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Die Familie Ammer ? Zweite Abtheilung. Moderne Götzendiener.

Ernst Willkomm: Die Familie Ammer ? Zweite Abtheilung. Moderne Götzendiener. - Kapitel 25
Quellenangabe
typefiction
authorErnst Willkomm
year1855
firstpub1855
publisherVerlag von Meidinger Sohn & Cie.
addressFrankfurt a. M.
titleDie Familie Ammer ? Zweite Abtheilung. Moderne Götzendiener.
created20100107
sendergerd.bouillon@t-online.de
noteUnter Verwendung der PDF-Version von hproding@sun.ac.za
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Sechstes Kapitel. Zwei wichtige Besuche.

Zehn Uhr, sagte Fürchtegott Ammer, die Schläge der Schloßschelle zählend. Nun ist es hohe Zeit, daß ich aufbreche. Sei meinetwegen ganz ruhig, lieber Bruder. Unsere Angelegenheiten stehen noch nicht so schlecht, daß man ihnen nicht mit geschickten Schwenkungen abermals einen neuen Aufschwung geben könnte. Die Leute im Schlosse sind doch alle zur Ruhe?

Sie schlafen schon seit einer halben Stunde.

Dann komm! Ich führe das Pferd über den Rasen, damit man den Hufschlag auf dem Steinpflaster nicht hört, du öffnest behutsam das Thor und schließt es eben so wieder. Kein Mensch weiß dann morgen, wohin der junge Herr auf Weltenburg sich gewandt hat. Denn vor Sonnenaufgang gibt es aller Wahrscheinlichkeit nach einen tüchtigen Regenguß, der die Spur der Hufe im weichen Sandboden ziemlich auslöschen dürfte.

Behutsam gingen die Brüder nach dem Stallgebäude, der flinke Renner, ein schöner, kräftiger Goldfuchs, ward aufgezäumt, in angedeuteter Weise vor das Schloßthor geführt, und wenige Minuten später flog Fürchtegott lautlos, wie ein Schatten, den Schloßberg hinab.

Die Nacht war trüb und schwül. Schwere, dunkelzusammengeballte Wetterwolken lagen über den Kämmen der Grenzberge. Im Zenith funkelte da und dort ein vereinzelter Stern. Auf Weltenburg herrschte der Frieden der Nacht. In den Fabrikgebäuden schimmerte kein Licht, auch in den hübschen Wohnungen der Arbeiter bemerkte man keine Lebensregung.

Nur von der Walkmühle her klang dumpf das eintönige, hohle Geräusch der Stampfen, das Rollen des Räderwerkes, das Rauschen der stürzenden Wasser.

Fürchtegott begegnete Niemand. Mit vorgebeugtem Leibe, sein Roß scharf antreibend, jagte er im Flußthale aufwärts, bog rechts ab in ein schmaleres Thalbecken und befand sich bald mitten im Walddickicht.

Des schlechten Weges halber mußte er hier Schritt reiten. Durch die Kronen der hohen Fichten fuhr pfeifend der Wind. Es begann zu tröpfeln, einzelne Blitze erleuchteten den Wald so grell, daß Pferd und Reiter stutzten. Obwohl Fürchtegott keine Furcht kannte, beschlich ihn doch ein Gefühl von Bangigkeit, denn die jetzt rasch auf einander folgenden Blitze ließen die alten Bäume in so abenteuerlichen Gestalten erscheinen, daß er oft Vermummte zu erblicken wähnte, die drohend ihre Arme gegen ihn erhoben.

Bald brach das Unwetter mit heftigen Donnerschlägen und stromartigem Regen los und raste, die Bäume schüttelnd, wohl auch einen niederbrechend, durch den Wald. Der starke Wind vertrieb es jedoch bald oder peitschte es vor sich her, so daß schon nach Verlauf einer Viertelstunde der Himmel sich lichtete und nur ein feiner Regen noch spärlich durch die Nadelholzwaldung niederrieselte.

Kurz vor Mitternacht entdeckte Fürchtegott den Meiler des Köhlers. Seitwärts, im Schutze eines phantastisch gestalteten Felsen, der hoch über die Wipfel der Bäume emporragte, stand die Hütte. Der junge Ammer stieg ab und führte das Pferd am Zügel weiter. Er klinkte an der Thür der Hütte, fand sie jedoch verschlossen. Auf wiederholtes Klopfen fragte eine barsche, tiefe Männerstimme: wer so spät Eingang begehre? Fürchtegott nannte seinen Namen. Sogleich ward die Thür entriegelt und in derselben zeigte sich die Gestalt eines Mannes von fast übermenschlicher Größe. Es war der bezeichnete Köhler, einer jener Waldmenschen, wie sie in den dichten Grenzwäldern, in Gebirgsthälern und in den vereinzelten Hütten der öden Hochebenen Deutschlands nicht selten zu finden sind.

Dort unter dem Schauer findet Ihr Pferd Schutz und Futter, sagte der Bewohner des Waldes, nach einer aus Tannenzweigen erbauten leichten Hürde deutend. Fürchtegott befestigte hier seinen Renner und trat mit dem Köhler in dessen Hütte. Als deren Eigner Licht anzündete, erschrak er fast und trat ein paar Schritte zurück.

Ich kenne Sie nicht, Herr, sagte er. Was begehren Sie?

Auch Ihr seid mir unbekannt, versetzte der junge Ammer, nichtsdestoweniger bin ich der Genannte, nur, daß ich diesmal die Stelle meines Bruders, den Ihr kennt, eingenommen habe. Hier der Beweis.

Ein Blatt Papier, worauf Christlieb Ammer in dem Köhler wohlbekannten Zügen seinen Namen geschrieben hatte, hob sofort dessen Zweifel.

Es ist gut, sagt er, ich sehe jetzt, daß ich Ihnen trauen kann. Sie müssen diese Vorsicht entschuldigen, gnädiger Herr, denn dies kleine Nebengeschäft, das mir freilich ein hübsch paar Gulden jährlich abwirft, ist mit vieler Unruhe und sogar mit Gefahren verbunden. Aber was thut man nicht um das liebe Leben!

Ich weiß, ich weiß, erwiderte Fürchtegott. Uebrigens sehe ich in Eurem Thun nichts Unrechtes. Das Glück finden hat noch Niemand schaden gebracht, will ich aber finden, so muß ich vorher suchen, und die Sache recht betrachtet, thun wir Beide doch nichts anderes, als daß wir den Gelegenheiten nachspüren, die uns das Glück mit einiger Sicherheit und etwas früher als Andern in die Hände spielen.

Der Köhler lachte. Gerade so denk' ich auch, gab er zur Antwort, und ist das liebe Glück zu gelegener Zeit recht gut gelaunt, so gelingt's einem armen Teufel wohl auch einmal, etwas Ordentliches zu erwischen.

Wißt Ihr, wann drüben wieder gezogen wird?

Bestimmt weiß ich das nicht, Herr. Früher war's leichter, aber Sie kennen ja den Grund, weßhalb die Ziehungstage schon seit längerer Zeit geheim gehalten werden. Gewöhnlich indeß werde ich doch unterrichtet. Der Wirth auf *** macht sich häufig den Spaß, seine Mooshütten zu illuminiren, was die Besucher des Berges gern sehen. Dabei brennt er wohl auch ein paar Feuerräder ab und läßt zum Schluß eine Rackete, die blaue oder weiße Leuchtkugeln wirft, steigen. Wenn ich solche fliegende Lichter sehe, muß ich aufpassen am nächsten Abend. Ein Transparent mit Zeichen sagt mir dann die Nummern.

Besetzt für mich oder meinen Bruder, was dasselbe ist, hier diese Zahlen. Ihr könnt es doch Euerem Freunde drüben mittheilen? Euer Schaden soll es nicht sein, wenn wir gewinnen. Hier ist Geld, und nun paßt wohl auf!

Damit händigte Fürchtegott dem Köhler ein Papier mit darauf bezeichneten Zahlen nebst einer wohlgefüllten Börse ein. Der Waldbewohner dankte, versprach sein Bestes zu thun und hielt dem jungen Herrn auf Weltenburg beim Aufsteigen den Steigbügel. Wenn ich nicht wiederkommen sollte, sagte dieser und es geschieht dennoch, was wir wünschen, so entsendet einen zuverlässigen Boten nach Weltenburg. Einer von uns Brüdern ist dort immer zugegen. Gute Nacht!

Die Nacht war inzwischen hell geworden. Ein glänzender Sternenhimmel flimmerte durch die Waldwipfel, die ein lauer Westwind schüttelte. Fürchtegott ritt einen Holzweg hinab, kreuzte im Trabe eine Lichtung und erreichte bald das freie Feld. Die Grenze lag schon weit hinter ihm. Gegen sein Erwarten bemerkte er jetzt, daß der nächste Weg nach Herrnhut an seinem Geburtsorte vorüberführen müsse. Diesen schlug er denn auch unverweilt ein.

Gegen drei Uhr Morgens flog er im raschen Ritt am Rohr vorbei. Als er die Häuser erreichte, hielt er das schnaubende Roß an und ließ es im Schritt gehen. Im Hause des Vaters, das so friedlich in der Umhegung des Blumengartens lag, rührte sich Niemand.

Sie schlafen Alle in Frieden, sprach der nächtliche Reiter zu sich selbst, und Keiner von ihnen ahnt, daß Einer, der auch glücklich sein und ruhig schlafen könnte, wenn die Welt nicht so viele verlockende Gelüste verbärge, jetzt hier auf schweißtriefendem Rosse seine Straße dahin zieht dem Orte zu, von dannen uns viel Heil gekommen ist und wer weiß es vielleicht noch mehr Unheil kommen wird! Es muß sich bald zeigen, ob Wimmer es redlich mit uns meint, oder ob er wie andere egoistische Menschen handeln wird, die nur so lange Freunde bleiben, als wir im Glücke leben!

Als Fürchtegott die Gasse hinabtrabte, schallte der Hufschlag des Pferdes laut durch die Nacht. Sogleich schlug der wachsame Bello im Hause des Vaters an, ja es kam ihm sogar so vor, als öffnete Jemand ein Fenster in der Kammer. Ohne sich umzusehen, jagte der junge Ammer, von Furcht und Hoffnung getrieben, durch das Dorf, schlug nun die ihm wohlbekannten Richtwege ein, wobei er es nicht sehr genau nahm und bisweilen auch eine Hecke oder eine sogenannte »Stieglitz« übersprang, mit denen man Wege bezeichnet, die von Reitern und Fuhrwerken nicht betreten werden sollen. Er gönnte weder sich noch seinem Pferde Rast, das allerdings zu Ertragung von Strapatzen geeignet war, und so kam er schon eine gute Stunde nach Sonnenaufgang in dem Brüderorte an. Im Gemeinlogis stieg er ab, wartete noch eine Viertelstunde, stärkte sich durch ein Glas Malaga, und verfügte sich hierauf zu Herrn Wimmer.

Martha öffnete dem Herrn auf Weltenburg die Thür und versprach, ihren Gebieter sogleich zu benachrichtigen.

Beim Himmel, sagte der junge Ammer zu sich selbst, diese dienende Person geht beinahe in feinerem Zeuge einher, als meine Braut! Nein, das ist wirklich nicht zu ertragen und muß anders werden, mag auch Alles drunter und drüber gehen!

Wimmer ließ unsern Freund nicht lange warten. Mit den freundlichsten Worten, den wärmsten Händedrücken empfing er ihn.

So früh auf und schon hier! sagte er. Da mußt du ja gegen zwei oder drei Uhr Morgens aufgebrochen sein.

Allerdings, erwiderte Fürchtegott. Sie wissen, daß man frühe Gewohnheiten nicht gern ablegt. Die Morgenstunden sind meinem alten Vater noch heute die liebsten zur Arbeit und mir geht es, besonders wenn ich Wichtiges vorhabe, nicht anders. Je früher auf, desto schneller ist die Arbeit gethan, die auf uns harrt.

Hast Recht, lieber Freund, sagte der Herrnhuter. Morgenstunde hat Gold im Munde! Das ist bei Euch buchstäblich wahr geworden.

Bis jetzt schien es so, erwiderte Fürchtegott, nun aber will es mir scheinen, als könne sich das Blatt wenden.

Wimmer schlug seine Augen langsam zu seinem jungen Freund auf, indem er bedächtig sagte: Das meinst du doch nicht, weil etwas Störendes vorgekommen ist?

Gerade darum, Herr Wimmer, meine ich es, versetzte Fürchtegott, und just deßhalb und zwar deßhalb allein bin ich hier. Die letzten Wochen war ich aus bewußten Gründen zu zerstreut, um alle meine Gedanken den Geschäften zuwenden zu können. Inzwischen hat mein Bruder das Vorgefallene mir mitgetheilt, und da ich darüber in große Unruhe gerathen bin, warf ich mich unverweilt auf's Pferd und eilte zu Ihnen. Ich bitte Sie, Herr Wimmer, geben Sie mir ohne Umschweife Aufklärung, ganze, genügende Aufklärung! Sagen Sie mir, wie es möglich gewesen ist, daß unser eigenes Fabrikat, richtig signirt, an unsere zuverlässigen Agenten versendet, dieses nach Amerika bestimmte Fabrikat auf deutschem Boden verkauft werden konnte? Ich begreife dies nicht, denn ich sehe hier durchaus keinen Zusammenhang.

Wir könnten es ja untersuchen lassen, mein lieber Freund, erwiderte Wimmer, allein dazu rathen möchte ich nicht. Sieh, mein Bruder, du mußt denken, eine Ohrfeige, die man von einem Unbekannten unversehens erhält, ist keine Beleidigung. Man hat sie für eine wohlmeinende Warnung zu halten, künftig besser aufzupassen. Genau so geht es im Handel. Bin ich über einen Stein des Anstoßes gefallen und habe mir dabei die Nase beschädigt, so gebe ich fortan mehr Obacht, falle so leicht nicht wieder und breche am allerwenigsten den Hals.

Schon gut, werther Freund, allein das ist ein Trost, keine Erklärung. Wie kommen unsere Waaren in die Hand eines Fremden? Das will und das muß ich wissen, sonst bleibt mir keine andere Annahme übrig, als die, daß irgendwo ein Verräther, ein heimlicher Feind sich an mich herangeschlichen hat unter der Maske der Freundschaft!

Du bist zu hitzig, lieber Bruder, sagte Wimmer sanft und gelassen. Gibt es keinen Zufall, der uns bisweilen gar böse Streiche spielt? Ist's unmöglich, daß durch irgend ein Versehen beim Einschiffen eine Kiste nicht an Bord gekommen, daß man sie unwissentlich oder wissentlich in der Schute zurückbehalten hat? Dies Alles sind Möglichkeiten. Welche dieser Möglichkeiten sich nun in eine wirkliche Thatsache verwandelt hat, kommt gar nicht in Frage. Das Factum, das uns, das besonders dich und deinen Bruder trifft und das deßhalb womöglich aus der Welt geschafft werden muß, ist der Verkauf des Leinenzeuges als von euch herrührendes Fabrikat. Sollte wirklich Lärm geschlagen werden, so macht man einfach bekannt, daß jenes Leinenzeug nicht von euch herrührte, daß man nur eine von euren Kisten benutzt habe, und gib Acht, es spricht kein Mensch mehr davon.

Aber unsere überseeische Kundschaft?

Wird mit ächtem Leinenzeug vollständig befriedigt. Du weißt ja, daß Beinheim, rasch handelnd, der Ladung eine andere Bestimmung gegeben hat.

Sollte das genügen? Ich fürchte, Herr Wimmer, es ist um meine Ruhe geschehen. Denken Sie an meinen Vater!

Wimmer lächelte spöttisch. Mein lieber, alter Freund würde sich schwer ärgern, sagte er, vielleicht gar dergestalt erboßen, daß ihn der Schlag träfe! Na, na, junger Freund, noch ist es nicht so weit gekommen. Aber sei vorsichtig in Zukunft! Habe dich immer gewarnt. Wenn's mißglückte, das neue Geschäft, mein' ich, mir würdest du keine Vorwürfe machen können, denn ich brachte es nicht in Vorschlag.

Aber Sie billigten es höchlichst und rieben sich so erfreut die Hände, als wir Sie mit dem entworfenen Plane bekannt machten, als sei in der kaufmännischen Welt nie etwas Klügeres ausgeheckt worden.

Ja, das that ich, versetzte Wimmer, und pfiffig ausgedacht ist es auch, nur bei der Ausführung, dünkt mich, hättet ihr noch viel vorsichtiger zu Werke gehen müssen.

Wir? Trifft uns irgend eine Schuld?

Nicht doch! Wer spricht von Schuld! Aber warum, junger Freund, warum gebt ihr das Flachsspinnen plötzlich ganz auf? Warum spinnt ihr so lange nichts als Baumwolle und verschickt doch so unermeßlich viel Leinenwaaren? Nennt ihr das auch klug?

Das hat mein Bruder zu verantworten, nicht ich, sprach Fürchtegott düster.

Siehst du, lieber, junger Freund! Dein Bruder aber hat mich nicht zuvor gefragt. Als die Einrichtung fertig, die Spindeln in schönstem Laufen waren, da sah ich sie zum ersten Male!

Und Sie fanden sie vortrefflich und hießen Alles gut.

Ja, freilich! Was hätte ich denn anders thun sollen? Es war ja gar nichts mehr zu ändern. Hatte ich darauf gedrungen, so würden die Leute den Kopf geschüttelt und Verdacht geschöpft haben!

Wir sind demnach im eigenen Netz gefangen, sagte der junge Ammer.

Wer klug ist, läßt sich nicht fangen, versetzte der schlaue Herrnhuter. Thue, was ich dir sage. Um das Geschehene kümmert ihr euch nicht im Geringsten. Arbeitet nur fort, aber ohne Verweilen, und seht darauf, daß die nächste Sendung tadellos ausfalle. Dann legt ihr Ehre ein und die Lästerer müssen verstummen.

Noch eine Frage, Herr Wimmer: Haben Sie oder Andere, mit denen Sie correspondiren, über diese Angelegenheit Briefe gewechselt? Ist dies der Fall, so bitte ich um deren Vernichtung. Auf Weltenburg findet sich nichts dergleichen. Wir haben bereits ein gründliches Autodafé gehalten.

Ei sieh, das ist klug! Das flößt mir wieder Respect ein vor eurer Umsicht. Hast vollkommen Recht. Briefe tauchen gar nichts, wenn sie nicht rein sind, wie ein neugeborener Gedanke. Aber sei ruhig! Ehe Christlieb von mir Kunde erhielt, hatte ich mir schon beim Verbrennen dieser alten, häßlichen Schreibereien einen Eierkuchen gebacken. Der hat mir recht wohl gemundet, mein lieber Freund und Bruder! Und nun bist du doch beruhigt? Ich bitte, ich bitte! Kein Echauffement! Willst demnächst heirathen, noch dazu eine frühere Heidenbekehrerin, eine Art Heilige. Da darf man nicht aufgeregt, nicht zerstreut sein! Nun, ich hoffe, du wirst in den weichen Armen dieser kleinen Heiligen bald selbst ein Heiliger werden, wenn auch nur ein Heiliger, wie die Welt ihn brauchen kann.

Es lag etwas in dem Tone des Herrnhuters, das Fürchtegott Bedenken erregte, dennoch glaubte er vorerst die drohendste Gefahr von sich und seinem Bruder abgewendet.

Es freut mich, Herr Wimmer, sagte er, von Ihnen zu hören, daß Sie die Nothwendigkeit einsehen, reine Wirthschaft zu machen. Ich werde jetzt mit Ihrer Erlaubniß an Herrn Beinheim schreiben, den einzigen Mann in Deutschland und Europa, der meines Wissens von unserm überseeischen Geschäft unterrichtet ist. Herr Beinheim ist, wie er selbst sagt, ein ungeheuer praktischer Mann, mithin wird es bei ihm nur eines Winkes bedürfen, um ihn das Rechte treffen zu lassen.

Bereitwillig räumte Wimmer dem Herrn von Weltenburg sein eigenes Pult ein, Fürchtegott schrieb, siegelte den Brief und steckte ihn zu sich.

Soll Martha das Schreiben nicht zur Post befördern? fragte der alte Kaufmann.

Ich will es zuvor meinem Bruder zeigen, erwiderte Fürchtegott. Nach dem Vorgefallenen scheint es mir sehr wichtig, daß wir Beide, auf deren Schultern die Firma der »Gebrüder Ammer« ruht, um Alles wissen, was wir gegenseitig thun, sei es nun wichtig oder unwichtig.

Brav, mein lieber Freund! sagte Wimmer. Ein vorsichtiger Kaufmann hat jedes Unternehmen doppelt in der Tasche. Ich gratulire zu deiner Zukunft.

Damit endigte die Unterhaltung des Herrnhuters mit dem jungen Herrn auf Weltenburg. Als Letzterer in den Nachmittagsstunden seinen alten Freund und Rathgeber ungleich leichter verließ, als er gekommen war, sah dieser ihm lange nach, wiegte dann bedächtig den Kopf und sprach:

Er traut mir nicht mehr unbedingt, aber es thut nichts, unter die Füße kriegen beide Herren den alten Wimmer nicht. Erst gilt es Weltenburg, dann den Vater, und zuletzt kommt wohl auch der alte Wimmer an die Reihe, wenn mein Heiland diesen Kelch nicht an mir gnädiglich vorübergehen läßt.

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