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Die Familie Gogo

Charles Paul de Kock: Die Familie Gogo - Kapitel 19
Quellenangabe
pfad/kock/famigogo/famigogo.xml
typefiction
authorPaul de Kock
titleDie Familie Gogo
publisherRieger'sche Verlagsbuchhandlung
printrunDritte Auflage
year1861
translatorHeinrich Elsner
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20091104
projectidf92e4863
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Achtzehntes Kapitel.

Der Töpferladen

Wir haben Rosa-Maria verlassen, wie sie sich beim anbrechenden Tage am Arme des Desiderius Glureau von dem Café zu den nassen Füßen und seinen Stammgästen entfernte.

Der neue Gassenkehrensinspektor reichte der Jungfrau, während er sie unterstützte, den Arm mit einer gewissen Achtung. Dieser Mann war stolz darauf, der Beschützer eines so hübschen Mädchens geworden zu sein, und das Zutrauen desselben schmeichelte ihm; trotz seiner armseligen Garderobe und obgleich er weder Strümpfe noch Sacktuch trug, wäre ihm doch kein Augenblick der Gedanke gekommen, das arme Kind zu mißbrauchen.

Aber während Rosa-Maria mit ihrem neuen Beschützer vorwärts ging, schien sie vor Kälte zu zittern, ihre Zähne klapperten, Schauer durchrieselten ihre Glieder und es war ihr bisweilen, als ob sie ihre Kräfte verlassen wollten. Und doch war es erst Ende September, und das Wetter noch nicht kalt.

»Stützen Sie sich auf mich, Mamselle,« sagte der Kosakenkopf zu der Jungfrau; »ich meine, Sie frieren, Sie schaudern.«

– Ich habe in der That sehr kalt, mein Herr, ohne zu wissen, warum. – »O! ich weiß wohl warum, weil Sie unter freiem Himmel, auf der Straße, auf einer steinernen Bank geschlafen haben ... das ist sehr ungesund, besonders wenn man nicht daran gewöhnt ist, und man sieht es an Ihrem ganzen Wesen, daß Ihnen das etwas Neues ist.« – Ja wohl, mein Herr! bei meinem Vater war ich in meinem hübschen kleinen Stübchen so gut gebettet. – »Warum haben Sie denn Ihren Vater verlassen?«

– Weil er wollte, daß ich nach Paris zu meinen reichen Onkeln gehen sollte: er glaubte, ich würde glücklicher bei ihnen sein als in unserem Dorfe; aber gestern habe ich die Wohnung meiner beiden Onkel nicht finden können, obwohl man mir ihre Adressen gegeben hatte. Dann war ich sehr in Verlegenheit, die Nacht war hereingebrochen und ich bin in Paris unbekannt; es ist das erste Mal, daß ich hier bin. Ein Herr ging mir lange nach ... er war auch mit uns in dem Wagen auf der Eisenbahn. – »Ah! welcher?« – Ich glaube der, welcher neben Ihnen saß. – »Also der, der mich verhinderte, eine Prise zu nehmen! ... O, ich hatte große Lust, ihn im Wagen gehörig zu versohlen. Wenn wir Zwei allein gewesen wären, so hätte er, ich schwöre es Ihnen, sein Tractament bekommen! Nun, und dieser Herr?« – Er bot mir seinen Arm an, sagte mir, er werde mich zu einer seiner Tanten führen, die mich bis zum folgenden Tage beherbergen würde. Anfangs wollte ich nicht, denn der junge Mann flößte mir gar kein Zutrauen ein; aber ich wußte nicht, was ich anfangen sollte; es war schon spät und ich todtmüde, ich war schon so lange in Paris herumgelaufen. – »O, das will ich glauben, Paris ist groß, sehr groß, und wenn man nicht bekannt ist, macht man oft mehr Wege, als nöthig ist. Fahren Sie fort, Mamselle.« – Sind wir bald an Ort und Stelle? ... Meine Beine brechen fast unter mir zusammen. – »Ja, Mamselle, ja ... stützen Sie sich nur kecklich auf mich; fürchten Sie sich nicht, man sieht mir's vielleicht nicht an, aber ich bin stark.« – Nun also, ich nahm das Anerbieten dieses Herrn an. Dann führte er mich zuerst in ein Wirthshaus, indem er sagte, er habe noch nicht zu Mittag gegessen. – »O! das war nichts Unrechtes; man kann Hunger haben, das ist nicht verboten.« – Ich wollte nichts zu mir nehmen. Der Herr speiste lange und, als er mit dem Essen fertig war, merkte ich an seinen Augen und an seinem Gange, daß er betrunken war. – »Ah, sich zu betrinken, das war Unrecht; unter Männern, da ist es erlaubt, da kommt es vor ... aber wenn man bei Frauenzimmern ist, ist es unschicklich. Obgleich ich mich keines Sacktuches bediene, hätte ich das doch nicht gethan.« – Als wir uns aus dem Gasthause entfernt hatten, sagte der Herr unpassende Worte zu mir und wollte mich küssen; ich sah ein, daß er mein Zutrauen mißbrauchen wollte, stieß ihn zurück, brachte es dahin, mich aus seinen Händen los zu machen und ergriff die Flucht. Ich lief planlos umher, ohne zu wissen wohin ... so irrte ich lange in den Straßen herum! ... Endlich warf ich mich, von Müdigkeit erschöpft, auf die Bank, wo Sie mich gefunden haben. Ich hörte viele Stimmen in meiner Nähe, sah auch ein Licht, aber ich hatte nicht die Kraft, mich weiter zu schleppen und war auf dem Stein, wo Sie mich getroffen, eingeschlafen. – »Armes Fräulein! Schau' mir Einer den schuftigen Zierbengel an, der mich hinderte, eine Prise zu nehmen und eine Miene machte, als ob er mich verachte ... der wollte Sie verführen? ... so ein durch und durch häßlicher und abscheulicher Kerl! ... Ich bin nicht schön, gewiß nicht schön ... ich sehe einem Kosaken gleich, es ist bei Gott wahr ... aber dieser Hundsfott sieht gar nichts gleich: es ist eine Raupe und dazu eine abscheuliche Raupe! ... Allein beruhigen Sie sich, Mamselle, ich führe Sie zu meinem Gevatter Bichat, der mit seinem Weibe Töpfenwaaren, Kacheln und alte Fayence verkauft. Es sind brave Leute ... o, sie sind bekannt dafür; sie könnten keiner Fliege Etwas zu Leid thun. Sie sind freilich auch nicht reich, aber sie können Ihnen immerhin für ein Paar Stunden Obdach anbieten, und ich hielt es jedenfalls nicht für gerathen, Sie bei diesen Burschen dort, den Stammgästen des Café zu den nassen Füßen, zu lassen. Der Wilde sagte schon, Sie müßten mit ihm gehen, weil er Sie zuerst gefunden habe, und die Andern machten Augen wie eine Katze, wenn sie auf einen Vogel lauert! ... Ich glaube, ich habe wohl daran gethan, Sie fortzuführen.« – O ja, mein Herr, ja, ich danke Ihnen; aber kommen wir bald an? Ich fürchte, nicht mehr weiter zu können. – »Gleich vollends ... der dunkle Laden dort in der Huchettestraße, in die wir eben einbiegen, dicht neben der alten Boucleriestraße; wenn Sie nicht mehr gehen können, will ich Sie tragen!« – O! ich kann schon gehen, mein Herr, so weit vermag ich's noch.«

Rosa's Führer hielt; man war vor einem kleinen Töpferladen angelangt, der einem Keller glich, und in welchem man, obgleich das Fenster und die Thüre beständig offenstanden, kaum hell sah. In einem Raum von etwa zehn Quadratfuß befand sich ein Schreibtisch, eine Art Geschirrständer und eine beträchtliche Masse Vasen, Fleischtöpfe, Schüsseln, Kachelöfen, und Häfen von allen Größen; man konnte kaum den Fuß in diesen Winkel setzen, der mit Töpferwaaren besetzt war, wie eine Laube mit Blumen.

Mitten darin hielt sich jedoch fast den ganzen Tag ein kleiner, etwa vierzigjähriger, dicker, etwas höckeriger Mann auf, dessen Gesicht nach einer Harlekinslarve gemodelt zu sein schien, denn die Nase und das Kinn flossen beinahe zusammen, und seine Pausbacken mit den hervorragenden Knochen waren blauroth; dabei hatte er aber eine heitere aufgeräumte Miene, lachte gerne, war, was man sagt, ein herzguter Junge, besonders gegenüber dem schönen Geschlecht, gegen das er eine Galanterie an den Tag legte, die sich nie verläugnete. Dann noch eine etwa fünfzigjährige häßliche magere Frau mit einer zärtlichen, sentimentalen Miene, deren Haar beständig in langen, hinter das Ohr gestrichenen Locken bis zum Halse herabfiel. Das war das Ehepaar Bichat.

Hinter dem mit Töpfergeschirr überfüllten Laden war ein niedriges Gemach, welches diesem Ehepaar als Schlafstube, Küche und Magazin diente, denn auch in diesem war außer einem mit Vorhängen umgebenen Bette und einer ziemlich hübschen Commode aller übrige Platz mit Geschirr besetzt; nur diente dasselbe zugleich statt der Möbeln; einige Fleischtöpfe mit Deckeln vertraten die Stelle von Stühlen, einige umgekehrte Häfen stellten kleine Bänke vor, in großen irdenen Oefen hatte man Wäsche und verschiedene Kleidungsstücke aufbewahrt, und Tassen wurden gleichzeitig als Flaschen, Gläser, Krüge, Schreibzeuge, Essig- und Oelgestelle und Tabaksdosen benutzt.

Herr Bichat hatte eben den Laden aufgemacht; er hatte noch seine baumwollene Mütze mit dem Madrastuche darüber auf dem Kopfe und war noch in eine Art Nachtkamisol eingehüllt, das zu kurz zu einem Schlafrock und zu lang zu einer Jacke war; er beschäftigte sich gerade mit dem Aufhängen von Töpfen, Kacheln und Nachtgeschirren am Eingange seines Ladens, als der Knopfmacher vor ihn hintrat und ausrief: »He, Bichat! da bin ich! ... ich bringe noch Jemand mit, Gevatter, und bin froh, daß Du auf bist.« – Sieh' da, Glureau! ... Ah! alter Kamerad, Du bist da, hast Du denn Deine Funktionen noch nicht angetreten? Ei! und ein junges Blut am Arm ... Teufels-Glureau! kaum steckt er die Nase in Paris herein, so macht er schon Eroberungen! – »Ach nein! Denke ich an solche Geschichten? Es handelt sich um etwas Anderes, Bichat, das Fräulein da muß ausruhen; sie zittert, sie friert, ich fürchte, sie ist krank! ... Ist Deine Frau schon auf?« – Noch nicht, ich bin immer der Erste, der herausgeht und den Laden aufmacht. Mein Gott! wo thun wir denn aber Deine Bekanntschaft hin? Einerlei, treten Sie nur herein, Mamselle! Bichat ist kein Mann, der das schöne Geschlecht vor seiner Thüre stehen läßt.«

Der Knopfmacher unterstützt Rosa-Maria und trägt sie beinahe mit Hülfe seines Gevatters in dessen Schreibkabinet, denn er begreift wohl, daß die Jungfrau auf einem Fleischtopfe nicht gut placirt wäre. Die arme Rosa läßt sich führen, tragen, schleppen; sie zittert und klappert mit den Zähnen und hat nicht mehr die Kraft, aufrecht zu stehen.

Madame Bichat, die aufgewacht und im Begriffe war, ihre falschen Locken umzubinden, welche den Schmuck ihres Kopfputzes ausmachten, richtet sich in die Höhe, als sie sieht, daß man ein junges Mädchen in ihre Stube bringt, und verdreht in der Bestürzung ihre Haartour, so daß die Locken auf ihre Nase herabfallen.

»Was bedeutet das?« schreit sie, »man bringt ein Frauenzimmer zu mir! Was soll das heißen, Herr Bichat! Wenn Sie glauben, daß ich schlafe, haben Sie die Frechheit, eine Ihrer Concubinen hierher zu bringen?« – Ach nein, Clara, nein, mein Hühnchen! keine Rede davon ... Gevatter Glureau bittet uns, diesem jungen Blut ein Obdach zu gewähren ... mache Dir keine unnöthigen Sorgen, sondern arrangire Deine Locken, sie hängen Dir über die Nase herunter. – »Was gehen Dich meine Locken an, es muß Dir gleich sein, wie sie hängen. Sieh' Dich nur selbst an! an Dir hängt ja auch Alles herab, und doch bist Du dabei gegen Jedermann, nur nicht gegen Deine Frau, von einer Galanterie, daß man verzweifeln möchte!« – Sie ist immer eifersüchtig wie ein Windhund weiblichen Geschlechts,« murmelte Bichat, gegen seinen Freund gekehrt. »Wenn ich gegen eine Dame, die einkauft, den Liebenswürdigen spiele, so fängt sie Händel mit mir an! aber das hilft nichts! ich kann nichts dafür; es liegt in meiner Natur, galant gegen das zarte Geschlecht zu sein, und namentlich, wenn es mich noch dazu ins Brod setzt.« – Mein Gott! Madame,« sagte Rosa kaum vernehmbar, indem sie sich aufzurichten bemühte, »wenn ich Sie genire und Ihnen meine Gegenwart unangenehm ist, so will ich wieder gehen ... obgleich ich mich kaum auf den Füßen halten kann! ... Ach! ich möchte so gerne wieder in unser Dorf zu meinem Vater zurückkehren!«

Der Knopfmacher beeilte sich, seinen Schützling wieder zum Sitzen zu bringen, dann erzählte er dem Ehepaar Bichat die ganze Geschichte des jungen Mädchens und die Art und Weise, wie sie von dem Wilden in der Nähe des Café zu den nassen Füßen schlafend, gefunden worden war.

Trotz seines Kosakengesichts zeigte Desiderius Glureau Eifer und Wärme, wenn er sich für Jemand interessirte; er hatte seine Erzählung mit Flüchen und Kernworten gewürzt, welche die Wirkung noch verstärkten, und als er zu sprechen aufgehört, sprang Frau Bichat, auf die Gefahr hin, nicht ihre Formen, sondern ihre Knochen sehen zu lassen, aus dem Bette, eilte auf Rosa zu, nahm sie bei den Händen und rief aus: »Armes junges Mädchen! arme Kleine! ... Nachts auf der Straße! ohne zu wissen, wo ein Obdach finden ... und der abscheuliche, gottlose Bandit, der sie mit sich schleppen wollte, um ihre unglückliche Lage zu ihrem Verderben zu benutzen! O, diese Scheusale, diese Männer! ... was sind das für Rhinocerosse! ... Da sehen Sie, Herr Bichat, auf welche Abwege die sündhafte Leidenschaft zu dem schönen Geschlechte führt! ... man denkt an nichts als sie zu verführen, zu betrügen, diese armen Weiber!«

Herr Bichat bedeckte sich das Gesicht mit einem Hafendeckel, dessen er sich als Fächer bediente, und entgegnete: »Ach! da kriege ich wieder mein Fett ab, weil ich den Naturfehler habe, liebenswürdig gegen die Frauenzimmer zu sein! Als ob das nicht überdies im Interesse des Geschäfts und zur Erhaltung der Kundschaft höchst nöthig wäre!« – Liebe Kinder, von all' Dem ist jetzt nicht die Rede!« sagte Desiderius Glureau, »Ihr könnt Euch ja auf den Abend einander die Leviten lesen, jetzt handelt es sich von meinem Schützling, den ich zu Euch gebracht habe, weil man kein rechtschaffenes Mädchen auf der Straße lassen muß; es ist so bald ein Unglück geschehen! ... Sorget für die Mamselle, ich muß jetzt gehen, es ist Tag, der Augenblick, wo ich mein neues Amt antreten muß; wenn ich gleich das erste Mal fehlte, könnte ich meine Stelle verlieren, und dadurch wäre ich noch weniger im Falle, mir Sacktücher anzuschaffen. Adieu, ich gehe jetzt zu meinem Geschäft, komme aber bald wieder. Auf Wiedersehen, Mamselle, ich lasse Sie bei braven Leuten, die Sie nicht verstoßen werden; ich bin beruhigt über Sie! ... Schon gut! schon gut! ich sehe wohl, daß Sie sich bedanken wollen! es ist nicht der Mühe werth.«

Nach diesen Worten schüttelte Desiterius Glureau seinem Gevatter die Hand und verließ, in der Geschwindigkeit einen Topf und eine Schüssel zusammentretend, rasch den Laden.

»Er hat den Stiel von einem Pfännchen zusammengebrochen und den Boden aus einer Kachel getreten!« ruft Bichat mit bestürzter Miene aus. – »Seit gestern schon vier Stücke Geschirr, die er zerbrochen hat, das läuft ins Geld,« antwortete die Töpferin, mit ihrem Anzug beschäftigt; »er ist ein guter Junge, wenn er aber so fortmacht, so ruinirt er uns! und tritt unser Waarenlager in Scherben.« – Aber wo wollen wir die Mamselle unterbringen?« fragte Bichat; »sieh' doch, wie es so blaß aussieht, das arme junge Blut! – »Ja, ja, daran denke ich eben,« erwiderte Clara. »Bichat, geh' vor allen Dingen zur Milchfrau an der Ecke und hole mehr Milch als gewöhnlich. Das ist für die Mamsell, ich lasse ihr sie heiß machen, thue für zwei Sous Farinzucker darein und gebe ihr dieses recht warm zu trinken, das ist ein wahres Magenpflaster.« – Ich gehe, Weib. – »Schwatze mir aber nicht zwei Stunden mit der Milchfrau und den Kindermägden des Viertels, wie Du die abscheuliche Gewohnheit hast, sonst lasse ich alle diese Plaudertaschen vor den Friedensrichter rufen, da sie es darauf anlegen, einen Ehemann vom rechten Wege abzubringen.« – Ach, wie böse! bist Du aber böse!«

Und Herr Bichat nahm einen Napf und einen kleinen Topf, und nachdem er seiner Gattin zugelächelt, eilte er, als wolle er mit seinem Napf und seinem Töpfchen Castagnetten spielen, auf die Straße hinaus.

Als Frau Bichat mit ihrer Toilette fertig war, pomadisirte sie ihre langen Locken à l'anglaise und betrachtete, während sie ihr Haar machte, aufmerksam das junge Mädchen, welches in Gedanken verloren, im Lehnstuhl saß. Die zärtliche Clara war keine bösartige Frau, sie war gefällig und hatte ein gutes Herz; aber die Liebe zu ihrem Gatten machte sie übermäßig eifersüchtig, und Rosa-Maria's Schönheit erweckte entfernte Besorgnisse in ihr; der Gedanke, das hübsche Mädchen fortzuschicken, welches nicht wußte, wo es sich hinwenden sollte, wäre ihr nicht gekommen, aber es würde ihr sehr lieb gewesen sein, wenn sie für dasselbe ein passendes Unterkommen außer dem Hause gefunden hätte, In diesem Augenblicke trat Jemand in den Töpferladen; es war ein etliche sechzig Jahre alter Mann von mittlerer Größe und ziemlich wohlbeleibt; sein rundes rothwangiges Gesicht, sein frischer Teint, seine lebhaften Augen und seine gutmüthige Miene verliehen seinem Wesen Etwas, was augenblicklich zu seinen Gunsten einnahm. Es war ein schönes Greisengesicht, auf dem noch die Gesundheit und Heiterkeit eines jungen fünfundzwanzigjährigen Mannes strahlte, nicht eines jener jungen, trübseligen und kränkelnden Greise, sondern eines jungen Mannes in der Vollkraft der Gesundheit und des Frohsinns.

Der Neuangekommene trug eine lange grüntuchene Jacke mit Metallknöpfen und langen Schößen, daß sie beinahe aussah wie ein Rock, graue weite Beinkleider, und dicke genagelte Schuhe, und hatte einen niedrigen, breitgeränderten Hut auf dem Kopfe.

Der Mann trat in den Laden, indem er mit reiner heller Stimme sang:

»Ei, nein, nein, nein!
S'ist weder Lisette,
Ei, nein, nein, nein!
Noch Lieschen; ich wette!«

Er unterbrach seinen Gesang aber und rief: »He, Frau Bichat, ich brauche einen kleinen Milchtopf, ich habe den meinigen gestern zerbrochen ... mein armes Krügchen ist hin, das muß ich wieder anschaffen; glücklicher Weise ist das Unglück nicht groß, mit fünf Sous wird sich viel machen lassen.« – Ei! ei, das ist unser Nachbar aus dem fünften Stockwerk, der brave Herr Savenay!« sagte Frau Bichat, sich in den Laden begebend. »Wie steht's mit dem Befinden, Herr Savenay? – »Ganz gut, Frau Bichat. O! ich bin Gott sei Dank nie krank.« – Sie sind auch, immer heiter, Nachbar, und rosenfarbener Laune. Sie sind noch keine zwei Monate im Hause, aber Sie haben es bei Tage und bei Nacht aufgeheitert! Wenn alle Miethsleute so wären wie Sie, würde es noch einmal so angenehm sein! So oft ich im Hofe singen höre, sage ich: Herr Savenay kommt heim, oder: Herr Savenay geht aus ... ich weiß immer, daß Sie es sind! Ich kenne Ihre Fistel, um so mehr, als Sie immer Liedchen von Béranger singen. Bichat sagt oft: »Es scheint, daß der Hausherr eine Freude an diesem Liederdichter hat« – »Ja, Nachbarin, und ich glaube, ich habe das mit vielen Leuten gemein. Ich wollte, ich könnte alle seine Lieder auswendig! aber, meiner Treu', in meinem Alter lernt man nicht mehr so leicht! Einerlei, wenn man sich nur wohl befindet, das ist die Hauptsache, über alles Andere kann man sich wegsetzen ... so ist mein Charakter, Frau Bichat, und es ist ein Glück, daß das der Fall ist, denn wenn ich der Mann wäre, der sich über die Schicksale, die den Menschen treffen, ärgern wollte, so hätte ich die schönste Gelegenheit gehabt, mißmuthig zu sein. Aber ich habe immer gedacht: Wozu nützt die Traurigkeit? verbessert sie unsere Lage? bringt sie uns das Verlorene ein? ... Nein. Nun denn, so nehmen wir die Dinge an, wie sie uns der gute Gott zuschickt. Er weiß besser, was er thut, als wir, und was uns Anfangs ein Unglück geschienen hat, wird in der Folge zuweilen unser Glück. Mit diesen Grundsätzen und einer guten Gesundheit ist man immer wohlgemuth, Frau Bichat ... und jetzt will ich mir ein Töpfchen herauslesen.« – Suchen Sie, Hausherr, was Ihnen am besten gefällt. – »Ach! ich will etwas Hübsches, im Preise von vier bis sechs Sous!«

Während der Vater Savenay verschiedene kleine Töpfe betrachtet und die Händlerin einen jeden anpreist, läßt sich von dem Lehnstuhl her, in dem Rosa-Maria sitzt und sich bewegt, ein Stöhnen vernehmen.

»Schau', Ihr Mann ist da? der Faullenzer liegt vielleicht noch im Bette?« sagte der Greis, der das aus dem Hintergrund dringende Geräusch gehört hatte. »Nein, das ist nicht mein Mann, Nachbar, das ist ein junges Mädchen, die man uns gebracht und unserem Mitleid anempfohlen hat: ein armes, erst gestern nach Paris gekommenes Kind, wo sie Verwandte zu finden hoffte; man hat ihr, so viel es scheint, falsche Adressen gegeben, sie hat Niemand gefunden, die Nacht auf der Straße zugebracht und jetzt zittert sie und ist ganz krank. Ein Freund von Bichat hat sie gefunden und hierher gebracht ... die arme Kleine, sie wünscht wieder von Paris fortzugehen und zu ihrem Vater zurückzukehren, aber ich fürchte, sie wird nicht die Kraft dazu haben. Auf der andern Seite ist, sie bei uns hier zu behalten, auch eine große Verlegenheit! Wir sind so eng logirt, die Jungfrau kann nicht in demselben Zimmer mit Bichat schlafen, das wäre gegen die Schicklichkeit und die guten Sitten ... mein Gott, was soll ich anfangen? Ich will ein junges Mädchen, das so rechtschaffen aussieht, nicht fortschicken, aber ich dulde auch nicht, daß mein Mann sich vor ihr auskleidet und zu Bette legt. Ich bin in einer ganz perplexen Lage, Nachbar. Und der Schlingel, dieser Bichat, kommt nicht zurück; er ist schon länger als eine Viertelstunde fortgegangen, um Milch bei der Milchfrau an der Straßenecke zwei Schritte von hier zu holen. Aber ich bin überzeugt, er spielt den Galanten gegen alle Kindsfrauen im Revier! Ach, welche Qual, einen liebenswürdigen Mann zum Gatten zu haben! Nachbar, wenn ich es noch einmal zu thun hätte, würde ich einen Klotz zum Mann nehmen, dann wäre ich doch wenigstens beruhigt.«

»Machen Sie sich kein böses Blut, Nachbarin, die Milchfrau hat Morgens viele Leute zu bedienen und Ihr Mann muß walten, bis die Reihe an ihn kommt. Aber was Sie mir von diesem jungen Mädchen sagen, interessirt mich. Wollen Sie mir erlauben, sie zu sehen? Ich verstehe ein Bißchen von der Medicin, denn auf dem Lande muß man von Allem Etwas wissen, und als ich bei meinem Hüttenbesitzer in der Gegend von Nemours angestellt war, verordnete ich stets die Heiltränke, wenn ein Arbeiter krank war, denn wir hatten keinen Doktor zum Verschreiben bei der Hand. Ich will einmal sehen, ob das arme Kind im Stande ist, seine Rückreise heute anzutreten.«

»Kommen Sie, Hausherr, kommen Sie, Sie werden ein hübsches Mädchen sehen! Ich war zwar auch schön in meinem zwanzigsten Jahre, aber ich muß gestehen, diese Jungfrau hätte sich mit mir messen können.«

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