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Die Familie Ammer ? Zweite Abtheilung. Moderne Götzendiener.

Ernst Willkomm: Die Familie Ammer ? Zweite Abtheilung. Moderne Götzendiener. - Kapitel 24
Quellenangabe
typefiction
authorErnst Willkomm
year1855
firstpub1855
publisherVerlag von Meidinger Sohn & Cie.
addressFrankfurt a. M.
titleDie Familie Ammer ? Zweite Abtheilung. Moderne Götzendiener.
created20100107
sendergerd.bouillon@t-online.de
noteUnter Verwendung der PDF-Version von hproding@sun.ac.za
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Fünftes Kapitel. Eine Unterredung der Brüder.

Von Christlieb's Hand berührt, wendete sich Fürchtegott um, einen tiefen, lauten Seufzer ausstoßend.

Du gehst einen ganz falschen Weg, lieber Bruder, sagte Christlieb. Deine Liebe zu Erdmuthe macht dich blind und darüber kommst du in's Taumeln und Stolpern, daß du schweren Schaden nehmen kannst. Bedenke, daß Erdmuthe Braut ist. Alle Bräute sind eigensinnig, wenn nicht von Natur, so doch aus Grundsatz, mit Absicht. Ein Geliebter dient der Geliebten und läßt sich Alles von ihr bieten. Der klügste Liebhaber ist der gefälligste Sklave seiner Braut. Später ändert sich das. Capricieuse Bräute werden gewöhnlich die gehorsamsten Frauen. Und auch das liegt in den Verhältnissen, in höchst weisen Natureinrichtungen. Eine Frau hat ihre Freiheit verloren, sie ist ein Theil des Mannes, der ihr Herr geworden. Das weiß jede, die kluge am besten. Darum fügen sie sich dann auch allen billigen Wünschen ihrer Männer.

Du sprichst sehr weise und fast so gescheidt, als hättest du an dir selbst schon einmal diese Erfahrung gemacht, entgegnete Fürchtegott. Auch magst du vielleicht Recht haben; ich fürchte jedoch, es gibt, wie überall, so bei Bräuten ebenfalls Ausnahmen. Erdmuthe kann zu diesen Ausnahmen gehören, wie sie ja überhaupt eine eigenthümliche Erscheinung unter ihren Schwestern ist. Was sie als Braut will, weil sie es für Recht erkennt, indem sie leider immer nach herrnhutisch-religiösen Principien handelt, wird sie als Frau ebenfalls, vielleicht sogar noch hartnäckiger wollen. Und das ertrüg' ich nicht, beim ewigen Gott, ich ertrüg' es nicht!

Komm in's Schloß, sagte Christlieb, den Bruder mit sich fortziehend. In vier Wochen ist Erdmuthe deine Frau und vier Wochen vermögen oft gar Vieles zu ändern.

Sie wird unsere ganze Energie herausfordern, meinte Fürchtegott. Und gerade darum muß ich sie lieben! Ich möchte sie, wenn sie so sanft und mild sich mir widersetzt, mit diesen meinen Händen erst erwürgen, und dann wieder küssen!

Bekämpfe vor Allem deine Leidenschaft, erwiderte der Bruder. Begegnest du Erdmuthe kühl, wird sie aus Furcht, deine Liebe verscherzen zu können, sich viel nachgiebiger zeigen.

Und wenn sie auf ihrem Widerstande beharrt? Wenn sie ihn selbst auf Dinge ausdehnt, die ich gern entfernt wünsche? Soll ich dann in jeder Secunde daran erinnert werden, daß sie eine Herrnhuterin ist, daß sie Missionärin war? Ich will das nicht, so hoch ich's achte und anschlage. Meine Frau soll aufhören, die Mütze der Schwestern zu tragen, und sich kleiden, wie andere ehrliche Leute. Ich muß den Leuten ja lächerlich vorkommen, wenn Jeder Gelegenheit hat zu sagen: der reiche Herr auf Weltenburg hat eine Herrnhuterin geheirathet, damit des Himmels Segen seinen weltlichen Bestrebungen nicht fehle.

Was die Leute sagen, das wollen wir uns nicht anfechten lassen. Alles Gute ist verlästert, alles Große mit Koth beworfen worden, so lange die Welt steht. Keine Zeit, nicht der höchste Culturstand eines Volkes, wird darin wesentliche Veränderungen hervorbringen. Laß uns nur zusehen, daß wir nicht abbiegen und in die Irre gerathen. Um dem zu entgehen, ist es nöthig, daß wir uns besprechen und in voller Uebereinstimmung handeln!

Ist etwas vorgekommen, das uns Schaden bringt? versetzte Fürchtegott, jetzt ganz wieder Geschäftsmann und alle seine Gedanken nur auf das Ziel gerichtet, dem sein Leben gewidmet war.

Höre mich an, sagte Christlieb, den Bruder in sein Arbeitszimmer im Thurme führend. Du wirst dann mit deiner Ansicht nicht zurückhalten.

Fürchtegott horchte gespannt auf die Mittheilungen seines Bruders, der ihm folgende Eröffnungen machte:

Du gabst nach deiner Rückkehr aus der neuen Welt bekanntlich unsern nur von uns Brüdern beschäftigten Arbeitern die Weisung, gemischte Leinen anzufertigen. Vanderholst hatte dich darauf aufmerksam gemacht und Wimmer billigte den Vorschlag.

Wir haben dadurch viele Tausende verdient, warf Fürchtegott ein, und die neuesten Ladungen müssen das Doppelte abwerfen.

Ohne Zweifel, sagte Christlieb, indeß hat sich ein fataler Zufall recht hemmend in den Weg gelegt.

Wie so?

Der Zusammenhang ist mir durchaus nicht klar, fuhr Christlieb fort, ich weiß nur so viel, daß Herr Beinheim mittelst eines Couriers Wimmer vor einigen Tagen benachrichtiget hat, er habe es für unerläßlich nöthig erachtet, die nach Paramaribo bestimmte Waarensendung unverweilt durch ein drittes Haus nach Nordamerika abgehen zu lassen.

An wen dort?

Ich weiß es nicht, auch Wimmer ist nicht weiter unterrichtet. Herr Beinheim hat nur noch hinzugefügt, erreiche diese Sendung Surinam, so sei es sicher die letzte, die wir dorthin schicken könnten. Man hat eine ganz fatale Entdeckung gemacht!

Die Mischung?

Christlieb bejahte.

Die nächsten Sendungen müssen aus tadellos reinem Leinen bestehen, sagte Fürchtegott entschlossen. Wir nehmen lauter Handgespinnst und lassen uns es vom Vater besorgen. Merken sie's auch drüben in Nordamerika und müssen wir's auf unsere Kappe nehmen, so machen wir öffentlich bekannt, daß man uns betrogen hat. Bei Vanderholst finden sich keine Briefe, die uns der Lüge zeihen könnten, unsere Correspondenz verbrennen wir noch heute.

Ganz recht, erwiderte Christlieb, wer aber kann wissen, ob Wimmer reinen Mund gehalten hat; ob die uns Dienenden, wenn wir bei ihnen plötzlich die Arbeit stellen lassen, schweigen? Es wissen's ihrer an hundert!

Verdammt!

Und dann, fuhr Christlieb fort, geht uns der gehabte Gewinn fast ganz verloren, wenn wir an Alle nur ächt leinene Waaren versenden.

Thut nichts, sagte Fürchtegott, den Verlust halten wir aus; wenn nur das Geheimniß nicht verrathen wird. Weiß der Vater?

Kein Wort! fiel Christlieb ein. Er darf auch keine Ahnung davon erhalten. Unsere eigenen Spinner –

Sind vollkommen zu täuschen, sagte Fürchtegott. Was sie spannen, ging von jeher, wie ich mich wiederholt vernehmen ließ, in's Wiener und Triester Geschäft. Und so klug ist Keiner von Allen, daß sie errathen können, wie und auf welche Weise wir die letzten Jahre her die amerikanischen Waarensendungen herstellen ließen.

Es ist mir nur um's Renommée zu thun, bemerkte der Bruder. Offen gestanden hatte der ganze Handel, den du noch während deines Aufenthaltes in Surinam vorschlugst, nicht meinen Beifall. Der Vater pocht, wie du weißt, auf seine Reellität; kein größeres Lob gibt es für einen Mann in seinen Augen, als wenn man ihn einen »richtigen reellen« Mann nennen kann. Erfährt er nur den Schatten eines Wortes von dem, was wir auf eigene Faust versucht haben, ich glaube, er verstößt uns noch jetzt oder der Schreck stürzt ihn in's Grab!

Fürchtegott war bleich geworden. Er ging unruhig, die Arme verschränkt, im Zimmer auf und nieder. Laß uns vorsichtig sein und um des Himmels Willen nicht den Kopf verlieren! sagte er nach einer Pause. Ich trage allerdings die meiste Schuld, wenn man das Bestreben eines Kaufmannes, sein Gut zu mehren, wie immer die Gelegenheit sich ihm darbietet, Schuld zu nennen berechtigt ist. Glückt es und glückt es lange, so hebt uns die Welt in den Himmel und preist unsere Klugheit und Umsicht, indem sie uns zugleich Väter des Volkes nennt, da wir einigen tausend Menschen Arbeit und Brod geben; glückt es nicht, so verdammt man uns ungehört. Wer aber denkt nur an das Unglück, wenn er mit eigenen Augen sah, wie klug angefaßte Speculationen ganz Mittellose in kurzer Zeit zu Millionären machten.

Ich will dich keineswegs des Leichtsinns zeihen, sprach Christlieb. Haben wir zusammen gewonnen, so wollen wir auch, schlägt das Glück um, zusammen verlieren.

Gewonnen! rief Fürchtegott. Wie steht es denn mit dem Lotto? Du hast doch regelmäßig fortgespielt?

Leider ja, erwiderte Christlieb, und wäre es möglich gewesen, immer genau aufzupassen, so hätten wir schon drei Ternen einsäckeln können.

Drei Ternen? Und wir haben nicht eine?

Zur Zeit noch nicht. Das Signalisiren ist zu gefährlich, deßhalb hab' ich's aufgegeben, wenigstens von hier aus. Ich muß, will ich dem Glück noch einmal in den Arm fallen, jedesmal des Nachts bis hart an die Grenze reiten. Dort an einem gewissen Orte sind von einem äußerst verschmitzten Köhler Vorkehrungen getroffen, um die gezogenen Nummern zu erfahren. Könnte ich an jedem Ziehungstage, ohne Aufsehen zu erregen, mich dahin verfügen, so wäre ich sicher, bald einen Treffer mein zu nennen.

Versuch's auf alle Weise, drängte Fürchtegott. Wir sind freilich um Geld nicht verlegen, man kann aber von diesem edlen Metalle nie genug in Händen haben, besonders wenn so ungeheure Verluste in Aussicht stehen. Und dabei ist's nicht einmal möglich, den bereits begonnenen Handel in der bisher eingehaltenen Weise ganz aufzugeben. Wir haben der Kunden in den Vereinigten Staaten zu viele, die gerade nur halbleinene Waaren begehren.

Mit diesen müßte man sich verständigen, sagte Christlieb. Die Hauptsache ist, dem Sturme vorzubeugen, der von den peinlich soliden Häusern gegen die Firma »Gebrüder Ammer« losbricht, wenn sie unleugbare Beweise in die Hände bekommen.

Ich weiß Rath, sprach Fürchtegott. Da ich auf dem Punkte stehe, mich zu verheirathen, und ich deßhalb in den letzten Wochen weniger streng in rein geschäftlichen Angelegenheiten gewesen bin, kann es unsern Leuten nicht auffallen, wenn ich scheinbar mein nachlässiges Wesen bis Pfingsten beibehalte. Du mußt dagegen die Pünktlichkeit selbst sein, dabei den Arbeitern streng auf die Finger sehen, Niemand merken lassen, daß Sorgen dich drücken, und vor Allem auch nicht den Schein irgend einer Blöße dir zu Schulden kommen lassen. Mein Bräutigamsstand gibt mir ein Recht herumzuschwärmen, d.h. zwischen Weltenburg, der Stadt und meines Vaters Wohnorte. Ob ich des Nachts hier oder wo anders weile, kann und wird Niemand auffallen. Während nun unsere Arbeiter wähnen, ich sei bei meiner Braut, besorge ich mit größter Vorsicht und Unermüdlichkeit die Entwickelung und Ordnung dieser überaus wichtigen Angelegenheit, und vertrete des Nachts an der Hütte des Köhlers zugleich deine Stelle. Welche Nummern spielst du?

Immer dieselben, sagte Fürchtegott. Außer dem Treffer des Vaters behalte ich diejenigen bei, welche ich beim ersten Zusammentreffen mit Zobelmeier diesem aufgab, und endlich die von Leisetritt am Mordplatze des Grenzjägers gefundenen. Sie hatten noch immer entschiedenes Glück.

Gut, erwiderte der entschlossene, zu raschem Handeln stets bereite Fürchtegott. Noch heute Nacht statte ich dem Köhler einen Besuch ab, und morgen bei Sonnenaufgang klopfe ich an die Thür des schlauen Herrn Wimmer. Vielleicht vermag er mir einige nähere Winke zu geben, damit man nicht zu sehr im Dunkeln tappt und durch zufälliges Fehlgreifen die schlimme Sache noch schlimmer macht, als sie ist.

Christlieb billigte die Vorschläge seines Bruders und ertheilte ihm die nöthigen Vorschriften, um, ohne verdächtig zu erscheinen, Eingang bei dem Köhler zu erhalten.

Dann verschlossen und verriegelten sie die Thür des Arbeitsgemaches, Christlieb öffnete sein Pult, beide Brüder suchten eine Reihe von Briefen aus dicken, wohlgeordneten Paqueten, Fürchtegott zündete Feuer im Kamin an, und bald waren die verrätherischen, ihr Vermögen wie ihre Ehre bedrohenden Blätter in ein schwarzes, raschelndes Aschenhäufchen verwandelt.

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