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Die Familie Gogo

Charles Paul de Kock: Die Familie Gogo - Kapitel 11
Quellenangabe
pfad/kock/famigogo/famigogo.xml
typefiction
authorPaul de Kock
titleDie Familie Gogo
publisherRieger'sche Verlagsbuchhandlung
printrunDritte Auflage
year1861
translatorHeinrich Elsner
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20091104
projectidf92e4863
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Zehntes Kapitel.

Die beiden Adressen

Beim Einlenken in die d'Antinstraße näherte sich Herr Richard Rosa und sagte zu ihr mit dem Tone eines Mannes, der überzeugt ist, eine große Freude zu verursachen: »Sie müssen müde sein, schöne Reisende! ... es ist von dem botanischen Garten bis hierher sehr weit; nehmen Sie ohne Umstände meinen Arm, dann gehen wir mit einander und machen nähere Bekanntschaft.«

Mit diesen Worten bot ihr der junge Mann seinen Arm; statt aber schnell den ihrigen einzuhängen, wie er es voraussetzte, wich das junge Mädchen zurück und entgegnete: »Ich danke Ihnen, mein Herr, ich bin nicht müde und gehe lieber allein.«

Herr Richard runzelte die Stirne und dachte: »Hm! ... sie macht mehr Umstände als ich geglaubt hätte; ich will aber nicht umsonst so weit gelaufen sein!«

Hierauf näherte er sich Rosa wieder und fuhr fort: »Wie es Ihnen Vergnügen macht, Fräulein; aber Sie dürfen glauben, daß ich meinen Arm nicht Jedermann anbiete! ... Ich nehme in Paris eine sehr schöne Stellung ein, bin sehr reich, in der Welt geachtet und besonders sehr freigebig gegen Damen! ... Sie haben einen wunderhübschen Fuß ... Sie werden zahlreiche Eroberungen in Paris machen! ... die meinige haben Sie bereits gemacht!«

Rosa-Maria gab kein Gehör mehr und lief nur noch schneller. Herr Richard eilte ihr nach, indem er vor sich hin brummte: »Diese Kleine ist ein verschmitztes Ding ... es kann nicht anders sein.«

Man war am Ende der d'Antinstraße; das junge Mädchen hielt an und sagte: »Wo ist nun die St. Lazarusstraße, mein Herr?« – Gerade vor Ihnen, Fräulein, rechts und links.«

»Ach! welches Glück!« – Das ist aber noch nicht Alles, Fräulein, man muß wissen, welche Nummer Sie suchen ... Rennen Sie doch nicht so ... nehmen Sie sich vor den Gefährten in Acht!«

Rosa-Maria hörte nicht mehr auf Herrn Richard; sie wußte, daß sie ihren Onkel Nicolaus in Nr. 62 finden würde. Sie hatte bereits nach den Hausnummern gesehen und mit Freuden bemerkt, daß die gesuchte nicht mehr ferne war; sie kam an, trat in ein schönes Haus und wendete sich ganz athemlos an den Portier mit der Frage: »Mein Herr, sagen Sie mir gefälligst, in welchem Stockwerk wohnt mein Onkel Nicolaus ... Nicolaus Gogo?«

Der Portier, an welchen sich die Jungfrau gewendet hatte, war ehemals Schweizer in einem großen Hause gewesen und hatte alle Manieren eines solchen beibehalten. In einen Oberrock eingehüllt, den er beinahe auf dem Boden nachschleppte, eine Mütze mit über die Ohren heruntergeschlagenen Lappen auf dem Kopfe, thronte er in seiner Loge, zwischen seinem Hund und seiner Katze, und schien es für eine Gnade zu halten, wenn er Einem nur Antwort gab. Er begann damit, das junge Mädchen mit unverschämter Miene von oben bis unten zu mustern, schneuzte sich alsdann, strich mit der Hand über den Rücken seiner Katze und brummte: »He wie? nach wem fragen Sie?« – Ich frage, in welches Stockwerk ich gehen muß, um meinen Onkel Nicolaus Gogo zu finden? – »Gogo! ... kenne ich so Jemand? ... haben wir Jemand der Art im Hause?« – Wie! mein Herr, Sie kennen meinen Onkel Gogo nicht? Ich bin aber doch im rechten Hause, St. Lazarusstraße Nr. 62. – »Hier, Mouton, nimm das ... zank' dich aber nicht mit dem Türk ... komm', gib mir die Pfote! schnell die Pfote!«

Rosa-Maria wartete ängstlich auf die Antwort des Portiers; aber dieser schien, ganz mit seinen Thieren beschäftigt, nicht mehr zu bemerken, daß das junge Mädchen mit ihm sprach. Rosa sagte daher ungeduldig: »Wollen Sie mir nicht antworten, mein Herr, Sie sehen doch, daß ich warte.« – Wie? was gibt es? ... Ach! Sie sind noch da! Was wollen Sie denn noch? – »Wo logirt mein Onkel, mein Herr?« – Was! Ihr Onkel? Was weiß ich von Ihrem Onkel! Bin ich dazu da, Ihre Sippschaft zu kennen? ... Hierher, Türk, hierher ... du frissest von Moutons Pastete, du Lecker; aber ich sehe dich wohl, und wenn ich aufstehe, kriegst du Peitschenhiebe.«

Hieronymus' Tochter stand noch immer am Eingang in des Portiers Loge; sie hatte das Papier in der Hand, auf dem die Adresse ihres Onkels geschrieben war; sie reichte es dem sauertöpfischen Portier und fuhr fort: »Sehen Sie, mein Herr, man hat mir doch gesagt, hier wohne mein Onkel Gogo ... Sie sehen doch wohl, daß ich mich nicht täusche.«

Der ehemalige Schweizer erhob sich mit zorniger Miene, stieß das junge Mädchen zurück und schrie, als ob er ein Paar Ochsen vor sich hätte: »Wissen Sie auch, daß ich Sie mit Ihrem Onkel Gogo bald bis an den Hals satt habe! Wollen Sie mich nicht bald in Ruhe lassen, Mamselle? ... Herunter, Türk, herunter! ... Wie viel Mal muß ich Ihnen sagen, daß ich ihn nicht kenne, daß kein Gogo im Hause wohnt ... ich meine doch, ich spreche verständlich.«

Rosa-Maria zog sich beinahe entsetzt über den unverschämten Ton des Portiers zurück und murmelte: »Verzeihen Sie, mein Herr, dann muß sich unser Vetter geirrt haben.«

Damit kehrte die Jungfrau traurig und betrübt auf die Straße zurück, und Herr Richard, der an der Thüre des Hauses stehen geblieben war, in welches er die von ihm Verfolgte hatte hineingehen sehen, eilte schnell auf sie zu und fragte: »Ei, was haben Sie denn, Fräulein! ... Sie scheinen ganz betrübt ... ist Ihr Verwandter krank ... haben Sie eine unangenehme Nachricht erfahren?« – Nein, mein Herr, das nicht ... aber ich begreife nicht ... mein Onkel Gogo wohnt nicht in diesem Hause ... und doch hat mir erst vor ganz kurzer Zeit ein Vetter von uns seine Adresse gegeben ... Was soll das bedeuten? ... wie kommt es, daß er sich geirrt hat? ... es ist mir unfaßlich!«

Herr Richard war entzückt über diesen Vorfall, weil er dachte, die Verlegenheit des jungen Mädchens werde sie in sein« Macht geben, und er rieb sich vergnügt die Hände, indem er erwiderte: »Ach, Fräulein, wenn Sie geglaubt haben, in Paris könne ein junges Mädchen einen Führer und Beschützer entbehren, so waren Sie sehr im Irrthum ... selbst Personen, welche schon lange in der Stadt wohnen, ist es manchmal sehr schwer, Die zu entdecken, welche sie aufsuchen. Wie können Sie also glauben, ein junges Mädchen, welches zum erstenmal nach Paris kommt, könne sogleich Alles finden? Sie sehen hieraus, daß Sie ohne Stütze, ohne Freund nie Ihren Onkel Gogo finden werden! ... Aber obgleich Sie vorhin meinen Arm ausgeschlagen und mir nicht auf meine Erklärungen geantwortet haben, will ich es doch auf mich nehmen, Sie zu Ihrer Familie zu bringen. Nun, kleine Böse, nehmen Sie meinen Arm an; ich trage Ihnen nichts nach und finde Sie immer anbetungswürdig.«

Rosa-Maria wich abermals vor dem sich darbietenden Arm zurück und antwortete bloß mit einer Verbeugung: »Ich danke Ihnen, mein Herr, aber ich brauche keinen Führer. Dem Himmel sei Dank, ich habe noch einen andern Onkel in Paris ... Ich hoffe, daß man sich in dessen Adresse nicht auch geirrt haben wird, und ich werde ihn augenblicklich aufsuchen.« – Ah! Sie haben noch einen andern Onkel in Paris?« entgegnete Richard, höchst ärgerlich über die fortwährende Weigerung des jungen Mädchens, seinen Arm anzunehmen. »Teufel! Sie sind ja mit Onkeln gesegnet ... das scheint mir ein bischen unglaubwürdig!« – Ja, mein Herr, ich habe zwei Onkel und sogar mehrere Vettern hier, und da ich groß genug bin, selbst nach dem Wege zu fragen, so geben Sie sich keine Mühe mehr, mich zu begleiten. – »Ah! der Tausend! so nehmen Sie es auf. Kleine? Allein Sie mögen machen, was Sie wollen, ich werde denselben Weg gehen wie Sie, wenn mir's beliebt, denn in Paris hat Jeder das Recht zu gehen, wo es ihm gefällt; und in Kurzem sind Sie vielleicht überglücklich, wenn Sie mich in der Nähe haben, um Sie zu beschützen.«

Hieronymus' Tochter achtete nicht mehr auf die Worte Herrn Richards. Sie sah auf das Stückchen Papier in ihrer Hand, trat in den ersten besten Laden und fragte nach der Vendômestraße; dann ging sie dem ihr angewiesenen Wege zufolge die d'Antinstraße hinab, um wieder auf die Boulevards zu gelangen und den Weg zurückzugehen, auf dem sie hergekommen war.

Herr Richard folgte dann der Jungfrau wieder und sprach zu sich: »Man merkt wohl, daß sie aus einem Dorfe kommt ... meinen Arm auszuschlagen! ... die kleine Gans! ... Ich sollte sie verachten ... aber sie ist zu hübsch! ... Teufel! wenn sie ihren andern Onkel fände, dann wäre ich vergeblich mitgelaufen, und sie setzt mich gehörig in Trab die Kleine ... Ich habe noch nicht zu Mittag gegessen ... ich sterbe fast vor Hunger ... aber einerlei, ich gebe nicht nach, ich muß wissen, wo sie hingeht, erfahren, was der Oheim treibt; es ist ohne Zweifel ein Krämer ... dann gehe ich alle Tage hin, kaufe etwas bei ihm oder handle wenigstens um etwas mit ihm.«

Der Tag fing an sich zu neigen, und das junge Mädchen konnte nicht mehr so schnell gehen, denn sie war todtmüde. Erst jetzt fiel es ihr ein, daß sie all' ihr Geld hergeschenkt und nichts für sich behalten hatte; aber sie bereute nicht, mitleidig gewesen zu sein, und tröstete sich, ihre Kräfte zusammennehmend, mit dem Gedanken: »Gott wird meinen Muth stärken; er kann mich nicht für meinen guten Willen strafen wollen.«

»Am Ende läßt mich die Kleine wieder die ganzen Boulevards ausmessen,« sprach Richard zu sich, indem er Rosa-Maria folgte. »Das Mädchen hat die Schnelligkeit eines Hirsches ... wenn ich nicht befürchtete, sie aus den Augen zu verlieren, hätte ich mir schon längst bei einem Zuckerbäcker Kuchen gekauft ... Ach! dem Himmel sei Dank, sie verläßt das Boulevard, hoffentlich sind wir bald am Ziele.«

In der That wendete sich Rosa, welche sich den ihr angegebenen Namen genau gemerkt hatte, seitwärts und trat in die Tempelstraße ein, dann in die erste links, die Vendômestraße und fand bald die Nr. 14. Hier wendete sie sich wieder an den Portier, welcher diesmal durch ein altes Weib mit einer Brille auf der Nase und einem alten, schmutzigen Buche in der Hand vorgestellt wurde.

»Madame, wollen Sie mir gefälligst sagen, in welchem Stockwerk der Herr Eustachius Gogo wohnt?« fragte Rosa in sanftem Tone, denn sie befürchtete, die Portiere ebenfalls zu erzürnen.

Die Alte war etwas taub, doch sah sie Jemand auf ihre Loge zutreten, legte ihr Buch auf den Schooß und schrie: »Hm? was steht zu Dienst, liebe Kleine? ... Ich war gerade an einer sehr interessanten Stelle ... wo der Räuber, der Roger, seinen Sohn Victor, den Sohn des Waldes, vom rechten Weg abbringen will ... Ach! das ist ein schaudererregendes Werk! ... Ich habe bei meiner Ehre wegen dieser Geschichte nicht zu Mittag essen können ... ich interessire mich zu sehr für Victor und seine Clementine!« – Ich bedaure außerordentlich, Sie unterbrochen zu haben, Madame,« versetzte Rosa, »aber ich wollte nur fragen, in welchem Stock mein Onkel Gogo wohnt? – »Sie haben das Werk gelesen? ... nicht wahr, es ist prächtig! ... Und wie geht es denn am Ende der armen Clementine? Sagen Sie mir, was Sie davon halten, damit ich Ihre Meinung mit der meinigen vergleichen kann.«

Die Jungfrau näherte sich der Alten und sagte mit lauterer Stimme: »Madame, ich frage nach Herrn Eustachius Gogo!« – »Ah! Sie finden es nur soso! ... O! nein es ist sehr schön ... aber dieser Lump von Roger! welcher Schurke! Kann es wirklich ebenso große Schufte geben ... wie ich eine rechtschaffene Frau bin?«

Und Rosa war in Verzweiflung; zum Glück gewahrte sie ein blechernes Sprachrohr, welches auf dem Ofen lag, sie nahm es eilig, legte es an das Ohr der Portiere und wiederholte ihre Frage.

Die Alte that ihre Brille herunter, betrachtete das junge Mädchen und antwortete: »Nach Herrn Gogo ... Herrn Eustachius Gogo fragen Sie, liebes Kind? ... Entschuldigen Sie, der Roman fährt mir noch immer im Kopfe herum; habe ich doch vergangene Nacht meinen Nachttopf in's Bett geschüttet, weil ich ihn für den schuftigen Roger hielt und glaubte, er wolle mich notzüchtigen!« – Aber, liebe Madame, wie viel Stiegen muß ich hinauf zu meinem Onkel? – »Zu Ihrem Onkel ... ah! dieser Herr Gogo ist also Ihr Herr Onkel? ... ich kenne ihn aber nicht, meine Liebe ... Gogo! das ist ein komischer Name! Wenn ein Gogo im Hause wohnte, hätte ich mich seiner gewiß erinnert, aber wir haben keinen Miethsmann, der so heißt.«

Rosa-Maria blieb wie vernichtet stehen, als sie diese letzte Hoffnung verlor, welche sie noch aufrecht erhalten hatte; sie begriff das Schreckliche ihrer Lage. Sie blickte die Portière mit thränenden Augen an, aber die Alte hat bereits ihre Brille wieder aufgesetzt und murmelte, während sie nach ihrem Buche langte: »Ich muß von der Stelle wegkommen wo ich halte ... ich kann Victor mit seiner Clementine unmöglich unter freiem Himmel lassen! ... Soll ich Ihnen ein paar Seiten vorlesen, liebes Kind?« – Sie sind also überzeugt, Madame, daß mein Onkel Eustachius Gogo nicht hier wohnt? – »Er hat nie hier gewohnt, meine Theuerste ... Potz Kuckuk! ich müßte es wissen, ich sitze schon seit vierunddreißig Jahren an dieser Thüre und man behält mich deßhalb trotz meiner Taubheit ... aber Abends, wenn ich mich zu Bette lege, befestige ich mein Sprachrohr an mein Ohr und schlafe auf dem andern ... Ach! der Schurke, der Roger ... wart' Kerl, ich gehe nicht eher ins Bett, als bis Du Deinen Theil hast! ...«

Rosa-Maria verläßt die Loge, denn sie sieht wohl, daß von der Portière nichts weiter zu erfahren ist; sie kehrt auf die Straße zurück: die Nacht ist unterdessen hereingebrochen; die Jungfrau weiß nicht, wo sie ihre Schritte hinwenden soll. Sie weint, bedeckt ihre Augen mit dem Taschentuch und jammert: »Mein Gott! mein Gott! was soll aus mir werden?«

Ein junger Mann nähert sich ihr, faßt sie beim Arme und sagt: »Nun, kleine Grausame, Sie weinen jetzt; der Onkel im Marais ist, wie es scheint, eben so wenig zu finden wie der in der Chaussée d'Antin.«

Rosa hat den häßlichen Herrn, der sie seit ihrer Ankunft in Paris verfolgt, erkannt, aber sie fühlt sich in diesem Augenblick so niedergeschlagen, daß sie nicht die Kraft hat, den jungen Mann zurückzustoßen; sie antwortet nur in Thränen zerfließend: »Was soll das heißen? ... Wie kommt es, daß uns unser Vetter falsche Adressen gegeben hat? Warum wollte er sich über uns lustig machen? ... O, mein armer Vater! der Du mich in der Hoffnung nach Paris geschickt hast, daß ich von meinen Onkeln gut aufgenommen werden und hier glücklich sein würde ... ach, wenn Du wüßtest, daß Deine Tochter nicht mehr weiß, wo sie sich hinwenden, und was in diesem Paris, wo sie Niemand kennt, aus ihr werden soll, wie unglücklich wärest Du ... O! ich gehe nach Avon zu meinem Vater zurück ... morgen gleich ... heute noch, wenn es möglich ist. Sagen Sie mir gefälligst, mein Herr, wie muß ich es machen, um heute Abend noch nach Fontainebleau zurückzukommen ... von dort kann ich zu Fuß nach Hause gehen. Ach, ich wäre so glücklich, wenn ich mich nur erst in Fontainebleau befände!«

Herr Richard fängt an zu lachen und erwidert: »Heute Abend noch nach Fontainebleau zurückkehren! Daran dürfen Sie nicht denken, schöne Tigerin; das ist rein unmöglich; es ist Nacht und schon spät!« – Geht die Eisenbahn bei Nacht nicht, mein Herr?

– »Nein! Außerdem sind wir entsetzlich weit vom Bahnhofe entfernt. Ich wiederhole Ihnen, es ist an eine Rückkehr in Ihre Heimath heute Abend nicht zu denken.« – Aber es muß sein, mein Herr! ... was soll in Paris aus mir werden? ... wo soll ich die Nacht zubringen? ... und ich habe kein Geld mehr, um in ein Wirthshaus zu gehen. O! man wird mir aber hoffentlich bis morgen borgen, dann hole ich meinen Koffer und biete ein Stück meiner Effekten zur Bezahlung an, nicht wahr, mein Herr? ... Ach! haben Sie die Güte, mir ein Gasthaus zu zeigen!

– »Liebe Kleine, Sie sprechen wie ein Kind ... Erstens gibt es keine Gasthäuser in Paris, sondern bloß Hotels und möblirte Wohnungen; die erstern sind sehr theuer und die letztern sehr verdächtig ... dann creditirt man Einem kein Logis, besonders einem jungen Mädchen, das ganz allein ankommt ... man wird eine sehr schlechte Meinung von Ihnen haben, und offen gesagt, wenn ich nicht die Reise auf der Eisenbahn mit Ihnen gemacht hätte, so würde ich der Geschichte von Ihren Onkeln und dem Vetter, der falsche Adressen gibt, gar keinen Glauben schenken ...«

– Was würden Sie denn von mir denken, mein Herr?« ruft Rosa aus, indem sie ihre Hand zurückzieht, die Richard ergriffen hatte.

»Nur das Allerliebenswürdigste, ich schwöre es Ihnen! Nun, erzürnen wir uns nicht; nehmen Sie meinen Arm an, ich will Sie an einen Ort führen, wo Sie die Nacht ohne alle Gefahr zubringen können.« – Wo das, mein Herr? – »Haben Sie doch Vertrauen zu mir; beim Teufel, Sie können ja nicht unter freiem Himmel übernachten und sich der Verlegenheit aussetzen, von der grauen Patrouille ergriffen zu werden.« – Was ist das für eine ... die graue Patrouille? – »O, das ist etwas Erschreckliches für junge Mädchen, die Nachts allein in Paris herumlaufen. Sie würde Sie in den St. Martinssaal führen ...« – Was ist das für ein Saal, mein Herr? – »Ein Ort, wo man alle Diebe und liederlichen Dirnen, die man Nachts in Paris auffängt, vorläufig einsperrt.«

Rosa-Maria stößt einen Schrei des Schreckens aus; Herr Richard benützt diesen Augenblick, wo das junge Mädchen zittert, um seinen Arm unter den ihrigen hinunterzupraktiziren und sagt zu ihr: »Beruhigen Sie sich! zittern Sie nicht so; bei mir laufen Sie keine Gefahr ... ich will Sie zu meiner ... Tante führen. Das ist eine achtungswerthe Frau, die sich ein Vergnügen daraus machen wird, Sie wie ihre Tochter zu behandeln.«

Rosa erhebt flehend die Augen zu dem jungen Mann und stammelt: »Sie werden mich nicht täuschen, mein Herr, das Vertrauen eines armen jungen Mädchens, das seine Familie nicht zu finden weiß, und jetzt so sehr bereut, nach Paris gekommen zu sein, nicht mißbrauchen wollen. Ich lüge Sie nicht an, mein Herr, das wissen Sie ... aber Sie? ...« – Ich Sie anlügen? Mein Gott, wie mißtrauisch sind Sie! ... Kommen Sie, stützen Sie sich doch) auf mich, Fräulein ... Ach! entschuldigen Sie, ich weiß Ihren Namen nicht. – »Rosa-Marie, mein Herr.« – Nun, Fräulein Rosa ... Rosa-Fleurie ... der Name ist ganz für Sie geschaffen ... nehmen Sie doch meinen Arm.«

Die Jungfrau weiß nicht mehr, was sie thun soll, denn wenn sie an das denkt, was der Herr, welcher ihr seine Unterstützung anbietet, an sie hingesprochen hat, fürchtet sie sich, sich ihm anzuvertrauen; aber sie ist vor Mattigkeit erschöpft, sie läßt sich also führen und stützt sich sogar fest auf Herrn Richard, der in seinem Innern denkt: »Endlich ist sie mein! ich wußte wohl, daß ich zum Zwecke kommen würde: Beharrlichkeit führt in allen Dingen zum Ziele.«

Richard ging mit dem jungen Mädchen wieder über die Boulevards zurück; da er aber ebenso ermüdet war wie die Kleine, und noch überdies vor Hunger fast verging, so lenkte er seine Schritte nach einer Restauration hin. Der junge Mann war gerade bei Kasse, was nicht oft der Fall bei ihm war, und er sagte zu Rosa: »Ich meine, wir thäten nicht Unrecht daran, schönes Kind, wenn wir, ehe wir uns zu meiner Tante begeben, etwas zu Mittag oder vielmehr zu Nacht essen würden, denn es ist spät genug, daß man so sagen kann.« – O! ich danke Ihnen, mein Herr, aber ich habe keinen Hunger. – »Desto mehr aber ich, Fräulein, der ich seit heute Morgen nichts mehr gegessen habe, mein Magen geberdet sich sehr ungestüm und auch die Müdigkeit erfordert es, daß ich mich ein wenig stärke.« – Könnten Sie nicht vielleicht bei Ihrer Frau Tante essen, mein Herr? – »Ich fürchte, sie möchte nichts vorräthig haben, um so mehr, als sie uns nicht erwartet. Hier ist ein sehr guter Gastwirth, Fräulein, wo nur anständige Leute hingehen ... wenn Sie nicht essen, so können Sie mir zusehen; Sie können aber während dieser Zeit wenigstens ausruhen, und Sie werden mir gewiß nicht läugnen, daß Sie müde sind.« – In der That, mein Herr, ich bin sehr müde. – »So kommen Sie doch und zittern Sie nicht so. Die Damen und Fräulein von Paris speisen sehr oft bei den Traiteurs und fürchten sich gar nicht davor; sie thun es im Gegentheil sehr gerne.«

Richard trat mit Rosa in eine Restauration auf dem Boulevard. Es befand sich Niemand mehr in den Sälen, dessen ungeachtet verlangte der junge Mann ein eigenes Kabinet, und ein Kellner schickte sich bereits an, ihnen eines anzuweisen, als Rosa, die einen Blick in den noch beleuchteten Salon geworfen hatte, dessen Glasthüren auf den Vorplatz führten, in denselben hineinging und sagte: »Warum wollen Sie nicht hier zu Mittag essen, mein Herr? hier sind ja schon gedeckte Tische.« – Weil es in einem Kabinet weit angenehmer ist, Fräulein. Kommen Sie, wenn man nur zu Zwei ist, ist es nicht gebräuchlich, sich in einen Salon zu setzen ... und außerdem werden jetzt hier die Lampen ausgelöscht. Nicht wahr, Kellner?«

Der Kellner zögerte mit der Antwort, denn die bescheidene, ängstliche Miene der Jungfrau verlieh ihren Zügen in diesem Augenblick einen Ausdruck, dem schwer zu widerstehen war; und dann war der sie begleitende Herr so häßlich, daß der Kellner, der natürlich an solche Zusammenkünfte gewöhnt war, es auf der Stelle weghatte, daß hier keine Verabredung stattfand.

Aber Rosa-Maria hatte bereits im Saale Platz genommen und sagte in einem sehr entschiedenen Tone zu ihrem Führer: »Gehen Sie hin, wo Sie wollen, mein Herr, ich warte hier, bis Sie gegessen haben.« – Sehet mir einmal diesen kleinen Starrkopf!« sagte Richard zu sich selbst. »Ha! Das sollst Du mir später bezahlen, einfältiger Zieraffe; ich will Dich dressiren, wenn ich Dich erst unter mir habe. Jetzt will ich's hingehen lassen, und da sie bei mir über Nacht bleibt, brauche ich für den Augenblick kein Kabinet. Im Ganzen ist es auch besser; ich hätte nur an Dummheiten gedacht, während ich jetzt nur daran denken werde, es mir recht schmecken zu lassen.«

Herr Richard entschloß sich somit auch, in den Salon zu treten, er hieß den Kellner zwei Gedecke legen, ging dann auf Rosa zu und wollte sie zum Tische führen; aber das junge Mädchen sträubte sich dagegen und blieb auf ihrem Stuhle sitzen, indem sie sagte: »Ich habe Ihnen schon erklärt, mein Herr, daß ich keinen Hunger habe; es ist unnöthig, daß ich an den Tisch sitze, ich will nicht essen.« – Ei aber, wollen Sie denn von der Luft leben, meine Theure? ... Entschuldigen Sie, Fräulein, aber so viel ich weiß, haben Sie schon lange nichts mehr zu sich genommen. – »Ich bin zu bekümmert und zu unruhig, um an's Essen zu denken, mein Herr.« – Sie dürfen sich aber keine Sorgen mehr machen, da ich Sie beschütze, Ihr Ritter bin ... und meine Tante Ihnen Gastfreundschaft anbietet. Kommen Sie, setzen Sie sich in gemessener Entfernung mir gegenüber; dann werden wir das Aussehen eines Ehepaares aus dem Marais haben. – »Es ist überflüssig, da ich nichts zu mir nehmen will.« – Nun, wie Sie wünschen, aber ich habe einen tüchtigen Appetit, und ich sage Ihnen zum Voraus, ich beeile mich nicht gerne bei Tische. – »Ich werde warten, mein Herr.«

Herr Richard setzte sich vor das für ihn bestimmte Couvert; er verlangte Pomard-Wein und ließ sich dann Cotelettes, einen Hahn und Fische auftragen. Der Weg, den er zu Fuß zurückgelegt, seit er den Bahnhof verlassen, hatte einen rasenden Hunger in ihm erweckt, und er feuchtete seine Bissen tüchtig an. Er war auch ganz vergnügt über seinen Abend und versprach sich eine köstliche Nacht. Alles dies versetzte ihn in eine rosige Laune; seine Flasche Pomard war bald geleert und er bestellte Champagner, mit dem Ausruf: »Ha, meiner Treu'! ich will mir heute Abend nichts versagen! ... ich bin zu vergnügt über meinen heutigen Tag! ... Ein Gläschen Champagner, meine hübsche Brünette ... Röschen ... das werden Sie mir nicht versagen?«

Rosa schlug es jedoch abermals ab: sie fühlte sich durchaus nicht geneigt, etwas anzunehmen, denn seit der häßliche junge Mann seine Flasche Pomard ausgetrunken hatte, leuchteten seine Augen wie glühende Kohlen, und er ließ sie alle Augenblicke mit einem Ausdruck auf dem jungen Mädchen haften, der dieser unerträglich war. Auch bebte sie zusammen, als sie Herrn Richard eine zweite Flasche entpfropfen, sein Glas füllen und wieder füllen sah.

»Mein Gott, mein Herr, wollen Sie denn auch noch diese Flasche leeren?« fragte Rosa besorgt.

»Und warum nicht, mein Kleinod? ich muß sie wohl allein austrinken, da Sie mir nicht Gesellschaft leisten wollen; das macht mir aber keine Furcht! ich trinke vier solcher Flaschen aus, ohne nur ein Bißchen benebelt zu sein!«

Herr Richard log, denn er konnte im Gegentheil nicht viel Wein ertragen; aber gleich jenen Prahlhänsen, die nie ärger schreien, als wenn sie Angst haben, glaubte der häßliche junge Mann sich durch Champagnertrinken zu ermuthigen; je aufgelegter er wurde, je mehr trank und schwatzte er, indem er beständig wiederholte, der Wein übe durchaus keinen Einfluß auf seine Besinnung aus.

Elf Uhr war vorbei. Schon mehrmals hatte das junge Mädchen schüchtern gemurmelt: »Ihre Tante wird sich aber bereits zu Bette gelegt haben.« – Meine Tante! ... meine Tante! ... seien Sie deßhalb unbekümmert,« entgegnete Richard, dessen Zunge anfing schwer zu werden, »verlassen Sie sich auf mich ... ich stehe für Alles! ... das ist meine Sache.«

Indessen erhob sich Rosa doch von ihrem Sitze, und Herr Richard entschloß sich, dasselbe zu thun. Seine Augen schienen aus dem Kopfe treten zu wollen; er gab sich, während er den Kellner bezahlte, Mühe, eine würdige Miene anzunehmen, aber er stand nicht fest auf seinen Füßen. Er näherte sich der Jungfrau, präsentirte ihr seinen Arm und stammelte: »Vorwärts jetzt!« Nun trat der Kellner auf Rosa zu und flüsterte ihr ins Ohr: »Nehmen Sie sich in Acht, Fräulein, trauen Sie diesem Herrn nicht.«

Rosa-Maria blickte entsetzt den Kellner an, sie wußte nicht, was sie thun sollte; aber Herr Richard zog sie mit sich, und sie befand sich schon auf dem Boulevard mit ihm. Es war spät und es gingen nur wenig Leute vorbei. Der junge Mann, welcher spürte, daß es sich mit dem Marschiren nicht recht machen wollte, packte Rosa fest am Arme und wollte schnell gehen; er suchte große Schritte zu machen, indem er trillerte:

»Vorwärts Marsch, laßt wie der Blitz
Stürzen uns auf ihr Geschütz!

»Ha! meiner Treu', ich habe gut zu Nacht gespeist ... sehr gut zu Nacht gespeist!« – Wohnt Ihre Tante weit weg, mein Herr? – »Meine Tante? ... Potz Henker! wie schlüpfrig ist es auf dem Boulevard ... ich meine, das Gas scheine heute nicht so helle wie sonst ... Halten Sie sich nur recht an meinem Arm, fürchten Sie sich nicht, ich stehe fest!«

Aber weit entfernt, festzustehen, stolperte Herr Richard jeden Augenblick. Bei dem Gastwirth war er nur betäubt, seit er sich aber in der frischen Luft befand, war er völlig betrunken, er wußte bereits nicht mehr, was er sprach, oder vergaß wenigstens, daß er, um das junge Frauenzimmer zu täuschen, welches er am Arme führte, seine Pläne sorgfältig verbergen mußte.

Sie hatten noch nicht fünf Minuten die Restauration verlassen, als Herr Richard schon versuchte, seinen Arm um Rosa's Taille zu schlingen, indem er zu ihr sagte: »Wohlan denn, meine Theure! wir werden uns jetzt zärtlich lieben! ... Wir geben ein herrliches Pärchen! ... Zuerst möchte ich aber einen Kuß ... ein ganz kleines Küßchen ...«

Rosa-Maria stieß den Herrn zurück und suchte sich aus seinem Arme loszumachen.

»Hören Sie auf, mein Herr, machen Sie ein Ende!« entgegnete sie, »was sollen diese Worte bedeuten?« – Wie? Sie machen noch immer Umstände! Sie sträuben sich noch! Sieh', mein Engel, das sind Dummheiten und weiter nichts! – »O! mein Gott, Sie sollten mich ja beschützen! Ich hatte also Unrecht, Ihnen zu glauben!« – Im Gegentheil, Sie müssen mir immer glauben ... potz, da war wieder ein Kieselstein, an dem mein Fuß strauchelte ... Stützen Sie sich doch auf mich, meine Holde! – »Nein, mein Herr, nein, ich gehe keinen Schritt weiter mit Ihnen, bis Sie mir gesagt haben, wo Ihre Tante wohnt, und ich sage Ihnen zum Voraus, daß ich nicht in das Haus hineingehe, in welches Sie mich führen wollen, ehe ich überzeugt bin, daß ich zu einer achtungswerthen Person komme.« – Ha, ha, ha! eine achtungswerthe Person! ... das ist ein guter Witz ... davon ist jetzt nicht die Rede! Sie gefallen mir, ich gefalle Ihnen ... Du kommst zu mir! ... die Tanten leben nur in der Einbildung! Komm, Kleine, sehen wir uns nach einem Wagen um, dann steigen wir ein, um desto bälder in meine Wohnung zu gelangen, in die Kasteiungsstraße Nr .... alle Teufel, jetzt weiß ich die Nummer nicht mehr ... was habe ich denn heute Abend? – »Wie schändlich! ... ein armes junges Mädchen so zu täuschen, das Niemand zu seiner Vertheidigung und Unterstützung hat! Lassen Sie mich los, mein Herr, lassen Sie mich los!«

Rosa hatte ihren Arm zurückgezogen, Richard stürzt sich auf sie, umfaßt sie mit beiden Armen und schreit: »Wir wollen uns davon machen, wie es scheint? ... Warum nicht gar! Ich sage Dir, ich mache Dein Glück; ich habe noch Geld bei mir, wir wollen einen Wagen nehmen, dann kommen wir, glaube ich, schneller an, und ich bin ungeduldig, Dir Beweise meiner Zärtlichkeit zu geben! Der Champagner macht mich sehr verliebt.«

Und der junge Mann, der seinen Arm um den Leib der armen Kleinen geschlungen hatte, näherte sein häßliches Gesicht ihrem frischen jungfräulichen Antlitz; er war eben im Begriff, ihre Reize durch einen Kuß zu entweihen, als es Rosa, welcher der Zorn und Unwille neue Kräfte verliehen, gelang, sich aus seinen Armen loszuwinden, und da er von Neuem versuchte, sie zu erfassen, gab sie ihm einen heftigen Stoß, daß er zurücktaumelte und auf die Platten des Boulevards niedersank. Richard tobte wie ein Wüthender, indem er sich zu erheben versuchte, was aber keine Kleinigkeit für ihn war, da er immer das Gleichgewicht wieder verlor; während er sich aber in seinen Anstrengungen erschöpfte und fortwährend auf seine Hände zurückfiel, hatte die während des ganzen Tages von ihm Verfolgte die Flucht ergriffen, und als es ihm endlich gelang, wieder auf die Beine zu kommen, sah er sich vergebens nach allen Seiten um ... Rosa-Maria war verschwunden.

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