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Die Familie Ammer ? Zweite Abtheilung. Moderne Götzendiener.

Ernst Willkomm: Die Familie Ammer ? Zweite Abtheilung. Moderne Götzendiener. - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
authorErnst Willkomm
year1855
firstpub1855
publisherVerlag von Meidinger Sohn & Cie.
addressFrankfurt a. M.
titleDie Familie Ammer ? Zweite Abtheilung. Moderne Götzendiener.
created20100107
sendergerd.bouillon@t-online.de
noteUnter Verwendung der PDF-Version von hproding@sun.ac.za
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Zweites Kapitel. An der Börse.

Der beabsichtigte Besuch auf dem Comptoire des Geschäftsführers mußte unterbleiben, da die Börsenzeit mit schnellen Schritten herannahte und der Makler diese um keinen Preis hätte versäumen mögen.

Jedenfalls treffen wir auf der Börse mit Herrn Elias Beinheim zusammen, sprach Erichson. Dann kann er uns gleich mittheilen, wann er ungestört ist. Sie werden an dem Manne Ihre Freude haben, sag' ich! Proper, durch und durch proper, treu wie Gold, und ein Geschäftsmann, der seines Gleichen sucht! Es zeugt von meines lieben Bruders in Christo tiefer Menschenkenntniß, daß Herr Wimmer gerade diesen Beinheim sich zum Compagnon für Sie ausgesucht hat, obwohl er ihn nie von Angesicht zu Angesicht sah, sondern nur aus seinen Briefen kannte.

Fürchtegott, dem heute schon so viel Ungewöhnliches vorgekommen war, daß es in seinem Kopfe bereits etwas bunt durcheinander lief, sah diesem Zusammentreffen mit Spannung entgegen, und freute sich, als der Makler abermals Hut und Stock ergriff, um die Wanderung nach der Börse anzutreten.

So lebhaft wie jetzt hatte Fürchtegott die Straßen noch gar nicht gesehen. Aus allen Gassen und Twieten kamen hastig ausschreitende Menschen, strebten den Hauptstraßen zu und bildeten in ihrem Vorwärtseilen ein bewegtes, murmelndes Menschenmeer. Der junge Ammer konnte sich dies Drängen und Hasten nicht recht erklären, denn er wußte in jenem Augenblicke noch nicht, daß die Börse das Herz einer Handelsstadt ist, von dessen Pulsschlägen das Wohl und Wehe Hunderttausender abhängt. Seine an Erichson gerichtete Frage, weßhalb denn jeder Kaufmann die Börse besuche, blieb unbeantwortet, ein ganz eigenthümlicher Blick des Maklers nur sagte ihm, daß er von einem angehenden Handelsherrn eine so müßige und thörichte Frage nicht erwartet hätte. Erst als man das unscheinbare alte Gebäude mit dem von Linden beschatteten Vorraum erreichte, löste sich Erichson's Zunge, und indem er auf die summenden Tausenden hindeutete, die hier versammelt waren, um für die nächsten vier und zwanzig Stunden den Schritt der Zeit zu ordnen, in welcher die Handelswelt lebt, sprach der Makler stolz:

Das ist die Börse! Eine Versammlung von Männern, die alle ihr Einmaleins ganz genau kennen.

Das Gewühl der Durcheinanderdrängenden imponirte Fürchtegott, nur wollte es ihm nicht klar werden, wie man in solchem Gesumme, wo Tausende sprachen und doch Keiner verstanden ward, wichtige Handelsgeschäfte abschließen könne. Er beobachtete aufmerksam die Physiognomien der Versammelten, er sah an der Lebhaftigkeit der Gebehrden Einzelner, daß es sich wohl um Wichtiges handeln möge, aber der Schlüssel, der ihm die Pforte zu diesem öffentlichen Geheimnisse öffnen sollte, das ihn so räthselhaft umfluthete, wollte sich nicht finden.

Erichson hatte ein paar Secunden mit mehreren Männern gesprochen und Einiges in seine Schreibtafel notirt. Jetzt trat er mit erheitertem Gesichte wieder zu Fürchtegott und sagte:

Gutes Geschäft heute! Habe eben ein paar tausend Marc Banco verdient.

Sie? Jetzt?

Vor zwei Secunden.

Der junge Ammer fuhr sich mit der Hand über die Stirn. Er fühlte, daß ihm der Kopf zu schmerzen begann, daß er, ein Neuling in dieser Welt, von Allem was um ihn vorging, nichts verstand. Und doch war er Rheder! Doch gehörte er gewissermaßen mit zu den Lenkern und Ordnern des wunderbaren Organismus, den man Welthandel nennt!

Bin neugierig, ob Herr Elias Beinheim kaufen wird? sagte Erichson halb für sich, halb zu seinem jungen Begleiter.

Was kaufen? fragte Fürchtegott.

Wäre freilich gewagt, aber auch gut daran zu verdienen, wenn's einschlüge.

Fürchtegott wagte seine Frage nicht zu wiederholen. Er suchte in den Mienen des Maklers zu lesen, konnte aber auf den ziemlich unbeweglichen Zügen desselben doch nichts entdecken, als eine sich etwas breit ablagernde Zufriedenheit.

Endlich kommt er! rief Erichson. Endlich! Und wie es scheint ganz vergnügt. Ist ihm gewiß gut eingeschlagen, der letzte Kauf.

Ein hochgewachsener, hagerer, beinahe knochig zu nennender Mann mit sehr strengen Zügen schritt auf Erichson zu und reichte ihm die Hand. Dem Ansehen nach mochte er etwa sechzig Jahre alt sein. Seine Kleidung war noch ganz altväterisch, ein ziemlich sicheres Zeichen, daß er dem Alten mehr als dem Neuen anhange und vertraue. Er trug Strümpfe und Schnallenschuhe. Sein Rock war sehr lang, bequem, von feinem Tuche, aber ohne eigentliche Form. Ueber den Kragen herab fiel ein Zopf, zu dem der etwas abgetragene, dreieckige Hut nicht übel paßte. Fürchtegott fand das Aeußere dieses streng, ja hart blickenden Mannes durchaus nicht anziehend, und konnte nicht begreifen, wie es möglich war, daß Erichson in diesem sauertöpfischen Gesicht etwas von Vergnügen entdecken mochte. Seine Verwunderung sollte sich jedoch um ein Beträchtliches steigern, als der Makler in dem Hagern ihm den Herrn Elias Beinheim, den Compagnon der Firma »Ammer, Söhne &Comp.« vorstellte.

Die beiderseitige Begrüßung der einander geschäftlich so eng Verbundenen gestaltete sich äußerst kühl; denn machte Beinheim auf den jungen Mann einen entschieden abstoßenden, ja widerwärtigen Eindruck, so mochte dieser junge, so blühend und unerfahren aussehende Mensch dem im Comptoir unter Handelsbüchern und bei Rechnungsabschlüssen ergrauten Kaufmanne auch kein besonderes Vertrauen einflößen.

Ein in plattdeutscher Mundart geführtes Gespräch zwischen Erichson und Beinheim, von dem Fürchtegott nur einzelne Worte verstand, handelte von so eben zum Abschluß gediehenen Geschäften. Während desselben blitzte einigemale etwas in den Zügen Beinheim's auf, das man für einen matten Versuch, freundlich aussehen zu wollen, halten konnte.

Nach Beendigung desselben wandte sich der steife ernste Mann zu unserm Freunde, reichte ihm nochmals die Hand und sagte:

Es freut mich, Herr Ammer junior, Sie persönlich kennen zu lernen. Ist immer gut, wenn Geschäftsleute sich Auge in Auge sehen gibt mehr Vertrauen. Von Herrn Wimmer habe ich viel Gutes von Ihnen und Dero Herrn Vater vernommen, man hat Sie mir als sehr praktisch geschildert. Ist immer die Hauptsache, Herr Ammer. Mit praktischen Leuten macht sich ein Geschäft von selbst. Ich selber bin ungeheuer praktisch.

Wir hatten Ihnen heute noch einen Besuch zugedacht, Herr Beinheim, bemerkte Erichson. Stören wir wohl, wenn wir nach Tisch, so gegen sechs Uhr etwa vorkommen?

Im Gegentheil! Wird mir zur größten Ehre gereichen, den Herrn, dessen Namen unsere Firma schmückt, in meinem Hause empfangen zu können. Wie gefällt Ihnen Hamburg?

Fürchtegott brach in Lobeserhebungen aus, die, weil sie ungezwungen waren und ihm warm aus dem Herzen kamen, den besten Eindruck auf den steifen, pedantischen Compagnon machten.

Das höre ich gern, sagte Beinheim, dem Jünglinge zum dritten Male die Hand reichend. Ich sehe, Sie passen in's Geschäft, und werden, denk' ich, bald ungeheuer praktisch sich anlassen.

Damit endigte die erste Unterhaltung Fürchtegott's mit seinem Compagnon oder richtiger dem Factotum der Firma, die den Namen Ammer trug. Beinheim lüftete ein wenig den Hut, grüßte kühl und ging seines Weges. Rund um die Börse fing es wieder an, lebendig zu werden; die Gruppen der Sprechenden lösten sich auf, Alles kam in schiebende und rollende Bewegung und nach wenigen Minuten zerstreuten sich die versammelten Tausende eben so rasch, wie sie gekommen waren. Gott Merkur hatte seine Gläubigen zu seinen Füßen gesehen und versprochen, ihnen für die nächsten vier und zwanzig Stunden noch ein unbedingt gnädiger Herr sein zu wollen.

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