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Die Familie Ammer ? Zweite Abtheilung. Moderne Götzendiener.

Ernst Willkomm: Die Familie Ammer ? Zweite Abtheilung. Moderne Götzendiener. - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorErnst Willkomm
year1855
firstpub1855
publisherVerlag von Meidinger Sohn & Cie.
addressFrankfurt a. M.
titleDie Familie Ammer ? Zweite Abtheilung. Moderne Götzendiener.
created20100107
sendergerd.bouillon@t-online.de
noteUnter Verwendung der PDF-Version von hproding@sun.ac.za
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Sechstes Kapitel. Neue Nachrichten.

In jenem Zimmer zu ebener Erde, wo vor mehr als Jahresfrist der alte Ammer sich bereit erklärt hatte, auf die Speculationen des Grafen Alban und Wimmer's unter Bedingungen einzugehen, die damals näher bezeichnet wurden, finden wir jetzt wieder den schlauen Herrnhuter neben Christlieb sitzen. Letzterer hört mit ungetheilter Aufmerksamkeit den Worten des Kaufherrn zu, während er einen uneröffneten Brief häufig besieht und zwischen den Fingern dreht.

Ueberschlage jetzt einmal die letzten zwei oder drei Jahre in deinem Gedächtniß, lieber junger Freund, schloß der alte Herrnhuter seine Rede, und dann frage dich, ob du die Gegenwart der Vergangenheit oder diese jener vorziehst. Damals warst du ein armer Bursche, der mit wenigen Groschen in der Tasche auf der Landstraße sich mit Karrenschieben abquälen mußte und kaum einen Trunk Wasser ohne Erlaubniß des Vaters zu genießen wagte; jetzt bis du Disponent über ein Vermögen, dessen Größe du eben so wenig kennst wie ich, hast einen Namen in der Handelswelt und darfst nur winken, um dir Hunderte dienstbar zu machen. Ich hoffe, du siehst jetzt vollkommen ein, wie richtig ich die Zeit beurtheilte und wie Recht ich hatte, trotz der Abneigung deines Vaters, meines viellieben Freundes, auf meinen Vorschlägen zu deines und deines Bruders Besten unweigerlich zu verharren.

Ich habe dies immer anerkannt, Herr Wimmer, und sage Ihnen aufrichtigen Dank dafür, entgegnete der junge Ammer. Auch bin ich weit entfernt, Ihren Rathschlägen mein Ohr zu verschließen, im Gegentheil, ich möchte mir dieselben auch in Zukunft erbitten. Nur meinen Vater umzustimmen, wird nicht in meinen Kräften stehen. Die Abreise meines Bruders, die mehr einer Flucht nach vorausgegangenem Bruche mit dem Vater glich, hat eine Bitterkeit in dessen Herzen zurückgelassen, die, wenn überhaupt, nur die Zeit zu verwischen vermag. Sie dürfen nicht vergessen, Herr Wimmer, daß zu viel auf den Vater einstürmte, der dadurch aus dem ihm lieb gewordenen, ruhigen Lebensgange gerissen, Alles über sich zusammenstürzen sah. Aus Liebe zu uns hat er dennoch in Alles gewilligt, allein Freude an unserm Streben, an dem Gelingen unserer Unternehmungen wird er schwerlich jemals haben. Er behauptet, die Art, wie man jetzt Handel und Wandel betreibe, verhärte die Herzen, mache lieblos und egoistisch, und könne deßhalb dem Herrn unmöglich angenehm sein.

Es ist das Loos Aller, die Gutes wollen, daß sie verkannt werden, versetzte Wimmer, seine Augen zum Himmel aufschlagend. Aber je mehr unsere Lieben uns verkennen, desto näher rücken sie unserm Herzen und desto mehr ist es unsere Pflicht, ihnen Gutes zu erweisen, wenn auch wider ihren Willen. Du bist jetzt unterrichtet von dem glücklichen Fortgange unseres Unternehmens. Dein eigener Bruder schreibt dir darüber, ist hoch erfreut, daß Gott seine Bemühungen so segnet, und daß Fürchtegott kein Abgefallener vom Herrn ist, wird ja schon aus der so innigen Theilnahme ersichtlich, die er dem Missionswesen in Surinam zollt, und worüber er so Rührendes berichtet. Er hat ja auch ganz nach dem Wunsche des Vaters gehandelt, indem er einen Theil der Waaren den Missionären unentgeltlich überlieferte, damit sie die Heiden kleiden und sie unserm Herrn und Heilande zuführen.

Dennoch wird der Vater nicht sehr freundlich zu diesem Anliegen blicken. Es ist auch kaum möglich, demselben zu entsprechen, denn eine Menge anderer Kunden wollen ebenfalls befriedigt sein. Es fragt sich deßhalb, wie lange Sie Zeit geben können?

Drei Monate, vielleicht auch vier sind dir gewiß.

Aber dann ist ja die Schifffahrt vielleicht schon schwierig wegen der Herbststürme.

Vielleicht, lieber junger Freund, gewiß ist dies nicht. Gesetzt aber auch, alle deutschen Gewässer wären schon mit dichtem Eise belegt, so ist es doch unerläßlich, daß man die Fracht in Händen hat. Es läßt sich unter der Hand auch damit ein Geschäft machen, und der Kaufmann darf sich keine Gelegenheit entschlüpfen lassen, die ihm irgend einen Verdienst zuführt.

Sie müssen dies besser zu beurtheilen wissen als ich, Herr Wimmer, erwiderte Christlieb Ammer. Darum werde ich auch nichts unversucht lassen, um zu rechter Zeit die gewünschte Quantität Leinenwaaren herbeizuschaffen. Indeß eine Bedingung muß ich dabei machen, um im Fall der Noth ein gegebenes Versprechen auch halten zu können.

Laß hören, sagte der Herrnhuter auflauschend.

Es muß mir gestattet sein, unter der Hand von Andern zu entnehmen, durch Vermittelung Anderer herbeizuschaffen, was möglicherweise des Vaters Kräfte nicht liefern könnten, vielleicht auch nicht wollen dürften.

Es sei dir gern verstattet, sprach Wimmer, unter einer Gegenbedingung.

Und diese wäre?

Die durch Andere beschafften Linnen müßten den eurigen ganz gleich und mit dem Stempel des Vater Ammer versehen sein.

Christlieb überlegte einige Zeit, ehe er auf dieses Verlangen einging. Zögernd sagte er dann zu. Wimmer bemerkte hierauf mit schlauem Lächeln:

Das Aeußere fällt dabei am schwersten in's Gewicht. Sieh also genau darauf, daß die Appretur, die Form, die Art der Verpackung derjenigen vollkommen gleich sei, die von der Mangel deines Vaters kommt, und ich stehe für das Uebrige.

Vertrauen Sie mir und Sie sollen zufrieden sein, bekräftigte Christlieb.

Ueber Wimmer's fahle Züge glitt ein recht garstiges Lächeln, als er dem Jünglinge die Hand reichte und mit salbungsvollen Worten ihm dankte.

Und was fängst du mit dem Briefe da an? fragte er jetzt pressirt.

Es wird mir nichts übrig bleiben, erwiderte Christlieb, als mein eigener Bote zu sein. Abgeliefert muß er ja doch werden und da er versiegelt ist

So darf ihn nur derjenige erbrechen, an den er gerichtet war, fiel Wimmer ein. Sehr richtig, mein Freund.

Indeß können auch Umstände eintreten, wo die Oeffnung eines Briefes durch Fremde sogar geboten, wo es Pflicht eines Freundes, eines Christen ist. Solche Fälle kommen in unserer freilich aus lauter Schwestern und Brüdern bestehenden Gemeinde nicht ganz selten vor. Wäre dein Vater einer der Unsrigen,

Würden Sie diesen Brief öffnen?

Nein, sagte der Herrnhuter, ich würde dies nicht thun, aber ich dürfte es. Uebrigens ist es auch nicht nöthig. Dein sehr vorsichtiger Bruder, den der Herr mit vielen seltenen Gaben ausgerüstet hat, ist so klug gewesen, diesen Brief, den du schon so lange mit wechselnder Neugierde betrachtest, zu copiren und einem an mich und den würdigen Freund und Bruder Graf Alban gemeinschaftlich gerichteten Schreiben beizulegen. Du kannst also, wenn es dich beruhigt, Einsicht davon nehmen, ehe dein Vater erfährt, was sein ferner Sohn ihm zu eröffnen für unerläßlich hält.

Mit diesen Worten überreichte Wimmer dem erstaunten Jünglinge den offenen Brief seines Bruders. Christlieb schwankte einige Augenblicke, nicht wissend, was er thun solle. Denn ihm erschien es unerlaubt, sich mit dem Inhalte eines nicht an ihn gerichteten Briefes früher bekannt zu machen und ohne Wissen dessen, an den er geschrieben war. Erst als Wimmer ihn nochmals dazu aufforderte, durchlas der junge Mann mit Aufmerksamkeit das ziemlich lange Schreiben.

Was sagst du dazu? sprach der Herrnhuter, als Christlieb das Blatt nachdenklich auf den Tisch legte. Meinst du nicht, es müsse meinen viellieben Freund recht innerlich erquicken?

Es kommt sehr darauf an, versetzte der junge Ammer, von welchem Gesichtspunkte man diese Nachrichten betrachtet. Mein Vater ist häufig anderer Meinung, als die Meisten, weil er die Dinge anders beurtheilt, die Zeit anders auffaßt. Was viele erfreut und entzückt, läßt ihn kalt, ja macht ihn sogar niedergeschlagen oder düster. Es wäre deßhalb nicht unmöglich, daß diese so erfreulich klingenden Mittheilungen seine Stimmung verschlimmerten; denn Sie dürfen nicht vergessen, daß selbst das Andenken an die Abreise meines Bruders bei dem Vater jederzeit gemischte Empfindungen weckt.

Wimmer neigte beistimmend sein Haupt, die Augen fest auf den jungen Mann heftend.

Du sprichst die Wahrheit, lieber Bruder, sagte er bedächtig und fügte mit einem Seufzer hinzu: Ach, wie schwach ist doch der Mensch, selbst der gute! Da hast du ein lebendiges Beispiel an deinem braven Vater. Er betrübt kein Kind, er flieht Streit und Zank, er ist mildthätig und ein Freund aller Armen und Nothleidenden, dennoch vermag er es nicht, eine scheinbare Beleidigung zu vergessen, weil sie ihm von seinem eigenen Sohne zugefügt ward. Ach, wie haben wir Alle Ursache zu beten und zu bitten, damit wir nacheifern unserm großen Vorbilde, dem Herrn und Heilande! Aber da kommt mir, wie ich glaube, ein glücklicher Gedanke. Was meinst du? Soll ich dich begleiten? Es ist sehr lange her, daß ich deinen Vater, meinen viellieben Freund, nicht mehr gesehen habe. Auch nach meiner Pathe, der Flora, die jetzt schon glückliche Mutter ist, sehnt sich mein theilnehmendes Herz. Ja, ja, lieber Christlieb, das ist ein Gedanke von Oben, mir eingegeben, damit ich ein gutes Werk stifte, nämlich Vater und Sohn wieder dauernd versöhne. Entschließe dich und laß uns, wenn deine Geschäfte es erlauben, unverweilt aufbrechen.

Christlieb ergriff diesen Vorschlag mit Wärme. Wußte er auch, daß sein Vater im Stillen Mißtrauen gegen Wimmer hegte, weil eine doppelte Handlungsweise dem Herrnhuter nachzuweisen war, so glaubte er doch, eine Zusammenkunft beider Männer werde am leichtesten die eingetretene Spannung aufheben. Außerdem vermochte auch Wimmer viel mehr über den Vater, wie er selbst, falls der Brief seines Bruders die beabsichtigte Wirkung nicht haben sollte.

Dies bedenkend, traf Christlieb sofort Anstalt zum Aufbruche. Der uns schon bekannte alte, mit einer Plane überspannte Wagen, um dessen Räder jetzt neue Reife gelegt worden waren, ward angespannt, und nachdem Christlieb dem Fabrikaufseher die nöthigen Weisungen ertheilt hatte, verließ er mit dem alten Herrnhuter die Herrschaft Weltenburg.

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