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Die Familie Ammer ? Zweite Abtheilung. Moderne Götzendiener.

Ernst Willkomm: Die Familie Ammer ? Zweite Abtheilung. Moderne Götzendiener. - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorErnst Willkomm
year1855
firstpub1855
publisherVerlag von Meidinger Sohn & Cie.
addressFrankfurt a. M.
titleDie Familie Ammer ? Zweite Abtheilung. Moderne Götzendiener.
created20100107
sendergerd.bouillon@t-online.de
noteUnter Verwendung der PDF-Version von hproding@sun.ac.za
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Neuntes Kapitel. Eine ernste Unterredung

Hier setzte sich Ammer auf das hart gepolsterte Kanapee und zog Wimmer neben sich nieder. Er entblößte sein schneeweiß Haupthaar und kämmte es wiederholt zurück in den Nacken, während sein scharfes Auge den versteckten Freund fixirte. Endlich sprach er:

Wie lange ist's wohl her, seit wir hier ein Abkommen eigenthümlicher Art miteinander trafen? Ich weiß noch genau, daß ich mich sträubte und dir hartnäckig widersprach; aber ich ließ mich von deiner glatten Zunge, von deiner sanft schmeichelnden Stimme bethören. Seitdem habe ich aufgehört ein glücklicher Mann zu sein.

Lieber Bruder, sprich doch nicht so lieblos und sündhaft, fiel Wimmer ein. Hat Gott dich nicht gesegnet mit reichen Gütern? Hat er dir nicht im Ueberflusse gegeben, was uns die Tage der Welt erheitert, was uns Freunde erwecken, uns in Trübsalen wenigstens die Qual erleichtern helfen kann? Und hast du ein Recht zu klagen, weil deine Kinder gesund sind und sich ihrer Selbstständigkeit freuen?

Wieder ruhte das Auge des alten Webers flammend auf dem Herrnhuter, der vor diesem Blick den seinigen senkte. Wimmer, sagte Ammer, es ballen sich Zweifel um meine Seele, wie finsteres Gewölk um die untergehende Sonne nach einem brütend heißen Sommertage. Dann rütteln und schütteln die beiden Geschwister Angst und Kummer an meinem müden Herzen, daß ich es ordentlich fühle und fast unter den zuckenden Schmerzen zu wanken beginne. Du sagst, deine Handlungsweise habe mir Segen gebracht, denn meine Kinder seien sehr, sehr reiche Leute. Freilich, freilich, sie und ich, wir haben zusammen manchen Scheffel Geld, aber, aber die Eintracht der Seelen, die Liebe, die unseres Lebens Stab sein soll, die uns trösten und beseligen muß, wenn Trübsal über uns kommt: diese Eintracht und Liebe hat der zur Vorderthüre meines Hauses hereinrollende Goldstrom zur Hinterthür hinausgedrängt. Und das ist ein schweres Unglück!

Lieber Bruder in Christo –

Still, Wimmer, mische den Herrn nicht in unsere weltlichen Angelegenheiten! Christus hat damit nichts zu schaffen, und wie ich gegen dich gesinnt bin und wie du mir gegenüber stehst, mögen wir meinethalb ein Brüderpaar sein, über dem irgend eine unheimliche Macht seine schwere Hand hält, der Herr, den wir unsern Erlöser nennen, hat nichts damit zu schaffen.

Du bist aufgeregt und darum ungerecht, lieber Bruder.

Ammer stand auf und hielt ihm das zusammengedrückte Schreiben Fürchtegott's vor.

Sprich, sagte er bitter, ist das ein Brief, wie ihn der Sohn an seinen Vater schreiben darf, wenn er ihn liebt, wenn er ihm Freude machen, die alten Tage ihm mit dem goldigen Dämmer froher Hoffnung verklären will? Wo steckt das Herz in diesem Schreiben? Wo regt sich eine Fiber? Und der Mensch lebt ein paar tausend Meilen entfernt von der Heimath! Zwischen ihm und seinen Eltern rollt die unendliche Wasserwüste des Oceans ein Windstoß kann das Schiff, das ihn zurückführen soll in die Heimath, spurlos versenken in grundlose Tiefen; und dennoch, dennoch glimmt kein Flämmchen Kinderliebe auf diesen spitzen kalten Worten! Aber freilich, davon weißt du nichts, kannst du nichts wissen, denn du bist ja nicht Vater!

Jetzt, wo Ammer sich gerade abwendete, lächelte Wimmer nur unmerklich, aber sehr seltsam. Es war, als träte nur eine Secunde lang der Herzschlag auf sein Gesicht. Er seufzte, indem er antwortete:

O hätte ich doch Kinder! Aber ich kann sie ja nicht haben, du weißt es.

Ammer schrak zusammen und wandte sich wieder dem Herrnhuter zu. Sein Antlitz war bleich, die Angst, die sein Herz zerwühlte, malte sich in den zermarterten Zügen.

Was soll ich thun, wenn er wiederkommt? sprach er rathlos vor sich hin.

Du breitest deine Arme aus, lieber Bruder, sagte Wimmer, führest den Heimkehrenden in dein Haus, schlachtest ein Kalb und feierst mit deiner Familie und deinen Freunden ein fröhliches Fest.

Könnt' ich ihn dadurch wieder festbinden an mein Herz, so würd' ich's thun, versetzte Ammer, aber Fürchtegott hat sich losgesagt von mir, von uns Allen. Sein Gott ist der Mammon. Ihm allein dient er, ihn zu mehren würde er ich fürchte es beinahe ein Verbrechen begehen können. Und wer hat ihn diese Wege wandeln gelehrt? Hier trat der Weber rasch an den Herrnhuter heran. Du, der du dich rühmst, mein ältester und treuester Freund zu sein!

Wimmer zog sich gelassen beide Stiefel herauf, sah dann den ergrimmten und erschütterten Weber ruhig an und sprach:

Es ist Sitte der Kinder dieser Welt, daß sie diejenigen schmähen, denen sie danken sollten. Mich wundern deßhalb nicht deine harten Worte, lieber Bruder, allein wohl wünsche ich, und flehe deßhalb zu unserm Herrn und Heilande, daß es mir gelingen möge, dich andern Sinnes zu machen. Denn so du mir mißtrauest und mich fliehest oder vielleicht gar verfolgest, würdest du dir nur selbst größeren Kummer bereiten. Zwar bin ich im Vergleich mit dir arm zu nennen, weil ich weder Weib noch Kind habe, dafür aber hat Gott mich begnadigt, das Vertrauen deiner Söhne, deren Talente ich achte, zu erwerben. Verführest du nun hart und unväterlich gerade mit dem, der ich weiß nicht, warum am meisten an mir hängt, so würdest du ihn nur ganz von dir entfernen und ihn mir in die Arme führen. Ist nun dies nicht deine Absicht, so sei ihm lieber ein milder Vater und lege nicht jedes Wort, gleich beschädigten Ducaten, auf die Goldwaage.

Diese Worte, sanft, mit einem Anflug von Rührung und in fast klagendem Tone gesprochen, machten einen tiefen Eindruck auf Ammer. Er sah sich plötzlich auf einem Terrain angegriffen, wo ein fortgesetzter Kampf für ihn die traurigsten Folgen haben konnte.

Wimmer, sagte er matt, seine Hand dem Herrnhuter entgegenstreckend, Wimmer, raube mir nicht noch mehr von meiner Kinder Liebe, als du schon jetzt mir genommen! Es würde nicht gut enden! Ich will es gern und zu deiner Ehre glauben, daß nicht versteckte Absichten deinen Handlungen zu Grunde lagen, obwohl dieser trübe Gedanke mich häufig beschlichen hat und beschleichen mußte; den Schmerz eines Vaters, dessen Kinder sich nach und nach von ihm abwenden in Trotz und Eigendünkel, wirst du, obwohl ein kinderloser Mann, wenigstens nachfühlen. Was nützt mir die Welt, die du dem Fürchtegott durch deine kaufmännischen Vorspiegelungen in seine Phantasie gestellt hast? Kann mir diese Welt unklarer Einbildungen und Hirngespinnste die Liebe ersetzen, die der Junge mir entzieht? Meinst du, daß der Händedruck eines Kindes, von Zärtlichkeit dictirt, durch Gold sich aufwiegen läßt, das nicht zart und warm, wie ein verwandter Pulsschlag, sondern kalt und hart, wie die Herzlosigkeit selbst, das Innere unserer Hand berührt. Ich wüßte nicht, was ich thäte, wenn du mir den Fürchtegott so unschuldig, rein und mir zugethan wiederbrächtest, als er vor dem Tage war, wo ich dir hier mit Wort und Handschlag ein unglückseliges Versprechen gab.

Nicht Eigennutz, lieber Bruder, nur Liebe sprach damals aus mir, wie noch heute, betheuerte Wimmer. Aber die Herzen der Menschen sind Bächen zu vergleichen, die der Sonnenschein des Glückes vertrocknet und der Regen und Thau schwerer Prüfungstage wieder mit dem Weihwasser der Liebe und Zärtlichkeit füllt. Nun, wer weiß, ob der Fürchtegott nicht auch von dem Faustschlag eines harten Schicksals dereinst in Gedanken zurückgeführt wird in seine Kindheit?

Ammer seufzte. Er legte seine Hand auf die Schulter des Herrnhuters, sah ihn mit seinen tiefen, blauen Augen lange und fest an und sprach dann:

Nein, schlecht bist du nicht, sonst hättest du diesen Blick in das Innerste deiner Seele nicht auffangen können im Spiegel deines Auges, ohne zu blinzen, aber du rechnest zu viel, du hast große Freude an Zahlen, und darüber vergißt du Liebe und Freundschaft. Und den Fürchtegott hast du angesteckt damit. Die Geldgier hat sich seit der Zeit des unerfahrenen, jungen Menschen bemeistert, dermaßen, daß sie wie eine verheerende Seuche eine gute Eigenschaft nach der andern aufzehrt und ihn ganz und gar beherrscht. Seinen Schöpfer würd' er verleugnen und verrathen für Geld. Er ist abgefallen vom Gott der Liebe, dem wir Alle dienen sollen in Demuth und Ergebenheit, und den du ja immer auf den Lippen trägst! Ein Götzendiener kniet er vor dem Mammon mit ausgebreiteten Armen und sieht, daß des vergänglichen Gutes nur immer mehr ihm zuströme. Und das vergällt mir das Leben, Wimmer; das macht mich unglücklich mitten im reichen Besitz zeitlichen Glückes; das wird mich noch, so keine Aenderung eintritt, mit Fürchtegott's dereinstiger Rückkehr aus der neuen Welt, grambeladen in die Grube bringen, und mein letzter Seufzer wird eine Anklage vor Gott sein, die deinen Namen flüstert!

Ammer's Stimme zitterte, und ein paar Thränen rieselten in den Furchen seiner Wangen herab. Wimmer aber erfaßte die Hand des so tief Erschütterten und sagte:

Lieber Freund und Bruder! Wolltest du nur Vertrauen fassen und glauben! Der Mensch, der da irrt und mannigfach fehlt gegen das Gesetz, ist deßhalb nicht als verloren zu betrachten. Steht es doch geschrieben in der Schrift: »Wen der Herr lieb hat, den züchtiget er«, und anderwärts wieder: »Es wird mehr Freude sein im Himmel über einen Sünder, der Buße thut, denn über viele Gerechte!« Durch unsere Fehltritte lernen wir die Wahrheit kennen. So wird auch dein Sohn, nachdem er frevelte und sündigte, durch die Läuterung geistiger Trübsal zur Erkenntniß kommen und als dein gehorsamer Sohn die letzten Tage deines Lebens dir verherrlichen.

Diese Worte des Herrnhuters schienen nicht ohne Eindruck auf den Weber zu bleiben. Ammer zeigte sich hoffnungsreicher, über sein trübes, verdüstertes Antlitz lief der Widerschein eines hoffenden Lichtstrahles.

O möchtest du wahr sprechen, Wimmer! sagte er mit tiefer Bewegung. Ich würde ihm Alles vergeben und vergessen, und den Tag seiner Rückkehr als einen Festtag feiern, so lange ich lebte.

Du wirst es können, lieber Bruder! Der Herr verläßt ja die Seinen nicht; du wirst aber deinen Sohn dir um Vieles leichter wiedergewinnen, wenn du an die Stelle der Härte Liebe und Milde, an die Stelle des Trotzes Nachgiebigkeit und Willfährigkeit setzest. Was ist auch daran gelegen, ob du nun widerhaarig bleibst oder den Zeitläufen dich fügend gewährst, woran jetzt noch mit ganzer Jugendwärme das Herz deines Sohnes hängte?

Wenn es nur eine Prüfung wäre, ein Wink, der ihm für später Halt gebieten soll, so würde ich mich nicht sträuben.

Nichts anderes soll und wird es sein, sprach Wimmer zuversichtlich. Laß ihm jetzt seinen Willen, damit er vollkommen frei sich bewegen kann und befriedigt wird. Um so leichter wird es alsdann, ihn mit freundlichen Worten zu zügeln. Du mußt auch bedenken, daß dies Gehen- und Geschehenlassen deinerseits der einzige Weg ist, in gutem Einvernehmen mit den Söhnen zu bleiben. Sie sind nun einmal selbstständig und da hilft in alle Ewigkeit bloßer eisenharter Widerstand nicht. Je härter der Widerstand, desto heftiger der Gegendruck, und das führt nie zu erwünschtem Ziele.

Ja, ja, es ist so, versetzte Ammer seufzend. Ich sehe ein, daß du jetzt Recht hast, aber es will mir nicht in den Sinn, daß du früher, als du mich zu bestimmen wußtest, gleicherweise im Rechte gewesen sei'st. Weil ich mich damals aus Freundschaft schwach zeigte und nachgiebig, muß ich jetzt aus Liebe zu den Meinigen geschehen lassen, was meiner festen Ueberzeugung nach nicht förderlich ist zu ihrem Seelenheil.

Der Mensch denkt und Gott lenkt! sagte Wimmer mit ergebungsvollem Aufblick zum Himmel. Fügen wir uns also seinem unerforschlichen Willen und hadern wir nicht, wenn er uns in unserer Kurzsichtigkeit auch Wege führt, die uns nicht gefallen wollen.

Ammer's Schweigen sagte dem Herrnhuter, daß er seine ferneren Pläne nicht mehr kreuzen werde. Die Sonne war hinter den Waldhöhen untergegangen und beleuchtete nur noch die hohen Gebirge im Osten mit verglühendem Flammengold. Der alte Weber trat an's Fenster und sah hinaus in die bei solcher Abendbeleuchtung doppelt bezaubernde Landschaft. Aus der Ferne hörte man Glockengeläut. Ammer entblößte sein Haupt, faltete die Hände, indem er sich mit den Ellenbogen auf's Fensterbrett stützte, und betete. Wimmer störte ihn nicht. Zum Schein faltete er ebenfalls die Hände und bewegte die Lippen.

So möge uns denn Gott helfen, Amen! schloß Ammer sein Feierabendgebet. Laß uns jetzt sehen, was es drüben gibt. Ich höre, daß man laut wird.

So endigte eine Unterredung, welche der schlaue Herrnhuter nicht mit ganz leichtem Herzen begonnen hatte. Jetzt war er beruhigt, und heitern Antlitzes trat er hinter dem Weber in's Familienzimmer.

Hier hatten sich inzwischen die Zurückgebliebenen ebenfalls mit Fürchtegott und dem Inhalte des eingelaufenen Briefes beschäftigt. Bei Beurtheilung desselben bildeten sich zwei Parteien, indem Albrecht und Flora entschieden ihren Unwillen über den Ton aussprachen, den Fürchtegott sich dem Vater gegenüber erlaubt hatte; die Mutter und mit ihr Christlieb fanden diesen entschuldbar, obwohl sie zugaben, daß Fürchtegott seine Wünsche und Vorschläge in andere Worte hätte kleiden können. Flora nannte den Brief lieblos, unkindlich, hart, ja sogar höhnisch, und vergoß über diese Unkindlichkeit des fernen Bruders Thränen; Christlieb dagegen meinte, der Brief sei in kaufmännischem Style abgefaßt und da könne von überfließender Liebe nicht die Rede sein. Auch dürfe man nicht vergessen, daß die ferne Welt, die vielen neuen, gewaltigen Eindrücke, endlich das Glück den Bruder, der ohnehin niemals Sinn für sentimentale Regungen gezeigt, völlig bezaubert habe, und im Rausch dieser Bezauberung seien ihm die Worte stolz und gebieterisch, wie seine augenblickliche Stimmung gewesen, in die Feder gelaufen. Da beide Ansichten sich vertheidigen ließen und die verschieden Urtheilenden fest auf der ihrigen beharrten, so kam es zu keiner Einigung. Flora ward zuletzt sogar beinahe heftig und machte Miene, ihrem Bruder und selbst der Mutter zu grollen. Zum Glück wurden die Streitenden durch lautes Geräusch von Außen in ihrem unerquicklichen Gespräche gestört. Eine ansehnliche Menge Menschen kam laut sprechend und lebhaft gesticulirend die Straße herab und schlug den Weg nach dem Schulzen oder Richter ein. Mitten in dem Gewühl trug man den Leichnam des erschlagenen Grenzjägers. Etwas später folgte der Wagen der Gerichtspersonen, welche zur Besichtigung sowohl des Ermordeten, wie des Ortes, wo man diesen fand, herbeigekommen waren, und hinter diesen, umgeben von einer kleinen Zahl Bekannter, kam Leisetritt mit seinem klirrenden Karren, der von zwei starken zottigen Hunden gezogen ward.

Flora vergaß den Gegenstand des Zankes, als sie den Glassammler erblickte, klopfte an's Fenster, schob es auf und rief ihm zu:

Halt' doch einen Schlag, Leisetritt! Du wirst wohl Appetit haben auf einen kleinen Wachholder; komm', versuch' unsern jüngsten, und sag' uns, was das für eine Geschichte ist mit dem todten Grenzjäger.

Leisetritt zog seinen formlosen Dreikantigen, lachte mit seinem Paviansgesicht, befahl den Hunden sich niederzulegen, und trat in's Haus. Als er eben die Zimmerschwelle überschritt, vernahm Ammer das Geräusch des lärmenden Haufens, und fand jetzt den Glassammler bereits von Frau Anna und seinen Kindern umringt in der Stube.

Ei, ei, ei, sprach der Weber, was sind das für Geschichten, die da eben in meinem Rohr vorgehen! Und du hast, wie mir gesagt wurde, die Spur aufgefunden und den Herren vom Gericht die Wege gewiesen?

Leisetritt lachte leise in sich hinein. Ja, Herr Ammer, versetzte er, diesmal habe ich dem Gerichte wirklich die Wege gewiesen, 's ist eine närrische Geschichte und ich glaube, es wird eine excellent prächtige Untersuchung geben, und in Jahr und Tag ein paar Hinrichtungen, und eine sehr schöne neue Mordgeschichte für den Leierkastenmann, gedruckt in diesem Jahr und mit der anziehenden Redensart:

»Reine Wahrheit! kein Gedichte!«

Hat man die ruchlosen Mörder entdeckt? fragte Wimmer.

Mit Verlaub, soweit ist das hochpreisliche Gericht noch nicht gekommen, fuhr Leisetritt fort, mit schnalzender Zunge den dargereichten Wachholder ausschlürfend. Aber die Herren haben Spuren gefunden, grausam schöne Blutspuren und andere dazu; auch einen übersponnenen Knopf und ein paar Büschel Haare. Und das haben sie Alles aufgehoben und fein säuberlich eingepackt. Auch haben sie die Fußtritte ausgemessen und ordentlich künstlich einen Abdruck davon gemacht in einen Klumpen Thon, daß es ganz aparte schön aussah, wie alle Nagelkuppen von der Sohle drin sitzen blieben, so natürlich, daß es eine wahre Freude war, und endlich habe auch noch zu allerletzt die Papierschnitzel aufgesammelt, so viel davon zu finden waren; aber alle haben s' doch nicht gekriegt.

Leisetritt lachte überaus pfiffig und schlug dabei auf die Tasche seines halblangen Rockes.

Hast doch nicht lange Finger gemacht? sagte Ammer.

Behüte, behüte! erwiderte der Glassammler. Der Wind jagte ein paar von den Fetzen vor mir her über's Heidelbeerkraut, und weil ich 'was Schwarzes darauf sah und doch für's Leben gern wissen wollte, was es wohl sein möchte, schoß ich dem Papier nach und habe etliche davon erwischt. Sie sehen putzig aus, die Dinger.

Mit diesen Worten nahm Leisetritt ein paar der erwähnten Papierstücke aus seiner Jacke und reichte sie dem Weber. Dieser gab sie, weil es bereits stark dunkelte, an seinen Sohn.

Sieh du zu, was drauf steht, sagte er, ich kann's doch nicht mehr erkennen.

Christlieb empfing die Stücke, entfaltete sie und konnte bemerken, daß einzelne große Zahlen darauf gemalt waren. Diese Zahlen waren zerrissen, nach einigem Probiren gelang es jedoch Christlieb und Albrecht, die sich zusammen an den Tisch setzten, einige der Stücke so zusammen zu fügen, daß ein Ganzes daraus entstand und die Zahl 77 dabei zum Vorschein kam.

Was soll das nun bedeuten? sagte Ammer, nachdenklich, seine Blicke darauf heftend.

Na, Herr Ammer, 's Gericht hat's vielleicht schon ein Bissel 'raus, fiel Leisetritt ein, dem es gelungen war eine zweite Zahl zusammen zu bringen. Mehr als zwei Zahlen, schien es, hatte keins der zerrissenen Papiere enthalten. Vor ein paar Monaten stand's im Wochenblatt und auch in der Zeitung obendrein, hab' ich mir sagen lassen, daß diesseits der Grenze 's Lottospiel im Königreiche verboten sei bei schwerer Strafe. Weil's aber noch Viele gibt auch bei uns, die's böhmische Glück lieber haben, als die böhmische Religion, so kehren sie sich nicht an's Verbot, sondern setzen immer noch in's Lotto. Nun passen's ihnen aber drüben im Königreich scharf auf, also daß es nicht gar leichtlich angeht, und da haben die Leute eine pfiffige Erfindung gemacht, um sicher zu gehen und melden's sich gegenseitig durch Zeichen, ob's gut ist zu spielen oder nicht.

Diese Bemerkungen des Glassammlers blieben für Alle unverständlich. Man ersah daraus nur, daß auf irgend eine Weise Gesetzesübertretungen vorgekommen sein mußten, daß diese im Zusammenhange standen mit dem verbotenen Lotto und daß bisher noch unermittelte oder unklare Vorgänge den Mord des Grenzjägers mit diesem Lottoverbot in Verbindung brachten.

Ammer beunruhigte diese Entdeckung. Er gedachte der Nummern, die erst vor Kurzem sein kleiner Enkel hatte ziehen müssen, und ohne sich lang zu besinnen oder Jemand etwas davon zu sagen, ging er in sein Cabinet, zog den Tischkasten auf, nahm die daselbst verwahrten Zahlen heraus, zerriß sie, ohne sie eines Blickes zu würdigen, und streute sie aus dem Fenster. Schauer durchrieselte sein Gebein, wenn er sich zurückversetzte im Geiste und des Gewinnes gedachte, der ihm später den Besitz Weltenburgs verschafft und ihn mit so vielen Kümmernissen außerdem noch beschenkt hatte. Seitdem haßte er das Spiel und erschrak davor, wenn man es nur nannte. Um nun mit Einem Mal ein Ende zu machen, dünkte es ihm am Kürzesten, die Terne, welche sein Enkel besetzt hatte, zu vernichten. Damit glaubte er jegliches Unglück von sich und seiner Familie für immer abwenden zu können.

Als Ammer wieder zurück kam, schickte sich Leisetritt zum Fortgehen an. Der Weber wünschte ihm glückliche Heimkehr und gab ihm noch in seiner Weise ein paar gute Lehren mit auf den Weg. Christlieb geleitete den Alten bis vor die Hausthür. Als er sich hier mit ihm allein sah, sprach er, flüsternd:

Leisetritt, brauchst du die Papiere?

O ja, zum Fensterputzen.

Ueberlasse sie mir. Du sollst ein paar Gulden dafür haben.

Nun, Christlieb, das ist nach Feierabend wacker viel. Wenn's denn sein muß, meinetwegen.

Leisetritt langte die Papierstücke heraus, Christlieb empfing sie und legte dafür zwei ganz neue Guldenstücke in die Hand des Glassammlers.

Gott seg'n es, sprach dieser, seinen Filz rückend, und mög' es Christlieb Ammer dermaleinst viel Glück im heiligen Ehestande bringen!

Gute Nacht, Leisetritt. Stolpere nicht, und gelingt mein Anschlag, so werd' ich deiner gedenken.

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