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Die Familie des Wurdalaken

Alexei Konstantinowitsch Tolstoi: Die Familie des Wurdalaken - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
authorAlexei Konstantinowitsch Tolstoi
titleDie Familie des Wurdalaken
publisherErich Mathes
year1924
translatorHerbert von Hoebner
illustratorKarl Mahr
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160527
projectid7a3ec8ca
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Das Jahr 1815 vereinigte in Wien alles, was es im damaligen Europa an Berühmtheiten, Salonhelden und bedeutenden Politikern gab. Dis Stadt war voller Leben, Buntheit und Fröhlichkeit. Der Kongreß ging zu Ende. Die französischen Emigranten reisten nach und nach ab, heimkehrend in die ihnen wiedergegebenen Schlösser. Die russischen Krieger rüsteten gleichfalls zur Heimkehr, zurück zum verlassenen häuslichen Herd. Nur einige unzufriedene Polen wanderten mit ihren Freiheitsträumen nach Krakau aus, beschenkt mit jener fragwürdigen Selbständigkeit, die ihnen die dreifache Fürsorge von Seiten der Fürsten Metternich und Hardenberg und des Grafen Nesselrode bereitet hatte. Wie wenn ein rauschendes Fest zu Ende geht, die Flut der Gäste sich schnell verläuft, es plötzlich still wird und nur noch einige Unermüdliche nicht aufhören können, das Vergnügen zu verlängern, – so blieben auch hier einige Wenige nach, die sich nicht entschließen konnten, ihre Koffer zu packen, und, bezaubert von den Reizen der schönen österreichischen Frauen, die Abreise von einem Tag zum andern hinausschoben. – Diese Gesellschaft, zu der auch ich gehörte, traf sich zweimal in der Woche im Schlosse der verwitweten Fürstin Schwarzenberg, einige Meilen von der Hauptstadt entfernt, in der Nähe der Ortschaft Hietzing. Das glänzend herrschaftliche Leben, das die Herrin des Hauses führte, ihre graziöse Liebenswürdigkeit und ihr feiner Verstand übten auf alle ihre Gäste eine unwiderstehliche Anziehungskraft aus.

Der Morgen war meistens irgend einem kleineren oder größeren Spaziergang geweiht. Zum Essen versammelte man sich entweder im Schloß oder in der nächsten Umgebung desselben. Und Abends saß man vereint am glimmenden Kamin und erzählte einander Geschichten. Über Politik zu sprechen war streng verboten, man hatte sie satt. Den Stoff der Unterhaltung entnahm der jeweilige Erzähler den Überlieferungen seiner Heimat oder seinen persönlichen Erinnerungen.

An einem solchen Abend, als jeder von uns schon irgend etwas erzählt hatte und die Phantasie aller sich in jenem gespannten Zustande befand, den die Dämmerung und ein plötzlich eingetretenes allgemeines Schweigen noch verstärken, da nahm sich diesen günstigen Augenblick der Marquis d'Ursé wahr, um eine seiner Geschichten, die wir noch nicht kannten, zu erzählen. Der Marquis d'Ursé war ein alter Emigrant, den wir alle seiner fast jünglinghaften Fröhlichkeit und seines Witzes wegen liebten. –

»Ihre Erzählungen, meine Herren,« begann er, »sind gewiß sehr ungewöhnliche, es fällt mir aber auf, daß in ihnen die Hauptsache fehlt; nämlich, Ihr persönliches daran Beteiligtsein. Ich weiß es nicht, hat einer von Ihnen mit eigenen Augen jene übernatürlichen Erscheinungen gesehen, von denen soeben die Rede war, und kann er ihre Wahrhaftigkeit mit seinem Ehrenwort bekräftigen?«

Wir mußten zugeben, daß keiner von uns dazu imstande war, und der Alte, sein Jabó zurechtrückend, sprach weiter: »Was mich betrifft, meine Herren, so kenne ich nur einen Fall dieser Art, dieser Fall aber ist so eigentümlich, so furchtbar, daß er wohl geeignet ist, die Phantasie selbst des größten Skeptikers in Schrecken zu versetzen. Und außerdem ist er authentisch. Ich selbst habe darin, unglücklicherweise, sowohl den Zuschauer, als auch eine der handelnden Personen gespielt, und obwohl ich mich eigentlich nicht gern daran erinnere, so will ich diesen Fall doch erzählen, das heißt, wenn unsere reizenden Damen mir die Erlaubnis dazu erteilen.«

Dis Erlaubnis wurde ihm bereitwilligst erteilt. Allerdings richteten sich einige ängstliche Blicke auf jene seltsam leuchtenden Figuren hin, die der hereinscheinende Mond auf das glatte Parkett des Fußbodens malte, jedoch unser kleiner Kreis rückte noch enger zusammen und alles schwieg erwartungsvoll. Der Marquis entnahm seiner goldenen Schnupftabaksdose eine kleine Prise, schnupfte mit Bedacht und begann folgendermaßen:

»Zunächst, mesdames, muß ich um Entschuldigung bitten, wenn ich im Verlaufe meiner Geschichte gezwungen bin, von meinen Herzensangelegenheiten öfter zu reden, als einem Manns meines Alters geziemt. Ich kann sie aber, soll meine Erzählung klar und verständlich sein, nicht unerwähnt lassen. Übrigens dem Alter wird man es verzeihen, wenn es zuweilen sich selbst vergißt, und niemand wird schuld daran sein, als Sie, mesdames, daß ich in Ihrem Kreise mir für Augenblicke wieder jung vorkomme. So will ich Ihnen denn also ohne weitere Umschweife sagen, daß ich im Jahre 1769 leidenschaftlich verliebt war in die schöne Herzogin de Gramont. Diese Leidenschaft, die ich damals für eine unwandelbare und tiefe hielt, beraubte mich aller Ruhe des Tages sowohl wie der Nacht. Und die Herzogin, wie nun einmal die schönen Frauen sind, fand ihre Freude daran, meine Qual zu mehren. – So daß ich schließlich in einer Anwandlung von Ärger und Überdruß beschloß, um eine diplomatische Entsendung nach der Moldau nachzusuchen, die ich denn auch erhielt. Der Hospodar der Moldau verhandelte damals mit dem Versailler Kabinett über Angelegenheiten, die für Frankreich von einiger Wichtigkeit waren. Am Vorabend meiner Abreise begab ich mich zur Herzogin. Sie empfing mich weniger spöttisch als sonst, schien beunruhigt, ja erregt.

»D'Ursé«, sagte sie zu mir, »Sie handeln unvernünftig, unsinnig. Aber ich kenne Sie und weiß, daß Sie von einem einmal gefaßten Entschluß nicht abzubringen sind. So bitte ich Sie nur eines: nehmen Sie als Zeichen meiner aufrichtigen Freundschaft dieses kleine Kreuz von mir an und tragen Sie es, bis Sie wieder zurück sind. Es ist ein Heiligtum unserer Familie, das wir alle hoch schätzen.«

Mit einer Galanterie, die in diesem Augenblick vielleicht nicht ganz angebracht war, küßte ich – nicht das Familienheiligtum, sondern die wunderschöne Hand, die es mir reichte. Hier sehen Sie es an meinem Hals. Ich habe es seitdem niemals abgelegt. Ich will Sie, mesdames, nicht ermüden, weder mit den Einzelheiten meiner Reise noch mit den Beobachtungen, die ich in Serbien machte, unter diesem armen, aber tapferen und ehrlichen Volk, das, ungeachtet der türkischen Fremdherrschaft, die es zu ertragen hat, weder seine Würde noch seine einstige Unabhängigkeit vergessen hat. Es genügt, wenn ich Ihnen sage, daß ich mich mit der serbischen Sprache bald zurechtfand. Denn ich hatte früher einmal, als ich längere Zeit in Warschau weilte, Gelegenheit gehabt, die polnische Sprache zu erlernen, und diese ist mit der serbischen ebenso verwandt, wie die russische Sprache mit der tschechischen. Es sind Zweige desselben Sprachstammes, den man den slavischen nennt.

Ich war also mit der serbischen Sprache schon genügend vertraut, um mich verständlich zu machen und selber zu verstehen, als ich eines Tages in ein Dorf kam, dessen Name für Sie gleichgültig ist. Ich trat, da ich mir für die Nacht ein Quartier suchen mußte, in eines der Häuser, merkte aber bald, daß die Bewohner desselben in unruhiger und gedrückter Stimmung waren, – was mir um so auffälliger erschien, als es Sonntag war und die Serben an diesem Tage allerlei Lustbarkeiten zu treiben pflegen. Sie tanzen, schießen ins Ziel, üben sich in Kampfspielen und dem ähnlichem. Ich glaubte, meinen Wirten sei irgendein Unglück zugestoßen, und schon wollte ich sie verlassen, um mir ein anderes Quartier zu suchen, als ein Mann von etwa dreißig Jahren, hochgewachsen und von würdigem Aussehen, auf mich zutrat, mich an der Hand nahm und zu mir sprach: »Tritt näher, Fremdling. Scheue nicht zurück vor unserem Kummer. Du wirst ihn verstehen, wenn du seine Ursache erfährst.«

Und er erzählte mir, sein alter Vater, namens Gorscha, ein Mann von ungestümem, wildem Wesen, sei eines Tages aufgestanden, habe von der Wand sein langes türkisches Gewehr herabgenommen und habe zu seinen beiden Söhnen, Georg und Peter, gesagt: »Kinder, ich gehe in die Berge zu jenen kühnen Männern, die auf den Hund, den Alibek, jagen. (Alibek hieß ein furchtbarer türkischer Räuber, der die Umgegend unsicher machte.) Wartet auf mich zehn Tage lang. Wenn ich am zehnten Tage nicht zurückkomme, so laßt für mich eine Totenmesse lesen, denn ihr wißt dann, daß ich getötet bin. Wenn aber – hatte der alte Gorscha mit ernstem Gesicht hinzugefügt, – wenn, wovor Gott euch behüten möge, ich nach Ablauf dieser zehn Tage wiederkehre, dann laßt, zu eurem eignen Heile, mich nicht zu euch hinein. Ich befehle euch, dann zu vergessen, daß ich euer Vater bin. Ihr sollt mir einen Pfahl aus Espenholz durchs Herz jagen, was ich auch sagen und tun möge. Denn dann wird der Zurückgekehrte nicht mein Ich sein, sondern der verfluchte Wurdalak, der gekommen ist, euch das Blut auszusaugen.«

Holzschnitt: Karl Mahr

Hier muß bemerkt werden, mesdames, daß »Wurdalak« dasselbe wie »Vampir« ist, der slavische Name dafür. Ein Wurdalak ist nach Meinung des Volkes der Körper eines Verstorbenen, der aus dem Grabe aufsteht, um das Blut der Lebenden zu saugen. Die Wurdalaken haben aber vor den Vampiren der übrigen Welt eine Eigentümlichkeit, die sie besonders furchtbar macht. Sie suchen vorzugsweise das Blut ihrer nächsten Verwandten und Freunde, die, wenn sie gestorben sind, sich ihrerseits wieder in Wurdalaken verwandeln. Es gibt, sagt man, in Bosnien und der Herzogowina ganze Dörfer, deren Einwohner Wurdalaken sind. –

Der Abbat Augustin Kalmé hat in seiner bemerkenswerten Schrift über Geistererscheinungen einige schreckliche Beispiele dieser Art angeführt. Die deutschen Kaiser haben etlichemal ganze Kommissionen zur Erforschung solcher Fälle von Vampirismus ausgerüstet. Es wurden Untersuchungen angestellt, man grub Leichen aus, die sich als mit Blut angefüllt erwiesen, und man verbrannte sie auf öffentlichen Plätzen, nachdem man ihnen vorher das Herz durchbohrt hatte. Die Aussagen der daran beteiligten offiziellen Persönlichkeiten bekunden, die Leichname hätten gestöhnt, als der Scharfrichter ihnen den Pfahl aus Espenholz durch das Herz stieß. Es sind noch formelle eidliche Berichte darüber erhalten, bekräftigt durch Unterschrift und Siegel der Leute, die dabei waren.

Sie werden hiernach begreifen, mesdames, welchen Eindruck die Worte des alten Gorscha auf seine Söhne machen mußten. Beide hatten sich ihm zu Füßen geworfen und ihn beschworen, von seinem Vorhaben abzustehen, sie an seiner Statt in die Berge gehen zu lassen. Statt jeder Antwort aber hatte er Ihnen den Rücken gewandt und war gegangen, den Kehrreim eines alten epischen Gesanges vor sich hin singend. An dem Tage, an welchem ich ins Dorf kam, ging die Frist jener zehn Tage eben zu Ende, und Gorscha war noch nicht zurück. So war mir also die Aufregung seiner Kinder wohl erklärlich. –

Die Familie war eine brave und ehrenwerte. Georg, der älteste der Söhne, erschien mit seinen männlichen und regelmäßigen Zügen als ein Mann von Entschlossenheit und Ernst. Er war verheiratet und hatte zwei Kinder. Sein Bruder Peter, ein schöner achtzehnjähriger Jüngling, zeigte im Ausdruck seines Gesichts mehr Weichheit als Kühnheit. Er war offenbar der Liebling seiner jüngeren Schwester Zdenka, die man wahrhaftig als den Typ einer slavischen Schönheit bezeichnen konnte. Außer ihrer in jeder Beziehung unbestreitbaren Schönheit fiel mir an ihr sofort eine entfernte Ähnlichkeit mit der Herzogin de Gramont auf, besonders ein charakteristischer Zug um die Stirn, eine Linie, die ich in meinem Leben nur bei diesen beiden weiblichen Wesen angetroffen habe. Diese Linie konnte einem zuerst sogar mißfallen, hatte man sich aber erst einmal an sie gewöhnt, so fand man in ihr einen unwiderstehlichen Reiz.

War ich damals wirklich noch gar zu jung oder war es diese Ähnlichkeit, die mich fesselte, war es Zdenkas originelles und zugleich kindlich naives Wesen, – jedenfalls empfand ich, kaum daß ich ein paar Minuten mit ihr gesprochen hatte, ihr gegenüber eine Sympathie, die sich nur zu leicht in zärtlichere Gefühle verwandeln konnte, wenn ich meinen Aufenthalt in dem Dorfe länger ausdehnte.

Wir saßen alle vor dem Hause um den Tisch, auf dem eine Schüssel mit Quark und ein Krug mit Milch standen. Zdenka spann. Ihre Schwägerin bereitete den Kindern, die neben uns im Sande spielten, das Abendessen. Peter, scheinbar unbekümmert, pfiff vor sich hin, seinen Jatagan, ein langes, türkisches Messer, säubernd. Georg, die Ellbogen auf den Tisch und den Kopf in die Hände gestützt, blickte, ohne ein Wort zu reden, unverwandt den Weg hinab, der zum Walde führte.

Ich, bedrückt durch die allgemeine besorgte Stimmung, schaute unfroh zu den Abendwolken empor, die den goldnen Grund des Himmels säumten. Über den nahen Kiefernwald empor ragten die Ruinen eines Klosters. –

Dieses Kloster war, wie ich nachher erfuhr, einstmals berühmt gewesen durch ein wundertätiges Muttergottesbild, das, wie die Legende besagt, Engel vom Himmel gebracht und an die Äste einer Eiche gehängt hatten. Doch zu Beginn des vorigen Jahrhunderts waren die Türken ins Land eingefallen, hatten die Mönche ermordet und ihre Heimstätte verwüstet. Es standen nur noch die Mauern und ein Glockenturm, in dem ein alter Einsiedler den Dienst versah, der hauptsächlich darin bestand, den Pilgern, die von einer geweihten Stätte zur anderen zogen und gern die Mutter Gottes unter der Eiche aufsuchten, die Ruinen des Klosters zu zeigen und ihnen Obdach zu gewähren. Wie gesagt, erfuhr ich dieses alles erst später, da an jenem Abend mein Kopf mit anderen Dingen als mit der Archäologie Serbiens beschäftigt war. Wie es oft geschieht, wenn wir der Phantasie freien Lauf lassen, versenkte ich mich ganz in Erinnerungen, dachte an mein geliebtes Frankreich, das ich nun mit einem wilden und entlegenen Lande vertauscht hatte.

Ich dachte auch an die Herzogin de Gramont und, ich muß es zugeben, auch an einige andere Zeitgenossinnen Ihrer verehrten Großmütter, mesdames, deren holde Bildnisse, jenem der entzückenden Herzogin folgend, auf einen Platz in meinem Herzen Anspruch machten.

Bald hatte ich meine Wirte und ihre Besorgnis ganz vergessen. Plötzlich unterbrach Georg das Schweigen.

»Weib,« sagte er, »in welcher Stunde ist der Alte fortgegangen?«

»Um acht Uhr,« erwiderte sein Weib, »ich hörte, wie eben, da er ging, die Glocke des Klosters schlug.«

»Gut,« sagte Georg, »jetzt ist es wohl erst halb acht.« Er schwieg wieder, den Blick beständig auf den Weg gerichtet.

Ich habe vergessen, Ihnen zu sagen, mesdames, daß die Serben, wenn sie jemanden des Vampirismus verdächtigen, es vermeiden, seinen Namen zu nennen oder sonstwie direkt von ihm zu sprechen, denn dadurch, daß man ihn nennt – so glauben sie – ruft man ihn aus seinem Grabe hervor. Darum nannte Georg, indem er vom Vater sprach, diesen nicht anders als: »der Alte«. Es vergingen einige Minuten des Schweigens. Plötzlich sagte einer der Knaben zu Zdenka, indem er sie an der Schürze zog: »Tante, wann wird denn Großvater nach Hause kommen?«

Georg beantwortete diese Frage seines Sohnes mit einer Maulschelle.

Das Kind weinte, aber sein jüngeres Brüderlein fragte mit erstauntem und erschrecktem Gesicht: »Warum verbietest du uns, Vater, vom Großvater zu sprechen?« Eine zweite Maulschelle brachte ihn zum Schweigen. Beide Kinder weinten laut und die ganze Familie bekreuzigte sich. In diesem Augenblick schlug die Uhr des Klosters langsam acht. Kaum war der erste Glockenton erklungen, als wir eine aus dem Walde auf uns zukommende menschliche Gestalt erblickten.

»Er ist's! Gott sei Dank!« riefen gleichzeitig Zdenka, Peter und Georgs Weib. »Gott schütze uns!« sprach feierlich Georg, »wie sollen wir jetzt wissen, ob die von ihm festgesetzte Frist der zehn Tage verstrichen ist oder nicht?«

Alle sahen ihn mit Entsetzen an. Inzwischen war die menschliche Gestalt näher gekommen. Es war ein Greis von hohem Wuchs, sein Gesicht streng und bleich. Er ging wie ermüdet, schwer auf einen Stab gestützt. Je näher er kam, desto düsterer blickte Georg. Der Ankömmling blieb stehen, schaute von einem zum andern, schien aber nichts zu sehen, so trüb und eingefallen waren seine Augen.

»Nun,« sprach er mit dumpfer Stimme, »warum steht denn Niemand auf, mich zu begrüßen? Was bedeutet dieses Schweigen? Seht ihr nicht, daß ich verwundet bin?« Tatsächlich, seine ganze linke Seite war blutgefärbt.

»Geh, hilf ihm, stütze den Vater!« sagte ich zu Georg, »und du, Zdenka, bring ihm irgend eine Stärkung! Er ist am Ende seiner Kräfte.«

»Vater,« sagte Georg, indem er an Gorscha herantrat, »zeig mir deine Wunde, du weißt, ich verstehe mich darauf und werde sie dir verbinden!«

Er streckte die Hand aus, um dem Vater das Obergewand abzunehmen, doch der Alte stieß ihn heftig zurück und hielt sich mit beiden Händen die Seite. »Laß mich, du Tölpel!« rief er, »du hast mir nur noch weher getan«. – »So bist du also ins Herz getroffen,« rief erblaßt Georg aus. »Nimm das Gewand ab, hörst du, nimm es ab!« Der Greis richtete sich zu seiner ganzen Größe auf. »Hüte dich,« sagte er dumpf, »wag es, mich anzurühren, so werde ich dich verfluchen!«

Peter trat zwischen Georg und den Vater. »Laß ihn! Du siehst, er leidet.« – »Widersprich ihm nicht,« rief Georgs Frau, »du weißt, das hat er nie geduldet.«

In diesem Augenblick sahen wir die vom Felde heimkehrende Herde, die, in eine Wolke von Staub gehüllt, die Richtung auf das Haus zu nahm. Erkannte nun der Hund, der die Herde begleitete, seinen alten Herrn nicht, oder erschien sonst etwas ihm verdächtig, – jedenfalls, der Hund blieb stehen, sträubte das Fell und knurrte, am ganzen Leibe zitternd, als wittere er etwas Ungewöhnliches.

Holzschnitt: Karl Mahr

»Was hat der Köter?« sagte der Alte, sich mehr und mehr verfinsternd. »Was bedeutet dieses alles? Bin ich ein Fremder geworden in meiner eigenen Familie? Haben die zehn Tage in den Bergen mich so verändert, daß meine eigenen Hunde mich nicht mehr wiedererkennen?«

»Hörst du,« flüsterte Georg seiner Frau zu. »Was, Georg?« – »Er selber sagt, daß die zehn Tage um sind.« – »Nein doch, er ist ja zur bestimmten Zeit zurückgekehrt.« – »Gut, gut. Ich weiß, was geschehen muß!«

»Ah, der verfluchte Köter, immer noch heult er mich an! Schießt ihn tot!« rief der alte Gorscha. »Hört ihr mich nicht?« Georg rührte sich nicht, aber Peter erhob sich mit Tränen in den Augen, nahm das Gewehr des Vaters und schoß auf den Hund, der verendend in den Staub rollte. – »Es war mein Lieblingshund,« sagte er seufzend, »ich weiß nicht, warum du, Vater, befohlen hast, ihn zu töten.«

»Weil er es verdient hat,« erwiderte Gorscha. »Aber es ist kühl geworden, ich will ins Haus.« Während dieser Vorgänge hatte Zdenka ein heißes Getränk bereitet, bestehend aus Branntwein, der mit Birnen, Honig und Rosinen zusammengekocht war. Sie reichte dem Vater den Becher, er aber stieß ihn mit Abscheu zurück. Denselben Abscheu zeigte er gegenüber einer Hammelrippe mit Reis, die Georg vor ihn hinstellte. Er setzte sich, unverständliche Worte murmelnd, abseits in eine Ecke. –

Das trockene Kiefernholz brannte hell auf dem offenen Herde des Hauses und beleuchtete mit flackerndem Licht das Gesicht des Alten, das so bleich und abgezehrt erschien, als gehöre es einem Toten an. Zdenka ging zu ihm hin und setzte sich neben ihn. »Vater,« sagte sie, »du issest nichts und willst auch nicht ruhen. Erzähle uns etwas von deinen Heldentaten in den Bergen.« Die Tochter wußte, daß sie damit eine leicht anklingende Saite ihres Vaters berührte, denn er liebte es, von seinen Kriegstaten gegen die Türken zu sprechen. Und wirklich, ein Lächeln erschien auf seinen bleichen Lippen, aber die Augen blieben teilnahmlos, und er erwiderte, mit der Hand das herrliche Blondhaar der Tochter streichelnd: »Gut, Zdenka, ich will dir erzählen, was ich in den Bergen sah. Doch nicht jetzt, nicht heute, ich bin sehr müde. Eins nur will ich dir jagen: Alibek weilt nicht mehr unter den Lebenden, er ist von der Hand deines Vaters gefallen. Und sollte etwa jemand daran zweifeln, – hierbei sah er seine Familie groß an – so schaut her, hier ist der Beweis!«

Und, einen Sack öffnend, den er auf dem Rücken getragen hatte, entnahm er ihm ein blutüberströmtes Haupt. Wir wandten uns schaudernd ab, doch Gorscha überreichte es seinem Sohn Peter und sprach: »Da, befestige es über der Tür unseres Hauses. Möge jeder Vorübergehende wissen, daß Alibek tot ist und daß die Straßen gesäubert sind von diesem Gesindel!«

Peter gehorchte widerwillig. – «Jetzt begreife ich,« sagte er, »warum der arme Hund geknurrt hat» – er hat den Leichnam gewittert.« – »Ja, er hat den Leichnam gewittert,« wiederholte düster Georg, der inzwischen unbemerkt hinausgegangen war und eben zurückkam, in der Hand einen Gegenstand haltend, den er in die Ecke stellte. Ich glaubte, in diesem Gegenstand einen hölzernen Pfahl zu erkennen.

»Georg,« sagte flüsternd zu ihm sein Weib, »du willst doch nicht ...« – »Bruder,« fiel auch die Schwester ein, »was hast du im Sinn? Nein, nein, du wirst dieses nicht tun.«

»Laßt mich,« erwiderte Georg, »ich weiß selber, was geschehen muß, und werde nichts unnötiges tun.«

Es war Nacht geworden und die Familie begab sich schlafen in jenen Teil des Hauses der von meinem Schlafraum nur durch eine dünne Zwischenwand getrennt war. Ich gestehe, daß alles, was ich an dem Abend gesehen hatte, stark aus meine Einbildungskraft wirkte. Ich löschte meine Kerze, der Mond schien durch das niedrige Fenster meines Zimmers herein. Sein Licht fiel auf den Fußboden vor meinem Bett und warf seinen bläulichen Widerschein an die Wände. Es war fast so, wie hier in diesem Zimmer, mesdames. Ich wollte einschlafen, konnte es aber nicht, das Mondlicht, meinte ich, sei daran schuld, und ich begann, nach irgendeinem Gegenstande zu suchen, mit dem ich das Fenster hätte verhängen können. Da hörte ich im Nebenraum Stimmen.

»Leg dich schlafen, Weib,« sagte die Stimme Georgs. »Auch du, Peter, und auch du, Zdenka. Beunruhigt euch nicht, ich werde aufbleiben.«

Dann hörte ich die Stimme der Frau: »Nein, Georg, lieber will ich nicht schlafen gehen. Du hast die ganze vorige Nacht gearbeitet und bist gewiß müde. Ich muß sowieso nach dem Jungen sehen, dem älteren. Du weißt, er ist seit gestern nicht ganz gesund.« – »Sei unbesorgt» und lege dich hin, ich will für uns beide wachen.«

»Lieber Bruder,« hörte ich jetzt Zdenkas Stimme mit ihrem leisen angenehmen Klang, »ich meine, es braucht niemand wachzubleiben. Der Vater schläft, und sieh nur, wie ruhig der Ausdruck seines Gesichtes ist.«

»Weder das Weib, noch du, niemand von euch beiden begreift etwas!« erwiderte Georg in einem Ton, der keinen Widerspruch zuließ. »Ich sage euch, legt ihr euch hin und laßt mich wachen.«

Hiernach wurde es still. Bald fühlte auch ich, wie meine Lider schwer wurden und der Schlaf mich gefangen nahm. – Und da sehe ich, sehe, wie die Tür zu meinem Zimmer sich leise öffnet und der alte Gorscha hereinkommt. – Das heißt, ich fühlte es mehr, als daß ich es sah, denn das Zimmer, aus dem er kam, war völlig dunkel. – Ich fühle, wie seine erloschenen Augen auf mich gerichtet sind. Er scheint meine Gedanken erraten zu wollen und beobachtet jede meiner Bewegungen. Er setzt den Fuß leise vor, er hebt langsam den anderen. Mit unhörbaren Schritten, leise schleichend, kommt er auf mich zu. Noch einen Augenblick, da springt er und steht neben meinem Bett. – Ich empfand ein unbeschreibliches Grauen, aber irgend eine unbesiegbare Gewalt hielt mich gebannt, ich konnte kein Glied rühren. Der Alte beugte sich über mich und brachte sein Gesicht so nah an meines, daß ich den Grabesatem seines Mundes roch. Mit übermenschlicher Anstrengung riss ich mich empor und erwachte. Kalter Schweiß rann mir von der Stirn. Im Zimmer befand sich niemand.

Holzschnitt: Karl Mahr

Aber da, durch's Fenster, an die Scheiben gedrückt, ein Gesicht. – Ich erkannte Gorscha, der mich unverwandt mit seinen schrecklichen Augen ansah. Ich vermochte es über mich, weder zu schreien, noch vom Bett aufzuspringen. Ich tat, als hätte ich nichts gesehen, jedoch der Alte schien nur gekommen zu sein, um sich davon zu überzeugen, ob ich schlafe. Nachdem er mich längere Zeit beobachtet hatte, ging er vom Fenster fort und ich hörte, wie er wieder in's Haus kam und im Nebenzimmer leise umherging. Georg war eingeschlafen und schnarchte so, daß die Wände zitterten. Da hustete das Kind und ich vernahm Gorschas Stimme: »Schläfst du nicht, mein Junge?« fragte er. »Nein, Großväterchen,« antwortete das Kind, »und ich möchte so gern mit dir plaudern.« – »Plaudern willst du, wovon sollen wir denn plaudern!« – »Du sollst mir erzählen, Großväterchen, wie du mit den Türken gekämpft hast, denn auch ich möchte sie gerne verhauen.« »Daran habe ich gedacht, mein Kind, und habe dir einen kleinen Jatagan mitgebracht. Den will ich dir morgen geben.« – »Ach, lieber heute, Großväterchen, du schläfst ja auch nicht.« »Warum hast denn du, Junge, am Tage nicht mit mir gesprochen?« »Weil's der Vater mir verboten hat.« »Er ist sehr vorsichtig, dein Vater. So willst du also gern den kleinen Jatagan haben.« »O, ich möchte ihn sehr gerne haben. Aber gib ihn mir nicht hier, der Vater könnte aufwachen.« – »Wo denn, mein Kind?« »Gehn wir hinaus, Großväterchen, auf die Straße, aber leise, daß niemand uns bemerkt.«

Ich glaubte zu hören, daß Gorscha hohl auflachte und das Kind sich anschickte aufzustehen. – Zwar glaubte ich an keine Vampire, aber der eben ausgestandene Albdruck hatte stark auf meine Nerven gewirkt, und um mir nachher nicht irgendwelche Vorwürfe machen zu müssen, stand ich auf und schlug mit der Faust heftig gegen die Wand. Mein Schlagen wäre laut genug gewesen, die Siebenschläfer des Märchens aufzuwecken, aber von der Familie erwachte niemand.

Ich stürzte zur Tür, entschlossen, das Kind zu retten, aber die Tür erwies sich als von außen verschlossen und der Riegel gab meinen Anstrengungen nicht nach. Während ich mich bemühte die Tür aufzubrechen, sah ich durch's Fenster den Alten mit dem Kinde auf dem Arm draußen vorübergehen. »Steht auf, steht auf!« schrie ich aus allen Kräften, die Wand mit Faustschlägen erschütternd. Nur Georg erwachte. »Wo ist der Alte?« fragte er. »Schnell eile,« rief ich, »er hat euer Kind weggetragen.« Mit einem einzigen Fußtritt sprengte Georg die Tür, die ebenso wie die Meine von außen zugeschlossen war. Dann rannte er fort in der Richtung zum Walde. Ich rüttelte Peter wach, ebenso seine Schwägerin und Zdenka. Wir traten vor's Haus und nach einigen Minuten des Wartens, erblickten wir den zurückkehrenden Georg, den Knaben auf dem Arme tragend. Er hatte ihn bewußtlos auf dem Wege liegend gefunden, aber der Knabe war bald wieder zur Besinnung gekommen und erschien nicht kränker als vorher. Auf unsere Fragen antwortete er, der Großvater habe ihm nichts zu leide getan, sie seien zusammen hinausgegangen, um mit einander zu plaudern, Kaum aber sei er draußen gewesen, da sei ihm so sonderbar zu Mute geworden. Weiter wußte der Knabe nichts auszusagen. Gorscha aber war verschwunden.

Den übrigen Teil der Nacht verbrachten wir natürlich alle ohne Schlaf.

Am andern Morgen erfuhr ich, daß auf dem Fluß, der den Weg, eine viertel Werst vom Dorfe entfernt, durchschnitt, Eisgang war – was in jener Gegend sowohl im Frühling als auch im Herbst einzutreten pflegt. Durch das gehende Eis den Fluß zu überqueren, war somit voraussichtlich für mehrere Tage unmöglich. An meine baldige Abreise war nicht zu denken. Übrigens, auch wenn ich hätte abreisen können, so hätte mich die Neugierde, ja und auch noch ein anderes Gefühl zurückgehalten. Je länger ich Zdenka sah, umso stärker fühlte ich mich zu ihr hingezogen. Ich gehöre, mesdames, nicht zu denjenigen Leuten, die an die Liebe auf den ersten Blick, an eine plötzliche und unüberwindliche Leidenschaft glauben. Aber ich glaube wohl, daß es Fälle gibt, da die Liebe schneller zur Entfaltung kommt als gewöhnlich. Die besonders Schönheit Zdenkas, ihre auffallende Ähnlichkeit mit der Herzogin de-Gramon, vor der ich aus Paris geflohen war und die ich nun hier in anderer Gestalt wiederfand, im malerischen Kostüm der serbischen Bäuerin, eine fremde klangvolle Sprache sprechend, diese charakteristische Linie der Stirn, derentwegen ich mir zwanzig Mal das Leben hatte nehmen wollen, alles dies, dazu die Seltsamkeit meiner Lage und all das Wunderbare, das auf mich eindrang, mußte mich stark beeindrucken, so daß in meiner Seels ein Gefühl groß wurde und tief ging, das unter anderen Umständen nur leicht über mich hingeglitten wäre.

Im Laufe des Tages hörte ich, wie Zdenka zu ihrem Bruder sagte: »was denkst du von diesem allen, Peter? Wäre es möglich, daß auch du den Vater verdächtigtest?« – »Ich wage es nicht, ihn zu verdächtigen,« erwiderte Peter, »umsoweniger, als ja der Knabe selbst sagt, der Großvater habe ihm nichts zu leide getan. Und daß er so plötzlich wieder verschwunden ist, braucht uns auch nicht wunder zu nehmen. Du kennst ihn ja und weißt, daß er es schon oft so gemacht hat und daß er über seine Abwesenheit niemals irgend jemandem eine Rechenschaft ablegt.« »Das weiß ich,« sagte Zdenka, »und darum müssen wir ihn retten, du kennst Georg«. – »Ich kenne ihn und weiß, daß es nutzlos ist, mit ihm zu reden. Wir wollen einfach den Pfahl verstecken, den er sich geholt hat. Einen anderen wird er nicht finden. Diesseits der Berge wachsen keine Espen.« – »Ja, wir wollen den Pfahl verstecken, aber den Kindern dürfen wir nichts davon sagen, sie würden es vor Georg ausschwatzen.« – »Man muß es vorsichtig anfangen,« sagte Peter, und danach trennten sie sich.

Es kam die Nacht. Von Gorscha war nichts zu sehen und nichts zu hören. Ich lag, wie in der Nacht vorher, auf meinem Bett und der Mond schien hell herein. Als eben der Schlaf anfing, meine Gedanken zu verwirren, fühlte ich plötzlich, wie instinktiv, die Nähe des Alten. Ich öffnete die Augen und erblickte wieder sein bleiches Gesicht an die Scheiben gedrückt. Diesmal wollte ich sofort aufspringen, aber ich vermochte es nicht: meine Glieder waren wie gelähmt.

Nachdem er mich lange und scharf betrachtet hatte, ging der Alte vom Fenster fort und ich hörte, wie er um's Haus ging und an das Fenster des Zimmers klopfte, darin Georg und seine Frau mit den Kindern schliefen. Das Kind bewegte sich und stöhnte im Schlaf. Eine Weile war alles still, dann wieder hörte ich es klopfen. Das Kind stöhnte noch einmal auf und erwachte. »Bist du es, Großväterchen?« fragte es. »Ich,« antwortete eine hohle Stimme. »Ich habs dir den kleinen Jatagan mitgebracht.« – »Ich wage es nicht hinauszugehen. Der Vater hat's verboten.« – »Du brauchst nicht herauszukommen, öffne mir nur das Fenster und küsse mich!«

Das Kind stand auf. Ich hörte, wie es das Fenster öffnete. Da, alle Kraft zusammennehmend, sprang ich vom Bette auf und lärmte gegen die Wand. Georg war sofort wach und erhob sich. Ich hörte, wie er einen Fluch ausstieß. Sein Weib schrie laut auf und wenige Augenblicke darnach standen wir alle um das wie leblos daliegende Kind ... Gorscha war verschwunden, genau wie in der Nacht vorher. Mit Mühe gelang es uns, den Knaben ins Leben zurückzurufen. Er war sehr schwach und atmete kaum. Auf die Ursache seiner Ohnmacht konnte er sich nicht besinnen. Die Mutter und Zdenka meinten, das Kind habe sich bloß erschreckt, weil es mit dem Großvater nicht sprechen durfte und nun dabei ertappt worden war. Ich sagte nichts. Nachdem der Kleine sich beruhigt hatte, legten alle außer Georg sich wieder hin. Als der Morgen dämmerte, hörte ich, wie Georg seine Frau weckte. Sie flüsterten miteinander. Dann hörte ich auch Zdenkas Stimme. Die Frauen weinten.

Das Kind war gestorben. Die Verzweiflung der Familie will ich Ihnen nicht schildern. Niemand, so schien es, beschuldigte den Alten, wenigstens sprach keiner es offen aus.

Georg schwieg, aber der Ausdruck seines Gesichtes, auch sonst ein düsterer, war jetzt ein furchtbarer. Der Alte zeigte sich zwei Tage lang nicht. In der Nacht auf den dritten Tag (man hatte das Kind beerdigt) kam es mir so vor, als schleiche jemand ums Haus. Auch glaubte ich zu hören, daß eine Stimme den anderen, den noch lebenden Knaben an seinem Namen rief. Einen Augenblick lang glaubte ich auch wieder das Gesicht Gorschas an meinem Fenster zu sehen, doch war ich dessen nicht gewiß, ob es vielleicht nur eine Einbildung von mir war, denn die Nacht war dunkel, der Mond von Wolken verhangen. Ich hielt es dennoch für nötig, Georg hiervon Mitteilung zu machen. Der fragte das Kind aus und dieses erwiderte, es habe tatsächlich gehört, wie der Großvater es gerufen habe. Auch habe er durchs Fenster hereingeblickt. Georg befahl dem Knaben streng, ihn sofort zu wecken, sobald der Alte sich wieder zeigen sollte.

Alle diese Vorfälle und Umstände verhinderten nicht, dass Zdenka immer mehr Macht über mich gewann. Am Tage hatte ich keine Möglichkeit, allein mit ihr zu sprechen. Jetzt, da es wieder Nacht wurde, empfand ich schmerzhaft den Gedanken an meine bevorstehende Abreise. Zdenkas Zimmer war von dem meinen durch einen Vorraum getrennt, der nach der einen Seite zur Straße, nach der anderen zum Hof hinausführte. Meine Wirtsleute waren bereits schlafen gegangen, als mich plötzlich die Lust anwandelte, hinaus und durchs Dorf zu gehen, um mich ein wenig zu zerstreuen und vielleicht auf andere Gedanken zu kommen. Indem ich in den Vorraum hinaustrat, sah ich, daß die Tür zu Zdenkas Zimmer offen stand.

Unwillkürlich blieb ich stehen. Das Rascheln von Kleidern brachte mein Herz in Wallung. Dazu drangen die Töne eines halblaut gesungenen Liedes an mein Ohr. Es war der Abschied eines serbischen Königs, der in den Krieg zog, von seiner Geliebten. »Oh, meine junge Pappel,« sprach der alte König, »ich ziehe in den Krieg und du wirst mich vergessen. Die Bäume, die am Fuß der Berge wachsen, sind schlank und biegsam, aber schlanker und biegsamer ist dein junger Leib. Leuchtend rot sind die Beeren der Eberesche, die der Wind bewegt, aber leuchtender rot sind deine Lippen. Ich aber bin ein alter Eichbaum, ein entblätterter, mein Bart ist weißer als der Schaum auf den Wellen der Donau. Du wirst mich vergessen, mein Herzlieb, und sterben werde ich vor Gram, denn der Feind wird es nicht wagen, mich, den alten König, zu töten.«

Und es erwiderte die Schöne: »Ich schwöre es, dir treu zu bleiben, dich in Ewigkeit nicht zu vergessen. Wenn ich den Schwur breche, so komme zu mir als Toter und trinke das Blut meines Herzens.«

Und es sprach der alte König: »Amen!« Und er zog fort in den Krieg und die junge Schöne vergaß ihn bald. –

Zdenka hielt im Gesange inne, so als fürchte sie sich, das Lied zu Ende zu singen. Ich war meiner selbst nicht mehr mächtig. Diese zarte, ausdrucksvolle Stimme war wirklich die Stimme der Herzogin de-Gramon ... Alles in der Welt vergessend, stieß ich die Tür vollends auf und trat hinein. Zdenka hatte soeben das Mieder abgelegt, wie es dort die Mädchen tragen. Nur ihr weißes, mit goldenen und roten Fäden ausgenähtes Hemd und der bunte, an den Hüften zusammengezogene Rock umhüllten noch ihre schlanke Gestalt. Ihre herrlichen hellblonden Zöpfe hingen gelöst um ihre Schultern, und so, halbenthüllt, zeigte sich mir ihre Schönheit berückender als je. Ohne, wie es schien, mir wegen meines kühnen Eindringens zu zürnen, war sie doch leicht verwirrt und errötete.

»Ach, warum bist du gekommen,« sagte sie, »was wird man von mir denken, wenn man uns hier beieinander trifft?«

»Zdenka, mein Leben, sei unbesorgt,« erwiderte ich, »alles umher schläft. Nur die Grille im Gras und der Nachtfalter in der Luft sind wach, um das zu erlauschen, was ich dir sagen muß.«

»Geh, geh, Lieber, der Bruder wird uns sehen. Ich bin verloren.« – »Zdenka, ich gehe nicht eher, als bis du mir versprochen hast, mich ewig zu lieben, so wie es die Schöne in deinem Liede dem alten Könige versprach. Bald reise ich fort, Zdenka, wer weiß, wann wir uns wiedersehen. Zdenka, ich liebe dich mehr als meine Seele, mehr als ihr ewiges Heil. Mein Leben und mein Blut – sind dein! Willst du mir denn nicht eine Stunde gönnen, mit dir zusammen zu sein?«

»Viel kann in einer Stunde geschehen,« erwiderte Zdenka nachdenklich. Aber sie ließ ihre Hand in der meinen. »Du kennst meinen Bruder nicht,« fuhr sie zitternd fort, »ich fühle es, er wird kommen.« – »Sei ruhig, meine Zdenka,« sagte ich, »dein Bruder ist ermüdet von schlaflosen Nächten. Der Wind, der in den Bäumen rauscht, singt ihm ein Schlummerlied. Tief ist sein Schlaf, lang ist unsere Nacht, und nur um eine Stunde bitte ich dich. Und nachher, – leb wohl, vielleicht für immer.« »Oh, nein, nein, nicht für immer,« sagte sie bewegt und wandte sich fort von mir, als habe ihre eigene Stimme sie erschreckt. »Oh, Zdenka,« rief ich aus, »dich allein sehe ich, dich nur höre ich. Ich gehöre nicht mehr mir selbst, ich gehorche einer höheren Macht, verzeih mir, Zdenka!«

Und wie von Sinnen drückte ich sie ans Herz. »Nein, du bist nicht mein Freund,« sagte sie, entwand sich meinen Armen und zog sich scheu vor mir zurück.

Ich weiß nicht, was ich ihr in diesem Augenblick gesagt habe. Ich selbst erschrak über meine Kühnheit, denn im Grunde meines Herzens, trotz der Leidenschaft, die mich erfaßt hatte, beherrschte mich doch noch das Gefühl der Ehrfurcht vor ihrer Unschuld.

Ich versuchte es wohl, irgendwelche honigsüßen Redensarten zu stammeln, die sonst bei allen Schönen jener Zeit Erfolg versprachen, doch schämte ich mich bald selber meiner Worte und schwieg, denn ich sah, daß das junge Mädchen in der Einfalt ihres Herzens den Sinn dieser Worts gar nicht einmal verstand, den Sie, mesdames, wie ich an Ihrem Lächeln sehe, sofort erraten hätten. So stand ich vor ihr, nicht wissend, was ich tun sollte, als ich sie plötzlich schaudernd den Blick aufs Fenster richten sah. Ich folgte der Richtung ihres Blickes und gewahrte den alten Gorscha, der durchs Fenster auf uns hereinsah. Im selben Augenblick fühlte ich, wie eine Hand sich mir auf die Schulter legte. Es war Georg. »»Was machst du hier?« fragte er. Verwirrt, doch schnell gefaßt, zeigte ich auf den Vater, der immer noch am Fenster stand und erst verschwand, als Georg nach ihm hinblickte.

»Ich hörte den Alten und bin gekommen, deine Schwester zu warnen,« sagte ich.

Georg sah mich an – so als wollte er mit seinem Blick bis in die Tiefe meiner Seele hinabdringen. Dann, mich an der Hand fassend, führte er mich in mein Zimmer, ließ mich stehen und ging hinaus, ohne ein Wort gesprochen zu haben.

Am anderen Tage saß die Familie vor dem Hause um den Tisch, auf dem allerlei Milchspeisen standen.

»Wo ist der Junge?« fragte Georg. – »Auf dem Hof,« antwortete die Mutter, »er spielt sein Lieblingsspiel, – Krieg gegen die Türken.«

Kaum hatte sie dieses gejagt, da sahen wir zu unserem größten Erstaunen die hohe Gestalt des alten Gorscha auf uns zukommen. Er kam, genau wie an dem Tage meiner Ankunft, langsam die Straße vom Walde her.

»Willkommen, Väterchen,« hauchte kaum hörbar seine Schwiegertochter.

»Willkommen, Väterchen,« wiederholten ebenso leise Zdenka und Peter.

»Vater,« sagte Georg mit fester Stimme, aber mit ganz verändertem Gesicht, »wir warten auf dich, damit du uns das Gebet sprichst!«

Der Alte wandte sich ab, die Augenbrauen finster zusammengezogen.

»Sprich uns das Gebet! Sofort sprich es,« wiederholte Georg. »Und bekreuzige dich! oder ... ich schwör's beim heiligen Georg ...« Zdenka und ihre Schwägerin wandten sich flehentlich an den Alten, er möge das Gebet sprechen.

»Nein, nein, und nein!« rief Gorscha. »Wie darf er mir befehlen wollen? Und wenn er es noch einmal tut, so werde ich ihn verfluchen!«

Georg erhob sich und stürzte ins Haus. Er kehrte bald darauf mit wilden Augen zurück. »Wo ist der Pfahl,« schrie er, »wohin habt ihr den Pfahl versteckt?« Zdenka und Peter sahen einander an.

»Leichnam!« sprach Georg zum Alten, »was hast du mit meinem ältesten Sohn gemacht? Gib mir den Sohn zurück, Leichnam!«

Er war, während er sprach, kreidebleich geworden und in seinen Augen brannte ein unheimliches Licht. Der Alte sah ihn mit einem bösen Blick an und rührte sich nicht.

»Wo ist der Pfahl, wo?« schrie Georg noch einmal. »Möge auf das Haupt dessen, der ihn versteckt hat, alles Unglück kommen, das uns erwartet!«

Das muntere Lachen eines Kindes erscholl vom Hofe her, und auf einem langen Pfahl wie auf einem Pferde reitend, sprang der Knabe zu uns her, laut schreiend, so wie die Serben schreien, wenn sie in den Kampf ziehen.

Bei diesem Anblick flammte das Gesicht Georgs auf, er entriß dem Knaben den Pfahl und drang auf den Vater ein. Der stieß einen furchtbaren Schrei aus, sprang zurück, wandte sich und lief dem Walde zu. Die Schnelligkeit, mit der der alte Mann lief, erschien fast unnatürlich. Georg verfolgte ihn übers Feld und beide verschwanden im Walde.

Holzschnitt: Karl Mahr

Die Sonne war schon untergegangen, als Georg zurückkam, bleich wie der Tod, mit zerwühltem, gesträubtem Haar. Er setzte sich ans Feuer, und ich glaubte zu bemerken, daß seine Zähne aufeinanderschlugen. Keiner wagte es, ihn auszuforschen. Als die Stunde gekommen war, da die Familie sich zur Ruhe zu begeben pflegte, schien er wieder ganz Herr über sich geworden zu sein. Er rief mich beiseite und sagte zu mir im allerungezwungensten Ton: »Teurer Gast, ich war am Flusse. Er ist vom Eise frei, die Überfahrt ist wieder möglich und nichts hält dich hier mehr zurück. Es ist nicht nötig, daß du von meiner Familie Abschied nimmst (hier blickte er Zdenka an), sie läßt dir durch mich alles Gute wünschen und hofft, daß auch du uns eine gute Erinnerung bewahrst. Morgen, sobald es tagt, wirst du dein Pferd gesattelt und einen Führer finden, der dir den Weg zeigt. Leb wohl, gedenke zuweilen deiner Wirte und vergib ihnen, wenn dein Aufenthalt hier kein so ruhiger war, wie wir es für dich gewünscht hätten.«

Die strengen rauhen Züge Georgs erschienen in diesem Augenblick fast freundschaftlich milde. Er führte mich in mein Zimmer und drückte mir zum letzten mal die Hand. Dann schauerte er wieder zusammen und seine Zähne schlugen aufeinander wie im Frost.

Allein geblieben, dachte ich garnicht daran, mich schlafen zu legen. Gedanken rasten mir durchs Hirn. Ich hatte schon einige mal im Leben geliebt. Ich kannte die Anfälle der Zärtlichkeit, des Liebesärgers, der Eifersucht, aber niemals früher, auch nicht bei der Trennung von der Herzogin de Gramont, war mir so wehe ums Herz gewesen. Noch war die Sonne nicht aufgegangen, als ich, schon fertig zur Reise angezogen, noch einmal den Versuch machen wollte, Zdenka zu sehen, mit ihr allein zu sein. Doch Georg erwartete mich bereits im Vorraum. Jede Möglichkeit eines letzten Wiedersehens mit ihr schwand.

Ich sprang auf's Pferd, und, indem ich hinausritt, gab ich mir selber das Versprechen, das Dorf wieder aufzusuchen, wenn ich aus Jassy zurückkehrte, und diese Hoffnung, wenn sie auch noch in weiter Ferne lag, wehte wie ein Morgenwind die Wolken vom Nachthimmel meiner Gedanken fort. Bis in die entzückendsten Einzelheiten malte ich mir in der Phantasie dies Bild meiner Rückkehr aus, als plötzlich eine unerwartete Bewegung des Pferdes mich fast aus dem Sattel warf. Es stand, die Vorderbeine steif gespreizt, schnaubend als wittere es eine nahe Gefahr. Ich schaute mich aufmerksam nach allen Seiten um und gewahrte auf etwa hundert Schritt Entfernung einen Wolf, scharrend, als suche er etwas in der Erde. Als er uns bemerkte, entwich er. Ich drückte meinem Renner die Sporen in die Flanken und zwang ihn, sich von der Stelle zu bewegen. Da erblickte ich an der Stelle, wo der Wolf gescharrt hatte, eine frischaufgeworfene Grube. Auch schien es mir, als ragte einige Handbreit hoch ein Pfahl aus der Erde hervor. Übrigens kann ich dieses nicht mit Bestimmtheit behaupten, denn ich ritt sehr schnell an der Stelle vorüber.«

Hier hielt der Marquis in seiner Erzählung inne und nahm eine kleine Prise.

»Wie, ist das alles?« fragten die Damen. »Oh weh, nicht alles!« erwiderte d'Ursé. – »Das was ich Ihnen nun erzählen muß, ist für mich eine sehr schwere, bedrückende Erinnerung. Ich würde viel darum geben, könnte ich sie vergessen. – Die Angelegenheiten, um derentwillen ich mich in Jassy aufhielt, nahmen eine längere Zeit in Anspruch, als ich vorausgesetzt hatte. Zu ihrer Erledigung bedurfte es eines halben Jahres. Wie soll ich es Ihnen sagen? Eine traurige Wahrheit ist's – aber es ist eben Wahrheit, daß es auf der Welt keine Gefühle von langer Dauer gibt. – Der Erfolg meiner Verhandlungen, das Lob, das mir vom Versailler Kabinett zu teil wurde, mit einem Wort, diese abscheuliche Politik, die uns immer so viel Scherereien gemacht hat, sie war es, die meine Erinnerungen an Zdenka mehr und mehr verblassen ließ. Hinzu kam noch, daß die Gemahlin des Hospodars der Moldau, eine Schönheit ersten Ranges, – sie sprach außerdem vorzüglich französisch, – mich unter all den anderen jungen Ausländern, die sich damals in Jassy befanden, ganz offensichtlich bevorzugte. Erzogen nach den Regeln der französischen Liebenswürdigkeit, gallisches Blut in den Adern, konnte ich mich selbstverständlich gegenüber den für mich so schmeichelhaften Zeichen der Aufmerksamkeit von Seiten der schönen Frau nicht undankbar bezeigen, und im Interesse Frankreichs, das ich die Ehre hatte zu vertreten, bewies ich in jeder Weise, daß es mir die angenehmste Pflicht sei, mich ihren Wünschen unterzuordnen. Die Vorteile meines Vaterlandes habe ich, wie Sie, mesdames, sehen, stets zu wahren gewußt. – In die Heimat zurückberufen, kehrte ich auf demselben Wege zurück, auf welchem ich nach Jassy gereist war.

Ich dachte weder mehr an Zdenka, noch an ihre Familie, als ich eines Abends, über's Feld reitend, von irgend woher eine Glocke anschlagen hörte. Sie schlug die achte Stunde. Der Ton kam mir bekannt vor, und mein Reiseführer sagte mir, man läute im nahen Kloster. Ich fragte, wie das Kloster heiße, und erfuhr, daß es »die Mutter Gottes unter der Eiche« sei. Sofort gab ich dem Pferd die Sporen und befand mich bald darauf vor der Klosterpforte. Der Einsiedler ließ uns ein und wies uns den Schlafraum für die Pilger an. Der war aber schon so überfüllt, daß ich mich erkundigte, ob nicht im Dorf irgend ein anderes Nachtquartier für mich zu finden wäre.

»Ja, da werdet ihr mehr als eines finden,« erwiderte seufzend der Einsiedler. »Dank dem verfluchten Gorscha, sind viele Hütten dort leer geworden.« – »Was bedeutet das,« fragte ich, »lebt denn der alte Gorscha noch?«

»Nein, er liegt, wie sich's gehört, in der kühlen Erde, mit dem Pfahl durch's Herz gestoßen ... Aber er hat seinem Enkel das Blut ausgesogen, dem kleinen Sohn des Georg. Der Knabe ist eines Nachts vor's Haus gekommen und hat geweint, er friere, man möchte ihn doch hereinlassen. Seine Mutter, die Närrin, hat es nicht übers Herz gebracht, das Kind zum Kirchhof zurückzuschicken, – obwohl sie es ja selbst beerdigt hatte. Und als sie es ins Haus ließ, da hat es sich auf die Mutter gestürzt und ihr das Blut ausgesogen, bis sie starb. Und als sie beerdigt war, da ist sie wiedergekommen zu ihrem jüngsten Kinde, auch den Mann und den Schwager hat sie umgebracht, alle hat dasselbe Schicksal ereilt. »Und Zdenka?« fragte ich bange. – »Ach, die ist vor Gram verrückt geworden, die Ärmste. Besser, man redet nicht von ihr.« Die Antwort des Alten war rätselhaft, aber ich hatte nicht den Mut zu fragen. »Der Vampirismus ist ansteckend,« fuhr der Einsiedler fort. »Viele Familien des Dorfes leiden daran, einige sind bis auf das letzte Glied ausgestorben. Und wenn du auf mich hören willst, dann bleibe zur Nacht im Kloster. Wenn dich die Wurdalaken im Dorf nicht auffressen, so wirst du doch solche Schrecken dort erleben, daß dein Haar, noch ehe ich zur Morgenmesse läute, grau werden wird, wie das Gefieder des Mäusefalken. Bin ich auch nur ein armer Mönch,« fuhr er fort, »so gibt mir die Freigebigkeit der Pilger doch so viel, daß ich für die Bedürfnisse meiner Gäste sorgen kann. Ich habe einen vorzüglichen Quark im Keller und solche Rosinen, daß dir das Wasser beim bloßen Anblick im Munde zusammenläuft. Auch werden sich noch einige Flaschen Tokayerwein finden, und ich sage dir, der Wein gibt dem, den seine Heiligkeit der Patriarch trinkt, nichts nach.« Seine Worte machten auf mich den Eindruck, als spräche er zu mir nicht als frommer Mönch, sondern als Gastwirt, der mich dazu überreden wollte, es an Freigebigkeit den anderen Pilgern gleich zu tun. Außerdem hat das Wort »Schrecken« auf mich stets dieselbe Wirkung ausgeübt, wie auf ein Schlachtroß die Trompete. Ich hätte mich vor mir selber geschämt, wenn ich hiernach mich nicht sofort auf den Weg gemacht hätte. Mein Reiseführer bat zitternd, im Kloster bleiben zu dürfen, was ich gerne bewilligte. Ich brauchte etwa eine halbe Stunde bis zum Dorfe, das ich leer fand. Nirgends war weder ein Feuer zu sehen, noch ein Lied zu hören. Schweigend ritt ich an den mir zum größten Teil bekannten Häusern vorbei, bis ich vor die Hütte Georgs kam. War es nun ein romantisches Bedürfnis oder einfach jugendlicher Übermut, jedenfalls, ich beschloß, hier zu übernachten.

Ich stieg vom Pferde und klopfte an die Pforte. Niemand antwortete. Ich stieß an die Tür, sie ging, in den Angeln knarrend, auf, und ich trat auf den Hof. Nachdem ich mein Pferd, das ich nicht absattelte, unter einem Vordach angebunden hatte, begab ich mich in's Haus. Keine Tür war verschlossen, doch schien niemand darin zu wohnen. Das Zimmer Zdenkas sah aus, als wäre es erst gestern verlassen worden. Kleidungsstücke lagen auf dem Bett. Einige kleine Goldsachen, die ich ihr geschenkt hatte, unter anderen ein Emaille-Kreuzlein, das ich in Pest gekauft hatte, lagen, im Mondlicht blinkend, auf dem Tisch verstreut. Mein Herz zog sich schmerzlich zusammen, obwohl die Liebe längst daraus geschwunden war. Ich seufzte, hüllte mich fester in meinen Mantel und legte mich auf's Bett. Bald überkam mich der Schlaf. Ich entsinne mich nicht der Einzelheiten, aber ich weiß noch, daß Zdenka mir im Traum erschien, entzückend. Kindlich-naiv und liebend, wie damals früher. Ich machte mir, indem ich sie anschaute, Vorwürfe wegen meines Egoismus und meiner Unbeständigkeit. »Wie konnte ich nur,« fragte ich mich, »dieses liebe Mädchen vergessen, die mich so sehr geliebt hat?« Die Gedanken an sie mischten sich bald mit den Erinnerungen an die Herzogin de Gramont und diese beiden Wesen verschmolzen mir zu einem Bilde. Ich warf mich ihr zu Füßen und bat sie um Vergebung. Meine ganze Seele, mein ganzes Sein waren erfüllt von unaussprechlichen Empfindungen, Leid und Freude zugleich ... Und weiter träumte mir, wie ich halberwacht einen Ton hörte, ein Geräusch, wie das Lispeln der Ähren im Winde. Ich glaubte die Sprache der Halme zu vernehmen und Vogelgesang und dazu wie aus weiter Ferne das Rauschen stürzender Wasser und die Flüsterstimmen windbewegten Laubes. Dann schien es mir, als mischten alle diese Laute sich in einen, in das Rauschen von Frauenkleider, und bei dieser Empfindung blieben meine Gedanken stehen. Als ich die Augen aufschlug, stand neben dem Bett Zdenka. Der Mond schien so hell herein, dass ich die Züge dieses mir einst so teuren Wesens in allen Einzelheiten unterschied, – des Wesens, dessen ganze Schönheit ich erst in diesem Augenblick erfasste. Ja, sie schien mir noch schöner geworden, entwickelter, voll aufgeblüht. Sie war ebenso leicht bekleidet wie damals, als ich mit ihr allein war: das einfache, mit goldenen und roten Fäden ausgenähte Hemd, der an den Hüften zusammengezogene Rock. »Zdenka,« rief ich aus, mich schnell vom Lager erhebend, »Zdenka, bist du es?« – »Ja, ich bin's,« antwortete sie mit leiser, trauriger Stimme. »Ja, dies ist deine Zdenka, die du vergessen hast. Ach, warum bist du nicht früher zurückgekehrt? Jetzt ist alles aus, du musst fort, schnell? Noch einen Augenblick und du bist verloren. Leb wohl, mein Freund, leb wohl für immer!« »Zdenka,« sagte ich, »du hast viel Leid erfahren. Ich hab's gehört. Sprich mit mir, dir wird es dann leichter um's Herz werden.«

Holzschnitt: Karl Mahr

»Oh, mein Freund, glaube dem nicht, was man dir von uns erzählt. Aber eile fort, sonst bist du verloren, unrettbar verloren!« »Aber Zdenka, was kann mir denn geschehen? Willst du mir denn die eine Stunde nicht gönnen, eins Stunde mit dir zusammen zu sein?« Zdenka erschauerte und mit einem Male war sie ganz verändert. »Gut,« sagte sie, »eine Stunde, nicht wahr? So wie damals, als ich das Lied vom alten Könige sang und du zu mir in die Stube tratest ... Ist es das, was du willst? Gut, diese eine Stunde will ich dir geben ... Ach nein, nein,« rief sie plötzlich aus, – »geh, geh! – lauf, flieh! ich sag es dir. Flieh, solange noch du es kannst.«

Eine wilde Energie belebte jetzt ihre Züge. Ich begriff nicht, was sie veranlaßte, so zu reden, und sie war so wunderschön, daß ich entschlossen war zu bleiben, auch gegen ihren Willen. Meinen Bitten endlich nachgebend, setzte sie sich neben mich auf das Bett, und begann von dem Vergangenen zu reden. Sie gestand, daß sie mich lieb gewonnen hatte – vom ersten Blick. Aber je mehr sie sprach, desto deutlicher bemerkte ich eine Veränderung ihres Wesens. Es war nicht mehr die, die ich gekannt hatte, nicht mehr das schüchterne errötende Mädchen. In ihren Bewegungen, im Funkeln ihrer Augen war nichts Bescheidenes, nichts Mädchenhaftes mehr. Herausfordernd sah sie mich an ...

»Ist es denn möglich,« fragte ich mich, »daß Zdenka nicht das reine unschuldige Mädchen war, für das ich sie vor einem halben Jahre hielt? Hat sie vielleicht nur aus Furcht vor dem Bruder eine Maske getragen? Habe ich mich täuschen lassen durch eine Schüchternheit, die nicht echt war? Aber warum drang sie denn damals darauf, daß ich abreisen sollte? War dies vielleicht auch nur ein Raffinement? Und ich hatte mir eingebildet sie zu kennen! Doch immerhin, war es nicht gleichviel? Wenn Zdenka keine Diana war, wie ich geglaubt hatte, nun, so war sie vielleicht einer anderen Göttin zu vergleichen, einer nicht weniger entzückenden, und ich meinerseits wollte lieber das Schicksal des Adonis teilen, als das des Akteon.

Wenn Ihnen, mesdames, diese klassische Phrase, mit der ich mich selber tröstete, im gegebenen Falle nicht recht angebracht erscheint, so bitte ich Sie zu bedenken, daß ich von einem Vorfall erzähle, der sich im Jahre 1769 zutrug, also zu einer Zeit, da der Geist sich gerne in der Mythologie erging, – und ich besaß nicht den Ehrgeiz, dem Geiste meiner Zeit voraus zu sein. Seit der Zeit hat sich viel verändert, und erst kürzlich hat die Revolution, die Erinnerung an die Antike zugleich mit dem Christentum vernichtend, an ihrer Statt eine neue Göttin erhoben: Die Vernunft. Den Kult dieser neuen Gottheit habe ich niemals mitgemacht, am wenigsten dann, wenn ich mich in der Gesellschaft schöner Frauen befand. Und in dem Augenblick, von welchem ich spreche, war ich erst recht nicht dazu aufgelegt. Ohne Hemmungen gab ich mich dem Gefühle hin, das mich zu Zdenka zog, und froh bereit erwiderte ich ihre Zärtlichkeiten ... In süßem Vergessen rann unbewußt die Zeit, während derer ich mich damit ergötzte, ihr spielend bald die eine, bald die andere jener kleinen Kostbarkeiten anzulegen, die ich auf ihrem Tisch gefunden hatte. Unter anderem wollte ich ihr auch das Emaille-Kreuzlein umhängen, dessen ich bereits erwähnte. Kaum aber hatte ich die Hand dazu erhoben, da sprang Zdenka schaudernd vor mir zurück.

»Genug, der Narrheiten, Liebster,« sagte sie, »wirf dieses Spielzeug fort und laß uns von dir und deinen Absichten reden.« Diese plötzliche Verwirrung Zdenkas machte mich stutzen. Ich bemerkte jetzt erst, daß sie um den Hals nicht mehr wie früher jene kleinen Heiligenbilder und Amuletts trug, die sonst die Serben von Kindheit an bis zum Tode zu tragen pflegen. –

»Zdenka,« fragte ich, »wo sind die Heiligenbilder hin, die du um den Hals trugst?«

»Verloren,« erwiderte sie gleichgültig und wechselte sofort das Gespräch.

In mir wurde plötzlich das unbestimmte Vorgefühl eines drohenden Unheils wach. Ich erhob mich und wollte hinaus. Zdenka hielt mich fest.

»Wie,« sagte sie, »du hast mich um eine Stunde gebeten und willst schon fort, nachdem du kaum ein paar Minuten mit mir zusammen warst?«

»Zdenka,« erwiderte ich, »du hattest recht, als du mir rietest, nicht zu verweilen, ich höre Schritte und fürchte, daß man uns hier beisammen überrascht.«

»Sei unbesorgt,« sprach sie, »alles umher schläft. Nur die Grille im Gras und der Nachtfalter in der Luft sind wach um das zu erlauschen was ich dir sagen muß.«

»Nein, nein, Zdenka, ich muß fort!« – »Bleib, bleib! – ich liebe dich mehr als meine Seele, mehr als ihr ewiges Heil – du hast gesagt, dein Leben und dein Blut sind mein! –«

»Aber dein Bruder, Zdenka – ich fühle es, er wird kommen.« »Sei ruhig, mein Bruder schläft. Der Wind, der in den Bäumen rauscht, singt ihm ein Schlummerlied. Tief ist sein Schlaf, lang ist unsere Nacht. Nur um eine Stunde bitte ich dich.« Indem sie dieses sprach, war sie so wunderbar schön, daß jene unbestimmte Angst, die mich erfaßt hatte, dem Verlangen wich, bei ihr zu bleiben. Ein seltsames Gemisch von Furcht und unbeschreiblicher Hinneigung erfüllte mich. Immer zärtlicher wurde Zdenka. Ein Rest von Widerstand in mir war noch wach und mahnte mich, auf der Hut zu sein. Zdenka, meine Zurückhaltung bemerkend, erbot sich, mir Wein zu bringen, den sie, wie sie sagte, vom Einsiedler gekauft habe. Ich ging darauf ein, Zdenka lächelte. Der Wein tat seine Wirkung. Beim zweiten Glase war der ungünstige Eindruck, den Zdenkas Verhalten dem Kreuzlein und den Heiligenbildern gegenüber auf mich gemacht hatte, wie weggewischt. Zdenka, in ihrer leichten Bekleidung, mit dem halbgelösten hellblonden Haar, das im Mondlicht schimmerte, erschien mir unwiderstehlich. Ich hielt mich länger nicht zurück und schloß sie fest in meine Arme –

Hier, mesdames, geschah einer jener geheimnisvollen Fingerzeige, die ich mir nicht zu erklären weiß, an die zu glauben mich aber die Erfahrungen meines Lebens gelehrt haben.

Ich preßte Zdenka so heftig an mich, daß in Folge dieser Bewegung das eins Ende des Kreuzes, das die Herzogin de Gramont mir vor meiner Abreise aus Paris umgehängt hatte, – sie sahen es, – sich mir in die Brust bohrte. Der Schmerz, den ich empfand war wie ein Lichtstrahl, der mich plötzlich erhellte. Ich schaute Zdenka an, und ich gewahrte, daß aus ihren Augen, den immer noch schönen, der Tod mich anblickte. Daß ihre Augen nichts sahen und daß ihr Lächeln das Lächeln auf dem Antlitz einer Leiche war. Gleichzeitig verspürte ich im Zimmer den unverkennbaren Geruch eines geöffneten Grabes. Die furchtbare Wahrheit enthüllte sich mir mit allen ihren Schrecknissen und zu spät erinnerte ich mich der Warnungen des alten Einsiedlers. Ich begriff, in welch verzweifelter Lage ich mich befand, und fühlte, daß alles jetzt von meiner Kühnheit und Geistesgegenwart abhing. Ich wandte das Gesicht ab, damit Zdenka den Ausdruck des Entsetzens darauf nicht bemerken sollte. Bei dieser Wendung des Kopfes sah ich unwillkürlich zum Fenster hinaus, und da – stand Gorscha, auf einen blutigen Pfahl gestützt, und blickte mit dem Blick der Hyäne herein. – Im anderen Fenster stand Georg, dem Vater in diesem Augenblicke furchtbar ähnlich. Beide, so schien es, beobachteten scharf jede meiner Bewegungen, und es war mir klar, dass sie sich auf mich stürzen würden, beim geringsten Versuch zu entfliehen. Ich gab mir den Anschein, als hätte ich sie nicht bemerkt, und ich brachte die Willenskraft auf, Zdenka weiter zu liebkosen, so als sei nichts geschehen. Zugleich aber dachte ich nur daran, wie ich mich retten könnte. Ich sah, daß Gorscha und Georg mit Zdenka Blicke wechselten und ungeduldig wurden. Und da auch hörte ich auf dem Hof die Stimme eines Weibes und das Weinen von Kindern, – doch klangen die Stimmen so unmenschlich, daß man sie fast für das Geschrei wilder Katzen hätte halten können.

»Es ist Zeit, von hier fortzukommen,« sagte ich mir, »und je schneller, desto besser!« Nun sprach ich, an Zdenka gewandt, so laut, daß ihre Angehörigen draußen es hören mußten: »Ich bin müde, Liebste,« sagte ich, »und möchte ruhen. Willst du mich ein paar Stunden schlafen lassen? Doch ich muß zuerst meinem Pferde Futter geben. Ich bitte dich, gehe nicht fort, bleibe, erwarte mich hier.«

Ich drückte meinen Mund auf ihre erkalteten bleichen Lippen und ging hinaus. Mein Pferd fand ich schaumbedeckt, am Riemen zerrend, mit dem es angebunden war. Das Wiehern, mit dem es mich begrüßte, trieb mir den Angstschweiß auf die Stirn, denn ich fürchtete, es könnte meine Absicht verraten haben. Doch die Wurdalaken, die mein Gespräch mit Zdenka gehört hatten, rührten sich nicht von der Stelle. Da, mich vergewissernd, daß die Pforte offen stand, sprang ich in den Sattel und schlug dem Rosse die Sporen in die Flanken. Durch die Pforte hinaussprengend, sah ich noch, daß die Menge, die sich um's Haus versammelt hatte, eine sehr zahlreiche war. Es war mir, so schien es, gelungen, sie zu überraschen. Einige Minuten lang vernahm ich in der Stille der Nacht nichts als den gleichmäßigen Hufschlag des mit mir dahinjagenden Pferdes ...

Ich glaubte mich bereits aller Gefahr enthoben, da hörte ich hinter mir einen Lärm, ein Rauschen, ein Grausen, so wie der Föhn über die Berge braust. Tausend Stimmen stöhnten, heulten, ächzten, brüllten auf, schrien. Plötzlich war alles still. Aber dann kam es hinter mir drein, ich hörte stampfende, schnelle, gleichmäßige Schritte, wie von laufenden Menschen.

Holzschnitt: Karl Mahr

Ich spornte mein Pferd bis auf's Blut. Durch meine Adern jagte das Feuer des Fiebers. Alle meine Anstrengungen waren darauf gerichtet, bei Besinnung zu bleiben, die Geistesgegenwart nicht zu verlieren. Da rief es mich an, und ich erkannte die Stimme:

»Warte, Liebster, warte! Ich liebe dich mehr als meine Seele, mehr als ihr ewiges Heil! Halt, halt! Dein Blut ist mein!« Ein kalter Atem streifte meine Wangen. Zdenka sprang auf den Hals meines Pferdes.

»Mein Herzlieb, meine Seele,« sprach sie zu mir. »Dich nur sehe ich, dich nur höre ich, dich nur will ich haben.«

Ich gehöre nicht mehr mir selbst. Ich gehorche einer höheren Macht. Verzeih mir, Geliebter, verzeih mir.«

Und ihre Arme um mich schlingend, versuchte sie, mich rückwärts zu beugen, um mich in die Kehle zu beißen.

Ein furchtbarer Kampf begann. Ich wehrte mich, und schließlich, alle Kräfte anspannend, packte ich sie mit der einen Hand am Gürtel, mit der anderen im Haar, richtete mich hoch in den Bügeln auf und schleuderte sie hinab.– Gleich darauf verließen mich die Kräfte. Ich sank wie in einen Taumel. Tausend fratzenhafte Gestalten, Bilder des Wahnsinns, verfolgten mich drohend. Zuerst Georg und sein Bruder Peter liefen am Rande des Weges nebenher und versuchten, mir zuvorzukommen, mir den Weg abzuschneiden. Es gelang ihnen nicht. Darüber freute ich mich. Da erblickte ich hinter mir den alten Gorscha, der, auf seinen Pfahl sich stützend, sprang, so wie die Bewohner der Berge vermittels langer Stäbe über Schluchten und Abgründe springen. Er sprang und sprang, aber er holte mich nicht ein. Doch seine Schwiegertochter, Georgs Weib, die beiden Kinder hinter sich herschleifend, folgte ihm, riß das erste Kind hoch und warf es Gorscha zu, der es mit der Spitze seines Pfahles auffing. Kind und Pfahl wie eine Schleuder schwingend, warf er das Kind nach mir. Ich wich dem Wurfe aus, aber das Kind krallte sich an den Hals des Pferdes und biß sich darin fest. Es gelang mir, es loszureißen und fortzuschleudern. Gorscha warf nach mir mit dem anderen Kinde, aber der Wurf ging fehl. Es fiel unter die Hufe des Pferdes und wurde zertreten ... Was weiter geschah, weißt ich nicht. Als ich erwachte, war es heller Tag. Ich lag am Rande des Weges und neben mir verendend mein Pferd. –

So endete, mesdames, dieses mein Liebesabenteuer, das, wie man meinen sollte, mir alle Lust, neue zu suchen, für immer hätte rauben müssen. Ihre verehrten Großmütter, sofern sie noch am Leben sind, werden Auskunft darüber geben können, ob und wieweit ich im Laufe der Jahre ein bißchen vernünftiger geworden bin.

Doch wie dem auch sei, – jedenfalls schaudere ich noch jetzt bei dem Gedanken, daß, wäre ich in die Macht meiner Feinde gefallen, ich meinerseits hätte ein Vampir werden müssen. Aber die Vorsehung hat es nicht so weit kommen lassen, und ich, mesdames, weit entfernt davon, nach ihrem Blute zu lechzen, bin jederzeit bereit, das meine – bis zum letzten Tropfen – für sie zu vergießen. –«

 

 

140. Zweifäusterdruck, hergestellt in der Offizin von G. Reichardt, Groitzsch, Bezirk Leipzig. Die Übersetzung aus dem Russischen besorgte Herbert von Hoebner, Überlingen. Einbandentwurf und Holzschnitte sind von Karl Mahr, Frankfurt-Main. Die Buchbinderarbeiten besorgte Adolf Stieler, Leipzig. 30 Abzüge auf van Gelder-Japan wurden vom Künstler signiert. Alle Rechte vorbehalten. Copyright by Erich Matthes, Verlag, Leipzig. 1924.

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