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Die Familie Gogo

Charles Paul de Kock: Die Familie Gogo - Kapitel 16
Quellenangabe
pfad/kock/famigogo/famigogo.xml
typefiction
authorPaul de Kock
titleDie Familie Gogo
publisherRieger'sche Verlagsbuchhandlung
printrunDritte Auflage
year1861
translatorHeinrich Elsner
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20091104
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Fünfzehntes Kapitel.

Die Gesellschaft im Empfangsaal. – Vor dem Essen

Noch keine Viertelstunde war verflossen, so hatten sich beinahe alle von Herrn und Madame St. Godibert zum Diner eingeladenen Personen im Salon versammelt.

In dem großen dürren gelben Herrn mit der ernsten nachdenklichen Miene, der fragt: »Wie steht es mit der Gesundheit?« habt ihr den Herrn mit der Vorliebe für die Römer erkannt. Seine Frau sitzt in einer Ecke des Saales, lacht bereits und verbreitet rings um sich her Heiterkeit. Neben Madame Marmodin schäkert Herr Roquet, der das löwenmäßigste Kostüm anhat, das man tragen kann, dann ein junger Mann mit einem ziemlich hübschen Gesichte und artigen Manieren, welcher oft über die Bemerkungen der Madame Marmodin lacht; das ist Herr von Broussaillon, dessen ebenfalls junge und hübsche Gattin etwas entfernter sitzt; sie ist von Herrn Julian, der ihr höchst zärtliche Liebesblicke zuwirft, die sie aber nicht zu bemerken scheint, von Herrn Cendrillon, dem dicken großen Mann mit dem gutmüthigen Gesichte, welcher laut spricht, schallend lacht und sich so behaglich fühlt wie in seinem eigenen Hause, und endlich von Herrn Doguin, dessen Nachbarschaft allgemein gefürchtet wird, umgeben.

In einem andern Theile des Saales sitzt eine hübsche Blondine mit weißen Schultern auf einer Causeuse, und scheint gleichgültig den Fadheiten des Herrn Soufflat, eines kleinen, fünf Fuß weniger zwei Zoll hohen Mannes zuzuhören, der, um sich größer zu machen, meist auf den Zehenspitzen steht, und in einem Salon immer aussieht, wie wenn er einen Anlauf nehmen wolle, um einen Entrechat zu machen.

In der Blondine habt ihr Herrn Mondigo's Gemahlin erkannt. Was diesen Herrn selbst betrifft, so hat er sich des Majors Krautberg bemächtigt, um ihm den Plan eines Stückes zu erzählen, welches er eben in Arbeit hat, und das wenigstens sechshundertmal hintereinander aufgeführt werden soll.

Der Major Krautberg ist ein vortrefflicher Mann, der alle Eigenschaften besitzt, die Einen in Gesellschaft beliebt machen: er hört so lange zu als man will, billigt Alles, was man sagt, macht allen Damen Complimente, und spielt alle Spiele. Mit solchen kostbaren Vorzügen ist es unmöglich, in der Welt nicht sehr geschätzt zu sein.

Der Major, dessen viereckiges, etwas geröthetes Gesicht das Gepräge deutscher Gutmüthigkeit ausdrückt, hört wenigstens zum sechsten Male die Details einer Entwicklung an, welche ein ganzes Auditorium in Thränen zerfließen machen, und dem Stücke den Erfolg sichern soll; er nickt bloß bisweilen mit dem Kopfe, was so viel bedeutet, als: »sehr gut;« und wiederholt unaufhörlich die Phrase: »das wird außerordentlich hübsch werden.«

Mondigo begnügt sich mit diesen beiden Antworten, die eine mittelst Pantomime, die andere mit Worten ausgedrückt, und fährt in der Erzählung seines Planes fort; nur wenn der Major ein wenig zerstreut scheint oder zu lange gar nichts sagt, hält er inne, faßt ihn scharf ins Auge und ruft aus: »Wie! erfreut sich diese Scene nicht Ihres Beifalls?«

Dann beeilt sich der Major, welcher gleichsam aus dem Schlafe zu erwachen scheint, gleichzeitig mit Pantomime und Stimme zu antworten, und ruft, während er wie eine chinesische Porzellanfigur auf dem Kamine mit dem Kopfe wackelt, laut aus: »O! das wird schön! außerordentlich schön!«

Madame Doguin, eine große, hochgewachsene Frau, welche hübsch war, und es in einiger Entfernung noch zu sein scheint, hat sich in einen Lehnstuhl gesetzt, auf dem sie sich ausnimmt wie auf einem Throne: erstens, weil ihr außerordentlich hoher Oberleib glauben machen könnte, sie sitze auf mehreren Kissen, dann, weil sie unaufhörlich ihre Blicke rings umherschweifen läßt, und rechts und links hin lächelt, wie eine Person, die Gunstbezeugungen zu vertheilen hat.

Herr Villarsec steht so steif und ernst in einer kleinen Ecke wie ein preußischer Soldat beim Exerziren. Nicht weit von ihm weg sitzt Fräulein Soufflat, die junge Dame, deren Nase einige Ähnlichkeit mit einem Elephantenrüssel hat, auf einem Stuhle, ohne daß sich Jemand mit ihr unterhält, wodurch ihre Nase noch an Länge zuzunehmen scheint. Der Vetter Brouillard endlich geht ab und zu, windet sich überall durch und schleicht sich überall ein, wo gesprochen wird, besonders da, wo man, wie es scheint, nicht gerne gehört werden möchte.

Die St. Godiberts bemühen sich indessen auf's Aeußerste, ihre zahlreiche Gesellschaft gut aufzunehmen, und besonders inmitten ihrer Gäste kein dummes Gesicht zu machen. Aber trotz aller Anstrengung bringt es ein Emporkömmling, der den großen Herrn spielen will, nicht weiter, als daß man ihn für einen in einen Marquis verkleideten Hanswurst hält. Hätten sich Nicolaus Gogo und seine Frau damit begnügt, gute Leute zu sein, die ihre Gäste auf eine natürliche, ungezwungene Weise aufnehmen, so wären sie Einem nicht lächerlich in ihrem Salon vorgekommen.

Madame St. Godibert läuft von Einem zum Andern, und sucht sich eine Grazie zu geben, die nicht zu ihrem Beduinenkopfe paßt. Herr Roquet hat ihr schon dreimal wiederholt, sie sei zum Entzücken angezogen. Sie dreht und wendet sich unaufhörlich um den Major Krautberg herum, damit er ihr das Nämliche sage; aber der unglückliche Major ist dermaßen von dem Schriftsteller im Schach gehalten, daß es ihm unmöglich ist, der Herrin des Hauses ein Wort zuzuflüstern.

Madame St. Godibert nähert sich ihrem Manne und raunt ihm in's Ohr: »Ihr Bruder ist wahrhaft unerträglich! wenn er sich einmal einer Person bemächtigt hat, läßt er sie nicht mehr los! ... Jetzt spricht er schon eine Viertelstunde mit dem Major Krautberg ... ich bin überzeugt, daß er ihm eines seiner Stücke erzählt, und der arme Major darf nicht einmal zu mir herkommen, um mir ein Wörtchen zu sagen! er sitzt gewiß wie auf Nadeln! ... rufen Sie doch Ihrem Bruder.«

Statt seiner Frau zu antworten, stößt Herr St. Godibert einen Schrei aus und sagt: »Ach! mein Gott! dort sitzt Fräulein Soufflat ganz allein in einer Ecke! Niemand widmet ihr die geringste Aufmerksamkeit! ... das ist unschicklich ... woran denkt denn mein Schlingel von Sohn! ... er beschäftigt sich mit der kleinen eiteln Madame Marmodin! ... Julian! mein Sohn Julian!«

Herr Julian stellt sich, als ob er seinen Vater nicht höre, weil er zum Voraus vermuthet, auf was es abgesehen ist, und wenn er ihn von der einen Seite des Saales auf sich zukommen sieht, schleicht er sich so schnell als möglich nach einer andern.

Herr St. Godibert macht schon seit einer Weile vergebliche Anstrengungen, seinen Sohn zu erwischen, der Verstecken mit ihm zu spielen scheint; aber dem Vetter Brouillard, der Alles sieht und Alles hört, gelingt es, Julian am Arme zu erfassen, als er eben seinem Vater wieder entschlüpfen will, und er hält ihn mit den Worten zurück: »Vetterchen, hören Sie denn Ihren schätzbaren Vater nicht, der Ihnen schon lange ruft und Sie in allen Ecken des Saales sucht? Er hat Ihnen bestimmt etwas sehr Interessantes zu sagen ... nach der Beharrlichkeit zu urtheilen, mit der er Sie verfolgt ... ah! da kommt er ... Vetter; hier ist Ihr Sohn, der Sie, so viel ich glaube, nicht gesucht hat.«

Herr St. Godibert tritt mit wüthender Miene auf seinen Sohn zu: »Fräulein Soufflat sitzt ganz allein in einer Ecke dort,« schnaubt er, »willst Du Wohl augenblicklich zu ihr gehen und den Galanten machen, oder ich behalte Dein Taschengeld am Ende des Monats zurück! ... wir wollen dann sehen, mit was Du Deine frischbutterfarbenen Handschuhe bezahlen wirft!«

Herr Julian geht auf Fräulein Soufflat zu und murmelt: »Ein schönes Taschengeld das! ... es ist der Mühe werth, daß man davon spricht!« – Was hat er gesagt?« fragte Herr St. Godibert, seinen Vetter Brouillard anblickend, der unverweilt erwidert: – »Er hat gesagt: ein schönes ... es ist der Mühe werth, daß man davon spricht! Meinte er das Taschengeld oder Fräulein Soufflat ... das müssen Sie zu beurtheilen wissen, Vetter; es scheint, Ihr Sohn sei mit dem, was Sie ihm für seine Toilette aussetzen, nicht recht zufrieden; er ist übrigens sehr gut und sehr elegant gekleidet, das muß ich bekennen.« – Nicht zufrieden! ... ich möchte wissen, ob er es wagt, sich zu beklagen! ... Nicht zufrieden, und ich gebe ihm vierzig Franken monatlich, Vetter, vierzig Franken! bloß zu seinen Kleidern! denn er hat freie Wohnung, Kost, Heizung und Licht bei mir! ... Nun, finden Sie nicht, daß das eine ungeheure Summe ist? Wenn meine Frau nicht wäre, würde ich ihm nur die Hälfte geben! – »Vierzig Franken! Tausend Element, das ist freilich Etwas, Vetter! ... zu unserer Zeit wäre das sogar viel gewesen ... ich glaube nicht, daß Sie in dem Alter Ihres Sohnes monatlich vierzig Franken für Ihre Toilette aufzuwenden hatten ... Sie waren allerdings auch nicht gekleidet wie er ... aber heut zu Tage braucht man so Vielerlei! ... man ist immer so im Staate! Ich wundere mich beinahe über die Eleganz Ihres Sohnes, wenn Sie ihm nicht mehr geben als das.« – Ah! potz Kuckuk! er läßt auch auf Rechnung arbeiten! ... und macht nebenbei Schulden! – »Teufel! das ist unangenehm.« – Aber ich bezahle sie nicht. – »Dann ist es wieder als ob er keine machte.«

Diese Unterredung wird durch Herrn Cendrillon unterbrochen, der sich dem Hausherrn nähert, ihm auf den Bauch klopft und ausruft: »Potz Sapperment! ich habe ein Vorgefühl, daß mir das Mittagessen gut schmecken wird, und Sie, mein lieber St. Godibert?« – Ich, Herr Cendrillon, ich bin ganz Ihrer Meinung, das Essen wird willkommen sein. – »Sind Sie auch dazu aufgelegt?« fragt Herr Doguin, näher tretend.

Diese Worte waren an Herrn Brouillard gerichtet, welcher, als er die Nähe des Herrn Doguin verspürt, schnell seine Tabaksdose herauslangt und sich die Nase vollstopft. Dann erwidert er, indem er dabei um zwei Schritte zurückweicht: »O! ich habe auch Appetit, aber ich kann warten. Ich weiß, daß man bei meinem Vetter immer sehr spät ißt, wenn Gäste bei Tische sind.« – Immer zur Zeit wo man von der Börse kommt!« versetzt Herr St. Godibert, im Tone eines Capitalisten: »um sechs bis halb sieben Uhr. – »Das ist sehr spät,« sagt Herr Cendrillon; »übrigens ist es bereits ein Viertel auf sieben Uhr vorbei. Erwarten Sie noch Leute?« – Ja, noch Herrn Dernesty und meinen Neffen Friedrich ... – »Ah! die beiden Unzertrennlichen.« – Sobald aber aufgetragen ist, sehen wir uns zu Tische; o! wir warten nicht auf diese Herren! ... mein Neffe kommt immer absichtlich zu spät, und Herr Dernesty hat auch die Manier, Einem die Zeit entsetzlich lange zu machen! – »Die sind von Einem Schlage!« sagt Herr Brouillard, sich von Herrn Doguin entfernend.

Madame St. Godibert kann nicht mehr länger an sich halten: da sie bemerkt, daß ihr Schwager den Major gar nicht losläßt, entschließt sie sich, ins Mittel zu treten um dem Gespräch dieser beiden Herren ein Ende zu machen.

»Ei! ei! meine Herren,« ruft sie aus, »Sie sind recht liebenswürdig! Sie unterhalten sich mit einander, statt den Damen den Hof zu machen! ... Ach! Herr Major, ich erkenne Sie gar nicht mehr,« Der arme Major, entzückt über seine Befreiung, verneigt sich schnell gegen Mondigo und will auf die prächtige Angelika zugehen, aber der Schriftsteller hält ihn an seinem Frackschoße zurück und sagt: »Wir haben nur noch drei Scenen, und ich lege großen Werth auf Ihre Ansicht über meinen letzten Akt, den ich schon zum viertenmale angefangen habe, der aber, glaube ich, auf die Art, wie ich Ihnen eben erzählte, sehr gut werden wird.« – O! vortrefflich! ganz vortrefflich! – »Ich lasse das Mädchen durch einen Verschwörer verführt werden, der zwei Weiber hat.« – O! das wird sehr spannend. – »Sie vergiftet ihren Verführer mittelst einer Pomeranze ... das ist eine Entwicklung, von der ich mir eine große Wirkung verspreche.« – O! ausgezeichnet! – »Man hat mir übrigens gesagt, daß man sich in einem deutschen Stücke in einer Scene von Bedeutung auch einer Pomeranze bediene, und das hat mich auf den Gedanken gebracht, die Sache zu ändern und eine Citrone an die Stelle zu setzen. Was halten Sie davon?« – O! sehr, hübsch, ganz hübsch! –»Die Idee mit der Citrone ist neuer, als die mit der Pomeranze ... aber die Schwierigkeit besteht darin, einen Franzosen eine Zitrone essen zu lassen! ... O! jetzt geht mir aber ein Licht auf: ich versetze meine Scene nach Italien, wo die Citronen süß sind, dann gibt sich meine Entwicklung von selbst.«

Der Major nickt sein gewöhnliches Beifallszeichen, entschließt sich jedoch, sich von dem Schriftsteller wegzuschleichen, welcher, Herrn Villarfec in seiner Nähe bemerkend, sich vor denselben hinstellt und zu ihm sagt: »Ja, ich bin entzückt, auf diese Citrone verfallen zu sein ... die Scene muß in Italien oder in der Provence spielen ... es ist zwar ein historisches Drama; aber das will ich schon arrangiren! ... Soll ich aber Citrone oder Limonie sagen? Das ist ein Punkt, an den ich noch nicht gedacht habe. Was rathen Sie mir?«

Herr Villarsec, der immer steife und ernste Mann, betrachtet Herrn Mondigo mit einer fast unverschämten Miene und erwidert: »Mein Herr, wenn es sich um eine Limonade handelt, so muß ich Ihnen bekennen, daß ich nichts davon verstehe, und ersuche Sie, sich deßhalb an einen Conditor zu wenden.« – Von einer Limonade!« schreit Mondigo, dessen Nasenspitze erbleichte, was stets der Fall war, wenn seine Eigenliebe verletzt wurde. »Ich habe von meinem Stück mit Ihnen gesprochen, Herr ... aber! entschuldigen Sie, Sie haben die Entwicklung meines Planes nicht mit angehört, und konnten mich demnach auch nicht verstehen ... ich hielt Sie für den Major Krautberg ... Es handelt sich mit kurzen Worten davon, den Helden meines neuen Dramas durch Gift sterben zu lassen und da bin ich nicht ganz einig mit mir, ob es durch eine Citrone oder Limonie geschehen soll?« – Muß denn aber der arme Teufel absolut Gift fressen, können Sie ihn denn nicht durch einen tüchtigen Dolchstoß oder einen Revolver ins andere Leben befördern, das ist ja sogar noch sicherer. – »O! nein, er muß an Gift sterben, das ist viel tragischer, und gibt einem tüchtigen Schauspieler Gelegenheit, sich im Todeskampfe in den malerischten Convulsionen zu winden, und dadurch vielleicht ein kunstsinniges Publikum zu einem solchen Beifall hinzureißen, daß es ihn zwei oder dreimal nacheinander sterben läßt. Auf einen solchen Effekt kann ich nicht verzichten.« – Nun vergiften Sie ihn in Gottes Namen, wenn Sie ihn nicht erschießen wollen, ich wasche meine Hände in Unschuld.«

Herr Brouillard der einzelne Worte des Gesprächs und besonders den etwas lebhaft ausgesprochenen Schluß aufgeschnappt hatte, näherte sich den Sprechenden und sagte: – »Ich will doch nicht hoffen, Herr Vetter, daß Sie sich in eine Verschwörung à la Orsini einlassen wollen. Sie wissen, das ist dem guten Manne schlecht bekommen.« – O! nein,« sagte Herr Villarsec indem er sich zugleich empfahl, »Ihr Herr Vetter ist nur noch nicht ganz einig mit sich, wie er den ersten Helden seines neuen Dramas auf die zweckmäßigste Weise umbringen will, und da sind Sie vielleicht eher im Stande, ihm einen guten Rath zu geben, als ich. – »Wenn nur nicht das ganze Stück todtgeschlagen wird!« sagte Herr Brouillard. – »Wie meinen Sie das, Vetter? – »Ich meine, daß es ihm nicht gehe, wie Ihrem letzten Drama, dessen erster Vorstellung ich beiwohnte, und das zu meinem großen Kummer auf eine erbärmliche Weise ausgepfiffen wurde. Ich habe mir deßhalb auch vorgenommen, in keines Ihrer Stücke mehr zu gehen, denn Sie haben kein Glück!« – Lieber Vetter,« sagte Herr Mondigo, der vor Zorn kirschroth geworden war, »wenn Sie in der zweiten Vorstellung gewesen wären, so wären Sie reichlich entschädigt worden, da ging es wie am Schnürchen und erhielt ungetheilten Beifall! Man sah deutlich, daß das erste Mal nur die Kabale gepfiffen hatte. – »Dann ist die Kabale ein so vielköpfiges Ungeheuer wie die Hydra! ... Uebrigens werde ich in Zukunft nur für den Fall in ein neues Stück von Ihnen gehen, wenn es zum zweitenmale zur Aufführung kommt, denn das abscheuliche Auspfeifen eines mir so verwandten Stückes greift nicht nur mein Gemüth, sondern auch meine Ohren entsetzlich an. Ich hatte zwei Tage lang Nervenkopfweh davon.«

Herr Roquet, der zu seinem Verdruß bis jetzt in keine Unterhaltung gezogen worden und darüber sehr ungehalten war, näherte sich nun mit den Worten:

»Ich habe schon oft zu bemerken geglaubt, mein lieber Herr Mondigo, daß im Allgemeinen neue Stücke bei der zweiten Vorstellung sehr gut gingen. Wenn ich Theaterschriftsteller wäre, würde ich auf ein Mittel sinnen, um dem Tumult bei der ersten zu begegnen.« – Ah!« sagte Herr Brouillard »Sie würden gleich mit der zweiten Vorstellung anfangen. Der Rath ist nicht übel, wenn auch nicht neu. Inzwischen dürften sich seiner Ausführung einige nicht unerhebliche Hindernisse entgegenstellen ...«

Als Herr Mondigo gerade antworten will, kommt Herr Marmodin auf ihn zu, nimmt ihn beim Arme und ruft aus: »O, ich bin überzeugt, Sie sind meiner Ansicht, Mondigo: diese Damen lachen und wollen mir nicht glauben ... ich habe mich an Herrn Cendrillon gewendet, der mir aber ausweichende Antworten gibt.« – Wovon handelt es sich, Marmodin? – »Fräulein Soufflat ist mit einer Art Kapuzmantel in den Saal getreten, der mich an den Cucullus der Römer erinnerte, und der Hut, den sie abgenommen und auf den Divan gelegt hat, muß nach der Form des Petasus oder der Causia gemacht sein. Wir haben auch noch den Galerus und den Apex, deren sich die Römer und Römerinnen bei ihrer Toilette bedienten ... aber ich rede hier nur von dem Petasus und dem Cucullus ... Herr Cendrillon antwortet mir mit Gibus! ... aber davon handelt es sich jetzt nicht.« – Aber! lieber Gott!« versetzt Herr Cendrillon lachend, »was verstehe ich von Ihrem alten lateinischen Kram! ... Sprechen Sie von Handel, Spekulationen, Unternehmungen, Eisenbahnen und solchen Dingen mit mir, dann will ich Ihnen antworten. – »Dann sind Sie im Geleise!« ruft Herr Soufflat aus, indem er sich bemüht, sich auf seinen Zehenspitzen zu halten.

»Ah! bravo! im Geleise! ... nicht übel ... das ist ein Wortspiel ... die liebe ich zum Fressen! ... Ei! aber da wir gerade davon sprechen, essen wir noch nicht bald? es ist drei Viertel auf sieben Uhr! ... Sapperment, mein Magen und mein Bauch schlagen den Generalmarsch nach Noten.« – Herr Dernesty kommt also nicht?« fragte die blonde Clementine Madame St. Godibert, welche gerade neben ihr stand.

»O! er kommt, wir haben ihn eingeladen ... der junge Mann ist aber so beliebt in der Welt, er hat täglich zweihundert Besuche zu machen!« – Dann muß er Abends sehr müde sein!« versetzt Vetter Brouillard, seine Schnauze zwischen die beiden Schwägerinnen hineinsteckend. »glauben Sie vielleicht, er gehe zu Fuße? Warum nicht gar! ... Der junge Mann hat ein Cabriolet!« – Das wußte ich nicht, ich kenne die Verhältnisse dieses Herrn nicht. Was treibt er? – »Nichts! ... Das heißt doch, er spielt an der Börse.« – Ah! er spielt! Ist das auch ein Geschäft? – »Ach! das verstehen Sie nicht, Vetter; Heutzutage treiben alle anständigen jungen Leute, die Vermögen haben, nichts Anderes ... das ist wenigstens Herrn Dernesty's Meinung.«

Der Vetter verzieht statt aller Antwort das Gesicht und nähert sich der Frau Marmodin, welche eben ausrief: »Ich sehe Herrn Friedrich nicht ... Wie! sollte Herrn St. Godiberts Neffe nicht zu dieser Gesellschaft kommen?« – Doch, er wird kommen,« antwortet Herr Brouillard, »man erwartet ihn. – »Ah! ich sagte doch gleich: es ist nicht möglich, daß unser Wirth ein Mitglied seiner Familie vergißt!« – Seiner Familie? ... Ah! Sie glauben also, mein Vetter habe außer seinem Neffen keine Verwandten? – »Da ich nie andere gesehen habe, stellte ich es mir vor.«

Herr Brouillard beugt sich zu der jungen Dame herab und flüstert ihr in's Ohr: »Sie wissen also nicht, daß er noch einen Bruder und dieser eine, bei meiner Treu! sehr hübsche Tochter hat?« – Ah! wirklich! ... warum sieht man sie denn nie weder hier noch bei Herrn Mondigo? ... Stehen sie denn nicht gut mit diesem Bruder? – »O! das nicht ... es sind andere Gründe vorhanden ... jener Bruder ist nicht reich, er treibt sogar ein sehr einfaches Gewerbe ... er ist Landmann, man könnte sogar sagen Bauer ... aber ich begreife nicht, weßhalb man diese Leute verachtet! Waren unsere Voreltern nicht alle Landleute? Bebauten sie nicht ihre Felder mit ihren Kindern? ... zum Beispiel Abraham, Jakob, Laban. Auch schäme ich mich, der ich nicht der Meinung meiner Vettern bin, durchaus nicht, ihren Bruder zu besuchen ... ich habe dem guten Hieronymus erst kürzlich einen kleinen Besuch gemacht.« – Sie haben Recht, Herr Brouillard, und ich lobe Sie darum. O! Sie setzen mich durch Ihre Mittheilung sehr in Staunen! Ich wundere mich, daß mir Clementine, mit der ich doch ziemlich nahe befreundet bin, noch nie ein Wort von diesem andern Bruder ihres Mannes gesagt hat. – »O! die liebe Dame ist nicht besser als die Anderen ... und einzugestehen, man habe einen Bauer zum Schwager, wenn man sich die Manieren einer Herzogin zu geben sucht, wäre gar zu peinlich!« – Mein Gott, wie ist doch die Welt so sonderbar! – »O, mehr noch als sonderbar! sie hat eine Masse häßlicher Seiten! Was ich Ihnen aber gesagt habe, verstehen Sie wohl, geschah ohne Arg, denn ich bin mit der ganzen Welt befreundet; o! wenn ich bösartig sein wollte, könnte ich Dinge sagen!«

Herr Brouillard hätte vielleicht, da er gerade im Zuge war, Beweise für seine Behauptung abgelegt, aber in diesem Augenblick ging die Saalthüre auf und Franz meldete mit sehr heiserer Stimme: »Herr Dernesty und mein Neffe Friedrich.«

Die ganze Gesellschaft bricht bei diese, abermaligen Dummheit Franzens in ein Gelächter aus, und Friedrich, der in den Saal tritt, theilt die allgemeine Heiterkeit und begrüßt die Gesellschaft mit den Worten: »Meine Herren und Damen, Sie haben vielleicht noch nicht gewußt, daß ich Franzens Neffe bin? ... Das war eine kleine Ueberraschung, die ich Ihnen für heute aufgespart habe.«

Franz, welcher indeß bemerkt, daß er eine Dummheit gemacht hat, öffnet die Saalthüre wieder, streckt den Kopf herein und schreit: »Nein, ich habe mich geirrt ... es ist nicht mein Neffe! es ist der Neffe meines Patrons ... meines Onkels ... ach! nein ... das ist es auch nicht.« – Schon gut, schon gut, Franz!« sagt Friedrich, den Bedienten hinausstoßend, »Du findest heute das rechte Wort doch nicht; es ist darum besser, Du gehst. – »Wird der Dummkopf wohl wieder anfangen, Eselsstreiche zu machen?« schreit Herr St. Godibert, von Einem zum Andern rennend. »Ich weiß nicht, was er heute hat, aber es ist noch weit schlimmer mit ihm wie gewöhnlich.«

Herr Dernesty, der eben mit Friedrich gekommen, ist ein junger Mann von achtundzwanzig Jahren, mittlerer Größe und schönem Körperbau, welcher sich mit vieler Ungezwungenheit und mit Anstand in einer ausgewählten, geschmackvollen Toilette bewegt. Das Gesicht dieser neuangekommenen Person ist eher hübsch als häßlich; einzeln betrachtet sind seine Züge jedoch nicht schön: sein Teint ist gelblich und sein hellbraunes Haar geht zu tief in die Stirne herein; seine grauen Augen sind klein, aber drücken eine außerordentliche Lebhaftigkeit aus, sie bewegen sich unaufhörlich hin und her und haften nur sehr selten auf einem Punkte; seine Nase ist schmal, sein Mund eingekniffen, indeß bildet alles Dieses zusammen doch ein ziemlich interessantes Ganzes. Fügt dazu noch die Suada eines Stutzers, jene blendende Zuversicht, jene pikanten Witzworte, jene Sarkasmen, die in einem Salon immer Furore machen, die Kunst, den Damen gegenüber seinen Blicken den Ausdruck von Zärtlichkeit, Schwermuth oder Leidenschaft zu verleihen, je nach den Umständen, so habt ihr Herrn Dernesty.

Die Ankunft der beiden jungen Leute hat eine allgemeine Bewegung im Saale hervorgebracht. Die Damen erwidern ihren Gruß mit einem holden Lächeln, die Männer drücken ihnen die Hand.

Nachdem Herr Dernesty der Herrin des Hauses eines jener alltäglichen Complimente gemacht hat, die man hundertmal sagt, Madame Godibert aber zum Entzücken findet, und eigens für sie erfunden wähnt, nähert er sich, da- und dorthin einige Worte sprechend, allmählig der Madame Mondigo. Die schöne Blondine erwidert mit einem sehr bescheidenen Kopfnicken die Begrüßung des jungen Mannes. Dieser bleibt aber bei Clementine stehen, und trotz des zurückhaltenden, beinahe kalten Wesens, womit sich diese beiden Personen begrüßt, könnte doch ein scharfer Beobachter bemerken, daß sich die Züge der Madame Mondigo belebt haben, daß jetzt ein ganz anderer Ausdruck in ihrer Physiognomie herrscht, und sie mit ganz besonderer Sorgfalt ihre hübschen Hände zeigt und ihre Finger in Bewegung setzt, während Herr Dernesty, der dem Anschein nach dieser Dame durchaus nicht mehr Aufmerksamkeit widmet als jeder andern, die Bewegung ihrer Finger so genau beobachtet, als ob er der Thätigkeit eines Telegraphen zusähe. Während dieses auf einer Seite vorgeht, ist Friedrich auf der andern zu dem lebhaften und heitern Kränzchen getreten und unterhält sich mit ihr über Alles, was ihm gerade in den Kopf kommt. Madame Marmodin lacht über Alles, was der junge Mann sagt, und dieser findet zuweilen, daß sie zu viel lache und seinem Gespräche nicht die gehörige Aufmerksamkeit widme.

Herr Brouillard beobachtet diese Dinge von seinem Platze aus mit einem boshaften Lächeln und betrachtet dann abwechselnd den Schriftsteller und seinen Freund Marmodin, welcher in diesem Augenblicke ausruft: »Aber, mein lieber Mondigo, in all' Diesem finde ich keine Antwort auf meine Frage wegen des Petasus und der Causia; vor allen Dingen jedoch wünschte ich Ihre Ansicht über den Cucullus zu erfahren. Was verstanden, Ihrer Meinung nach, die Römer unter diesem Worte?«

Herr Mondigo kratzt sich abwechslungsweise an der Nase und an den Ohren, denn man kann Theaterstücke schreiben und sogar strenggenommen Gelehrter sein, ohne das Studium des Lateinischen sehr weit getrieben zu haben. Er ist daher ziemlich in Verlegenheit und brummt zwischen den Zähnen: »Was ich von dem Cucullus denke ... ach, meiner Treu', entschuldigen Sie, ich dachte gerade an etwas ganz Anderes ... Cucullus ... ja, ich erinnere mich, das heißt ... ich besinne mich ...« – Ich bin sehr neugierig,« sagt Herr St. Godibert, sich das Kinn streichelnd, »was mein Bruder, der Gelehrte, antworten wird.«

In diesem Augenblick stößt ihn Herr Brouillard mit dem Ellbogen und raunt ihm ins Ohr: »Vetter, ich meine, es schicke sich nicht, wenn Sie von Mondigo sprechen, zu sagen: »mein Bruder, der Gelehrte;« denn diesem nach könnte man glauben. Sie hielten sich für ein Vieh ... und die übrigen Mitglieder der Familie ebenfalls!«

Herr St. Godibert drückt Brouillards Hand und erwidert: »Das ist richtig! o, beim Kuckuk! Sie haben Recht, Ihre Bemerkung ist sehr passend ... wo Teufel hatte ich den Kopf? ... Ich werde nicht mehr sagen: »›mein Bruder, der Gelehrte‹« sondern wie früher: »›mein Bruder, das Genie‹« ... hm!?« – Das käme auf das Nämliche heraus und wäre nicht richtig! Denn ich glaube nicht, daß Mondigo ein Genie ist, obgleich er eine Abhandlung über eine Zitrone geschrieben hat, so viel ich im Vorbeigehen gehört habe ... heißen Sie ihn einfach, »›den Schriftsteller,‹« damit vergeben Sie sich nichts. – »Ganz gut! ich werde nicht mehr anders sagen, als: »›mein Bruder, der Schriftsteller‹« oder »›mein Bruder, der Literat.‹«

Während dieses Gespräches setzte Herr Marmodin seinem Freunde Mondigo zu, dessen Verlegenheit er zu bemerken anfing, und den er wahrscheinlich mit Vergnügen durch das Gewicht seiner Kenntnisse erdrücken wollte.

Herr Mondigo kratzte vergeblich an seinem Ohre und murmelte: »Cucullus ... cucu ... O! ich weiß, was das ist ...« – Zum Henker! ich weiß auch, was Kuckuk ist,« sagt Herr Cendrillon, hellauf lachend, »das Latein kennt Jedermann, besonders die, in deren Nest er seine Eier legt. – »O! Herr Cendrillon geht zu weit, er sagt zu schlüpfrige Dinge!« flüstert Madame Godibert dem Major Krautberg zu. »Wenn er sich jetzt schon so ausleert, wie wird er erst sein, wenn er Champagner getrunken hat? ... Dieser Mann macht mich in Gesellschaft zittern!« – Wie?« entgegnet der Major, seine großen Augen im Kopfe rollend, »er hat sich bereits ausg ... ach! ich wage die Sache nicht zu berühren! – »Daran erkenne ich Sie, Herr Major, daran erkenne ich Sie! ... Sie hätten so etwas eher verschluckt als ausgesprochen.«

Herr Dernesty, welcher der Verlegenheit von Clementinens Gatten ein Ende machen will, tritt plötzlich auf Herrn Marmodin zu und sagt: »Ei, mein Gott, mein Herr, ich stimme ganz mit Herrn Cendrillon, Cucullus ist Kuckuk und werde im Nothfall Jeden, der es läugnet, fordern.« – So ist es,« sagt Mondigo, »Kuckuk! das Wort fiel mir nur nicht ein. – »Und doch hätte es ihm eher einfallen sollen, als jedem Andern!« murmelt Brouillard; »es ist aber nicht mehr als billig von Herrn Dernesty, daß er ihm dabei geholfen hat.« – Dennoch, meine Herren, irren Sie sich!« ruft Herr Marmodin mit triumphirender Miene aus. »Ah! ich dachte es mir doch! Sie verwechseln Cucullus mit zwei L mit Cuculus, das nur eines hat: das letztere Wort heißt in der That Kuckuk! aber das, dessen ich mich bediente, will sagen Kapuze oder Mönchskappe und nicht Kuckuk! – »Mein Gott! wie gelehrt ist dieser Herr!« murmelt Herr Soufflat, sich am Kamine haltend, um besser, auf den Zehen stehen zu können.

»Potz Tausend! lieber Freund, hört Deine Dissertation über die Kuckuke noch nicht auf?« ruft das heitere Fränzchen mit einem spöttischen Lächeln aus. »Weißt Du, daß Du mit Deiner Gelehrsamkeit Jedermann in Schrecken setzest!« – Er hat ohne Zweifel seine Gründe, diesen Gegenstand abzuhandeln!« sagt Herr Brouillard, die Nase des Fräuleins Soufflat betrachtend, welche den jungen Julian ansieht, von ihm aber hartnäckig nicht angesehen wird.

»Ach, meiner Seel', ich wollte, wir säßen bei der Suppe und hätten statt des Kuckuks mit einer guten Henne darin zu schaffen,« ruft Herr Cendrillon aus, indem er sich auf den Bauch klopft.

Jedermann schien Herrn Cendrillons Meinung zu sein, als endlich die Thüre aufgeht, Franz mit einer Serviette unter dem Arm auf der Schwelle erscheint und mit selbstzufriedener Miene hereinruft: »Die Suppe läßt sich empfehlen!«

»Franz muß heute Abend offenbar etwas im Kopfe haben,« sagte Friedrich, der Madame Marmodin den Arm in demselben Augenblicke bot, als sich auch Herr Roquet näherte, um sich als Cavalier anzutragen; aber die junge Frau hatte bereits Friedrichs Hand ergriffen, zu dem sie sagte: »Mein Gott! Sie sind heute von einer Galanterie gegen mich! ...« – Wundert Sie das? ... wissen Sie nicht schon lange, daß ich Ihr Sklave bin und es nur von Ihnen abhängt, mich beständig zu Ihren Füßen zu sehen? – »Wirklich! O! diese Position könnte Sie am Ende doch zu sehr ermüden, und Ihrer so gewählten Toilette schaden!« – Wann darf ich Sie endlich ungestört sehen?« flüstert Herr Dernesty leise, während er Madame Mondigo seinen Arm anbietet, welche, beinahe ohne die Lippen zu bewegen, antwortet: »Still! ... nehmen Sie sich in Acht! man könnte uns hören!« – Sollte Jemand etwas ahnen? – »Haben Sie nicht an meinen Fingerbewegungen gesehen, daß ich am Dienstag Mittag ausgehe?« – Ja? in der That! ... am Dienstag ... das ist noch sehr lang ... wenn ich nur bei Tische neben Sie zu sitzen käme! – »O! daraus wird nichts! meine Schwägerin nimmt Sie jedesmal in Beschlag!« – Schönes Vergnügen für mich!«

In diesem Augenblick erschien Herr Roquet, um seinen Arm der schönen Blondine anzubieten, aber er mußte zusehen, wie sie ihm Herr Dernesty entführte; er sah sich um, was etwa noch für eine Dame zu begleiten sein dürfte; da er schielte, fielen ihm Madame Doguin und Fräulein Soufflat zugleich in die Augen: während er nun unentschlossen hin und her schwankte, welcher er den Vorzug geben sollte, wurden Beide von andern Cavalieren in den Speisesaal geführt.

Nun war Niemand mehr im Salon übrig, als der Vetter Brouillard, der Alle nach einander an sich vorbeigehen ließ und seine Betrachtungen und Bemerkungen über das, was er sah und über die Worte, die er im Vorbeigehen erhaschte, vor sich hin machte.

»Wahrhaftig, alle Damen entwischen mir!« rief Herr Roquet, den Vetter Brouillard ansehend, aus, welcher, während er seine Schritte dem Speisezimmer zulenkte, antwortete: »Ich stehe Ihnen dafür, sie entwischen nicht Jedem! ... Aber setzen wir uns zu Tische, ich sterbe fast vor Hunger; es ist sieben Uhr vorbei ... es ist zum Verzweifeln, so spät zu essen. Ich glaube, das geschieht aus Berechnung, damit der Appetit den Gästen vorher vergehe.«

Herr Roquet wollte antworten, aber seine Brille fiel herunter, und während er sie aufhob, war Herr Brouillard bereits in den Speisesaal getreten.

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