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Die Familie Ammer ? Zweite Abtheilung. Moderne Götzendiener.

Ernst Willkomm: Die Familie Ammer ? Zweite Abtheilung. Moderne Götzendiener. - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
authorErnst Willkomm
year1855
firstpub1855
publisherVerlag von Meidinger Sohn & Cie.
addressFrankfurt a. M.
titleDie Familie Ammer ? Zweite Abtheilung. Moderne Götzendiener.
created20100107
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Neuntes Kapitel. Das Wiedersehen.

Dicke, schwere Nebel verhüllten seit mehreren Tagen Gebirge und Ebene. Des Nachts fiel starker Reif und ein eisig kalter Wind aus Nordwest machte den Aufenthalt im Freien höchst unerquicklich. Endlich, als die niedrig ziehenden Nebel sich hoben und zu Wolken gestalteten, begann es zu schneien und zwar in einer Weise, die in Gebirgsländern immer für das untrügliche Zeichen eines früh eintretenden, strengen Winters gehalten wird. Es rieselte ganz feiner Schneestaub auf die gefrorene Erde herab und hüllte binnen wenigen Stunden alle Gegenstände weit und breit in die glänzend weiße Tracht des Winters.

Wimmer mußte an diesem Tage es war Anfang Novembers länger als gewöhnlich auf die Ankunft der Post warten, die damals nicht in so fliegender Schnelligkeit wie heutigen Tages zahlreiche Meilen in einer verhältnißmäßig nur geringen Stundenzahl zurücklegte. Schnell- oder Eilposten gab es in jenen Tagen noch nicht, man begnügte sich mit einem zweirädrigen offenen Karren, der sogenannten Reitpost, auf welchem sich der Postillon stundenlang auf den fast unbefahrenen Wegen stoßen lassen mußte, um nur eine Meile weit zu kommen. Die bequemste Beförderung Reisender geschah in der berühmten »chursächsischen gelben Kutsche«, die aber regelmäßig fünf, wohl auch sechs Tage brauchte, um aus den Ebenen Leipzig's bis in das bergische Grenzland vorzudringen.

Diese Kutsche sollte Vormittags schon in Herrnhut eintreffen und für Wimmer das große Briefpaquet mitbringen, das er sich wöchentlich einmal von Leipzig schicken ließ. Nun hatte aber die Glocke auf dem Bethause schon drei Uhr nach Tische geschlagen, und noch immer hörte man keinen Ton eines Posthornes.

Wimmer öffnete ein paarmal das Fenster und steckte den Kopf in den unaufhörlich herabrieselnden Schnee hinaus. Die Gassen des Brüderortes waren menschenleer, der Schnee lag bereits einen Schuh hoch und nach der Dicke der Luft zu schließen, mußte das Wetter im Freien noch ungleich heftiger sein.

Stecken geblieben sind sie, ich kann's mir denken, sprach er zu sich selbst. Oben bei Holzkirch oder Eisenrode fegt sicher der Wind vom Tschernebog gewaltig herein und legt ellenhohe Schneemauern über die Straße. Martha! He, Martha, geh' doch in's Gemeinlogis und frag' nach, ob der Herr Graf heute Morgens von seinem Ausfluge zurückgekommen ist.

Schwester Martha, die Haushälterin, warf ein großes Tuch zum Schutze gegen Schnee und Wind über den Kopf, fuhr in dicke, rindslederne Schuhe und stapelte, bis über die Knöchel in den weißen Flocken versinkend, nach dem nur einige hundert Schritte entfernten Gemeinlogis. Der Herrnhuter blätterte unterdessen in einer Menge auf seinem Arbeitspulte liegenden Schriften, zerriß einige, numerirte andere und legte die so geordneten in ein besonderes Fach. Schon nach zehn Minuten kam Martha zurück mit der Nachricht, Graf Alban habe Herrnhut des schlechten Wetters wegen gar nicht verlassen und die Post müsse sogleich ankommen, denn man höre ganz deutlich das Schmettern des Posthornes durch den dicht fallenden Schnee.

Eine Stunde später hielt Wimmer das sehnlich erwartete Briefpaquet in den Händen. Es war diesmal auffallend groß und dick, so daß der sonst nicht neugierig zu scheltende Bruder es mit vieler Hast erbrach.

Ach! rief er freudig aus. Briefe von meinem Hamburger Correspondenten! Laß doch sehen, was der mir zu eröffnen hat!

Der Brief war von Herrn Beinheim und enthielt Folgendes:

»Lieber Herr und Bruder!

»So eben habe Nachricht erhalten, daß drei Schiffe, die bei dickem Wetter einige Tage bei Helgoland ankern mußten und später beinahe auf Dicksand festgerathen wären, in Cuxhafen eingelaufen sind. Unser »gutes Glück« befindet sich darunter. Alles wohl an Bord. Viel conträren Wind gehabt unterwegs, bis über die Shetlandsinseln nördlich durch Sturmböen verschlagen worden. Das Schönfahrsegel gerissen, sonst nichts beschädigt an der Takelage. Ladung voll und gut. Werth eine halbe Million Marc Banco. Indianische Matten, Paradiesvögel und ähnliches Zeug Hauptfracht. Denke die Sachen gut zu verkaufen; habe heut schon an der Börse herumgehorcht.

»Herrn Ammer junior erwarte schon übermorgen. Ist ungeheuer praktisch der junge Mensch möchte wohl, ich hätte eine Tochter, gäb' sie ihm auf der Stelle. Da Sie wünschen, daß er unverweilt heimkehren soll, will ich ihn nicht halten. Ein Tag wird genügen, um uns zu verständigen. In Geschäftssachen bin ich ungeheuer praktisch und liebe die Kürze.

»Herr Erichson hat Trauer, seine werthe Frau Ehewirthin ist heimgegangen, Gott segne sie. Hatte sich etwas übernommen mit fetten Speisen bei einem Besuch in der Marsch; muß ihr auf das Geblüt gefallen sein, denn ein Schlagfluß raffte sie dahin. Schade, sehr schade, war ungeheuer praktisch, die brave Frau! Wird jetzt immer seltener in dieser flüchtigen, neumodischen Zeit.

»Bitte, werther Herr Bruder wollen dafür sorgen, daß nächstes Frühjahr mit Aufgang des Eises zwei volle Schiffsladungen abgehen können. Nettes und festes Geschäft drüben in Amerika mit Yankee's und Wilden. Liebe das immer baar Geld oder gute Waare. Ist ganz ungeheuer praktisch.

Mit Bruderkuß im Herrn

Dero
wohlaffectionirter
Beinheim.«
       

Dies Schreiben verklärte das Gesicht des alten Herrnhuters. Lange sah er schweigend auf die Schriftzüge des Kaufmannes, dann begannen seine Lippen sich zu bewegen und einzelne Worte, Brosamen von der Tafel seines Gedankenlebens, entfielen seinem Munde.

Ich bin erhört, flüsterte er; Alles, was ich mir erbat von den dunkeln Mächten vor einigen Jahren sie gaben es. Der Alte, mein lieber Freund, er bricht zusammen... Die Kinder werden groß reich stolz kalt. O, wie süß thut dies meinem verwaisten, kinderlosen Herzen! Und Anna? Gott segne die Gute! Sie wird noch Thränen weinen oja, aber der Purpur, in den sie hinabrinnen, der sie auffängt, läßt ihre Farbe nicht erkennen. O, wie grundgütig ist doch der Herr, daß er so gerne hilft, Allen, die ihn gläubig bekennen!

Wimmer raffte die Papiere zusammen, da er Martha vor der Thüre hörte, öffnete seine kaufmännische Correspondenz und vertiefte sich in dieselbe, während die noch immer recht hübsche und sauber aussehende Haushälterin den Kaffee servirte.

Hast du bemerkt, Martha, redete er die Schwester an, daß die Katze in den letzten Tagen sich häufig putzte? Wir werden Besuch erhalten.

So? erwiderte diese gleichgiltig.

Ist dir das so ganz einerlei?

Ach, du mein Heiland, sagte Martha, was zu uns kommt von Fremden, könnte eben so gern wegbleiben; denn gewöhnlich sind es recht langweilige Menschen.

Ja, gewöhnlich, Martha, versetzte Wimmer; diesmal geschieht aber das Ungewöhnliche. Wir erhalten Besuch aus der neuen Welt.

Was Sie sagen! rief freudig erstaunt die Haushälterin aus, und goß vor Verwunderung die schön gemalte Mundtasse ihres Herrn so übervoll, daß das angenehm duftende Getränk auf die feine Damastserviette herabträufelte und diese befleckte.

Ei, ei, unvorsichtiges Kind! schalt in freundlichem Tone der Herrnhuter, da verdirbst du mir ein liebes Andenken. Die Serviette da gehörte vor sehr langen Jahren einem jungen Mädchen, das mir damals nicht gleichgiltig war. Aber, laß nur, laß, und werde nicht roth bis über die Ohren! Was meinst du, soll der Fremde, der für uns kein Fremder ist, ein paar Tage bei uns logiren?

Mein Gott, sagte Martha, am Ende ist's der junge Herr, der – der –

Na, gucke doch zurück in dein Gedächtniß, du fromme Magd! Fällt dir zuletzt doch wohl noch der Rechte ein, den ich meine.

Der junge Herr Ammer?

Wimmer nickte und rieb sich schmunzelnd die Hände. Getroffen, Martha, getroffen! Jener fröhliche, rasche, aufgeweckte Jüngling, der uns verschiedene Male besuchte und einmal sogar, o, ich weiß es noch ganz genau zum Scherz eines deiner weißesten Schwesterhäubchen sich aufsetzte und so geputzt zum Fenster hinaussah; er kehrt zurück aus dem fernen Surinam! Schon ist er in Hamburg oder wohl noch weiter herein in's Land. Ich denke, der wird uns gar Mancherlei erzählen können und die Einförmigkeit unseres Alltaglebens mit dem Vortrage fremdartiger und wunderbarer Begebenheiten recht heiter ausschmücken. Sieh nur zu, Martha, daß er uns nicht zu früh auf- und davonläuft. Denn Herr Fürchtegott Ammer, jetzt Großhändler und Rheder, ist ein Weltmann geworden, dem es schwerlich in unserm stillen, einfachen und anspruchslosen Brüderorte gefallen wird. Und überdies ist er ein ganzer Ammer, zäh wie Rebholz und hart wie Granit. Es gehört Kunst dazu, mit ihm fertig zu werden. Aber der Liebe, Martha, der Bruder- und Nächstenliebe, weißt du, ist Alles möglich.

Martha versprach, nichts zu unterlassen, wodurch sie den von so weiter Reise Zurückkehrenden fesseln könnte, und ging besonders darüber mit sich selbst zu Rathe, welche Speisen sie dem reichen, jungen Herrn wohl vorsetzen müsse. Nicht ohne Grund nahm sie nämlich an, daß ein Reisender, der über Jahr und Tag sein Vaterland nicht gesehen, am liebsten auch mit der in demselben gebräuchlichen Küche wieder Bekanntschaft machen werde.

Nach genossenem Kaffee ließ sich Wimmer von Martha seinen Mantel bringen, um durch Wind und Schneegestöber nach der Wohnung des Grafen sich zu begeben, mit dem er noch vor Ankunft des sehnlichst Erwarteten viel Wichtiges zu besprechen hatte. Es war schon finstere Nacht, als der Herrnhuter von diesem Besuche wieder in seine stille Behausung zurückkehrte. Seinem Aussehen nach mußte er innerlich recht zufrieden sein. Er blieb gegen seine Gewohnheit lange auf, um eigenhändig mehrere Briefe zu schreiben, die er am andern Morgen auch selbst auf die Post beförderte.

Zwei Tage später zeigte Fürchtegott durch ein paar flüchtig hingeworfene Zeilen, die er beim Schiffsmakler Erichson geschrieben hatte, an, daß er binnen acht Tagen bestimmt in der Heimath eintreffen werde, indem er mit untergelegten Pferden »nach Art fürstlicher Couriere«, wie er sich ausdrückte, zu reisen sich entschlossen habe.

Wimmer versäumte nicht, diese Nachricht unverweilt weiter zu befördern, d.h. seinen alten Freund Ammer damit zu überraschen. Der Brief, welchen er dem Weber durch einen Expressen zufertigen ließ, schloß mit den Worten:

»Siehe, mein Freund und Bruder, der Herr hat es wohl gemacht mit uns Allen, und darum wollen wir ihm danken und fröhlich sein. Die Freude des Wiedersehens wird aber nur dann sich verwandeln in ein wahres Familienfest, und in ein allgemeines Hallelujah unserer Herzen, wenn wir sie gemeinschaftlich in Liebe und Eintracht genießen. Hat es nun unserm Herrn und Heilande gefallen, die Wege zu ebnen und darüber auszubreiten die weiche Decke seines Wohlwollens, damit wir uns nicht verwunden an Steingeklippe und anderen Unebenheiten, so danken ihm für solche Wohlthat seine Kinder wohl dadurch am innigsten, daß sie die winterliche Natur bewundern in ihrer Pracht und sich zusammenfinden in dem Orte, wo sie des Himmels Schutz nicht entbehren können, weil er sich selbst nennt des Herrn Hut.«

So, sprach Wimmer, als er das ziemlich ausführliche Schreiben nochmals durchlas, jetzt wird mein alter, lieber Starrkopf zwar ein wenig brummen und über die herrnhutischen Redensarten böse Glossen machen, allein kommen wird er doch, und ich denke, mit der ganzen Sippschaft. Das macht einen guten Eindruck auf den jungen Herrn Rheder und gibt ihn mir völlig zu eigen. Umarmen wir uns unter Freudenthränen, geben uns den Bruderkuß und ziehen derweile mit unsichtbarem Finger die Schlinge vollends zu! Ja, ja, so ist es. Lazarus Wimmer kann sich nun ruhig schlafen legen, denn »die Rache ist mein, ich will vergelten, spricht der Herr!«

Wimmer faltete die Hände über dem Schreiben und murmelte unverständliche Worte, während seine braunen, breiten Augenlider sich fast gänzlich schlossen. Dann siegelte er den Brief und übergab ihn zu schleunigster Beförderung dem harrenden Boten.

Am Martinstage desselben Jahres jagten über die mit tiefem Schnee bedeckte, in der hellen Mittagssonne gleich Diamanten funkelnde Schneedecke drei sogenannte »Rennschlitten«, deren sich in damaliger Zeit nur sehr Reiche oder Vornehme bedienten. Jeder Schlitten war mit zwei muthigen Pferden bespannt, die reiche Schellenbehänge trugen. In der scharfen Kälte wirbelte der Schnee wie Staub auf, die Luft flimmerte von Milliarden kleinen Eistheilchen, und die hohen Kämme der Grenzgebirge strahlten majestätisch im Schmuck ihrer winterlichen Umhüllung.

Die drei Schlitten strebten in möglichst gerader Richtung dem hochgelegenen Herrnhut zu, dessen Dachgiebel man in der durchsichtigen Winterluft schon in weiter Ferne erkannte. An eine Straße, überhaupt an gebahnte Wege kehrten die Schlittenführer sich nicht. Theils gab es gar keine gut ausgefahrene Bahn, theils bedurfte man einer solchen nicht, da die hohe Schneedecke fest gefroren war und fast überall Pferde und Schlitten trug.

Eine Stunde nach Mittag wurden die Bewohner Herrnhut's durch Peitschengeknall, durch sehr starkes, fast harmonisch klingendes Schellengeläut und durch das nicht ganz wohltönende Geschmetter dreier Posthörner an ihre Fenster gelockt. Drei geräumige Schlitten, deren Insassen durch Pelze und Wildschuren gegen Wind und Kälte trefflich geschützt waren, flogen die ewig stillen Gassen entlang und hielten vor dem Hause des Herrn Lazarus Wimmer. Hastig ward die Thür von innen geöffnet, daß die angestoßene Glocke gar nicht mehr aufhören wollte zu läuten und in ihrem schwächeren Gebimmel fast wie ein langsam verhallendes Gewimmer eines schwer Leidenden erklang. Ein junger Mann eilte die granitenen Stufen hinab auf die Straße, trat an den vordersten Schlitten und umarmte die darin sitzenden, pelzverhüllten beiden Gestalten mit feurigem Ungestüm. Der Herrnhuter sah dieser Scene, auf der Schwelle seines Hauses stehend, lächelnd zu, nickte gegen alle drei Schlitten und führte die inzwischen dem ersten Entstiegenen, in deren Mitte der junge Mann ging, in das wohldurchwärmte Zimmer.

Einige Minuten später finden wir hier den alten Ammer mit seiner Frau auf dem Kanapee sitzen. Zu den Füßen Beider knieet Fürchtegott, fein und modisch gekleidet, wie ein Großstädter. Er ist kräftiger und voller geworden. Das bräunliche Haar lockt sich um die dunkelfarbige Stirn, um Lippe und Kinn kräuselt sich ein blonder Bart. Fürchtegott sieht mit glücklichem Blicke zu Vater und Mutter auf, die beide ihre Hände wiederholt auf sein Haupt legen. Frau Anna kann sich dabei nicht der Thränen enthalten, Ammer aber bezwingt sich mit Gewalt und wird somit auch Meister seiner Rührung.

Hinter Fürchtegott in einer zweiten Gruppe bemerken wir seinen Bruder Christlieb nebst Flora und Albrecht. Die letzten Beiden halten sich fest umschlungen und Flora lehnt ihr liebliches Gesicht schluchzend an die Schulter ihres Mannes. Am Fenster endlich steht Wimmer und neben diesem, die Blicke fest auf Fürchtegott und dessen Eltern heftend, der Kaufmann Mirus.

Nun laßt's gut sein, Kinder, sprach Ammer, als er fühlte, daß seine Stimme nicht von der gewaltigen Aufregung des Wiedersehens erstickt werde. Wir haben Ursache, Gott allesammt zu danken, daß er uns diese Stunde und in solcher Weise hat erleben lassen. Nun wollen wir aber auch resolut sein, uns zusammenfassen und einen richtigen Weg in Friede und Freundschaft mit einander wandeln, damit wir noch etwas Rechtes in der Welt vorstellen können.

Fürchtegott stand auf und wandte sich jetzt seinen Geschwistern zu. Christlieb vermochte nicht zu sprechen, als er den Bruder nach so langer Trennung wieder in seine Arme schloß. Flora brach in ein fast convulsivisches Weinen aus und stammelte dazwischen: Nun ist's ja gut du bist wieder unser Niemand soll dich uns noch einmal rauben!

Dann schlang sie beide Arme um den Nacken des Zurückgekehrten, des Wiedergefundenen, und küßte ihn mit schwesterlicher Zärtlichkeit.

Mirus hatte während dieser Begrüßungsscene verschiedene Prisen genommen. Jetzt schlug er den Deckel der goldenen Dose vernehmbar zu, und sprach:

Herr, ich muß Ihr sagen, das Weibergeflenn gehört nicht zu denjenigen Dingen, die ich gern sehe und höre. Nach meinem Bedünken gibt es allhier auch mehr zu lachen als zu weinen; denn unser Auge und somit unser Herz erfreut sich an der Erscheinung eines jungen Mannes, der sich ganz allerliebst herausgemacht hat auf seinen Reisen, und der, wie mir's scheint, nicht verdorben und verwildert zurückkehrt in den Schooß seiner Familie, sondern ausgerüstet mit mancherlei nützlichen Kenntnissen, bereichert durch Erfahrungen und voll frohen Hoffnungen.

So ist es, Herr Mirus, sagte Fürchtegott, jetzt auch dem langjährigen Geschäftsfreunde seines alten Vaters die Hand darreichend: Ich denke, es ist mir gut gewesen, daß des Himmels Fügung mich einige Zeit in die Welt hinausschleuderte, und darum möchte ich kaum das nunmehr, Gott Lob, Vergangene nicht erlebt haben. Es hat mich geläutert, mich ruhiger und vorsichtiger gemacht, und von jetzt an getraue ich mir, versprechen zu können, daß ich ein betriebsamer, ruhiger, guter Bürger werden und bleiben will.

Das ist brav, versetzte Mirus, kräftig in die Hand Fürchtegott's einschlagend. Gute, fleißige und ruhige Bürger bilden den festesten Untergrund eines glücklichen Staates, dem so leicht Niemand, weder innere noch äußere Feinde etwas anhaben können, und Herr, ich muß Ihr sagen, wenn das Haus »Ammer, Söhne und Compagnie« und die alte Firma Mirus mit ihrer Energie und ihren Mitteln einem Staate redlich zu dienen entschlossen sind, da halten die Grundmauern desselben, hoff' ich, noch eine Weile aus.

Mit dieser praktischen Wendung kam eine heitere Ruhe über die Gesellschaft. Das Gespräch ward allgemein und ungezwungen. Alle fühlten sich eines Zwanges entledigt, der früher lange Zeit die Herzen beengt, jede freie Meinungsäußerung niedergehalten hatte. Ammer erschien in dem sichern Bewußtsein, daß jetzt eine wirkliche Ausgleichung aller geistigen Differenzen, die so lange Zeit hindurch sein Familienleben getrübt hatten, eingetreten sei, wahrhaft verjüngt, und Fürchtegott, in dessen glänzenden Augen die Freude des gegenwärtigen und die Hoffnung eines noch unbekannten zukünftigen Glückes leuchtete, dem außerdem noch der Stolz, sich selbst errettet zu haben, auf der Stirne geschrieben stand, bewegte sich frei, leicht und in munterster Laune. Bald war die lebhafteste und interessanteste Unterhaltung im Gange, woran Jeder nach Vermögen Theil nahm. Hauptsprecher war natürlich Fürchtegott, denn an ihn richteten Alle unaufhörliche Fragen, die immer beantwortet werden mußten.

Frau Anna und Flora waren die Stillsten, Anna, weil sie sich von jeher gern in sich selbst zurückzuziehen und mehr zu hören als zu reden pflegte, Flora, weil der Bruder für sie ein ganz anderes Wesen geworden war, das sie im Augenblick noch nicht vollständig zu fassen und zu beurtheilen verstand. Im Zorn, ein fast Verlorener, stürmte er vor so langen Monden von dannen, nicht des bittenden Rufes ihrer Aller achtend, und jetzt stand er so frisch, so schön, so männlich vor ihr, daß sie fast zweifelte, ob dieser Fürchtegott auch wirklich ihr ächter Bruder sei. Der Entfliehende war in Flora's kindlich reinem Gemüth ein großer Frevler, und den aus ungemessenen Fernen freiwillig Heimgekehrten mußte sie wider Willen bewundern und verehren.

Ammer selbst, an dessen Seite Fürchtegott Platz genommen, ward nicht müde, ihm die wunderlichsten Fragen vorzulegen, über welche die Uebrigen oft lachten, die aber Fürchtegott mit der lobens- und liebenswürdigsten Geduld und Bereitwilligkeit beantwortete.

Meinethalben lacht, so viel ihr wollt, sagte der alte Weber gutmüthig. Da ich in meinen Jahren und bei meinen Gewohnheiten doch niemals bis an's große Wasser komme, noch gar über dasselbe hinaus, muß ich mir's doch von dem jungen Volke, das wer weiß, vielleicht gar noch einmal über Länder und Meere hinwegfliegen wird, beschreiben lassen. Und zu genau und ausführlich kann eine solche Beschreibung für meinen alten etwas schwer zugänglichen Weberkopf gar nicht gerathen.

Wimmer hatte viel zu thun, denn es war sein fest ausgesprochener Wunsch und Wille, seine Freunde einmal bei sich zu Gaste zu sehen. Mit einer Liebenswürdigkeit, die man ihm kaum hätte zutrauen mögen, machte er den Wirth und führte zum ersten Male seit ihrer Verheirathung, Frau Anna zur Tafel, die von Martha's und zweier helfenden Schwestern geschickten Händen festlich geschmückt und mit den besten Delicatessen bestellt war.

Martha's Hoffnung, womit ihr Gebieter ihr geschmeichelt hatte, den von seiner Reise um die halbe Welt Zurückgekehrten einige Tage bei sich zu sehen, ging jedoch nicht in Erfüllung. Fürchtegott's Eltern und mehr noch die von mancherlei Ahnungen geängstigte Flora, der es nicht möglich war, ein rechtes Herz zu Wimmer zu fassen, bestanden darauf, Fürchtegott müsse sie begleiten.

Anfangs widersetzte sich der Heimgekehrte diesem Ansinnen, weil er noch höchst wichtige Nachrichten Graf Alban zu überbringen hatte, dieser aber, was namentlich Wimmer sehr bedauerte, in Gemeindeangelegenheiten nach einem in der Haide gelegenen Brüderorte gereist war. Den verschiedenen Ansichten, machte nach längerem Hin- und Widerreden Herr Mirus durch einen Machtspruch ein Ende, ob aus eigenem Antriebe oder von Flora dazu aufgefordert, die wiederholt mit ihm sprach, wie sie denn überhaupt zu seiner Einsicht unbedingtes Vertrauen hatte, blieb unermittelt. Genug, Mirus dictirte, indem er sich an Fürchtegott wendete:

Herr, ich muß Ihr sagen, ein junger Mann, der zweimal den großen Ocean befahren hat, ohne, gleich dem Propheten Jonas, in den Magen eines Wallfisches oder ist's ein Hai gewesen zu spazieren, und dem die Menschenfresser in den amerikanischen Wäldern weder ein Fingerglied noch ein Ohrläppchen abgebissen haben, wär's auch nur aus purer Neugierde und Schleckerei geschehen: ein solcher von Gott selbst sichtbarlich beschützter Mensch gehört erst ein paar Tage ganz allein den Seinigen. Nachher kann er wieder reisen und mit und für Heiden und Indianer ebenfalls auch Grafen und Fürsten dienen.

Fürchtegott entschloß sich demnach, seine Eltern zu begleiten, und als Abends ein kalt flimmernder Sternenhimmel in Millionen Lichtblitzen auf den Eis- und Schneegefilden wiederstrahlte, eilte der Weitgereiste im Schlitten der Eltern dem so lange vermißten heimathlichen Herde am Rohr entgegen. Erst gegen Mitternacht erreichte man das Dorf. Der treue Wächter Bello, obgleich er seinen Herrn witterte, schlug doch ein paarmal an, als aber die Thür geöffnet ward, sprang das kluge Thier nach Begrüßung Ammer's und Flora's, sogleich an Fürchtegott empor und leckte ihm, freundlich winselnd, Gesicht und Hände.

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