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Die Familie Gogo

Charles Paul de Kock: Die Familie Gogo - Kapitel 12
Quellenangabe
pfad/kock/famigogo/famigogo.xml
typefiction
authorPaul de Kock
titleDie Familie Gogo
publisherRieger'sche Verlagsbuchhandlung
printrunDritte Auflage
year1861
translatorHeinrich Elsner
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20091104
projectidf92e4863
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Elftes Kapitel.

Die graue Patrouille

Nachdem sie sich von Richard entfernt hatte, lief Rosa lange fort, ohne anzuhalten; sie weiß weder wo sie hin will, noch in welchem Quartier sie sich befindet, aber das ist ihr gleichgültig; die Hauptsache ist, daß sie dieser Mensch nicht mehr soll einholen können, dessen ehrlose Absichten ihr klar geworden sind.

Endlich steht sie still, denn der Athem geht ihr aus; sie ist in einer schmalen dunkeln Straße; sie erblickt einen Eckstein und setzt sich darauf; schaudernd sieht sie sich um; das kleinste Geräusch macht sie erbeben, der Muth verläßt sie, große Thränen stürzen aus ihren Augen, und in diesem Augenblicke denkt sie fortwährend an ihren Vater.

»Mein Gott,« seufzt sie, ihre Blicke gen Himmel erhebend, »was soll aus mir werden, wenn Du mich verlässest? ... allein! mitten in der Nacht! in einer unbekannten Stadt, die so gefährlich sein soll! ... Ach! ich hätte nicht einwilligen sollen, meinen Vater zu verlassen. Wenn ich gesagt hätte: »›Ich bin glücklich bei Dir, ich will mein Leben in unserem Dorfe zubringen,‹« dann würde er nicht daran gedacht haben, mich nach Paris zu schicken! Aber ich war schon lange nicht mehr heiter daheim ... weil ich an Jemand dachte ... Mein guter Vater hat geglaubt, ich langweile mich bei ihm und hat mich deßhalb zu meinen Onkeln geschickt ... Ach! der Himmel bestraft mich; wenn ich mehr Vertrauen zu meinem Vater gehabt und von Herrn Leopold mit ihm gesprochen hätte, so hätte er mich gewiß bei sich behalten und ich wäre jetzt nicht mitten in der Nacht obdachlos an dieser Stelle.«

Auf einer nahen Kirchenuhr schlug es eben Mitternacht. Kurz darauf lassen sich dumpfe Tritte vernehmen. Die Jungfrau erhebt sich rasch bei dem Gedanken: »Wenn das die graue Patrouille wäre, von welcher der abscheuliche Mensch mir erzählt hat, und mich verhaften würde. Es ist besser, wenn ich gehe, als wenn ich hier sitzen bleibe, es sieht dann doch wenigstens aus, als ob ich meinen Weg verfolgte; fragt man mich, so sage ich: Ich gehe nach Hause.«

Die von Rosa-Maria gehörten Tritte waren wirklich die jener geheimnißvollen Patrouille, welche um Mitternacht auszieht und die Runde in Paris bis zu dem Augenblicke macht, wo die Landleute in die Stadt kommen, um die Märkte mit Lebensmitteln zu versehen, und der Tag zu grauen anfängt, denn dann sind die Diebe genöthigt, sich zurückzuziehen, und die Gefahr hat ein Ende.

Das, was man die graue Patrouille heißt, ist eine Abtheilung von Polizeiagenten und Stadtsergeanten, die meist in Civilkleidung, hie und da aber auch zum Theil uniformirt sind. Diese, an die Listen der Diebe gewohnten Männer sind gewandter im Ueberfallen derselben als die gewöhnlichen aus Linientruppen oder Nationalgarden bestehenden Patrouillen.

Die graue Patrouille schreitet schweigend einher; es wird nichts gesprochen in ihren Reihen; alle Mitglieder scheinen das Talent zu besitzen, sich geräuschlos fortzubewegen. Oft trennt sich beim Einbiegen in eine Straße die Patrouille in zwei Theile, die Einen gehen rechts, die Andern links; dann schleichen diese Männer auf fünfzehn bis zwanzig Schritte Entfernung von einander längs den Häusern hin, deren Farbe ihre Mäntel haben; sie gleichen Schattengestalten, deren Dasein zweifelhaft ist, und die oft den Blicken eines in Gedanken Vorübergehenden entgehen. Ihr seid auch, wenn ihr Paris um zwei oder drei Uhr Nachts durchstreift, gewiß schon mehreren grauen Patrouillen begegnet, ohne sie nur gesehen zu haben; von ihnen seid ihr aber sicher wahrgenommen worden.

Diese Patrouille kennt ihre Leute; sie wird den Jüngling, der vom Balle heimkehrt, den Lebemann, der sich zu lange in der Gesellschaft seiner Freunde aufgehalten, den Liebhaber, der sich bei seiner Geliebten verspätet hat, nie arretiren. Sie kennt diese Leute an ihrem ganzen Wesen und täuscht sich darin nicht; aber sie macht die Bewohner eines Erdgeschosses oder eines niedern Entresols darauf aufmerksam, wenn sie ein auf die Straße gehendes Fenster offen gelassen haben; sie überrascht die Diebe, welche im Begriffe sind, eine Thüre aufzubrechen, die Läden einer Bude durchzusägen oder auszuhängen. Sie weckt den Betrunkenen auf, der an einem Eckstein eingeschlafen ist und führt ihn nach Hause, wenn seine Betrunkenheit eine wahre ist; kurz, sie säubert die Straßen von all' den obdachlosen Menschen und Vagabunden, die sie auf ihrem Wege antrifft, und welche meist auch nur Diebe sind oder sich wenigstens diesem ehrbaren Beruf zuwenden wollen.

Früher waren die Schirmdächer der Buden, die Säulengänge vor den Kaffeehäusern der Versteck jener Unglücklichen, die keine eigene Wohnung hatten und nicht einmal so viel besaßen, ein Lager in dem elendesten möblirten Logis bezahlen zu können, oder aus Liebhaberei die Nacht unter freiem Himmel zubrachten.

Da die Behörden für Zerstörung dieser Schlupfwinkel gesorgt haben, so bleiben diesen Obdachlosen jetzt nur noch im Bau befindliche Häuser; die Zugänge der Theater, sofern sie Vorhallen haben oder die Brückenpfeiler; hier kauern sie sich zusammen; auch greift man sie öfters auf den Stufen des Odeon- und unter der Säulenhalle des Ambigu-Comique-Theaters auf. Einmal des Nachts fand die graue Patrouille einen kleinen zwölf- bis dreizehnjährigen Vagabunden in dem Innern einer gußeisernen Röhre versteckt, die neben einem Orte, wo ein Kloak reparirt wurde, auf der Straße liegen geblieben war.

Die als Vagabunden in Paris lebenden Leute wenden alle nur erdenkliche List auf, um die Patrouille zu hintergehen, wenn sie von ihr überrascht werden. Eine der gewöhnlichsten ist, sich betrunken zu stellen, oder zu thun, als ob man von Dieben angegriffen und geschlagen worden sei, oder aus Entkräftung sich übel befinde ... Aber die graue Patrouille ist sehr ungläubig; sie führt Alle, die sich nicht gehörig ausweisen können, auf die Polizeipräfektur.

Sie ist auch den Miethsleuten, die während des Nacht ausziehen wollen und ihre Effekten zum Fenster hinaus einigen Freunden zuwerfen, die ihnen darin an die Hand gehen, sehr widerwärtig, denn der Zweck dieses Manövers ist, sich am andern Tage aus dem Staube zu machen, ohne die Miethe zu bezahlen.

Es war beinahe zwei Uhr Morgens; die Straßen von Paris waren verlassen; die graue Patrouille machte ihre Runden. Ein schlecht gekleideter Mann schleicht sich im Schatten durch die Tempelstraße hin; der Mann hat einen ziemlich großen Sack auf dem Rücken, der sehr schwer scheint, denn von Zeit zu Zeit ist er genöthigt, still zu stehen, um ihn von einer Achsel auf die andere zu nehmen; indessen strengt er sich an. seine Schritte zu beschleunigen, und will eben in die Gravilliersstraße einbiegen, als er sich plötzlich von mehreren Männern umringt sieht ... er hofft, es werden Kameraden sein ... aber er bebt zusammen, als er die graue Patrouille erkennt. Der Commandant hält ihn an.

»Halt' einen Augenblick, Freund, Du läufst sehr schnell, und doch scheint Deine Last schwer zu sein.« – Ach, mein Herr ... man ist in so später Stunde froh, wenn man nach Hause kommt. Ich habe mich bei einem Glase Wein mit einem Bekannten ein wenig verspätet und fürchte, von meinem Weibe gescholten zu werden. Gute Nacht, meine Herren. – »Du hast große Eile; was trägst Du in Deinem Sack?« – Kartoffeln, meine Herren, Nahrung für meine Familie. – »Du hast Dich ein wenig spät auf die Beine gemacht, um Deine Kartoffeln einzukaufen.« – Ich hatte sie schon gestern Abend gekauft, aber meinen Sack im Wirthshaus vergessen. – »Zeig' uns doch einmal, was Du für eine Sorte Kartoffeln hast!«

Der für seine Familie so besorgte Mann sträubte sich vergebens, seinen Sack untersuchen zu lassen; als er merkte, daß er dieser Inspektion nicht entgehen konnte, ließ er den Sack fallen und versuchte zu entfliehen; aber man hatte seine Absicht vorausgesehen und verhinderte ihn daran.

Man öffnete den Sack. Die Kartoffeln hatten sich in Stücke von Rinnen verwandelt.

»Wo hast Du das gestohlen?« fragt der Anführer der Patrouille.

Nun verzichtete der Mann auf sein System der Familienfürsorge und antwortete ganz verdutzt: »Ich habe nichts gestohlen, sondern den Sack auf der Straße gefunden und aufgehoben.« – Wo hast Du ihn gefunden? – »Da unten ... an der Ecke des Boulevards.« – Du lügst! Du hast das in der Corderiestraße gestohlen, wo man Deinen Kameraden eben auch überrascht hat, als er beschäftigt war, Rinnenröhren abzulösen. – »So! er hat sich ertappen lassen! ... Ach! das alte Vieh!« – Das ist nicht Dein erster Versuch. Vor acht Tagen hat man allen Zink von einem Hause in der Weißmäntelstraße entwendet. Warst Du der Dieb? – »Ja.« – Was hast Du mit diesem Zink angefangen? – »Ich habe ihn verkauft.« – Und was hast Du mit dem Geld gemacht? – »Ich habe davon gelebt.« – Wo hast Du geschlafen? – »In den Steinbrüchen, unter den Hügeln von St. Chaumont.« – Und was hast Du bei Tage getrieben?

– »Hm! ich ging in den Assisenhof, um den Verhandlungen zuzuhören; man muß sich doch auch mit seinem Rechte bekannt machen!«

Die Patrouille nimmt diesen Rechtscandidaten mit sich. In einer Seitenstraße sieht sie etwas Zusammengerolltes an dem Eckstein eines Hauses liegen. Es scheint von ferne ein Kothhaufen zu sein, aber die Agenten lassen sich nicht täuschen. Einer derselben nähert sich und gibt diesem Klumpen einen Tritt mit dem Fuße; jetzt rollt sich der vermeintliche Pack auf und erhebt sich vom Boden: es ist ein Mann.

»He da! was macht Ihr da?« – Hm! ... was gibt's? – »Hört Ihr nicht? Was Ihr da thut? ...« – Ihr seht ja, ich schlafe. – »Man darf bei Nacht nicht auf der Straße schlafen.« – So, und warum nicht? ist das Pflaster nicht für Jedermann da? – »Warum geht Ihr nicht nach Hause?« – Weil es mir hier ganz wohl war! – »Vorwärts! stellt Euch nicht betrunken, wir kennen das. Habt Ihr ein Logis?« – Bin nicht so dumm! ... wozu sollte ich Miethe bezahlen? ... der Eckstein thut's auch! – »Dann wollen wir Euch für eines sorgen.« – Wo quartirt ihr mich ein? – »Auf der St. Deniswache.« – Werde euch nicht lange incommodiren auf eurer Wache! – »Marsch vorwärts!« – Sogleich!«

Der Vagabund bückt sich, hebt einen todten Hund auf und sagt dabei: »Wartet, ich will nur mein Kopfkissen mitnehmen.«

In einiger Entfernung sieht die Patrouille einen Bürger vor dem Fensterladen eines Fayencemagazins stehen, der eine Thüre desselben aufzumachen sucht. Der Mann hat aber die Nationalgarde-Uniform an und singt, weit entfernt, sich verbergen zu wollen, während er Versuche macht, seine Thüre aufzuschließen: »Ha! welch' eine Lust, ein Soldat zu sein! ... Sapperment, ich bin froh, daß ich mich ins Bett legen darf, obwohl ... Ich habe dem Lieutenant weis gemacht, ich hätte fürchterliche Kolikschmerzen und er hat sich rühren lassen ... Ha! welch' eine Lust, Soldat zu sein! ... Warum macht denn mein Hauptschlüssel heute Abend nicht auf? es muß etwas in meinem Schloß stecken ... Zu streiten für Fürst und Staat im Verein ... Wie wird sich meine Egerie freuen, wenn sie sieht, daß ihr Männchen kommt, um bei ihr zu schlafen! ... wie wird sie ihren kleinen Liebling wieder erwärmen ... Ich eile vergnügt zum hitzigen Kampf! ... Aber Sapperment, man hat mein Schloß verdorben ... mein Schlüssel dreht sich nicht mehr herum ... doch er dreht sich ... Ich eile vergnügt zum hitzigen Kampf ... Teufel! der Schlüssel dreht sich herum, macht aber doch nicht auf ... Mein Gott, wie ärgere ich mich! ... ich werde am Ende Egerie rufen müssen, ich, der ich sie in ihrem Bettchen überraschen wollte.«

In diesem Augenblick kehrt sich der Fayencehändler um und sieht die graue Patrouille, welche ihn umgibt und examinirt.

»Meine Herren!« ruft er aus, »Sie sehen einen Mitkämpfer für die öffentliche Ordnung, welcher mit Erlaubniß seiner Vorgesetzten nach Hause geht, um sich schlafen zu legen. Ich bin der Eigenthümer dieses Ladens, und erst seit einem Jahre mit einer sehr hübschen, ganz zum Geschäfte tauglichen Frau verheirathet. Seit ich mit ihr vereinigt bin, ist mein Handel einer der besten im Quartier; meine Kunden wachsen mir über den Kopf. Alle jungen Leute in der Straße kaufen bei mir ein ... Einer namentlich kauft alle Morgen eine Untertasse, er zerbricht, wie es scheint, viel! Mein Schild heißt: Zum unzerstörbaren Fayence! ... das ist so ein Einfall von mir ... Aber ich weiß nicht, was mit meinem Hauptschlüssel vorgegangen ist: ich bringe ihn nicht mehr hinein oder vielmehr meine Thüre nicht mehr auf ... und fürchte genöthigt zu sein, meine Frau, meine Egerie, aufzuwecken.« – Lassen Sie mich es einmal versuchen,« sagt der Anführer der Patrouille, nähertretend, »ich bin vielleicht geschickter als Sie und bringe den Schlüssel besser hinein. – »Ach! da würden Sie mir einen großen Dienst leisten, Herr Wachcommandant!«

Der Polizeibeamte drehte den Schlüssel herum und sagte zu dem Fayencehändler: »Ihr Schlüssel geht ganz gut, aber deßhalb könnten Sie doch die ganze Nacht da stehen bleiben, denn man hat innen die Stange vorgeschoben?« – Glauben Sie, Herr Wachcommandant? – »Ich bin's überzeugt.« – Das ist sonderbar, ich sage doch immer zu meiner Frau, wenn ich auf die Wache ziehe: Schiebe die Stange an der Ladenthüre nicht vor, denn wenn ich mich fortmachen kann, so komme ich. Sie hat sich wahrscheinlich gefürchtet und sich eingerammelt, damit man nicht zu ihr dringen kann ... das arme Mäuschen, ich muß sie aufwecken.«

Der Fayencehändler tritt einige Schritte zurück und schreit, nach dem Entresol hinauf blickend: »Egerie, ich bin's, Egerie! Dein Männchen ... hm, hm! ... Ha! welch' eine Lust, ein Soldat zu sein! ... Sie scheint sehr fest zu schlafen! ... Ich will aber mit meiner Flintenspitze an ihren Laden stoßen.«

Der Fayencehändler stößt an die Läden des Entresols und schreit wieder: »Ich bin es, Egerie, habe keine Furcht ... Du hast die Stange hineingesteckt, mein Mäuschen, ziehe sie heraus, daß ich hinein kann ... Ah, sie macht das Fenster auf: sie ist aufgewacht.«

Man öffnete in der That ganz sachte einen Laden des Entresols und eine dem Anschein nach sehr angegriffene weibliche Stimme stammelte: »Wer spricht von Einstecken? ... sind Diebe da?« – Nein! ich bin's, theure Egerie ... Joseph, Dein Gatte ... Ich komme zum Schlafen nach Hause; lasse mich doch hinein und schiebe die Stange zurück, liebes Herz eile, ich bekomme sonst den Schnupfen. – »Das ist nicht wahr! Ihr seid nicht Joseph, mein Mann ist auf der Wache. Laßt mich schlafen, ich verbitte mir solche Späße.«

Damit wurde der Laden wieder zugemacht. Der Nationalgardist drehte sich nach der grauen Patrouille um und rief aus: »Die ist einmal streng ... das gefällt mir zwar, allein ich kann mich jetzt doch nicht damit begnügen ...Ich sei nicht ihr Mann ... sie erkennt meine Stimme nicht ... die Furcht und der Schlaf sind Schuld daran. Aber ich will einmal in's Bett, ich habe keine Lust, auf den Posten zurückzukehren, ich will mich nicht auslachen lassen! ... Holla! Egerie! ah! Sapperlot, wache doch vollends auf ... Ich bin's, Dein Joseph ... mein Hauptschlüssel macht zwar auf, aber die Thüre ist von innen verrammelt.

Der Laden des Entresols wird von Neuem geöffnet.

»Wie, Du bist es, mein Freund?« – Ei! freilich bin ich es ... Ah! sie kennt mich endlich ... ich wußte wohl, daß es nur eine Wirkung des Schlafes war. – »Ich glaubte zu träumen, mein Freund, und begriff nichts von dem ganzen Lärm.« – Komm' herunter theure Freundin, schiebe die Stange hinweg, daß ich hinein kann; nimm aber ein Licht, damit Du nicht fällst oder Dich stößest. –»O, ich brauche kein Licht, ich komme schon.«

Der Fayencehändler rieb sich die Hände und sagte: »Jetzt bin ich sicher, daß ich die Nacht nicht vor der Thüre zubringen muß; meine Herren, ich wünsche Ihnen gute Nacht ... Ha! welch eine Lust ein Soldat zu sein! ... Da kommt schon mein Weibchen herunter ... Ich eile vergnügt zum hitzigen Kampf! ... Ha! welch' eine Lust, ha! welch' eine Lust! Ha! wie will ich sie erwärmen ... ha!«

Die Patrouille entfernte sich; nachdem sie jedoch ungefähr hundert Schritte gemacht, gibt der Anführer seinen Leuten ein Zeichen, still zu halten; dann bleiben Alle unbeweglich und schweigend, die Blicke auf das Entresol des Fayencehändlers gerichtet, stehen; sie erwarteten die Entwicklung der vor sich gehenden Scene.

Diese findet sich auch bald, wie die Patrouille vorausgesehen hat. Kaum ist der Ehemann in sein Haus getreten und mit dem Schließen und Riegeln der Thüre beschäftigt, so öffnen sich die Läden des Entresols noch weiter, und ein junger Mann erscheint am Fenster, von dem er auf die Gefahr hin, Arm und Beine zu brechen, auf die Straße herabspringt. Doch das Stockwerk ist nieder, der junge Mann ist auf alle viere gefallen, hat sich aber alsbald wieder erhoben, und läuft nun aus Leibeskräften davon. Er rennt mitten durch die Patrouille hindurch, welche wohl sieht, daß der Herr nur halb angekleidet ist, und seinen Ueberrock unter dem Arme hält; allein die graue Patrouille macht aus christlicher Liebe ein Auge zu und läßt ihn seines Weges gehen, denn sie weiß wohl, daß es kein gewöhnlicher, sondern höchstens ein Herzensdieb ist, über welche der Polizei bekanntlich keine Autorität zusteht.

Nicht weit davon in einer andern Straße begegnet die Schaarwache einem jungen Mädchen, welches sehr schnell geht, aber zitternd stehenbleibt, als es sich plötzlich von Männern umgeben steht, die gleichsam aus dem Boden hervorzusteigen scheinen und sie umringt haben, ehe sie solche nur hat kommen sehen.

»Wo gehen Sie noch so spät hin, junges Kind?« fragt einer der Männer, eine Blendlaterne vor Rosa's Gesicht haltend, denn Rosa ist es, welcher die graue Patrouille so eben begegnet ist.

»Meine Herren, ich gehe ... zu meinem Onkel ... Herrn Eustachius Gogo.« – Wo wohnt Ihr Onkel? – »Er wohnt ... in der Vendômestraße Nro. 14.« – Und wie kommt es, daß Sie um diese Zeit allein auf der Straße sind? – »Mein Herr ... weil ich ... weil ich ein wenig mit Jemand geplaudert habe.«

» – Mit Ihrem Liebhaber, nicht wahr? Er hätte Sie aber dann begleiten sollen, man läßt ein junges Mädchen wie Sie sind in Paris bei Nacht nicht allein nach Hause gehen.«

Rosa-Maria schlägt die Augen nieder und gibt keine Antwort. Die Polizeibeamten sehen sie, dann sich selbst einander an und der Anführer der Patrouille fragt sie nach einer Weile: »Wünschen Sie, daß Einer von uns Sie bis nach Hause begleite?« – O! nein, ich danke Ihnen, meine Herren, ich kann ganz gut allein gehen?«

Mit diesen Worten setzte die Jungfrau ihren Weg fort und eilte rasch davon. Die graue Patrouille ließ sie, nachdem sie sie betrachtet hatte, gehen. Die Leute der Schaarwache hätten sie begleitet, aber nicht verhaftet.

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