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Die Familie Ammer ? Zweite Abtheilung. Moderne Götzendiener.

Ernst Willkomm: Die Familie Ammer ? Zweite Abtheilung. Moderne Götzendiener. - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
authorErnst Willkomm
year1855
firstpub1855
publisherVerlag von Meidinger Sohn & Cie.
addressFrankfurt a. M.
titleDie Familie Ammer ? Zweite Abtheilung. Moderne Götzendiener.
created20100107
sendergerd.bouillon@t-online.de
noteUnter Verwendung der PDF-Version von hproding@sun.ac.za
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Siebentes Kapitel. Eine merkwürdige Verwandlung.

Die Kunde von Block's vollständig erwiesener Unschuld und Freilassung durchlief wie ein Lauffeuer Stadt und Land, und bildete für Wochen fast das ausschließliche Tagesgespräch. Da genaue Angaben über die Art und Weise, wie die Unschuld des Advocaten an den Tag gekommen, nicht in die Oeffentlichkeit gelangten, so schmückte die Phantasie des Volkes die nur den allgemeinen Umrissen nach Gemeingut Aller gewordene Entdeckungsgeschichte des wirklichen Mörders so abenteuerlich aus, daß kein Bänkelsänger sich einen besseren Stoff für Unterhaltungen auf Jahrmärkten wünschen konnte. Und in der That erschien einige Wochen später ein Volkslied, das die wunderbare Mordgeschichte im Leierkastenton behandelte und den Advocaten nicht wenig verherrlichte, worüber Block selbst, der auf allen Gassen seine eigenen Schicksale singen hörte, nicht sonderlich erbaut war.

Von allen Bekannten des Advocaten kam durch diese völlig unerwartete Wendung Niemand in größere Verlegenheit, als die jederzeit zungengewandte und urtheilsfertige Frau Sempiterna Still, in deren Behausung Block bekanntlich wohnte. Die Ablieferung ihres Miethsmannes, vor dessen Kenntnissen und praktischer Wirksamkeit die praktische und gewandte Frau den größten Respect gehabt, zog ihr anfangs eine wirkliche Ohnmacht zu. Sie war, als sie den Zusammenhang erfuhr, dermaßen erschrocken, ja entsetzt, daß ihr jedes Wort buchstäblich im Gaumen stecken blieb. Mit wahrem Abscheu sah sie die Fortschaffung besonders des grauen Rockes an, der so stark gegen den Advocaten zeugte.

Seit ihrer Verheirathung mit Still war sie nie so lange und so ruhig auf ihrem Zimmer geblieben, das sie der gelehrten Atmosphäre wegen, die in den nur wenig gelüfteten Räumen sich festgesetzt hatte, wenig liebte. Es mußte ihr wohl unheimlich vorkommen in ihrem eigenen Hause, und deßhalb suchte sie jetzt die Gesellschaft ihres Gatten, der sich über das Vorgefallene gar nicht ausließ und zu dem, was man sich erzählte, höchstens verwundert den Kopf schüttelte. Im Uebrigen änderte dies Ereigniß seine gewohnte Lebensweise durchaus nicht.

Nachdem aber Frau Sempiterna den ersten Schreck in sich verarbeitet hatte, änderte sich auch ihr Benehmen. Sie sprach mit Jedem über den entsetzlichen Vorfall, war empört über den Schimpf, den der Advocat ihrem Hause angethan, ließ mit einem Worte kein gutes Haar an dem peinlich Angeklagten, und drang bald mit Bitten, bald mit Scheltworten in Still, er solle die »Sündenbude«, wie sie sich ausdrückte, je eher, je lieber verkaufen.

Mit diesem Anliegen stieß sie aber bei ihrem stets willigen und nachgiebigen Gatten gegen alles Erwarten auf hartnäckigen Widerstand. Der Candidat weigerte sich entschieden, in seiner ruhigen Weise, ohne viel Worte zu machen, aber so fest, daß Frau Sempiterna bald einsah, es werde ihr diesmal ein harter Kampf aus dieser Weigerung erwachsen. Da jedoch die resolute und herrschsüchtige Frau immer von Neuem auf ihre Forderung zurückkam, erklärte Still eines Tages rund heraus, sie solle sich um die Küche und das übrige Hauswesen kümmern, Geschäfte aber und Angelegenheiten, die Frauen nichts angingen, den Männern überlassen. Sempiterna fuhr wie ein Sprühteufel im Zimmer herum, allein Still war gepanzert, blieb taub gegen die Schmähungen seiner Ehehälfte, schnitt aber zuletzt ihre nicht enden wollende Rede mit der harten Drohung ab, er werde sich eher scheiden lassen, als ihrem dummen Verlangen genügen. In der That, der sanfte Candidat erlaubte sich, mit recht indignirter Miene und mit wegwerfendem Tone das Anliegen seiner Gattin »dumm« zu nennen.

Von diesem Augenblicke an zeigte Frau Sempiterna Anlage zum Philosophiren. Sie ward stiller, dachte über den Wandel alles Irdischen nach, und kam zu der Ueberzeugung, daß ihr unerfahrener, so leicht zu regierender Mann nur darum eine so unerlaubte Selbstständigkeit zu entwickeln beginne, weil ihr die Stütze des ränkevollen Advocaten fehle. Sie bedauerte deßhalb die That Block's, schmähte ihn nach wie vor und brach sichtlich über das ganze Männergeschlecht den Stab, indem sie alle Männer wankelmüthig, unzuverlässig, voller Marotten, eigensinnig bis zur Tollheit, egoistisch und herzlos nannte.

Candidat Still war mit dieser Verwandlung seiner Frau ganz zufrieden. Er hatte sich nie glücklicher gefühlt, war nie weniger in seinen Studien gestört worden, als seit der Verhaftung des Advocaten. Die keifende Stimme Sempiterna's ließ sich nur dann hören, wenn das Mädchen aus Nachlässigkeit es versäumte, beim Umwechseln eines großen Geldstückes die zurückerhaltene kleine Münze nachzuzählen. Es war vorgekommen, daß in solchen Fällen ein paar Pfennige gefehlt hatten, und diesen Ausfall am Wirthschaftsgelde mußte dann die unachtsame Dirne tragen.

Diese fast gänzliche Umgestaltung im Hause des friedfertigen Candidaten machte diesen selbst lebenslustiger, als er es je gewesen war. Die Nachbarn hatten schon nach wenigen Wochen den ganz unerhörten Anblick, den stillen Gelehrten mit erhobenem Kopfe, selbstständig und keck ausschreitend in seinem Garten umherwandeln und man hätte es nicht glauben sollen ein Studentenlied ganz vernehmbar singen zu hören. Ja, eines schönen Abends, als sich Still, die Gänge auf- und abgehend, eine frischgestopfte Pfeife selbstzufrieden anzündete, bemächtigte sich seiner eine wahrhaft olympische Begeisterung, und ohne zu fragen, daß er sich damit zum Stadtgespräch machen werde, sang er, so gut es seiner rauhen Kehle gelingen wollte:

Knaster, den gelben,
Hat uns Apollo präparirt,
Und uns denselben
Recommandirt.
Edite, bibite etc.

Sempiterna stand am Küchenfenster und rang die Hände.

Aber, Still, rief sie hinunter. Die Kinder weisen ja auf dich! Willst du mich denn mit aller Gewalt in die Grube bringen oder soll man dich von Staatswegen in's Tollhaus schicken lassen.

Still dämpfte seinen lauten Gesang zu leisem Brummen ab, nickte Sempiterna, deren Stimme ihn sonst zum raschesten Davonlaufen brachte, freundlich zu und sagte:

Sorge dich nicht, liebes Weib, mein Singen bringt weder mich noch Andere in's Tollhaus. Ich freue mich meines Daseins und darum jauchzt meine Seele auf in Tönen eines mir von der Studentenzeit her noch im Gedächtniß gebliebenen Liedes.

Frau Sempiterna machte sich und ihrem Zorn zwar durch einen schreiartigen Seufzer Luft, die Gesangeslust des Candidaten aber konnte sie damit nicht unterdrücken. Es war nicht mehr zu bezweifeln, die Wendung, welche das Schicksal Block's genommen, hatte den Candidaten emancipirt. Und so segnete denn Still gewissermaßen die Unthat seines früheren Miethsmannes, ohne ungerecht zu sein gegen die vortrefflichen Eigenschaften, welche Frau Sempiterna als sparsame Wirthin und ordnungsliebende Gattin von jeher entwickelt hatte.

Mit der Befreiung des Advocaten aus dem Gefängnisse gerieth Frau Sempiterna in eine neue Verlegenheit. All' ihr Raisonnement, die vielen zweideutigen, ja verleumderischen Aeußerungen, zu denen sie sich hatte fortreißen lassen, hatten einen Widerhall bei zahlreichen, alten Frau Basen gefunden und waren somit Gemeingut der ganzen Stadt geworden. Erkundigte sich Jemand nach dem Ursprung irgend einer nachtheilig klingenden Rede über Block, so hieß es bei weiterer Nachfrage gewöhnlich: Frau Candidatin Still habe es gesagt! Nun aber drehte sich plötzlich der Wind, der Advocat ward als völlig unschuldig der Haft entlassen, und zu dem Bedauern, das man jetzt dem unwürdig Behandelten zollte, gesellten sich auch mancherlei Hochachtungsbezeugungen. Außer einer Menge Beglückwünschungsbriefen sendeten dem juristischen Veteranen seine Collegen eine silberne Bürgerkrone und die Schulburschen brachten ihm sogar ein Fackelständchen.

Frau Sempiterna gerieth in große Bestürzung. Wie gern hätte sie jetzt jedes Wort, das sie über ihren Inwohner gegen Andere unbedachtsam herausgelassen, wieder zurückgenommen! Sie verwünschte die unglückselige Geläufigkeit ihrer eigenen Zunge und bat ihren Gatten, der sie wiederholt, obwohl sehr mild und vorsichtig, auf diese ihre größte Schwachheit aufmerksam gemacht hatte, im Geiste ihre nicht in freundlichstem Tone gehaltenen Entgegnungen ab. Halb und halb hoffte sie, jetzt abermals ganz wieder Hahn im Korbe, d.h. unbeschränkte Herrin ihres Hauses und auch Beherrscherin ihres Candidaten zu werden. Insoferne war die Rückkehr Block's ihr erwünscht. Auch störte es ihr empfindliches Gemüth nicht, daß der finstere, steife und kalte Advocat geraume Zeit in so einem Geruch gestanden.

Ihr eigenes Unrecht gegen den der Freiheit und bürgerlichen Thätigkeit wiedergegebenen Mann suchte sie durch ein zuvorkommendes Wesen wieder gut zu machen; sie traf ferner mit schlauer Umsicht Vorkehrungen, damit ihre früheren Aeußerungen möglichst dadurch entkräftet werden möchten. Frau Sempiterna fürchtete nämlich, der streitsüchtige alte Herr, dem für sich oder Andere zu processiren, Lebensbedürfniß geworden war, könne und werde ihr einen entsetzlichen Injurienproceß an den Hals werfen, der für sie selbst leicht ehrenrührig endigen und sehr, sehr viel Geld kosten dürfte. Diesem Unglück vorzubeugen, bedurfte es der ganzen Schlauheit eines mit solchem Rüstzeug wohl ausstaffirten Weiberkopfes.

Advocat Block nahm jedoch gar keine Notiz von dem, was die Leute, Freunde und Feinde, während der Dauer seiner Haft Gutes oder Schlechtes von ihm erzählt hatten. Als Menschenkenner und Menschenhasser kannte er die Gelüste der Massen sehr wohl und mußte sich selbst sagen, daß dem ersten Steinwurf auf ihn ein ganzer Steinhagel gefolgt sein werde. Dafür Rache zu nehmen an irgend einer Persönlichkeit, gleichviel, ob diese zurechnungsfähig war oder nicht, erschien ihm kleinlich. Er wußte sich zu hoch erhaben über dem gedankenlos schwatzenden vornehmen und geringen Pöbel, so daß ihm diese Verleumdungen keine Secunde lang die Heiterkeit seiner Seele gestört haben würden, hätte er diese überhaupt noch besessen.

Candidat Still empfing seinen alten Hausgenossen mit all der herzigen Gutmüthigkeit, die sein ganzes Wesen charakterisirte, einen Umgang mit dem bissigen und unheimlichen Manne anzuknüpfen, vermochte er jedoch nicht. Es würde dies seinen innern Frieden gestört haben. Auch konnte er sich selbst es nicht verbergen, daß ihm vor dem Advocaten graue. Dies in seiner Seele verborgen nistende Grauen, das er sich wohl hütete gegen irgend Jemand zu äußern, steigerte sich bis zum Entsetzen, als eines Morgens zu früher Stunde der Advocat in sein stilles, mit Büchern vollgepfropftes Museum trat. Still erschrak dergestalt, daß er weder aufstand, noch den Gruß des Eintretenden erwiderte.

Ohne darauf zu achten, ergriff Block einen der wenigen wackligen Stühle von alterthümlicher Form, schob ihn an die Seite des Candidaten und setzte sich neben diesen. Still schwieg noch immer. Seine ganze Aufmerksamkeit war auf einen einzigen Punkt an der Kleidung des Advocaten gerichtet, der freilich Jedem bemerkbar werden mußte. Der Advocat trug den alten, grauen, langen Rock mit den übersponnenen Knöpfen. Da, wo ihm der unglückliche Grenzjäger wider Willen einen derselben abgerissen hatte, war jetzt die schadhafte Stelle mit einem Kreuz von schwarzem Tuche ausgebessert. Block wollte symbolisch damit darthun, daß er unschuldig gelitten habe und zugleich über das Geschehene trauern. Man ließ ihn von Obrigkeitswegen zwar wissen, daß eine so auffällige Tracht nicht gestattet werden könne, er wenigstens nicht auf der Straße in einem solchen Anzuge erscheinen dürfe; allein Block achtete dieser Weisung absichtlich nicht.

Mein lieber Herr Candidat, redete Block den Hausherrn an, Sie wissen, daß die Welt mir bitter Unrecht gethan hat. Es heißt nun freilich, als guter Christ müsse man gerade dafür besonders dankbar sein, und zwar zuvörderst Gott, der das Unrecht in seiner unergründlichen Weisheit zuließ, und sodann den Eseln von Menschen, die es ausübten. Nun steife ich mich aber aus Grundsatz schon seit geraumer Zeit darauf, kein guter Christ in diesem Sinne zu sein, weil ich es mit meinen Begriffen von Recht und Gerechtigkeit nicht vereinbaren kann. Folgt daraus von selbst, lieber Herr Candidat, daß ein Kerl von Kopf und Energie, so Einer ihn bei hellem Tageslicht vor allem Volk in's Gesicht gespukt und einen Schurken geheißen hat, sich eclatant rächen muß. Und das will ich redlich und mit Freuden thun.

Herr Advocat! stotterte der erschrockene Still.

Ja, rächen will ich mich, fuhr Block fort. Sie sollen sich wundern, meine Feinde! Der alte Block wird ihnen so viel Teufelszeug zwischen die Füße werfen, daß das ganze Gesindel darüber purzeln und im Fallen mit den hirnlosen Köpfen die Perrücken dazu verlieren soll. Hallunken, infame!

Er rieb sich die Hände im Vorgenuß der zu nehmenden Rache, zog die Stirne kraus und riß sein einziges Auge weit auf, mit durchbohrendem Blick den zusammengedrückt neben ihm sitzenden Candidaten ansehend.

Aber, mein Gott, was soll das mir? versetzte mit weinerlicher Stimme der erschrockene Still, Wollen Sie etwa noch Rache an mir nehmen, weil – weil –

Weil Ihre Frau eine leichtfertige Zungendrescherin ist? fiel Block, höhnisch lachend ein und schlürfte mit Behagen eine Prise. Dann den Deckel seiner Dose zweimal auf- und zuklappend und mit den Fingern darauf trommelnd, setzte er hinzu: Bah! daß man sie ein wenig stäupe, ich meine mit zurechtweisenden Redensarten vor dem Rügengericht, hätte Frau Sempiterna wohl verdient, weil sie aber ein Weib ist und in meinen Augen kein Weib für vollkommen verständig gelten kann, mag sie mit der Angst davon kommen.

Block nahm abermals eine Prise und Still athmete wieder auf. Um meine Rachepläne auszuführen zu können, fuhr der Advocat fort, muß ich diese Stadt verlassen. Das Ihnen anzuzeigen und zugleich meine Wohnung aufzukündigen, erlaubte ich mir, Sie so frühzeitig in Ihren Studien zu stören.

Candidat Still war über diese Eröffnung sehr erfreut, doch ließ er sein Entzücken den Advocaten äußerlich nicht merken. Es bedurfte dazu keiner großen Verstellung, denn diese würde dem arglosen Manne schwerlich gut gelungen sein. Er bedauerte aufrichtig, einen so langjährigen Hausgenossen für immer zu verlieren, obwohl er ihn eigentlich immer gestört, oft sogar in ganz empfindlicher Weise genirt hatte; dann aber war es ihm wieder erwünscht, eine Persönlichkeit, die nach dem Vorgefallenen Gegenstand der allgemeinsten Aufmerksamkeit bleiben mußte, nicht täglich um sich sehen zu dürfen.

Binnen drei oder vier Tagen werde ich abreisen, sprach der Advocat. Ich gehe zuvörderst in die Residenz, um dort an geeignetem Orte die erforderlichen Einleitungen zu meinem Rachewerke zu treffen. Ich will es ihnen eintränken. Einen Proceß will ich führen, daß man davon reden soll noch nach fünfzig Jahren!

Der Candidat, der keine Idee von einem Proceß hatte und nur wußte, daß Processe viel Geld kosten und mit großen Unannehmlichkeiten verbunden sind, hörte nicht einmal gern davon sprechen. Um doch etwas zu erwidern, da es ihm schien, als warte der Advocat darauf, sagte er:

Was wird denn aber aus Ihrer Praxis, wenn Sie uns verlassen wollen?

Die hänge ich an den Nagel, versetzte Block lachend. Ich habe mir, Gott Lob, etwas verdient und kann es aushalten. Mit Weib und Kind bin ich nicht belastet, mithin kommt wenig darauf an, ob mein Hab und Gut mit dem zu beginnenden Processe darauf geht. Hinterlassen will ich meinen Erben, die lauter Kopfhänger sind, nichts. Wenn ich sterbe und ich werde unsern Freund Hein schon heranschleichen fühlen verbrenne ich den Rest meines Vermögens. Ha, ha, ha! Die Narren sollen nichts als ein Aschenhäufchen finden!

Candidat Still konnte nicht unterlassen, über diese seltsamen Vorsätze seine Verwunderung durch wiederholtes Kopfschütteln auszudrücken.

Machen Sie Ihre Frau mit meinem Entschlusse bekannt, Herr Candidat, endigte Block die Unterredung. Sie wird mich wahrscheinlich vermissen und deßhalb darauf zu denken haben, einen andern Miethsmann heranzuziehen. Der ich mich gehorsamst empfehle.

Block war bereits aufgestanden, nahm bei den letzten Worten seine hohe schwarze Mütze ab und machte eine steife Verbeugung.

Kaum hatte er das Zimmer verlassen, so stürzte Frau Sempiterna mit zornglühendem Gesicht herein. Sie hatte offenbar gehorcht und das Loblied, welches der giftige Advocat von ihr gesungen, sehr deutlich vernommen.

Erbärmlicher Wicht von einem Manne! rief sie dem Candidaten zu. Nicht einmal vertheidigt hast du deine Frau? Das hatte der Rechtsver

Frau Sempiterna konnte nicht ausreden. Der erschrockene Candidat faßte sich ein Herz, umschlang die Theure mit der Linken und drückte seine Rechte fest auf ihren Mund, indem er ihr schreckensvoll in's Ohr raunte:

Still, still, mein lieber Engel! Proceß! Er führt Proceß!

Diese Worte bewirkten Wunder. Sempiterna verstummte augenblicklich; die Röthe des Zornes wich bleicher Furcht. Die Arme weit ausbreitend, sank sie gerührt dem Candidaten an die Brust und lispelte ahnungsvoll: Er führt Proceß, der Entsetzliche!

Still war hocherfreut, die Ergrimmte durch dieses Zauberwort besänftigt und sich selbst einen Auftritt erspart zu haben, der ihm zwar nicht neu war, den er aber durchaus nicht zur Erhöhung seines ehelichen Glückes für nöthig erachtete.

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