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Die Familie Ammer ? Zweite Abtheilung. Moderne Götzendiener.

Ernst Willkomm: Die Familie Ammer ? Zweite Abtheilung. Moderne Götzendiener. - Kapitel 22
Quellenangabe
typefiction
authorErnst Willkomm
year1855
firstpub1855
publisherVerlag von Meidinger Sohn & Cie.
addressFrankfurt a. M.
titleDie Familie Ammer ? Zweite Abtheilung. Moderne Götzendiener.
created20100107
sendergerd.bouillon@t-online.de
noteUnter Verwendung der PDF-Version von hproding@sun.ac.za
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Drittes Kapitel. Im Elternhause.

Am zweiten Osterfeiertage war die Thür des alten Ammer von einem sich immer auf's Neue ergänzenden Schwarm harmloser Neugierigen förmlich belagert. Der greise Weber kümmerte sich eben so wenig wie die übrigen Hausbewohner um die Schaar der Gaffer; vielleicht wäre es ihm sogar erwünscht gewesen, wenn deren Zahl sich noch vermehrt hätte.

Ein glücklicherer Tag war, so lange Ammer, wie er zu sagen pflegte, handthierte, noch nicht über seinem Hause aufgegangen. Durch die unter Flora's Anleitung von den Mägden dreimal geklärten Fensterscheiben gewahrten die draußen am grüngemalten Gartenstaket Lehnenden eine die ganze Breite des Wohnzimmers einnehmende Tafel. Ein feines Damasttuch, so stark geglättet, daß es an den Ecken weit abstand, überbreitete dasselbe, und was Frau Anna von seltenem Geschirr besaß, das ward heute aufgesetzt. Dadurch überlud man die Tafel dergestalt, daß sich trotz allen Hin- und Wiederschiebens der vielen Porzellangefäße doch keine rechte Symmetrie herstellen ließ. Flora that zwar das Möglichste, weil aber nichts entfernt werden sollte, blieben der Geräthschaften doch immer zu viele.

Ein bisher im Hause des Webers nicht gesehener Mann war das beständige Augenmerk der Neugierigen. Der Schnitt seines Frackes hatte etwas Ausländisches, auch fielen die langen schwarzen Haare, die er gescheitelt trug, den Zuschauenden auf. Dieser Mann war Walter, der sich in seiner zuthunlichen Weise sogleich mit Flora eng befreundet hatte und jetzt, von der glücklichen, jungen Frau bereits ziemlich eingeweiht in Küche, Keller und sonstige Geheimnisse des Ammer'schen Hauses, die Rolle eines anstelligen Haushofmeisters mit wahrer Virtuosität durchführte. Walter half demnach bei Anordnung der Tafel, so schwer oder unmöglich es war, in dieses Chaos wirkliche Ordnung zu bringen. Er legte geschriebene Zettel auf die Teller, ja brach sogar Servietten. Flora schlug vor Erstaunen und Freude die Hände zusammen, als sie bald da ein Schiffchen auf silberblankem Zinnteller stehen, bald einen Fächer daraus emporwachsen sah. Diese Kunst verstand sie nicht auszuüben, obwohl sie schon früher davon gehört hatte. Walter war sogleich erbötig, die aufmerksame, junge Frau darin zu unterweisen, und so gelang es Flora nach einigen Versuchen ebenfalls Serviettenschiffchen vom Stapel laufen zu lassen.

Um die Stunde, wo bei heiterm Wetter die Dorfbewohner ihren Feldspaziergang zu machen pflegten, um auf den schon früher beschriebenen Waldhöhen blühende Weidenzweige abzubrechen und die ersten Kinder des erwachenden Lenzes zu einem Strauße zu sammeln, wurde heute in Ammer's Hause getafelt.

Am Abend zuvor war der Weltumsegler Fürchtegott, wie man den jungen Ammer gewöhnlich nannte, spät von Herrnhut zurückgekommen und zwar in Begleitung seiner Braut. Diese Kunde lief von Haus zu Haus, und obwohl Niemand eine Ahnung hatte, woher diese Braut eigentlich stamme, wer sie sei, so erfand doch sofort die Fama eine Geschichte, die, von dem Einen erzählt, bereitwillig von Allen geglaubt wurde. Nach dieser Erzählung hatte Fürchtegott sich die einzige Tochter eines steinreichen Pflanzers zum Weibe erkoren. Außer den unermeßlichen Reichthümern, welche sie ihm zubrachte, war sie selbstverständlich jung und ein wahrer Ausbund von Schönheit. Sie trug nur golddurchwirkte Kleider von ganz eigenthümlichem Schnitt, verstand kein Deutsch, sondern sprach Spanisch und Englisch, und wenn sie ausging, trugen zwei junge Schwarze, die sie mitgebracht, hinter ihr her große Wedel von Pfauenfedern, entweder um sie gegen die Strahlen der Sonne damit zu schützen, oder auch ihr ununterbrochen frische Luft zuzufächeln. Daß nach dieser wunderbar klingenden Erzählung Alle überaus begierig waren, die reiche, schöne Fremde mit eigenen Augen zu sehen, bedarf wohl nicht der Erwähnung.

Nach längerem Harren sollten die Neugierigen für ihre Ausdauer belohnt werden. Die sehnlichst Erwartete trat an der Hand des jungen Ammer in's Zimmer und nahm zugleich mit den übrigen Mitgliedern der Familie Platz an der festlich geschmückten Tafel. Nicht aber eine hohe, strahlende Schönheit mit wallendem Lockenhaar, umrauscht von goldstrotzenden Kleidern, mit kostbaren Perlengewinden und Diamanten geschmückt, trat ein, sondern eine fast zu einfach gekleidete Herrnhuterin, an deren allerdings sehr fein gebauter und weißer Hand nur ein einziger Goldreif schimmerte. Weder Gold- noch Perlenketten umschlangen den Hals. Ihr, wie es schien, volles, blondes Haar bedeckte das Allen gar wohl bekannte Häubchen, dessen die Schwestern sich bedienen. Da aber dieses Häubchen nicht einmal mit Rosaband unter dem Kinn befestigt war, sondern mit einfacher weißer Schleife, mußte man sich schweigend sagen, die Braut des reichsten jungen Mannes der Provinz sei schon einmal verheirathet gewesen.

Mit dieser unerwarteten Enttäuschung verminderte sich augenblicklich die Schaulust der Menge. Wer konnte auch an einer verwittweten Herrnhuterin viel zu bewundern finden, wer überhaupt mochte noch Interesse haben für eine so schlichte Persönlichkeit!

Schon nach wenigen Minuten hatten Wald und Flur mehr Anziehungskraft für die Neugierigen als das, was im Wohnzimmer des steinreichen Webers geschah, und ehe man sich's versah, stand Niemand mehr an dem grüngemalten Staket, welches den um das halbe Haus laufenden Blumengarten des alten Ammer einfaßte. Nur dann und wann schielte ein Vorübergehender nach den Fenstern, deren untere Schieber aufgeschoben waren, um in das etwas niedrige Zimmer frische Luft strömen zu lassen.

Ammer im Rohr war das Verhalten der Menge nicht entgangen, und mochte er bisweilen auch gern bewundert werden als ein nicht alltäglicher Mensch, so konnte es ihm doch noch mehr Vergnügen machen, wenn die reine Neugierde Gedankenloser keine Befriedigung fand. Er lachte daher recht herzlich, als er die langen, vor Erstaunen bald dummen, bald ärgerlichen Gesichter bemerkte, die sich noch einmal fest an das Staket drückten und dann verschwanden.

Erdmuthe saß zwischen ihrem Verlobten und dessen Vater. Diesmal hatte Fürchtegott durch seine Wahl die ganze Zufriedenheit seines Vaters sich erworben. Der alte, eigensinnige und bisweilen etwas sehr wunderliche Mann würde zwar auch jedes andere unbescholtene Mädchen, das der Sohn ihm als Braut zugeführt, freundlich aufgenommen haben, ohne gerade nach ihren Vermögensumständen zu fragen; schwerlich jedoch hätte er sich recht von Herzen gefreut, wenn Fürchtegott mit einer reichen, vornehmen, anspruchsvollen und etwas verzogenen Weltdame in sein unscheinbares Haus getreten wäre. Die Herrnhuterin war ihm nicht deßhalb lieber, weil sie der Brüdergemeinde angehörte, sondern ihres bescheidenen Auftretens wegen, und daß sein anspruchsvoller und oft nur zu hochmüthiger Sohn gerade diese Schwester unter Tausenden sich erwählte, war ihm Beweis dafür, daß neben mancher tadelswerthen Eigenschaft doch eine tiefe und edle Leidenschaftlichkeit Raum in seinem Herzen finden könne.

Ein fröhlicheres Familienfest, als die ohne alles äußere Gepränge erfolgende Verlobung Fürchtegott's mit Erdmuthe war in Ammer's Hause noch niemals gefeiert worden. Der Frieden, welchen die gewesene Missionärin gepredigt hatte und der seit Jahren unbestritten Besitz von ihrer Seele genommen, schien mit ihr zugleich die Wohnung Ammer's betreten zu haben. Dem mild und still waltenden Wesen Erdmuthe's gegenüber verlor alles Harte, Starre, gemein Leidenschaftliche seine Kraft. Sie bändigte mit Einem Blicke alle Leidenschaften und Begierden, und wenn sie sprach, so schmeichelten sich der Ton ihrer Stimme, wie der Gehalt und die Wahrheit ihrer Worte gleich linderndem Balsam in Ohr und Herz der Zuhörer.

Ammer verhehlte seine Freude über die getroffene Wahl seines Sohnes nicht, eben so wenig machte er ein Geheimniß aus den Gefühlen, die ihn bewegten. Er sprach es in seiner treuherzigen, offenen Weise gegen Erdmuthe offen aus, daß durch ihren Eintritt in sein Haus ein neuer belebender Sonnenblick in sein schon etwas winterlich kühl und nebelreich gewordenes Leben gefallen sei.

Du bist mir in's Stübel gesprungen, sagte er zu der mild lächelnden Braut, wie der Frühling, der in unseren Bergen auch oft zwischen Mitternacht und Sonnenaufgang über die Berglehnen in die Thäler und Gründe hereinfliegt. Ich denk' immer, ich höre die Nachtigall schlagen oder den Triller der ersten Lerche in der bläulich schimmernden Luft verhallen, wenn du sprichst, und so thust du meinem alten Herzen wohl, und das werd' ich dir nie vergessen, bis zum letzten Athemzuge.

Es konnte nicht helfen, auch Erdmuthe mußte sich zu diesem körnigen alten Manne hingezogen fühlen, der für das Muster eines rechtlichen Webers gelten konnte. Es war Alles gediegen an dem stattlichen Greise, der durch Thätigkeit und Ausbauer, zu denen sich freilich seltenes Glück gesellte, eine so große Macht sich zugeeignet hatte.

Von allen Familiengliedern war aber doch Niemand innerlich so erfreut, als Flora. Das immer nur dem Rechten zugewandte Gemüth der jungen Frau hatte ihrem Bruder, dessen Schwäche sie kannte, allen Kummer vergeben, den er den Eltern durch sein eigenmächtiges Handeln bereitet. Die Wahl Erdmuthe's, die sie mit leidenschaftlicher Heftigkeit als Schwester in ihre Arme schloß, machte Alles gut. Sie segnete jetzt sogar den Tag, wo Fürchtegott ohne Zustimmung des Vaters die Heimath verlassen hatte, und als sie im traulichen Gespräch mit der Verlobten die näheren Umstände ihres geistigen Bekanntwerdens erfuhr, erschien ihr des Bruders ganzes Auftreten in viel milderem Lichte; nur konnte sie nicht begreifen oder fand es doch nicht ganz entschuldbar, daß Fürchtegott seine Neigung vor Jedermann geheim gehalten. Ihr, der liebevollen, theilnehmenden Schwester, meinte sie, hätte er sich doch anvertrauen können. Das wäre sogar gewissermaßen seine Pflicht gewesen, denn sie habe ja auch ihre Neigung zu Albrecht nicht verheimlicht.

Fürchtegott scherzte über diese schwesterlichen Zumuthungen und meinte, es habe doch wohl so sein sollen. Was ihn betreffe, so sei er ganz zufrieden, daß Alles sich so gefügt habe. Das vorherige Besprechen einer so wichtigen Angelegenheit würde ihn nur gestört, seine Zuversicht geschwächt und ihn dadurch in unnöthige Zweifel und Aengste gestürzt haben.

Erdmuthe's Verhältniß zu den übrigen Mitgliedern der Familie Ammer ward sonach ein in jeder Hinsicht angenehmes. Frau Anna sah ihre neue Tochter oft lange mit eigenthümlichen Augen an, umarmte sie dann heftig und sagte:

Liebe, liebe Erdmuthe! Du wirst unser Aller guter Engel sein!

Dann mußte die Herrnhuterin wieder erzählen, bald von sich, bald von den Wilden, mit denen sie Jahre lang zusammengelebt, und auf welche Weise es ihr möglich geworden, von Natur so wildgeartete und unbändige Naturen doch zu zähmen, ja sogar sich unterthan zu machen.

Ueber diese vielen Fragen und dem unerschöpflichen Born der Unterhaltung vergaß man fast die leiblichen Genüsse, wenigstens ließ man diesen nicht in der bei so feierlicher Gelegenheit sonst üblichen Weise ihr Recht widerfahren. Immer auf's Neue gab es wieder etwas zu erzählen, nicht allgemein Bekanntes zu erläutern, und während Alle mit großer Spannung solchen Erklärungen lauschten, ruhten Hände und Lippen.

Fürchtegott war hoch erfreut, ja beglückt über die Macht, welche das bloße Erscheinen Erdmuthe's übte. Er hätte vor übergroßer Freudigkeit laut aufjauchzen mögen, da nun dies aber nicht wohl thunlich, und noch weniger schicklich war, begnügte er sich mit Zärtlichkeitsäußerungen gegen seine Braut.

In diesem ganzen Kreise befand sich nur Einer, der nicht vergnügt schien. Dies war Christlieb, der am ersten Osterfeiertage von Weltenburg herübergekommen und sogleich mit der Nachricht von Fürchtegott's Verlobung durch seinen eigenen Vater überrascht worden war.

Auch ihm gefiel Erdmuthe, er hätte sie vielleicht, wäre sie nicht die Braut des Bruders gewesen, selbst lieben können, obwohl ihn bisher jede weibliche Schönheit ziemlich kühl gelassen hatte. Aber er fühlte sich beengt in ihrer Nähe. Einen vernünftigen Grund, aus welchem dies seltsam beengende Gefühl entsprang, wußte er nicht anzugeben, und dennoch konnte er es nicht los werden. Endlich glaubte er einen Anhaltspunkt in der gar zu großen Einfachheit seiner zukünftigen Schwägerin gefunden zu haben. Diese schmucklose, allen Glanz verschmähende, ihn vielleicht gar verdammende Schwester, die gelehrt und gepredigt hatte, gleich den Aposteln, die schon deßhalb an weltlichen Dingen, weil sie vergänglich sind und leicht die Beute der Motten und des Rostes werden können, keinen Gefallen finden durfte, wenn sie wirklich von Herzen der Brüdergemeinde angehören wollte: sie mußte sich selbst entweder nie glücklich fühlen in den mit fürstlicher Pracht ausgeschmückten Hallen von Weltenburg, oder den Bruder dahin vermögen, sich dieser äußeren Zeichen seines Reichthums zu entkleiden.

Um nicht durch sein zerstreutes Wesen, das bei der bisherigen lebhaften Unterhaltung glücklicherweise von Niemand bemerkt worden war, später noch aufzufallen, beschloß er, seine Schwägerin zu erforschen. Er fragte daher, wann sie Weltenburg zu besuchen gedenke?

Erdmuthe wandte ihr, von dem vielen Sprechen und der Freude, die sie durchrieselte, fein geröthetes Gesicht ihm zu, indem sie naiv entgegenfragte:

Weltenburg? Wahrhaftig, das weiß ich nicht, denn ich kenne den Ort gar nicht. Ist er schön gelegen und merkwürdig?

Na, das muß ich sagen, fiel Ammer heiter ein, wüßte ich nicht schon, daß ihr Beiden bis über die Ohren in Liebe und Seligkeit schwimmt, so würde mich diese Unkenntniß meiner kleinen, lieben Schwiegertochter darüber aufklären. Andere junge Herren, wenn sie um ein Mädchen freien, kollern ihm zuvor allerhand blinkernde Kostbarkeiten unter die Augen, damit sie davon geblendet werden, oder sprechen von ihren Schlössern, die weit oben hinter der spanischen See mitten hinein in die blaue Luft gebaut sind, daß es nur so seine Art hat; und mein großmächtiger Herr Sohn vergißt über seinen Liebesgedanken ganz und gar, daß er halbpart Herr auf unserm Schlosse Weltenburg ist?

Mein Fürchtegott Herr eines Schlosses? sagte Erdmuthe und die Rosen auf ihren Wangen verwelkten ziemlich rasch.

Ja, ja, meine liebe, fromme Schwester, fuhr Ammer fort; es hat meinem Schöpfer gefallen, mich wunderbar zu segnen mit weltlichen Gütern und ich danke ihm dafür in Demuth und Bescheidenheit. Weil ich aber als ein alter Mann, der sich an Neues, selbst wenn es besser ist, als das Alte, nur schwer gewöhnt, nicht gern aus meinen vier Pfählen herauswollte, so lange ich noch rührig handthieren kann, hab' ich das Schloß den Söhnen überlassen. Für die jungen Herren, welche die Welt mehr sahen als ich schlichter Weber, paßt das besser, und dir, mein liebes, feines Töchterchen, werden die Füßchen wohl nicht gleich müde werden, wenn du auch ein paarmal des Tages die Treppen auf und abwandeln mußt.

Gewiß nicht, mein Herr Vater, versetzte Erdmuthe, ich bin nur ganz und gar nicht dazu angethan, eine Schloßfrau vorzustellen.

Kind, das lernt sich! meinte Ammer. Ihr Weiber habt in diesem Punkte ein merkwürdiges Talent, euch rasch zu verwandeln. Hast du erst acht Tage lang in deinem Schlosse zugebracht, wird's dir vielleicht schwer fallen, hier in dies niedrige Weberhaus wieder einzutreten.

O nein, nein, mein Vater! sprach Erdmuthe hastig. Nie kann, nie soll dies geschehen! Das Einfache, Glanz- und Prunklose wird und soll immer meine Heimath sein. Ich würde untreu werden meinem Wort, das ich dem Herrn gelobt, als ich seinen Lehren und Vorschriften gemäß zu leben versprach. Ich weiß, Glanz und Pracht müssen sein; sie sind nöthig wie die Sterne am Nachthimmel, sie gehören zur Einrichtung dieser Welt! Aber ich, bester Vater, ich bin nicht würdig und nicht fähig, in prunkenden Gemächern einherzugehen. Nicht wahr, bester, liebster Fürchtegott, das verlangst auch du nicht von deiner Erdmuthe?

Diese mit starker Bewegung gesprochenen Worte wären wohl geeignet gewesen, die Freude zu stören, Ammer jedoch wollte sich nicht stören lassen. Darum versetzte er, ehe irgend ein Anderer etwas erwidern konnte, in der heitersten Laune:

Habe nur keine Furcht, meine kleine schüchterne Taube. Der Herr auf Weltenburg, der da als dein verlobter Bräutigam neben dir sitzt, ist viel zu gescheidt, als daß er dir zumuthen würde, du solltest gegen deine Neigung oder deinen Willen wie eine mittelalterliche Burgfrau in Sammt, Seide und Edelsteinen einherrauschen, 's ist mir ganz angenehm zu hören, daß die weibliche Eitelkeit dein Herz fest verschlossen gefunden hat. Damit wirst du meinen prachtliebenden Sohn recht weise im Zaume halten. Und will er nicht, wie seine kluge Frau es für zweckdienlich erachtet, da wende dich nur dreist an den alten Weißkopf! O, mein Kind, der alte Ammer kann sich 'was einbilden auf seinen starren Nacken! Es hat ihn noch kein Fürst beugen können, und wird es auch Niemanden gelingen, als Gott woll' es verhüten dem ungeheuersten Unglück! Also, will dein Mann dereinst zu hoch hinaus, so klopfe nur keck an's Schiebefenster, und da wollen wir beide die zu hoch aufschießenden Zweige ihm mit der Scheere der Liebe stutzen. Aber sehen mußt und sollst du Weltenburg. Und wie du's dann haben willst, so werd' ich's dir einrichten lassen. Darauf hast du hier meine Hand!

Erdmuthe küßte die Hand ihres Schwiegervaters und schien vollkommen beruhigt. Fürchtegott schwieg, obwohl er mancherlei auf dem Herzen hatte. Christlieb verhielt sich ebenfalls still, beobachtete aber sehr scharf sowohl seinen Bruder als dessen fromme Braut, und konnte nicht umhin, sich zu gestehen, daß aus der großen Verschiedenheit der Charaktere und Neigungen dieser beiden Menschen, die sich einander für's Leben verbinden wollten, ein ganzes Gebirge von Schwierigkeiten und Widersprüchen emporsteigen könnte, das wohl alles Glück, das sie im Augenblick sich träumten, zu verdunkeln, wo nicht ganz zu erdrücken geeignet sein möchte.

Walter, dessen scharfer Beobachtung nicht entgangen war, daß die unerwartete Frage Christlieb's die vorher so gänzlich heitere Atmosphäre wie ein in weiter Ferne ausklingender Donnerschlag vibriren machte, bemühte sich, das Gespräch wieder auf andere Gegenstände und dadurch die Aufmerksamkeit Aller von Weltenburg abzulenken. Er begann deßhalb von Surinam zu erzählen, schilderte die Contraste der dort angesiedelten Europäer mit den Ureinwohnern des Landes und entwickelte dabei ein so köstliches komisches Darstellungstalent, daß in sehr kurzer Zeit sämmtliche Tischgäste in die heiterste Stimmung versetzt wurden. Der alte Ammer mußte zuletzt laut auflachen, und auch Frau Anna, deren still betrachtende Natur selten in ausgelassene Heiterkeit umschlug, konnte vor Lachen gar nicht mehr zu Athem kommen. Erdmuthe gab zu, daß wer, wie eben Walter, ein Auge für das Komische besitze, allerdings sehr viel höchst Wunderliches in jenem tropischen Lande auffallend und in hohem Grade lächerlich finden müsse.

So endigte denn das Familienfest in der heitersten Weise. Später als gewöhnlich begab man sich zur Ruhe, zuvor aber ward noch festgesetzt, daß Erdmuthe bis zu ihrer Vermählung mit Fürchtegott im Hause Ammer's bleiben, die Vereinigung der Liebenden aber zu Pfingsten stattfinden solle.

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