Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Ernst Willkomm >

Die Familie Ammer ? Zweite Abtheilung. Moderne Götzendiener.

Ernst Willkomm: Die Familie Ammer ? Zweite Abtheilung. Moderne Götzendiener. - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
authorErnst Willkomm
year1855
firstpub1855
publisherVerlag von Meidinger Sohn & Cie.
addressFrankfurt a. M.
titleDie Familie Ammer ? Zweite Abtheilung. Moderne Götzendiener.
created20100107
sendergerd.bouillon@t-online.de
noteUnter Verwendung der PDF-Version von hproding@sun.ac.za
Schließen

Navigation:

Achtes Kapitel. Der unerwartete Besuch.

In Weltenburg hatten die letzten vier Monate abermals große Veränderungen hervorgebracht. Neue Gebäude waren entstanden, um in der von Fürchtegott angedeuteten Weise das Fabrikgeschäft zu vergrößern. Handelsverbindungen in Süd und Ost machten es nöthig, einen eigenen Correspondenten zu engagiren, der in mehreren Sprachen sich geläufig ausdrücken konnte. Besonders hatte man die Levante scharf im Auge und arbeitete darauf hin, Stoffe, die dort gesucht und mithin gut bezahlt wurden, in großen Massen zu fabriciren.

Da der alte Ammer seinem Sohne Christlieb freie Hand ließ, so unternahm dieser Manches, wovon der Vater gar nichts wußte. Nur Wimmer blieb genau unterrichtet und ließ es sich nicht verdrießen, entweder persönlich von Zeit zu Zeit auf Weltenburg zu erscheinen, oder instruirende Briefe an Christlieb zu schreiben, die dieser auch regelmäßig aus Achtung vor den Erfahrungen des Herrnhuters befolgte. So schoß das neu etablirte Geschäft rasch in Blüthe, das darauf verwandte Capital kehrte zurück in die Hände der Eigenthümer und vergrößerte sich in dem Verhältniß, wie es coursirte. Das Land zählte die Ammer alsbald unter die reichsten Familien; sie selbst wußten sich Nicht genau abzuschätzen, der alte Ammer widersprach jedoch nicht, wenn man ihn scherzweise einen Millionär nannte.

Christlieb, der nicht der ächte Sohn seines Vaters hätte sein müssen, wäre er ganz frei gewesen von Eigenheiten, begann jetzt im Gefühle des sich mit jedem Tage mehrenden Reichthums, Spielereien zu treiben, die seine Neigungen, seine geheimen Wünsche verriethen. Auf dem runden verwitterten Thurme des alten Schlosses, dessen Baulichkeiten ein neuer Flügel in modernem Styl angefügt wurde, pflanzte er einen gewaltigen Flaggenstock auf, den er wohl scherzweise seinen »Weberbaum« nannte. Sonn- und Feiertags, bisweilen aber auch in der Woche, flatterte an diesem Flaggenstocke eine Fahne, entweder in den Farben der Provinz oder der Stadt, zu deren Jurisdiction Weltenburg gehörte. Das Wappen der frühern Besitzer des Schlosses war herabgenommen und an dessen Stelle das sehr einfache Zeichen der Ammer mit einer Schnörkelei darüber, die sich allenfalls zu einer Freiherrnkrone zusammenziehen ließ, eingemauert worden. Der junge Fabrikant hörte sich gern Herr von Weltenburg nennen, und man sah es ihm an, daß er sich gegen eine Standeserhöhung sicherlich nicht gesträubt haben würde.

Obwohl gutmüthig von Natur und in keiner Weise schlimm geartet, brachte der sich mehrende Reichthum, veränderter Umgang und die Führung eines so großartigen, weitgreifenden und einflußreichen Geschäftes, doch eine andere Färbung in seinen Charakter. Untergebenen begegnete er nicht mehr so freundlich, wie ehedem; wer von ihm etwas zu erlangen wünschte, den ließ er auf eigenthümliche Weise seine Erhabenheit fühlen. Christlieb spielte mit einem Worte den gebietenden Herrn und zeigte Anlage zu allerhand feudalistischen Mucken. Dies machte ihn freilich bei allen denen, die von ihm abhängen, weil sie ihre Existenz aus seiner Hand empfingen, nicht beliebt, indeß war doch in der Sache selbst nichts zu ändern. Ammer, der Vater, mied Weltenburg, so lange er konnte, und mußte er sich einmal dort zeigen, so konnte ihm Niemand nahe kommen, denn er war dann jedesmal in einer gereizten Stimmung, ohne derselben Worte zu leihen.

Die Kunde von der Unschuld des Advocaten Block hatte sowohl in Weltenburg wie im Wohnorte Ammer's freudige Sensation erregt. Dem alten Weber fiel mit dieser Nachricht, wie man zu sagen pflegt, ein Stein vom Herzen, denn es drückte ihn Tag und Nacht, daß sein langjähriger Rechtsbeistand, dessen Schwächen er allerdings wohl kannte, zu einem gemeinen Verbrecher geworden sein sollte. Die Freude über seine Freilassung war bei Ammer so herzlich, daß er ihn eigenhändig in einem Briefe beglückwünschte, so ungern er auch schrieb, und ihn zu sich einlud, um in der freien Natur von den gehabten Leiden und Kümmernissen sich erholen zu können. Block antwortete nicht, theils, weil es keine Geschäftsangelegenheit war, theils, weil er persönlich auf Herzensregungen keinen besondern Werth legte; dennoch freute ihn die Theilnahme des Alten, denn er mußte sich sagen, daß diese Beglückwünschung eine ungekünstelte sei und ohne versteckte Absichten. Jetzt, als er sich entschlossen hatte, die Stadt zu verlassen, wo er doch nie mehr aus dem Munde der Leute gekommen sein würde, erinnerte sich Block wieder der erhaltenen Einladung und da ihn Geschäfte nicht abhielten, beschloß er, den alten Freund zu besuchen. In seiner Zerstreuung aber hatte er nicht daran gedacht, daß Ammer noch immer sein unscheinbares Weberhaus bewohne, und so kam es, daß Block, anstatt nach Ammer's Geburtsort, nach Weltenburg sich auf den Weg machte.

Christlieb befand sich in seinem Thurmzimmer mit Brieflesen beschäftigt, als ihm der Advocat gemeldet wurde. Erschrocken, als habe man ihn bei einer unerlaubten Handlung ertappt, packte er die Schriften schnell zusammen und verschloß sie in sein Pult. Kaum hatte er den Schlüssel zu sich gesteckt, so trat der Advocat herein.

Ihr habt Euch hier verteufelt nett eingerichtet, sagte er mit seiner scharfen Stimme zu dem jungen Ammer, na, und dazu mußte man den alten Starrkopf fast zwingen. Wer hat's nun am besten gemacht, he? Der knöcherne, grobe Rechtsverdreher, wie Ihr mich hinter'm Rücken nennt, oder der Weber, der immer ein Stück Predigt hält, wenn unser einer den Stier bei den Hörnern faßt?

Christlieb hieß den Advocaten freundlich willkommen, konnte aber nicht sogleich alle Befangenheit los werden. Die im Schlosse befindlichen Personen machten sich nach und nach alle etwas im Hofraum zu thun, näherten sich dabei dem Fenster und warfen einen Blick auf den so merkwürdig gewordenen Mann. Block entging weder die Befangenheit Christlieb's, noch die Neugierde der Unterthanen desselben.

Seid Ihr närrische Menschen, fuhr er, höhnisch lachend, fort, indem er sich bequem in dem großen Lehnstuhl niederließ, der dem alten Weber gewöhnlich zum Ausruhen diente; seit mich die Hochweisen eingesperrt haben, komme ich mir vor wie ein Schwanzstern, den auch alle Leute angaffen. Meinetwegen! Aber sagt, wo steckt der Alte? Hilft er drüben in der Fabrik, wo es rasselt, als kämpfe ein Heer eingesperrter Dämonen, etwa mit haspeln? Das kann er bleiben lassen. Sagt's ihm, daß ich hier bin, und daß ich nach so langer Zeit mich ordentlich sehne, wieder einmal frei vom Herzen mit einem ganzen Menschen zu plaudern.

Christlieb bedauerte, diesen Wunsch nicht erfüllen zu können, da weder sein Vater noch sonst Jemand von seiner Familie auf Weltenburg sich aufhalte. Block war dies zwar unangenehm, indeß ließ er sich die Stimmung dadurch nicht verderben.

Gut denn, sagte er, so vertreiben wir uns zusammen die Zeit. Laßt mich zuerst einmal die Aussicht sehen. Als ich den alten Bau für Euch erstand, hatte ich nicht Zeit überall herumzuklettern, jetzt bin ich geschäftslos, lebe nur dem Vergnügen und spintisire, wie ich allen Nichtswürdigen Schwärmer in die Rocktasche practiciren kann. Hättet Ihr nicht Lust gehabt zur Juristerei, wenn man Euch von Jugend auf den Sinn darauf gerichtet? Jammerschade, daß kein Ammer Jurist geworden ist! Ein Königreich müßtet Ihr Euch erprocessiren können. Wisset Ihr, warum ich die Juristerei jeder andern Wissenschaft, jeder andern Beschäftigung vorziehe?

Der junge Ammer verneinte, indem er die Thür zur Thurmtreppe öffnete und den Advocaten vorausgehen ließ.

Ich will's Euch sagen, aber blos für Euch allein braucht's den Andern, die doch nichts davon verstehen, nicht auf die Nase zu binden. Seht, fuhr er fort, mit juristischen Kenntnissen haltet Ihr Euch den Teufel vom Leibe, und könnt Ihr ihn nicht entbehren, so holt Ihr ihn Euch damit. Ich hoffe, Ihr sollt es noch erleben, dies Schauspiel mit eigenen Augen zu sehen. Ich werd' es Euch bereiten. Ich verschreibe mir jetzt den Teufel; er soll mir helfen.

Christlieb mußte über diese Betheuerungen des einäugigen Advocaten lachen, die er für Aufschneidereien hielt, wie sie ihm der Ingrimm über die erlittene Behandlung auf die Lippen trieb. In sofern fand er sie eben so natürlich als entschuldbar.

Ihr lacht? sprach Block weiter, den Fuß auf die Plattform setzend, und sein scharfkantiges Gesicht mit einem wilden Blick dem jungen Manne zukehrend. Seht Euch vor, daß Ihr nicht einmal dafür weinen müßt! Was macht der alte herrnhutische Duckmäuser?

Meinen Sie damit Herrn Wimmer? fragte Christlieb.

Ja, ja, Herrn Lazarus Wimmer, erwiderte Block, mit rascher Bewegung die gewöhnliche, demüthige Haltung des Bruders nachahmend und seine Stimme zu trüber Sanftheit mäßigend.

Meines Wissens, versetzte der junge Ammer, ist er rüstig wie immer, und arbeitet unermüdlich, heute für die Welt, morgen für den Himmel.

Jetzt lachte Block. Trefft Ihr mit Mirus zusammen? fragte er.

Bisweilen.

Sagt's Wimmer, mit dem Mirus müsse er sich auf einen guten Fuß stellen.

Sind die Herren denn übel auf einander zu sprechen? gegenfragte Christlieb. Ich weiß von nichts!

Nicht? Nun dann werden sie wohl einig sein, sagte der Advocat gleichgiltig, legte die Hände auf den Rücken und sah in die Gegend hinaus, die im bunten Schmuck des Herbstes einen eigenthümlichen Eindruck machte.

Was habt Ihr da für einen Lappen aufgezogen? fragte der Advocat nach einer Weile, die Fahne an dem Flaggenstocke gewahrend. Das sind ja die böhmischen Farben.

Und auch die unserer Stadt.

Richtig, aber wozu.

Es sieht gut aus und – ich bin Patriot, erwiderte mit scheuem Blick der Fabrikant.

Block erhob drohend den Finger und sah ihn durchbohrend an.

Hütet Euch, Christlieb Ammer, sprach er, die Worte scharf betonend, daß Ihr nicht auf verbotenen Wegen Reichthümer suchen geht! 's ist ein gefährlich Ding, mit dem selbst erfahrene Juristen nicht jederzeit umzuspringen verstehen! Daß ich's Euch nur sage, die Stange da oben und mehr noch, die Flaggen daran, sind nicht unbeachtet geblieben. Ich komme, Euch zu rathen, diese Spielerei (Block sprach das Wort sehr langsam) wieder abzuschaffen. Geschieht's mit des Vaters Genehmigung?

Christlieb verneinte kopfschüttelnd.

Um so mehr herunter mit dem Lappen! sagte der Advocat, ergriff die Schnur und ließ die Fahne herabgleiten. Ich habe jetzt genug von der Aussicht, die Luft zehrt; kommt und gebt mir 'was zu essen! Wann kehrt der Bruder zurück?

Wir erwarten ihn täglich, versetzte Christlieb, die Thurmtreppe wieder hinabsteigend. Vielleicht ist er schon unterwegs zu uns, bestimmte Nachrichten sind noch nicht eingelaufen.

Block schien mit dieser unsichern Auskunft zufrieden zu sein. Wie in früheren Tagen, wenn er Ammer besuchte, ließ er sich's vortrefflich schmecken, that dabei die frappantesten Aeußerungen, die Niemand ungeneckt ließen, schimpfte auf alle Welt, machte sich selbst lächerlich, und war dann wieder plötzlich so ernsthaft, daß es schwer hielt zu ermitteln, welche der vielen widersprechenden Charakterseiten wohl eigentlich die wahre oder doch faßbare dieses sonderbaren Mannes sein möge. Er verweilte den ganzen Tag auf Weltenburg, ging Christlieb nicht von der Seite, ließ sich überall herumführen, durchspähte jeden Winkel und erkletterte zuletzt sogar das Gerüst, aus dessen Gebälkumzäunung der neue Schloßflügel emporstieg. Erst spät am Abend verließ der Advocat das Schloß, dem jungen Bewohner desselben viele Grüße an »die Alten« auftragend und beim Abschiede ihn mehrmals mit merkwürdigem Mienenspiel und erhobenem Finger warnend.

Christlieb gab dieser Besuch, der zwar dem Anscheine nach seinem Vater gelten sollte, viel zu denken. Er beeilte sich, die vorhin weggeschlossenen Briefe, sobald er sich allein sah und unbeachtet wußte, wieder hervorzuholen, einzelne davon auszulesen und sofort zu vernichten. Einen bereits früher angefangenen beendigte er sodann und adressirte ihn an Zobelmeier in Wien. Die Fahnen am Flaggenstocke sah man aber seit jenem Tage nicht wieder wehen, außer Sonntags in den Nachmittagsstunden, wenn die Sonne Gebirge und Thäler hell beleuchtete.

 << Kapitel 17  Kapitel 19 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.