiner Treu', ich fand den Rath gut und dachte: Paris ist eine sehr angenehme Stadt, ich bleibe den Winter über dort und kehre im Sommer wieder nach Nemours zurück! ... Ach, beim Kuckuk! ich hätte wie ein großer Herr mit meiner Residenz gewechselt! denn wenn Einem im achtundsechzigsten Jahre ein Vermögen zufällt, und man allein und ohne Kinder ist, so glaube ich, ist man wohl berechtigt, es zu genießen, nicht wahr?«

»Fahren Sie fort, Herr Savenay, fahren Sie fort; wenn Sie wüßten, wie sehr mich Ihre Erzählung interessirt!«

»Ach, mein böser Geist hatte mir alle diese Pläne eingegeben oder vielmehr, es hat so kommen sollen. Ich nahm meine Entlassung bei dem Hüttenwerksbesitzer und nahm sie sogar mit Freuden, denn ich wußte, daß meine Stelle ein braver Mann, Vater einer zahlreichen Familie, erhalten werde, der sie zur Erziehung seiner Kinder sehr bedurfte, und ohne diesen Zufall, da man mich nie fortgeschickt hätte, noch lange auf meinen Platz hatte warten können, denn ich bin dauerhaft! und mein Großvater ist hundert und ein Jahr alt geworden ... hm! das gibt Aussicht ... was meinen Sie! ...«

»Bin nur ein alter guter Mann,
Der Geiger im Dörflein,
Doch bin ich drum kein Dummrian,
Lieb's Wasser nicht im Wein!«

»Ihre Begebenheit, Herr Savenay, Ihre Begebenheit ... fahren Sie fort!«

»Ganz recht, soll gleich geschehen! ... Nachdem ich meine Entlassung eingegeben hatte, verkaufte ich mein ganzes Mobiliar daheim, denn ich dachte, wenn ich wieder auf's Land zurückkomme, so miethe ich nur ein kleines Absteigequartier, das genügt mir. Ich behielt nur mein Pferd, meinen Hammel ... o, ein so gutes Thier, das ich schon seit neun Jahren hatte, und dessen ich mich bediente, um von Nemours in das Hüttenwerk zu reiten. Aus Allem zusammen erlöste ich etwa sechshundert Franken, die ich mir in Gold geben ließ, um weniger belästigt zu sein. Dann, mit meinen sechzigtausend Franken in Banknoten in einem Portefeuille und einem Empfehlungsbrief von Herrn Cendrillon an seinen Freund St. Godibert in der Tasche, packte ich mein Felleisen und meinen Reisesack auf meinen Hammel, gab meinem Pferd die Sporen und trabte Paris zu.«

»Zu Pferd ... Sie waren zu Pferd?«

»Ja, mein Kind; mehrere Leute hatten zu mir gesagt: Vater Savenay, es ist unklug, mit einer so beträchtlichen Summe in der Tasche zu Pferd zu reiten. Aber ich hatte ihnen geantwortet: Was soll mir begegnen, ich reise nur bei hellem Tage und in keiner Wüste. Ach, ich vermuthete nicht, daß es selbst am hellen Tage gefährlich ist, durch einen Wald zu reiten; aber der Beweis ist, daß ich, als ich auf meinem kleinen Pferde durch den Fontainebleauer Wald ritt, plötzlich von zwei Männern angefallen wurde, die mit Pistolen in der Hand auf mich losstürzten.«

»O, mein Gott! ... Sie waren es? ... Sie waren es?«

Bei diesen von dem jungen Mädchen mit Heftigkeit ausgesprochenen Worten hob Vater Savenay den Kopf in die Höhe, betrachtete sie mit Staunen und murmelte: »Ich war es ... wie, was wollen Sie damit sagen, mein Kind?«

»O, ich wußte wohl, daß ich Sie schon gesehen hatte. Ihr ehrwürdiges, gutmüthiges Gesicht war mir aufgefallen und die grüne Jacke, den Hut mit der breiten Krampe ... All' das hatten Sie an, als man Sie im Walde überfiel.«

»In der That ... wer konnte es Ihnen aber sagen?«

»O, hören Sie, mein guter Herr Savenay: ich hatte zwar meinem Vater versprochen, nie von dieser Sache zu reden; aber gegenüber von Ihnen ist das etwas Anderes: erfahren Sie, daß ich mich im Walde befand, als zwei in Blousen gekleidete Männer meines Weges daherkamen.«

»Zwei Männer! meine beiden Diebe?«

»Diese waren es. Aus der Entfernung konnte ich ihre Gesichtszüge nicht sehen, denn sie hatten Kappen mit langen Stülpen auf, die ihnen oberhalb das Gesicht bedeckten, und das Untertheil desselben war ganz schwarz.« »Ja ... ja ... o, mehr habe ich auch nicht gesehen!«

»Dann, ohne noch zu wissen, was diese Männer im Sinne hatten, fürchtete ich mich und verbarg mich hinter einem Gesträuche.«

»Arme Kleine!«

»Sie kamen dicht zu mir heran. Ich hörte sie sagen: Er hat sechzigtausend Franken in einer Brieftasche: diese können wir ihm leicht abnehmen. Einer dieser Männer zitterte und hatte nicht den Muth, das Verbrechen zu begehen; aber der andere brachte ihn endlich dazu. Ich hätte gerne um Hülfe gerufen, um Sie zu retten, aber ich wagte es nicht. Ach, verzeihen Sie mir; ich glaube sogar, daß ich nicht die Kraft dazu gehabt hätte.«

»O, theures Kind, wie wohl thaten Sie daran, zu schweigen! diese Elenden würden Sie getödtet haben, wenn sie etwas von Ihre« Anwesenheit gewußt hätten.«

»Das hat auch mein Vater gesagt. Endlich kamen Sie auf Ihrem Pferde. Die Räuber eilten auf Sie zu ... ach, wenn Sie wüßten, was ich damals ausgestanden habe, wie ich für Ihr Leben zitterte und zum Himmel flehte, von diesen Menschen den Gedanken ferne zu halten, Ihnen ein Leid zuzufügen!«

»Armes Kind! armes Kind!«

»Glücklicher Weise ließen es die Verbrecher beim Diebstahl bewenden. Ach, als ich Sie auf Ihrem Pferde sich entfernen sah, athmete ich freier.«

»Und ich vollends! potz Kuckuk! ich muß bekennen, daß ich keine geringe Angst ausgestanden hatte. Was ward aber aus meinen Dieben?«

»Diese verschwanden augenblicklich. Ich blieb noch lange Zeit, ohne zu wagen, aus meinem Versteck herauszugehen. Endlich, nachdem ich mich vorher genau umgesehen und überzeugt hatte, daß die Männer fort waren, machte ich mich wieder auf den Weg; aber ich hatte noch keine zweihundert Schritte zurückgelegt, als meine Füße an etwas stießen: es war eine kleine, sehr schöne, prachtvolle Pistole.« »Welche ohne Zweifel einer der Diebe hatte fallen lassen!«

»Ich hob sie auf und nahm sie mit nach Hause. Mein Vater befahl mir, sie sorgfältig aufzubewahren, sie könnte vielleicht eines Tages zur Entdeckung der Diebe beitragen. Ich habe sie hier, sehen Sie, Herr Savenay, in meinem Koffer; wollen Sie gefälligst aufmachen, ganz unten auf der linken Seite werden Sie sie finden.«

Der Vater Savenay folgte der ihm angegebenen Weisung und zog bald eine Pistole hervor; er betrachtete sie aufmerksam und rief aus: »Aber das ist eine Luxuswaffe, die ist sehr schön für Straßenräuber!«

»O, die, welche über Sie hergefallen sind, waren keine gewöhnlichen Räuber! Haben Sie denn nicht bemerkt, daß sie lackirte Stiefeln, schöne Beinkleider und Handschuhe anhatten?«

»Ich habe nichts bemerkt, mein Kind, ich war zu sehr von Angst und Furcht ergriffen; ich erinnere mich nur einer Pistole, welche man mir auf die Brust setzte!, während ein Köhlergesicht zu mir sagte: Deine Brieftasche, oder Du bist des Todes! was aber die Physiognomie anbetrifft, so wäre ich sehr in Verlegenheit, sie zu schildern.«

»Ich versichere Sie, Herr Savenay, daß es junge Leute waren, die wie Männer von Bildung sprachen; außerdem sagten sie: Wir sind unkenntlich in diesen Blousen, diesen Kappen und geschwärzten Gesichtern, man wird nie vermuthen, wer wir sind.«

»In der That, mein Kind, die Art des Benehmens dieser Räuber bringt mich so ziemlich auf die Ansicht, daß sie im Stehlen noch nicht geübt waren. Nachdem ich ihnen meine Brieftasche gegeben hatte, schickte ich mich an, ihnen auch meine Börse und meinen Reisesack zu geben; aber keine Rede davon: statt auf diese Dinge zu warten, gaben sie meinem Pferd einen Hieb, Hammel setzte sich in vollen Trab und in einer halben Stunde befand ich mich außerhalb des Waldes.«

»Was haben Sie dann gethan, mein Herr?« »Was ich gethan habe? Kaum in Fontainebleau angelangt, begab ich mich zu dem Maire der Stadt und erzählte ihm, was mir begegnet war. Man schrieb meine Angabe nieder, aber als man sah, daß ich noch mein Pferd, mein Gepäck und eine mit Gold gefüllte Börse hatte, bemerkte ich, daß sich auf allen Gesichtern ein Ausdruck des Zweifels malte; man war sehr erstaunt, daß sich die Diebe mit meiner Brieftasche begnügt hatten, die übrigens allein weit mehr werth war als alles Uebrige. Ich erinnere mich sogar, daß einer der Anwesenden, der mir zugehört hatte, mit einer fast spöttischen Miene kopfschüttelnd zu mir sagte: »Mein guter Mann, sind Sie nicht vielleicht zufällig auf Ihrem Pferde eingeschlafen und haben geträumt, Sie seien angefallen worden?« Und meine sechzigtausend Franken, schrie ich, glauben Sie, mein Herr, die Erbschaft sei auch nur ein Traum gewesen? Nun, streng genommen, war sie es auch für mich! der Maire versprach mir jetzt, alle möglichen Schritte zu thun und sogar Gendarmen auszuschicken, um den Wald zu durchstreifen und die beiden Verbrecher aufzusuchen, die mich angefallen hatten. Man fragte mich nach ihrem Signalement, aber ich konnte weiter nichts sagen als: sie hatten Blousen an und Kappen auf, und man vermuthete, der Streich sei von zwei Vagabunden oder rückfälligen Räubern ausgeführt worden. Ich blieb bis zum folgenden Tag in Fontainebleau, um auszuruhen, mich von dem erlittenen Schrecken zu erholen und abzuwarten, ob man nichts von meinen Dieben erfahren habe. Aber am andern Tage hörte ich, daß das Durchstreifen des Waldes von den Gendarmen durchaus keine Entdeckung herbeigeführt habe. Nun besann ich mich, was ich beginnen wolle; ich konnte wieder nach Nemours zurückkehren, mein Abenteuer erzählen und bei dem Hüttenwerksbesitzer wieder um meine Stelle nachsuchen; man hätte sie mir wieder übertragen, aber ich dachte: dem armen Mann, dem man sie gegeben, der jetzt so glücklich ist, weil er die Gewißheit hat, seine Kinder erziehen zu können, soll ich also seine Versorgung wieder rauben, ihn in Verlegenheit und Kummer versetzen, die um so bitterer für ihn sein werden, als er während einiger Tage die Freude und das Glück kennen gelernt hatte? Nein wahrhaftig, das werde ich nicht thun. Ich habe sechshundert Franken bei mir! ich will nach Paris gehen, dort werde ich vielleicht ein kleines Amt finden; sei es noch so unbedeutend, so wird es mir genügen, dann verursache ich doch Niemand Kummer! ... Gesagt, gethan. Ich bestieg wieder meinen Hammel und kam nach Paris, und sehen Sie, wie man stets belohnt wird, wenn man rechtschaffen handelt; gleich nach meiner Ankunft traf ich in dem Gasthause, wo ich frühstückte, den Commis eines Parfümeriehändlers en gros, welcher Schreibereien in Ordnung zu bringen hatte. Ich erzählte dem Commis meine Geschichte; er interessirte sich für mich, führte mich zu seinem Prinzipale, der mir die Stelle gab, mir jedoch gleich zum Voraus sagte, die Beschäftigung werde nur einige Monate dauern und ich müsse mich dann anderwärts umsehen. Aber ich nahm sie immerhin an und dachte: mit der Zeit kommt Rath. Ich suchte ein Logis in der Nähe des Ladens meines Geschäftsherrn, miethete dieses, verkaufte meinen armen Hammel ... ach! um den that mir's leid, das muß ich gestehen, aber ich besaß nicht mehr die Mittel, ein Pferd zu halten. Ich schaffte mir einige Möbeln an und war noch im Stande, einem armen jungen Mädchen ein Zimmer anzubieten, welches man schwer krank zu dem Töpfer unten gebracht hatte, und dieses junge Mädchen war zufällig Zeuge des Diebstahls, der an mir verübt worden war; sie hat unsern Herrgott angerufen, daß mir die Räuber nichts zu Leide thun sollten, und vielleicht hilft mir ihr Zeugniß und diese Waffe, die sie gefunden hat, eines Tages noch zur Entdeckung meiner Diebe! ... Ach, Sie sehen wohl, liebes Kind, in diesem Allem den Fingerzeig der Vorsehung ... man hat daher Recht, nie zu verzweifeln! ... oder etwa nicht?

Anziehend sei euch meine Weisheitslehre,
Um fortzuscheuchen böser Träume Grauen;
Nehmt's Glas zur Hand, und Trost der Spruch gewähre:
»›Noch darf dem Gott der Guten man vertrauen!‹«

Die Mittheilungen, die sich der Greis und das junge Mädchen gegenseitig gemacht hatten, befestigten die Freundschaft, welche sie bereits verband, noch inniger. Jetzt waren sie einander nicht mehr fremd, sie kannten sich, und ein Geheimniß schloß sie aneinander an; denn der gute Savenay war ganz der Ansicht von Rosa-Maria's Vater; auch er hielt es für gerathen, daß sie mit Niemand von dem, was sie im Walde gesehen, sprechen sollte, da sie dieses tausenderlei Gefahren aussetzen könnte. Wenn nämlich Diejenigen, welche das Verbrechen verübt, erfahren würden, daß sie Zeuge desselben gewesen und eine Waffe besitze, die als Beweisstück gegen sie dienen könnte.

Man war also streng übereingekommen, daß Rosa-Maria weder der Frau Bichat noch sonst Jemand sagen solle, wo sie den Greis schon gesehen habe, und dieser legte die kleine Pistole wieder an ihren Ort in dem Koffer und sagte: »Man darf das auch nicht sehen lassen, muß es sorgfältig vor Aller Augen verbergen ... und da Sie glauben, mein Kind, daß die, welche mich beraubt haben, Männer aus den bessern Ständen sind, so kann der Zufall Sie zu ihrer Entdeckung führen. Sie können vielleicht eine ähnliche Waffe in ihren Händen sehen, kurz, wer weiß, was Alles geschehen kann; die Hauptsache ist, vorsichtig zu sein und sich nicht durch Verrathen Ihres Geheimnisses bloßzustellen. Uebrigens wird Ihr Vater ohne Zweifel bald nach Paris kommen und ich hoffe, er wird derselben Meinung sein wie ich.«

Allein mehrere Tage verstrichen, Rosa-Maria konnte schon wieder aufstehen, im Zimmer auf- und abgehen, frische Luft am Fenster einathmen, und ihr Vater hatte ihr noch nicht geschrieben, war auch nicht, wie sie voraussetzte nach Paris gekommen.

Das junge Mädchen fing an unruhig zu werden, weil sie keine Nachrichten von Hieronymus erhielt, und sie war entschlossen, sobald es ihre Kräfte erlaubten, in ihr Dorf zurückzukehren.

»Wenn wir doch Ihre Onkel hätten auffinden können,« sagte Vater Savenay. »Da Ihr Vater nicht kommt, um Sie abzuholen, denkt er allem Vermuthen nach, es werde Ihnen noch gelungen sein, die Wohnung eines oder des andern seiner Brüder aufzufinden. Soll ich mich nicht noch einmal an den bezeichneten Orten erkundigen? Erinnern Sie sich der Adressen noch?« – Ich erinnere mich nur noch der ersten,« antwortete Rosa, »wo ich meinen Onkel Nicolaus Gogo finden sollte; es war in der St. Lazarusstraße Nr. 60, dort bin ich zuerst gewesen. – »St. Lazarusstraße Nr. 60? alle Welt! das ist sonderbar,« rief der Greis aus, »ich meine unter dieser Adresse sollte ich den Herrn St. Godibert finden, bei dem ich meine Gelder anzulegen beabsichtigte.« – Haben Sie ihn denn nicht besucht, seit Sie in Paris sind? – »Wozu, mein Kind? was hätte ich dort machen sollen? Zu ihm sagen: Mein Herr, man hat mir das Geld gestohlen, das ich bei Ihnen anlegen wollte! das war überflüssig. Aber ich habe den Empfehlungsbrief aufbewahrt, den mir Herr Cendrillon an seinen Freund mitgegeben hatte ... ich will ihn einmal holen und nach der Adresse sehen.«

Der gute Mann suchte in der Tasche seiner Jacke, zog einen noch versiegelten Brief heraus und las: »Herr St. Godibert, St. Lazarusstraße Nr. 60.«

»In dem nämlichen Hause sollte mein Onkel Nicolaus wohnen,« sagte Rosa.

»O! dann mein Kind, gehe ich hin; ja, ich will diesen Herrn St. Godibert aufsuchen; Dank diesem Schreiben wird er mich gut aufnehmen, ich bin es überzeugt, und durch ihn werden wir erfahren, ob Ihr Onkel Gogo früher in seinem Hause gewohnt hat.«

Die Jungfrau dankte dem Vater Savenay für die Mühe, die er sich abermals geben wollte, um ihr nützlich zu sein, und dieser verließ Rosa-Maria mit den Worten: »Sie sehen nun, daß unser Zusammentreffen keine Wirkung des Zufalls war! ... die Vorsehung ordnete die Dinge zum Voraus an. Lassen Sie uns hoffen! Mir werden Sie vielleicht die Auffindung Ihrer Onkel, und ich Ihnen die Auffindung meiner Diebe verdanken.«

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