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Die Familie Gogo

Charles Paul de Kock: Die Familie Gogo - Kapitel 21
Quellenangabe
pfad/kock/famigogo/famigogo.xml
typefiction
authorPaul de Kock
titleDie Familie Gogo
publisherRieger'sche Verlagsbuchhandlung
printrunDritte Auflage
year1861
translatorHeinrich Elsner
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20091104
projectidf92e4863
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Zwanzigstes Kapitel.

Die Jungfrau bei dem Greise

In kurzer Zeit befand sich Rosa-Maria in einem kleinen, sehr bescheiden möblirten, aber reinlichen und geordneten Zimmerchen. Frau Bichat hatte eine Nachbarin herbeigerufen und die beiden Männer fortgeschickt, um das junge Mädchen zu Bett zu legen, die mit sich anfangen ließ, was man wollte, und nicht mehr die Kraft hatte, ein Wort zu sprechen.

»Sie hat ein Fieber wie ein Roß,« sagte die Töpferin, dem Vater Savenay rufend, der mit Bichat im Nebenzimmer wartete; »sie hat sich tragen, zu Bette legen und Alles mit sich anfangen lassen, ohne ein Wort zu sagen; man könnte fast meinen, sie sei besinnungslos.«

Der Vater Savenay kehrte zu Rosa-Maria zurück: er verordnete einen Thee, dessen Besorgung Frau Bichat übernahm. Eine Frau, die gegenüber wohnte, versprach, bei der Kranken zu bleiben, wenn die Töpferin keine Zeit dazu habe, und der Greis sagte: »Jetzt, meine Kinder, haben wir gethan, was wir thun konnten; wir wollen hoffen, daß die Vorsehung uns zu Hülfe komme und sich der Sache ebenfalls ein wenig annehme; sollte die Kleine kränker werden, nun, so habe ich noch einige Ersparnisse in meiner Kasse und lasse einen Doktor holen; aber Ruhe, Sorgfalt und ein guter Thee, wie ich ihn verordnet, werden es überflüssig machen.«

Damit begab sich der Greis an sein Geschäft, der Töpfer stieg in seinen Laden hinab und Frau Bichat holte in der Apotheke den Thee für die Kranke; denn seit die eifersüchtige Clara nicht mehr befürchten mußte, daß ihr Mann in der Nähe des jungen Mädchens schlafen werde, fühlte sie ein doppeltes Interesse für dieselbe und zeigte den größten Eifer für ihre Verpflegung.

Herr Bichat hatte sich gegen seine Frau mehrmals erboten, in den fünften Stock hinaufzugehen und ihr bei der Pflege der Kranken behülflich zu sein; aber Frau Bichat antwortete ihrem Mann: »Man braucht Dich nicht, Du mußt Deine Nase nicht in Alles stecken, namentlich bei einem jungen Mädchen; stecke sie meinethalben in Deine Töpfe, das ist Deines Amtes; es ist eine Nachbarin da, die mir hilft, und wenn's nöthig ist, sind noch Andere da, die mir auch ihre Dienste angeboten haben. Ein Mann braucht nicht den Krankenwärter bei einer Person vom andern Geschlechte zu machen.«

Der Vater Savenay war in dem Magazine eines Parfümeriehändlers en gros angestellt, wo er die Bücher führte und das Geschäft erst um vier Uhr verließ, um zu Mittag zu essen, und nach dem Essen wieder bis neun Uhr dorthin zurückkehrte. Das Haus, in welchem er seine Beschäftigung hatte, war in der Straße St. André-des-Arts, nicht weit von seiner Wohnung entfernt. Daher ging der gute Greis, statt sich wie gewöhnlich um vier Uhr in eine der billigen Restaurationen zu begeben, deren es in jenem Quartier viele hat, vorher nach Hause, um sich nach der jungen Kranken zu erkundigen.

Rosa-Maria war in ein fürchterliches Fieber gefallen, und ihre unzusammenhängenden Reden bewiesen, daß sie nicht mehr im ungestörten Besitz ihrer Geisteskräfte war. In den abgebrochenen Sätzen, die ihr entschlüpften, nannte sie oft Hieronymus' Namen und rief ihren Vater zu Hülfe, da sie sich noch von dem jungen Manne verfolgt glaubte, der sie mit sich hatte nehmen wollen.

Frau Bichat saß mit zwei andern Nachbarinnen bei der Kranken und jammerte über den Zustand des jungen Mädchens mit den Worten: »Das arme Kind! ... welches Unglück, wenn sie sterben würde, da wir nicht einmal wissen, wer ihre Eltern sind, wo sie her ist ... Niemand Nachricht geben können! ... und in diesem Augenblicke weint man vielleicht um sie, sucht sie, oder glaubt sie ganz glücklich in Paris! Es ist recht unklug, ein so junges Geschöpf allein reisen zu lassen.«

Zu Hause angekommen, begab sich Vater Savenay schnell zu der Kranken, nahm sie bei der Hand, schüttelte den Kopf und murmelte: »Ich dachte mir, daß es so kommen würde! ein heftiges Fieber! ... das Delirium! Das junge Mädchen hat zu starke Gemütsbewegungen erlitten, sich über die Maßen angestrengt, aber bei ihrer Jugend muß sie genesen und den Sieg über die Krankheit davon tragen; es kann vielleicht lange dauern, aber wir werden sie retten.«

Und als der gute Mann in das Nebenzimmer seines Logis ging, sah er ein Bett darin, das man ihm auf Gurten hergerichtet hatte, worüber er ausrief: »Was ist das? woher kommt dieses Bett? ich hätte es nicht gebraucht, ich hätte eben so gut auf einem Stuhl, auf einem Strohsack oder auf dem Boden schlafen können«' – Warum nicht gar!« sagte Frau Bichat, »Sie glauben, man hätte Sie so schlafen lassen, damit Sie auch krank geworden wären! ... O nein! Und abgesehen davon, glauben Sie nicht, daß es Einem auch Vergnügen macht, Theil an der guten Handlung zu nehmen, die Sie ausüben? daß man auch ein Herz hat? ... ich habe eine Matratze und Leintücher hergeliehen, die Nachbarin das Bettgestelle, die Hausfrau unten eine Decke und ein Kopfkissen, und wir Alle werden abwechslungsweise bei der Kranken wachen. Bichat wollte mit seinem Gevatter, der zurückgekommen ist, auch heraufgehen, aber ich habe zu ihnen gesagt: Ihr seid beide noch zu jung, um die Kleine in ihrem Bett besuchen zu dürfen, ich werde euch schon Nachricht über ihr Befinden geben. So habe ich für Alles gesorgt, Vater Savenay. – »Gut, Madame Bichat,« antwortete der brave Mann. »O, bei den Frauen setzt mich die Barmherzigkeit nicht in Verwunderung: ich wußte wohl, daß Sie Mitleid mit dem armen Kinde haben würden. Potz Kuckuk! wenn man mich nicht bestohlen hätte, wäre ich reich, recht wohlhabend wenigstens, und könnte für die Kleine eine Wärterin bezahlen; aber was geschehen ist, ist vorbei, darüber läßt sich nichts mehr sagen! Jetzt müssen wir eben selbst wachen. Ich gehe zum Essen, denn die Gesunden müssen zum Mindesten bei Kräften bleiben, damit sie denen beistehen können, die keine mehr haben; dann muß ich noch einmal an mein Geschäft gehen, komme aber so bald als möglich wieder.« – Der Vater Savenay ist also bestohlen worden?« fragte eine Nachbarin Frau Bichat, nachdem der gute Mann sich wieder entfernt hatte.

»So viel er sagt, ist er in einem Walde angefallen worden und man hat ihm eine bedeutende Summe, sechzigtausend Franken, wie er behauptet, geraubt, das geht ihm sehr nach.« – Dem Vater Savenay sechzigtausend Franken ... ah bah! woher sollte er sie denn gehabt haben? – »Ah! meiner Treu'! das weiß ich nicht; es ist auch möglich, daß er die Summe ein Bißchen vergrößert!« – Es ist allemal so; wenn man bestohlen wird, sagt man immer, es sei mehr gewesen. – »Um das Unglück interessanter zu machen.« – Vielleicht hat man ihm nur sechshundert Franken gestohlen! – »Vielleicht nicht einmal so viel! Aber einerlei! er ist ein braver, sehr gefälliger und dienstfertiger Mann.« – Und immer heiter und frohen Muthes! – »Darin liegt gerade der Beweis, daß man ihm keine sechzigtausend Franken gestohlen hat! wie wäre es sonst möglich, daß er so heiter sein könnte?« – Nein, das wäre physikalisch unmöglich, denn wenn man mir nur sechzig Franken stähle, bekäme ich sicher die Gelbsucht, und würde nicht mehr davon geheilt werden.«

Der Vater Savenay sprach selten von dem Unfall, der ihn feines Vermögens beraubt hatte. Das Gespräch der drei Klatschbasen, seiner Nachbarinnen, beweist, daß er Recht hatte; im Allgemeinen schenkt die Welt dem Unglück Anderer wenig Glauben; sie nimmt an, daß Der, welcher das Opfer eines Diebstahls, oder dessen Zutrauen mißbraucht wurde, den Werth seines Verlustes bedeutend vergrößere, um desto mehr Interesse zu erregen. Und da diese Taktik in der That schon oft angewandt wurde, so folgt daraus wie immer, daß man Denen, welche die Wahrheit sprechen, eben so wenig glaubt als Denen, die lügen.

Mit der Nacht kehrte der Greis zu dem jungen Mädchen zurück, für welches er bereits die lebhafteste Theilnahme empfand. Mit ihrem Zustand schien noch nicht die mindeste Veränderung vorgegangen zu sein; eine der Nachbarinnen erbot sich, die Nacht bei ihr zu wachen, aber Vater Savenay versetzte: »Machen Sie sich noch keine Mühe, so lange es nicht nöthig ist; ich bin daran gewöhnt, wenig zu schlafen. In Nemours legte ich mich spät nieder, weil ich, nachdem ich mit meinen Bekannten geplaudert und geschwatzt, noch zu lesen und zu arbeiten hatte, und im Sommer war ich mit Tagesanbruch, im Winter um fünf Uhr schon wieder auf; dieser Lebensweise verdanke ich vielleicht meine gute Gesundheit. Deßhalb will ich bis Mitternacht wachen und um vier Uhr in der Frühe wieder aufstehen und mich an's Bett der Kranken setzen. Um sechs oder sieben Uhr ist es dann Zeit genug, mich abzulösen.«

Die Nachbarinnen und Frau Bichat gaben dem guten Mann nach: sie gingen und versprachen Alle, am folgenden Morgen bei guter Zeit zu kommen, um zu hören, wie die Kleine die Nacht zugebracht habe.

Als sie sich entfernt hatten, sagte Vater Savenay zu sich: »Ich lege mich gar nicht schlafen, sondern wache die ganze Nacht bei dem armen Kind; wenn ich aber den Nachbarinnen gesagt hätte, daß das meine Absicht sei, so würden sie es nicht zugegeben haben; sie hätten heute, vielleicht morgen noch gewacht, dann wäre aber möglicherweise ihr Eifer erkaltet; es ist daher besser, wenn ich ihn zu erhalten suche, denn ich fürchte, das junge Mädchen wird denselben lange in Anspruch nehmen müssen! Es gibt so viele Leute, die auf Augenblicke einen Anfall von Menschenliebe und Gefühl haben, deren edle Empfindungen aber eben so schnell erlöschen, als sie erweckt worden sind.«

Der Greis nahm von einem Tischchen ein kleines, sehr dickes Buch, welches er mit Liebe zu betrachten schien, und murmelte vor sich hin: »Dieses haben sie mir glücklicherweise nicht gestohlen! es hätte mir sehr leid gethan! Ich weiß zwar, daß man sich das gleiche wieder anschaffen kann, aber einerlei, ich hänge an diesem; der alte Vetter, den ich beerbt habe, hatte es mir zu meinem Namensfest geschenkt, und da das Alles ist, was ich jetzt noch von seiner Erbschaft besitze, so ist es sehr natürlich, daß der kleine Band einen Werth für mich hat ... und dann liebe ich auch Alles, was darin steht, über alle Maßen.«

Damit rückte der Vater Savenay in der Nähe des Bettes einen alten hölzernen Lehnstuhl zu einem Tische, auf dem eine Lampe brannte, und sorgte dafür, daß das Licht der Kranken nicht in's Gesicht schien. Und nachdem er das Feuer im Kamin angeschürt und nachgesehen hatte, ob der Thee heiß sei, setzte er sich in den Lehnstuhl, öffnete sein kleines Buch und trillerte leise, ganz leise, so daß man nur einen leisen Hauch von Stimme vernehmen konnte, das Lied von den Sternen, die schießen; denn er hatte eine Sammlung von Bérangers Liedern in der Hand. Die Werke des berühmten Liederdichters waren ein Schatz für den Vater Savenay, der, mit einem glücklichen Charakter begabt, immer gern gesungen, und bei dem das Alter diese Neigung, welche seinen frohen Sinn aufrecht erhielt, nur noch vermehrt hatte.

Und es war ein zugleich originelles und rührendes Gemälde, dieses junge Mädchen von einem Greise bewacht zu sehen, dessen graues, beinahe kahles Haupt von Gesundheit, Herzensgüte und heiterem Humor erglänzte und ihn dann mit leiser, aber reiner und sanfter Stimme summen zu hören:

»Wenn, Kind, ein Sterblicher verscheidet:
So fällt sein Stern vom Himmel hoch.
Mit Freunden, die ihm Lust bereitet,
Trank singend dieser eben noch.«

Dann hielt Vater Savenay inne, beugte sich vor nach der Kranken, um zu sehen, ob sie nichts brauche und dachte dann in seinem Sinne: »Es gibt Leute, die es vielleicht unpassend fänden, daß ich neben einer Kranken Lieder singe, aber ich sehe nichts Unrechtes darin. Ich glaube, daß wenn ich bettlägerig wäre, es mir lieber sein würde, von einer heitern, als von einer traurigen Person bewacht zu werden; denn die Traurigkeit Derer, die uns abwarten, muß uns auf den Gedanken bringen, wir seien gefährlich krank, und mit solchen Befürchtungen heilt man die Leute nicht. Wenn indeß diese Kleine wirklich in Gefahr wäre, so fühle ich wohl, daß ich nicht singen könnte; aber dieses Delirium ist eine Folge des Fiebers, und das Fieber eine Folge der Ermüdung! durch Ruhe und Pflege wird es schon wieder vergehen.«

Damit schlug der gute Mann sein Buch wieder auf und sang wieder mit schwacher Fistelstimme:

»Schon wiederum ein Stern, der schießt!
Der schießt und schießt und untergeht!«

Und nach diesem Lied sang Vater Savenay ein anderes und so ging die Nacht herum; denn wenn der Greis zufällig vom Schlafe überwältigt, einen Augenblick die Augen schloß, so machte er sie bald wieder auf, sah nach seiner Kranken, las wieder in seinem Liederdichter und sing mit neuem Vergnügen zu singen an.

Mit dem Tage kehrten die Nachbarinnen und Frau Bichat, welche nicht vermutheten, daß der gute Savenay die ganze Nacht bei der Kranken gewacht habe, zurück, um ihn abzulösen.

Der zweite Tag verstrich wie der vorige, ohne irgend eine Veränderung in dem Zustand des jungen Mädchens herbeizuführen. Der Vater Savenay wachte wieder bei ihr, indem er durch das Auswendiglernen von Bérangers Liedern den Schlaf von seinen Augenlidern zu verscheuchen suchte, und sagte dann zuweilen vor sich hin: »Es ist nicht möglich, daß der Himmel diesem jungen artigen Kinde, welches so tugendhaft scheint und in seinem Delirium immer nach seinem Vater ruft, die Gesundheit nicht wieder verleihe! aber dieser arme Vater! Welches Unglück, gar keine Spur und keinen Fingerzeig zu haben, wodurch man ihn entdecken und zu seiner Tochter her bescheiden könnte! Denn ich bin überzeugt, sie würde seine Stimme erkennen und das Glück, welches sie empfände, ihren Vater in ihrer Nähe zu wissen, würde ohne Zweifel zur Wiederherstellung ihrer Gesundheit beitragen.«

Am folgenden Tage schien Rosa-Maria sehr krank; ihr Delirium hatte sich vermehrt, ihr Fieber war heftiger, ihre Brust bewegter geworden. Der Vater Savenay wollte sich nicht mehr auf seine Wissenschaft verlassen: er holte selbst einen Arzt und führte ihn an das Bett der jungen Kranken.

Der Doktor betrachtete das junge Mädchen, billigte fast Alles, was der Greis verordnet hatte und verschrieb eine Arznei.

»Man muß dem Fieber seinen Lauf lassen,« sagte er hierauf; »bis zum neunten Tage kann ich für nichts stehen; aber dann muß man hoffen, daß eine heilsame Krisis eintreten und die Jugend der Kranken über das Uebel siegen wird.« – Wenn sie aber stürbe!« rief Frau Bichat aus, als sich der Arzt entfernt hatte; »nicht einmal zu wissen, wie sie heißt ... Gevatter Glureau weiß es vielleicht. – »Sobald er wieder kommt, Nachbarin,« sagte Savenay, »lassen Sie ihn heraufgehen, ich will ihn befragen; wir werden uns dann bemühen, mit dem, was aus dem Manne herauszubringen ist, Etwas über das junge Mädchen zu erfahren.«

Der Gassenkehrens-Inspektor ermangelte nicht, sich jeden Tag nach dem Befinden Derjenigen zu erkundigen, die er seinen Schützling nannte, und der Töpfer konnte ihm bloß sagen, was er von seiner Frau erfuhr, die ihm noch nicht erlaubt hatte, das junge Mädchen an ihrem Bette zu besuchen.

Aber der beunruhigende Zustand Rosa-Maria's gestattete der Frau Bichat nicht mehr, an ihre Eifersucht zu denken, und sie sagte zu ihrem Manne, er möchte Glureau zu dem Hausherrn heraufschicken, sobald er käme.

Der galante Töpfer ergriff diese Gelegenheit, um ebenfalls nach der Kranken zu sehen und stieg daher ohne Bedenken mit seinem Gevatter zu Vater Savenay hinauf, der gerade von allen Nachbarinnen umgeben, oben war.

Der Mann mit dem Kosakengesicht betrachtete die Kranke, stieß einen tiefen Seufzer aus und sagte: »Mein Gott! wie hat sie sich schon verändert! ... ich habe sie so hübsch und so frisch im Wagen gesehen, daß es ein allgemeiner Ausruf der Bewunderung war; die Männer hatten nicht Augen genug, um nach ihr zu sehen ... und jetzt ist ihre blühende Farbe verschwunden, ihre Augen liegen tief und haben Ringe, und ihre Lippen sind blaß.« – Trotzdem sieht man immer noch, daß sie sehr hübsch ist!« murmelte Bichat, seinen Kopf vorstreckend.

Aber seine Frau zog ihn am Rockschoß bis in den Hintergrund der Stube zurück und sagte zu ihm: »Ihre Bemerkung, Herr Bichat, ist hier gar nicht am Platze; gehen Sie zu Ihren Töpfen zurück, das wird besser sein, als unschickliches Zeug zu reden.«

Der Vater Savenay trat auf den ehemaligen Knopfmacher zu und begann: »Mein Herr, es wäre von großer Wichtigkeit, die Familie dieses jungen Mädchens zu entdecken, welche überdies wegen des armen Kindes sehr in Sorgen sein muß; sagen Sie uns um Gottes willen Alles, was Sie wissen, das könnte uns vielleicht auf eine Spur führen.« – Was soll ich Ihnen sagen?« rief Glureau aus, »ich weiß gar nichts! sehen Sie, das ist die ganze Geschichte: Ich war auf dem Eisenbahnzug, ich kam von Orleans her, auf einem der bessern Plätze, weil es keinen andern mehr gegeben hatte. In Corbeil stieg dieses junge Mädchen in unsern Wagen: sie saß sehr eng zwischen einem jungen Mann und einem alten Keucher, der für sich allein den Platz von Vieren einnahm; ich bot ihr meine Ecke an ... ich hatte nämlich eine Ecke; sie schlug sie aus, damit basta; man sprach nicht mehr miteinander. Wir kamen an, ich ging meinen Geschäften nach und kümmerte mich nichts weiter um dieses junge Blut; aber am folgenden Morgen war ich bei Tagesanbruch auf der Hôtel-Dieu-Brücke in einem Café unter freiem Himmel mit Burschen, deren Einer, der Wilde, mich schon zweimal genöthigt hatte, ihm bei dem kleinen Véry in der Croussolstraße in einer Portiersloge ein Mittagessen zu bezahlen. Kurz, dieser hatte ein junges, auf einer steinernen Bank eingeschlafenes Mädchen entdeckt; wir näherten uns Alle, um sie zu betrachten, und ich erkannte die Mamselle von der Eisenbahn. Die Schlingel, unter andern der junge Wilde, wollten sie mit sich nehmen; aber ich sah wohl, daß sich das arme Kind fürchtete; ich bot ihr meinen Arm an und führte sie zum Gevatter Bichat, das ist Alles, was ich weiß. – »Aber hat sie unterwegs, während ihr hierher ginget, nichts mit Ihnen gesprochen?« – Ach ja! ... sie hat mir gesagt: »Es friert mich sehr!'« und ich habe geantwortet: Das kommt davon her, weil Sie Nachts auf der Straße geschlafen haben ... da sind Sie auf allen Seiten vom Wind angeblasen worden. – »Und dann?« – Hat sie wieder gesagt: Ich hatte es so gut daheim bei meinem Vater, aber er wollte, daß ich nach Paris zu meinen Onkeln gehe; man hatte mir ihre Adressen gegeben, aber sie waren, so viel es scheint, unrichtig. – »Und sie hat den Namen ihrer Onkel nicht genannt?« – Gar keinen; nur hat sie dann ein kleines Papierchen zerrissen und auf die Straße geworfen; ich vermuthe, daß das die Adressen waren, die man ihr gegeben hatte. – »Ach, wie ärgerlich! das hätte uns vielleicht auf eine Spur geführt.« – Ein junger Mann war ihr nachgegangen, hatte sie mit sich nehmen und beleidigen wollen ... eine jener Geschichten, wie sie hübschen Frauenzimmern begegnen, die allein gehen; sie hatte sich geflüchtet, dann vor Müdigkeit erschöpft, auf eine Bank gesetzt ... das ist's ... – »Und bei ihr, in ihren Taschen haben Sie nichts gefunden?« –Nichts als eine gestrickte Geldbörse, die leer war, ein Schlüsselchen und ein weißes Sacktuch mit einem R. M. und G. bezeichnet. – »Wer kann auf solche Indicien hin eine Familie finden!« – Nun,« versetzte der Vater Savenay, »wir müssen auf die Hoffnung, zu erfahren, wer das junge Mädchen ist, ehe sie es uns selbst sagen kann, Verzicht leisten: ihr seht, lieben Freunde, daß sie bloß noch uns als Stütze und Familie hat, das muß ein Grund mehr für uns sein, unsere Sorgfalt für sie zu verdoppeln und Allem aufzubieten, ihre Gesundheit wieder herzustellen.«

Alle waren der Ansicht des Greises und Jeder versprach ihm auch fernerhin seine Unterstützung bei dem guten Werke, das er unternommen. Diese Nacht blieb eine Nachbarin da, um bei der Kranken zu wachen, und zum erstenmal legte sich der gute Mann, ohne ein Liedchen seines geliebten Dichters zu trillern, ins Bett. Der entweder Unglück oder Heil bringende Zeitraum, den der Arzt angekündigt hatte, wurde von Allen, die Rosa-Maria verpflegten, mit Ungeduld erwartet. Dieser neunte Tag der Krankheit erschien und die Kranke fiel in der That nach einem außerordentlich heftigen Anfall des Deliriums in eine tiefe Ermattung, dann schien sie ruhiger zu werden und ein fester Schlaf folgte auf diese letzte Krisis.

»Sie ist gerettet!« sagte der Arzt, der sich gerade bei der Kranken befand, »jede Gefahr ist vorüber; jetzt Ruhe, sorgfältige Pflege, keine Unbesonnenheiten und das arme Kind ist in zwölf bis vierzehn Tagen wieder im Stande, auszugehen.«

Diese Worte des Doktors verursachten eine aufrichtige Freude unter allen Anwesenden, denn Jeder interessirte sich lebhaft für die junge Unbekannte; je mehr man für sie gethan hatte, je glücklicher machte Einen der Gedanke, daß es nicht umsonst gewesen sei.

Der Arzt hatte sich nicht geirrt: nach einem sehr langen Schlafe schlug Rosa-Maria die Augen auf; sie war ruhig, sie fühlte sich besser; sie blickte um sich her und suchte sich zu besinnen, wo sie sein könne, und in diesem Augenblick hörte sie mit Staunen eine feine zitternde Stimme dicht neben sich singen:

»Einst wirst Du alt, o meine schöne Herrin,
Einst wirst Du alt und dann bin ich nicht mehr.«

Denn seit man für das Leben der Jungfrau zu zittern aufgehört, hatte Vater Savenay beim Nachtwachen wieder zu singen angefangen, und da es gerade Morgens früh um ein Uhr war, so saß der brave Mann allein in dem großen strohernen Lehnstuhl bei der Kranken und hatte sein Lieblingsbuch in der Hand.

Die Stimme des Greises war so sanft, so klar, daß Rosa wartete, bis er fertig war, ehe sie einige Worte stammelte. Sobald sie der gute Savenay sprechen hörte, stand er auf und trat an ihr Bett. »Wo bin ich denn, mein Herr?« murmelte Rosa. –»Machen Sie sich keinen Kummer, liebes Kind, man sorgt für Sie! ... Wie fühlen Sie sich aber vor allen Dingen? – »Gut, mein Herr, nur mein Kopf ist so schwach.« – Ich glaube es wohl, nach einer so heftigen Krankheit ... denn Sie waren sehr übel auf, mein armes Kind! Aber dem Himmel sei Dank, die Gefahr ist vorüber. Sie bedürfen jetzt bloß noch der Pflege und Ruhe. Seien Sie ganz unbesorgt, man läßt Ihnen nichts abgehen ... ein braver Mann hatte Sie zu Bichat, dem Töpfer, geführt, dessen Laden unten im Hause ist. – »Ach ja! ... ich glaube mich zu erinnern.« – Still! ... sprechen Sie nicht; das Ehepaar Bichat sind brave Leute, aber ihr Laden ist so klein, daß sie Sie nicht bei sich behalten konnten. Da ich im obern Stocke des Hauses wohne, habe ich ihnen dieses Zimmer angeboten; ich habe noch ein anderes, das hinreichend groß für mich ist. Man hat Sie mit Vertrauen zu mir gethan und ich hoffe, liebes Kind, daß mein Alter und mein Charakter auch dasselbe in Ihnen erwecken werden – »Ach! gewiß, mein Herr!« – Sprechen Sie nicht! ... Uebrigens bin ich nicht allein zu Ihrer Pflege da; Frau Bichat kommt des Tages sehr oft herauf, um nach Ihnen zu sehen; und die Nachbarinnen von neben und unten, kurz, fast alle Bewohner des Hauses wollten Theil an diesem guten Werke nehmen. Die Menschlichkeit ist nichts so Seltenes, als viele Leute behaupten wollen ... Ich gehöre auch nicht zu der Zahl Derer, die meinen, Alles gehe schlimm; damit waren Sie über Ihre Lage getröstet. Sie sind noch nicht im Stande, zu sprechen, es würde Sie anstrengen, aber morgen, wenn es, wie ich hoffe, fortwährend besser geht, plaudern wir eins zusammen, inzwischen werden Sie eine gute Tasse Thee trinken und noch einmal einschlafen.«

Rosa-Maria war lebhaft gerührt von dem Interesse, welches der gute Greis für sie an den Tag legte, und daß er trotz seines Alters bei ihr wachte, sie wollte einige Worte an ihn richten, um ihm ihre Erkenntlichkeit auszudrücken, aber er winkte ihr, still zu sein, und nachdem er ihr eine Tasse Thee gereicht und die strengste Gemüthsruhe anempfohlen hatte, setzte er sich wieder in seinen Lehnstuhl.

Und nach einigen Minuten schlummerte die Kranke, eingewiegt von dem Verse:

»Vom Heimathland entfernt, das er so sehr geliebt,
Irrt der verbannte Sohn, sein Herz zum Tod betrübt.
Kommt, laßt uns reichen ihm die Bruderhand,
Bei uns find' er sein zweites Vaterland.«

wieder ein.

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