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Die Familie Gogo

Charles Paul de Kock: Die Familie Gogo - Kapitel 14
Quellenangabe
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typefiction
authorPaul de Kock
titleDie Familie Gogo
publisherRieger'sche Verlagsbuchhandlung
printrunDritte Auflage
year1861
translatorHeinrich Elsner
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Dreizehntes Kapitel.

Die Familie Gogo

Alles war in einer schönen Wohnung in der St. Lazarusstraße, in demselben Hause, wo Rosa-Maria vergebens nach ihrem Onkel Nicolaus Gogo gefragt hatte, in Bewegung.

Und doch wohnte ihr Onkel wirklich in dem Hause, in welchem sich die Jungfrau nach ihm erkundigt hatte. Warum hatte sie denn der Portier fortgeschickt und behauptet, er kenne die Person nicht, nach der man frage? Ihr habt es ohne Zweifel schon errathen, weil Herr Nicolaus Gogo seinen Namen verändert hatte, und sich nunmehr Herr St. Godibert und sogar, wenn es ohne Aufsehen geschehen konnte, Herr von St. Godibert nennen ließ.

Und weßhalb hatte Herr Nicolaus Gogo seinen ehrlichen Namen verändert? ... Weßhalb? ... muß ich euch das auseinander setzen? Begegnet ihr nicht alle Tage im Leben und in der Gesellschaft Leuten, die einen Namen führen, der nie der ihrige war? Denn der, den sie von ihrem Vater ererbt haben, erscheint ihnen gemein, kleinlich, lächerlich; aber weit öfter noch verändern sie ihren Namen, weil sie ihren Ursprung vergessen machen wollen. Ihre Eltern waren Krämersleute oder Bauern, oft sogar Handwerker oder Dienstleute. Ihr werdet begreifen, daß ein solcher Ursprung nicht mehr für Menschen taugt, die Thaler aufgehäuft haben und sich Eingang in die große Welt verschaffen wollen. Der Sohn eines Landmanns oder eines Krämers zu sein! pfui! ... so etwas paßt nur für Bürgersleute, für Menschen von beschränktem Geist, für Geschöpfe ohne Fähigkeiten; man verläugnet seinen Vater, seine Familie, seine Heimath sogar, wenn es sein muß, nimmt einen vornehmen, auffallenden, wohlklingenden Namen an, macht sich wichtig, spreizt sich, verabscheut das Volk und den Pöbelpack, bewohnt bloß ein Logis in dem schönen Quartier, besucht nie die kleinen Theater auf den Boulevards und will nichts vom Lande wissen, wo man nur Grisetten und Leuten begegnet, die Melonen tragen.

So wird in der Gesellschaft aus Herrn Benoit ein Herr von St. Amarante, aus Herrn Baldaquin, der Chevalier Beaugaillard, und Rousseau verwandelt sich in einen Herrn von Grandpré u. s. w.

Armselige Thoren, die sich ein großes Verdienst zu verleihen glauben, wenn sie einen klangvollen Namen annehmen und nicht einsehen, daß Nicolaus, Nicodemus und Eustachius sehr schöne Namen werben können, wenn sie große Künstler und geniale Männer führen.

Es ist somit durchaus nicht auffallend, daß Herr Nicolaus Gogo, nachdem er sein Glück in Paris gemacht, daran gedacht hat, einen Namen aufzugeben, den erstens sein Bruder, der Landmann, führte, und der überdies nichts Ausgezeichnetes, sondern eher etwas Lächerliches hatte.

»Ein Mann, der jährlich zwanzigtausend Franken Renten hat, kann und darf nicht Gogo heißen,« sagte Herr Nicolaus eines Tags zu seiner Frau.

»Nein, gewiß nicht, Herr Gemahl!« entgegnete die große Frau, die ebenso anspruchsvoll war wie ihr Mann. »Es macht auf mich, sooft ich in Gesellschaft gehe, einen peinlichen Eindruck, wenn man Herrn und Madame Gogo meldet! Der Name ist so dumm, um so mehr, als man ihn, wie es scheint, in einem auf dem Boulevard mit vielem Glücke gespielten Stücke angebracht hat; es kam darin, so viel ich gehört habe, ein Herr Gogo vor, von dem es beständig hieß: »Was ist doch dieser Herr Gogo für ein gemeiner Kerl!« – Daher, meine Theuerste, wundere ich mich nicht, wenn ich oft Personen sich lachend abwenden sehe, sobald man meinen Namen ausspricht, sie erinnern sich ohne Zweifel des Stückes, welches Du eben erwähnt hast ... ein Grund mehr, ihn abzulegen ... es ist entschieden, ich behalte ihn nicht mehr bei! ... Wie soll ich mich nennen?«

Ueber diese große Frage war mehrere Tage lang debattirt worden; endlich war der kleine Herr mit der kleinen Nase, den ihr sowie seine Gattin bereits kennet, da ihr sie auf der Eisenbahn gesehen habt, eines Morgens vor seine Frau getreten und hatte, sich vergnügt die Hände reibend, zu ihr gesagt: »Nun hab' ich's! ... Ich nenne mich St. Godibert! ... Herr St. Godibert! hm, wie gefällt Dir das?« – Sehr gut! ... das ist ein sehr passender Name, bei dem wollen wir bleiben ... und ihn uns ja gut merken. – »Ich will ihn in meinem Zimmer auf meinem Schreibtisch auf mehrere Karten niederschreiben; kurz, ich werde ihn überall anbringen; auf diese Weise werde ich ihn bald auswendig lernen.« – Dann ist es nothwendig, daß wir ausziehen, damit man uns in unserem neuen Lokal nur unter diesem Titel, ich wollte sagen unter dem Namen St. Godibert kenne.«

Als nun Herr Eustachius Gogo, der Schriftsteller, Nachricht von dem Namenswechsel seines Bruders, des Reichgewordenen erhalten hatte, dachte er seinerseits ebenfalls: »Ah! Nicolaus legt seinen Namen ab, warum soll ich das nicht auch thun? Ich, der ich Theaterstücke schreiben und mich auf die Literatur werfen will, habe noch weit mehr Gründe, den Namen unseres Vaters, der so schlecht klingt und den Buchhändlern und Direktoren durchaus kein Vertrauen einstößt, aufzugeben. Wenn ich etwas zu lesen verlange und man fragt mich: »Wie heißen Sie?« so bin ich immer zum Voraus überzeugt, daß man lacht, wenn ich meinen Namen nenne; denn kaum habe ich gesagt: Gogo, so beißen sie sich in die Lippen, blicken einander an und lachen zusammen: das ist sehr unangenehm. Ah! wenn ich bereits einen großen Ruf erlangt hätte, würde ich mich darüber wegsetzen! ... dann wären sie überglücklich, sich dem Gogo zu Füßen legen zu dürfen, aber es dauert lange, bis man einen Ruf hat. Ich will mir lieber gleich einen Namen machen, einen Namen, der keine Lust erweckt mir ins Gesicht zu lachen, wenn ich ihn nenne ... oder wenn man mich als den Verfasser eines neuen Stückes bezeichnet.«

Auch Eustachius Gogo hatte es einige Mühe gekostet, sich zur Wahl eines Namens zu entschließen, denn seinen Namen zu verändern, ist keine so leichte Sache, als ihr euch vielleicht vorstellet. Nach einigen Wochen großer Überlegung, beständiger Nachforschung und eifrigen Nachschlagens in dem Lexikon berühmter Männer war unser Gelehrter endlich bei dem Namen Mondigo, als einem sehr ausgezeichneten, sehr anmuthigen und sehr originellen stehen geblieben.

Und als der Vetter Brouillard von diesem Namenswechsel seiner beiden Verwandten unterrichtet worden war, hatte er nicht umhin können, mit spöttischer Miene auszurufen: »Ah, der Eine heißt Godibert und der Andere Mondigo! ... Nun, ich sehe doch mit Vergnügen, daß sie wenigstens eine Sylbe von dem Namen ihres Vaters beibehalten haben; der Eine vorn, der Andere hinten, so daß, wenn sie bei einander sind, die beiden halben einen completen Gogo bilden.

Diese Namensveränderung hatte schon seit mehreren Jahren stattgefunden, so daß beide Brüder von Hieronymus im Publikum und besonders in der neuen Gesellschaft, mit der sie Umgang hatten, nur noch unter den Namen St. Godibert und Mondigo bekannt waren. Der junge Julian, welcher nach den lächerlichen Grundsätzen seiner Eltern erzogen wurde, hütete sich wohl, zu sagen, daß sein Vater Gogo hieß. Was Friedrich, den großen, hübschen, schwarzhaarigen, jungen Mann anbetrifft, den wir gleichfalls auf der Eisenbahn gesehen haben und der mehr Geist als der Rest seiner Familie zu haben schien, so kannte er den wahren Namen seiner Onkel sehr genau, aber er mied es sorgfältig, ihn, wenn er mit denselben sprach, in Anwendung zu bringen, weil dieses das sicherste Mittel gewesen wäre, sich den Zutritt in ihr Haus abgeschnitten zu sehen. Und da seine Tante Mondigo jung und hübsch war, und sich zuweilen heitere Künstlergesellschaften bei ihr versammelten, eben so sein Oheim Nicolaus, der die vornehmen Leute nachäffen wollte, häufig sehr schöne Diners und Bälle gab, wobei gespielt wurde, so wollte sich Friedrich weder das Haus des einen noch des andern seiner Onkel verschließen, obgleich er selbst nicht der Letzte war, der über ihre Anmaßungen und Lächerlichkeiten spottete. Warum, wird man jetzt fragen, hatte Vetter Brouillard den Hieronymus nicht von der Namensveränderung seiner Brüder in Kenntniß gesetzt? Geschah es vielleicht aus Furcht, dem guten Landmann wehe zu thun? Das läßt sich nicht wohl annehmen; der Herr mit der Fuchsschnauze schien viel zu viel Wohlgefallen daran zu finden, spitzige Worte fallen zu lassen und Bosheiten zu sagen, als daß man hätte voraussetzen können, die Befürchtung, Hieronymus' Zartgefühl zu verletzen, habe ihn veranlaßt über dieses Kapitel zu schweigen. Darf man nicht im Gegentheil weit eher glauben, daß, indem er dem Landmann die wirkliche Adresse seiner beiden Brüder gab, ohne ihn von ihrem Namenswechsel zu benachrichtigen, er gehofft habe, dies werde Verlegenheiten, Mißhelligkeiten und Streitigkeiten herbeiführen, was dann für ihn eine neue Veranlassung sein würde, sich auf Kosten seiner Vettern lustig zu machen?

Welches auch Herrn Brouillards Gedanke gewesen sein mag, wir haben gesehen, was für Ereignisse aus seinem Schweigen über einen so wichtigen Gegenstand erfolgten. Nun wollen wir zu Herrn St. Godibert zurückkehren, der in seiner schönen Wohnung in der St. Lazarusstraße ein Diner gab.

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