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Die Familie Ammer ? Zweite Abtheilung. Moderne Götzendiener.

Ernst Willkomm: Die Familie Ammer ? Zweite Abtheilung. Moderne Götzendiener. - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorErnst Willkomm
year1855
firstpub1855
publisherVerlag von Meidinger Sohn & Cie.
addressFrankfurt a. M.
titleDie Familie Ammer ? Zweite Abtheilung. Moderne Götzendiener.
created20100107
sendergerd.bouillon@t-online.de
noteUnter Verwendung der PDF-Version von hproding@sun.ac.za
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Achtes Kapitel. Ein Brief aus der neuen Welt.

Flora bemerkte die Ankommenden zuerst, eilte an den Wagen, freute sich, den Bruder so unerwartet wieder zu sehen, und begrüßte Wimmer, der ihr sein freundlichstes Gesicht zeigte, mit einiger Verlegenheit.

Ist der Herr Vater für einen Freund zu sprechen? fragte der Herrnhuter, seine Augen niederschlagend und mit der Krempe seines Hutes sich Luft zufächelnd. Habe Wichtiges zu melden, schöne, junge Frau, und komme deßhalb mit dem lieben Bruder, weil es doppelt Vergnügen gewährt, Freuden gemeinschaftlich zu genießen.

Inzwischen war man auch in Ammer's Hause des haltenden Fuhrwerkes ansichtig geworden. Frau Anna öffnete die Hausthüre, nickte Wimmer zu und reichte ihrem Sohne mit Mutterzärtlichkeit die Hand. Der Weber jedoch, der in seinem Stübchen weilte, kam nicht zum Vorschein.

Wir stören doch nicht, Mutter? Vater ist doch wohl und heiter? fragte Christlieb.

Er spricht mit dem Färber, versetzte die Mutter. Es ist ihm unlieb, daß man vor Kurzem auf seinem Grund und Boden einen Menschen gefunden hat, der wahrscheinlich von bösen Leuten erschlagen worden ist. Der Färber hat sich den Todten besehen und erzählt nun dem Vater, was er weiß.

Auch wir hatten diesen unerfreulichen Anblick, versetzte Wimmer. Aber lassen wir die Todten ruhen, bitten wir zu Gott, daß er die Sünder bekehre und ihnen gnädig sei, und wenden wir uns den Lebenden zu, die uns nahe stehen! Ach, sieh da, mein Freund und Bruder! rief er, als auf der etwas dunkeln Hausflur der alte Weber erschien. Wie freut es mich, nach so langer Zeit dich so rüstig und wohlbehalten wieder zu finden! Deine Hand, lieber Bruder, und mögest du noch viele Tage sehen, so reich an Glück und Freude, wie ich glaube, daß es der heutige ist!

Ammer wehrte dem Herrnhuter nicht, doch gestattete er diese herzliche Begrüßung mehr als er sie erwiderte. Ernst und kühl ruhte sein Auge fragend und forschend zugleich auf den Zügen Wimmer's, glitt dann hinüber auf den Sohn, und während er dem Letzteren die Hand reichte, sagte er den Blick abermals Wimmern zukehrend:

Gott segne deinen Eingang, wenn es sich wirklich so verhält, wie du sagst!

Ein stummer Händedruck war die Antwort des Herrnhuters, der wie immer, wenn er im Innersten ergriffen oder gerührt war oder wenn er Andere glauben machen wollte, er sei es, nicht sprach, sondern die Augenlider halb zudrückte, um seine aufkeimende Rührung männlich nieder zu kämpfen.

Eine Viertelstunde später saßen alle Mitglieder der Familie Ammer, der alte Seltner nicht ausgeschlossen, um den großen viereckten Lindentisch, um die wichtige Mähr zu hören, welche Christlieb und Wimmer ihnen mitzutheilen gekommen waren.

Es ist gut, sprach der alte Ammer, den Brief seines Sohnes erbrechend, man soll niemalen undankbar sein und so Jemand uns eine Liebe anthut, selbige nicht mit harten Worten lohnen. So will ich auch deine Worte in Ehren halten, Freund Wimmer, und mich nicht einmal darüber auslassen, obwohl vielleicht Grund dazu vorhanden wäre. Du meinst, der Herr habe mich und mein Haus gesegnet, nun, so du es meinst, will ich es annehmen, weil ich denke, es kann nicht möglich sein, daß ein alter Jugendfreund mir und den Meinen nicht Gutes wünschen sollte. Nun bin ich aber begierig, wie der übermüthige Bursche denkt, der vor drei Vierteljahren auch zum Heile seines alten Vaters einen so seltsamen Abschied nahm. Ich bin nicht mehr der flinkenste Briefleser, denn meine Augen schlagen mir fehl seit einigen Monaten und mit den Brillen kann ich mich nicht befreunden. Drum mag Christlieb vortragen, was der was der Sohn seinem Vater zu sagen für gut befindet.

Mit diesen Worten reichte Ammer den von Fürchtegott erhaltenen Brief seinem ältesten Sohne. Christlieb entfaltete das Schreiben und las:

»Liebe Eltern und Geschwister!

»Seit ich Euch meine glückliche Ankunft auf dem Festlande Amerika's meldete, hat sich Vieles zugetragen, das ausführlich zu erzählen, mir überaus viel Zeit kosten würde. Ich will mich deßhalb nur auf das Wichtigste beschränken, um so mehr, als ich fürchte, daß Du, lieber Vater, wenn Du noch bist, wie ehedem, leicht die Geduld dabei verlieren und sagen könntest: den Matsch hätte er auch für sich behalten können.«

Da, fiel Ammer ein, ein erster Nasenstüber für mich, wofür ich pflichtschuldigst hiemit gedankt haben will. Dabei nahm er sein Käppchen ab, als wenn er Jemandes Gruß erwidere. Weiter im Texte, mein Sohn.

Flora wechselte ängstliche Blicke mit ihrer Mutter und Albrecht; Beide jedoch bedeuteten ihr durch Zeichen, sie möge schweigend das Ende der Vorlesung abwarten.

»In New-York, wo es mir sehr wohl gefallen hat, steht unser Haus auf festem Grunde. Es kommt bloß darauf an, daß wir unermüdlich vorwärts streben, nicht ruhen und rasten, jederzeit auf ein reiches Lager halten und den Yankee's die Schliche ablauern. Letzteres ist ganz besonders nöthig, um zu lucriren, denn diese Amerikaner verstehen es besser als in Europa die Juden, den Leuten einX für einU zu machen, weßhalb sie auch die meisten Europäer übervortheilen. Mir selbst, glaube ich, ist dies Malheur nicht passirt, weil ich die Fingerzeige unseres Hamburger Geschäftsführers von Anfang an beherzigte. Dieser Aufmerksamkeit habe ich es zu verdanken, daß an unserer diesmaligen Sendung durchschnittlich volle hundert Procent gemacht worden sind. So stehe ich denn, Gott sei Dank, jetzt »in meinen eigenen Schuhen«, wie der Amerikaner sagt, und brauche mich vor Niemand zu bücken, was nebenbei bemerkt hier in der neuen Welt auch nicht viel helfen würde. Aber es muß nun daheim bei Euch aus einem andern Tone gehen. Du, lieber Bruder, mußt durchaus darauf sehen, die Waaren etwas coulanter herzustellen. Wie Vater sie seither zu liefern pflegte, ist sie zwar tadellos, aber das Ansehen, wie man es größtentheils hier haben will, fehlt ihr.«

Ammer's Mütze saß schon lange im Nacken, jetzt flog sie vollends herab, der Weber griff nach dem Hornkamme und strich sich zweimal durch sein volles greises Haar.

Seht, seht, seht! sprach er, mit dem Daumen und Zeigefinger auf den Tisch trommelnd. Das muß ja dort drüben über'm großen Wasser eine Welt sein zum Entzücken! Will mir das verdrehte Volk vorschreiben, wie ich die Waaren zubereiten soll, mir, dem ältesten Weber in beiden Lausitzen! Ei, so schmeißt mir doch gleich alle Schlichtköpfe entzwei, daß kein Faden mehr hält; denn ich bin gut dafür, der fürwitzige Neu-Amerikaner wird mir gleich auch Vorschriften machen, wie ich gebleichtes Linnen packen soll!

Ammer hatte diese Worte mehr scherzhaft als bitter gesprochen, obwohl man es seiner stark gerunzelten Stirn ansah, daß der Aerger ein Ungewitter in ihm kochte. Christlieb nahm den Brief wieder auf und las weiter.

»Engländer, Irländer und Schotten sind in dieser Beziehung den Deutschen weit voraus. Sie richten sich genau nach den Liebhabereien, den Launen und Ansprüchen ihrer Abnehmer und bereiten ihre Waaren gerade so, wie diese sie haben wollen. Darum machen sie denn auch fast ohne Ausnahme vortreffliche Geschäfte und werden immer reich. Wir Deutsche und besonders auch wir Lausitzer sind zu wenig speculativ, die Vorliebe für das Alte, die uns angeboren ist, und das eigensinnige Verharren auf einem Punkte läßt uns hinter der Zeit zurückbleiben, und wenn wir das nicht alsbald abändern, verdrängen uns hier drüben die pfiffigeren Belfaster.«

Was für Kerle? fragte Ammer, der ruhig, aber mit ernster Miene den Worten des Briefes lauschte.

Belfast, mein lieber Bruder, ist eine Stadt in Irland, fiel Wimmer in sanftestem Tone ein, deren betriebsame Handelsleute sehr viel Linnenwaaren nach Amerika, wie in die ganze Welt verschicken. Es sollen, wie ich von vielen Erfahrenen gehört habe, ganz grausam kluge Kaufleute sein.

Nun, die Ammer'sche Waare wird es an Güte mit dieser Belfaster wohl aufnehmen können, sagte Ammer, mit stolzer Zuversicht.

Christlieb fuhr fort:

»Ich denke mir, lieber Bruder, daß die Spinnfabrik auf Weltenburg ein prächtiger Name, dessen ich mich bisweilen in vornehmen Kreisen bediene bereits im Gange sein wird. Ist dies der Fall, so nimm bei Leibe zum Einschlage kein Handgespinnst mehr, sondern bloß Maschinengarn. Es gibt dies ein viel besseres Ansehen und die Kaufleute in der neuen Welt greifen mit wahrer Gier darnach. Ich glaube auch, daß es im Ganzen billiger sein wird, als das auf dem Handspinnrad oder gar auf der Spindel gewonnene.«

O ja, warum denn nicht, bemerkte Ammer, indeß kann's auch kommen, daß die Waare weniger hält, und wovon soll dann der Arme leben, der sich nur durch Spinnen sein Brod verdienen kann? Aber das hat kein Herz, wenn nur der Beutel recht fett wird. Möchte nicht todt in der neuen Welt sein.

»Alles zusammen genommen,« las Christlieb weiter, da der Vater sich wieder zur Ruhe begeben hatte, »wir müssen mehr auf äußern Glanz sehen, wie bisher, ferner sehr viel liefern, um nicht überflügelt zu werden, und dürfen uns durch keinerlei Vorurtheile stören oder behindern lassen. Das, lieber Vater, wird auch Dir jetzt mehr und mehr einleuchtend werden, und da Du ja doch nur Deinen Kindern Gutes wünschen kannst, wir beiden Brüder auch, seitdem wir mündig geworden sind, das begonnene Unternehmen mit eigenen Mitteln und auf eigene Rechnung weiter verfolgen, so wirst Du, im Fall Deine Ansichten von den unsrigen abweichen, dieser Meinungsverschiedenheit wegen, unsere kaufmännischen Speculationen gewiß nicht beschränken wollen. Im Fall eines nicht zu bekämpfenden Widerwillens Deinerseits, lieber Vater, könnten wir ja ganz in der Stille und ohne daß es Jemand merkte, uns vollständig separiren. Herr Advocat Block würde dazu gewiß gern die Hand bieten und die Freunde, Herr Wimmer und Graf Alban, Dir liebevoll mit Rath und That zur Seite stehen. Glaube ja nicht, lieber Vater, daß ich eine Geschäftstrennung wünsche, ich berühre diesen Punkt nur, um keine Stockung eintreten zu lassen, denn wenn Du Dich weigertest, diese Winke zu beherzigen, so würden uns sehr große Verluste bevorstehen.«

Also doch, sprach der alte Weber halblaut vor sich hin, den Kopf auf seine Brust senkend und mit den Daumen der zusammengefalteten Hände wirbelnd. Freund Mirus hat Recht gehabt! Nun, es thut nichts. Man wird ja alt und stumpf; weßhalb sollte man sich nicht bei Zeiten von Geschäften frei machen, die nur drücken, niemals erfreuen können. Ich merk's, der Schnee auf meinem Scheitel blendet die Augen der frisch blühenden Jugend. Nun, will mir's überlegen. Steht sonst noch 'was in dem Briefe?

Er ist bald zu Ende, sagte Christlieb. Du willst doch das Uebrige noch hören?

Und wären's noch zwanzig Seiten, versetzte Ammer. Solche Weisheit wird nicht von allen Dächern gepredigt, weßhalb sie auch nicht allseitig verstanden werden kann. Ich jedoch, ich, der alte Weber am Rohr, ich verstehe sie und ich bin auch schon dabei, im praktischen Leben den besten Gebrauch davon zu machen. Also immer heraus mit dem Rest!

Christlieb kam dieser Aufforderung nach und las das Folgende mit größerer Eile und ohne jegliche Betonung.

»Von New-York segelten wir mit zum Theil neuer Ladung nach Surinam. Die Reise war kurz und glücklich. Auch hier, wo ich erst seit einigen Tagen bin, weßhalb ich mich noch nicht zurechtfinden kann in den hiesigen Gewohnheiten, scheint uns das Glück begünstigen zu wollen. Was Vater für die Missionäre an Waaren bestimmt hat, ist bereits deren Agenten übergeben worden. Ich kann nicht leugnen, daß diese Schenkung mir fast das Herz zerreißen wollte. Was hätte sich durch kluge Verwerthung gerade hier damit gewinnen lassen! Schade, lieber Bruder, daß wir kein Baumwollengeschäft haben. Damit müßte man goldene Berge verdienen können. Ueberlege doch mit Herrn Wimmer, ob in Weltenburg nicht Platz ist für eine zweite Fabrikanlage. Ich würde dann, ehe ich meine Rückreise nach Europa antrete, hier Anknüpfungen für ein Geschäft treffen, worüber das Nähere nur mündlich besprochen werden kann.

»Herzensgrüße an Mutter, Schwester Florel und ihren Krauskopf. Ich hoffe, wenn ich zurückkomme, springt dem gereisten, viel erfahrenen Onkel ein kleiner Krauskopf entgegen.

»Bleibt gesund und schreibt bald. Noch habe ich keine Zeile von Euch erhalten. Dir aber, lieber Vater, wünsche ich vor allen Dingen Zufriedenheit des Gemüthes, Ruhe im Herzen und bitte Dich, mir vergeben zu wollen, weil ich dem Drange meiner Seele mehr gehorchte, als Dir. Es war nicht Ungehorsam, der mich forttrieb, sondern die Stimme Gottes, die ich vom Weltmeer herüber mich rufen hörte. Gott aber sollen wir jederzeit mehr gehorchen, als den Menschen.

»Lebt tausendmal wohl, grüßt alle Freunde und Bekannten, auch Herrn Mirus und Candidat Still den verzwickten Leisetritt nicht zu vergessen und laßt gute Nachricht hören

Euern liebetreuen Sohn und Bruder

Fürchtegott Ammer,

»Paramaribo, Mitte Januar 18...«

Die Wirkung dieses Briefes auf die verschiedenen Zuhörer war eine sehr verschiedene. Während Frau Anna dem Himmel laut Dank sagte, daß es dem fernen Sohn unter den Wilden, wie sie sich ausdrückte, bisher wohl ergangen sei und ihr Schwiegersohn geneigt war, ihr darin beizustimmen, verdüsterten sich die lieblichen Züge Flora's immer mehr, bis am Schlusse der Ausdruck tiefster Herzenstrauer sie wie ein dunkler Schleier völlig überdeckte. Sie hatte die Hände gefaltet und sah, ganz in Gedanken versunken, vor sich hin.

Ammer verhielt sich ebenfalls eine Zeit lang still und nachdenklich, dann griff er mit einiger Hast nach dem Briefe, zerknitterte ihn, steckte das Papier in die Seitentasche seiner bequemen Hausjacke, die er für gewöhnlich bei der Arbeit trug, und stand auf, indem er Wimmer einen fast gebieterischen Wink gab, ihm zu folgen. Der Herrnhuter wagte nicht, diese befehlshaberische Einladung auszuschlagen, er hüstelte, warf Anna einen vielsagenden und doch schwer zu enträthselnden Blick zu, lächelte Flora, die fast erschreckt aufsah, freundlich an, und folgte dem voranschreitenden Weber in dessen Cabinet.

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