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Die Familie Gogo

Charles Paul de Kock: Die Familie Gogo - Kapitel 20
Quellenangabe
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typefiction
authorPaul de Kock
titleDie Familie Gogo
publisherRieger'sche Verlagsbuchhandlung
printrunDritte Auflage
year1861
translatorHeinrich Elsner
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20091104
projectidf92e4863
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Neunzehntes Kapitel.

Der Greis und die Jungfrau

Der Greis, den schon Jedermann im Quartier den guten Vater Savenay hieß, folgte der Frau Bichat und stand bald vor Rosa-Maria, die auf dem Lehnstuhl sitzend mit auf die Brust gesenktem Kopfe eingeschlummert oder in Gedanken versunken zu sein schien, deren nervöses Zittern aber nicht bloß Müdigkeit, sondern Krankheit andeutete.

Der Greis betrachtete die Jungfrau; er nahm sie bei der Hand und fühlte ihr den Puls: Rosa ließ es geschehen und schien nicht mehr wahrzunehmen, was um sie her vorging.

»Das junge Fräulein ist in einem beängstigenden Zustand,« sagte der Vater Savenay. »Das Fieber rast mächtig in ihr ... O, zum Kuckuk! man sollte sie augenblicklich zu Bette legen ... das arme Mädchen! ... sie kann unmöglich ihre Reise antreten, vor mehreren Tagen nicht; sie wäre gegenwärtig außer Stand, sich auf den Beinen zu halten.« – Ach! mein Gott! so kam es mir auch vor! Was ist zu machen? ... sie in unser Bett legen? ... Wenn ich allein wäre, würde es mir gleichgültig sein! ich könnte in einer großen Kachel schlafen; wo soll ich aber Bichat hinstecken? ... Und das junge Kind in ein Spital zu schicken wäre doch auch mißlich. Und der abscheuliche Bichat bleibt ewig aus! ... Ach, da kommt er endlich!«

Der Töpfer kehrte mit seinem großen und seinem kleinen Napf voll Milch zurück; seine Frau ging auf ihn zu, schüttelte ihn am Arme und sagte: »Fünfundzwanzig Minuten auszubleiben, um an die Straßenecke ... zehn Schritte weit zu gehen? ... ich habe auf die Sonnenuhr gesehen, als Du fortgegangen bist: fünfundzwanzig Minuten sind es; schämst Du Dich nicht?« – Nimm Dich in Acht, Clara, Du bist Schuld, wenn ich den Rahm verschütte. – »Rahm hin, Rahm her! ... Davon ist nicht die Rede ... aber wo bist Du geblieben ... liederliche Haut ... fünfundzwanzig Minuten lang ... ich will nichts hören. Ausschweifling ... fünfundzwanzig Minuten! ...« – Kann man auf der Sonnenuhr auch die Minuten zählen? – »Ja, ich kann sie überall zählen; wie viel dummes Zeug hast Du geschwatzt, seit Du fort warst ... he?« – Ich mußte warten; die Milchfrau bediente die neue Magd des Spezereihändlers, eine Pikardierin, die noch nicht weiß, was usus ist. – »Ah! Du wirst ihr haben den Usus beibringen wollen, der Pikardierin vom Spezereihändler; sticht Dir die auch schon in die Augen?« – Ah! guten Tag, Nachbar Savenay! und wie steht's mit Leib und Leben ... immer frisch? – »Danke, Herr Bichat, ganz gut; aber hier ist ein junges Mädchen, von dem man das nicht sagen kann ... das arme Kind, es ist so interessant ... ihre Kleidung deutet Jemand Wohlhabendes vom Lande an ... Sie kennen keinen ihrer Verwandten hier? – »Wir kennen sie selbst nicht einmal! nicht wahr, Clara?« – Schweig, Luftibus! Ah! man wird Dir für die Pikardierinnen thun. Da hast Du was für die Pikardierinnen!«

Mit diesen Worten kam Frau Bichat hinter ihrem Mann her und kneipte ihn in den Arm. Dieser verschüttete darüber die Hälfte der Milch, die er trug, und schrie: »Da bekomme ich wieder mein blaues Andenken! Clara, Du mißbrauchst meine Güte: nimm Dich in Acht, daß ich nicht eines Tags aufbegehre, denn ich bin ein kleiner Kerl, aber ein Vieh, wenn ich anfange! ... Sie betrachten das junge Mädchen, Hausherr; mein Gevatter Glureau hat sie auf einer Steinbank schlafend gefunden. Nicht wahr, sie sieht aus wie eine niedergehockte Venus?« – Wo haben Sie eine niedergehockte Venus gesehen, Herr Bichat?« fragte Madame Bichat, ihrem Mann die beiden Milchgeschirre abnehmend. »Wahrscheinlich in der Cité oder wenn Sie auf dem Blumenkai herumstreichen unter dem Vorwande, mir einen Scherben mit Jelängerjelieber zu kaufen, den Sie aber nie mitbringen? Das ist etwas Sauberes, wenn man die Weibsbilder ansieht, wenn sie niedergehockt sind ... pfui! da sollte man die Blicke abwenden und rasch weiter gehen. – »Clara, ich spreche von einer Statue, von einer antiken Büste.« – Schweig mir nur mit Deiner dicken Bürste! Du gehörtest in den Hirschpark! –»Wie war das, Madame! was verstehen Sie unter Hirschpark?« schrie der Töpfer, den das Wort Hirsch in eine ärgerliche Laune versetzte. – »Ich verstehe darunter, daß Du Dir auch wie der hochselige König Ludwig XV. einen Hirschpark von Weibern halten würdest, wenn Dir das Geld dazu nicht fehlte ... Nun aber, was wollen wir mit der Jungfrau anfangen, die uns der Gevatter gebracht hat? Unser Hausherr sagt, sie sei sehr krank und der versteht's; in seiner Heimath besorgte er ein ganzes Hüttenwerk. Sie in das Spital zu schicken würde mir das Herz zerreißen; sie krank bei uns zu behalten, scheint mir nicht wohl möglich.« – Lege sie in unser Bett; Du kannst neben ihr schlafen, ich lege mich unter die Bettstatt. – »Nein, Herr, daraus wird nichts, Du darfst weder über, noch unter der Jungfrau liegen ... hm! es könnte Dir am Ende beifallen, in der Nacht den Schlafwandler zu spielen, dafür bedanke ich mich, alter Bock!« – Hausleute,« sagte der Vater Savenay, »Ihr seid zu eng logirt, um die Jungfrau bei Euch behalten zu können, und sie in ein Spital zu schicken, hielte ich ebenfalls für unpassend ... denn da gehört sie nicht hin. Aber es gibt ein Mittel, die Sache auszugleichen. Als ich im fünften Stockwerk des Hauses einmiethete, mußte ich nehmen, was leer war; es war zwar etwas zu groß für mich allein, aber ich fand gerade nichts Anderes, und es war mir von Wichtigkeit, in dieser Gegend zu wohnen, wo ich glücklicherweise eine Stelle gefunden hatte. Ich habe also oben zwei schöne Stuben und ein kleines Vorgemach, ich brauche bloß eine der Stuben und kann somit die andere dem armen Mädchen einräumen, oder ich gebe ihr vielmehr meine Stube und mache mir ein kleines Bett in die nicht von mir bewohnte. Jede dieser beiden Stuben hat einen eigenen Ausgang auf das Vorzimmer; es kann sich also Jeder besonders einschließen. Ueberdies glaube ich, daß man bei meinem Alter sich keine bösen Gedanken machen kann, wenn ich eine kranke Person bei mir aufnehme, nach der Frau Bichat die Gefälligkeit haben wird, öfters zu sehen; denn Ihr wißt, daß mich mein Geschäft den ganzen Tag und einen Theil des Abends außer dem Hause hält. – »Ob ich nach der Kleinen sehen werde!« rief Frau Bichat aus. »O, mein guter Hausherr, ganz gewiß werde ich das thun ... ach! wie brav sind Sie, Vater Savenay! aber das wird Sie stören. Sie aus Ihrer gewohnten Ordnung bringen!« – O! durchaus nicht, es macht mir im Gegentheil Vergnügen! ein Mann, der sein Leben auf dem Lande zugebracht hat, befindet sich überall wohl. – »Man hat weiß Gott Recht, wenn man im ganzen Quartier sagt, Sie seien der beste Mann, den es gebe.« – Jetzt müssen wir uns aber mit dem jungen Mädchen beschäftigen. Wir wollen sie miteinander in diesem Lehnstuhl hinauftragen, ich und der Nachbar, hier kann man sie so nicht mehr länger lassen. – »Und ich,« sagte Frau Bichat, »gehe auch mit hinauf, um das Bett zu richten und die Kleine zur Ruhe zu legen, denn das ist kein Geschäft für einen Mann. Du, Bichat, gehe zuerst zum Fleischer nebenan und sage ihm, er soll ein Bißchen auf unsern Laden Acht geben.«

Die Töpferin ist hocherfreut, daß der alte Nachbar der hübschen Unbekannten sein Zimmer leihen will. Vater Savenay gibt ihr den Schlüssel, sie hüpft leicht die fünf Treppen hinauf, indeß ihr Mann und der wackere Hausherr, der trotz seiner achtundsechzig Jahre noch stark und kräftig ist, den Lehnstuhl nehmen, auf dem Rosa-Maria liegt, und ihn langsam in das oberste Stockwerk des Hauses tragen.

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