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Die Familie Gogo

Charles Paul de Kock: Die Familie Gogo - Kapitel 17
Quellenangabe
pfad/kock/famigogo/famigogo.xml
typefiction
authorPaul de Kock
titleDie Familie Gogo
publisherRieger'sche Verlagsbuchhandlung
printrunDritte Auflage
year1861
translatorHeinrich Elsner
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Sechzehntes Kapitel.

Ein Festmahl. – Herr Franz

»Sehen Sie nach Ihren Namen! ... suchen Sie Ihre Plätze!« sagte Herr St. Godibert, Madame Doguin und Frau von Broussaillon neben sich sehend, »die Namen liegen auf den Gedecken, es ist bequemer; man weiß dann gleich, wo man sich niederlassen soll.« – Ich glaube nicht, daß das zum guten Ton gehört,« sagte Herr Brouillard halblaut, indem er auf jedem Couvert seinen Namen suchte. »Wo sitze ich denn, Vetter? Ich kann mich nirgends finden, und darf doch annehmen, daß ich auch irgendwo einen Platz habe ...« – Hier, Vetter, zwischen Herrn von Broussaillon und Herrn Soufflat.«

Herr Brouillard verlängerte seine Schnauze und begab sich mit übellauniger Miene an seinen Platz, indem er vor sich hin brummte: »So ist's recht ... zwischen zwei Dummköpfen, die nie auf das hören, was man ihnen sagt ... und am Ende des Tisches! ... der allerschlechteste Platz! Das sollen sie mir bezahlen.«

Friedrich ist sehr vergnügt, weil man ihn zwischen Madame Marmodin und seine hübsche Tante placirt hat. Diese scheint nicht so zufrieden, und ein gewisser Blick, der auf Herrn Dernesty fällt, scheint anzudeuten, daß sie sich andere Nachbarn gewünscht hätte, als ihren Neffen und Herrn Cendrillon. Der Stutzer hat den Blick der schönen Blondine mit einem der vielsagendsten Augenwinke beantwortet.

Herr Marmodin seinerseits, der trotz seiner Vorliebe für die Römer außerordentlich eifersüchtig auf seine Frau ist, scheint sehr verdrießlich, daß diese neben dem verführerischen Friedrich sitzt; da er sich Beiden gegenüber befindet, so wirft er seiner Frau bisweilen Blicke zu, die dieser als sehr bedeutungsvoll erscheinen sollen, aber dem Anschein nach nicht im Mindesten von ihr beachtet werden.

Kaum hat Jeder seinen Platz eingenommen, so bricht Friedrich in ein schallendes Gelächter aus, und seine Nachbarinnen fragen ihn, was ihn hierzu veranlasse. Statt aller Antwort deutet er auf Franz, welcher gerade gegenüber von ihnen steht, sich auf seines Herrn Stuhllehne stützt und sich bemüht, eine schickliche Haltung zu behaupten, aber dessen versoffenes blaurothes Gesicht auf einen in diesem Augenblick sehr unpassenden Zustand schließen läßt, der zugleich die verschiedenen Dummheiten erklärt, die er schon gemacht hat.

Man wird sich erinnern, daß sich Franz, nachdem er seine Gebieterin und das Tischgedeck mit Champagner übergossen, unter allgemeinen Verwünschungen aus dem Staube gemacht hat; aber der normännische Bediente hatte bei seiner Flucht die Flasche, die Ursache seines Mißgeschickes, mitgenommen. Kaum ist er in seinem Zimmer angekommen, so will er den Wein versuchen, der ein Feuerwerk so gut nachahmt. Durch die Explosion des Schaums war nur ungefähr ein Dritttheil des Inhalts der Bouteille verloren gegangen. Franz setzt den Hals der Flasche an den Mund, nimmt zuerst nur einen Schluck und findet, daß das Getränke nicht übel mundet; er nimmt zwei weitere und findet es sehr gut, dann trinkt er noch einmal davon und diesmal findet er so viel Geschmack daran, daß er nicht eher aufhört, als bis kein Tropfen mehr in der Bouteille ist.

Dies war das erste Mal, daß Franz Champagner trank; er fühlte sich bald ganz heiter und aufgeräumt davon, es wandelte ihn die Lust an zu tanzen und zu singen, und als Mamselle Fifine in seine Stube kam, um ihn zu holen, fand sie ihn mitten im Exercitium, mit gleichen Füßen über seinen Nachttopf zu springen, und voller Freude, weil er eben den Henkel desselben zerbrochen hatte.

»Was treiben Sie da, Franz?« fragte die reizende Fifine, den Bedienten mit erstaunter Miene ansehend.

»Meiner Treu', Mamsell, ich mache mich lustig ... ich bin zum Lachen aufgelegt ...« – Es scheint, daß Sie die Dummheiten, die Sie anstellten, nicht sehr bereuen ... Ihre Herrschaft ist sehr aufgebracht über Sie! – »Ach! über das große Unglück, daß ich den Kopfputz der dicken Araberin ein Bischen eingenetzt habe ... vielleicht wachsen ihr die Haare davon, dann muß sie mir noch dankbar sein! ... Denn jetzt sieht sie mit ihren armseligen drei Haarschnippeln aus, wie eine zu drei Viertel gerupfte Henne!« – Wollen Sie schweigen, Franz ... wenn man Sie hörte! ... Kurz, ich habe Ihre Verzeihung bei der Herrschaft ausgewirkt und Sie dürfen bei Tische aufwarten. – »Ah! das ist mir egal ... Wenn ich es thue, so thue ich es nur, damit ich bei Ihnen sein darf, Mamselle Fifine!«

Bei diesen Worten hatte Herr Franz Fifinen mit seinen beiden dicken Händen um die Hüften gefaßt, und diese schrie: »Ei, Herr Franz, was fällt Ihnen ein? ... was soll das bedeuten?« – Ah! das ist fest! ... davon wollen wir jetzt sprechen! – »Wollen Sie ein Ende machen ... so darf man Einen nicht anrühren! ... das ist verboten!« – Bah! verboten ... warum darf denn unser alter Kümmelspalter seine Pratzen immer darauf haben? – »Wie, Herr Franz, Sie wagen zu behaupten ...« – Potz Kuckuk! glauben Sie, ich sei blind ... und sein Sohn auch ... und sein Neffe auch, wenn er kommt ... und seines Neffen Freund auch ... ich mache es eben wie die!«

Es war Mamselle Fifine endlich gelungen, sich aus Franzens Armen loszumachen, und sie eilte fort, indem sie ausrief: »Es ist fürchterlich, Franz, Sie sind betrunken. Sie sind betrunken! ... das ist schön, wenn man bei Tische serviren soll ... und doch muß es sein, weil wir Niemand sonst haben ... gehen Sie in die Küche und trinken Sie Kaffee ... suchen Sie sich ein wenig zu fassen und bestreben Sie sich, bei Tisch ordentlich aufzuwarten.«

Herr Franz hatte der Anweisung der Kammerzofe Folge leisten wollen. Er war in die Küche hinuntergegangen; aber dort hatte er, als er sich nach Kaffee umsah, Rum gefunden, der zu einem Gelée verwendet werden sollte; von diesem hatte er die Hälfte dessen, was in der Bouteille war, ausgetrunken, dann hatte er sich rings umgesehen, um etwas zu finden, womit er das Fehlende wieder ergänzen könnte. Er bemerkte eine Tasse Bouillon, die vor ihm stand. Die Abwesenheit der Köchin benützend, schüttete er die Bouillon in die Rumbouteille, indem er vor sich hin sagte: »Ich weiß zwar nicht, was das ist, aber es hat die nämliche Farbe und kommt in den nämlichen Magen, das ist die Hauptsache.« Als er die Köchin herbeikommen sah, so salzte, pfefferte und zuckerte er auf's Gerathewohl einige Ragouts und sagte zu ihr: »Ich habe Ihnen nur ein Bißchen helfen wollen.«

Die Köchin hatte den unwillkommenen Helfer, der ihre Casserolen in Unordnung brachte, aufs Schnellste zur Küche hinausspedirt, und nun erst hatte sich Franz im Vorzimmer aufgestellt, wo wir gesehen haben, wie er Friedrich und seinen Freund anmeldete.

»Ich glaube, dieser Bediente ist betrunken,« sagte Madame Marmodin leise zu Friedrich. – »Ich glaube es auch, aber man muß nichts sagen ... das wird lustig werden ... er wird gewiß ein paar köstliche Scenen herbeiführen. – »Fränzchen! Fränzchen! ... ich rufe Dir schon lange, Du sollst mir die Oliven herübergeben,« schrie Herr Marmodin mit unverhehltem Aerger, weil er gesehen hatte, daß Friedrich leise mit seiner Frau sprach.

Aber Fränzchen, die wenig auf die Worte ihres Mannes achtete, schickt ihm Rettige, indem sie dabei sagt: »Iß nicht zu viel davon, sie sind schädlich!« – Sie hört nicht mehr, was ich sage!« murmelte der Gelehrte, sich gegen den Schriftsteller kehrend. »O! die Weiber, die Weiber! ... Erinnern Sie sich, was Tertullian über dieses leichtsinnige Geschlecht sagt, Mondigo?«

Mondigo, der eben mit seiner Suppe fertig geworden war, kehrte sich gegen Herrn Marmodin und antwortete: »Sie wissen, daß ich meine Entwicklung abgeändert habe: ich endige mit einer Zitrone statt mit einer Pomeranze ... Sie werden mir entgegen halten, das sei auch eine südliche Frucht! ... aber Sie sollen hören, wie ich mich aus der Sache gezogen habe! ... Ach! ich glaube, Sie kennen mein Stück noch gar nicht ...« – Doch, doch! – »Ich will es Ihnen heute Abend erzählen.« – Fränzchen! he! ... die Oliven ... sie hört mich wahrhaftig nicht. – »Franz, wirst Du bald damit fertig sein, meinen Stuhl hin- und her zu schieben!« fragt Herr St. Godibert, sich nach seinem Bedienten umkehrend. Was machst Du da? Servire doch den Madera und erinnere Dich, was ich Dir gesagt habe!« – O! Herr, ich kenne meine Lektion.«

Franz näherte sich jedem Gaste mit der Maderaflasche unter dem Arme. Er hat schon zwei Personen eingeschenkt, die wenig genommen haben; als er bei Herrn Cendrillon ankommt, sagt dieser, anstatt sein Glas in die Höhe zu heben, zu dem Bedienten, der mitten darin einzuschenken aufhört: »Nur zu ... warum hältst Du inne, mein Junge? fülle doch mein Glas, ich trinke diesen Wein gerne!« – Nein,« entgegnet Franz, sich entfernend; »Sie bekommen bloß zwei Dritttheile, nicht mehr, so ist es vorgeschrieben! – »Was schwatzt der Pinsel da?« ruft Herr Cendrillon lachend aus. »St. Godibert, Ihr Bediente weigert sich, mir Madera einzuschenken. Er behauptet, ich habe genug an diesem ... er fürchtet wahrscheinlich, er möchte mir schlecht bekommen.« – Wie! was ist das?« schreit Herr St. Godibert, indem er sich seinem Diener durch Blicke und Zeichen verständlich zu machen sucht. »Franz, schenk' doch Herrn Cendrillon Madera ein! – »O! nein,« entgegnet Franz, zu einem andern Gaste tretend: »Der Herr hat schon gut seine zwei Dritttheile ... ich erinnere mich Ihrer Befehle. Sie haben mir aufgetragen, so wenig als möglich von Ihrem Madera herzugeben und nie mehr als zwei Dritttheile des Glases zu füllen ... ist es nicht so?«

Die Gesellschaft machte sonderbare Gesichter; man hörte sogar einige Ausbrüche von Lachen, die sich durch die Taschentücher nicht ganz unterdrücken ließen, wählend Herr St. Godibert, der purpurroth geworden war, ausrief: »Welches Vieh, welcher Esel ist dieser Bediente! ... er versteht Alles falsch! ... Ich habe ihm im Gegentheil genau befohlen, so viel als möglich einzuschenken. Glücklicher Weise kennt man meine Manier, zu bewirthen!« – Ja, gewiß,« sagte Vetter Brouillard, Franz sein Glas hinhaltend, »o! wir wissen Wohl, was wir davon zu halten haben! ... Vorwärts, Franz, schenken Sie mir noch einmal das Glas voll ... so; ganz voll! ... ich weiß, daß das unserem gastfreien Wirthe Vergnügen macht. – »Ach was!« brummte Franz, dem Vetter das Glas voll füllend, »jetzt sagt er so, vorher hat er aber ganz anders gesprochen!«

Fifine geht hinter Franz her, zieht ihn an der Jacke und sagt ganz leise zu ihm: »Halten Sie Ihr Maul, Franz, Sie sind besoffen! ... Sie bringen sich noch um den Dienst!«

Allein Franz zuckt die Achseln und geht immer mit seiner Maderaflasche auf und ab, indem er dabei sagt: »Ich weiß, was ich thue ... man hat mir Instruktionen gegeben ... wenn man jetzt das Gegentheil sagt, so werde ich confus!« – Serviret Fräulein Soufflat, serviret Fräulein Soufflat!« schreit Herr St. Godibert, der gerne hätte, daß man nicht mehr auf seinen Bedienten hörte.

»Ich habe die Ehre, auf Ihre Gesundheit zu trinken!« sagt der Major Krautberg, sich gegen die Herrin des Hauses kehrend.

»Ach, Herr Major, ich danke Ihnen! ... Aber Herr Roquet spricht nichts ... wünschen Sie etwas, Herr Roquet?«

Herr Roquet, der auch ein wenig beleidigt ist, weil man ihn nicht neben die Herrin des Hauses gesetzt hat, antwortet, indem er zu gleicher Zeit auf eine Platte mit Fischen und eine mit Gansleberpastete hinblickt: »Madame, Sie sind sehr gütig ... ich bin so frei und erbitte mir von diesem ...«

Und Madame St. Godibert schickte augenblicklich Herrn Roquet, der Gansleberpastete gewünscht hatte, die Platte mit den Fischen.

Nachdem Franz mit seiner Maderatour fertig war, stellte er sich wieder hinter seines Herrn Stuhl und balancirte an demselben hin und her, aber Herr St. Godibert wagte nicht mehr, etwas zu sagen, aus Furcht, der Betrunkene könnte wieder mit irgend einer Dummheit herausplatzen. Der Vetter Brouillard jedoch, der entzückt war, Franzens Zustand ausbeuten zu können, winkte ihm zu sich her, und als der Bediente neben ihm stand, sagte er mit lauter Stimme zu ihm: »Franz, gebet mir doch frisches Brod ... dieses hier ist höllisch altbacken und ich mag das altbackene Brod nicht.« – Frisches Brod,« erwidert Franz lachend, »ah! daß ich ein Narr wäre! ... Da würden Sie zu viel davon essen ... wir haben keines ... der Herr hat es verboten! – »Mein Gott, welche Geduld muß man mit diesem Dummkopf haben!« schreit Herr St. Godibert; »er hat heute absolut Alles verkehrt verstanden ... Ich wollte ihn vor dem Essen aus dem Dienste jagen, und hätte besser daran gethan ... ich habe im Gegentheil gezankt, daß man das Brod nicht ganz warm genommen hat!« – Seien Sie doch ruhig, mein lieber Herr von St. Godibert!« sagte Dernesty, »man sieht deutlich, daß Ihr Bedienter nicht recht bei Verstand ist! ... Das Beste ist, man lacht über seine Tölpeleien. – »Ja,« sagte Angelika, ihrem Nachbar zulächelnd; »Herr Dernesty hat vollkommen Recht; man muß darüber lachen und weiter nichts!« – Für Fräulein Soufflat!« schreit der Hausherr, servirend. »Mein Sohn, ich hoffe, daß Du dafür sorgst, daß Fräulein Soufflat nichts abgeht?«

Julian brummt vor sich hin: »O! die ist alt genug, für sich selbst zu sorgen!« – Ihr Onkel hat bestimmt Absichten mit seinem Sohne und Fräulein Soufflat,« sagt Madame Marmodin zu Friedrich. – »Ich fürchte es für meinen armen Vetter!« – Sie fürchten? das Fräulein ist ja sehr reich. – »Ja ... aber betrachten Sie doch diese Nase ... man könnte darauf schwören, sie sei falsch!« – Ach! aber Sie sind recht unartig! – »Ich glaube, es würde ihr selbst recht sein, wenn sie falsch wäre; unglücklicher Weise ist es aber eine höchst lebendige Naturerscheinung!« – Fränzchen, Fränzchen! gib mir das Salz herüber,« sagte Herr Marmodin mit einer vor Eifersucht fast erstickten Stimme. – »Ei! mein Gott, lieber Freund, Du hast ja ein Salzfaß vor Dir stehen; ist's an dem nicht genug? Haben vielleicht die Römer so wahnsinnig gesalzen?« – Ich weiß nicht, ob Franz betrunken ist,« sagte Herr Brouillard, sich an einen seiner Nachbarn wendend, »aber Thatsache ist, daß es abscheulich ist, uns drei Tage altes Brod aufzutischen. Ei! seht einmal! dieses Hühnerfricassée ist gezuckert ... es ist bei Gott gezuckert ... das schmeckt gar nicht gut.« – Ich nehme mir die Freiheit, auf Ihre Gesundheit zu trinken!« sagte der Major Krautberg mit einer Verbeugung gegen seine Nachbarin. – »Meinen tausendfachen Dank, Herr Major! ... Herr Dernesty, Sie trinken nicht?« – Entschuldigen Sie, meine verehrte Nachbarin, aber man muß sich zusammennehmen. Alle Ihre Weine sind so vortrefflich! ... Sie bewirthen uns so ausgezeichnet! ... man könnte glauben, man befinde sich an der Tafel eines Ministers. – »Ach! Herr Dernesty!«

Herr St. Godibert, der diese Worte gehört hat, kennt sich nicht mehr vor Freude; er schickt Dernesty sogleich eine Platte mit Trüffeln zu und ruft: »Für Fräulein Soufflat!« – Ah! Sie wünschen, daß ich dieses dem Fräulein Soufflat hinuntergebe?« sagt Dernesty; »augenblicklich ... – »Nein, nein, mein lieber Dernesty, ich habe mich geirrt ... Ihnen, Ihnen selbst war es zugedacht ... Fräulein Soufflat ist schon bedient; ich kann ihr aber noch mehr anbieten. Mein Sohn, sorgst Du auch für Fräulein Soufflat?« – Ja, lieber Vater. – »Potz Kuckuk!« sagt Herr Cendrillon, »wenn das Fräulein Alles ißt, was man ihr hinunter gibt, so muß sie allmählig den Bauch voll haben!« – Ach! mein Gott! was hat Herr Cendrillon eben wieder gesagt!« murmelt die dickleibige Angelika, den Major anblickend.

»Ich habe es nicht recht gehört!« erwiderte der Major; »hat er nicht von einer kleinen Hündin gesprochen, die den Bauch voll haben soll?« – Still! still! Herr von Krautberg, kein Wort mehr darüber, oder ich werde ohnmächtig! – »Potz Tausend! das ist ein Gelée, das merkwürdig schmeckt!« sagte Herr Brouillard mit einer Grimasse; »Vetter, sagen Sie mir gefälligst, was ist denn das für ein Gelée?« – Ein Rum-Gelée ohne Zweifel, lieber Vetter; ich habe eine Köchin, die eine wahre Künstlerin ist ... sie war in den Küchen des Lords Wellington ... sie bereitet die süßen Speisen aufs Vortrefflichste; sie macht die Puddings wie an der Themse. – »Dann hat sie vielleicht zu diesem Themsewasser gebraucht, denn es schmeckt abscheulich!« sagte Brouillard zu seinen Nachbarn. »Versuchen Sie es doch, meine Herren, das ist ein Gelée von alten Knochen!« – Dem Fräulein Soufflat!« schreit Herr St. Godibert, zum zweitenmal von dem Rum-Gelée servirend; aber Fräulein Soufflat schlägt es aus; sie hat wie Jedermann das Gelée auf dem Teller liegen lassen. Selbst Madame Godibert ruft aus: »Das ist sonderbar, es ist nicht so gut wie sonst!« – Nicht so gut? Seien Sie artig, liebe Base ... das heißt, dieses Gelée hätte eher zu einem Schinken getaugt als zu einer süßen Speise. – »Mir ist's, als ob Franz sich in der Küche zu schaffen gemacht habe,« sagt Friedrich zu seinen Nachbarinnen. »Sehen Sie ihn doch einmal an; der Schelm berstet fast vor Lachen, während wir das Gelée versuchen!«

In der That erinnerte sich Herr Franz, der jeden Gast beim Kosten des Gelées eine Grimasse machen sah, was er in der Küche mit der Rumbouteille angestellt hatte, und er rüttelte den Stuhl seines Herrn wie besessen, indem er sich seiner Heiterkeit überließ.

Herr St. Godibert hatte große Lust aufzustehen und seinen Bedienten aus dem Saale hinauszujagen, aber das würde einen Auftritt herbeigeführt haben, und da Franz in einem Zustande war, wo er Alles gesagt hätte, was ihm in den Kopf gekommen wäre, so hielt er es für klüger, nicht hitzig in der Sache zu verfahren: deßhalb ließ der Herr des Hauses seinen Bedienten während des ganzen Essens hinter seinem Stuhle hin- und herschwanken und schenkte ihm scheinbar nicht die geringste Aufmerksamkeit.

»Da das Gelée mißrathen ist, wollen wir die russische Charlotte versuchen,« sagt Herr St. Godibert, auf's Neue vorlegend. »Hier, Herr Cendrillon, nehmen Sie diesen Teller.« – Teufel! Teufel! Sie haben mich schon dermaßen vollgestopft ... ich weiß nicht, ob ich es im Stande sein werde ... – »Wie, mein lieber Cendrillon, Sie sind sonst so ausdauernd bei Tische ... sollte es wirklich nicht mehr gehen?« – Ah! hören Sie, es geht wohl hinein, aber wie wieder heraus? ... Ha! ha! ha!«

Dieser Scherz des Herrn Cendrillon schien einen sonderbaren Eindruck auf die Gesellschaft zu machen. Die Damen bissen sich auf die Lippen und verzogen das Gesicht; die Männer wagten einige o! o! Herr Mondigo betrachtete seinen Nachbar, den Gelehrten, und sagte zu ihm: »Wenn ich solche Worte in meinen Stücken anbrächte, würde sie, glaub' ich, die Censur streichen.«

Friedrich lachte allein Schockweise, und Madame Marmodin hatte große Lust, ihm nachzuahmen.

Was Madame St. Godibert betrifft, so erhob sie die Augen gen Himmel, als ob sie weinen wollte, und rief dann aus: »Wasser, lieber Major; ich bitte, schenken Sie mir ein Glas Wasser ein!«

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