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Die Familie Ammer ? Zweite Abtheilung. Moderne Götzendiener.

Ernst Willkomm: Die Familie Ammer ? Zweite Abtheilung. Moderne Götzendiener. - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
authorErnst Willkomm
year1855
firstpub1855
publisherVerlag von Meidinger Sohn & Cie.
addressFrankfurt a. M.
titleDie Familie Ammer ? Zweite Abtheilung. Moderne Götzendiener.
created20100107
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Sechstes Kapitel. Block und Mirus.

Um die alterthümlichen Mauern und breiten Schornsteine des Bürgerthurmes in der zum Flusse abwärts führenden Gasse heulte der Weststurm. Dicke, schwere Regenwolken zogen in unabsehbaren, immer von Neuem sich ergänzenden Geschwadern über die Bergkämme und entluden sich in wahren Sturzbächen.

Der finstere, schaurige Abend verödete frühzeitig die Straßen der Stadt, die sonst vom Verkehr stark belebt waren. Selten eilte hart an den Wänden der Häuserreihen eine einzelne Person fort, um nicht unter die Rinnenausgüsse zu gerathen, die aus gräulichgestalteten blechernen Schlangen- und Drachenköpfen das von den Dächern zusammenströmende Wasser weit auf die Straße hinabschleuderten.

Aus einem stark vergitterten Fenster des erwähnten Bürgerthurmes schimmerte trüber Lampenschein in die stürmische, finstere Regennacht. Der matte Schimmer lief aber nur über spitze Dächer fort, erklomm Brandmauern und Schornsteine und beleuchtete höchstens auf Liebesabenteuer ausgehende Kätzchen, von der Straße aus konnte ihn Niemand bemerken.

Gerade unter diesem Thurmfenster ging gemessenen Schrittes, in ihren Mantel gehüllt, eine Schildwache auf und nieder.

Im besten Zimmer des Bürgerthurmes, das weder geräumig, noch mit übertriebener Eleganz ausmeublirt war, saß an vierecktem Eichentisch, auf einem Schemel mit steifer Lehne Advocat Block, beschäftigt, bei der schlecht brennenden Lampe sich die Langeweile mit Lesen zu vertreiben. Es war ein großer Foliant, der vor ihm lag, und da es uns erlaubt ist, unsichtbar an den Advocaten hinanzutreten und über seine Schulter einen Blick in das Buch zu werfen, bemerken wir, daß es die Fahrten und Thaten des vielberüchtigten Lips Tullian sind, in denen Advocat Block allem Anscheine nach sehr eifrig studirte.

Der Gefangene, dessen hagern, spärlich beharrten Scheitel die hohe, schwarze Sammetmütze bedeckt, ist bleich, seine Züge sind hart, die buschigen Brauen verdecken das kleine, graue Auge, das ihm geblieben ist, fast ganz. Dem Anscheine nach ist er voll Aerger und Ingrimm, nicht aber niedergeschlagen. Der höhnische Zug um den Mund, der etwas Diabolisches hat, deutet auf allerhand kühne Entwürfe, die der gewandte und gefürchtete Rechtsgelehrte in seinem erfinderischen Kopfe trägt.

Block ist, wie wir wissen, eingezogen worden, weil der Verdacht auf ihm ruhte, den im Rohr aufgefundenen Grenzjäger erschlagen, oder doch bei dieser Mordthat sich betheiligt zu haben. Seit jenem Tage galt er dem Volke für den Mörder, und Jedermann bezeichnete ihn als solchen, vielleicht, weil gerade die Menge der Ansicht war, derjenige, dem es leicht sei die schwierigsten Processe zu führen, ohne genau die Moral dabei ängstlich zu Rathe zu ziehen, könne allenfalls wohl auch selbst eine verbrecherische Handlung begehen.

Es waren bereits Monate vergangen, Block hatte wiederholte Verhöre zu bestehen gehabt, allein bis jetzt konnte der Untersuchungsrichter des erreichten Resultates sich nicht eben rühmen. Der schlaue Advocat leugnete einfach die That, behauptete, man begehe himmelschreiendes Unrecht, daß man überhaupt ihn eines so abscheulichen Verbrechens für fähig halten könne, und wußte alle an ihn gestellte Fragen mit einer Schärfe, Kaltblütigkeit und wohlberechneten Feinheit zu beantworten, daß dem Inquirenten selbst der Angstschweiß dabei ausbrach. Zweierlei nur verdächtigte den Advocaten schwer und gestattete seine Entlassung selbst gegen Erlegung bedeutender Caution in keiner Weise. Dies war die Unmöglichkeit, sein Alibi nachzuweisen, und der auf dem Mordplatze aufgefundene übersponnene Knopf. Dieser Knopf fehlte auf dem aller Welt bekannten Rocke des Advocaten, dieser Knopf war unbedingt im Kampfe abgerissen, dieser Knopf endlich war den übrigen am Rocke befindlichen vollkommen gleich. Die Auffindung desselben leitete auch zuerst die Aufmerksamkeit auf Block und gab die erste Veranlassung zu seiner Vorladung und Verhaftung.

In Berücksichtigung seiner bürgerlichen Stellung gestattete man dem Gefangenen mancherlei Andern entzogene Vergünstigungen. Man gewährte ihm Licht, Schreibmaterialien und Bücher. Dagegen bewachte man ihn doppelt scharf, indem man ihm eine Wache unter das Fenster seines Gefängnisses, eine zweite unmittelbar vor die Thüre des Kerkers stellte.

Von diesen Vergünstigungen machte nun auch der Advocat den weitesten Gebrauch, nur wunderte sich Jedermann über den seltsamen Geschmack, den der Gefangene hinsichtlich der von ihm begehrten Lectüre entwickelte. Block las, anstatt wissenschaftliche, juristische Bücher zu begehren, fast nur Biographien großer Verbrecher. Was ihn veranlaßte, sich gerade in diese Art Lectüre zu vertiefen, erfuhr natürlich Niemand.

Die Rathhausuhr, deren Glockenschelle zersprungen war, hatte eben mit blechern klingendem, schrillendem Tone halb neun geschlagen, als der Gefangene sehr stark mit dem schweren, metallenen Widderkopfe an die Eingangspforte des Bürgerthurmes klopfen hörte. Dies war nichts Seltenes, da der Gefangenmeister häufig neuen Gästen, wenn auch oft nur auf wenige Stunden, Herberge in seinem Revier anweisen mußte. Bald darauf aber hörte Block auf dem Gange mehrere Stimmen, die Wache schulterte und präsentirte sodann, wie das Klirren des Gewehres ihm verrieth, und gleich darauf ward die Thüre seines Kerkers geöffnet. Eine Stimme, in der er den Stadtrichter erkannte, sagte zu einem Andern: Also zwei Stunden! Auf Wiedersehen!

Ohne zu antworten, trat eine Person in's Gefängniß, die Thür ward verschlossen und der Advocat fand sich jetzt gemüßigt, langsam zur Seite zu sehen, seinen Sitz zu verlassen und mit erhobener Lampe dem unerwarteten Besuche entgegen zu leuchten. Bestürzt trat er rasch wieder zurück, setzte, nicht ohne einen Anflug von Zittern, die Lampe auf den Tisch und lehnte sich selbst, die Arme über der Brust kreuzend, gegen denselben.

Sie, Herr Mirus? sprach er mit verhaltenem Groll. Sie besuchen mich, und noch dazu so spät am Abend? Haben Sie etwa in Ihrer Feindseligkeit gegen mich einen neuen Moment aufgefunden, um mich gründlich zu verderben?

Wäre dies meine Absicht, Herr Advocat, erwiderte Kaufmann Mirus, so stände ich nicht hier. Ich wüßte dann andere Wege einzuschlagen.

So sprechend, schritt er dann ebenfalls nach dem Tische, umging diesen und setzte sich auf die an der Wand befindliche Pritsche, wo für den Bewohner dieser Zelle das Nachtlager aufgeschlagen war.

Mit Erlaubniß, sagte der Kaufmann. Es ist ein widerwärtiges Wetter draußen, der Sturm versetzt einem den Athem, und ich bin schier müde geworden.

Ich muß es wohl erlauben, versetzte Block mürrisch. Ein Gefangener hat ja keinen Willen.

Mirus überhörte diese Bemerkung oder vielmehr er wollte sie nicht hören, und sagte:

Sie wundern sich, Herr Advocat, mich hier zu sehen?

Ja, das thue ich wirklich, und wie ich glaube, mit sehr gutem Grunde.

Herr, ich muß Ihr sagen, fuhr in sehr ernstem Tone der würdige Kaufmann fort, ich habe meinerseits gar keine Ursache, Ihnen gefällig zu sein. Wo Sie bisher konnten, traten Sie mir in den Weg, legten mir heimlich Fallstricke, suchten mich auf alle erdenkliche Weise zu schädigen.

Advocat Block lächelte giftig, rieb sich vor Vergnügen die Hände und sagte in seiner Art glücklich:

Ja, das that ich, bei Beelzebub! – denn ich will den Namen Gottes nicht unnützlich im Munde führen und ich bedaure nur, daß ich Ihnen nicht noch schärfer auf Ihr zähes Fell habe rücken können. Aber es geschah Alles auf dem Wege Rechtens und Sie waren deßhalb nicht im Stande, mit Ihren armseligen Pfuschern von Advocaten mir persönlich etwas am Zeuge zu flicken.

Man thäte demzufolge wohl ein gutes und gottergebenes Werk, erwiderte Mirus, wenn man geruhig zusähe, wie Sie für so viel Schlechtes, das Sie unter dem Deckmantel des Gesetzes straflos ausübten, jetzt endlich gehangen würden?

Block riß sein einziges Auge so weit auf, als er konnte, und indem er seine lange, hagere Gestalt weit über den Tisch vorbeugte, daß sein Gesicht scharf von der Lampe beleuchtet ward, sagte er:

Das ist eben der Spaß. Man möchte wohl, aber man kann nicht! Dabei lachte er heiser in sich hinein und rieb sich abermals selbstzufrieden die magern, knochigen Hände.

Was würden Sie wohl thun, Herr Advocat, nahm Kaufmann Mirus wieder das Wort, wenn Sie diesen Käfig für immer verlassen könnten?

Ich würde einen satanischen Proceß gegen unsere Criminaljustiz führen und mich freuen, wenn ich sie bei unserm Landvolke um allen Credit brächte.

Haben Sie Hoffnung frei zu werden?

Geht Sie das etwas an? Oder können Sie etwas dazu thun?

Vielleicht, sagte Mirus trocken.

Vielleicht? wiederholte Block. Ich möchte doch wissen, wie Sie das anfangen wollten.

Herr, ich muß Ihr sagen, fuhr der Kaufmann fort, obwohl Sie es um mich nicht verdient haben, daß ich nur einen kleinen Finger Ihrethalben krümme, widersteht es doch meinem angeborenen Rechtsgefühle und meinem guten Gewissen, Jemand, und wär' es auch mein Feind, unschuldig leiden zu sehen.

Ich bewundere Ihr Zartgefühl, warf der Advocat mit höhnischem Zucken der Lippen ein. Also Sie wissen, daß ich unschuldig bin, und können es beweisen?

Ja, Herr Advocat, das kann ich, sagte Mirus fest, aber nur, wenn Sie zuvor einen Pact mit mir schließen.

Ich würde mich dabei am Ende dem Teufel selbst verschreiben müssen, versetzte Block. Aber lassen Sie hören. Ich sage Ihnen im Voraus, ich bin egoistisch, sehe nur auf mein Bestes und mache mir nichts daraus, wenn ein paar Andere dabei zur Hölle fahren. Was haben Sie zu proponiren?

Herr, ich muß Ihr sagen, wenn Sie mir statt eines Eides in diese meine reine Hand geloben, künftig keine ungerechte Sache mehr anzunehmen, und vor Allem, in keinerlei Weise, unter keiner Bedingung, nicht für Berge von Gold dem Herrnhuter Lazarus Wimmer mehr zu dienen, mache ich mich anheischig, Sie aus Ihrer Haft zu erlösen und stehe dafür ein, daß die Ehre Ihres Namens unbeschädigt bleibt.

Das können Sie nicht, sagte der Advocat brummig.

Der Kaufmann Mirus, mein Herr Advocat, kann immer was er sagt.

Weßhalb verlangen Sie, daß ich Wimmer nicht mehr dienen soll? fragte Block lebhaft. Ist er schlechter als hundert Andere? Ist sein Geld leichter? Führt er etwa ungerechte Processe?

Nein, das thut er nicht. Dazu ist der Herrnhuter viel zu vorsichtig. Man kann aber andern und zwar grundbraven Leuten schaden, ohne mit ihnen zu processiren!

Das versteh ich nicht, erwiderte Block. Wimmer ist mein Client, so gut wie Andere, und wenn ich dereinst frei werden sollte und man mir die Praxis nicht legt, so werde ich meinen juristischen Beistand dem Herrnhuter nicht entziehen.

In diese Lage werden Sie, beharren Sie auf Ihrem Eigensinn, niemals kommen. Ich bedaure gestört zu haben.

Mirus stand auf und schritt der Thür zu. Block folgte ihm mit seinem giftigsten Blick. Als der Kaufmann schon die Hand erhob, um anzuklopfen, sprach der Advocat.

Vergleichen wir uns, Herr Mirus.

Dieser wendete sich gleichgiltig halb um, indem er sagte:

Was bieten Sie?

Meine Hand, daß ich Sie künftighin Frieden lasse.

Ist zu wenig.

Ich will Herrn Wimmer an einen andern Rechtsgelehrten empfehlen.

Wäre ein maskirtes Geschäft. Nein, Herr Advocat, offenes Geschäft, gutes Geschäft! Sie brechen für immer mit Wimmer und seinem ganzen Anhange, besonders auch mit dem Grafen Alban, und dienen dagegen mir und meinen Freunden, wenn ich es verlange.

Ach, das ist etwas Anderes, sagte Block ungleich geschmeidiger. Das ist ein rechtlicher Clientenwechsel, wogegen sich nichts einwenden läßt, und die Firma Mirus hat meines Wissens noch immer recht einträgliche Processe geführt. Unter dieser Bedingung bin ich der Ihrige, versteht sich, daß Sie zuvor Ihr Versprechen erfüllen können.

Mirus hatte sich wieder auf die Pritsche an der Wand gesetzt und der Advocat nahm Platz auf seinem Schemel.

Sind Sie jetzt zufriedengestellt? fragte Block nochmals.

Ich denke, daß ich es sein kann, versetzte der Kaufmann. Also, Ihre Hand!

Da ist sie, sagte Block, und zwar ohne Rancüne.

Ohne Rancüne! Jetzt hören Sie mich an!

Sie erinnern sich gewiß noch des Tages, an welchem die Verordnung wegen Verbot des Lottospieles herauskam. Hatten Sie an jenem Tage nicht Besuch von zwei Männern aus dem Grenzdorfe ***?

Der Advocat sann einige Zeit nach und bejahte alsdann.

Kannten Sie jene Männer?

Sie waren nie früher bei mir gewesen.

Wissen Sie, was sie wollten?

Sehr genau. Sie fragten, ob es möglich sein werde, auf dem Wege der Petition die erwähnte Verordnung rückgängig zu machen.

Und was sagten Sie darauf?

Ich rieth den Narren, sie sollten trotz des Verbotes spielen, sagte der Advocat ärgerlich.

Werden Sie nicht ingrimmig, sprach der Kaufmann weiter. Ich kann Ihnen jetzt noch mehr sagen. Sie ertheilten jenen Männern, deren Namen Sie nicht wußten, nicht nur den eben zugestandenen Rath, sondern Sie spielten selbst das verbotene Spiel und besetzten gleiche Nummern mit denselben.

Da Mirus schwieg, fragte Block:

Nun, und was weiter?

Jene Männer, welche sehr nöthig Geld brauchten, fuhr Mirus fort, ersannen eine List, die zu sicherm Gewinn führen mußte. Sie hatten Vertraute im Königreich, ebenfalls geldbedürftig, wie sie selbst, unternehmend dabei, tollkühn und im Nothfall zu jeder That entschlossen. Mit diesen setzten sie sich in Verbindung und verabredeten untereinander, daß sie von den Gipfeln der Berge eine Art Correspondenz unter sich mit Flaggen und solchen Dingen einrichten wollten. Auf die Weise ließen sich im Augenblick der Ziehung die herausgekommenen Nummern besetzen und es war also bisweilen, denn oft konnte man diesen Schritt nicht wagen ein Gewinn zu machen.

Mirus hielt inne und beobachtete den Advocaten, der ruhig an seinem Tische saß und unverwandt in das aufgeschlagene Buch blickte. Da Block nichts erwiderte, fuhr der Kaufmann fort:

Ein Grenzjäger, der Paschern auflauerte, bemerkte zufällig diese Signale, ward aufmerksam, schlich vorsichtig den Operirenden näher und entdeckte das trügerische Spiel. Um sicher zu gehen, zog er sich wieder zurück, machte aber gehörigen Orts Anzeige davon. Man beauftragte ihn, seine Beobachtungen fortzusetzen, und wenn abermals das Signalisiren geschehen würde, die dabei Betheiligten festzunehmen. Noch wußte weder jener Gensdarme noch die Behörde, was eigentlich mit dem Aufziehen verschiedenfarbiger Fähnchen und in einer bestimmten Ordnung, Größe und Form bezweckt werden sollte; deßhalb umstellte man die Berghöhen, auf deren Gipfeln die Unbekannten in so seltsamer Weise miteinander correspondirten.

Am Abend vor dem Tage, wo man den Todten im Rohr fand, fuhr eine einspännige Kalesche in das Grenzdorf *** und hielt daselbst vor dem Wirthshause. Es stieg ein einzelner Mann aus in einem langen grauen Rocke, der durch seine fast thalergroßen, mit feiner, grauer Seide übersponnenen Knöpfe sich auszeichnete. Jedermann erkannte in dieser respectablen Persönlichkeit den berühmten Rechtsanwalt Block, dem es wohl schwerlich einfallen wird, leugnen zu wollen, daß an genanntem Tage seine Anwesenheit wegen eines aufzusetzenden Testamentes in dem Gerichtskretscham zu *** nöthig war.

Ich habe dies nie in Abrede gestellt, bemerkte Block, und eben weil ich dies nicht kann, auch mein Weg genau an dem Mordplatze vorüberführte, bin ich in so schlimmen Verdacht gerathen.

Herr, ich muß Ihr sagen, sprach Mirus ernst und würdevoll, wäre ich an der Stelle des Advocaten gewesen, so hätten sie mich nicht in den Bürgerthurm gesteckt. Vielleicht aber kann der Advocat den Grund recht genau angeben, weßhalb es geschah und geschehen mußte?

Und wenn er diesen Grund nicht angeben will, fragte Block, den Kopf hochmüthig in den Nacken werfend, wird man ihn dazu zwingen können? Advocat Block kennt die Gesetze; er weiß sehr genau, daß man ihn nach langem Inquiriren und Torquiren zuletzt aus Mangel mehreren Verdachts freisprechen muß.

Kann sein, meinte der Kaufmann, um die Praxis aber und um den guten Namen möchte es dann geschehen sein.

Block lachte höhnisch und schlug sich dann auf die Tasche.

Ehre und Achtung läßt sich, wie Alles in der Welt, mit Geld kaufen. Auch würde Advocat Block so dumm nicht sein, in diesem Neste von engherzigen Philistern seine noch übrigen Lebenstage zubringen zu wollen.

Mirus zuckte die Achseln. Mir würde das jede Stunde verbittern, sagte er, indeß die Ansichten und die Charaktere sind verschieden, und Jeder handelt nach seinen eigenen Gedanken. Der Zufall hat mich nun aber wider Ihren Willen zum Mitwisser dessen gemacht, was nur Sie und noch zwei Andere wissen könnten, und ich will nicht schweigen.

Block entfärbte sich ein wenig, behielt aber doch seine kühle, an Gleichgiltigkeit streifende Haltung bei.

Sie wollen mich also blamiren? fragte er nach einer Weile.

Wenn Sie mich zwingen, muß ich es thun, um mein Gewissen zu salviren.

Wer hat mich verrathen?

Der Zufall.

Dann wissen Sie auch, daß ich unschuldig bin.

Weil ich es weiß, sitze ich hier.

Block lächelte wieder. Es ist schade, sagte er, daß Sie Gott im Zorn zum Kaufmann gemacht hat. Sie hätten Advocat oder lieber noch Criminalist werden müssen. Niemand kann einen Feind in gehässigerer Weise verfolgen, als Sie. Ich will Ihnen etwas sagen, Herr Mirus! Sie wollen mich zwar retten, aber ich hasse Sie dessenungeachtet!

Soll ich weiter erzählen, erwiderte der Kaufmann, oder wünschen Sie, daß ich mich von hier unmittelbar zum Stadtrichter verfüge? Er ist vorbereitet und erwartet mich, wenn Sie nicht zu erweichen sind.

Block kämpfte einen harten Kampf mit sich, endlich sprach er: Sie haben mein Wort, und ein Schuft, der mir nachsagen will, ich hätte, um eine Schwäche zu verbergen, mein Wort gebrochen.

Nach einer Pause ernsten Nachsinnens erzählte der Advocat:

Während ich zu Abend aß im Gerichtskretscham, kamen jene beiden Männer, die früher das wunderliche Anliegen an mich gestellt hatten. Sie grüßten mich, genossen ebenfalls etwas und gingen dann ihres Weges. Eine Stunde später fuhr ich fort, schlug den Waldweg ein und kam an die bewußte Stelle. Dort stand ein Grenzjäger. Er hielt mich an und suchte nach verbotenen Waaren denn Sie müssen wissen, daß jener Weg die Grenze mehrmals kreuzte und dort gerade wieder ins Land einbog. Da ich nichts Steuerbares bei mir hatte, ließ ich mich in ein Gespräch mit dem Menschen ein. Er war auf den Tritt meines Wagens getreten und schwazte sorglos. Da hörte man ein Pfeifen, die Pferde scheuten und um nicht das Genick zu brechen, griff der Arme nach mir, erfaßte einen meiner Knöpfe und riß ihn mir, da die Pferde fortjagten, gänzlich ab. Gegen einen Baumstamm rennend, schlägt die Kalesche um, aber die wild gewordenen Thiere blieben stehen. Als ich mich aufrappelte, sah ich die beiden Männer vor mir. Sie sahen ängstlich und verlegen aus. Herr Advocat, redete mich der Verwegenste an, Sie könnten uns einen Gefallen thun.

Habt Ihr gestohlen? fragte ich barsch.

Ungefähr, wie der Herr Advocat auch, sagte der Andere und grinste mich an, daß ich drohend meinen Stock gegen ihn erhob.

Keine Gewaltthat, Herr, rief der Erstere. Wir wollen's kurz machen. Ja, Herr, wir haben den Kaiser bestohlen, denn wir beluxten seine Lotterienummern. Das hat uns Geld eingetragen. Die Grauröcke sind uns aber auf den Hacken und lassen uns nirgends durch. Wenn Sie uns aus der Patsche helfen, sind wir gewiß erkenntlich. Nehmen Sie die Nummern an sich, damit die Kerle, wo sie uns betreffen, nichts bei uns finden.

Ich nickte stumm mit dem Kopfe, der Sprecher greift in die Tasche und zieht ein paar Papierfetzen heraus. Welche haben gewonnen? frage ich. Die da, sagt er, und zeigt auf ein paar Zahlen, die ich selber besetzt hatte. Da übermannte mich der Aerger, ich kriege ihn an der Gurgel und schüttle ihn, indem ich rufe: Schuft, die Nummern gehören mir! Nun packt der Andere auch zu wir ringen und drängen hin und wieder. In diesem Augenblicke hat der Grenzjäger uns erreicht er weiß schon, um 'was es sich handelt, nennt mich bei Namen, droht uns alle anzuzeigen, erhascht die Nummern und zerreißt sie. Ein paar Knittelhiebe treffen seinen Kopf durch den einen der mir bekannten Männer ich sehe, daß es Ernst wird, rufe Hilfe und eile von dannen, um zu sehen, ob ich meines Kutschers habhaft werden kann. Aber ich verfehle den Weg, höre immerfort schreien, kehre um, erreiche den Ort des Kampfes und finde die verröchelnde Leiche! Die Männer waren verschwunden. Mir schien es, als rausche es überall in den Büschen. Mein Gott, denke ich, trifft man dich hier, so giltst du für den Mörder, denn ich sah wahrlich nicht zum Besten aus, hatte Schrammen im Gesicht und an den Händen. So renne ich denn dummerweise über Stock und Stein auf und davon, und treffe erst eine gute Viertelstunde waldabwärts meinen Wagen. Der Kutscher sieht mich verwundert an. Na, sagt er, Sie haben bei der Balgerei wohl auch 'was abgekriegt? Balgerei? antworte ich, was fällt dir ein? Ach, ich hört' und sah es ja, wie Sie den Kerl um die Ohren schlugen! Damit steigt er ein und wir fahren weiter. Ich treibe zur Eile an, komme auch glücklich nach Hause, höre aber schon am andern Mittag, daß man im Rohr einen erschlagenen Grenzjäger gefunden habe. Abends um acht tritt der Gerichtsdiener ein und ladet mich zum Stadtrichter. Das Andere wissen Sie.

Von alle dem haben Sie dem Richter nichts erzählt? fragte Mirus.

Daß sie mich hätten hängen können? fuhr Block auf. Glauben Sie, ich füge zur Unvorsichtigkeit auch noch die Dummheit? Die beste Vertheidigung in meiner malitiösen Lage war kluges Schweigen und keckes Leugnen. Es sprach Alles gegen mich, meine blutigen Hände und mein zerkratztes Gesicht; es hätte auch noch der Aussage des Kutschers und des verfluchten Knopfes bedurft, um mich zum Mörder zu stempeln. Mit einem einzigen von so vielen Indicien hätte ich den ehrlichsten Kerl von der Welt an den Galgen gebracht. Die beiden Männer aber, deren Namen ich nicht wußte, und von denen nie wieder die Rede war, konnte ich nicht zur Stelle schaffen, wenn nicht ein Ungefähr sie der Gerechtigkeit in die Hände lieferte.

Herr, ich muß Ihr sagen, fiel Mirus dem Advocaten in's Wort, das Ungefähr ist eingetreten, und weil mir's scheint, als wolle Gott seine Hand noch nicht ganz von Ihnen abziehen, hat er mich, Ihren Todfeind, in dieser ernsten Sache zum Mittelsmann gemacht. Die Mörder sind der That geständig, gestraft aber können sie nicht werden, denn ihr Mund ist verstummt auf ewig!

In Block's gewöhnlich eisig kalten Zügen ward jetzt eine Bewegung sichtbar, die eine schwache innere Rührung anzeigen konnte.

Wär' ich ein Herrnhuter, sagte er, so würde ich die Hände falten, die Augen verdrehen und de- und wehmüthig ausrufen: O, du mein Herr und Heiland, wie danke ich dir für diese unverdiente Gnade. Da ich aber nur ein schlichter Advocat bin, ein sogenannter Höllenbrand, wie Viele meinen, so frage ich Sie: Wie zum Teufel sind Sie zur Kenntniß dieser Umstände gekommen?

Gottes Fügung oder die göttliche Vorsehung hat das so angeordnet, erwiderte Mirus. Es würde Ihnen deßhalb ganz wohlanständig sein, Herr Advocat, wenn Sie sich ein wenig demüthigen wollten vor dem Herrn, der sich in seiner Langmuth gnädig gegen Sie bewiesen hat. Aber es ist nicht meines Amtes, den Fürsprecher und Moralprediger zu machen und da Ihnen, wie ich sehe, Ihr Spitzkopf unter der Mütze schon zu heiß wird, will ich ordnungsgemäß berichten und meines mir von einer höheren Macht gewordenen Auftrages mich vollends entledigen.

Ich bin begierig, die Wendung zu erfahren, die mich in den Augen der Welt wieder ehrlich macht, sprach Block, schon wieder in seinen spöttischen Ton verfallend.

Mich riefen vor einigen Tagen Geschäfte nach G... zum Fabrikanten M..... erzählte Mirus, dem ich schon vor längerer Zeit Aufträge ertheilt hatte. Während ich, ganz vertieft in unsere Angelegenheiten, mit dem mir wohlbekannten Manne mich unterhalte, tritt der Nachbar ein mit der Meldung, drei Häuser weiter liege ein Mann in den letzten Zügen. Er sei von einem Baume gestürzt, dem er die Wildzweige habe stutzen wollen, und erwarte nun mit zerbrochenem Rückgrat unter heftigen Schmerzen seine Auflösung. Man habe schon zum Pfarrer geschickt, auch einen Reitenden abgefertigt, um den zunächst wohnenden Arzt herbeizurufen. Der Verunglückte aber winde sich in entsetzlichen Körper- und Seelenschmerzen auf seinem Lager, verlange Gerichtspersonen und Zeugen, und stoße wiederholt die Worte aus: Advocat Block! Der unglückliche Advocat Block!

Diese Erzählung machte mich stutzig. Wenn's erlaubt wäre, sagte ich zu M....., so möchte ich den Mann wohl sehen. Allem Vermuthen nach hat er ein Geständniß abzulegen, sein Gewissen zu erleichtern von einem Geheimniß, ehe der Tod ihn ereilt. Sollte er den Advocaten Block genauer kennen? Sollte er über ihn etwas wissen?

Block ist ja des Mordes an dem Grenzjäger so gut wie überführt, sprach M.....

Aber nicht geständig! bemerkte ich.

Das ist merkwürdig, sagte M....., zieht sich seine Jacke an und winkt mir. Kommen Sie nur mit, spricht er, der Mann verlangt nach Zeugen. Sie sind hier allen Leuten bekannt, Ihr Name ist als der eines Ehrenmannes geachtet weit und breit; man kann Ihnen als meinem Freund den Zutritt nicht wehren.

So gingen wir denn selbander in das bezeichnete Haus, vor dessen Thür sich schon ein Trupp Neugieriger gesammelt hatte. Gleichzeitig mit uns erschienen die Gerichtsleute, ein paar Minuten später der Pfarrer.

Wir traten in eine niedrige, dunstige Stube, eine ächte Weberstube. Auf der Ofenbank auf einer Pferdedecke oder »Kotze«, wie der Bauer sich ausdrückt, lag der Verunglückte mit bleichen, verzerrten Zügen. Der Todesschweiß hatte dem armen Manne eine Krone durchsichtiger Perlen um die Stirn geflochten, die ihn mehr drücken mochten, als weiland den Herrn die stachliche Dornenkrone. Der Mann ächzte und stöhnte, daß es einen Stein hätte erbarmen können. Und dazwischen rief er stammelnd: Advocat Block! Ach, der arme Block!

Kennt Jemand von den Anwesenden den Advocaten? fragte jetzt der Dorfrichter, und da Niemand Antwort auf diese Frage gab, trat ich vor und bemerkte, der Genannte sei zwar kein Freund von mir, wohl aber kenne ich den so Beklagenswerthen recht gut.

Wie menschenfreundlich war das von Ihnen, sagte Block. Ich sollte eigentlich gerührt werden und Ihnen dafür um den Hals fallen, weil ich aber ein so verflucht dürrer Teufelsbraten bin und die Entwickelung dieser Criminalgeschichte mich weit mehr interessirt, als Ihre christliche Gesinnung, so bitte ich nur um gefällige Fortsetzung. Es hört sich Ihnen ganz prächtig zu.

Herr, ich muß Ihr sagen, fuhr Kaufmann Mirus in seiner Erzählung fort, wir Alle, die wir in jener hochwichtigen Stunde an's Sterbelager des Unglücklichen versammelt waren, wir fühlten damals die Macht und Nähe des Herrn. Der dem Tode bereits Verfallene beichtete und der Gerichtsschreiber schrieb die Beichte nieder. Und als er geendet hatte, setzte der Bedauernswerthe mit zitternder Hand seinen Namen darunter, so gut es gehen wollte, und wir andern Alle thaten desgleichen. Die Beichte des Armen aber lautete dahin, daß er und sein Begleiter, der inzwischen auswärts vom Tode ereilt worden ist, die Mörder des Grenzjägers seien, daß sie den Todten fortgeschleppt hätten in der Hoffnung, man würde die eigentliche Mordstelle nicht auffinden, und daß Advocat Block gänzlich unschuldig sei. Das Alles bestätigte er durch eine Menge Einzelnheiten so genau, daß Niemand an der Wahrheit seiner Aussagen zweifeln konnte. Als er geendet und die Absolution empfangen hatte, ward er still. Die Schmerzen minderten sich, er betete ernst und ergeben, bat Gott um Gnade und Vergebung und verschied darauf lächelnden Angesichtes. Ich aber eilte zurück, begleitet von Richter und Pfarrer, und machte von dem Geschehenen Anzeige. Darauf ward mir gestattet, Sie in dieser Angelegenheit zu besuchen, und ich denke, Herr Advocat, daß ich jetzt für den vielen Aerger und Kummer, den Sie mir in zwanzig Jahren gemacht, mich genügend gerächt habe.

Ich danke Ihnen, sagte der Advocat. Wir bringen's auf's Kerbholz. Es ist das eine hübsche Episode in meinem etwas monoton gewordenen Leben, und es freut mich, daß durch die infamen Lottospieler mir ein Stück Romantik zwischen die Füße geworfen worden ist. Schade nur, daß der wirkliche Mörder der weltlichen Gerechtigkeit entschlüpfen mußte! Ich würde den Teufelskerl mit Vergnügen die Galgenleiter haben erklimmen sehen. Und nun, gute Nacht, lieber Herr Mirus. Daß ich für gewisse Dienstleistungen erkenntlich sein kann, soll Ihnen die Zukunft lehren.

Mirus klopfte an die Kerkerthür, sie ward geöffnet und eine stumme gemessene Verbeugung beider Männer bildete den Schluß ihrer inhaltreichen Unterredung.

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