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Die Familie Ammer ? Zweite Abtheilung. Moderne Götzendiener.

Ernst Willkomm: Die Familie Ammer ? Zweite Abtheilung. Moderne Götzendiener. - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorErnst Willkomm
year1855
firstpub1855
publisherVerlag von Meidinger Sohn & Cie.
addressFrankfurt a. M.
titleDie Familie Ammer ? Zweite Abtheilung. Moderne Götzendiener.
created20100107
sendergerd.bouillon@t-online.de
noteUnter Verwendung der PDF-Version von hproding@sun.ac.za
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Siebentes Kapitel. Der Todte im Rohr.

An schönen Maitagen ist eine Wanderung oder eine Luftfahrt durch die an Obstbäumen so reichen Thäler an dem Grenzgebirge Böhmens ein hoher Genuß. Die smaragdgrünen Wiesen, der mit Wohlgerüchen die Landschaft erfüllende Blüthenschnee der zahllosen Aepfelbäume, das Murmeln und Rauschen kristallheller Bäche, die fast jedes Dorf bewässern und in deren durchsichtiger Welle Forellen sich sonnen: dies Alles gewährt, im Verein mit der dunkelblauen Gebirgswand in Süd und West, ein überaus prächtiges Landschaftsbild.

Das Auge Wimmer's, der auf seinen einsamen Ritten durch's Land in der Regel zu sehr mit sich selbst, mit seinen Gedanken und weit aussehenden Plänen beschäftigt war, ruhte jetzt, wo ihn Christlieb angenehm unterhielt und ihn auf einzelne malerische Schönheiten der Gegend aufmerksam machte, mit Wohlgefallen auf diesen Herrlichkeiten, die der junge Lenz enthüllte. Im Verkehr mit der Jugend lebt man wieder auf, bemerkte er lächelnd, dem jungen Gefährten im Wagen die Hand drückend. Wie würde ich glücklich sein, hätte Gottes Gnade mir einen Sohn vergönnt. Aber das sollte nicht sein, weil der Herr mich prüfen und läutern wollte. Nun entbehre ich dieses Glück und sinne Tag und Nacht, wie ich Andere, die ich liebe, statt meiner glücklich machen kann.

Eine Thräne glänzte an den grauen Wimpern des Herrnhuters, während seine Augen auf den scharf umrissenen Kuppen des Gebirges ruhten, dem die Reisenden bereits sehr nahe gekommen waren. Wimmer sah weit und scharf in die Ferne, er konnte daher auf einer der höchsten Erhebungen des Grenzkammes deutlich eine hohe Stange gewahren, an deren oberster Seite ein Fähnlein oder etwas dem Aehnliches flatterte. Auch Christlieb Ammer war dies Merkzeichen nicht entgangen.

Wozu hat man wohl dort auf dem hohen Hübel die Stange aufgerichtet? meinte Wimmer. Habe ich sie doch früher nie gesehen! Sollte es wohl eine Lärmstange sein, um Signale zu geben, falls der Krieg, der uns bisher verschont hat, sich auch in diese Gegend ziehen sollte?

Ich halte es für ein Feldmesserzeichen, bemerkte Christlieb. Dort oben läuft die Grenze Böhmens, die wohl nicht ganz genau regulirt sein wird. Wozu flatterte sonst das Fähnlein an der Spitze?

Während Beide noch die ihnen auffallende Stange beobachteten, verschwand plötzlich das wehende Fähnlein an der Spitze, gleichzeitig aber entdeckte weiter in der Ferne das weittragende Auge Wimmer's eine zweite ähnliche Stange.

Du kannst Recht haben, sagte er zu seinem jugendlichen Begleiter. Sie werden die Grenzen vermessen. Das muß, denk ich mir, ein recht verdrießliches Geschäft sein, theils, weil die Vermesser durch Dick und Dünn laufen, auf Felsen, Baumstümpfen und Moorbrüchen herumhocken müssen, theils, weil sie mit allerhand verdächtigem Gesindel zusammentreffen können, das immer an den Grenzen herumlungert, sei's nun, um zu schmuggeln oder um einsame Wanderer auszuplündern. Besonders gegenwärtig, hab' ich mir sagen lassen, soll es wieder überaus unsicher an den Grenzen sein. Deßhalb will ich mir auch ein paar Pistolen kaufen, wenn ich nächstens wieder einmal genöthigt bin, ein paar Geschäftsfreunde im Königreiche zu besuchen.

Inzwischen hatten die Reisenden die Höhe erreicht, von der aus man den Wohnort Ammer's, das Rohr und jene mehrfach erwähnte Straße erblicken konnte, die das Rohr entlang über die steinige Lehde nach dem Gebirge führte. Gerade auf der Höhe sah man einen starken Trupp Menschen beisammen stehen. Die Straße selbst war ungewöhnlich lebhaft. Frachtwagen, mit vier und sechs Pferden bespannt, hielten drei hintereinander in der Lehde, und von mehreren Seiten strömten viele Menschen, die meisten rasch vorwärts strebend, dem Trupp am Rohr zu, der solchergestalt immer ansehnlicher ward.

Was kann das sein? sprach Christlieb, der jenen Zusammenlauf zuerst gewahrte. Wimmer richtete ebenfalls seine grauen Augen dahin, beobachtete einige Secunden den sich drängenden Menschenknäuel und meinte dann trocken, sie würden es ja bald erfahren, da sie ganz nahe vorüberkommen müßten.

Wenige Minuten später bog das Fuhrwerk auf die Gebirgsstraße ab und näherte sich dem Orte des Zusammenlaufs. Wimmer ließ halten und stieg mit seinem jungen Gefährten aus. Noch ehe sie den Trupp erreichten, erfuhren sie von Zurückkommenden durch an sie gerichtete Fragen, man habe am höchsten Rande des Rohres einen Leichnam gefunden, der jetzt auf eben dem Wege nach dem Gericht hier in der Nähe niedergelegt worden sei, weil der Gerichtsarzt zufällig dazu gekommen sei und sich den Mann etwas genauer betrachte.

Wimmer bezeigte keine Lust, sich weiter um den Todten zu kümmern, der ihn ja nichts anging, Christlieb aber, welcher noch niemals einen Verunglückten solcher Art gesehen hatte, war neugierig und zog den Herrnhuter mit sich fort, die Reihen der Menschen, welche die Tragbahre umstanden, sanft durchbrechend.

Der Todte, ein kräftiger Mann mit trotzigen, sonnenverbrannten Zügen trug die Uniform eines Grenzjägers. Mehrere tiefe Wunden am Kopfe und starke Verletzungen an beiden Händen deuteten auf einen gewaltsamen Mord. Der Mann des Gesetzes war vermuthlich Schmugglern in die Hände gefallen und von diesen im Handgemenge erschlagen worden. Nur mußte es auffallen, daß man den Todten so weit von der Grenze entfernt und noch dazu an einem Orte fand, wo sich weder Schmuggler verbergen, noch Grenzjäger aufhalten konnten. Daß hier nicht Alles in Ordnung, vielmehr Manches höchst räthselhaft sei, leuchtete selbst dem Gedankenlosesten ein. Wie immer bei solchen Vorkommnissen, sprachen die Herbeigeeilten über das Unklare des Falles, theilten sich gegenseitig ihre Ansichten mit und erschöpften sich in einer Menge theils wahrscheinlicher, theils unwahrscheinlicher Hypothesen.

Mittlerweile waren die requirirten Gerichtspersonen herbeigekommen und begaben sich nach Besichtigung des Allen unbekannten Mannes zu dem Orte, wo man ihn gefunden hatte. Dieser war nur eine geringe Strecke entfernt, weßhalb Viele der Herbeigeeilten den Herren folgten. Auch Christlieb mit Wimmer schloß sich diesen an.

Oben am Ende des Rohres, wo der Waldberg sich steil erhob, lag dieser Ort. Bei genauer Untersuchung entdeckte man unverkennbare Spuren eines Sturzes von der Höhe des waldigen Gipfels, weßhalb die Gerichtspersonen sich anschickten, diesen zu erklimmen. Ehe sie aber ihr Ziel erreichen konnten, trat aus dem Dickicht am Rande des Gipfels eine seltsame Gestalt, die sogleich das Augenmerk Aller ward und Einzelne sogar zu dem Ausrufe fortriß: Da ist der Mörder!

Diesem Rufe folgte ein heiseres Lachen und die gutmüthig gesprochenen Worte:

Behüte, behüte! Ich, der nicht einmal eine gefangene Maus in's Wasser schmeißen kann, ich werd' doch wohl keinem Menschen 's Genick abbrechen. Gott bewahre jede Christenseele vor solcher Unthat! Aber, meine Herren, fuhr er fort, seinen durch's Alter etwas formlos gewordenen dreieckigen Hut ziehend und ein graues Haupt enthüllend, während das faltenreiche Gesicht sich zu einem grinsenden Lächeln verzog, wollen Sie wohl so niederträchtig sein und vollends hier heraufkrabbeln, so werden Sie Ihr blaues Wunder sehen.

Die am Rohre stehende Menge hatte längst schon den possirlichen alten Glassammler Leisetritt erkannt und Niemand fiel es ein, den harmlosen Mann für den Mörder des Grenzjägers zu halten.

Als die Herren vom Gericht die Höhe erklommen hatten, denen mehrere Andere, unter diesen auch Christlieb, folgten, sprach Leisetritt zu Ersteren:

Wollen's die Gefährlichkeit haben und unter den Büschen hier durchkriechen, so können Sie sehen, daß Zwei oder Drei einen Dritten, der geblutet, hier durch den Wald getragen haben. Diese Spur geht über zwei Stunden weit im Zickzack durch Wald und Gestrüpp und endigt hart am Grenzpfahle, wo ein schmaler Steg zur Höhe des Gebirges hinaufsteigt. Heute Morgen, als ich aus der Glashütte kam, wollt' ich mehr im Schatten meinen Heimweg antreten, und schlug deßhalb die Richtung nach dem Kamme ein. Da fielen mir im weichen Erdreich tiefe Fußtritte auf, die unordentlich durcheinander liefen, als ob ein paar richtige Kerle sich wacker rabatzt hätten. Ich bück' mich niederwärts und schlendere weiter, immer dem Getrampel der Fußtritte folgend. Es müssen verteufelte Kerle gewesen sein mit stark bezweckten Stiefelsohlen. Wie ich nun so fortschleiche, schimmert auf dem weißen Moosgeflecht etwas Rothes. Ich bücke mich nieder und sehe, daß es geronnenes Blut ist. Jetzt werd' ich innerlich rapplig und 's Herz fängt mir an zu schlagen, daß mir schier fast der Athem fehlt. Das Blut wird immer mehr und steht bald gar in einem kleinen Tümpel. Gerade da hört das Getrampel auf, aber am Boden ist ein Eindruck, als ob ein Mensch schwer darauf niedergefallen und sich hin und her gewunden hätte. Von dieser Stelle zieht sich die Spur fort bis hieher, und da muß Jemand hinunter gestürzt worden oder hinunter gefallen sein. Was mir aber ganz verwunderlich vorkommt, das sind Papierfetzeln mit Ziffern, 's ist freilich Alles kurz und klein gerissen, aber die Ziffern sind doch noch auf den rund herum verstreuten Stücken zu erkennen.

Nach diesem langen Vortrage, wohl dem längsten, welchen der alte Glassammler während seines ganzen Lebens gehalten hatte, erbot sich Leisetritt, die Herren vom Gericht nach der von ihm bezeichneten Stelle zu begleiten, wozu sich dieselben nach kurzer Berathung entschlossen.

Christlieb eilte jetzt den steilen Abhang zum Rohr wieder hinab, wo Wimmer längst schon ungeduldig seiner harrte.

Es war nicht klug von dir, junger Freund, sprach er, seinen Arm ergreifend, hinauf zu klettern zu dem gedankenlosen Schwätzer. Man kann bei solchen Vorfällen gar leicht in ganz ärgerliche Händel verwickelt werden. Das Paviansgesicht wird es zu spät bereuen, den Herren den Weg nach dem Mordplatze gezeigt zu haben.

Ich möchte jenen Platz dennoch sehen, meinte Christlieb.

Freund, versetzte der Herrnhuter, laß dir rathen! Man lebt auf dieser unvollkommenen Erde nur dann ruhig, wenn man sich um Alles, was einem nichts angeht, auch nicht kümmert! Kann es dir Vergnügen machen, einen zerstampften Boden, mit Menschenblut besudelt, zu betrachten?

Aber die zerrissenen Papiere!

Ja so, die Papiere! Nun, mein lieber Bruder, ich möchte wetten, diese Papiere bekommt außer den Gerichtspersonen jetzt Niemand mehr zu sehen. Sie werden die Schnitzel aufsammeln und in die Acten legen, und dort werden sie bleiben, bis sie vermodern.

Sollten sie nicht zur Entdeckung der Mörder führen?

Darüber, lieber Freund, habe ich gar kein Urtheil. Es ist ja möglich; aber ich sage dir, danke Gott und deinem Heilande, daß du jene Papierfetzen mit den darauf befindlichen Zahlen nicht gesehen, vielweniger gar betastet hast!

Während dieser Unterhaltung hatten sie ihr Fuhrwerk wieder erreicht, nahmen jetzt darin Platz und setzten ihren Weg fort, der sie nach Verlauf von zehn Minuten vor die Wohnung des alten Ammer brachte.

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