Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Ernst Willkomm >

Die Familie Ammer ? Zweite Abtheilung. Moderne Götzendiener.

Ernst Willkomm: Die Familie Ammer ? Zweite Abtheilung. Moderne Götzendiener. - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
authorErnst Willkomm
year1855
firstpub1855
publisherVerlag von Meidinger Sohn & Cie.
addressFrankfurt a. M.
titleDie Familie Ammer ? Zweite Abtheilung. Moderne Götzendiener.
created20100107
sendergerd.bouillon@t-online.de
noteUnter Verwendung der PDF-Version von hproding@sun.ac.za
Schließen

Navigation:

Drittes Buch.

Erstes Kapitel. Ein Geständniß.

Ein Zeitraum von mehr als drei Jahren liegt zwischen den folgenden und den zuletzt mitgetheilten Ereignissen. Die politische Weltlage war inzwischen eine andere, wenn auch nicht den Wünschen Aller vollkommen genügende geworden. Auf den ungeheuern Kriegslärm, in dessen Kanonendonner die Krone des gallischen Cäsar zersplitterte, folgte eine Stille, die fast unheimlich gegen die Rührigkeit der letzten Jahre abstach. Dennoch freuten sich Bürger und Bauer der neuen Wandelung, denn so bedeutend die Glücksgüter Einzelner durch die kriegerischen Zeitläufe sich vermehrt haben mochten, das Allgemeine hatte doch nur Schaden darunter gelitten. Ueberall sah man zerstampfte oder schlecht angebaute Fluren. Ganze Dörfer lagen entweder noch in Trümmern oder erstanden aus Schutt und Asche, und wenn solche neu aufgebaute Ortschaften dem Auge auch einen erfreulichen Ruhepunkt darboten, waren sie dennoch kein Zeichen befestigten Glückes, wahrhafter Zufriedenheit, gesicherten Vermögens, sondern ein Erzeugniß, das die Nothwendigkeit erheischte und die schwere Zeit gebieterisch forderte, um aus der Ferne hereindrohendem vielleicht noch größerem Drangsale dadurch zu entgehen oder doch zu begegnen.

Während des Krieges, unter dem namentlich auch die mitteldeutschen Staaten schwer zu leiden hatten, trafen den Handel nach allen Seiten hin gewaltige Schläge. Große Häuser, die seit mehreren Menschenaltern mit reichen Mitteln großartige Geschäfte machten, mußten wegen mangelnder Zahlungsfähigkeit Anderer im Auslande sich theils einschränken, theils ganz zurückziehen. Dagegen war es manchem bisher unbeachtet gebliebenen Hause gelungen, durch irgend eine kühne Schwenkung oder einen unerwarteten Zufall sich größere Geltung zu verschaffen und von Andern gezwungen oder freiwillig aufgegebene Geschäftszweige an sich zu reißen.

Dies Glück hatten namentlich einige Handeltreibende, die in früheren Jahren nicht für Kaufleute galten: wir meinen die eigentlichen Leinwandproducenten, also die Weber. Viele dieser Leute, wohlhabend, ja begütert, gewannen, während der Kaufmann, der nicht zugleich Producent war, Verlust auf Verlust zu tragen hatte. So überflügelte die Production, indem sie sich zugleich auf den kaufmännischen Vertrieb legte, den nicht producirenden Kaufmann. Umsichtige speculative Köpfe legten neben der arbeitenden Maschine, gleichviel ob diese von Menschenhänden oder von Elementarkräften in Bewegung gesetzt ward, kaufmännisch eingerichtete Comptoire an, gründeten in den größeren Handelsstädten des In- und Auslandes Commanditen und beherrschten durch diese schnell entfaltete Manövrirkunst die ganze, ihnen zinsbar gewordene Handelswelt eben so vollständig, als NapoleonI. seit seiner Erhebung zum französischen Kaiser die europäische Politik.

Daß die Familie Ammer zu diesen theils durch eigene Kraft, theils durch ein seltenes Zusammentreffen vieler Glücksumstände Emporgehobenen gehörte, haben wir in dem Vorhergehenden darzuthun versucht. Von den Kriegsereignissen ward sie nur indirect berührt. Außer Durchzügen einzelner Heerabtheilungen und häufig sich wiederholenden Einquartierungen, schwang die Kriegsfurie die Brandfackel der Zerstörung nicht in unmittelbarer Umgebung der Ammer'schen Besitzungen. Auf die Handelsgeschäfte derselben hatte sie noch weniger Einfluß, man müßte denn die um einige Monate verzögerten Ablieferungen ihrer überaus werthvollen Versendungen nach Nord- und Süd-Amerika mit in Anschlag bringen wollen.

Der zweite Pariser Frieden fand die Ammer bereits in so gesicherten Vermögensumständen, daß jedes Handelswagniß, das nicht außer aller Berechnung der einschlagenden Zeitverhältnisse lag, von ihnen mit ziemlich gewisser Aussicht auf Erfolg unternommen werden konnte. Reichten die eigenen Mittel dazu nicht hin, so eröffnete sich den Gebrüdern Ammer von allen Seiten ein nicht leicht zu erschöpfender Credit. Der Arme glaubte an ihren Stern und drang ihnen fast mit Gewalt seine unbedeutenden Ersparnisse auf, so daß ihnen, hätten sie dazu Neigung bezeigt, in gewissem Sinne die halbe Bevölkerung der Provinz dienstbar geworden wäre. In der That war dies auch in sofern wirklich der Fall, als eine sehr große Anzahl von Arbeitskräften von der Familie Ammer abhing, mit ihrem Glücke selbst zu größerem Wohlstande gelangen und im entgegengesetzten Falle mit ihnen in unergründliches Elend hinabgestürzt werden mußten.

Die »Gebrüder Ammer«, wie sich seit Fürchtegott's Rückkehr aus Amerika die Firma nannte, besaßen sechs eigene Schiffe, darunter zwei Fregatten. Sie hatten Commanditen in New-York, Philadelphia, Paramaribo, Buenos Ayres, Triest und Smyrna, und dachten ernstlich daran, ihren weitreichenden Arm auch nach dem Norden Europa's, nach St.Petersburg und Archangel, endlich, um den Weg nach Asien sich offen zu halten, nach dem rasch aufblühenden Odessa auszustrecken.

Der Vater, zum Unterschiede aller übrigen Ammer und auch seiner Söhne, gewöhnlich Ammer im Rohr, wohl auch der Weber schlechthin genannt, wußte zwar um diese Geschäfte, kannte die ungeheuern Verbindungen seiner Söhne und ließ sich auch bisweilen, wenn er gerade recht gut gelaunt war, von den in wunderbarer Eintracht lebenden Söhnen erzählen, was sie Alles schon erreicht hatten und zu erstreben noch beabsichtigten; selbst activen Theil nahm er an diesen Geschäften nicht. Wohl aber gewährte es ihm aufrichtiges Vergnügen, zu hören, daß seine Solidität, seine vortreffliche Waare, seine große Einfachheit und Pünktlichkeit der Grundstein dieses großartigen, fast schwindelnden Baues sei. Sein eigenes Webergeschäft war begreiflicherweise dadurch ebenfalls in viel größeren Schwung gekommen. Ohne, daß er es recht merkte, mehrte sich die Zahl seiner von ihm selbst beschäftigten Arbeiter, und mit einer Anwandlung von Schrecken fand er eines Tages, als er Abrechnung hielt, daß er deren mehr als fünfhundert besaß und allwöchentlich ein paar Frachtwagen mit eigenen Producten an die »Gebrüder Ammer« expedirte, die für deren Weiterbeförderung Sorge trugen.

Auf Weltenburg waren die Gemächer des alten Schlosses, ohne ihnen den alterthümlichen Charakter zu rauben, gänzlich restaurirt worden. In diesen Räumen, die werth gewesen wären, ein Musenhof zu sein und Troubadours oder deutsche Minnesänger aufzunehmen, hätte jeder Fürst seine Residenz aufschlagen können. Diese prächtig geschmückten Hallen und Corridore genügten jedoch der Prachtliebe der Gebrüder Ammer noch nicht, und deßhalb hatten sie einen neuen Flügel anbauen lassen, der große, weite Säle neben elegant eingerichteten Zimmern enthielt, die wohl geeignet waren zur Aufnahme der ausgesuchtesten Gäste.

Seit dem letzten Herbst war der Schloßbau, der neue sowohl wie der alte, beendigt. Aber beide Baue standen leer oder wurden nicht eigentlich bewohnt, denn weder Christlieb noch Fürchtegott waren verheirathet, und den alten Ammer hatte bisher alles Bitten und Drängen seiner Söhne nicht bewegen können, aus seinem gemüthlichen Weberhause in die grandiosen, aber kalt aristokratischen Gemächer von Weltenburg überzusiedeln. Drei Zimmer nur, die kleinsten, neben einander gelegen, mit der Aussicht auf das Flußthal und den schönsten Theil des südwestlich streichenden Gebirgszuges, bestimmte er sich, wie er im provincialen Dialect zu sagen pflegte, zu seinem Ausgedinge, wenn er contract werden und am Schaffen und Wirken keinen Gefallen mehr finden sollte. Das größte dieser Zimmer enthielt einen mit großer Meisterschaft geschnitzten Kamin, in dem wohl ein paar Jahrzehnte keine trauliche Flamme mehr geleuchtet und gewärmt haben mochte. Die Brüder hatten in moderner Weise, ohne die künstlerisch schöne Einfassung des Kamins anzutasten, hinter demselben einen Ofen anbringen lassen, so daß, wollte Jemand das ungemein einladende und anheimelnde Zimmer im Winter bewohnen, die Durchwärmung desselben keine Schwierigkeiten machte.

Diese Zimmer bewohnte der alte Ammer bei seinen von Zeit zu Zeit sich wiederholenden Besuchen auf Weltenburg. Er setzte sich dann, namentlich gegen Abend, wenn die Sonne die malerischen Conturen der Gebirge scharf hervortreten ließ, an das hohe, epheuumsponnene Bogenfenster und prägte das wunderschöne Landschaftsbild fest seiner Seele ein. In solchen Augenblicken begegnete es dem alten Weber wohl, daß er sich der Erwerbung Weltenburgs freute, was sich für gewöhnlich nicht behaupten ließ.

Entsprechend dieser großartigen und prunkenden Einrichtung des alten wie neuen Schlosses war das äußerliche Auftreten der Gebrüder Ammer. Beide hatten das Mannesalter erreicht, waren stattliche Gestalten und trugen in ihren Zügen das Gepräge von Menschen, die an rastloses gedankliches Arbeiten gewöhnt sind.

Beide Brüder kleideten sich städtisch und zwar sehr elegant. Die feinsten Stoffe waren ihnen nicht zu gut, nicht zu theuer. Doch vermieden sie, gleichviel ob aus Grundsatz, aus eigenthümlichem Geschmack oder Caprice, die gäng und geben Moden, wie sie Deutschland aus Frankreich überliefert worden, mitzumachen. Der Schnitt ihrer Kleider war etwas abweichend von der streng französischen Mode, er war voller, reicher zu nennen und trug entschieden das Gepräge der Kaiserstadt an der Donau. Auf diesen Geschmack thaten sich die Brüder etwas zu Gute, indem sie Allen, die mit ihnen im Verkehr standen oder traten, damit zu erkennen geben wollten, daß sie in Wien heimisch seien.

Das levantinische Geschäft erforderte einen fortwährenden Verkehr mit Wien. Diesen leitete, nach geschlossener Uebereinkunft, ausschließlich Christlieb, während der transatlantische Handel in Fürchtegott's Händen lag. Christlieb hatte zu besserer Orientirung wiederholt Wien besucht und reiste, nachdem auch dieser Geschäftszweig geordnet worden war und die erfreulichsten Resultate auswies, regelmäßig zweimal des Jahres dahin.

Der letzte Ausflug Christlieb's an die Donau hatte über zwei Monate gedauert; seine Rückkehr erfolgte nicht mit der kaiserlichen Post oder, wie dies in der ersten Zeit geschah, auf dem »Stellwagen«, Christlieb erschien eines Tages vor Weltenburg in einem der elegantesten Wiener Wagen, den er sich in der Kaiserstadt gekauft hatte.

Diese Equipage machte nicht geringes Aufsehen. Die ältesten und reichsten Familien der Stadt besaßen nicht ein entfernt ähnliches Gefährt. So oft einer der Brüder oder Beide, bequem und vornehm in den elastischweichen Kissen desselben ruhend, sich auf den Straßen der Stadt sehen ließen, verursachten sie fast einen Auflauf. Auf ebenem Wege hörte man diesen meisterhaft gebauten Wagen kaum rollen, so zweckmäßig wiegte er sich in seinen starken Federn. Ein paar junge, gleichfarbige, feurige Rappen, die sehr viel Geld kosteten, wurden ebenfalls angeschafft, und damit ja nichts fehlen möge, die Besitzer desselben zu vornehmen Leuten zu stempeln, brachte man ein Phantasiewappen an jedem Wagenschlage an.

Der alte Ammer machte große Augen, als er den neuen Fortschritt seiner Söhne auf der breiten Straße der Cultur zum ersten Male erblickte. Er besah sich die Equipage von allen Seiten genau, betrachtete das närrische Phantasiewappen, auf dem sich der stumpfe Thurm von Weltenburg befand, erprobte mit den Händen die Elasticität der mit himmelblauem Sammet überzogenen Sitzkissen, und ging kopfschüttelnd von dannen.

Hast du die Karrete an Zahlungsstatt annehmen müssen? fragte er seinen Sohn. Ein paar tausend Gulden ist sie wohl werth?

Christlieb erwiderte, er habe die Equipage, da sie ihm über alle Maßen gefallen, deßhalb gekauft, damit der Vater, dem das Gehen ja doch allgemach schwer werde, recht bequem eine Spazierfahrt darin machen könne.

In der Prachtkarrete? versetzte Ammer. Soll mich Gott bewahren, mich auf sammetne Kissen zu setzen! Mein Lebtage habe ich keinen Fürsten in solchem Wagen kutschiren sehen, und ich, ein schlichter Weber, sollte so fahren? Bei Leibe nicht!

Und der alte Trotzkopf hielt Wort. Er machte zwar den Söhnen weder Vorwürfe, noch setzte er ihnen mit Vorstellungen zu; aber nie bestieg er den Wiener Wagen. Er bemühte sich vielmehr jetzt, wo die erwachsenen Söhne immer eleganter und vornehmer erschienen, sich darauf richteten, es den Reichsten im Lande gleich zu thun und ganz und gar die Manieren Altadliger annahmen, schlichter denn je aufzutreten.

Das mit grauer Leinwand überspannte, leichte Korbwägelchen blieb nach wie vor sein Lieblingsfuhrwerk. In diesem klappernden und auf holperigen Wegen unangenehm stoßenden Gefährt besuchte Ammer seine Freunde in der Stadt, in ihm erschien er vor dem Portal seines Schlosses. Bisweilen trug er gerade dann noch seine alte Weberkleidung, nämlich weißwollene, weit über das Knie hinaufreichende Strümpfe, die oberhalb des Kniees festgeschnallt wurden, Schuhe mit schweren, silbernen Schnallen, eine weite, blautuchene Jacke mit silbernen Knöpfen und einen seines hohen Alters wegen in's Röthliche schimmernden dreieckigen Filzhut.

Ungeachtet der schwer oder gar nicht zu vereinigenden Ansichten des alten Vaters mit denen seiner von der Neuzeit gleichsam besessenen Söhnen, war doch seit Fürchtegott's Rückkehr aus Amerika kein eigentliches Zerwürfniß mehr vorgekommen. Mochte der starrsinnige Vater darauf Verzicht geleistet haben, gegen die ihm gewaltsam entgegendrängende Zeitströmung anzukämpfen, oder fürchtete er eine abermalige Trennung, vielleicht einen feindlichen Bruch? Darüber vermochte Niemand Aufschluß zu geben, denn Ammer schwieg gegen Jedermann hartnäckig. Selbst Flora, die am leichtesten des Vaters Gedanken errieth, blieb im Unklaren. Dagegen freuten sich Alle über des Vaters Ruhe, seinen im Ganzen heitern Sinn, und bemühten sich deßhalb auch ihm möglichst zu Gefallen zu leben.

Mit Herrnhut verkehrten die Brüder sehr viel, namentlich Fürchtegott. Dieser ritt wenigstens monatlich einmal von Weltenburg nach dem Brüderorte und logirte dann häufiger bei dem Grafen Alban als bei Wimmer. Letzterer war und blieb der Alte. Seine Natur schien von Eisen zu sein, denn wie oft er auch tagelange Reisen auf seinem bereits etwas stumpf werdenden Klepper machte, oft in dem abscheulichsten Wetter: nie fühlte er von solchen Strapatzen die geringste Beschwerde. Weltenburg suchte Wimmer ebenfalls einige Male im Jahre heim, weilte ein oder zwei Tage daselbst, freute sich, wenn er bemerkte, daß irgendwo etwas verbessert, eine neue zweckmäßige Einrichtung getroffen worden war und er die Ueberzeugung mit sich nehmen konnte, daß die Gebrüder Ammer immer angesehenere und mächtigere Herren in der Handelswelt wurden. Beim Abschiede drückte er den Brüdern dann wohl die Hand und sagte mit seinem ganz unnachahmlichen Augenaufschlage:

Seht, liebe Brüder, das hat Gott gethan, und mich hat er begnadigt, die Hand dazu herzuleihen.

Saß er wieder auf seinem Klepper, so zog er grüßend den breitkrempigen Hut, schlug mit der Gerte auf die gelbe Stulpe seines Stiefels und setzte lächelnd hinzu:

Wenn ich euer Glück sehe, liebe Brüder, muß ich immer wieder unserer Begegnung an der Kapelle beim Feldbrunnen gedenken. Das war ein wahrer Tag des Segens! Gott gebe Bestand bis an's Ende!

Bei seinem Jugendfreunde, dem alten Ammer, zeigte sich Wimmer nur selten, beide Männer standen jedoch mit einander in gutem Einvernehmen und wechselten jährlich ein paarmal Briefe mit einander.

Nach dieser Darlegung der äußern und innern Verhältnisse der Familie Ammer nehmen wir den Faden unserer Erzählung wieder auf.

Am Ostersonnabend des Jahres 18.., als Frau Anna glücklich den letzten Fladen vom Färber aus dem Backofen hatte holen lassen, und von der anstrengenden und peinlichen Arbeit dieses schweren Tages ungewöhnlich geröthet war, rollte die Wiener Equipage die Gasse herein und hielt vor Ammer's Thür. Fürchtegott stieg aus, begrüßte die Mutter mit Herzlichkeit und fragte, ob der Vater sein Mittagsschläfchen schon gehalten und, ohne daß er ihn störe, zu sprechen sei? Die Mutter bejahte, deutete lächelnd auf das angenehm duftende, noch warme Gebäck und sagte:

Er wird gar nicht mehr lange warten, obwohl er heute Morgen noch schlimmer als in anderen Jahren mit Worten und spöttischen Redensarten mir zugesetzt hat. Gerathen sind sie und das hat Vater gerochen. Darum hustet er schon seit einer halben Stunde im Stübel. Flora und ich, wir haben zusammen gebacken. Otto half mit einrühren, der Bengel! Aber ein prächtiger Junge ist's doch. Ich mußte für ihn einen Kuchen allein backen, sonst hätt' er sich aus der Kraft geflennt. Er hat ihn auch selber geschoben und nun ist er ganz glücklich, der liebe Herzensjunge! Du bist doch munter, und Christlieb auch? Kommt er zum Fest herüber?

Frau Anna sprach selten so viel. Wenn sie es aber that, so war dies ein Zeichen, daß nichts Unangenehmes vorgefallen und sie recht zufrieden mit sich und der ganzen Welt sei. Fürchtegott verhieß das Nachkommen des Bruders für den zweiten Festtag, und trat in's Zimmer. Als Ammer den festen Tritt eines Mannes hörte, öffnete er die Thüre seines Cabinetes und ging, wie er den stattlichen Sohn erblickte, diesem mit herzlichem Gruße entgegen.

Du hast etwas auf dem Herzen, sprach der alte Weber, nachdem er den Sohn scharf angeblickt. Ist ein Unglück passirt?

Im Gegentheil, erwiderte Fürchtegott. Ich habe dir von einem Glück zu erzählen, wenn du davon hören willst.

Ammer forderte ihn durch ein kurzes Kopfnicken dazu auf, seine Gesichtszüge nahmen aber gleichzeitig einen ernsteren Ausdruck an.

Du hast schon wiederholt angedeutet, begann der vornehme Sohn, daß du es gern sähest, wenn wir Brüder uns verheiratheten. Christlieb will nicht, wenigstens noch nicht so bald, ich aber, lieber Vater, habe mich unter der Hand umgesehen, gewählt und bin nun entschlossen, dir eine Schwiegertochter zuzuführen.

Ammer's Antlitz hatte sich schon wieder erheitert. Je nun, erwiderte er scherzend, da es einmal göttliches und menschliches Gesetz ist und die ganze Einrichtung der Welt es mit sich bringt, daß die Menschen sich paaren, so wüßte ich nicht, warum ich mich weigern sollte, deiner Auserwählten den Platz an meinem Tische einzuräumen. Mir zu Gefallen kann sie schon morgen die Osterfladen bei uns mit probiren. Aber sag' mir, Junge oder Herr Sohn! ist's ein Stadt- oder Landkind? Jung oder alt? Arm oder reich? Und wie heißt sie?

Du kennst sie, die ich mir zur Lebensgefährtin auserkoren habe, nicht, lieber Vater, sagte Fürchtegott. Obwohl ich sie schon lange Jahre im Herzen trage und deßhalb auch genau weiß, daß ich in ihrem Besitze unaussprechlich glücklich werden muß, war es mir doch nicht vergönnt, sie zu sehen, zu sprechen und mich zu erklären.

Das wird romantisch, warf Ammer heiter ein. Nun, und wie hast du's denn angefangen, um sie dir zu erobern?

Ich begegenete ihr jenseits des Oceans – in der neuen Welt! sagte Fürchtegott mit Nachdruck.

Wie? versetzte halb ungläubig der alte Ammer. In der neuen Welt? Du bringst mir doch nicht eine braunrothe Tochter in's Haus mit tättowirtem Gesichte und einer Federkrone, ein indianisches Häuptlingskind, von denen du uns so viel erzählt hast?

Lächelnd erwiderte der Sohn: Meine Braut ist eine Landsmännin, die ich hier in unserer Beider Heimath zuerst, freilich nur auf Augenblicke sah, die ich drüben in Surinam näher kennen lernte und die mir gern für immer angehören will, sobald du, der Sitte gemäß, deine Einwilligung dazu gibst. Erdmuthe so heißt meine Braut ist die Wittwe eines herrnhutischen Missionärs und ein Engel an Herzensgüte, treuer Liebe und aufopferndem Wesen.

Still, still! versetzte Ammer abwehrend. Engel sind alle Mädel und Weiber, wenn man verliebt ist, später schlagen sie ab und zu auch in's Gegentheil um. Aber muß es denn gerade eine Herrnhuterin sein? Du weißt, lieber Sohn, ich habe aus mancherlei Gründen nicht viel vor mit den Herrnhutern. Und nun gar die herrnhutischen Weiber! Und eine Missionärin! Du bist just kein Heiliger, dich ziehen die Freuden der Welt mehr an, als gut ist. Wie kannst du zu solcher stillen Herrnhuterin passen? Wie willst du mit ihr Seide spinnen? Hast du das Alles reiflich überlegt?

Ja, Vater, erwiderte Fürchtegott. Ich habe Zeit gehabt, mein Herz zu prüfen, nicht Wochen, sondern Jahre lang. Als ich die Reise nach Amerika antrat, wußte ich bereits, daß Erdmuthe's Seele an der meinigen hing. Ich fand sie drüben in paradiesischer Einsamkeit unter von ihr zum Christenthum Bekehrten wieder als Wittwe! Nie sah ich eine würdigere Trauer, nie eine in ihrem Schmerz gefaßtere Seele. Damals verlobte ich mich ihr und gestern gestern, mein Vater, habe ich nach Jahrelangem Harren die Zusage erhalten, daß sie mir jetzt unverweilt ihre Hand zum ewigen Bunde reichen kann!

An diese Eröffnungen knüpften sich Mittheilungen, die uns bereits hinlänglich bekannt sind. Ammer erfuhr jetzt von seinem Sohne, unter wie sonderbaren Umständen er die gewesene Missionärin zum ersten Male gesehen, wie er sie in seine Arme geschlossen habe ohne sein Zuthun. Er erzählte ferner von dem bei Graf Alban gefundenen Tagebuch der jungen Frau und von der fesselnden Zauberkraft, mit der es ihm Herz und Sinne bestrickt. Zuletzt eröffnete er dem über diese eigenthümliche Verkettung wunderbarer Schicksale erstaunten, aber durchaus nicht unfreundlich davon berührten Vater, daß die mächtigen Verbindungen des Grafen Alban und seine väterlich warme Verwendung die Zurückberufung Erdmuthe's zur Folge gehabt. Jetzt schon befinde sie sich wieder auf vaterländischem Boden und zeige ihm an, daß sie binnen wenigen Tagen in Begleitung seines erprobten Freundes, des Arztes Walter, in Herrnhut eintreffen und vorerst dort im Schwesternhause weitere Nachrichten von ihm abwarten werde.

Ammer freute sich unverhohlen über den Entschluß seines Sohnes. Mein lieber Sohn, sprach er nach längerer Pause, es sind in früheren Tagen Dinge zwischen uns vorgekommen, die uns wohl hätten auseinander bringen können. Ich hab' mich aber immer menagirt und so verständigten wir uns wieder. Heirathen stiften auch bald Frieden, bald Unfrieden; zu denjenigen Thoren aber, deren es unter uns leider sehr Viele gibt, welche es die Kinder entgelten lassen, daß sie einen andern Geschmack haben, als vordem wohl Sitte war, möchte ich nicht gern gehören. Gefällt dir also deine herrnhutische Geliebte, so nimm sie hin in Gottes Namen. Nur bitte ich mir aus, laß mich sie zuvor sehen; denn es könnte mich doch verdrießen, wenn du in diesem Punkte gar zu sehr aus der Art geschlagen wärest.

Fürchtegott zeigte sich voll Dankes gegen den Vater, da er aus diesen Aeußerungen schon entnehmen konnte, daß seiner dereinstigen Verbindung mit Erdmuthe nichts im Wege stehen werde. Das Erscheinen der Mutter, der Flora alsbald folgte, unterbrach das Gespräch auf kurze Zeit. Ammer vermochte jedoch in der Freude seines Herzens nicht lange zu schweigen und machte deßhalb Frau und Tochter mit dem Vernommenen bekannt.

Und nun gratulirt ihm und freut euch redlich! setzte er hastig hinzu, um jedes etwa mögliche Bedenken mit diesen Worten zu erdrücken, da er im Herzen doch überzeugt war, Fürchtegott habe gut gewählt.

Frau Anna's Natur war nicht widersprechend geartet. Ihr traten bei des Vaters Mittheilung sofort Thränen in die Augen, und während sie mit einer stummen Bewegung Gott dankte, zog sie den stattlichen, hochgewachsenen Sohn an sich und küßte ihn mit mütterlicher Zärtlichkeit.

Etwas zurückhaltender zeigte sich Flora. Es war nicht Neid oder Mißgunst, die ihr dazu Anlaß gaben, sondern die Befürchtung, der leidenschaftliche Bruder möge sich von einer verschmitzten Abenteurin haben täuschen lassen. Erst als sie die näheren Angaben erfuhr, auch vom eigenen Vater vernahm, daß Fürchtegott Jahre lang verschwiegen und treu der so weit Entfernten unwandelbar seine Neigung bewahrt habe, erschien der Bruder ihr in einem viel edleren Lichte. Liebt er treu und wahr, sagte sie zu sich selbst, dann ist er gerettet und sicher vor allen Nachstellungen, und ist seine Braut eine Herrnhuterin von Geist und Herz, so dürften viele Männer seine glückliche Wahl beneiden.

Ungefähr dasselbe, nur mit etwas anderen Worten, sagte sie auch Fürchtegott, indem sie fragend hinzufügte, ob Bruder Christlieb auch schon darum wisse?

Noch nicht, erwiderte Fürchtegott. Ich wollte das edle, anbetenswerthe Weib nicht in's Gerede bringen, darum war ich vor Allem darauf bedacht, Erdmuthe mir in jeder Hinsicht zu sichern, ehe die Welt etwas davon auch nur ahne, wie viel weniger erfahre.

Ammer billigte dies Verfahren, erklärte aber nochmals in sehr bestimmten Worten, er begehre die fromme Heidenbekehrerin zu sehen, und da Fürchtegott einige Hoffnung zu haben glaubte, sie werde bereits am Ostertage Herrnhut erreichen, waren Alle es zufrieden, daß Fürchtegott schon am nächsten Morgen sich nach dem Bruderorte begeben solle.

 << Kapitel 19  Kapitel 21 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.